Eine Heiratsgeschichte
Thomas Commichau translation
Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen
1833
Deutsch von Carl Ritter und André Villard
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt
Personen.
Agathe Tichonowna, eine heiratslustige Kaufmannstochter.
Arina Panteleimonowna, ihre Tante.
Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin.
Podkoliessin, Beamter — Hofrat.
Kotschkarjow, sein Freund.
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor.
Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D.
Schewakin, Leutnant zur See.
Dunjaschka, das Dienstmädchen.
Starikow, ein Kaufmann.
Stepan, Podkoliessins Diener.
Erster Aufzug
(Zimmer eines Junggesellen.)
1. Auftritt
Podkoliessin.
Podkoliessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja, wenn man so allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst recht, daß es so nicht weiter geht ..... Man muß heiraten! ... Wirklich, da lebt man so dahin, bis einem schließlich die ganze Geschichte zum Halse raushängt. Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit vorüberstreichen lassen, und doch ist alles fix und fertig! Es sind ja bald drei Monate, daß mir die Heiratsvermittlerin das Haus einläuft. Wahrhaftig, man muß sich bald vor sich selber schämen ... He, Stepan!
2. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Podkoliessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?
Stepan. Nein.
Podkoliessin. Und bist du beim Schneider gewesen?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Wie ist’s, arbeitet er an meinem Frack?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Ist er bald fertig?
Stepan. Ja, nun wird’s wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei den Knopflöchern.
Podkoliessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...
Stepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflöchern!
Podkoliessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr den Frack braucht? ...
Stepan. Nein, danach hat er nicht gefragt.
Podkoliessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: „Dein Herr will wohl heiraten?“ ...
Stepan. Nein, darüber hat er auch nichts gesagt.
Podkoliessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Fräcke hängen sehen? Er arbeitet doch auch für andre Leute.
Stepan. Ja, es liegen viele Fräcke bei ihm herum.
Podkoliessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei den übrigen, was? ...
Stepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.
Podkoliessin. Was sagst du? ...
Stepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.
Podkoliessin. Gut, ... schön! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?
Stepan. Nein!
Podkoliessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?
Stepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.
Podkoliessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt und gesagt, wo ich diene? ...
Stepan. Gewiß, gnädiger Herr!
Podkoliessin. Nun, und er? ...
Stepan. ... hat gesagt: „Schön, ich werde mir Mühe geben!“
Podkoliessin. Gut, du kannst gehen.
(Stepan geht ab.)
3. Auftritt
Podkoliessin (allein).
Podkoliessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist doch solider. Die bunten, ... die passen mehr für Sekretäre, Titularräte und solch ein Volk. Das ist was für Grünschnäbel. Ein Mann von höherem Rang, muß eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh, jetzt habe ich dies Wort vergessen ... es war ein so schönes Wort, und ich hab’s vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du willst: ... ein Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem Oberst zurück; es sei grade, daß er keine Epauletten trägt ... He, Stepan!
4. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Podkoliessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe? Auf dem Wosnissenski Prospekt?
Stepan. Ja, in dem Laden.
Podkoliessin. Und ist die Wichse gut?
Stepan. Ja, sehr gut.
Podkoliessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Nun, und glänzen sie schön?
Stepan. Ja, glänzen tun sie mächtig!
Podkoliessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?
Stepan. Nein.
Podkoliessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar heiraten?
Stepan. Nein, er hat nichts gesagt.
Podkoliessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)
5. Auftritt
Podkoliessin (allein).
Podkoliessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine höchst gleichgültige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genäht sind und die Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hühneraugen. Alles kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hühneraugen .... He, Stepan!
6. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Stepan. Der Herr wünschen?
Podkoliessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so machen, daß ich keine Hühneraugen bekomme?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Und was sagt er?
Stepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)
7. Auftritt
Podkoliessin allein, später Stepan.
Podkoliessin. ’s ist doch ’ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol’s der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will überdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht, wie man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich wollte dir noch sagen ...
Stepan. Die Alte ist da.
Podkoliessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan geht.)
Podkoliessin. Ja, das ist so ’ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine höchst komplizierte Geschichte das!
8. Auftritt
Podkoliessin und Thekla.
Podkoliessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun was gibts, wie sieht’s aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur und erzählen Sie. Nun, also, wie steht’s? Wie heißt sie doch gleich? Melanie? ...
Thekla. Nicht doch, Agathe Tichonowna.
Podkoliessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so ’ne vierzigjährige Jungfrau, was?
Thekla. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heißt, — heiraten Sie bloß. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.
Podkoliessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!
Thekla. Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen. Das überlaß ich den Hundesöhnen.
Podkoliessin. Und wie steht’s mit der Mitgift? ... Erzähl mir’s doch noch einmal.
Thekla. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistöckiges, im Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre reinste Freude daran haben. Für den Laden allein zahlt ein Kaufmann siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist überhaupt immer voll. Dazu hat’s zwei hölzerne Seitenflügel; der eine, der ist ganz aus Holz, und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder für sich bringt jährlich vierhundert Rubel. Und dann gehört ihr noch ein Gemüsegarten auf der Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann gepachtet, um Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver, nüchterner Mann, der nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist Vater von drei Söhnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. „Mein dritter aber“, sagte er, „ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bißchen im Laden sitzen und für das Geschäft sorgen. Ich bin schon zu alt,“ sagt er, „jetzt mag mein Sohn für mich im Laden sitzen, damit das Geschäft besser geht.“
Podkoliessin. Schön, schön; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn hübsch? ...
Thekla. Ach, der reinste Milchzucker! Weiße Haut, rote Backen, überhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann’s gar nicht sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt auf den Hals). Das heißt, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ... „Diese Thekla Iwanowna, bei der muß ich mich aber bedanken!“
Podkoliessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.
Thekla. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein General brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Von einem Kaufmann will die gar nichts hören. „Mein Mann mag aussehen wie er will,“ sagt sie, „und wenn er äußerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den Adel hat.“ Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags ihr seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht .... gradezu ’ne Gräfin.
Podkoliessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich bin doch Hofrat. Und da muß ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich schon.
Thekla. Natürlich, das ist doch klar. Was sollte dabei nicht zu verstehen sein? Es war auch schon ’n Hofrat da. Wir haben ihn aber abgewiesen, weil er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu merkwürdige Manieren. Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei war es doch ein ganz stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ... Gott hat ihn nun mal so geschaffen! Er ärgerte sich selbst darüber. Aber es war ihm einfach unmöglich, das Lügen zu lassen. Es war halt Gottes Wille.
Podkoliessin. Nun, und außer dieser? Können Sie mir keine anderen Vorschläge machen? ...
Thekla. Was wollen Sie denn noch für welche? ... Eine Schönere können Sie sich ja gar nicht wünschen.
Podkoliessin. Als wenn’s überhaupt keine Schönere gäbe!
Thekla. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.
Podkoliessin. Na schön, ich will’s mir überlegen, Mütterchen! Also kommen Sie übermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie erzählen mir.
Thekla. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat Tag für Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus: immer sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.
Podkoliessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu meinem Diener sage: „He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie mir an und los!“ Das will doch überlegt, durchdacht sein.
Thekla. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, .... meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch früh, ... und fahren Sie hin!
Podkoliessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trübe es draußen ist. Wenn es nun anfängt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...
Thekla. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue Haare zu bekommen. Bald taugen Sie überhaupt nicht mehr zum Ehemann. Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie Sie!
Podkoliessin. Was für dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fällt Ihnen nur plötzlich ein, zu behaupten, ich hätt’ graue Haare? Wo sollen die denn sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)
Thekla. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es nun einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefällt ihm nicht, und jene paßt ihm nicht. Ich habe einen Kapitän an der Hand, dem reichen Sie nicht an die Schulter. Der hat ’ne Stimme! ... Wie ’ne Trompete. Er dient in der Admiralität.
Podkoliessin. Nein, das lügst du! Ich will doch mal in den Spiegel sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring mir mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon selber holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behüte! Das ist ja schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nächste Zimmer.)
9. Auftritt
(Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.
Kotschkarjow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.) Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln, wozu hast du mich bloß verheiratet? ..
Thekla. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.
Kotschkarjow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was Besonderes. Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wäre.
Thekla. Du warst ja gar nicht loszuwerden. „Schaff mir ’ne Frau, Mütterchen, schaff mir ’ne Frau!“
Kotschkarjow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du bloß hier? Oder sollte gar der Podkoliessin?
Thekla. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..
Kotschkarjow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzählt mir kein Sterbenswörtchen davon. So ein Kerl! Macht’s ganz im geheimen. Wie? .. Was? ..
10. Auftritt
Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in dem er sich aufmerksam betrachtet.
Kotschkarjow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!
Podkoliessin (schreit auf und läßt den Spiegel fallen, der zerbricht). Du? Du bist wohl verrückt geworden? .. Was für einen Sinn hat das nur? .. Wozu diese Dummheiten? .. Wahrhaftig, ich bin so erschrocken, daß ich gar nicht weiß, wo ich bin.
Kotschkarjow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spaß!
Podkoliessin. Ein schöner Spaß! Ich kann mich bis jetzt nicht vom Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein billiges Stück. Den hab’ ich in einem englischen Laden gekauft.
Kotschkarjow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern Spiegel kaufen.
Podkoliessin. Ja, ja, ich weiß schon. Ich kenne diese andern Spiegel schon. In denen sieht man um zehn Jahre älter aus. Die ganze Fratze wird einem schief darin.
Kotschkarjow. Ich hätte viel mehr Grund, mich über dich zu ärgern. Ich bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich verheiraten!
Podkoliessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.
Kotschkarjow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man weiß schon, was das für ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das ist doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein patriotisches Werk! Doch, laß mich nur machen! Ich nehme alles auf mich. (Zu Thekla.) Also, nun los, erzähle. Wie, wo, was. Ist es ’ne Adlige, eine aus dem Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, — wie heißt sie?
Thekla. Agathe Tichonowna heißt sie.
Kotschkarjow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!
Thekla. Nein, Kuperdjagina.
Kotschkarjow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.
Thekla. Nicht doch, in der Nähe von Peßki wohnt sie. In der Müllnijgasse.
Kotschkarjow. Natürlich, in der Müllnijgasse, gleich hinter dem Kramladen. In dem hölzernen Haus.
Thekla. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.
Kotschkarjow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.
Thekla. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem Häuschen vorbei. Gleich hinter dem Häuschen mußt du nach links einbiegen. Dann siehst du das hölzerne Haus vor dir, in dem die Näherin wohnt, ... die, die früher mit dem Obersekretär des Senats zusammengelebt hat. An der Näherin also mußt du vorübergehen: du läßt sie hinter dir. Aber sofort danach, das steinerne Haus, das gehört ihr. Das heißt, da wohnt sie: Agathe Tichonowna, die Braut.
Kotschkarjow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst du abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.
Thekla. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat zustande!
Kotschkarjow. Selbstverständlich! Ich besorge das ganz allein. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.
Thekla. Pfui, schäme dich. Das ist doch kein Beruf für Männer. Lassen Sie die Hand davon, Väterchen! Ich bitte Sie!
Kotschkarjow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!
Thekla. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter Sünder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewußt hätte! Kein Wort wäre über meine Lippen gekommen! (Läuft wütend hinaus.)
11. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
Kotschkarjow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt durchaus keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.
Podkoliessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich überlege es mir doch erst!
Kotschkarjow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache steht.
Podkoliessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich hinfahren.
Kotschkarjow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt’s denn noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du? Guck dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ... Dort liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf dem Tisch treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst beständig auf der Bärenhaut und faulenzt.
Podkoliessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das weiß ich am allerbesten.
Kotschkarjow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben wirst. Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen, dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ... hier Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und plötzlich setzt sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes Frauchen, und streichelt dich mit ihren Händchen.
Podkoliessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen es in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...
Kotschkarjow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben noch ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß der Teufel, was die nicht alles haben.
Podkoliessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.
Kotschkarjow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft — unter einem Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, — unbedingt. Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol’ ihn der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, — weißt du, — da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein Diner, nach dem stehst du überhaupt nicht mehr auf.
Podkoliessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins Zeug. Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.
Kotschkarjow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.
Podkoliessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht einverstanden.
Kotschkarjow. Da haben wir’s. Soeben hast du doch erklärt, du wolltest gerne heiraten!
Podkoliessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...
Kotschkarjow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?
Podkoliessin. Gewiß gefällt es mir! ...
Kotschkarjow. Na also, woran fehlt’s denn noch?
Podkoliessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.
Kotschkarjow. Was ist sonderbar?
Podkoliessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war man so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.
Kotschkarjow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich sehe wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du eigentlich vor? Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und wozu lebst du eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was siehst du da? ... Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen, überlege dir doch nur, wie dann die kleinen Kinderchen um dich herumhüpfen werden. Nicht etwa zwei oder drei, nein, gleich ein halbes Dutzend. Und alle gleichen dem Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jetzt bist du allein, bist Hofrat, Expeditor, oder irgendein Direktor irgendeines Departements und weiß Gott, was sonst noch. Und nun stell dir erst mal vor, was dann sein wird. Alle die kleinen Expeditorchen um dich herum, diese kleinen Spitzbuben, und wenn dann solch ein kleiner Wildfang die Hände ausstreckt und dir im Bart zu krauen beginnt, und du dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau, wau, wau ... na, nun sag selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...
Podkoliessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie werden mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.
Kotschkarjow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen; das ist eben der Witz.
Podkoliessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel. So’n kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon wie aus dem Gesicht geschnitten.
Kotschkarjow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren wir.
Podkoliessin. Also ... gut, meinetwegen!
Kotschkarjow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.
Podkoliessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht sollte ich lieber eine weiße Weste nehmen?
Kotschkarjow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.
Podkoliessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wäscherin. Hat schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht stehen. Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht plättet, dann schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib! Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen, anstatt zu plätten.
Kotschkarjow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du denn so lange herum.
Podkoliessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör mal, Ilja Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!
Kotschkarjow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich verheiraten? .. Du oder ich? ...
Podkoliessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber morgen.
Kotschkarjow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du nicht ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr. Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump, nach alledem? ...
Podkoliessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir denn was zuleide getan?
Kotschkarjow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil! Sie werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na, ich hätte beinahe etwas gesagt. Wenn’s nur nicht zu unanständig wäre. ... Ein altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!
Podkoliessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest dir dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...
Kotschkarjow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn ein Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn soviel Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch entschlossen, zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun, mit einemmal, aus einer bloßen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!
Podkoliessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?
Kotschkarjow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja gar nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel! Schnell ...
Podkoliessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow! Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst mit einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch kein Benehmen.
Kotschkarjow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht mehr ...
(Beide ab.)
12. Auftritt
Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante, blickt ihr über die Achseln in die Karten.
Agathe Tichonowna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein Karo-König interessiert sich für mich. ... Tränen! ... Ein Liebesbrief ... links der Treff-König zeigt große Teilnahme, aber hier liegt ein böses Weib dazwischen.
Arina Panteleimonowna. Und was denkst du, der Treff-König: wer mag das sein?
Agathe Tichonowna. Das kann ich doch nicht wissen.
Arina Panteleimonowna. Aber ich weiß es.
Agathe Tichonowna. Ja? ... Wer? ...
Arina Panteleimonowna. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt, Alexei Dmitriewitsch Starikow.
Agathe Tichonowna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede Wette ein, daß der es nicht ist.
Arina Panteleimonowna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna, sieh doch die blonden Haare hier; einen andern Treff-König gibt es ja gar nicht.
Agathe Tichonowna. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-König ist immer ein Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-König heran.
Arina Panteleimonowna. Ach, Agathe Tichonowna, du würdest auch anders reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am Leben wäre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Ich spucke auf jeden, der sich schämt, ein Kaufmann zu sein. Ich gebe meine Tochter keinem Obersten,“ sagte er. „Mögen das doch andre Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden“, sagte er. „Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder andere?“ sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. Und das war ’ne Hand, sag’ ich dir, so groß wie ein Eimer. Ja, solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen sein soll, deiner seligen Mutter hat er das Leben auch gehörig versalzen. Sonst hätt’ sie wohl noch länger gelebt.
Agathe Tichonowna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bösen Mann kriegen? Nein, unter keinen Umständen nehme ich einen Kaufmann.
Arina Panteleimonowna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar nicht solch einer.
Agathe Tichonowna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und dann trägt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!
Arina Panteleimonowna. Aber wo soll man nur einen anständigen Adligen hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Straße herum!
Agathe Tichonowna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben. Sie versprach mir’s, den Allerschönsten zu finden.
Arina Panteleimonowna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.
13. Auftritt
Die Vorigen und Thekla Iwanowna.
Thekla. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schämen Sie sich doch, mir hinterm Rücken so was nachzureden.
Agathe Tichonowna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun, wie steht’s? Sprechen Sie doch! Erzählen Sie! Haben Sie einen?
Thekla. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Häusern gewesen, in allen Kanzleien und Ministerien; hab’ sogar in die Kasernen geguckt! ... Wissen Sie, Mütterchen, beinah geschlagen hat man mich ... bei Gott! Die Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die stürzte sich auf mich los und schrie: „Du bist mir auch so eine und so ’ne, nimmst bloß andern Leuten das Brot weg, bleib du doch gefälligst in deinem Revier!“ ... „Was soll ich tun,“ sagte ich ihr geradezu ins Gesicht, „verzeih, aber für mein Fräulein, da bin ich jederzeit zu allem bereit.“ Ja mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch für Freier besorgt habe! Na, das heißt: solange die Welt steht, — und sie wird noch lange stehen — aber solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden noch heute ihre Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um Sie vorzubereiten.
Agathe Tichonowna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna, ich bitte Sie ... ich fürchte mich ...
Thekla. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mütterchen. ’s ist ja eine ganz gewöhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und — weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.
Arina Panteleimonowna. Na, du wirst mir schon nette Kerle rausgesucht haben.
Agathe Tichonowna. Wie viele sind es denn? Sind’s viele?
Thekla. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.
Agathe Tichonowna (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...
Thekla. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Höhe, Mütterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefällt dir der eine nicht, so tut’s vielleicht der andere.
Agathe Tichonowna. Und sind es Adlige? ..
Thekla. Aber natürlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die, finden Sie nirgends mehr.
Agathe Tichonowna. Und was sind es für Menschen? ...
Thekla. Ach, prächtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge Leute. Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein ganz vorzüglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der paßt ausgezeichnet zu Ihnen! „Denn“, sagt er, „was meine Braut betrifft, die muß voll sein.“ Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist da Iwan Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr würdiger, ein geradezu unnahbarer Mann. Wenn der einen anschreit: „Erzähl’ mir nur keine langen Geschichten von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und Immabilien, und damit basta!“ So und so viel, Väterchen, bei Gott! „Das lügst du, Luder!“ ... Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf geworfen, ja, Mütterchen, das ist schon zu unanständig, um es hier zu wiederholen. Da hatt’ ich’s gleich raus: das muß aber ein vornehmer Mann gewesen sein.
Agathe Tichonowna. Nun, und wer noch? ..
Thekla. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin. Eine majestätische Gestalt! Und was für Lippen er hat ... die reinsten Himbeeren. So ein feiner Herr! „Ich will,“ sagte er, „daß meine Frau hübsch und gut erzogen ist, und Französisch muß sie sprechen können.“ Ja, ein Herr von äußerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und dabei ist er so zart und hat so schmale, dünne Beinchen.
Agathe Tichonowna. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht so recht, ... ich weiß nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.
Thekla. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen Sie doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen können Sie ja gar nicht finden. Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht durch die Tür. So ein prächtiger Mensch!
Agathe Tichonowna. Und wie alt ist er?
Thekla. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fünfzig. Oder noch nicht einmal fünfzig.
Agathe Tichonowna. Und wie ist sein Name?
Thekla. Er heißt Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.
Agathe Tichonowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein Familienname?
Thekla. Ja, das ist sein Name.
Agathe Tichonowna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur, Theklachen, wie soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heiße ich ja plötzlich Agathe Tichonowna Eierkuchen. Weiß Gott, das ist ja fürchterlich!
Thekla. I was, liebes Mütterchen, bei uns in Rußland gibt es nun mal solche Namen, da möchte man am liebsten gleich ausspucken und das Kreuz darüber schlagen, wenn man sie hört. Aber wenn er Ihnen nicht gefällt, so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein herrlicher Freier!
Agathe Tichonowna. Und was für ein Haar hat er?
Thekla. Sehr schönes Haar, mein Herzchen.
Agathe Tichonowna. Und die Nase?
Thekla. Eh, die Nase ist auch schön. Überhaupt, alles steht an seinem richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prächtiger Mensch. Nur über eins dürfen Sie sich nicht ärgern: — in seiner ganzen Wohnung werden Sie nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Möbelstück weiter!
Agathe Tichonowna. Und wen gibt’s noch?
Thekla. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. — Ein Beamter und Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafür ist er sehr zurückhaltend.
Arina Panteleimonowna. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter! Sag mir lieber, ob er nicht gerne einen über den Durst trinkt.
Thekla. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist wahr. Was soll man machen? ... Dafür ist er auch Titular-Rat. Aber im übrigen ist er so ruhig und sanft wie Seide.
Agathe Tichonowna. Nein, ich danke schön. Einen Trinker will ich nicht zum Manne haben.
Thekla. Gut, Mütterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen, so nehmt einen andern. Aber, ... schließlich, was ist auch dabei, wenn er wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze Woche betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nüchternen Tag haben.
Agathe Tichonowna. Nun, und wer weiter?
Thekla. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit ihm! Die andern sind schon besser!
Agathe Tichonowna. Nein, sag, wer ist er.
Thekla. Am liebsten hätte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist er ja Hofrat, mit ’nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar schwerfällig; kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.
Agathe Tichonowna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fünf! Und zuerst sprachst du doch von sechsen.
Thekla. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an, wie Sie plötzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz erschrocken.
Arina Panteleimonowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und wenn es auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle miteinander auf.
Thekla. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was Vornehmeres.
Arina Panteleimonowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit. Sieh dir mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmütze im Schlitten vorüberfährt ...
Thekla. Dafür kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen und sagt: „Was fällt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz“. Oder „he, Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten“. Worauf der Kaufmann erwidert: „Bitte sehr, Euer Gnaden!“ — „Nimm mal deine Mütze ab, du Flegel!“ So spricht ein Adliger.
Arina Panteleimonowna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat, braucht er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt dasitzen und hat nichts anzuziehen.
Thekla. Dann wird ihm der Adlige eins über den Schädel schlagen.
Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei laufen und ihn verklagen.
Thekla. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator verklagen.
Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur gehen.
Thekla. Dann wird der Adlige ...
Arina Panteleimonowna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen Adligen. Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren Adligen dicke. Auch so’n Adliger muß manches liebe Mal seine Bücklinge machen. (Es läutet an der Türe.) Ich glaube, es hat geläutet!
Thekla. Ach Gott, da sind sie schon.
Agathe Tichonowna. Wer ... sie?
Thekla. Nun ja, sie — einer von den Freiern.
Agathe Tichonowna (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!
Arina Panteleimonowna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine Sünden! Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgeräumt. (Sie nimmt alles, was auf dem Tische liegt, zusammen und läuft damit durch das Zimmer.) Herrgott, das Tischtuch ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ... Dunjaschka! (Dunjaschka kommt hereingelaufen.) Schnell ein reines Tischtuch! (Arina reißt das Tischtuch vom Tisch und läuft durchs Zimmer.)
Agathe Tichonowna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich hab’ ja fast nur ein Hemd an.
Arina Panteleimonowna. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh dich um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines Tischtuch. Es läutet wieder.) Lauf doch nur hin und öffne. Sage, wir kommen gleich. (Dunjaschka geht. Man hört sie von draußen „gleich“ rufen.)
Agathe Tichonowna. Aber Tante, mein Kleid ist nicht geplättet.
Arina Panteleimonowna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser; — zieh doch das andre an.
Thekla (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? — Kommen Sie, Agathe Tichonowna — machen Sie doch schneller, Mütterchen! (Man hört es wieder läuten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.
Arina Panteleimonowna. Dunjaschka, laß ihn eintreten und bitte ihn, zu warten.
(Dunjaschka läuft in den Flur und öffnet die Tür; dann hört man Stimmen: „Zu Hause?“ ... „Ja, bitte, treten Sie ein.“ Die Frauen blicken angestrengt durch das Schlüsselloch.)
Agathe Tichonowna (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!
Thekla. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)
14. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.
Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier gefälligst! (Geht ab.)
Eierkuchen. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ... Wenn’s mich nur nicht zu lange aufhält. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus dem Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General plötzlich einfiele, zu fragen: „Und wo ist der Exekutor?“ ... „Er ist auf die Brautschau gegangen.“ Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren läßt. Übrigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er liest.) Also, ein zweistöckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und betrachtet das Zimmer) Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei Seitenflügel; einer auf einem Fundament von Stein und ein hölzerner Flügel. Na der hölzerne ist ziemlich schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk und dazu eine große und eine kleine Decke. Na, den Schlitten wird man wohl in die Rumpelkammer stecken können. Die Alte behauptet zwar, er sei prima. Schön, meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Löffel. Hm, ja, in der Wirtschaft werden freilich silberne Löffel gebraucht. Zwei Fuchspelze. Hm. Vier große Oberbetten und zwei kleine. (Er preßt die Lippen bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar Kattunkleider. Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wäsche, Tischtücher; ach, das mag sie halten wie sie will. Übrigens, man muß das doch alles gut in Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Häuser und Equipagen, und wenn es zur Heirat kommt, findet man nichts als Oberbetten und Daunenkissen.
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft atemlos durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ ...)
15. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.
Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht ab.)
(Anutschkin und Eierkuchen begrüßen sich.)
Eierkuchen. Ich habe die Ehre!
Anutschkin. Habe ich vielleicht das Vergnügen, den Vater der reizenden Tochter zu begrüßen?
Eierkuchen. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe überhaupt noch keine Kinder.
Anutschkin. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.
Eierkuchen (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir verdächtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich? (Laut.) Sie kommen wohl des Fräuleins wegen?
Anutschkin. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim Spazierengehen so mit herangekommen.
Eierkuchen (beiseite). Der Kerl lügt! Sicher lügt er! Dies Spazierengehen kenn’ ich. Heiraten will er, der Lump!
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“)
16. Auftritt
Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.
Schewakin (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab! Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind. Sieh doch mal nach: Kriecht mir da nicht ’ne Spinne über den Rock? Sind auch die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier scheint noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand über den Ärmel und beobachtet Anutschkin und Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer Stoff. Und wie er sich trägt! Im Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien lag, — ich war damals allerdings noch Kadett — hab’ ich mir die Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar Pawel Petrowitsch wurde ich Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie neu. 1814 machte ich die Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal, daß er anfängt, sich an den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich meinen Abschied; da brauchte ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich ihn schon zehn Jahre, und er ist noch immer fast wie neu ... So ist’s gut, Herzchen, danke schön, meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den Spiegel und fährt sich mit der Hand durch die Haare.)
Anutschkin. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ... Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses Sizilien?
Schewakin. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig Tage lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach entzückend. Solche Berge, — zwischendurch mal ein Granatenbaum, und überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum Küssen!
Anutschkin. Und wie steht es mit der Bildung?
Schewakin. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist. Natürlich Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; — und herum alle die schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen Balkon und platte Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man denn mal so rauf, und oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will man sich doch auch nichts vergeben .... (Macht eine liebenswürdige Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch sie macht bloß so .... (Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle brillant gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand Damen-Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.
Anutschkin. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ... Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?
Schewakin. Natürlich spricht alles Französisch.
Anutschkin. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?
Schewakin. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor Sizilien gelegen, und während dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Wort Russisch von ihnen gehört.
Anutschkin. Nicht ein Wort?
Schewakin. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den Adligen und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, — nein, nehmen Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf seinen Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir ein Stück Brot! — Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: Dateci del pane oder Portate vino — dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft er hin und bringt, was Sie wünschen.
Iwan Pawlowitsch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien sein, wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein breitschultriger Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?
Schewakin. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob sie auch pflügen oder nicht, das hab’ ich gar nicht beobachtet. Aber was das Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß sie ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ... pikfein! So ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten auch zwei englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine Gesellschaft, ganz wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen merkwürdig, wir verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst ordentlich kennen gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So zeigen Sie zum Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder weiß sofort — das bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an den Mund und macht mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann einfach: Ich will eine Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen: eine ganz leichte Sprache. Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits nach zwei oder drei Tagen.
Iwan Pawlowitsch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in fremden Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?
Schewakin. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich auch meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen habe ...
Eierkuchen. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ... Eierkuchen!
Schewakin (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas gegessen. Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir, und es ist heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu mir genommen.
Eierkuchen. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben; Eierkuchen — das ist mein Familienname.
Schewakin (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie, ich höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten Eierkuchen gegessen.
Eierkuchen. Ja, was soll man machen! — Ich wollte schon den General um die Erlaubnis bitten, mich Eierkuchler nennen zu dürfen. Aber meine Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel Ähnlichkeit mit „Ei Verfluchter“ ...
Schewakin. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B. unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel, Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es schellt. Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)
Eierkuchen. Eh, guten Tag, Mütterchen!
Schewakin. Guten Tag, wie geht’s, meine Seele?
Anutschkin. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.
Thekla (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben Herren. Gut, gut.
(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ Dann hört man ein paar unverständliche Worte, worauf Thekla ärgerlich ausruft: „Du bist mir aber auch einer!“ ...)
17. Auftritt
Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.
Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Denk immer nur an eins: Courage und weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen, beiseite.) Teufel, was für ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten? Das sind doch nicht etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippenstoß und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst du bloß all die Geier?
Thekla (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anständige Menschen.
Kotschkarjow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!
Thekla. Kehr du nur vor deiner Tür. Du hast auch nichts, womit du prahlen könntest ... ’ne Zobelmütze auf’m Kopf und ’ne Wassersuppe in dem Topf!
Kotschkarjow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit ’nem Loch im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tür geht wohl in ihr Schlafzimmer? (Geht zur Türe.)
Thekla. Schäme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.
Kotschkarjow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja nur mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlüsselloch.)
Schewakin. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal, hineinzusehen.
Eierkuchen. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.
Kotschkarjow (sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Es ist nichts zu sehen, meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht nur was Weißes; aber es ist nicht herauszukriegen: ist’s eine Frau oder ein Kopfkissen.
(Alle drängen sich jedoch um die Tür und suchen sich gegenseitig fortzustoßen, um durchs Schlüsselloch zu sehen.)
Kotschkarjow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurück.)
18. Auftritt
Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle verbeugen sich.
Arina Panteleimonowna. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?
Eierkuchen. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz schlagen lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hören, um was für einen Baumschlag es sich hier handelt, wieviel und bis wann Sie liefern können.
Arina Panteleimonowna. Holz — haben wir zwar nicht abzugeben, aber wir freuen uns über Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?
Eierkuchen. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen — Kollegienassessor.
Arina Panteleimonowna. Nehmen Sie gefälligst Platz. (Wendet sich an Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie ...
Schewakin. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab’ ich mir gedacht: da mußt du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr schön, überall am Wege grünt und blüht es ...
Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?
Schewakin. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch Schewakin der Zweite. Wir hatten nämlich noch einen andern Schewakin, aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nämlich am Bein verwundet, Mütterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentümlich; sie verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen. Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand, sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fuße auswischen wollte.
Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.) Und Sie, mein Herr, was führt Sie her?
Anutschkin. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in Ihrer Nähe.
Arina Panteleimonowna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann Tulubow? Hier gegenüber?
Anutschkin. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peßki; aber ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu ziehen.
Arina Panteleimonowna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und darf ich wissen, was Sie veranlaßte ...
Kotschkarjow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Fräulein?
Agathe Tichonowna. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.
Kotschkarjow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher schon irgendwo gesehen.
Agathe Tichonowna. Ich weiß wirklich nicht. Doch nicht etwa bei Birjuschkins?
Kotschkarjow. Wo denn sonst? ... Natürlich bei Birjuschkins.
Agathe Tichonowna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was für eine Geschichte da passiert ist?
Kotschkarjow. Gewiß; sie hat sich verheiratet.
Agathe Tichonowna. Nun, das wäre noch nicht so schlimm; nein, sie hat sich ein Bein gebrochen.
Arina Panteleimonowna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spät abends im Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den Wagen um.
Kotschkarjow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mußte mit ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte sich ein Bein gebrochen.
Arina Panteleimonowna. Und wie heißen Sie?
Kotschkarjow. Bitte sehr — Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind doch Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie, erlauben Sie: (Er faßt Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein Freund Iwan Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber alles allein. Er hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht.
Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?
Kotschkarjow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der Direktor, der ist überhaupt nur noch pro forma da. Er hat das ganze Departement in den Händen. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.
Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie Platz.
19. Auftritt
Die Vorigen und Starikow.
Starikow (verbeugt sich lebhaft und schnell wie ein Kaufmann und stemmt die Hände ein wenig in die Seite). Guten Tag, Mütterchen Arina Panteleimonowna. Bei uns in der Passage war davon die Rede, Sie hätten Wolle zu verkaufen, Mütterchen.
Agathe Tichonowna (wendet sich verächtlich ab, halblaut murmelnd, aber so, daß er es verstehen kann). Hier ist doch kein Kramladen.
Starikow. Ei, also komm’ ich wohl nicht zupaß? Oder ist der Brei schon ohne mich ausgelöffelt?
Arina Panteleimonowna. Bitte, bitte, Alexei Dmitriewitsch, wenn wir auch nicht mit Wolle handeln, aber wir freuen uns doch sehr, daß Sie uns das Vergnügen machen. Bitte, nehmen Sie Platz.
(Alle sitzen schweigend da. Pause.)
Eierkuchen. Ein äußerst seltsames Wetter heute. Morgens, da sah es ganz so aus, als ob es regnen wollte. Jetzt jedoch scheint es wieder vorüber zu sein.
Agathe Tichonowna. Ja, dieses Wetter ist wirklich furchtbar ... Bald ist es hell, und bald regnet es unaufhörlich. Ein höchst peinliches Wetter.
Schewakin. Ganz recht! Zum Beispiel — sehen Sie in Sizilien, Mütterchen! Wir waren einmal im Frühjahr mit unserer Flotte dort. Die jetzige Jahreszeit entspricht ungefähr unserem Februar. Wenn man da seine Schritte ins Freie lenkt, dann leuchtet die Sonne. Und dann fängt es plötzlich an zu regnen, und wenn man genauer zusieht, dann regnet es wirklich.
Eierkuchen. Das Unangenehmste bei solch einem Wetter ist, alleine zu Hause zu sitzen. Bei einem verheirateten Manne, da ist’s doch eine ganz andere Sache. Der langweilt sich nicht; aber, wenn man alleine sitzt, das ist einfach nicht zum ...
Schewakin. Oh, eine tödtliche Langeweile!
Anutschkin. Ja, das dürfte man wohl behaupten.
Kotschkarjow. Ach was, die reinste Folter ist es. Man wird seines Lebens nicht mehr froh. Gott bewahre mich vor einem solchen Zustand.
Eierkuchen. Wie wäre es nun, mein Fräulein, wenn Sie in die Lage kämen, sich ein ... einen ... Gegenstand zu wählen? Kann ich Ihren Geschmack erfahren? Entschuldigen Sie, daß ich so frei von der Leber rede ... Was paßte Ihnen wohl am besten? Ich meine, welches Amt müßte Ihr Mann bekleiden?
Schewakin. Wollten Sie nicht einen Mann Ihr eigen nennen, der sich mit allen Stürmen des Meeres herumgeschlagen hat? ...
Kotschkarjow. Nein, nein, der beste Mann ist meiner Meinung nach nur einer, der ein ganzes Departement leiten kann.
Anutschkin. O bitte, warum denn ein solches Vorurteil. Warum wollten Sie einen Mann geringschätzen, der vielleicht nur bei der Infanterie gedient hat, der es aber doch versteht, die Formen der feinen Welt zu schätzen.
Eierkuchen. Entscheiden Sie, Fräulein!
Agathe Tichonowna (schweigt).
Thekla. So sprechen Sie doch, Mütterchen! Reden Sie doch einen Ton.
Eierkuchen. Nun Fräulein, bitte, wie steht’s? ...
Kotschkarjow. Wie denken Sie darüber, Agathe Tichonowna?
Thekla (leise zu ihr). Sagen Sie doch irgendwas, ... sagen Sie nur: „Ich danke bestens,“ oder „mit Vergnügen!“ Man sitzt doch nicht so stumm da.
Agathe Tichonowna (leise). Ich schäme mich ja! Ich schäme mich wirklich. Ich will lieber gehen ... wirklich, ich will gehen. Tantchen, bleiben Sie statt meiner hier.
Thekla. Ach, tu mir doch diese Schande nicht an. Lauf nur nicht fort, du blamierst uns ja nur. Weiß Gott, was sie von uns denken werden? ...
Agathe Tichonowna (wie vorher). Nein, ich geh ... ich geh ... ich geh wirklich ... (Sie läuft hinaus; Thekla und Arina Panteleimonowna folgen ihr.)
20. Auftritt
Die Vorigen ohne die Frauen.
Eierkuchen. Da haben wir’s! Jetzt laufen sie alle fort. Was soll das nun wieder bedeuten? ...
Kotschkarjow. Wahrscheinlich ist irgend etwas passiert? ...
Schewakin. Vielleicht ist die Toilette in Unordnung geraten. Man muß etwas nachhelfen ... Vielleicht das Mieder feststecken ... (Thekla kommt zurück; alle stürzen mit Fragen auf sie zu.) Nun, nun, was ist los?
Kotschkarjow. Ist was passiert? ...
Thekla. Wie soll denn was passiert sein! Bei Gott! Nichts ist passiert.
Kotschkarjow. Warum ist sie denn dann fortgelaufen?
Thekla. Ihr habt sie in Verlegenheit gebracht. Darum ist sie rausgelaufen. Sie war ja ganz verwirrt und wußte nicht mehr ein noch aus. Sie bittet mich, daß Ihr sie entschuldigen sollt. Ihr möchtet doch heute abend zu einem Glas Tee kommen. (Geht ab).
Eierkuchen. Eh, dieses Glas Tee! Deswegen kann mir die ganze Heiraterei gestohlen werden. Nun geht wieder die Plackerei von vorne los ... „Heute haben wir keine Zeit ... bitte kommen Sie morgen ... oder übermorgen ... auf ein Glas Tee! Wir müssen es uns noch überlegen“ ... Und dabei ist die Heirat doch ’ne ganz lumpige Sache. Erfordert durchaus kein Kopfzerbrechen. Hol’s der Teufel! Ich steh im Dienst, ich hab’ keine Zeit.
Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Hör mal du, das Mädel ist nicht übel, was? ...
Podkoliessin. Durchaus nicht übel!
Schewakin. Nettes Mädchen das!
Kotschkarjow (beiseite). Teufel, dieser Esel ist wohl verliebt! Er verpfuscht uns womöglich noch die ganze Geschichte. (Laut.) Die ist doch nicht nett! Auch nicht im mindesten.
Eierkuchen. Die Nase ist zu groß.
Schewakin. O nein. Davon habe ich nichts bemerkt. Sie ist ein richtiges Röschen!
Anutschkin. Auch ich möchte mich dieser Ansicht anschließen. Es ist doch nichts Rechtes. Ich möchte sogar zweifeln, daß sie etwas von den Formen der feinen Welt versteht. Es ist noch die Frage, ob sie das Französische beherrscht.
Schewakin. Aha, dann gestatten Sie mir wohl die Frage, warum haben Sie es nicht versucht, mit ihr Französisch zu sprechen. Vielleicht kann sie es doch?
Anutschkin. Sie glauben, daß ich des Französischen mächtig bin. Ach nein, ich hatte leider niemals das Glück, eine dahingehende Erziehung zu genießen. Mein Vater war ein Schweinehund, sozusagen ... ein Lump. Er hat gar nicht daran gedacht, mich Französisch lernen zu lassen. Damals war ich ja noch ein Kind; es wäre also ganz leicht gewesen, es mir beizubringen. Ich hätte nur tüchtig Prügel zu bekommen brauchen, dann könnte ich heute Französisch.
Schewakin. Da Sie es nun aber nicht verstehen, was könnte es Ihnen nützen, wenn diese ...
Anutschkin. O nein! Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie muß es unbedingt können; sonst ist eben ... dieses und das und ... (er macht ein paar Gesten) alles eben nicht in Ordnung.
Eierkuchen (beiseite). Mag sich ein anderer darüber den Kopf zerbrechen. Ich will unterdessen mal hinlaufen und mir das Haus und seine beiden Seitenflügel von unten ansehen. Wenn da nur alles in Ordnung ist, dann setze ich es heute abend noch durch. Diese Herren Freier sind mir gewiß nicht gefährlich, das ist ja man ’ne recht schwächliche Sorte. Solche Gesellen! Nein, die Frauenzimmer haben einen andern Geschmack.
Schewakin. Man sollte sich eine Pfeife anzünden! Haben wir vielleicht denselben Weg? Darf ich fragen, wo wohnen Sie doch gleich?
Anutschkin. Bitte sehr, in Peßki, in der Petrowski-Gasse.
Schewakin. Hm, das wäre allerdings ein Umweg. Ich wohne auf Wassiliewski-Ostrow, in der achtzehnten Linie. Übrigens kann ich Sie doch begleiten.
Starikow. Nein, die Herrschaften sind mir doch etwas zu hochnäsig. Na, Agathe Tichonowna, Sie werden noch einmal an mich denken. Ich empfehle mich Ihnen, meine Herren. (Er verbeugt sich und geht ab.)
21. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow.
Podkoliessin. Und worauf warten wir?
Kotschkarjow. Nein, sag mal, sie ist doch ganz reizend, was?
Podkoliessin. Ach, geh, aufrichtig gesagt, sie gefällt mir nicht!
Kotschkarjow. Da haben wir’s! Was soll das nun wieder heißen? Vorhin hast du doch selbst zugegeben, daß sie hübsch ist.
Podkoliessin. Ich weiß nicht, aber es ist wohl doch nicht das Richtige. Die Nase ist zu lang und dann: sie spricht ja nicht Französisch.
Kotschkarjow. Was soll denn das? ... Wozu hast du es denn nötig, daß sie Französisch spricht?
Podkoliessin. Nein, bitte, ein Mädchen, das heiraten will, muß Französisch können.
Kotschkarjow. Wozu?
Podkoliessin. So ... weil ... nun ich weiß nicht mehr warum; sonst ist die Sache eben nicht in Ordnung.
Kotschkarjow. Da haben wir’s! Irgendein Esel hat hier so was behauptet, und du läßt gleich die Ohren hängen. Sie ist entzückend, sag’ ich dir, einfach entzückend! Ein solches Mädchen findest du überhaupt nicht wieder.
Podkoliessin. Ich muß ja gestehen, im Anfang gefiel sie mir ebenfalls. Aber als nachher die andern kamen und sagten, die Nase sei zu lang, da sah ich genauer hin und fand wirklich, daß die Nase zu lang ist.
Kotschkarjow.
Ach, dieser Esel läuft umher, Find’t seine eigne Tür nicht mehr!
Du Dummkopf, das wird doch absichtlich so geredet, um dich wegzugraulen. Ich hab’s doch genau so gemacht. So wird’s eben gemacht! Bester, ich sag’ dir, das ist ein Mädchen! Sieh dir nur mal die Augen an. Augen sind das! Die reden und glühen ja förmlich. Weiß der Teufel! Und die Nase ... Himmel, ist das ’ne Nase! Wie Alabaster so weiß. Ach was, Alabaster reicht da gar nicht heran. Sieh du sie dir nur erst mal ordentlich an.
Podkoliessin (lächelnd). Ja, jetzt sehe ich es selbst: sie ist wirklich schön.
Kotschkarjow. Natürlich ist sie’s! Hör mal: jetzt, nachdem sie alle fort sind, können wir gleich reingehen, du erklärst dich, und die Geschichte ist erledigt.
Podkoliessin. Nein, das tue ich denn doch nicht.
Kotschkarjow. Warum denn nicht?
Podkoliessin. Das wäre doch zu unverschämt. Wir sind doch so viele, mag sie selbst wählen.
Kotschkarjow. Was gehen denn dich die andern an? Fürchtest du dich vor der Konkurrenz. Wie? Oder willst du, daß ich sie alle in einer Minute hinausbefördere?
Podkoliessin. Ja, wie willst du sie denn hinausbefördern?
Kotschkarjow. Das laß nur meine Sache sein! Versprich mir nur das eine, daß du nachher dein Wort nicht zurücknimmst.
Podkoliessin. Weshalb sollte ich das nicht versprechen? Bitte schön, ich leiste ja gar keinen Widerstand. Ich habe die feste Absicht, zu heiraten! — —
Kotschkarjow. Deine Hand darauf!
Podkoliessin (reicht ihm die Hand). Hier.
Kotschkarjow. Nun, mehr brauch’ ich nicht. (Beide ab.)
Zweiter Aufzug
Zimmer im Hause Agathe Tichonownas.
1. Auftritt
Agathe Tichonowna allein; später Kotschkarjow.
Agathe Tichonowna. Nein, wie schwer wird einem doch eine solche Wahl! Wären es nur einer oder zwei. Aber nun gleich vier. Ja, wer die Wahl hat, hat die Qual! Nikanor Iwanowitsch ist ja nicht übel; obwohl er etwas zu mager ist. Iwan Kusmitsch ist übrigens auch nicht häßlich und, wenn ich die Wahrheit sagen soll, so ist zwar Iwan Pawlowitsch ein wenig dick, aber doch ein ganz stattlicher Mann. Schöne Geschichte! Was soll ich nur anfangen? Andererseits hat auch Baltasar Baltasarowitsch seine Vorzüge. Nein, wie schwer wird einem doch solch ein Entschluß! Es läßt sich gar nicht sagen, wie schwer. Wenn man die Lippen Nikanor Iwanowitschs nehmen und die Nase Iwan Kusmitschs darüber setzen könnte, und wäre dazu etwas von der Keckheit Baltasar Baltasarowitschs und dann noch ein wenig von der Fülle Iwan Pawlowitschs dabei — dann würde ich mich auf der Stelle entschließen. So aber, ach, ich mag gar nicht daran denken! Der Kopf schmerzt mir schon. Vielleicht wäre es das Beste, darum zu losen. Möge Gott entscheiden! Wen ich ziehe, der soll mein Mann werden. So, ich werde alle Namen auf Zettelchen schreiben, sie rollen, durcheinanderschütteln, und mag dann kommen, was kommen will. (Sie geht an das Tischchen, holt Papier und eine Schere herauf, schneidet einige Zettel, rollt sie und fährt fort.) Wie schrecklich ist doch die Lage eines jungen Mädchens, besonders wenn sie verliebt ist ... Kein Mann kann sich da hineinversetzen, ach, keiner wird sie auch nur verstehen wollen. So, jetzt sind sie alle fertig. Jetzt brauche ich sie nur ins Täschchen zu stecken, die Augen zuzumachen und dann mag kommen, was da will. (Sie legt die Zettel in den Pompadour und mischt sie mit der Hand.) Wie ängstlich ich bin! Ach, wenn Gott gäbe, daß ich Nikanor Iwanowitsch zöge ... Doch nein, warum grade ihn? ... Lieber schon Iwan Kusmitsch. Aber warum grade Iwan Kusmitsch? Die andern sind doch auch nicht schlechter. Nein, ich will an nichts denken. Wen ich herausziehe, der mag es schon sein. Endgültig! (Sie sucht mit der Hand im Pompadour herum und zieht statt eines Zettels — alle auf einmal.) Ach Herr Gott, jetzt habe ich alle auf einmal herausgezogen ... Ach, wie mein Herz klopft ... Nein, nein, nur einen! (Sie legt die Zettel wieder in den Pompadour und mischt sie von neuem. In diesem Augenblick kommt Kotschkarjow leise herein und tritt hinter sie.) Ach, wenn ich doch Baltasar Baltasarowitsch, nein, ich wollte sagen Nikanor Iwanowitsch ... Nein, nein, ich will nicht. Das Schicksal mag entscheiden.
Kotschkarjow. Nehmen Sie Iwan Kusmitsch! Fertig! Das ist schon das allerbeste.
Agathe Tichonowna. Ach! (Sie schreit auf, bedeckt das Gesicht mit beiden Händen und fürchtet sich, sich umzusehen.)
Kotschkarjow. Warum erschrecken Sie so? Haben Sie keine Angst; ich bin es. Wirklich, nehmen Sie schon Iwan Kusmitsch.
Agathe Tichonowna. Ach, ich schäme mich so. Gewiß haben Sie gehorcht.
Kotschkarjow. Das schadet doch nichts! Ich gehöre doch zur Familie. Vor mir brauchen Sie ja keine Geheimnisse zu haben. Lassen Sie mich doch Ihr Gesichtchen sehen.
Agathe Tichonowna (zieht die Hand zur Hälfte zurück). Nein, wirklich, ich schäme mich!
Kotschkarjow. Also, nehmen Sie Iwan Kusmitsch.
Agathe Tichonowna. Ach! (Schreit wieder auf und bedeckt das Gesicht von neuem mit den Händen.)
Kotschkarjow. Wirklich, er ist ein prächtiger Mensch; er hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht. Wahrhaftig, ein seltener Mensch!
Agathe Tichonowna (zieht ihre Hände wieder langsam zurück). Wie aber ... und der andere? Nikanor Iwanowitsch? Das ist doch auch ein vortrefflicher Mensch.
Kotschkarjow. Aber, ich bitte Sie, das ist doch nur Bruch; im Vergleich zu Iwan Kusmitsch.
Agathe Tichonowna. Wieso denn?
Kotschkarjow. Aber das ist doch ganz klar! Iwan Kusmitsch ist eben ein Mensch ... nun also, ein Mensch, so, wie Sie ihn einfach nicht wieder finden.
Agathe Tichonowna. Und Iwan Pawlowitsch?
Kotschkarjow. Na, Iwan Pawlowitsch ist natürlich auch Bruch; kurz und gut, sie sind eben alle Bruch.
Agathe Tichonowna. Wirklich alle?
Kotschkarjow. Urteilen Sie doch selbst. Sie brauchen nur zu vergleichen. So oder so — Iwan Kusmitsch, und daneben die andern ... hergelaufenes Gesindel! Dieser Iwan Pawlowitsch, dieser Nikanor Iwanowitsch. Pfui Teufel noch einmal!
Agathe Tichonowna. Eigentlich haben Sie recht! Es sind wahrhaftig recht unansehnliche Menschen.
Kotschkarjow. Was? ... Unansehnlich? Pack! Strolche! Eine ganz gefährliche Bande! Haben Sie denn Lust, schon am Tage nach der Hochzeit geschlagen zu werden?
Agathe Tichonowna. O mein Gott! Welch ein Unglück ... ich könnte mir kein furchtbareres Unglück denken.
Kotschkarjow. Etwas Furchtbareres läßt sich auch gar nicht vorstellen.
Agathe Tichonowna. Also Sie meinen, ich soll Iwan Kusmitsch nehmen?
Kotschkarjow. Gewiß. Iwan Kusmitsch. Natürlich! Iwan Kusmitsch (Beiseite.) Ich glaube, die Sache geht glatt. Podkoliessin sitzt im Café, ich will gleich mal hinlaufen und ihn holen.
Agathe Tichonowna. Also, Sie meinen wirklich, daß ich Iwan Kusmitsch nehmen soll?
Kotschkarjow. Unbedingt Iwan Kusmitsch ...
Agathe Tichonowna. Und ich soll den andern einen Korb geben?
Kotschkarjow. Selbstverständlich! ...
Agathe Tichonowna. Wie soll ich das nur machen? Ich schäme mich ein wenig.
Kotschkarjow. Was ist dabei zu schämen? ... Sagen Sie doch einfach, Sie fühlen sich noch zu jung zum Heiraten.
Agathe Tichonowna. Das werden sie mir nicht glauben. Sie werden erst fragen: wie, warum, weswegen ...
Kotschkarjow. Ja, wollen Sie die Gesellschaft auf einmal loswerden, dann sagen Sie doch einfach: „Macht daß ihr rauskommt, Ihr Esel!“
Agathe Tichonowna. Aber nein, so was sagt man doch nicht!
Kotschkarjow. Versuchen Sie’s nur mal, seien Sie sicher, danach laufen sie alle davon.
Agathe Tichonowna. Nein, das wäre ja geradezu grob.
Kotschkarjow. Aber Sie sehen sie doch nicht mehr wieder. Da kann’s Ihnen doch gleich bleiben.
Agathe Tichonowna. Es schickt sich aber doch nicht. Und dann, sie könnten in Wut geraten.
Kotschkarjow. Das ist doch kein Unglück, wenn sie böse werden. Wenn’s noch irgendwelche Folgen hätte, dann wär’s was anderes. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, daß Ihnen der eine oder der andere ins Gesicht spuckt. Weiter nichts! ...
Agathe Tichonowna. Nun, da sehen Sie’s!
Kotschkarjow. Nun? Was schadet denn das? Manch einem ist das schon ein paarmal passiert. Bei Gott! Da hab’ ich einen Bekannten, einen hübschen Kerl, mit roten Backen, der hat seinem Chef so lange auf dem Hals gelegen, ihn um Zulage gequält, bis der es schließlich nicht mehr aushielt, und ihm gradweg ins Gesicht spuckte. Bei Gott! „Da hast du deine Zulage,“ hat er ihn angebrüllt, „laß mich in Ruhe, du Satan!“ aber bekommen hat er die Zulage nachher doch. Was hat’s ihm geschadet, daß er ihn angespuckt hat? Ja, hätte er kein Taschentuch bei sich gehabt! Aber er hatte ja eins in der Tasche, nahm es heraus und wischte sich ab. (Draußen schellt es.) Aha, es klopft, da kommt wohl schon einer angezogen. Aber jetzt möchte ich keinem von ihnen begegnen. Sagen Sie, gibt es hier keinen zweiten Ausgang?
Agathe Tichonowna. Ja, doch, hier über die Hintertreppe ... Ich zittre am ganzen Körper. Wahrhaftig! ...
Kotschkarjow. Das macht nichts. Nur Mut und Selbstvertrauen! Leben Sie wohl. (Beiseite.) Ich muß doch den Podkoliessin schnell herschleppen.
2. Auftritt
Agathe Tichonowna und Eierkuchen.
Eierkuchen. Ich bin mit Absicht etwas früher gekommen, mein Fräulein, um Sie ganz allein zu sprechen und zwar in aller Ruhe. Was meinen Rang anbetrifft, Fräulein, so sind Sie, wie ich glaube, zur Genüge informiert. Ich bin Kollegien-Assessor; meine Vorgesetzten lieben mich; meine Untergebenen gehorchen mir; ich bedarf also nichts als einer Lebensgefährtin.
Agathe Tichonowna. Ja.
Eierkuchen. Jetzt aber habe ich eine gefunden, nämlich Sie! Bitte, antworten Sie mir, aber ohne Umschweife: Ja, oder nein! (Er betrachtet ihre Schultern; beiseite.) In der Tat, sie ist nicht so mager, wie die deutschen Mädchen; sie hat doch wenigstens was auf sich.
Agathe Tichonowna. Aber ich bin doch noch zu jung; ich will noch nicht heiraten.
Eierkuchen. Aber ich bitte Sie, mein Fräulein, warum bemüht sich dann die Vermittlerin? Nein, vielleicht wollten Sie etwas anderes sagen; sprechen Sie sich ruhig aus! (Es klingelt.) Teufel, die lassen einem ja nicht mal Zeit, die Sache richtig anzupacken.
3. Auftritt
Die Vorigen und Schewakin.
Schewakin. Mein gnädiges Fräulein, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich vielleicht ein wenig zu früh erscheine. (Dreht sich um und erblickt Eierkuchen.) Aha, es ist schon jemand hier. Iwan Pawlowitsch, ich habe die Ehre!
Eierkuchen (beiseite). Hol’ dich der Teufel mit deiner Ehre. (Laut.) Also, wie steht’s, mein Fräulein? Sagen Sie doch nur ein Wort: Ja oder nein? (Es läutet. Eierkuchen spuckt wütend aus.) Schon wieder die Glocke!
4. Auftritt
Die Vorigen und Anutschkin.
Anutschkin. Vielleicht, mein Fräulein, dürfte ich etwas früher gekommen sein, als es die Regeln des Anstandes erlauben. (Erblickt die übrigen und begrüßt sie mit einem Ausruf des Erstaunens.) Ah, Ihr ergebener Diener!
Eierkuchen (bei sich). Zum Teufel mit deinem Diener! Dich hat der Satan hergeführt. Wenn du doch auf deinen dürren Stelzen zusammenklapptest! (Laut.) Nun also, mein Fräulein, entscheiden Sie sich jetzt! Sie wissen, mich ruft mein Dienst, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Ja oder nein?
Agathe Tichonowna (verlegen). Es ist nicht nötig ... es ist nicht nötig ... nicht doch ... (Zu sich selber.) Ich weiß ja gar nicht, was ich spreche.
Eierkuchen. Wie, nicht nötig? In welcher Hinsicht nicht nötig?
Agathe Tichonowna. Ach nein, nein, das wollte ich ja gar nicht sagen. (Plötzlich Mut fassend.) Raus! (Schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.) Ach, mein Gott, mein Gott, was hab’ ich nur gesagt!
Eierkuchen. Wie raus? Was bedeutet das: Raus? Ich muß Sie fragen, was Sie darunter verstanden haben wollen? (Stemmt die Arme drohend in die Seite und geht auf sie zu.)
Agathe Tichonowna (sieht ihn erschrocken an und schreit entsetzt auf). Mein Gott, er will mich schlagen! Er will mich schlagen!
(Sie läuft hinaus; Eierkuchen bleibt mit offenem Munde stehen. Auf ihr Schreien kommt)
Arina Panteleimonowna (hereingelaufen. Sowie sie ihm ins Gesicht sieht, schreit sie ebenfalls auf). Mein Gott, er will mich schlagen! (Läuft hinaus.)
Eierkuchen. Was für eine Komödie geht hier vor sich? Eine schöne Geschichte das! (Es läutet wieder an der Türe; man hört von draußen Stimmen.)
Stimme Kotschkarjows. So komm doch endlich! Komme doch rein! Was stehst du denn da?
Stimme Podkoliessins. Geh nur voran! Laß mich einen Augenblick. Mein Hosenträger ist mir losgegangen. Laß mich ihn erst wieder befestigen.
Stimme Kotschkarjows. Du läufst mir nur wieder weg.
Stimme Podkoliessins. Wahrhaftig nicht. Ich laufe nicht weg. Bei Gott nicht.
5. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Kotschkarjow. Da haben wir’s! Als ob’s so nötig wäre, sich die Hosenträger in Ordnung zu bringen.
Eierkuchen (sich zu ihm wendend). Bitte, sagen Sie: das Fräulein hier ist wohl etwas dumm? Wie? ...
Kotschkarjow. Wieso? Was ist denn passiert?
Eierkuchen. Ihr Benehmen ist wirklich höchst merkwürdig. Sie läuft einfach hinaus und schreit in einem fort: „Er schlägt mich ... er schlägt mich!“ Weiß der Teufel, was das bedeuten soll!
Kotschkarjow. Aha ... Ja, das kommt bei ihr öfters vor. Sie ist eben ein bißchen beschränkt.
Eierkuchen. Sagen Sie bitte, Sie sind doch verwandt mit ihr ...
Kotschkarjow. Aber gewiß. Ich bin ihr Verwandter.
Eierkuchen. So ... und in welchem Grade?
Kotschkarjow. Das kann ich nicht so genau feststellen. Die Tante meiner Mutter hängt irgendwie mit ihrem Vater zusammen. Oder auch ihr Vater irgendwie mit meiner Tante. Meine Frau weiß darin besser Bescheid als ich. Das ist ihre Angelegenheit.
Eierkuchen. Und ist sie denn schon lange so albern?
Kotschkarjow. Ja, das hat sie schon seit der Geburt.
Eierkuchen. Hm, besser wär’s freilich, wenn sie etwas klüger wäre. Übrigens, mag sie doch dumm sein, auch gut, wenn nur das übrige in Ordnung ist.
Kotschkarjow. Ja, sie bekommt doch nichts mit!
Eierkuchen. Was? ... Und das steinerne Haus?
Kotschkarjow. Aber, das sind doch bloß Redensarten. Das heißt doch nur so — es wäre von Stein ... Wenn Sie wüßten, wie das Haus gebaut ist! Die Mauern sind doch nicht massiv! Zwei Reihen Ziegelsteine und dazwischen Sägemehl und Hobelspäne und allerhand solch ein Plunder.
Eierkuchen. Was sagen Sie? ...
Kotschkarjow. Natürlich, wissen Sie denn nicht, wie heutzutage Häuser gebaut werden? Doch nur, damit man sie beleihen kann.
Eierkuchen. Aber auf diesem Hause liegen ja keine Hypotheken.
Kotschkarjow. Von wem haben Sie sich denn das erzählen lassen? Das ist’s ja eben. Wenn’s nur die Hypotheken wären ... Die Zinsen für die beiden letzten Jahre sind noch nicht einmal bezahlt. Und dann hat sie noch einen Bruder im Senat, der streckt auch seine Finger nach dem Hause aus. Es gibt keinen größeren Halunken auf der Welt, als den. Seiner eigenen Mutter würde er den letzten Rock wegnehmen, der Elende.
Eierkuchen. Was hat mir denn aber die Vermittlerin gesagt ... Oh, diese Bestie, dieser Auswurf der Menschheit! (Beiseite.) Aber vielleicht lügt er nur? Ich muß die Alte einem strengen Verhör unterziehen. Und sollte etwas Wahres dran sein, na, dann soll sie mir ein ander Liedchen anstimmen.
Anutschkin. Dürfte ich Ihnen auch mit einer Frage lästig fallen? ... Ich muß gestehen, ich spreche selbst nicht Französisch, und da ist es außerordentlich schwer zu beurteilen, ob eine Dame es kann oder nicht. Spricht sie Französisch?
Kotschkarjow. Ach wo, keine Ahnung hat sie!
Anutschkin. Was sagen Sie?
Kotschkarjow. Wie, ich muß das doch wissen! Sie war ja mit meiner Frau im selben Pensionat. Ihre Faulheit war geradezu berühmt; kurz, immer war sie die Dumme. Vor allem der französische Lehrer, der hat sie beständig mit dem Stock geschlagen.
Anutschkin. Denken Sie sich! Sofort, als ich sie sah, hatte ich’s im Gefühl: die versteht kein Französisch.
Eierkuchen. Ach, hol’ euch der Teufel mit eurem Französisch. Aber dieses verfluchte Weib, die Thekla Iwanowna, diese Bestie, diese alte Hexe! Wenn Sie bloß wüßten, wie schön sie mir das alles ausgemalt hat. Die reinste Künstlerin! „Bitte, ein Haus,“ sagte sie, „und zwei Seitenflügel dazu, auf einem vorzüglichen Fundament, silberne Löffel, ein Schlitten — man braucht sich nur reinzusetzen und loszufahren.“ Mit einem Wort, man findet es selten in einem Roman so schön dargestellt. Ach, du alte Schuhsohle, verfluchte, warte, wenn ich dich nur in die Finger kriege ...
6. Auftritt
Die Vorigen und Thekla.
(Sobald sie sie erblicken, stürzen sie alle, durcheinandersprechend, auf sie zu.)
Eierkuchen. Ah, da ist sie ja! Bitte, komm mal her, alte Sünderin! Näher, immer näher, noch näher ... komm mal her!
Anutschkin. Also so konnten Sie mich hintergehen, Thekla Iwanowna?
Kotschkarjow. Weh dir, Barbara, jetzt warte deines Gerichts!
Thekla. Von all dem versteh’ ich kein Wort! Ihr macht mich ja ganz taub.
Eierkuchen. Eine Reihe Ziegelsteine, du alte Schuhsohle, und nichts als Hobelspäne dazwischen; und was hast du mir vorgelogen, von einem Zwischenstock, und weiß der Teufel was sonst noch?
Thekla. Ich weiß es doch nicht, ich hab’s nicht gebaut; vielleicht darf es gar nicht anders sein, vielleicht muß es nur eine Reihe Ziegelsteine haben, daher ist’s auch so gebaut worden.
Eierkuchen. Und dann die Hypotheken! Hol’ dich der Teufel, verfluchte Hexe! (Stampft wütend mit dem Fuße auf.)
Thekla. Du bist mir einer! Hier noch zu schimpfen. Ein andrer würde mir dankbar sein, daß ich mich so für ihn abgequält habe.
Anutschkin. Ja, Thekla Iwanowna, mir haben Sie auch erzählt, daß sie Französisch kann.
Thekla. Kann sie auch, mein Lieber. Deutsch und Französisch, alles kann sie; auf all die feinen Manieren versteht sie sich.
Anutschkin. O nein, mir scheint, sie spricht nur Russisch.
Thekla. Ist denn das so schlimm? Russisch ist doch verständlicher, daher spricht sie eben Russisch. Und spräche sie irgendeine barbarische Sprache, so säßest doch nur du in der Patsche. Kein Wort würdest du verstehen! Da ist doch über unser Russisch weiter kein Wort zu verlieren. Das kennt man wenigstens, auch die lieben Heiligen haben doch Russisch gesprochen.
Eierkuchen. Nun? komm mal näher, immer näher, du Hexe!
Thekla (weicht zurück und sucht die Tür zu erreichen). Nein, ich danke bestens. Ich kenne dich. Du bist ein gefährlicher Mensch. Ehe man sich’s versieht, haust du zu.
Eierkuchen. Paß auf, Herzchen, das bleibt dir nicht geschenkt! Ich nehm’ dich und bring’ dich zur Polizei; du sollst schon merken, was es heißt, ehrliche Leute zu betrügen. Darauf kannst du dich verlassen. Deiner Braut aber bestelle von mir: in meinen Augen ist sie ein Lump! Hörst du, vergiß es nicht, zu bestellen! (Geht hinaus.)
Thekla. Seht doch einer den an. Wie wütend der ist! Er denkt, weil er so dick ist, könnt’ es keiner mit ihm aufnehmen. Und ich sage dir, du bist selbst ein Lump! Hörst du!
Anutschkin. Ich muß Ihnen ebenfalls gestehen, meine Verehrteste, ich hätte nie gedacht, daß Sie mich so betrügen könnten! Wenn ich’s gewußt hätte, daß die Dame auf solch einem Niveau der Bildung steht, keinen Fuß würde ich über die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben! Jawohl! (Geht hinaus.)
Thekla. Ihr habt wohl Tollkirschen gefressen, oder einen zu viel genippt? Seht mal an, mäkeln die hier herum; dem ist die Bildung wohl auch in den Kopf gestiegen!
7. Auftritt
Thekla, Kotschkarjow und Schewakin.
Kotschkarjow (sieht Thekla an und zeigt mit dem Finger laut lachend auf sie). Hahaha!
Thekla (ärgerlich). Na, was strapazierst du denn deinen Hals so?
Kotschkarjow (fährt fort zu lachen).
Thekla. Du wirst gleich platzen!
Kotschkarjow. ’ne schöne Heiratsvermittlerin bist du mir. Eine Künstlerin in deinem Fach! Du hast die Sache aber raus. (Lacht unaufhörlich weiter.)
Thekla. Was der zu lachen hat? ... Deine selige Mutter wird wohl auch nicht ganz bei Troste gewesen sein, als sie dich zur Welt brachte. (Sie läuft wütend hinaus.)
8. Auftritt
Kotschkarjow und Schewakin.
Kotschkarjow (fährt fort zu lachen). Herrgott, ich kann einfach nicht mehr! Bei Gott, ich kann nicht mehr! Ich halt’s nicht mehr aus, ich platze vor Lachen. (Lacht weiter.)
Schewakin (sieht ihn an und fängt gleichfalls an zu lachen).
Kotschkarjow (ermüdet in einen Stuhl sinkend). Wahrhaftig, mir geht die Puste aus! Ich fühle, wenn ich noch lange so weiter lache, so verrecke ich.
Schewakin. Ihr fröhliches Naturell gefällt mir außerordentlich. Wissen Sie, bei unserm Geschwader, das unter Kapitän Bolderow stand, war auch ein Kadett, namens Petuchow. Anton Iwanowitsch. Der war auch immer so fröhlich. Dem brauchte man nur den kleinen Finger zu zeigen, und schon lachte er los! Bei Gott! Und dann lachte er den ganzen Tag hindurch, bis zum späten Abend ... Wenn ihn einer nur ansah, kriegte er schon das Lachen, und eh’ man’s sich versah, lachte man selber mit.
Kotschkarjow (atemholend). Ach Gott, erbarme dich meiner. Diese dumme Gans, was die sich einbildet. Wie soll sie es fertig kriegen, einen Menschen zu verheiraten. Die will einen verheiraten! Ja, wenn ich die Sache in die Hand nehme, dann will ich schon eine Heirat zustande bringen.
Schewakin. Wirklich? ... In der Tat, könnten Sie den Heiratsvermittler spielen? ...
Kotschkarjow. Selbstverständlich! Ich übernehme es, jedes beliebige Paar zusammenzubringen.
Schewakin. Hören Sie mal, wenn das stimmt, so .... verschaffen Sie mir doch das Fräulein.
Kotschkarjow. Ihnen? ... Was brauchen Sie denn zu heiraten?
Schewakin. Warum denn nicht! Erlauben Sie mal, das ist doch eine seltsame Frage! Es ist doch klar, wozu.
Kotschkarjow. Sie haben doch eben gehört, daß sie nichts mitbekommt.
Schewakin. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! ... Das ist ja nicht schön, aber bei diesem entzückenden Fräulein mit den reizenden Manieren, da kann man schließlich auch ohne Mitgift auskommen. Ein kleines Kämmerchen, (macht eine entsprechende Geste) ein kleiner Flur, eine kleine spanische Wand oder so etwas wie ein Vorhang ...
Kotschkarjow. Ja, aber was gefällt Ihnen denn an ihr so sehr?
Schewakin. Wenn ich offen sein soll, so ist es grade jene Fülle, die sie auszeichnet. Sehen Sie, ich bin ein großer Amateur in bezug auf ... auf ... rundliche Frauen.
Kotschkarjow (sieht ihn von der Seite an und sagt dann zu sich selbst). Na, damit kann er gerade nicht allzusehr Staat machen. Sieht selbst aus, wie ein ausgeschüttelter Tabaksbeutel. (Laut.) Wissen Sie, Sie sollten überhaupt nicht heiraten.
Schewakin. Wie meinen Sie das? ...
Kotschkarjow. Ganz einfach. Was haben Sie denn für eine Figur? Unter uns gesagt, Sie haben ja die reinsten Hahnenfüße.
Schewakin. Hahnenfüße? ...
Kotschkarjow. Natürlich! ... Gewiß! ... Wonach sehen Sie denn aus?
Schewakin. Nein, erlauben Sie mal, wie können Sie sagen, ich hätte Hahnenfüße?
Kotschkarjow. Sehr einfach! Das sind doch Hahnenfüße! ...
Schewakin. Gestatten Sie mal, mir scheint, in Ihren Worten liegt etwas: mir scheint, Sie werden persönlich!
Kotschkarjow. Ich sage Ihnen das doch nur, weil ich weiß, daß Sie ein vernünftiger Mensch sind. Einem andern hätte ich das doch nicht gesagt. Also gut, ich verschaffe Ihnen eine Frau; aber eine andere.
Schewakin. Dann möchte ich Sie doch bitten ... keine andere. Seien Sie schon so gut ... bleiben wir bei dieser.
Kotschkarjow. Schön, wenn Sie denn durchaus wollen ... meinetwegen. Aber unter einer Bedingung ... Sie dürfen sich nicht hineinmischen. Sie dürfen sich dem Fräulein überhaupt nicht zeigen. Ich werde alles allein machen.
Schewakin. Erlauben Sie mal, ohne mich geht es denn doch nicht. Immerhin werde ich mich doch wohl dabei sehen lassen müssen.
Kotschkarjow. Nein, durchaus nicht. Gehen Sie nach Hause und warten Sie auf mich. Heute abend ist alles in schönster Ordnung.
Schewakin (reibt sich die Hände). Famos! Das wäre ja famos. Sagen Sie, brauchen Sie denn kein Attest, kein Dienstzeugnis? Vielleicht dürfte sich das Fräulein doch dafür interessieren. Ich werde sofort laufen und es holen.
Kotschkarjow. Nein, nein, ich brauche nichts! Gehen Sie nur ruhig nach Hause. Verlassen Sie sich drauf, Sie bekommen noch heute Nachricht. (Er begleitet ihn hinaus.) Teufel auch, das würde dir wohl passen! ... Doch was ist das nur? Warum kommt denn der Podkoliessin nicht wieder? Das ist doch sehr merkwürdig! Er kann doch seine Hosenträger nicht ewig in Ordnung bringen ... Am Ende muß ich noch selbst hinlaufen und ihn holen.
9. Auftritt
Kotschkarjow, Agathe Tichonowna.
Agathe Tichonowna (sieht sich nach allen Seiten um). Sind sie fort? ... Ist niemand mehr hier? ...
Kotschkarjow. Niemand! ... Sie sind alle fort! ...
Agathe Tichonowna. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich gezittert habe. Nein, so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ach, wie furchtbar war dieser Eierkuchen! ... Wie ein Tyrann wird der einmal seine Frau behandeln. Ich fürchte immer noch, er könnte jeden Augenblick zurückkommen.
Kotschkarjow. Nein, der kommt nicht wieder. Ich setze meinen Kopf ein, daß keiner von beiden seine Nase mehr zur Türe hineinsteckt.
Agathe Tichonowna. Und der Dritte?
Kotschkarjow. Welcher Dritte?
Schewakin (steckt leise den Kopf zur Tür hinein). Ich hörte für mein Leben gern, was ihr kleines Mündchen von mir sagen wird ... Oh, dieses zarte Röschen!
Agathe Tichonowna. Ich meine ... Baltasar Baltasarowitsch ...
Schewakin. Jetzt kommt’s, jetzt kommt’s! (Reibt sich die Hände.)
Kotschkarjow. Verflucht noch mal, ich denke mir, von wem reden Sie bloß? Der Kerl ist ja ein ausgemachter Tölpel! — Pfui Teufel nochmal!
Schewakin. Was ist das? ... Wahrhaftig, davon versteh’ ich kein Wort.
Agathe Tichonowna. Aber auf den ersten Blick machte er auf mich den Eindruck eines sehr guten Menschen.
Kotschkarjow. Er ist aber doch immer betrunken!
Schewakin. Bei Gott, ich verstehe nichts davon!
Agathe Tichonowna. Wahrhaftig ... er trinkt?
Kotschkarjow. Ich bitte Sie ... ein ausgekochter Lump!
Schewakin (laut). Nein, gestatten Sie! Ich habe Sie denn doch nicht gebeten, derartige Behauptungen aufzustellen. Hätten Sie einige Worte zu meinen Gunsten geredet, oder irgend etwas Lobendes gesagt, das wäre etwas anderes gewesen ... Mit diesen Worten jedoch, nein bitte, suchen Sie sich dafür einen andern aus. Nein, ich danke bestens. Ergebener Diener.
Kotschkarjow (beiseite). Warum mußte der Kerl nur zurückkommen! (Zu Agathe Tichonowna.) Sehen Sie, sehen Sie nur ... er kann sich ja kaum noch auf den Füßen halten. Und so benimmt er sich jeden Tag. Jagen Sie ihn doch zum Teufel, fertig! (Beiseite.) Daß dieser verfluchte Podkoliessin noch nicht da ist ... Dieser Lump! ... Na warte ... das will ich dir anstreichen! (Geht ab.)
10. Auftritt
Agathe Tichonowna und Schewakin.
Schewakin (beiseite). Verspricht, mich zu loben und ... statt dessen ... beschimpft er mich. Ein seltsamer Mensch! (Laut.) Mein gnädiges Fräulein, schenken Sie seinen Worten keinen Glauben.
Agathe Tichonowna. Nein, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht ganz wohl. Der Kopf schmerzt mir so. (Will gehen.)
Schewakin. Aber vielleicht gefällt Ihnen etwas nicht an mir? (Er zeigt auf seinen Kopf.) Bitte, achten Sie nicht darauf, daß ich einen gewissen Anflug von Glatze habe. Das macht nichts. Es ist mir vom Fieber zurückgeblieben. Mit der Zeit kommen die Haare schon wieder.
Agathe Tichonowna. Es interessiert mich nicht, was Ihnen fehlt.
Schewakin. Und dann, mein gnädiges Fräulein, wenn ich einen schwarzen Frack anziehe, wird mein Teint um vieles heller.
Agathe Tichonowna. Um so besser für Sie. Leben Sie wohl! (Sie geht hinaus.)
11. Auftritt
Schewakin allein.
Schewakin (ihr nachrufend). Mein Fräulein, bitte, gestatten Sie, sagen Sie mir bitte, was ist geschehen. Warum, weshalb? ... Haftet mir denn irgendein wesentlicher Makel an? ... Fort! Wie seltsam! Das passiert mir nun schon das siebzehnte Mal, und immer läuft es fast ebenso aus. Im Anfang geht alles glatt, und wenn die Geschichte zum Klappen kommt, dann, eh’ ich mich’s versehe, hab’ ich meinen Korb weg. (Geht nachdenklich auf und ab) Ja, ja ... das ist nun bereits die Siebzehnte .... Und was hat sie bloß? ... Warum sollte sie nicht zum Beispiel ... (Nachdenklich.) Eine dunkle, höchst dunkle Geschichte ... Wenn ich noch wirklich so häßlich wäre ... (Betrachtet sich.) Aber das kann doch kein Mensch behaupten! Gott sei Dank! Die Natur hat einen doch wirklich nicht stiefmütterlich behandelt. Unbegreiflich! Ob ich nicht schnell mal nach Hause laufe und in meinem Kästchen nachsehe? Ich muß doch da noch ein paar Verse liegen haben. Denen kann keine widerstehen ... Bei Gott! Und ich begreife das alles gar nicht! Zuerst schien’s mir so gut zu glücken. ... Ja, ich werde wohl kehrtmachen müssen. Schade, sehr schade! (Geht ab.)
12. Auftritt
(Podkoliessin und Kotschkarjow treten ein und blicken zurück.)
Kotschkarjow. Er hat uns nicht bemerkt! Hast du gesehen, mit was für einer langen Nase er abgezogen ist?
Podkoliessin. Tatsächlich? ... Also er hat eben so einen Korb bekommen, wie die andern?
Kotschkarjow. ... Einen mächtigen!
Podkoliessin (mit selbstgefälliger Miene). Das muß eigentlich recht peinlich sein, sich einen Korb zu holen.
Kotschkarjow. Das will ich meinen.
Podkoliessin. Ich kann es noch immer nicht glauben, daß sie es ihm so grade ins Gesicht gesagt hat, sie ziehe mich vor.
Kotschkarjow. — Zieht dich vor? ... Ich sage dir ... sie ist einfach hingerissen! Verliebt bis über die Ohren! Was sie dir nur für Kosenamen gegeben hat! Eine solche Leidenschaft! ... Sie glüht ja förmlich! ...
Podkoliessin (lächelt selbstzufrieden). Ja, das ist wahr ... Wenn eine Frau will, kann sie einem Worte sagen ... unsereiner würde niemals auf so etwas kommen: „Mein Frätzchen, mein Mistkäferchen, mein Fliegenpilzchen“ ...
Kotschkarjow. Ach, das ist noch nichts! Heirate mal erst! Die Worte, die du da in den ersten zwei Monaten zu hören bekommst, — na, du zergehst förmlich vor Wonne!
Podkoliessin (lächelnd). Wahrhaftig? ...
Kotschkarjow. Was für eine ehrliche Haut! Doch jetzt schnell zur Sache! Geh hin, erkläre dich sofort, eröffne ihr dein Herz und bitte Sie um ihre Hand.
Podkoliessin. Wie denn? Doch nicht etwa jetzt gleich? ... Was fällt dir ein!
Kotschkarjow. Natürlich gleich! Ah, da ist sie ja selbst!
13. Auftritt
Die Vorigen und Agathe Tichonowna.
Kotschkarjow. Mein Fräulein, ich bringe Ihnen hier einen Sterblichen, den Herrn, den Sie hier vor sich sehen. Es hat überhaupt noch keinen Menschen gegeben, der so verliebt war wie er. Gott behüte, das möcht’ ich ja meinem ärgsten Feinde nicht wünschen.
Podkoliessin (stößt ihn mit der Hand in die Seite, leise). Nein, hör mal, du treibst es aber zu toll!
Kotschkarjow (zu ihm). Das schadet nichts. (Leise zu ihr.) Seien Sie nur recht keck zu ihm; er ist noch etwas schüchtern. Sie müssen ziemlich herausfordernd sein. Klappern Sie nur tüchtig mit den Augen und dann werfen Sie ihm plötzlich einen Blick zu, daß er platt ist, der Bösewicht! Oder zeigen Sie ihm ein Stückchen von Ihrer Schulter, damit er mal hingucken kann, der Schuft, der! Übrigens hätten Sie auch ein Kleid mit kurzen Ärmeln anziehen können! Na, schließlich ist dies auch gut! (Laut.) Also, ich lasse Sie in der angenehmsten Gesellschaft zurück. Ich will nur noch einen Blick in das Speisezimmer und in die Küche werfen. Ich werde dort Bescheid sagen. Gleich muß der Diener kommen, der das Souper bringt ... vielleicht ist der Wein auch schon da. Na, auf Wiedersehen! ... (Zu Podkoliessin.) Mehr Mut, Mut! (Er geht.)
14. Auftritt
Podkoliessin und Agathe Tichonowna.
Agathe Tichonowna. Aber bitte schön, so nehmen Sie doch Platz!
(Beide setzen sich und schweigen.)
Podkoliessin. — Fahren Sie gerne spazieren?
Agathe Tichonowna. Wie meinen Sie das? ...
Podkoliessin. Im Sommer ist es doch schön, Kahn zu fahren.
Agathe Tichonowna. Ja, zuweilen mache ich einen Ausflug mit Bekannten.
Podkoliessin. Es läßt sich noch nicht voraussagen, was für einen Sommer wir in diesem Jahre haben werden.
Agathe Tichonowna. Aber hoffentlich wird er gut!
(Beide schweigen.)
Podkoliessin. Welches ist Ihre Lieblingsblume, gnädiges Fräulein?
Agathe Tichonowna. Am meisten liebe ich die Blumen, die stark duften. Zum Beispiel Nelken!
Podkoliessin. Den Damen stehen Blumen sehr gut.
Agathe Tichonowna. Ja, man muß sagen, sie machen recht viel Vergnügen!
(Beide schweigen.)
In welcher Kirche waren Sie am vorigen Sonntag?
Podkoliessin. In der Himmelfahrts-Kirche. Und eine Woche vorher, da war ich in der Kasanschen Kirche. Übrigens ist es doch ganz gleich, in welche Kirche man beten geht ... Nur ... die letztere ... die ist viel prächtiger.
(Beide schweigen.)
(Podkoliessin beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.)
Bald findet in Katharinenhof ein Gartenfest statt.
Agathe Tichonowna. Ja, ich glaube, in einem Monat.
Podkoliessin. Oh, in kaum einem Monat!
Agathe Tichonowna. Es wird wohl sehr lustig werden.
Podkoliessin. Heute haben wir den Achten. (An den Fingern abzählend.) Den Neunten, den Zehnten, den Elften ... In zweiundzwanzig Tagen.
Agathe Tichonowna. Denken Sie nur, schon so bald!
Podkoliessin. Und den heutigen Tag habe ich dabei noch gar nicht mal mitgezählt.
(Pause.)
Was für mutige Leute doch unsere Russen sind!
Agathe Tichonowna. Wie? ...
Podkoliessin. Ich meine die Arbeiter! Stehen da ganz ruhig hoch oben auf dem Gerüst. Ich kam nämlich heute an einem Neubau vorüber. Sitzt so ein Stukkateur ganz gemütlich hoch oben und denkt sich gar nichts dabei. Er fürchtet sich nicht im mindesten.
Agathe Tichonowna. Ja! Und wo war denn das? ...
Podkoliessin. Auf dem Wege nach dem Departement, da, wo ich täglich vorüberkomme. Ich gehe doch jeden Morgen in den Dienst.
(Beide schweigen. Podkoliessin fängt wieder an, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen. Dann steht er auf, nimmt seinen Hut und macht eine Verbeugung.)
Agathe Tichonowna. Wie, Sie wollen schon gehen?
Podkoliessin. Ja, gewiß habe ich Sie gelangweilt. Entschuldigen Sie.
Agathe Tichonowna. Aber wie können Sie nur so etwas glauben? Im Gegenteil. Ich danke Ihnen von Herzen für die angenehme Unterhaltung.
Podkoliessin (lächelnd). Nein, wirklich, mir schien, daß ich Sie langweilte.
Agathe Tichonowna. Wahrhaftig nicht!
Podkoliessin. Oh, wenn ich mich geirrt haben sollte, so erlauben Sie mir doch, daß ich zu einer anderen Zeit ... vielleicht einmal abends ...
Agathe Tichonowna. Ich würde mich außerordentlich freuen ... (Sie verabschieden sich voneinander, und Podkoliessin geht.)
15. Auftritt
Agathe Tichonowna (allein).
Welch ein würdiger Mensch! Jetzt habe ich ihn erst recht kennen gelernt! Wahrhaftig, man muß ihn liebhaben! Und dabei so klug und bescheiden zugleich! Ja, sein Freund hatte vollständig recht. Schade nur, daß er so schnell wieder fortgegangen ist. Ich hätte ihm so gern noch ein wenig zugehört. Wie angenehm ist es, mit ihm zu plaudern. Und was vor allem so angenehm ist, er macht gar keine Redensarten. Ich hätte ihm auch noch einiges sagen mögen ... aber ich muß gestehen, mir fehlte der Mut dazu. Mein Herz klopfte so stark. ... Welch ein herrlicher Mensch! Ich will doch hingehen und es der Tante erzählen. (Sie geht hinaus.)
16. Auftritt
Podkoliessin und Kotschkarjow (treten herein).
Kotschkarjow. Warum nach Hause? Was für ein Unsinn ist das wieder? Warum nach Hause?
Podkoliessin. Ja, wozu soll ich denn hierbleiben? ... Ich habe doch alles gesagt, was nötig war.
Kotschkarjow. So? Hast du dich ihr ganz erklärt? ...
Podkoliessin. Ja, das wäre vielleicht noch das einzige; erklärt habe ich mich allerdings noch nicht!
Kotschkarjow. Eine schöne Geschichte! ... Warum denn nicht? ...
Podkoliessin. Ich bitte dich, ich kann doch nicht so plötzlich, so ohne alle einleitenden Worte mit der Tür ins Haus fallen: Mein Fräulein, wollen wir uns doch heiraten!
Kotschkarjow. Worüber habt ihr denn die ganze Zeit gesprochen? Mehr als eine halbe Stunde lang?
Podkoliessin. Nun. Über alles mögliche! Und ich muß sagen, ich bin sehr befriedigt. Ich habe die Zeit sehr angenehm verbracht.
Kotschkarjow. Nein, höre mal, sage doch selbst, mein Bester, wie sollen wir denn noch heute mit der ganzen Geschichte fertig werden? In einer Stunde spätestens müssen wir in die Kirche fahren ... zur Trauung ...
Podkoliessin. Du bist wohl verrückt? ... Heut sollen wir schon Hochzeit machen?
Kotschkarjow. Weshalb denn nicht? ...
Podkoliessin. Noch heute zur Trauung fahren! ... Welch ein Wahnsinn!
Kotschkarjow. Aber du hast mir doch selbst dein Wort gegeben und hast gesagt, sobald die Freier heraus sind, bist du bereit, dich zu verheiraten!
Podkoliessin. Nun ja, ich nehme auch jetzt mein Wort nicht zurück. Aber doch nicht gleich. Laß mir doch wenigstens einen Monat Zeit dazu.
Kotschkarjow. Was? ... Einen Monat!
Podkoliessin. Nun ja, freilich!
Kotschkarjow. Du hast wohl den Verstand verloren, was?
Podkoliessin. Ja, einen Monat brauche ich mindestens.
Kotschkarjow. Aber ich habe doch schon das Souper beim Traiteur bestellt. Du Klotz du! ... Nein, hör mal, Iwan Kusmitsch, sei jetzt nicht eigensinnig, Bruder. Laßt euch doch gleich trauen!
Podkoliessin. Ich bitte dich, Freund, was redest du da? ... Wie ist denn das gleich möglich?
Kotschkarjow. Iwan Kusmitsch, sieh mal, ich bitte dich recht herzlich ... wenn nicht für dich selbst, so tue es doch meinetwegen! Mir zuliebe!
Podkoliessin. Nein, tatsächlich — es geht nicht!
Kotschkarjow. Doch, doch, es geht schon, Liebster! Es geht alles, Liebling; laß die Launen.
Podkoliessin. Nein, wirklich nicht. Es geht nicht. Es ist wirklich nicht möglich.
Kotschkarjow. Warum nicht möglich? ... Wer hat dir das bloß eingeredet? Überlege doch selbst. Du bist doch ein gescheiter Kerl! Ich spreche nicht so, um dir zu schmeicheln oder weil du Expeditor bist, nein, einfach, weil ich dich liebe! — Genug, Herzchen, entschließe dich. Sieh doch die Sache mit vernünftigen Augen an!
Podkoliessin. Ja, wenn ich nur eine Möglichkeit sehen würde — ich wäre gerne bereit ...
Kotschkarjow. Iwan Kusmitsch, alter Kerl, lieber Freund ... willst du, daß ich vor dir auf die Knie falle? ...
Podkoliessin. Ja, wozu nur das alles?
Kotschkarjow (fällt auf die Knie). Nun gut, hier knie ich. Jetzt siehst du es, wie sehr ich dich bitte. Ich will dir’s mein Leben lang nicht vergessen. Herzchen, sei nicht eigensinnig!
Podkoliessin. Nein, Freund, es geht nicht! Wirklich nicht!
Kotschkarjow (steht auf, wütend). Schweinehund!
Podkoliessin. Gut, schimpf nur!
Kotschkarjow. Rindvieh! ... Einen größeren Esel, wie dich, hat es tatsächlich noch nie gegeben!
Podkoliessin. Schimpfe doch meinetwegen. Schimpfe nur!
Kotschkarjow. Für wen habe ich mich nun geplagt und abgerackert? Doch nur für dich; in deinem Interesse, du Schaf! Was geht mich die ganze Geschichte im Grunde an? ... Gut, ich gehe sofort meiner Wege und laß dich laufen. Was hab’ ich denn davon?
Podkoliessin. Ja ... hab’ ich dich denn um deine Bemühungen gebeten? Geh doch nur, bitte!
Kotschkarjow. Und ich sage dir, daß du zugrunde gehen wirst. Ohne mich wirst du zu nichts kommen. Wenn dich nicht ein anderer verheiratet, bleibst du dein Leben lang ein ... Dummkopf.
Podkoliessin. Und was kümmert’s dich? ...
Kotschkarjow. Ich bin doch nur um dich besorgt, du Dummkopf.
Podkoliessin. Und ich verzichte auf deine Besorgnis.
Kotschkarjow. Nun, so geh zum Teufel!
Podkoliessin. Gut. Ich gehe.
Kotschkarjow. Da gehörst du auch hin.
Podkoliessin. Nun schön, ich gehe schon.
Kotschkarjow. Geh nur, geh! Wenn du dir nur gleich ein Bein brächst! Wahrhaftig, es ist mein innigster Wunsch, daß dir irgendein besoffener Droschkenkutscher mit der Deichsel in die Gurgel fährt. Du Lappen du! Und das will ein Beamter sein, ... Das schwöre ich dir, von nun an ist alles zwischen uns aus. Komm mir nicht mehr unter die Augen!
Podkoliessin. Nun gut, du sollst mich nicht mehr sehen! (Geht.)
Kotschkarjow. Geh doch zu deinem alten Freunde, dem Teufel. (Öffnet die Tür und ruft ihm nach.) Esel!
17. Auftritt
Kotschkarjow (allein, geht aufgeregt im Zimmer auf und ab). Hat die Welt jemals einen solchen Menschen gesehen? .. Solch ein Esel! Übrigens, wahrhaftig, ich bin auch gut! .. Nein, sagt nur, ich möchte euch alle zu Zeugen anrufen: Bin ich nicht genau solch ein alter Esel? Bin ich nicht ganz dumm? ..... Was rege ich mich auf und schreie mir die Kehle wund? .. Sagt, was ist er mir? Er ist doch nicht mein Verwandter. Und ich bin weder seine Amme, noch seine Tante, noch seine Schwiegermutter, oder gar seine Patin! Was zum Teufel rackere ich mich seinetwegen ab? Gönne mir keinen Augenblick Ruhe ... mag er doch zum Satan gehen! Weiß der Teufel, wozu das alles! Wozu nur der Mensch mitunter etwas tut? ..... Solch ein Halunke! Diese niederträchtige, widerwärtige Visage! Nehmen möchte ich dich, du dummes Rindvieh; Nase, Ohren, Mund und Zähne ... einschlagen möcht’ ich dir ... (Macht mit der Hand wütend die entsprechenden Bewegungen.) Und was das Empörendste dabei ist: er geht einfach nach Hause ... er macht sich weiter keine Kopfschmerzen ... er schüttelt’s sich ab, wie ein nasser Hund ... Nicht zum Ertragen ist dieser Gedanke! Jetzt geht er heim, legt sich aufs Sofa und raucht sich eine Pfeife an. Dieser gemeine Patron! Wahrhaftig, es gibt ekelhafte Fratzen auf der Welt; aber so eine läßt man sich denn doch nicht träumen ... Bei Gott, eine widerwärtigere Visage läßt sich gar nicht ausdenken. Tatsächlich nicht! Aber nein, jetzt gerade nicht! Ich hol’ ihn zurück, den nichtsnutzigen Kerl. Er soll mir nicht entwischen, ich bring’ ihn wieder zurück, den Lump! (Er läuft fort.)