Der Doppelgänger (continued 4)
E. K. Rahsin translation
„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen. Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit, hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun allerdings vollständig fassungslos machte:
„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!
Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! – Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...
Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...
Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund, daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!
Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis zum Grabe!
Klara Olssuphjewna.“
Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Augenblicke wie betäubt. In schrecklicher Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich wie ein Tuch, mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf und ab. Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner Lage, bemerkte unser Held nicht, daß er der Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, seine heftige Aufregung, sein Auf und Ab, das Gestikulieren mit beiden Händen, vielleicht einige rätselhafte Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen – alles das machte wahrscheinlich auf die Anwesenden keinen gerade guten Eindruck und namentlich dem Kellner schien er verdächtig.
Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich kam, daß er mitten im Zimmer stand und fast unhöflich einen Greis von ehrwürdigem Aussehen anstarrte, der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn Goljädkin nicht abwandte. Verwirrt blickte unser Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich alle, ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten.
Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit rotem Kragen laut die „Polizeinachrichten“. Herr Goljädkin fuhr zusammen und errötete: dabei senkte er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider und die ganze linke Seite waren vollständig beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an mehreren Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser Held an einen Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn ununterbrochen und frech beobachtete. Ganz verloren und niedergedrückt fing nun unser Held an, den Tisch zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, lagen schmutzige Servietten und soeben gebrauchte Löffel, Gabeln und Messer.
„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. „Doch nicht etwa ich? Alles ist ja möglich! Ich habe vielleicht gegessen und es nur nicht bemerkt.“
Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder den Kellner neben sich, der im Begriff schien, ihm etwas zu sagen.
„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ fragte unser Held mit zitternder Stimme.
Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn Goljädkin. Auch der Kellner lachte. Herr Goljädkin begriff, daß er wieder einmal eine schreckliche Dummheit begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem Taschentuch zu greifen, wahrscheinlich nur, um irgend etwas zu tun und nicht so dazustehen. Doch zu seiner und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit seinem Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, das ihm vor vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, der Doktor, verschrieben hatte.
„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und plötzlich zuckte er zusammen und schrie auf vor Schreck. Ein neues Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote Flüssigkeit schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den Augen des Herrn Goljädkin ... Das Fläschchen fiel zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der umherspritzenden Flüssigkeit zurück ... er zitterte an allen Gliedern und der Schweiß brach ihm aus Stirn und Schläfen.
„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen erhob sich im Raum eine Bewegung und ein Gedränge. Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten auf ihn ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser Held stand da, unbeweglich, er sah nichts, er hörte nichts, er fühlte nichts ... Endlich riß er sich los und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn halten wollten, sprang fast ohne Besinnung in die erste beste Droschke und floh nach Haus.
Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er Michejeff, dem Kanzleidiener, mit einem Schreiben in der Hand.
„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete mit schwacher, kläglicher Stimme unser Held. „Das ist ein offizieller ...“
Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, mit einer Unterschrift von Andrej Philippowitsch versehen, und in ihm wurde er aufgefordert, alle in seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener zu übergeben. Herr Goljädkin nahm das Schreiben und gab dem Diener ein Zehnkopekenstück, trat in sein Zimmer und sah, wie Petruschka seine Sachen in einen Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, die ihn seinem Herrn abspenstig gemacht hatte, deren Eustaphia zu ersetzen.
XII.
Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand, der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.
„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel Uhr ist es jetzt?“
Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald halb acht Uhr sei!
„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende ist.“
Petruschka schwieg.
„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig, wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“
„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden, mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn jetzt bei ihnen dienen?“
„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen nichts Schlechtes lehren.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“
„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr, nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“
„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich nicht ... –“
„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns gegenseitig ...“
Petruschka blickte ihn an.
„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich war gegen dich immer freundlich ...“
Petruschka schwieg.
„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“
„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“
„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“
„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“
„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein lieber Freund ...“
„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden. Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen, beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt ...“
„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“
„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole mir einen Wagen ...“
„Einen Wagen?“
„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“
„Wollen Sie weit fahren? ...“
„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke, ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein Lieber, so steht es ...“
„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das, mein Lieber?“
„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ... Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“
„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen, den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen ...“
„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden; ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“
Petruschka warf das Bündel Wäsche, Kissen, Decken, Laken und all den anderen Kram zu Boden und stürzte aus dem Zimmer. Herr Goljädkin griff unterdessen noch einmal zum Brief, doch lesen konnte er ihn nicht. Mit beiden Händen griff er nach seinem armen Kopf und lehnte sich vor Verwunderung an die Wand. Denken konnte er an nichts, tun konnte er auch nichts, er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte. Endlich, als er bemerkte, daß die Zeit verstrich, und weder Petruschka noch der Fuchspelz erschienen war, entschloß sich Herr Goljädkin, selbst zu gehen. Als er die Tür zum Flur öffnete, hörte er unten auf der Treppe lärmen, sprechen, zetern ... Einige Nachbarsleute schrien und stritten sich – und Herr Goljädkin wußte sofort, worüber. Er hörte Petruschkas Stimme und darauf Schritte nahen. „Gütiger Himmel! sie werden die ganze Welt zusammenrufen!“ stöhnte Herr Goljädkin, rang die Hände vor Verzweiflung und stürzte zurück in sein Zimmer. Dort warf er sich fast besinnungslos auf den Diwan, mit dem Gesicht in die Kissen. Nachdem er einen Augenblick so gelegen hatte, sprang er wieder auf und ohne Petruschka zu erwarten, zog er seine Galoschen und seinen Mantel an, setzte seinen Hut auf, griff nach seinen Papieren und stürzte auf die Treppe hinaus.
„Es ist nichts nötig, mein Lieber! Ich werde selbst, ich werde alles selbst besorgen. Laß nur vorläufig alles so stehen, unterdessen wird sich vielleicht das Ganze zum besten wenden,“ flüsterte Herr Goljädkin eilig Petruschka zu, dem er auf der Treppe begegnete. Darauf lief er die Treppe hinunter und zum Hause hinaus. Sein Herz stand ihm still – er konnte sich zu nichts entschließen ... Was sollte er beginnen, wie sollte er in dieser kritischen Lage handeln ...
„Nun, wie soll ich handeln? Herr, du mein Gott, das mußte gerade noch kommen!“ rief er endlich verzweifelt aus und strich ziellos die Straße entlang, „das mußte gerade noch kommen! Wenn nur das nicht wäre, gerade das, dann würde sich noch alles ordnen und beilegen lassen, mit einem Schlage, mit einem gewandten und festen Schlage würde es sich machen lassen. Ich lasse mir den Finger abschneiden, daß es sich machen ließe! Und ich weiß sogar, auf welche Weise es zu machen ginge. Es würde so gemacht werden: Ich würde also – ich würde das und das, das heißt würde so und so sagen ... ‚mein Herr, mit Erlaubnis gesagt, solche Sachen tut man nicht, mein sehr geehrter Herr, solche Sachen tut man nicht und mit Betrug erreicht man gar nichts: ein Usurpator, mein Herr, ist ein unnützer Mensch, das heißt ein Mensch, der seinem Vaterlande keinen Nutzen bringt. Verstehen Sie das? Verstehen Sie das wohl, mein sehr geehrter Herr?!‘ So, – ja so wäre es zu machen! ...“
„Doch übrigens, – nein: wie ist das ... Das wäre auch nicht das Richtige, durchaus nicht das Richtige ... Was lüge ich, Dummkopf, Erzdummkopf! Ich, Selbstmörder, ich ... Du verworfener Mensch, so wird es nun kommen! ... Wohin soll ich mich jetzt verkriechen? Was werde ich zum Beispiel jetzt mit mir anfangen? Wozu tauge ich jetzt noch? Wozu taugst du jetzt noch, Goljädkin, du Unwürdiger! Was – nun?
Einen Wagen muß ich nehmen. Also nimm, bitte, einen Wagen für sie, sonst macht sie sich die Füßchen naß, wenn es keinen Wagen gibt ... oh, wer hätte das denken können? Ei, ei, meine Dame, ei, ei, mein wohlanständiges Fräulein! Sie haben sich ausgezeichnet, meine Herrin, ausgezeichnet ... Und das kommt alles von der schlechten Erziehung. Wie ich das jetzt übersehe und es durchschaut habe – so ist alles Sittenlosigkeit. Man hätte ihr von Jugend auf – die Rute, tüchtig die Rute geben sollen, sie aber haben sie statt dessen mit Konfekt und allen Süßigkeiten gefüttert und der Alte selbst heulte ihr die Ohren voll: ‚Ach, du meine Liebe, meine Gute, ich werde dich an einen Grafen verheiraten! ...‘
Und was ist dabei herausgekommen? Sie hat uns jetzt ihre Karten gezeigt, da – habt ihr es, das ist mein Spiel! Wenn sie sie doch zu Hause erzogen hätten, statt sie in die Pension zu der französischen Madame zu geben, irgend so einer Emigrantin! Da lernen sie wohl viel Gutes, bei der Emigrantin ... und – da kommt dann so etwas heraus! Gehen Sie jetzt und freuen Sie sich! ‚Seien Sie mit dem Wagen um so und so viel Uhr unter meinem Fenster und singen Sie eine gefühlvolle spanische Romanze: ich werde Sie erwarten, ich weiß, daß Sie mich lieben, fliehen wir zusammen, um in einer Hütte zu leben!‘
Doch, am Ende geht das nicht an: wenn Sie schon so weit gehen, meine Dame ... das geht nicht an! Die Gesetze verbieten es, ein ehrliches und unschuldiges Mädchen ohne Einwilligung der Eltern aus dem Elternhause zu entführen! Und schließlich auch: warum? Ich sehe gar keine Notwendigkeit. Mag sie heiraten, wie es sich gehört, und wen das Geschick ihr bestimmt hat, das wäre eine vernünftige Sache. Ich aber bin ein Beamter und kann deshalb meine Stellung verlieren. Ich, meine Dame, kann deshalb vor Gericht kommen! Sehen Sie, so ist’s, wenn Sie das noch nicht gewußt haben! Diese Deutsche hat das alles eingebrockt, dieser ganze Wirrwarr geht von ihr aus. Deshalb haben sie einen Menschen verleumdet. Deshalb haben sie Weibergeschwätz über ihn ausgedacht, auf den Rat Andrej Philippowitschs. Von dort kommt alles her. Denn sonst, warum haben sie Petruschka hineingezogen? Was hat denn der mit der Sache zu schaffen? Was hat der Schelm bei ihr zu tun?
‚Nein, es geht nicht, meine Dame, es geht wirklich nicht, ich kann nicht ... Für dieses Mal, meine Dame, müssen Sie mich schon entschuldigen. Das kommt alles von Ihnen, meine Dame, nicht von der Deutschen, nicht von der Hexe, sondern einfach von Ihnen selbst. Denn die Hexe ist eine gute Frau, die Hexe ist an nichts schuld, sondern Sie, meine Dame, Sie sind schuld – so ist es! Sie, meine Dame, bringen mich vors Gericht, – unter falschen Anschuldigungen ...‘ Da muß der Mensch zugrunde gehen, da muß der Mensch an sich selbst zugrunde gehen und kann sich selbst nicht erhalten, – wie kann man denn da noch heiraten! Und wie wird denn das alles enden? Und was soll daraus jetzt werden? Ich würde viel darum geben, wenn ich das wissen könnte! ...“
So dachte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er plötzlich zu sich kam, bemerkte er, daß er irgendwo auf der Liteinaja stand. Das Wetter war schauderhaft, es taute, vom Himmel fiel Regen und Schnee zusammen, genau wie zu jener unvergeßlichen Stunde um Mitternacht, als das Unglück Herrn Goljädkins seinen Anfang nahm.
„Was wäre das für eine Reise,“ dachte Herr Goljädkin, nach dem Wetter sehend, „das wäre einfach Selbstmord ... Herr des Himmels, wo soll ich denn hier einen Wagen finden? Dort in der Ecke scheint etwas Schwarzes zu dämmern! Wir wollen sehen! ... Herr, du mein Gott,“ fuhr unser Held fort und lenkte seine wankenden Schritte auf die Seite hin, wo so etwas Ähnliches wie ein Wagen stand. „Nein, ich weiß, was ich tue! Ich gehe zu ihm, falle ihm zu Füßen und werde ihn, wenn’s nötig ist, anflehen. So und so: in Ihre Hände lege ich mein Schicksal, in die Hände der Behörde, Ew. Exzellenz, beschützen Sie und begnadigen Sie einen Menschen. Es wäre ein ungesetzliches Verfahren: richten Sie mich nicht zugrunde, ich flehe Sie an, als meinen Vater flehe ich Sie an, verlassen Sie mich nicht ... Retten Sie meine Ehre, meinen Namen, meine Familie ... Retten Sie mich vor dem Bösewicht, vor dem verworfenen Menschen ... Er ist ein anderer Mensch, Ew. Exzellenz, und auch ich bin ein anderer Mensch! Er ist einer für sich und ich bin einer für mich, wirklich, ich bin ganz für mich, Ew. Exzellenz, ich bin etwas ganz für mich. Ew. Exzellenz, so ist’s! Das heißt, ich kann gar nicht Er sein! Ändern Sie das, befehlen Sie, das zu ändern mit ihm und diesem ganzen Doppeltsein! ... Zum Beispiel für andere, Ew. Exzellenz! Ich spreche zu Ihnen, wie zu meinem Vater! Die Behörde, die wohltätige und ehrwürdige Behörde, sollte so etwas unterstützen ... Es liegt meiner Bitte etwas Moralisches zugrunde. Das heißt, wie gesagt, ich wende mich an die Behörde, wie an einen Vater, und vertraue ihr mein Schicksal an. Ich werde nicht murren, ich selbst werde mich von allen zurückziehen, so ist’s!“
„Nun, mein Lieber, bist du frei?“
„Ja, Herr.“
„Habe den Wagen für den Abend nötig ...“
„Belieben Sie weit zu fahren, Herr?“
„Den Abend, den Abend: wie es kommt, mein Lieber, wie es kommt.“
„Wünschen Sie außerhalb der Stadt zu fahren?“
„Ja, mein Freund, vielleicht auch das. Ich weiß es selbst noch nicht genau, mein Lieber, ich kann es deshalb ganz bestimmt noch nicht sagen. Siehst du, mein Lieber, es kann sich noch alles zum besten wenden. Es ist ja bekannt, mein Freund ...“
„Ja, freilich, Herr, Gott gebe es!“
„Ja, mein Freund, ja ich danke dir, mein Lieber. Aber was nimmst du dafür, mein Lieber? ...“
„Belieben Sie sofort zu fahren?“
„Ja, sofort, das heißt, nein, an einer Stelle wartest du ein wenig ... so, nur ein wenig, nicht lange, mein Lieber ...“
„Ja, wenn Sie mich schon auf den ganzen Abend nehmen wollen, so kann ich bei diesem Wetter nicht weniger als sechs Rubel ...“
„Nun gut, mein Lieber, schon gut, ich danke dir, mein Lieber. Und jetzt kannst du mich gleich fahren, mein Lieber.“
„Steigen Sie ein: erlauben Sie, ich habe hier noch ein wenig zurechtzumachen ... Steigen Sie nur ein. Wohin befehlen Sie zu fahren?“
„Zur Ismailoffbrücke, mein Freund.“
Der Droschkenkutscher kletterte auf den Bock und setzte seine beiden Gäule, die er nur mit aller Gewalt vom Heusack wegreißen konnte, in der Richtung auf die Ismailoffbrücke in Bewegung. Doch plötzlich zog Herr Goljädkin an der Schnur, ließ den Wagen anhalten und bat mit flehender Stimme den Kutscher, nicht zur Ismailoffbrücke, sondern in eine bestimmte andere Straße zu fahren. Der Kutscher kehrte um und in zehn Minuten stand die Equipage Herrn Goljädkins vor dem Hause, welches Seine Exzellenz bewohnte. Herr Goljädkin stieg aus dem Wagen, bat seinen Kutscher inständig, zu warten und lief selbst mit zitterndem und zagendem Herzen die Treppe hinauf, in den zweiten Stock. Er klingelte, die Tür wurde geöffnet und unser Held befand sich im Vorzimmer der Exzellenz.
„Ist Ihre Exzellenz zu Hause?“ wandte sich Herr Goljädkin an den Menschen, der ihm die Tür öffnete.
„Was wünschen Sie?“ fragte ihn der Lakai, der Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.
„Ich, mein Freund, heiße Goljädkin, Titularrat Goljädkin. Ich wünsche – Exzellenz zu sprechen ...“
„Warten Sie bis morgen.“
„Mein Freund, ich kann nicht warten: meine Sache ist zu wichtig ... meine Sache duldet keinen Aufschub ...“
„Ja, von wem kommen Sie denn? Haben Sie eine Aufforderung?“
„Nein, mein Freund, ich komme nur so ... Melde mich, mein Freund, sage: so und so, um zu erklären ... Und ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber ...“
„Es ist nicht erlaubt. Mir ist streng befohlen, niemanden vorzulassen. Es sind Gäste da. Kommen Sie morgen um zehn Uhr ...“
„Melden Sie mich an, mein Lieber, ich kann unmöglich warten! Sie, mein Lieber, werden sonst die Verantwortung ...“
„So geh doch, melde ihn. Bist mir auch ein Fauler!“ sagte ein anderer Lakai, der sich auf einer Bank rekelte und bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.
„Ach was, faul! Es ist nun einmal befohlen, niemanden vorzulassen, verstehst du? Die Empfangsstunden sind am Morgen.“
„Melde ihn trotzdem! Glaubst wohl, es könnte deiner Zunge schaden!“
„Na, ich kann ihn ja anmelden, meiner Zunge wird’s nicht schaden! Es ist aber befohlen ... Treten Sie in dieses Zimmer.“
Herr Goljädkin trat in das nächste Zimmer. Auf dem Tisch stand eine Uhr, er sah, daß es halb neun war. In seinem Innern tobte die Unruhe. Er wollte schon wieder umkehren, doch im selben Augenblick rief der Diener, der an der Schwelle zum nächsten Zimmer stand, laut seinen Namen.
„Das ist mal eine Stimme!“ dachte in unbeschreiblicher Verwirrung unser Held. „Was werde ich nur sagen? Ich werde sagen: so und so ... so ist’s ... ich bin gekommen, demütig und untertänigst zu bitten ... geruhen Sie, mich anzuhören – ... Doch nun ist die ganze Sache verdorben, alles in den Wind zerstreut. Oder ... was tut’s ...“ Er hatte übrigens keine Zeit, weiter nachzudenken. Der Lakai kehrte zurück und führte Herrn Goljädkin ins Kabinett Seiner Exzellenz.
Als unser Held eintrat, fühlte er sich wie geblendet, er konnte überhaupt nichts sehen ... Zwei – drei Gestalten tauchten undeutlich vor seinen Augen auf: „Nun, das sind wohl die Gäste,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Schließlich konnte unser Held den Stern auf dem schwarzen Frack der Exzellenz deutlich erkennen. Damit kam er denn zur Besinnung und erhielt wenigstens sein Unterscheidungsvermögen wieder ...
„Was gibt’s?“ fragte eine bekannte Stimme Herrn Goljädkin.
„Titularrat Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
„Nun?“
„Ich bin gekommen, um zu erklären ...“
„Wie? Was?“
„Ja, so ist es. Das heißt, so und so, ich bin gekommen, um zu erklären, Ew. Exzellenz ...“
„Sie ... ja, wer sind Sie denn eigentlich?“
„Ti–ti–tu–lar–rat ... Goljädkin, Ew. Exzellenz.“
„Nun, was wünschen Sie?“
„Das heißt, so und so, ich betrachte Sie als meinen Vater: ich selbst halte mich ganz aus der Sache, und bitte Sie nur, mich vor meinem Feinde zu beschützen, – das ist alles!“
„Was heißt das?“
„Es ist doch bekannt ...“
„Was ist bekannt?“
Herr Goljädkin verstummte: sein Kinn fing an zu zittern ...
„Nun?“
„Ich dachte, moralisch, – Ew. Exzellenz ... ich meinte, in moralischem Sinne: Ew. Exzellenz als Vater anerkennen ... das heißt, so und so, beschützen Sie mich, unter Trä–ä–nen bi–bi–tte ich, so etwas zu – zu – un–ter–stützen ...“
Seine Exzellenz wandte sich ab. Unser Held konnte für einen Augenblick wieder nichts mehr wahrnehmen. Seine Brust war wie zusammengepreßt. Der Atem ging ihm aus. Er wußte nicht mehr, wie er sich auf den Beinen halten sollte ... Er schämte sich und unsagbar traurig war ihm zumute. Gott weiß, was ihn erwartete ...
Als unser Held wieder zu sich kam, bemerkte er, daß Seine Exzellenz mit seinen Gästen sehr lebhaft sprach und sich mit ihnen zu beraten schien. Einen der Gäste erkannte Herr Goljädkin. Es war Andrej Philippowitsch. Den anderen dagegen erkannte er nicht, obgleich ihm das Gesicht sehr bekannt schien: eine hohe volle Erscheinung, in älteren Jahren, mit buschigen Brauen, mächtigem Backenbart und scharfem, ausdrucksvollem Gesicht. Am Halse des Unbekannten hing ein Orden und eine Zigarre stak zwischen den Zähnen. Der Unbekannte rauchte, und ohne die Zigarre aus dem Munde zu nehmen; nickte er bedeutsam mit dem Kopfe, von Zeit zu Zeit zu Herrn Goljädkin hinüberblickend.
Herr Goljädkin fühlte sich fürchterlich unbehaglich. Er wandte seinen Blick zur Seite, und dabei bemerkte er – einen sehr sonderbaren Gast. In der Tür, die unser Held bis jetzt für einen Spiegel angesehen hatte, wie es ihm schon einmal passiert war – erschien er – wir wissen ja schon, wer: der Bekannte und Freund Herrn Goljädkins. Herr Goljädkin der Jüngere hatte sich bis dahin offenbar in einem kleinen Zimmer aufgehalten, um schnell etwas niederzuschreiben. Jetzt hatte man ihn wohl nötig und er war – erschienen. Mit Papieren unter dem Arm, ging er auf Seine Exzellenz zu und in Erwartung, daß sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenken werde, gelang es ihm auch, sich alsbald sehr geschickt ins Gespräch und in die Beratung mit einzumischen. Er nahm seinen Platz hinter dem Rücken Andrej Philippowitschs ein und wurde teilweise verdeckt von dem Unbekannten, der die Zigarre rauchte.
Ohne weiteres nahm Herr Goljädkin der Jüngere Anteil am Gespräch, dem er mit Eifer folgte, zu dem er mit dem Kopfe nickte, während er in einem fort lächelte und jeden Augenblick Seine Exzellenz ansah, ganz als flehte er mit seinen Blicken um die Erlaubnis, auch ein Wörtchen einzuflechten.
„Schurke!“ dachte Herr Goljädkin und trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. In diesem Augenblicke kehrte sich Seine Exzellenz um und näherte sich selbst, etwas unentschieden, Herrn Goljädkin.
„Nun, gut, gut: gehen Sie mit Gott. Ich werde Ihre Sache nachprüfen, und Sie werde ich begleiten lassen ...“ Seine Exzellenz blickte auf den Unbekannten mit dem Backenbart. Dieser nickte zum Zeichen seiner Einwilligung mit dem Kopf.
Herr Goljädkin empfand es und verstand nur zu genau, daß man ihn für etwas anderes nahm und ihn durchaus nicht so behandelte, wie es sich gehörte. „So oder so, aber erklären muß ich mich,“ dachte er, „das heißt: so und so, Ew. Exzellenz!“ Hierbei richtete er in der Verwirrung seine Augen zu Boden und zu seiner äußersten Verwunderung sah er auf den Stiefeln Seiner Exzellenz einen großen weißen Fleck.
„Sind sie wirklich geplatzt?“ dachte Herr Goljädkin. Doch bald entdeckte Herr Goljädkin, daß die Stiefel Seiner Exzellenz durchaus nicht geplatzt waren, sondern nur stark funkelten, ein Phänomen, das sich daraus erklärte, daß die Stiefel von Lack waren und stark glänzten. „Das nennt man aber blank sein,“ dachte Herr Goljädkin, und als er seinen Blick wieder erhob, erkannte er, daß es Zeit war, zu reden, weil die Sache sich sonst zu einem schlechten Ende wenden konnte ... Unser Held trat also einen Schritt nach vorn.
„Das heißt ... so und so ... Ew. Exzellenz,“ sagte er. „Ich meine doch, einen falschen Namen zu tragen, ist in unserer Zeit doch wohl nicht erlaubt.“
Seine Exzellenz antwortete ihm nichts mehr, sondern zog nur heftig an der Glockenschnur. Unser Held trat noch einen Schritt vor.
„Er ist ein gemeiner und verdorbener Mensch, Ew. Exzellenz,“ sagte unser Held, ohne sich zu besinnen, ersterbend vor Furcht, und wies trotz alledem kühn und entschlossen auf seinen unwürdigen Doppelgänger, der sich diesen Augenblick dicht bei Seiner Exzellenz zu schaffen machte. „So und so ... das heißt ... ich spiele auf eine bestimmte Person an.“
Auf diese Worte Herrn Goljädkins folgte eine allgemeine Bewegung. Andrej Philippowitsch und der Unbekannte nickten sich gegenseitig zu. Seine Exzellenz riß noch einmal ungeduldig aus allen Kräften an der Glockenschnur, um seine Leute herbeizurufen. In diesem Augenblick trat Herr Goljädkin der Jüngere vor.
„Ew. Exzellenz,“ sagte er, „untertänigst bitte ich um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen.“ In der Stimme Herrn Goljädkins des Jüngeren lag äußerste Entschlossenheit. Alles an ihm drückte aus, daß er sich vollkommen in seinem Recht fühlte.
„Erlauben Sie zu fragen,“ begann er von neuem, eifrig einer Antwort Seiner Exzellenz zuvorkommend, und wandte sich diesmal an Herrn Goljädkin selbst. „Erlauben Sie zu fragen, in wessen Gegenwart Sie sich so auszudrücken belieben? Wissen Sie, vor wem Sie stehen und in wessen Kabinett Sie sich befinden? ...“ Herr Goljädkin der Jüngere war außer sich vor Erregung und ganz rot vor Zorn und Unwillen: Tränen der Empörung traten ihm in die Augen.
„Die Herren Bassawrjukoff!“ rief in diesem Augenblick der Lakai mit lauter Stimme, indem er in der Tür des Kabinetts erschien.
„Eine berühmte adelige Familie aus Klein-Rußland,“ dachte Herr Goljädkin und fühlte im selben Augenblick, wie eine Hand sich ihm in sehr freundschaftlicher Weise auf den Rücken legte. Zugleich legte sich ihm noch eine Hand auf den Rücken und das gemeine Ebenbild von Herrn Goljädkin lief voran und zeigte nach der Tür, als wiese er ihm den Weg – Herr Goljädkin fühlte es deutlich, wie er gewaltsam auf die große Ausgangstür des Kabinetts hinbewegt wurde.
„Genau so wie bei Olssuph Iwanowitsch,“ dachte er, als er sich schon im Vorzimmer befand, begleitet von zwei Lakaien Seiner Exzellenz und von seinem unvermeidlichen Ebenbilde.
„Den Mantel, den Mantel, den Mantel meines Freundes! Den Mantel meines besten Freundes!“ schrie der verworfene Mensch, riß den Mantel aus den Händen des Dieners und warf zur allgemeinen Erheiterung den Mantel Herrn Goljädkin über den Kopf. Während Herr Goljädkin unter seinem Mantel wieder hervorkroch, hörte er deutlich das Gelächter der Diener. Doch er achtete nicht darauf und kümmerte sich um nichts. Ruhig trat er aus dem Vorzimmer auf die hellerleuchtete Treppe hinaus. Herr Goljädkin der Jüngere folgte ihm.
„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief dieser Herrn Goljädkin dem Älteren nach.
„Schurke!“ sagte unser Held außer sich.
„Nun, meinetwegen ein Schurke ...“
„Verworfener Mensch! ...“
„Nun, meinetwegen auch ein verworfener Mensch ...“ antwortete dem würdigen Herrn Goljädkin sein unwürdiger Feind mit der ihm eigenen Gemeinheit und sah frech, oben von der Treppe hinunter und ohne die Augen niederzuschlagen Herrn Goljädkin an, als forderte er ihn auf, so weiter fortzufahren. Unser Held spie aus vor Empörung und stürzte zum Hause hinaus. Er war so zerschlagen, daß er kaum wußte, wie er in den Wagen gelangte. Als er endlich zu sich kam, sah er, daß er an der Fontanka entlang fuhr. „Wahrscheinlich fährt er nach der Ismailoffbrücke,“ dachte Herr Goljädkin. Hier wollte Herr Goljädkin noch etwas denken, doch es gelang ihm nicht: es war etwas so Entsetzliches, das zu erklären unmöglich schien ...
„Nun, tut nichts,“ schloß unser Held und fuhr weiter zur Ismailoffbrücke.
XIII.
... Es schien, daß das Wetter sich bessern wollte. Der nasse Schnee, der bis jetzt in großen Massen niederfiel, wurde allmählich dünner und immer dünner, und hörte schließlich fast ganz auf. Der Himmel wurde klarer und hin und wieder sah man Sterne blinken. Es war jedoch noch immer feucht, schmutzig und schwül, besonders für Herrn Goljädkin, der ohnehin nur mühsam atmen konnte. Sein durchnäßter und schwerer Mantel umhüllte mit einer unangenehmen warmen Feuchtigkeit seine Glieder und lastete schwer auf dem ganz ermüdeten und vor Müdigkeit fast erschöpften Herrn Goljädkin. Ein Schüttelfrost überlief seinen Körper mit spitzen scharfen Nadeln. Die Erschöpfung preßte ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Herr Goljädkin fühlte sich so elend, daß er sogar vergaß, wie bei sonstigen Gelegenheiten, mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit seine Lieblingsphrase zu wiederholen: daß sich das alles ganz bestimmt noch zum besten wenden würde.
„Übrigens, das hat alles noch nichts zu sagen,“ behauptete unser starker und in seiner Tapferkeit unerschütterlicher Held nur, indem er sich vom Gesicht das kalte Wasser wischte, das in Strömen vom Rande seines runden Hutes tropfte, der, aufgeweicht und durchnäßt wie er war, das Wasser nicht mehr aufnehmen konnte. Da unser Held, wie gesagt, der Meinung war, daß das alles noch nichts zu sagen hätte, so versuchte er sich wenigstens auf den dicken Holzklotz zu setzen, der sich auf dem Hofe von Olssuph Iwanowitsch neben einem großen Holzstoß befand.
Natürlich war von der spanischen Serenade nicht die Rede: viel eher mußte er an seinen, wenn auch nicht großen, so doch immerhin warmen, gemütlichen und verborgenen Winkel zurückdenken. Nebenbei gesagt, sehnte er sich jetzt geradezu nach dem Winkel auf dem Treppenflur der Wohnung von Olssuph Iwanowitsch, in dem unser Held, früher, zu Anfang unserer Geschichte, zwei Stunden lang hinter einem Schrank, zwischen alten Schirmen und allerlei Gerümpel, gestanden hatte. Die Sache war nämlich die, daß Herr Goljädkin auch jetzt bereits zwei Stunden auf dem Hofe Olssuph Iwanowitschs stand. Doch mit dem verborgenen und gemütlichen Winkel waren diesmal Hindernisse verbunden, die es früher nicht gegeben hatte. Erstens war der Schlupfwinkel wahrscheinlich bemerkt und infolgedessen waren seit der Geschichte auf dem Balle bei Olssuph Iwanowitsch gewisse Maßregeln getroffen worden. Zweitens mußte er auf das verabredete Zeichen von Klara Olssuphjewna warten, denn es war doch sicher von einem solchen verabredeten Zeichen die Rede gewesen! So war es immer, sagte er sich, und „nicht mit uns wird es anfangen, und nicht mit uns wird es aufhören“.
Herr Goljädkin erinnerte sich übrigens eines Romans, den er schon vor langer Zeit gelesen hatte, in dem die Heldin unter denselben Umständen ihrem Alfred ein Zeichen gab: mit einem rosa Band, das sie ans Fenster befestigte. Ein rosa Band aber, in der Nacht und beim Petersburger Klima, das ja durch seine Feuchtigkeit bekannt ist, ging denn doch nicht an, nein: das war einfach unmöglich!
„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held, „besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil, daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand sehen konnte, er selbst aber alles sah.
Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein. Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen.
„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ... so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt, mit dem Wagen hätte warten sollen ...“
Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich kein Brief in der Tasche.
„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ... Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“
Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin, „einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“
Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge – Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin, vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer nicht darum, noch immer nicht darum! ...“
Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf.
„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß sehen.
„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“
Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart.
„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ... seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s!
So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte, meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame, bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte, Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie, meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame?
Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage, denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück und segnen Sie uns!
Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen. Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten. Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘ Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr gleichgültig! ...
So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ... Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu sagen ...“
Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den Holzstoß ...
„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du. Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend mit zitternder und weinerlicher Stimme.
Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn Goljädkin an.
„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein Freund ...“
„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu.
„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein Freund, warte nur ...“
„Ja, Herr ...“
„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein Lieber?“
„Wir sind Leibeigene ...“
„Ist dein Herr gut? ...“
„Ziemlich.“
„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ... Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“
Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen, ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“
„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten, mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“
„Dann werden Sie also fahren?“
„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu bekommen, mein Lieber?“
„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet, Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“
„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen, keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.
„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“
Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach, wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser, von der Seite, das heißt, so ...“
Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder umzukehren.
„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite, das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So ist’s! So wird es jetzt sein!“
Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte damit ihr Ende haben!
Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem aufmerksam nach den Fenstern zu blicken.
Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß, begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts, soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte.
Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen! wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu. Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar verwirrt.
Plötzlich kam er (es ist bekannt wer) die Treppe herunter gelaufen, im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.
„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt, Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“
„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“ murmelte unser Held mit schüchterner Stimme.
„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“
„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und verging zugleich vor Scham und vor Schreck.
„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein, für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen, daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja doch alles gleichgültig!
Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich, zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten: sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu, sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch.
Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna, bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen neuen Ordensbändern im Knopfloch.
Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst feierliche Miene zur Schau trug.
„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs.
„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das heißt ... so und so, usw.“
Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die kalten Backen rannen ...
Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien, sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...
Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!
Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“ inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das Langerwartete einzutreten.
„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.
„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor einem sonderbaren Gefühl zusammen.
„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe.
„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte.
„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ... Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ...
Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ...
Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen ... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich. Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich.
„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen. Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein alter Bekannter sei! ...“
Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen. Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin auf, Platz zu nehmen.
Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin zurückblickte.
„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen.
„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall – und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit ... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger, bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand und fortblieb ...
Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen, Bewußtlosigkeit über ihn ...
Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte teuflische Freude.
„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere, sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan Iwanowitsch ist es! ...“
„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich ... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum Mitleid zu bewegen.
„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung, Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war es: und das hatte er schon lange geahnt!