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Sämtliche Werke 14

Der Doppelgänger (continued 3)

E. K. Rahsin translation

„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel, wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja, und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ... und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt! Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, – so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen; der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s! Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!

Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“

Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend, lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung. Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war, wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich, daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben, machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das Geld für eine Pastete usw.“

„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner.

Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ... ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“

„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der Kellner.

„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich, wirklich nur eine Pastete genommen.“

„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben, müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“

Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen.

„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts Lächerliches ...“

Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin. Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf, zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte.

„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich niemand zu bemerken ...“

Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus.

„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“ dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“

Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.

Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu schreiben:

„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie, geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“

„So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein, wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.

„Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar aus der guten Gesellschaft waren ...“

„Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen! Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren. Wir wollen sehen.“

„Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist.

In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.

In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr gehorsamster Diener.

J. Goljädkin.“

„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem Recht ...“

Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter Laune.

„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“

Petruschka schwieg.

„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff. Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“

„Verstehe.“

„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat Goljädkin wohnt?“

Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er.

„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“

„Ich verstehe.“

„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen Brief: verstehst du?“

„Ich verstehe.“

„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was lachst du, Schafskopf?“

„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ... unsereins hat nichts zu lachen ...“

„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“

„Verstehe.“

„Also, fort mit dir.“

„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück! ...“

Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln.

„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für sie tun.“

Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.

Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen Fenstern waren die übrigen alle dunkel.

„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“

Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die Straße.

„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen? ... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der Ferne vor ihm auf.

„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen! Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr. Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich, diese Konfusion!“

Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit er Geld in den Händen hat.“

Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen, hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden ... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief endlich ein, wie tot.

Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief. Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag.

Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von neuem eingeschlafen.

„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin, seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte.

„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz. Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben? ...“

„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief gehabt ... so ist’s!“

Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.

„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“

„Ich höre ...“

„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“

„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn dabei?“

„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“

„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“

„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur, Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff – warst du oder warst du nicht?“

„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich auch sogleich ...“

„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber, warst du heute beim Wachramejeff?“

„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich auch sogleich ...“

„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun, und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig ... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts. Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse darüber, mein Lieber ...“

„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein Säufer gewesen ...“

„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun, Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“

„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst du‘ ...“

„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd.

„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“

„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“

„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin ...‘“

„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor: „Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst. Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich, du Räuber, du!“

„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“

„Aber der Brief, der Brief? ...“

„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief gesehen.“

„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“

„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“

„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“

Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und sah seinem Herrn gerade in die Augen.

„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht? Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den Schultern gerissen. So ein Judas!“

„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück.

„Komm her, hierher, du Räuber! ...“

„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ...

„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen nicht Gott und die Menschen!“

„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas: dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.

Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas, seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm – alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund.

„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder, ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich Selbstmörder, ich!“

So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein, wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem Tisch. Sein Herz schlug heftig.

„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein, sicher wird es so gewesen sein ...“

Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde Goljädkins.

„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief lautete folgendermaßen:

„Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu antworten.

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge, sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten können.

Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter, in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung befindet.

Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener

N. Wachramejeff.

P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker und wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu schaffen machen. Nehmen Sie doch Eustachius, der früher hier bei mir diente und gegenwärtig stellenlos ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina Iwanowna ein Pfund Zucker zu billigerem Preise verkauft, das er, meiner Meinung nach, nur in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von Ihnen gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich Ihnen Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche Personen nur zu beleidigen und die Menschen zu betrügen verstehen, besonders anständige Leute von gutem und ehrlichem Charakter. Außerdem versuchen sie diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht rechnen können.

W.“

Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte, fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück.

„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so, sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht, oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja, und das ist alles!“

Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:

„Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!

Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt.

Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich zurückzuerstatten.

Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person, so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch, geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher, gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt, die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde gehen müssen.

Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht.

In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein

Ihr gehorsamer Diener J. Goljädkin.“

X.

Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem, was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen, während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ... Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ... weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum!

Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel, jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle.

Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl aufzuweisen! ...“

Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts, erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen begabte Gesicht des Herrn Goljädkin junior und zerstörte den ganzen Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin senior, verdunkelte seine glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute von gutem Ton zu gehören!

Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin, abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen ihres höchsten Vergnügens.

Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden, übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin, den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ...

Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie, Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie – nicht ... irgendwie – doppelt!!“

Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun, etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte.

Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose, abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte, so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie auf die Wache zu führen ...

Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ...

Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett, woraufhin er vollständig wach wurde.

Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen werde.

„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“ rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen. Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war verschlossen.

„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig: sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es!

„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen. Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“

Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein, nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb folgenden Brief:

„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung – auch mit der Pistole.

J. Goljädkin.“

Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf, öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät. Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held, diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen.

„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“

„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“

„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie steht es denn, mein Lieber?“

„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den Mund.

„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“

„Er ist hier.“

„Und die Beamten sind auch hier?“

„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“

„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“

„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an. Wenigstens schien es unserem Helden so.

„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“

„Nein, gar nichts, gar nichts.“

„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“

„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener, fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an? Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen? Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld gekommen war.

„Hier, mein Lieber ...“

„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“

„Ich werde dir noch mehr geben.“

„Schön, Ew. Wohlgeboren.“

„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“

Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah ihn unbeweglich an.

„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“

„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen, kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.

„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“

„Bis jetzt noch nichts.“

„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“

„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“

„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“

„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“

„War Wachramejeff gestern hier? ...“

„Ja, er war hier.“

„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“

Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar fiel ihm nichts ein.

„Nein, es war sonst niemand hier.“

„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.

„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“

„Zu Befehl.“

„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“

„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf Herrn Goljädkin.

„Wie das, ... gut –?“

„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher. Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.

„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über Wachramejeff?“

„Ja, alles ganz wie früher.“

„Denke mal nach.“

„Ja, man sagt ...“

„Nun, was denn? ...“

Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.

„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“

„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch hingehen und fragen?“

„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür danken, mein Lieber ...“

„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch ein.“

„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“

„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“

„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber, glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“

„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie gehen heute nicht hin?“

„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“

„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und Herr Goljädkin blieb allein.

„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff! Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt. Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier, mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?

Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel, wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“

Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für ihn sehr Unangenehmes.

„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“

Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die Straße.

„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen, und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein stellen.

„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.

„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah: nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen. „Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held. „Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“

„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du, mein Lieber? ...“

„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“

„Und Ostaffjeff?“

„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine Zeit.“

„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“

„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen ... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“

„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“

„Gut!“

„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“

„Goljädkin?“

„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“

„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“

„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich benachrichtigen, verstehst du?“

„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“

„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.

„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts ... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“

Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe befand.

„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.

„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken, doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.

Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel. Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend. Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen. Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt. Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.

Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw. Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte, Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend, halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.

Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken. Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.

In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick – erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte. Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien: „Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten, erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund, küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.

Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste, freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere, bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.

Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des Herrn Goljädkin befunden hatten.

Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.

Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich von neuem zugunsten seines Todfeindes.

„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten Herrn Goljädkin.

„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren, wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.

„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter anzuhören.

„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“ sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen Blick auf Andrej Philippowitsch.

„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen.

„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“

„W–a–a–s?“

„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“

„Von wem belieben Sie zu sprechen?“

„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“ fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen an seinen Wimpern.

Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte, war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm unterredend, weiter.

Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte, mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und nachdenklichen Gesicht.

„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir erklären, wenn möglich ...“

„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem unterrichtet werden.“

„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“ fragte kleinlaut unser Held.

„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die Regierung entscheidet.“

„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton Antonowitsch?“

„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“

„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“

„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.

„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ... freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“

„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“

„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“

„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon wissen Sie wohl auch nichts?“

„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton Antonowitsch, anzuhören ...“

„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“

„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.

„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“ erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft zusammenzog.

„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen, ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“

„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie zu erfahren nötig haben.“

„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton Antonowitsch.“

„Später, später, erzählen Sie später ...“

„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe sogar die Idee gehabt ...“

„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“

„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch, Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ... ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ... Anton Antonowitsch ...“

Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ... Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles Gehörte und Geschehene.

Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand Pissarenko.

„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“

„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“

„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff.“

„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein Lieber.“

Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten, die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige, unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die Aufregung seiner Seele.

„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig ... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige ... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? ... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ... wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“

In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf, machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren ab.

„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte seinem Feinde nach.

XI.

Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie, schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank, daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“ dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel ... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen ... entschieden und unterschrieben!“

Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen, am Mantel zu packen.

„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu, froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß Sie ...“

Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.

„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“

„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“

„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße ... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“

„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich unmöglich ...“

„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ... dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von selbst aufklären ...“

„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden unverschämt vertraulich auf die Schulter.

„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit, überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen, was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.

Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des Jüngeren wurde Schokolade gebracht.

„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere, indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.

Unser Held errötete und schwieg.

„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche. Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“

Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts, lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er, seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.

Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste wenigstens.

„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr schlechten Ton gehören.

„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff Petrowitsch?“

„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen.“

„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“

„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch ... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“

„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der über hohe Dinge zu urteilen verstand.

„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung, „meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen. Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.

„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere. „Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff Petrowitsch!“

„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held – „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer und zitterte.

„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der Verworfene mit süßer Stimme.

„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.

„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch Flanell zu tragen.“

„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke, die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“

„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.

„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich, daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch, es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“

„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund Herrn Goljädkins des Älteren.

„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch, und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“

„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.

„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier zwei ganz ähnliche ...“

„Ah, das ist Ihre Idee! ...“

Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft zu gewinnen ...

„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ... nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...

Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte, wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.

„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.

„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“ begann von neuem Herr Goljädkin junior mit seinen unpassenden Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und lächelte nur zuvorkommend.

Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte, so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte, verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.

Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln, und selbst mit den Füßen.

Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen Pelzkragen seines Feindes gepackt.

So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen. Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben, mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte – ... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze. Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache wäre, dagegen anzukämpfen.

Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er, daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war, in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch befand.

In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen, doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht, den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.

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