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Sämmtliche Werke 5

Der Revisor

Thomas Commichau translation

Komödie in fünf Aufzügen

„Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“

Sprichwort.

Deutsche Übertragung von Th. Commichau

Das Recht der öffentlichen Aufführung ist ausschließlich zu erwerben von dem Theaterverlag Eduard Bloch, Berlin C 2, Brüderstraße 1

Personen.

Antón Antónowitsch Skwósnik-Dmuchánowski, Polizeimeister.

Anna Andréjewna, seine Frau.

Márja Antónowna, seine Tochter.

Lúka Lúkitsch Chlópoff, Schulinspektor.

Frau Chlópoff.

Ammós Fjódorowitsch Ljápkin-Tjápkin, Kreisrichter.

Artémij Filíppowitsch Semljaníka, Hospitalverwalter.

Iwán Kusmítsch Schpékin, Postmeister.

Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski } Bürger.

Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski

Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, Beamter aus Petersburg.

Ossip, sein Diener.

Christian Iwánowitsch Hübner, Kreisarzt.

Fjódor Andréjewitsch Ljuljukóff } pensionierte Beamte, Honoratioren der Stadt.

Iwán Lasaréwitsch Rastakówski

Stepán Iwánowitsch Koróbkin

Stepán Iljitsch Uchowjértoff, Polizeiinspektor.

Swistúnoff } Polizeidiener.

Pugowízyn

Djerschimórda

Awdúlin, Kaufmann.

Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, Schlossersfrau.

Die Frau eines Unteroffiziers.

Míschka, Diener des Polizeimeisters.

Ein Kellner.

Ein Gendarm.

Gäste, Kaufleute, Volk, Bittsteller.

Zeit: Um 1835. — Ort: Eine kleine russische Provinzialstadt.

Charaktere und Kostüme (Bemerkungen für die Herren Schauspieler)

Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art gescheiter Mann. Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne sogar Räsoneur. Er spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte hat Gewicht. Seine Gesichtszüge sind grob und hart, wie bei allen, die in einer mühsamen Karriere von der Pike auf gedient haben. Der Übergang von Furcht zu Freude, von Unterwürfigkeit zu Hochmut vollzieht sich bei ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten Charakteranlagen. Er trägt die übliche Uniform mit Litzenkragen und Stulpstiefel mit Sporen; sein graues Haar ist kurzgeschoren.

Anna Andréjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte Provinzialkokette, die zur Hälfte in der Lektüre von Romanen und Poesiealbums, zur Hälfte im Kleinkram von Hauswirtschaft und Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch Hoffart hervor; erlangt oftmals dadurch Übergewicht über ihren Mann, daß dieser ihr nichts zu antworten weiß; doch erstreckt sich solches Übergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwürfen und Hohn. Im Verlaufe des Stückes wechselt sie viermal die Toilette.

Chlestakóff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmächtig und unansehnlich, etwas einfältig und hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht erfunden; einer von den Leuten, die man in den Kanzleien Windbeutel nennt. Er ist nicht imstande längere Zeit bei einem Thema zu verweilen, spricht unzusammenhängend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus dem Munde. Je mehr Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle zur Schau trägt, desto größeren Erfolg wird er erzielen. Seine Kleidung ist modern (1835).

Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerückten Jahren zu haben pflegen; er spricht gelassen, hält den Blick etwas gesenkt, räsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen Abwesenheit Vorhaltungen zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im Gespräch mit seinem Herrn einen mürrischen, kargen, zuweilen sogar groben Ausdruck an. Er ist pfiffiger als sein Herr und weiß sich deshalb rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und ist ein stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener Kittel.

Bóbtschinski und Dóbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr neugierig; einander sehr ähnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie sprechen hastig und unterstützen ihre Rede durch reichliches Gestikulieren mit den Händen. Dóbtschinski ist ein wenig größer und ernsthafter als Bóbtschinski, dieser aber ist dafür beweglicher und lebhafter als jener.

Ljápkin-Tjápkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fünf bis sechs Bücher gelesen hat und daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit wichtigem Ton. Der Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen. Er spricht in tiefem Baß, sehr gedehnt, heiser und mit Räuspern, wie eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe sie schlägt.

Semljaníka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerfälliger und plumper Mann; bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend und gefällig.

Der Postmeister: Ein bis zur Naivität einfältiger Mensch.

Die übrigen Rollen bedürfen keiner besonderen Anweisungen; ihren Originalen begegnet man auf Schritt und Tritt.

Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das zuletzt ausgesprochene Wort muß auf alle wie ein elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und plötzlich. Die ganze Gruppe muß ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der Überraschung müssen alle Damen einstimmig ausstoßen, wie aus einem Munde. Die Nichtbeachtung dieser Hinweise könnte die gesamte Wirkung in Frage stellen.

Erster Aufzug

Zimmer im Hause des Polizeimeisters

1. Szene

Polizeimeister. Hospitalverwalter. Schulinspektor. Kreisrichter. Revierinspektor. Arzt. Zwei Polizeidiener.

Polizeimeister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.

Kreisrichter. Ein Revisor?!

Hospitalverwalter. Ein Revisor?!

Polizeimeister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu mit geheimen Instruktionen.

Kreisrichter. Donnerwetter!

Hospitalverwalter. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!

Schulinspektor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen Instruktionen!

Polizeimeister. Als wenn ich das vorausgeahnt hätte: die ganze Nacht träumte mir von zwei ungeheuren Ratten — nie habe ich dergleichen vorher gesehen: schwarz und riesengroß! Kamen heran, beschnupperten mich und liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich von Andréj Iwánowitsch Tschmychóff erhalten habe — Sie, Artémij Filíppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaßen: „Teurer Freund, Gevatter und Wohltäter“ (halblaut murmelnd und die Zeilen überfliegend) „... dir zu melden“ — da hier: „Ich beeile mich, dir unter anderem zu melden, daß ein Beamter eingetroffen ist mit der Instruktion: das ganze Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe) zu inspizieren. Ich erfuhr dies von absolut zuverlässiger Seite, obgleich er sich für einen Privatmann ausgibt. Da ich nun weiß, daß auch bei dir, wie überall, kleine Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und ungern fahren läßt, was in deinem Netze zappelt ...“ (Innehaltend) Nun, hier macht er so seine ... „so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden Augenblick kommen, wenn er nicht gar schon da ist und sich irgendwo inkognito aufhält ... Gestern ...“ — hier folgen nur noch Familiennachrichten: „ist meine Schwester Anna Kiríllowna mit ihrem Manne zum Besuch angekommen; Iwán Kiríllowitsch ist sehr dick geworden und fiedelt immerfort auf der Geige“, usw. usw. Also nun wissen Sie, wie die Dinge stehen!

Kreisrichter. Eine seltsame, höchst seltsame Geschichte! Da steckt irgendwas dahinter.

Schulinspektor. Wozu das alles, Antón Antónowitsch, wozu? Warum uns einen Revisor?!

Polizeimeister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend) Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Städte heimgesucht; jetzt kommt eben die Reihe an uns.

Kreisrichter. Ich meine, Antón Antónowitsch, daß dies einen feinen und mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Rußland ... ja ... Rußland will Krieg führen — und das Ministerium, sehen Sie wohl, schickt heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo Spione stecken.

Polizeimeister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fährt.

Kreisrichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht, sie hört sogar die Flöhe husten.

Polizeimeister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine Herren. Sehen Sie sich vor! Ich für meinen Teil habe schon so meine Maßregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich’s Ihnen, Artémij Filíppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor allem die Ihnen unterstellten Krankenhäuser inspizieren wollen —, drum sorgen Sie dafür, daß alles tadellos sei. Daß die Nachtmützen hübsch rein sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das sonst gewöhnlich der Fall ist.

Hospitalverwalter. Na, wenn’s weiter nichts ist — reine Nachtmützen können sie kriegen.

Polizeimeister. Gut. Und an jedem Bett muß auf lateinisch oder in einer andern fremden Sprache ... das wäre dann eben Ihre Sache, Herr Doktor — muß jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der Erkrankung, genau auf Jahr und Tag ... Es ist auch gar nicht schön, daß Ihre Kranken einen so starken Tabak rauchen, daß, wer hereinkommt, immerzu niesen muß. Noch besser, wenn überhaupt weniger Kranke da wären; sonst wird gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfähigkeit des Arztes schuld gegeben.

Hospitalverwalter. Oh, was die ärztliche Behandlung anbetrifft, so bin ich mit dem Herrn Doktor längst übereingekommen: je naturgemäßer, desto besser — teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewöhnliches Volk: stirbt’s, dann stirbt’s, bleibt’s leben, dann bleibt’s eben leben. Auch könnte sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verständigen: er versteht ja kein Wort Russisch.

Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und halb wie e klingen).

Polizeimeister. Auch Ihnen, Ammós Fjódorowitsch, möchte ich raten, einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen Hausgänse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwährend zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kümmern, ist gewiß lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an einem solchen Ort, sehen Sie, paßt sich das doch nicht. Ich wollte das schon eher sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.

Kreisrichter. Ich lasse sie gleich sämtlich in die Küche schaffen. Kommen Sie doch zum Essen herüber.

Polizeimeister. Schlimm ist’s auch, daß der Sitzungssaal so von Schmutz starrt und daß mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt. Ich weiß wohl, Sie sind ein großer Jagdfreund, doch besser wär’s, sie wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann können Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer! Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tüchtig, aber er verbreitet einen Duft, als ob er geradenwegs aus der Branntweinschänke käme — das taugt auch nicht. Schon längst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich weiß nicht wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn wirklich, wie er behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wäre: man könnte ihm Zwiebeln oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas ähnliches. Für diesen Fall kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.

Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt die vorerwähnten Laute von sich).

Kreisrichter. Nein, das läßt sich nicht vertreiben; er sagt, als Kind habe ihn seine Amme einmal verprügelt, und seit der Zeit müsse er immer etwas Branntwein ausschwitzen.

Polizeimeister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel werden vergeblich darüber wettern.

Kreisrichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das ist was ganz andres.

Polizeimeister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben’s doch.

Kreisrichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde — dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst. Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.

Kreisrichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus eigenem Verstande.

Polizeimeister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar keiner. Übrigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort, den Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lúka Lúkitsch, müssen sich durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kümmern. Es sind ohne Frage gelehrte und hochstudierte Leute, haben aber höchst sonderbare Angewohnheiten, die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum Beispiel einer, der mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name nicht gegenwärtig — der muß absolut immer eine Fratze schneiden, sowie er aufs Katheder steigt, ungefähr so (macht eine Grimasse) und dann steckt er die Hand unter die Halsbinde und kraut sich den Bart. Daß er den Schülern solche Fratzen schneidet, ist ja egal und mag vielleicht nötig sein, das geht mich nichts an; aber sagen Sie selbst, wenn er das vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann doch sehr fatal werden; der Herr Revisor oder ein andrer könnte das auf sich beziehen. Da kann der Teufel weiß was dabei herauskommen.

Schulinspektor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon mehrfach mit ihm geredet. Noch kürzlich, als gerade der Schulrat die Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Böses dabei, mich aber rüffelt man dann, daß der Jugend revolutionäre Ideen eingeflößt werden.

Polizeimeister. Auch über Ihren Geschichtslehrer habe ich noch einiges zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, daß er sich ganz dabei vergißt. Ich hörte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern und Assyrern sprach, da ging’s noch, aber als er auf Alexander den Großen kam — ich kann’s kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich glaubte, es brennt, wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug hält — bautz! — den Stuhl an die Erde. Gewiß, Alexander der Große war schon ein Held, aber braucht man da Stühle zu zerkeilen? Der Staat hat nur Kosten davon.

Schulinspektor. Ja, ja, er ist ein Heißsporn. Ich habe ihm das auch schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: „Wie Sie wünschen, aber für die Wissenschaft opfere ich mein Leben.“

Polizeimeister. Ach ja, das muß eben unerforschlicher Schicksalswille sein: so ein Gelehrter ist entweder Säufer oder schneidet Fratzen, daß man sich vor den Heiligenbildern schämen möchte.

Schulinspektor. Gott bewahre mich davor, Lehrer sein zu müssen, das ist eine Strafe! Da will jeder reinreden, jeder beweisen, daß auch er Verstand hat.

Polizeimeister. Das hätte alles noch gar nichts zu sagen — das Inkognito ist das Infame! Mit einmal schielt er herein: „Ah, da seid ihr ja, Freundchen! Na wer ist denn von Euch der Richter?“ — „Ljápkin-Tjápkin!“ — „Ei dann bitte schön Herr Ljápkin-Tjápkin!“ — „Und wer ist der Hospitalverwalter!“ „Semljaníka!“ — „Dann bitte doch schön, Herr Semljaníka!“ — Das ist das gemeine!

2. Szene

Die Vorigen. Postmeister.

Postmeister. Herrschaft, was geht denn vor? Ein Revisor soll kommen?

Polizeimeister. Haben Sie’s denn noch nicht gehört?

Postmeister. Eben, von Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski; er war gerade bei mir auf dem Postamt.

Polizeimeister. Na, nun? Was denken Sie drüber?

Postmeister. Was ich denke? ’s gibt Krieg mit den Türken.

Kreisrichter. Da, also! Genau wie ich’s gesagt habe!

Polizeimeister. Ja, zwei kapitale Schlauköpfe!

Postmeister. Freilich, mit den Türken. Das haben uns alles die Franzosen eingebrockt.

Polizeimeister. Schöner Krieg mit den Türken. Uns wird’s an den Kragen gehn, nicht den Türken. Das steht längst fest, ich habe briefliche Nachricht.

Postmeister. Na, wenn’s so ist, dann gibt’s eben keinen Krieg.

Polizeimeister. Nun, was sagen Sie dazu, Iwán Kusmítsch?

Postmeister. Hm, ich? Und Sie, Antón Antónowitsch?

Polizeimeister. Ich? Von Furcht natürlich keine Spur, aber so ein bißchen. Kaufleute und Bürger machen mir etwas Sorge. Sie behaupten, ich hätte sie gerupft, aber bei Gott, wenn ich auch mal von einem oder dem andern was nahm, dann geschah’s nur in aller Unschuld. Ich vermute, (führt den Postmeister beim Arm auf die Seite) ich vermute, man hat mich angeschwärzt. Warum gerade für uns einen Revisor? Hören Sie mal, Iwán Kusmítsch, könnten Sie nicht, zu unserm gemeinschaftlichen Vorteil, jeden Brief, der in Ihrem Postamt ein- und ausgeht, wissen Sie, so’n bißchen aufmachen und durchlesen, ob nicht vielleicht Denunziationen oder dergleichen vertrauliche Mitteilungen drinstehen? Wenn nicht, kann man sie ja wieder zusiegeln oder einfach geöffnet abliefern.

Postmeister. Weiß ich längst! Da brauchen Sie mich nicht erst zu belehren, mach’ ich sowieso schon, aber weniger aus Vorsicht, als aus Neugierde — ich bin geradezu versessen auf das, was in der Welt vorgeht. Ich sage Ihnen, die interessanteste Lektüre. Mancher Brief liest sich ganz köstlich — da werden Dinge beschrieben ... Und eine Darstellung — besser als in den „Moskauer Nachrichten“!

Polizeimeister. Schön, sagen Sie mal, haben Sie da nichts über einen Revisor aus Petersburg gefunden?

Postmeister. Aus Petersburg, nein, aber von einem in Kostromá und Sarátow ist viel die Rede. Wirklich schade, daß Sie keine Briefe lesen; manche Stellen sind großartig. Da schrieb kürzlich ein Leutnant seinem Kameraden und schilderte einen Ball auf die lustigste Art — ganz, ganz ausgezeichnet: „Ich führe hier“, schreibt er, „ein Götterleben: schöne Mädchen in Hülle und Fülle, die Musik rauscht, hoch flattert die Fahne ...“ mit großem Schwung schrieb er. Ich habe den Brief wahrscheinlich noch bei mir; soll ich ihn vorlesen?

Polizeimeister. Nein, lassen Sie’s für jetzt. Also seien Sie so gut, Iwán Kusmítsch: falls Sie gelegentlich auf so eine Beschwerde oder eine Denunziation stoßen, dann ohne weiteres anhalten.

Postmeister. Mit dem größten Vergnügen.

Kreisrichter. Sehen Sie sich aber vor, Sie könnten da mal reinfallen.

Postmeister. Du lieber Gott!

Polizeimeister. Ach, das hat gar nichts zu sagen; ja, wenn Sie das an die große Glocke hängen wollten, aber so ist’s ja reine Privatsache.

Kreisrichter. Na, schlimme Sache das. Übrigens war ich eigentlich gekommen, Antón Antónowitsch, um Ihnen eine junge Hündin zu offerieren; sie ist vom selben Wurf wie mein Köter, den Sie kennen. Daß Tscheptówitsch und Warchowínski im Prozeß liegen, wissen Sie wohl; und ich habe den Spaß davon, jetzt kann ich beim einen wie beim andern meine Hasen jagen.

Polizeimeister. Herr Gott, bleiben Sie mir jetzt mit Ihren Hasen vom Leibe; mir sitzt das verdammte Inkognito im Schädel! Immer drauf lauern, daß jeden Augenblick die Tür aufgeht und baff ...

3. Szene

Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos herein.

Bóbtschinski. Unerhörte Überraschung!

Dóbtschinski. Erstaunliche Neuigkeit!

Alle. Was, was ist denn los?!

Dóbtschinski. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...

Bóbtschinski (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus ...

Dóbtschinski (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch, ich will erzählen.

Bóbtschinski. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie haben gar kein Geschick ...

Dóbtschinski. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.

Bóbtschinski. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!

Polizeimeister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los? Ich brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski und Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt’s?

Bóbtschinski. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum daß ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja — da rannte ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich weiß alles, alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin nicht zu Hause war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf, von dort zum Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene Neuigkeit mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich Dóbtschinski ...

Dóbtschinski. Neben dem Pastetenladen ...

Bóbtschinski. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski und sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der Herr Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat? Dóbtschinski aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich weiß nicht wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt worden war ...

Dóbtschinski (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.

Bóbtschinski (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein, unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich nicht! ... Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir Dóbtschinski: „Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab’ so’n gewisses ... seit heut früh hab’ ich nichts genossen und der Magen knurrt mir so ...“ — jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. „Und in der Restauration,“ sagt er, „gibt’s heut frischen Lachs, kosten wir doch wenigstens.“ Kaum sind wir drin, als plötzlich ein junger Mann ...

Dóbtschinski (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...

Bóbtschinski. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so — ft — ins Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier (fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es sozusagen vorausgeahnt und sage zu Dóbtschinski: „Hier geht was vor.“ Jawohl. Und Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den Wirt, den Wirt Wlas gerufen — seine Frau kam vor drei Wochen mit einem strammen Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie Wlas kommt, fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: „Wer ist dieser junge Mensch?“ und Wlas antwortet: „Der“ sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie mich doch nicht in einem fort, Dóbtschinski, Sie können’s ja doch nicht erzählen, Sie lispeln ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ... „Der junge Mensch da“, sagt Wlas, „das ist ein Beamter“, jawohl, „kommt von Petersburg und heißt“, sagt er, „Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, und reist“, sagt er, „nach Sarátoff und führt sich,“ sagt er, „ganz seltsam auf: sitzt schon die zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt alles auf Rechnung und zahlt keinen Kopeken.“ Wie er das sagt, geht mir auf einmal ein Licht auf: „He!“ sage ich zu Dóbtschinski ...

Dóbtschinski. Nein Bóbtschinski, ich habe „He!“ gesagt.

Bóbtschinski. Zuerst sagten Sie’s, danach sagte ich’s auch. Also: „He!“ sagten Dóbtschinski und ich. „Warum sitzt er hier, wenn er nach Sarátoff soll?“ Folglich ist er der Beamte.

Polizeimeister. Was, welcher Beamte?

Bóbtschinski. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen geruhten — der Revisor.

Polizeimeister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen, das kann er nicht sein!

Dóbtschinski. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht. Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.

Bóbtschinski. Er ist’s, er ist’s, ganz gewiß ... Und was für eine Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich Lachs aßen — etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ... Ja, so hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir ordentlich in die Glieder.

Polizeimeister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo wohnt er denn da?

Dóbtschinski. Auf Nummer fünf, über die Stiege.

Bóbtschinski. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.

Polizeimeister. Ist er schon lange da?

Dóbtschinski. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.

Polizeimeister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den Kopf).

Hospitalverwalter. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird’s eben heißen: auf und in Gala nach dem Gasthof.

Kreisrichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den „Taten Johanns des Freimaurers“ ...

Polizeimeister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch Dank dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?

Bóbtschinski. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über vierundzwanzig.

Polizeimeister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn fühlen; schlimm, wenn’s ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine hin — oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz privatim, um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He, Swistúnoff!

Polizeidiener. Zu Befehl!

Polizeimeister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück. (Polizeidiener ab.)

Hospitalverwalter. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es könnte wirklich was passieren.

Kreisrichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für die Kranken und damit holla.

Hospitalverwalter. Wenn’s das bloß wäre! Von rechtswegen sollten die Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase zuhalten muß.

Kreisrichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu kommen fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein Aktenstück reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches Referat ansehn muß — ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.

(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab und kollidieren in der Tür mit dem zurückkehrenden Polizeidiener.)

4. Szene

Polizeimeister. Bóbtschinski. Dóbtschinski und Polizeidiener.

Polizeimeister. Ist der Wagen bereit?

Polizeidiener. Zu Befehl.

Polizeimeister. Geh hinunter ... oder nein, halt! Geh, hol mir ... Aber wo sind denn die andern? Bist du denn allein? Ich habe doch befohlen, daß auch Prochóroff zur Stelle sei. Wo ist Prochóroff?

Polizeidiener. Prochóroff ist auf der Wache, ist aber nicht zu brauchen.

Polizeimeister. Warum nicht?

Polizeidiener. Nun so: man brachte ihn heut morgen totbesoffen an; wir gossen ihm schon zwei Eimer Wasser über den Kopf, aber bis jetzt hat er sich noch nicht aufgerappelt.

Polizeimeister (schlägt sich vor den Kopf). Gott, mein Gott! Lauf schnell auf die Straße, oder nein — zuerst in mein Schlafzimmer, hörst du! und bring mir den Degen und die neue Mütze. Kommen Sie, Dóbtschinski!

Bóbtschinski. Ich auch, ich auch, bitte, nehmen Sie mich doch auch mit, Antón Antónowitsch.

Polizeimeister. Nein, nein, Bóbtschinski, das geht nicht! Es wäre unbequem, und wir hätten zusammen doch keinen Platz im Wagen.

Bóbtschinski. Tut nichts, tut nichts: ich springe hupp, hupp, hupp hinter dem Wagen her; ich möchte bloß so hineinblinzeln durch ein Türritzchen, wie er sich dabei haben wird.

Polizeimeister (den Degen nehmend, zum Polizeidiener). Lauf rasch, nimm dir Polizisten und jeder soll ... Verflucht, wie der Degen zerschrammt ist! Dieser hundsföttische Krämer Awdúljin — sieht beim Polizeimeister den alten Degen und schickt keinen neuen! Infames Pack! Wartet ihr Halunken, ich will euch mit euren ellenlangen Bittschriften! Jeder soll sofort eine Straße packen ... Himmeldonnerwetter Straße — einen Besen soll er packen und gleich die Straße beim Gasthof reinfegen ... hörst du! Und du nimm dich in acht! Ich kenne dich, Bürschchen: du biederst dich da an und läßt silberne Löffel in deine Stiefelschäfte verschwinden — sieh dich vor, ich habe feine Ohren! ... Was hast du neulich beim Kaufmann Tschernájeff ausgefressen? Er schenkt dir zwei Ellen Tuch zur Uniform, und du maust ihm das ganze Stück — paß Obacht! Zu so was bist du noch zu gering! Marsch!

5. Szene

Die Vorigen. Polizeiinspektor.

Polizeimeister. Um alles in der Welt, Stepán Iljitsch, wo treiben Sie sich denn herum? Ist das eine Art?

Polizeiinspektor. Ich war gerade nur einen Augenblick vor der Türe.

Polizeimeister. Na, nun hören Sie mal, Stepán Iljitsch! Der bewußte Beamte aus Petersburg ist eingetroffen. Was haben Sie inzwischen angeordnet?

Polizeiinspektor. Genau was Sie befahlen; ich schickte den Polizeidiener Pugowízyn mit Polizisten ab, um das Trottoir zu fegen.

Polizeimeister. Und wo ist Djerschimórda?

Polizeiinspektor. Djerschimórda mußte nach der Feuerspritze.

Polizeimeister. Und Prochóroff ist besoffen!

Polizeiinspektor. Zu Befehl, besoffen.

Polizeimeister. Wie konnten Sie das geschehen lassen?

Polizeiinspektor. Das weiß Gott! Gestern gab’s vor der Stadt Prügelei — er ritt hinaus, um Ruhe zu schaffen und kam besoffen zurück.

Polizeimeister. Hören Sie jetzt, was Sie zu tun haben: der Wachtmeister, groß und stämmig, wie er ist, soll auf der Brücke Posto fassen und auf Ordnung halten. Lassen Sie den alten Zaun neben dem Schuhmacher abfegen und ein paar Strohwische draufstecken, damit’s so aussieht, als ob dort planiert werden soll; je mehr Rudera, desto mehr glaubt man an den Eifer der Stadtverwaltung. Mein Gott, ich vergaß ja, daß man grade neben diesem Zaun an die vierzig Fuhren Dreck abgeladen hat! O diese schweinische Stadt! Kaum stellt man irgendwo ein Denkmal oder auch nur einen Zaun auf, gleich schleppen sie einem dort, der Teufel weiß woher, sämtlichen Unrat zusammen! Ja — und wenn der Revisor unsere Leute fragen sollte, ob sie zufrieden sind mit ihrem Dienst, daß mir die Kerle gehörig antworten: „Vollkommen zufrieden, Exzellenz!“ Wer sich anders untersteht, dem will ich später schon seine Mißvergnügtheit anstreichen. (Seufzt.) Ach, ach, ach! Ich armer geschlagener Sünder! (Ergreift statt der Mütze die Hutschachtel.) Gebe nur Gott, daß alles gnädig vorübergehe, dann will ich auch eine Wachskerze weihen, so groß, wie sie noch nie ein Mensch geopfert hat: jede Bestie von Krämer soll mir dazu drei Zentner Wachs herschaffen. O Gott, o Gott! Vorwärts, Dóbtschinski (will statt der Mütze die Hutschachtel aufsetzen.)

Polizeiinspektor. Antón Antónowitsch, das ist ja die Pappschachtel und nicht die Mütze.

Polizeimeister (wirft die Schachtel an die Erde). Zum Teufel mit der Pappschachtel! Und wenn gefragt wird: warum ist die Kirche am Hospital nicht gebaut, für die schon vor fünf Jahren die Baugelder angewiesen wurden, dann hat’s ordnungsgemäß zu heißen: sie war schon im Bau, ist aber wieder abgebrannt. Ich habe seinerzeit darüber Rapport erstattet. Daß mir keiner in seiner Dummheit herausplappert, daß sie überhaupt nicht angefangen wurde. Auch muß Djerschimórda eingeschärft werden, daß er mit seinen Fäusten nicht allzu derb dreinpfeffert; bei seinem Ruheschaffen haut er jedem Schuldigen wie Unschuldigen das Feuer aus den Augen. Fahren wir jetzt, Dóbtschinski. (Geht und kommt noch einmal zurück.) Daß man mir auch keinen Soldaten halbnackt auf die Straße läßt; diese Lottergarnison läuft immer nur in Hemd und Uniform herum, und weiter unterwärts ist nichts da. (Alle ab.)

6. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna kommen hereingelaufen.

Anna. Wo, wo sind sie? Ach mein Gott! ... (öffnet die Tür.) Mann! Anton! Liebster Anton! (Hastig.) Immer du, immer deinetwegen! Diese ewige Trödelei: „Noch eine Stecknadel, noch ein Lätzchen.“ (Läuft zum Fenster und ruft.) Anton, wohin? Wie? Ist er angekommen? Der Revisor? Mit Schnurrbart? Schönem Schnurrbart?

Stimme des Polizeimeisters. Nachher, nachher meine Liebe!

Anna. Nachher? Was soll mir nachher! Ich will nicht nachher! ... Nur ein Wörtchen: ist’s ein Oberst? Wie? (Fassungslos) Fort ist er! Das will ich dir gedenken. Ewig dies: „Ach Mamachen, nur noch ein Augenblickchen, nur noch das Lätzchen feststecken, gleich bin ich fertig.“ Da hast du dein gleich! Nichts und nichts erfahren! Alles wegen dieser verwünschten Koketterie; bloß hören, daß der Herr Postmeister da ist, und husch vor den Spiegel und sich erst gehörig zieren und sich hier herumdrehen und da herumdrehen, ob man auch hübsch genug ist. Bildet sich ein, daß er ihr die Cour schneidet! Grimassen schneidet er dir, sobald du dich nur umdrehst.

Márja. Aber, was ist denn da nun zu machen, Mamachen? Es ist doch egal, binnen zwei Stunden wissen wir ja alles.

Anna. Zwei Stunden? Bedanke mich schönstens! Auf die Antwort durfte ich ja gefaßt sein; sag doch gleich: in vier Wochen, da wissen wir’s ja noch bestimmter! (Beugt sich zum Fenster hinaus.) He, Awdótja! Wie? — Awdótja, hast du’s gehört, wer da angekommen ist? ... Nicht gehört? Dumme Gans! — Er winkt mit der Hand? Laß ihn winken, hast du ihn wenigstens gefragt? Nicht verstanden? Natürlich, immer verliebten Kram im Kopf! — Wie? Gerade abgefahren! Hätt’st nachrennen sollen! Lauf, lauf rasch! Hörst du, geschwind und frag, wohin sie gefahren sind, aber genau fragen, wer er ist, wie er aussieht — hörst du? Guck durch die Türritze und schau gut nach, auch was er für Augen hat, schwarze oder blaue, und in einer Minute bist du wieder hier, verstanden?! Schnell, schnell, schnell! (Ruft so lange, bis der niedergehende Vorhang die beiden am Fenster stehenden Frauen den Blicken entzieht.)

(Ende des ersten Aufzuges).

Zweiter Aufzug

Kleines Zimmer im Gasthause, ein Bett, Tisch, Handkoffer, eine leere Flasche, Stiefel, Kleiderbürste und dergleichen.

1. Szene

Ossip, liegt auf seines Herrn Bett.

Ossip. Hol’s der Schinder, so’n gemeiner Hunger, und im Magen ein Rumor, als ob da ’n ganzes Regiment ’rumtrompetet. Und kein Fortkommen, nich mal nach Hause. Was soll nu geschehen! Zwei geschlagene Monat weg von Petersburg! Verplempert auf der Reise sein Geld, mein sauberes Herrchen, und jetzt sitzt er da, klemmt den Schwanz ein und macht kusch. Und ’s hätt’ doch schön gereicht auf die Reise; aber nee, siehste, da muß überall Staat gemacht werden. (Äfft ihn nach.) „He, Ossip, lauf, nimm mir das beste Zimmer und bestell mir das feinste Essen, einen gewöhnlichen Mansch kann ich nicht genießen, ich brauche das feinste Essen.“ Ein einfacher tüchtiger Happen hätt’ auch gelangt, aber so’n Leckermaul muß immer was extra’s haben. Sich mit Reisenden einlassen und Karten spielen — na und dann gehörig reingelegt werden! Eh, die Zucht hab’ ich satt! Da is es doch auf ’m Dorf noch immer besser: freilich, so’n Stadtgetue gibt’s da nu mal nich, aber auch weniger Schererei: man nimmt sich ’n Weib, liegt immerzu auf der Ofenbank, und läßt sich die Klöße schmecken. Nu, ’s wird ja keiner abstreiten, und wenn man’s bei Lichte besieht, hat man’s wohl in Petersburg doch am besten. Man bloß Geld in der Tasche, dann aber auch ’n pikfeines politisches Leben; Tehater, tanzende Hunde, alles, was das Herz begehrt. Reden tun sie so delikat, als ob alles adlig wär’. Geht man auf den Markt, schrein die Kaufleute: „Gnädigster Herr!“ Man steigt in ’ne Fähre, gleich sitzt neben einem ’n Beamter. Braucht man Unterhaltung, dann nur in den ersten besten Laden rein: da erzählt so’n feiner Gardekavalier Schnurren aus ’m Lagerleben und erklärt einem alle Sterne am Himmel, daß man’s wie auf der flachen Hand hat. Eine schrumplige Offiziersfrau fängt an zu spektakeln; ’n andermal blinzt einem so’n Kammerzöfchen zu ... pst, pst! (Schüttelt lächelnd den Kopf.) Der Teufel hol die verliebte Wirtschaft! — Nie kriegt man Grobheiten zu hören, alles sagt „Sie“ zu einem. Hat man’s Laufen satt, nimmt man sich ’ne Droschke, setzt sich rein wie ’n feiner Herr, und wenn man nicht zahlen mag — keine Sorge; jedes Haus hat so’n Hinterpförtchen, da witscht man durch und kein Teufel find’t einen. Bloß eins is schlecht: einmal ißt man sich plumpsatt, ’s andere Mal könnt’ man vor Hunger zerspringen, wie zum Beispiel jetzt. Aber daran is er allein schuld. Was soll man mit ihm machen? Papachen schickt Geld und denkt, man wird sparen — i wohin! ... Rumtreiben tut er sich, fährt immerzu Droschke, jeden Tag hol’ ihm ein Tehaterbillett, aber nach acht Tagen, hast du nicht gesehn, da muß ich ihm schon den neuen Frack zum Trödler tragen. Manchmal is er bis aufs letzte Hemd ausgeplündert, daß ihm nur ’n schäbiges Röckchen und ’n alter Mantel übrig bleibt, wahr und wahrhaftig! Und so’n feines Tuch, londonisches! Ein einziger Frack kost’t ihm 150 Rubel, und für 20 schlägt er ’n los; von den Hosen erst gar nich zu reden, die gibt er umsonst zu! Und warum? Darum, weil er nichts tut: statt zu arbeiten, fährt er spazieren auf’m Proschpekt und spielt Karten. Hä, wenn das der Alte wüßte? Der möcht’ sich nich drum kümmern, daß du’n Beamter bist, sondern möcht dir’s Hemd hochnehmen und ’n paar überziehen, daß du dich vier Tage lang jucken könntest. Hast du ’n Dienst, dann dien’ auch. Da kommt nu der Wirt und sagt: erst gezahlt, und hernach kriegt ihr zu essen; nu, und wenn wir nich zahlen? (Seufzend.) Grundgütiger Gott, und wenn’s auch bloß ’ne Kohlsuppe wär’! Ich möcht’ wetten, die ganze Welt hat längst gegessen. — ’s rappelt, gewiß is er’s. (Rafft sich vom Bett auf.)

2. Szene

Ossip. Chlestakóff.

Chlestakóff. Da, nimm das. (Reicht ihm Hut und Spazierstock.) Wieder auf meinem Bett gewälzt?

Ossip. Ich und auf’m Bett? Nich mal angesehn hab’ ich’s.

Chlestakóff. Du lügst! Doch hast du’s getan! Sieh doch hin, wie’s zerwühlt ist!

Ossip. Was hab’ ich vom Bett? Weiß ich überhaupt, was ’n Bett is? Ich hab’ ja Beine zum Stehen. Was geht mich Ihr Bett an?

Chlestakóff (auf- und abgehend). Schau mal nach, ob noch Tabak im Beutel ist.

Ossip. Wo soll er denn herkommen, der Tabak? Sie haben ja schon vorgestern den letzten aufgeraucht.

Chlestakóff (auf- und abgehend und immerfort die Lippen aufeinander pressend, endlich sehr laut und energisch). Hör mal, Ossip!

Ossip. Was befehlen?

Chlestakóff (laut, aber weniger energisch). Geh mal runter.

Ossip. Wohin?

Chlestakóff (viel leiser und zahmer, beinahe bittend). Hinunter ans Büfett ... Sag dort ... man möchte mir zu essen schicken.

Ossip. Ach nee, lieber nich.

Chlestakóff. Was unterstehst du dich, Schafskopf?

Ossip. Nu ja, ob ich nu geh’ oder nich, ’s wird ja doch nichts draus. Der Wirt hat gesagt, er gibt kein Essen mehr.

Chlestakóff. Nichts mehr geben will der Kerl? Die Unverschämtheit!

Ossip. Obendrein hat er gesagt: Ich geh’ zur Polizei! Dein Herr bezahlt seit zwei Wochen nich mehr. Und du und dein Herr, sagt er, seid Spitzbuben, und dein Herr is ’n Gauner.

Chlestakóff. Und du Rindvieh freust dich noch gar, mir das wiederzuerzählen!

Ossip. Weiter sagt er noch: „Da kommt solche Bande hergelaufen, nistet sich ein, macht Schulden, und hinterher kann man sie nich mal rausschmeißen. Ich“, sagt er, „ich werde aber nich spaßen, ich geh’ aufs Gericht und bring Euch ins Loch!“

Chlestakóff. Jetzt schweig, Dummkopf! Geh nur, geh, sag’s ihm. Dieser grobe Klotz!

Ossip. Am gescheit’sten, ich hol’ Ihnen gleich den Wirt selber herauf.

Chlestakóff. Was brauche ich den Wirt? Sag du es ihm alleine.

Ossip. Aber wirklich, Herr ...

Chlestakóff. Na, in des Teufels Namen, so geh und rufe den Wirt!

Ossip (ab).

3. Szene

Chlestakóff allein.

Chlestakóff. Greulichen Hunger hab’ ich! Ein bißchen spazieren gegangen; dachte, der Appetit wird vergehen — nein; im Gegenteil, hol’s der Satan! Hätte ich nur in Pénsa nicht so gelumpt; dann könnte es noch zur Heimreise langen. — Dieser Hauptmann hat mich gründlich ausgebeutelt: wie die Bestie die Volte schlagen konnte! Kaum ein paar Viertelstündchen gespielt — und ratzekahl geschoren. Trotz alledem hätte ich riesige Lust, noch einmal mit ihm loszugehen. Leider kann ich auf den Zufall kaum rechnen. — Was für ein ekelhaftes Nest das! In den Obstläden geben sie nichts auf Pump; es ist geradezu gemein! (Pfeift eine Melodie aus Robert dem Teufel, dann den roten Sarafan, endlich alles mögliche durcheinander.) Es scheint niemand kommen zu wollen.

4. Szene

Chlestakóff, Ossip und der Kellner.

Kellner. Der Wirt läßt fragen, was Sie wünschen?

Chlestakóff. Schönen guten Tag! Na, wie geht’s, Freundchen?

Kellner. Danke, ausgezeichnet.

Chlestakóff. Und wie steht’s in der Wirtschaft? Guter Zuspruch?

Kellner. Danke, alles nach Wunsch.

Chlestakóff. Viel Reisende?

Kellner. Danke, ausreichend.

Chlestakóff. Hör mal, mein Lieber, man hat mir bis jetzt das Essen nicht gebracht; sieh doch geschwind zu, daß sie sich beeilen — ich habe gleich nach Mittag ein dringendes Geschäft.

Kellner. Aber der Wirt hat gesagt, er borgt nicht länger; heute wollte er sogar schon zum Polizeimeister, um sich zu beschweren.

Chlestakóff. Weshalb beschweren? Aber Freundchen, das siehst du doch selber ein, essen muß ich doch; ich würde ja sonst verhungern. Ich habe wirklich starken Appetit — ganz im Ernst.

Kellner. Zu dienen. Er sagte aber: „Zu essen kriegt er nichts, bis er nicht seine vorige Zeche bezahlt hat.“ Wort für Wort.

Chlestakóff. Rede ihm doch zu, dir wird er’s nicht abschlagen.

Kellner. Wie soll ich ihm denn zureden?

Chlestakóff. Setze es ihm nur ganz ernsthaft auseinander, daß ich eben essen muß. Von Geld ein andermal ... So ein Bauer bildet sich ein, wenn ihm ein Tag fasten nichts schadet, könnten’s auch andere Leute vertragen! Unerhört!

(Kellner und Ossip ab.)

5. Szene

Chlestakóff allein.

Chlestakóff. Es wäre doch niederträchtig, wenn er mir nichts zu essen schickte. Einen Hunger hab’ ich, wie noch nie. — Ob man wohl die Garderobe versetzt? Vielleicht die Beinkleider? Nein, eher noch hungern, aber wenigstens im Petersburger Kostüm nach Haus kommen. Schade, daß mir der Jochim nicht die Karosse herleihen wollte; alle Wetter, das wäre doch ein Spaß gewesen, in so einer Staatskutsche heimzureisen und dann der lieben Nachbarschaft mit dem Ungetüm vor die Fenster zu rasseln, vorn Laternen, hinten Ossip in Livree. Ich kann mir’s ordentlich vorstellen, wie sie da alle aufgesprungen wären! „Was ist los? Wer kommt da?“ Und mein Lakai tritt herein: (Richtet sich stramm auf und ahmt den Lakeien nach.) „Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff aus Petersburg, geruht die Herrschaft zu empfangen?“ Diese Tölpel, sie ahnen nicht mal, was da drin liegt: „empfangen!“ Kommt ihnen freilich so ein Hanswurst von Gutsbesitzer, der tappt natürlich wie ein ungeschlachter Bär direkt ins Zimmer. — Man nähert sich einer hübschen jungen Dame: „Ah, Gnädigste, wie bin ich ...“ (Reibt sich die Hände und scharrt mit den Füßen.) Tfu! (Spuckt aus.) Rein übel wird einem vor lauter Hunger!

6. Szene

Chlestakóff, Ossip, nachher der Kellner.

Chlestakóff. Nun?

Ossip. Das Essen kommt.

Chlestakóff (klatscht in die Hände und ist mit einem Satz auf dem Stuhl). Das Essen! Das Essen!

Kellner (mit Tellern und Serviette). Der Wirt will es noch ein letztes Mal geben.

Chlestakóff. Wirt hin, Wirt her, ich pfeife auf deinen Wirt! Was bringst du da?

Kellner. Suppe und Braten.

Chlestakóff. Was, bloß zwei Gerichte?

Kellner. Bloß zwei.

Chlestakóff. Schufterei! Ich nehme das nicht an. Sag ihm gefälligst, daß das eine Gemeinheit ist! ... Die paar Brocken!

Kellner. Im Gegenteil, der Wirt sagt, das wäre überreichlich.

Chlestakóff. Und warum keine Sauce?

Kellner. Sauce gibt’s nicht.

Chlestakóff. Wieso gibt’s nicht? Ich habe doch selber gesehen, wie ich bei der Küche vorbeiging, daß eine Masse davon bereitet wurde. Und im Gastzimmer heute morgen aßen zwei alberne Knirpse Lachs und andere schöne Sachen.

Kellner. O ja, da ist es schon, aber es gibt es nicht.

Chlestakóff. Wieso nicht?

Kellner. Gibt’s eben nicht.

Chlestakóff. Und Lachs und Fisch und Kotelettes?

Kellner. Ja, das gibt’s eben für die besseren Leute.

Chlestakóff. Ach, du Tropf!

Kellner. Zu dienen.

Chlestakóff. Ferkel, garstiges ... Warum essen die, und ich nicht? Soll ich das nicht können, zum Kuckuck? Sind das nicht ebenso gut Reisende wie ich?

Kellner. Oh, das weiß man schon, daß die anders sind.

Chlestakóff. Wieso anders?

Kellner. O ganz einfach: die bezahlen eben auch.

Chlestakóff. Mit dir Schafskopf mag ich nichts weiter zu schaffen haben. (Gießt sich Suppe ein und ißt.) Was ist denn das für Suppe? Reines Wasser hast du in die Terrine gegossen! Schmeckt nach gar nichts, riecht bloß. Ich mag diese Suppe nicht, bring mir eine andere.

Kellner. Dann nehmen wir sie zurück. Der Wirt sagte, wenn Sie sie nicht wünschten, brauchten sie auch keine.

Chlestakóff (hält abwehrend die Hand darüber). Nu, nu, nu ... weg, Dummkopf! Solche Manieren kannst du bei deinen Leuten anbringen: ich bin von anderem Schlage! Mit mir rate ich’s dir nicht ... (Ißt.) Gott, o Gott, was für eine Suppe! (Ißt weiter.) Ich glaube, kein Mensch auf der ganzen Welt hat jemals solche Suppe gegessen; statt Fettaugen schwimmen Federn darauf rum. (Schneidet ein Huhn an.) Gräßlich, so was nennt sich Huhn! Gib den Braten! Hier ist etwas Suppe übrig geblieben, nimm dir’s, Ossip. (Zerschneidet den Braten.) Das soll Braten sein? Das ist kein Braten.

Kellner. Was denn sonst?

Chlestakóff. Der Teufel mag wissen was, aber Braten ist’s nicht. Eine geschmorte Axt vielleicht, aber kein Rindfleisch. (Ißt.) Gauner, Kanaillen, damit wollen Sie einen füttern? Die Kinnladen zerschindet man sich, wenn man nur einen Bissen kaut. (Stochert mit den Fingern in den Zähnen.) Schufte! Die reine Baumrinde — man kriegt’s gar nicht wieder heraus; nur die Zähne werden einem schwarz davon; Halunken! (Wischt sich mit der Serviette den Mund.) Und weiter gibt’s nichts?

Kellner. Nein.

Chlestakóff. Kanaillen! Spitzbuben! Nicht mal einen Löffel Sauce oder Pasteten. Gauner! Ziehen den Reisenden nur das Fell über die Ohren.

Kellner (räumt zusammen und trägt mit Ossip die Teller hinaus).

7. Szene

Chlestakóff. Dann Ossip.

Chlestakóff. Absolut, als wenn ich nichts gegessen hätte; der Appetit ist nur noch stärker. Hätt’ ich wenigstens einen lumpigen Dreier, um mir vom Markt eine Semmel holen lassen zu können.

Ossip (tritt herein). Draußen ist da so was wie ’n Polizeimeister angekommen, der sich nach Ihnen erkundigt.

Chlestakóff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Hat mich diese Bestie von Wirt doch schon verpetzt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! In ein standesgemäßes Gewahrsam vielleicht ... Nein, nein, ich will nicht! Auf der Straße treiben sich viele Offiziere und Volks umher, und gerade vorhin erst habe ich ihnen den feinen Ton vorgemacht und mit einem Kaufmannstöchterchen angebandelt ... nein, ich will nicht ... Aber wie kommt er überhaupt dazu, was untersteht er sich denn eigentlich? Wofür hält er mich? Wohl gar für einen Krämer oder Handwerker? (Mut fassend und sich aufrichtend). Ich sag’s ihm aber direkt ins Gesicht: „Wie können Sie sich ...“ (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakóff erbleicht und knickt zusammen).

8. Szene

Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.

(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten einander mehrere Minuten mit weit aufgerissenen Augen).

Polizeimeister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch). Gehorsamster Diener!

Chlestakóff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!

Polizeimeister. Verzeihen Sie!

Chlestakóff. Keine Ursache ...

Polizeimeister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und Standespersonen keine Plackereien ...

Chlestakóff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll man aber machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ... ich erwarte Geld von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er treibt’s ja noch schlimmer: schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie’n Knüppel; und die Suppe — der Teufel weiß, was er da rein gemanscht hatte, ich mußte sie zum Fenster hinausgießen. Er hungert mich förmlich aus ... Und ein unglaublicher Tee, riecht nach Hering, aber nicht nach Tee. Und da sollte ich ... das fehlte gerade noch!

Polizeimeister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte — Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, in meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.

Chlestakóff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich, ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...

Polizeimeister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles hinterbracht!

Chlestakóff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister! (Schlägt mit der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie denn?

Polizeimeister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie sich. Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ... machen Sie mich nicht unglücklich!

Chlestakóff. Nein, ich tu’s dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner! Was geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll ich ins Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und zieht ihn erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will nicht!

Polizeimeister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand, oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so ist das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten möchte.

Chlestakóff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ... (Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von Bösewichtern und einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser Unteroffizierswitwe ist eine Sache für sich — mich aber werden Sie nicht auspeitschen dürfen, so hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer den Herrn! ... Zahlen werde ich, aber augenblicklich habe ich kein Geld. Darum sitze ich ja hier fest, weil ich keinen Kopeken habe.

Polizeimeister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe nicht mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht’s nicht, dann komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie aber Geld oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu Diensten. Es ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.

Chlestakóff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.

Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.

Chlestakóff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders aus.

Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird’s wohl glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!

Chlestakóff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte, setzen Sie sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich bitte recht sehr!

Polizeimeister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.

Chlestakóff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie sich! Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und Dóbtschinski setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und horcht.)

Polizeimeister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich zu überzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar nicht kümmern; ich dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht, schon aus christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute Aufnahme findet — und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese willkommene Bekanntschaft.

Chlestakóff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen sollte.

Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen gedenken?

Chlestakóff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein Familiengut.

Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!

Chlestakóff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich ein, daß man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins Knopfloch zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer Kanzlei herumzuschlagen.

Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt? Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange zu verweilen?

Chlestakóff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber kurz und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet nach Licht.

Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger plattdrücken könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen! (Laut.) Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts kein Auge zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei Schonung, ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu ernten. (Blickt im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?

Chlestakóff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie erlebt habe: beißen wie die Hunde.

Polizeimeister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in diesem Zimmer ist!

Chlestakóff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen poetischen Gedanken zu Papier bringen — unmöglich: Nacht, schwarze Nacht.

Polizeimeister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen ... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.

Chlestakóff. Was ist’s denn?

Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!

Chlestakóff. Na, heraus damit, was ist’s?

Polizeimeister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem Hause ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein, ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.

Chlestakóff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher als in dieser Schankbude.

Polizeimeister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine Frau freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen. Seien Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist; nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem Herzen.

Chlestakóff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.

9. Szene

Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bóbtschinski guckt zur Tür herein.

Kellner. Sie geruhten mich rufen zu lassen?

Chlestakóff. Ja, bring mir die Rechnung.

Kellner. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem überreicht.

Chlestakóff. Was weiß ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel macht’s?

Kellner. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am zweiten Tage aßen Sie bloß Lachs — und von da an ließen Sie alles auf Rechnung gehen.

Chlestakóff. Schafskopf! Muß das noch einmal vorrechnen! Was macht’s im Ganzen?

Polizeimeister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstände: der Kerl kann warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird’s schicken!

Chlestakóff. In der Tat, das ist das vernünftigste. (Steckt das Geld wieder ein; der Kellner ab; Bóbtschinski schielt durch die Tür.)

10. Szene

Polizeimeister. Chlestakóff. Dóbtschinski.

Polizeimeister. Würden Sie jetzt vielleicht geneigt sein, einige unserer städtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitäler und anderes?

Chlestakóff. Was gibt’s denn da zu sehen?

Polizeimeister. Nun, Sie könnten da zum Beispiel einen Einblick gewinnen in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...

Chlestakóff. Mit dem größten Vergnügen, bin gern bereit. (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür.)

Polizeimeister. Und von dort könnte man sich, wenn Sie es wünschen sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.

Chlestakóff. Schön, schön.

Polizeimeister. Dann, falls Sie das Gefängnis und die städtischen Arrestlokale zu besuchen wünschten — könnten Sie sich überzeugen, wie bei uns die Verbrecher gehalten werden.

Chlestakóff. Gefängnis? — ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber die Hospitäler an.

Polizeimeister. Ganz wie Sie wünschen. Befehlen Sie Ihre eigene Equipage oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?

Chlestakóff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.

Polizeimeister (zu Dóbtschinski). Pjótr Iwánowitsch, nun habe ich für Sie keinen Platz.

Dóbtschinski. O bitte, hat nichts zu sagen!

Polizeimeister (leise zu Dóbtschinski). Hören Sie, laufen Sie, aber was Ihre Beine laufen können, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an Semljaníka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakóff.) Darf ich Sie um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine Frau zu richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschätzten Gastes vorbereiten kann?

Chlestakóff. Aber weshalb denn? ... Übrigens Tinte ist vorhanden, nur weiß ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?

Polizeimeister. Genügt vollkommen! (Schreibt und spricht während dieser Zeit vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach dem Frühstück und ein paar tüchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir haben da so einen hiesigen Madeira, äußerlich ganz harmlos, aber kräftig, um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekäme, was er ist und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen muß. (Übergibt das Papier Dóbtschinski: dieser wendet sich zur Türe, aber im selben Augenblick bricht diese aus den Angeln und fliegt zusammen mit dem dahinter horchenden Bóbtschinski auf die Szene. Alle stoßen einen Ruf der Überraschung aus. Bóbtschinski erhebt sich.)

Chlestakóff. Oh, haben Sie sich verletzt?

Bóbtschinski. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts abbekommen, nur über der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe gleich zum Doktor Hübner; er hat ein großartiges Pflaster, da heilt’s geschwind.

Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu Chlestakóff). Das hat gar nichts auf sich. Bitte untertänigst voranzugehen. Ich werde Ihren Diener bescheiden, daß er den Koffer hinüberbringt. (Zu Ossip.) Mein Freundchen, trage das alles zu mir herüber, zum Polizeimeister, jeder kann dich hinweisen. Bitte untertänigst! (Läßt Chlestakóff den Vortritt und folgt ihm; im Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton zu Bóbtschinski.) Sie sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen besseren Ort zum Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie — weiß der Teufel wie! (Ab. Bóbtschinski hinterher. Der Vorhang fällt.)

(Ende des zweiten Aufzuges.)

Dritter Aufzug

Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug

1. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna am Fenster in der gleichen Haltung wie am Schluß des ersten Aufzuges.

Anna Andréjewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde, und alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht längst fertig — aber nein, da muß immer noch getrödelt werden ... Noch nichts von ihr zu hören. Rein zum Verdrießen! Nirgends eine Seele, wie auf Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wäre!

Márja Antónowna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren wir alles. Awdótja muß gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft aus.) Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Straße.

Anna Andréjewna. Wo, wo? — Was du auch ewig phantasierst! — Nun ja doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack ... Wer ist das? Wer? Man könnte umkommen vor Ärger! Wer ist es denn nun?

Márja Antónowna. Dóbtschinski ist’s, Mamachen!

Anna Andréjewna. Ach was, Dóbtschinski! Immer diese Einbildungen! Nicht entfernt Dóbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda Sie, hierher, rasch!

Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, Dóbtschinski!

Anna Andréjewna. Nur um widersprechen zu können. Du hast gehört, es ist nicht Dóbtschinski!

Márja Antónowna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Nun ja doch, Dóbtschinski, jetzt seh ich’s auch; warum streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie sich doch! Wie steht’s, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von da, ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann? (Ärgerlich vom Fenster zurücktretend.) Tölpel der, wird nichts reden, bis er nicht mitten im Zimmer steht!

2. Szene

Die Vorigen. Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn kein Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis diesen Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen. Schämen Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und Ihre Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?

Dóbtschinski. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um Ihnen gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster Diener, Márja Antónowna!

Márja Antónowna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!

Anna Andréjewna. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht drüben vor?

Dóbtschinski. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.

Anna Andréjewna. Nun und er? Natürlich ein General?

Dóbtschinski. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie General. Eine Bildung und ein Auftreten!

Anna Andréjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann geschrieben wurde?

Dóbtschinski. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das zuallererst entdeckt.

Anna Andréjewna. Weiter, weiter, was geschah weiter?

Dóbtschinski. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte: im Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen ins Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf — und Gott sei Dank, alles lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu besichtigen ... aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits befürchtet zu haben, daß man ihn denunziert hätte. Ich selber bekam es so ein bißchen mit der Angst.

Anna Andréjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind doch kein Beamter!

Dóbtschinski. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter spricht, fährt’s einem doch in die Glieder.

Anna Andréjewna. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun, und wie sieht er aus? Alt, jung?

Dóbtschinski. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an dreiundzwanzig; aber reden tut er wie ein alter. „Sehn Sie“, sagt er, „ich reise da und dahin“ ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. „Ich schreibe auch“, meint er, „und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer behindert mich etwas.“

Anna Andréjewna. Und im Äußeren — brünett oder blond?

Dóbtschinski. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein Luchs, um das Zittern zu kriegen.

Anna Andréjewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest): „Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr kritisch war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei gesalzene Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel fünfundzwanzig Kopeken ...“ (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was sollen hier gesalzene Gurken und Kaviar?

Dóbtschinski. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.

Anna Andréjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) „doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital bei Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.“ Ach mein Gott! Jetzt heißt’s aber eilen! He, niemand da? Míschka!

Dóbtschinski (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka! (Míschka kommt herein.)

Anna Andréjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte, ich gebe dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht währenddem). Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sídor, er soll zum Kaufmann Awdúljin rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir dies Zimmer hübsch in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen Waschtisch und so weiter.

Dóbtschinski. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn, wie er inspiziert.

Anna Andréjewna. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.

3. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Anna Andréjewna. Nun, Máscha, jetzt müssen wir an unsere Toilette denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm irgendwie belächelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid mit den schmalen Volants anziehen.

Márja Antónowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden: die Ljápkin-Tjápkin geht schon in einem blauen und Fräulein Semljaníka geht auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblümte an.

Anna Andréjewna. Das geblümte! ... wirklich, du sprichst nur um zu widersprechen. Das andere stünde dir viel besser, weil ich mein strohfarbenes anziehen will; ich schwärme für das strohfarbene.

Márja Antónowna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar nicht!

Anna Andréjewna. Mir nicht stehn?

Márja Antónowna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es steht dir nicht; dafür muß man dunkle Augen haben.

Anna Andréjewna. Nun wird’s reizend! Ich und keine dunklen Augen? Die dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du für einen Unsinn! Wieso nicht dunkel, wenn doch beim Kartenlegen für mich immer Treffdame herauskommt?

Márja Antónowna. Ach Mamachen, viel öfter doch Coeurdame!

Anna Andréjewna. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie Coeurdame! (Verläßt mit Márja Antónowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter der Szene.) Was das für Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel wissen, was das ist! (Nach ihrem Abgang öffnet sich die seitliche Tür und Míschka wirft einen Haufen Kehricht heraus. Durch die andere Tür tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)

4. Szene

Míschka und Ossip.

Ossip. Wo damit hin?

Míschka. Hierher, Kamerad, hierher!

Ossip. Wart, laß mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf’n leeren Magen is jeder Packen ’ne Last.

Míschka. Na, Kamerad, kommt der General bald?

Ossip. Was für’n General denn?

Míschka. Na, dein Herr.

Ossip. Mein Herr? Der ’n General?

Míschka. Na, is er denn kein General?

Ossip. General schon, aber vom andern Ende rauf.

Míschka. Is das nu mehr oder weniger als ’n eigentlicher General?

Ossip. Mehr.

Míschka. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.

Ossip. Hör mal, Kleiner; ich seh, du bist ’n flinker Junge — schaff doch unser einem ’n Happen zu essen!

Míschka. Nee, Kamerad, für euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost werd’t Ihr ja nich anrühren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch setzt, kriegst du auch dein Teil ab.

Ossip. Na und Hauskost, was gibt’s denn da bei euch so?

Míschka. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen.

Ossip. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen — her damit! Egal, eß ich alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch’n Ausgang?

Míschka. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)

5. Szene

Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff, gefolgt vom Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter, Schulinspektor, Dóbtschinski und Bóbtschinski, mit einem Pflaster auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein am Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben und stoßen dabei vor Eifer mit den Köpfen zusammen.

Chlestakóff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten einführt. In andern Städten hat man mir gar nichts gezeigt.

Polizeimeister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.

Chlestakóff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich ordentlich überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?

Polizeimeister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.

Chlestakóff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich, um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?

Hospitalverwalter (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.

Chlestakóff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett, nicht wahr?

Hospitalverwalter. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.

Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.

Hospitalverwalter. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen sind alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung. Seitdem ich die Verwaltung übernahm — es wird Ihnen freilich kaum glaubhaft erscheinen — seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen. Kaum kommt ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das weniger durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.

Polizeimeister. Und wie aufreibend — verzeihen Sie die Kühnheit — wie aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes! Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der klügste Mann käme in Verlegenheit — doch, Gott sei Dank, hier bei uns geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: „Herr, mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne und zufriedengestellt sei!“ ... Selbstverständlich ist es ihr freier Wille, ob sie mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe wenigstens ein reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind die Straßen gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene zu sehen ... was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen strebe ich nicht. Gewiß haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend sind sie nichts wie eitel Nichtigkeit und Staub.

Hospitalverwalter (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott schenke mir solche Gabe!

Chlestakóff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft mir auch mal ein Vers.

Bóbtschinski (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das alles, Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht’s, der hat die Bildung studiert.

Chlestakóff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein Spielchen Karten machen könnte?

Polizeimeister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt man hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten angefaßt, weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch nicht mit ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen Karo-König oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch Ekel, daß ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu Gefallen ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze Nacht von dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur seine kostbare Zeit daran verschwenden ...

Schulinspektor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert Rubel abgeknöpft!

Polizeimeister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.

Chlestakóff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man z. B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte va banque spielen sollen ... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen hat so ein kleines Spielchen was sehr Verlockendes.

6. Szene

Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Polizeimeister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine Frau, meine Tochter.

Chlestakóff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste, meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe Person begrüßen zu dürfen.

Chlestakóff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil, mir ist es noch weit willkommener.

Anna Andréjewna. Nein, wie ist’s möglich! Sie sagen das sicherlich nur aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.

Chlestakóff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück; wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt bin ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu beziehen ... Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach hierher sehr unangenehm empfunden haben.

Chlestakóff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, comprenez-vous, in der großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße wiederfinden — schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe, ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und spielt den Galanten) ... für alles entschädigt ...

Anna Andréjewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm empfunden haben!

Chlestakóff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr angenehm!

Anna Andréjewna. Aber wie ist’s nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich verdiene es durchaus nicht.

Chlestakóff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie verdienen es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.

Anna Andréjewna. Ich lebe auf dem Dorfe ...

Chlestakóff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit Petersburg vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie denken vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber — nicht entfernt! Ich stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße. Der schlägt mir dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: „Na, Kollege, Mahlzeit!“ Ins Departement komme ich höchstens für zwei Minuten, nur um dort Anweisungen zu geben — das so, das so, das so. Da steht gleich so ein Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder an — kri-kri, kri-kri, kri-kri, das fliegt nur so! Man wollte mich sogar zum Kollegien-Assessor machen, na, ich weiß genau warum. Und der Portier kommt mir noch auf die Treppe nachgelaufen und ruft: „Erlauben Sie, Iwán Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ (Zum Polizeimeister.) Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch!

Polizeimeister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.

Hospitalverwalter. Wir können auch stehen.

Schulinspektor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei gleichzeitig.)

Chlestakóff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und alle anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst unbemerkt durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein unmöglich! Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt’s: „Ei, da ist ja Iwán Alexándrowitsch!“ Einmal hielten sie mich sogar für den Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter Bekannter von mir: „Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für den Oberkommandierenden gehalten.“

Anna Andréjewna. Nun sagen Sie bloß!

Chlestakóff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch verschiedene Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit Puschkin bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm: „Na, Puschkinchen, wie geht’s?“ „Na, wie soll’s gehn, Kollege,“ meint er dann, „danke, es macht sich.“ Ein Original, dieser Puschkin.

Anna Andréjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll muß sich doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in Journalen?

Chlestakóff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine Menge Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ... kaum daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem Ärmel geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die Theaterdirektoren setzen einem zu: „Liebster, Bester, schreib uns doch was!“ Ich überlege bei mir: „Na, wollen mal sehn.“ Und dann ist’s an einem einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende Phantasie. Alles, was unter dem Namen „Baron Brambeus“ ging: „Fregatte Hoffnung“ und „Moskauer Telegraph“ ... das war alles von mir.

Anna Andréjewna. Ach, also Sie waren Brambeus?

Chlestakóff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse. Smírdin zahlt mir 40000 dafür.

Anna Andréjewna. Dann ist sicherlich auch der „Júrij Milosláwski“ von Ihnen?

Chlestakóff. Ganz gewiß.

Anna Andréjewna. Das hatte ich mir gleich gedacht!

Márja Antónowna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: „von Sagóskin“!

Anna Andréjewna. Wußte ich’s doch, daß du selbst hier streiten würdest!

Chlestakóff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.

Anna Andréjewna. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen. Wie prachtvoll geschrieben!

Chlestakóff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch das Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind, bitte, bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.

Anna Andréjewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend diese Bälle sein müssen!

Chlestakóff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum Beispiel eine Wassermelone — das heißt, so eine für siebenhundert Rubel. Die Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man hebt den Deckel ab — ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt! Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie: der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische Botschafter, der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft derart ins Spiel, daß man’s kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach Haus und klettert in seine vierte Etage hinauf — kann man grade noch zur Köchin stammeln: Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn — ich vergaß ja, ich wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch sehr interessant, mein Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens erhoben habe: da drängen sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die Hummeln, man hört nur: sum, sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ... (Polizeimeister und die übrigen Herren erheben sich ehrfurchtsvoll von den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an Seine Exzellenz ... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das war ganz komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging natürlich das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen? Viele Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen — nein, zu schwer! Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn — unmöglich, hol’s der Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht — zu mir! Und im selben Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie sich bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch, welche Situation! „Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!“ Ich war, offen gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte absagen, denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das Avancement ... „Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,“ sage ich, „abgemacht, ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine Ohren, ich will euch ...“ Gesagt, getan: ich quer durchs Departement, das reine Erdbeben, alles schwankt und zittert wie Espenlaub. (Polizeimeister und die Übrigen beben vor Schreck; Chlestakóff erhitzt sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen allen beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu jedem sage ich: „Ich weiß alleine Bescheid!“ Ich bin überall, überall. Jeden Tag fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch... (schwankt und fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.)

Polizeimeister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu sprechen). Aber E... E... E...

Chlestakóff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?

Polizeimeister. Aber E... E... E... E...

Chlestakóff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.

Polizeimeister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.

Chlestakóff. Blödsinn — ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden .... (mit Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom Polizeimeister.)

7. Szene

Die Vorigen außer Chlestakóff und Polizeimeister.

Bóbtschinski. Das ist ein Mann, Pjotr Iwánowitsch! Das heißt doch ein Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persönlichkeit gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr Iwánowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?

Dóbtschinski. Ich meine zum mindesten General.

Bóbtschinski. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus. Sie hörten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzählen wir’s rasch Ammós Fjódorowitsch und Koróbkin. Empfehle mich, Anna Andréjewna!

Dóbtschinski. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)

Hospitalverwalter (zum Schulinspektor). Seltsam, höchst seltsam, weshalb, das weiß ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala! Was dann, wenn er erwacht und sofort darüber nach Petersburg berichtet? (Verläßt mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im Hinausgehen:) Empfehlen uns, Gnädigste!

8. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Anna Andréjewna. Ach, was für ein reizender junger Mann!

Márja Antónowna. Ach und wie lieb!

Anna Andréjewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch gleich den Großstädter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie entzückend! Ich schwärme für dergleichen junge Männer! Wirklich, ich bin ganz außer mir. Ich habe übrigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte es wohl, er sah immer nach mir hin.

Márja Antónowna. Aber Mama, mich hat er angesehen!

Anna Andréjewna. Bleib mir gefälligst fort mit deinem Unsinn! Der ist hier überflüssig!

Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama!

Anna Andréjewna. Natürlich! Gott bewahre mich, alles muß sie abstreiten! Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb hätte er dich ansehn sollen?

Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, immerfort hat er mich angesehen. Als er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher, wie er erzählte, daß er mit den Botschaftern Whist spielt, da sah er mich auch an.

Anna Andréjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann höchstens etwa so: „Na, sehen wir uns die auch mal an!“

9. Szene

Die Vorigen und Polizeimeister.

Polizeimeister (tritt auf den Fußspitzen herein). Pst ... pst ...

Anna Andréjewna. Wie steht’s?

Polizeimeister. Es ist mir doch fatal, daß er sich übernommen hat. Indes, und wenn auch nur die Hälfte von dem, was er gesagt hat, wahr ist? (Überlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch offenbart der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Freilich, ein bißchen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern kommt schließlich keine vernünftige Unterhaltung zustande. Mit den Ministern spielt er Karten und fährt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man darüber nachdenkt ... weiß der Teufel, was in meinem Schädel vorgeht; mir ist gerade so, als ob ich hoch oben auf einem Glockenturme stünde — oder gehängt werden sollte.

Anna Andréjewna. Ich für mein Teil habe mich durchaus nicht befangen gefühlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten, vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.

Polizeimeister. So seid ihr eben alle — ihr Weiber! Alles ist gleich in schönster Ordnung, da genügt ein einziges Wörtchen! Euch ist alles — Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert, seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen beliebigen Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich weiß vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf die Tochter.)

Polizeimeister (für sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig, dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen. (Öffnet die Tür und ruft hinaus) Míschka! Ruf die Polizeidiener Swistúnoff und Djerschimórda: sie müssen hier irgendwo beim Tore sein. (Nach längerem Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht; wenn es wenigstens ansehnliche Kerle wären, aber so ein unscheinbares, schmächtiges Herrchen — wie soll man da herausbekommen, was er ist? Ein Militär ist immer noch was Greifbares; zieht er aber den Frack an — dann schaut er aus wie eine Fliege mit ausgerupften Flügeln. Hat sich vorhin im Gasthof lange genug verbarrikadiert und mit so viel Anspielungen und Zweideutigkeiten geplänkelt, daß man’s in Ewigkeit nicht hätte zusammenreimen können. Nun hat er endlich die Waffen gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als nötig war. Eins ist wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!

10. Szene

Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.

Anna Andréjewna. Komm doch mal her, mein Lieber!

Polizeimeister. Pst! ... Wie steht’s? Schläft er?

Ossip. Nein, er reckt sich noch ’n bissel.

Anna Andréjewna. Hör mal, mein Lieber, wie heißt denn du?

Ossip. Ossip, Gnädigste.

Polizeimeister (zu Frau und Tochter). Laßt schon, laßt! (Zu Ossip) Nun, Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?

Ossip. Gut versorgt, allerschönsten Dank, tüchtig versorgt.

Anna Andréjewna. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft Besuch von Grafen und Fürsten?

Ossip (zur Seite). Was red’t man da nu? Haben sie einen jetzt gut gefüttert, füttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja, auch Grafen kommen.

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!

Anna Andréjewna. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...

Polizeimeister. So hört doch mal auf! Ihr stört mich nur mit euren albernen Fragen. Na Freundchen ...

Anna Andréjewna. Und welchen Rang hat denn dein Herr?

Ossip. Na den gewöhnlichen.

Polizeimeister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann man zur Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ... Streng? Schimpft er auch mal gerne oder nicht?

Ossip. O ja, auf Ordnung hält er sehr. Alles muß bei ihm auf die Minute gehn.

Polizeimeister. Du gefällst mir recht gut, Freundchen! Du mußt ein braver Mensch sein. Sag mal ...

Anna Andréjewna. Ach, Ossip, was trägt denn dein Herr dort, Uniform oder ...

Polizeimeister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermäuler! Hier ist’s dringend, hier geht’s um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also, Freundchen, du gefällst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal ein Gläschen Tee; kalt ist’s außerdem; da hast du ein paar Blanke für Tee.

Ossip (nimmt das Geld). Ah, danke allerschönstens, gnädiger Herr! Gott schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu ’n armen Menschen sind.

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal — —

Anna Andréjewna. Hör doch, Ossip, was für Augen gefallen deinem Herrn am besten? ...

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, was für ein liebes Näschen dein Herr hat!

Polizeimeister. So schweigt doch schon, laßt mich doch endlich! ... (Zu Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?

Ossip. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er’s, wenn man ihn schön aufnimmt und gehörig verpflegt.

Polizeimeister. So so?

Ossip. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur ’n Leibeigner, aber er paßt auch auf, daß ich’s gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: „Na, Ossip, gut bewirtet worden?“ „Schlecht, Hochwohlgeboren!“ „Sieh mal, der miserable Wirt. Du“, meint er, „erinnere mich dran, wenn wir heim kommen“. „Ah“, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) „laß ihn laufen! Ich bin ’n friedlicher Mensch!“

Polizeimeister. Schön, schön, sehr vernünftig, was du da sagst. Eben gab ich dir was für Tee, da nimm noch was für Zwieback.

Ossip. Zu gnädig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich mal auf Ihre Gesundheit.

Anna Andréjewna. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.

Márja Antónowna. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn für mich einen Kuß! (Aus dem Nebenzimmer hört man ein leichtes Husten Chlestakóffs.)

Polizeimeister. Pst! (Erhebt sich auf den Fußspitzen.) Könnt ihr denn gar keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...

Anna Andréjewna. Komm Máscha! Ich muß dir was erzählen, ich habe an unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen wiedersagen kann.

Polizeimeister. Was die sich auch immer zu erzählen haben! Einmal hinhören und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip gewendet.) Na, mein Freund ...

11. Szene

Die Vorigen. Djerschimórda und Swistúnoff.

Polizeimeister. Pst! Wie diese verdammten vierschrötigen Bären mit den Stiefeln stampfen. Das dröhnt, als ob einer vierzig Zentner vom Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?

Djerschimórda. Wir kamen auf Befehl ...

Polizeimeister. Pst! (Hält ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krächzt! (schüttelt ihn.) „Wir kamen auf Befehl!“ Brüllt wie aus einer Tonne! (Zu Ossip.) Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfüge über alles, was das Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr — ihr habt mir auf der Treppe zu stehen, und nicht von der Stelle gerührt! Und keinen Unbefugten hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Laßt ihr auch nur einen herein, dann ...! So wie ihr seht, daß jemand mit einer Beschwerdeschrift kommt, oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er eine Beschwerde über mich einreichen will, dann ohne weiteres eins ins Genick! So! tüchtig! (Machts ihnen mit dem Fuße vor.) Verstanden? Pst! ... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener vor sich herschiebend.)

(Ende des dritten Aufzuges.)

Vierter Aufzug

(Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)

1. Szene

Es treten auf — behutsam auf den Fußspitzen: Kreisrichter, Hospitalverwalter, Postmeister, Schulinspektor, Dóbtschinski, Bóbtschinski, (sämtlich in voller Gala. Die ganze Szene geht im Flüsterton vor sich.)

Kreisrichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine Herren, schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein gefährlicher Herr: fährt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen Sie sich in Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwánowitsch, stellen sich hierher.

(Beide Pjotr Iwánowitsch eilen auf den Zehen herbei.)

Hospitalverwalter. Gestatten Sie, Ammós Fjódorowitsch, man sollte doch zuvor etwas versuchen.

Kreisrichter. Und was denn?

Hospitalverwalter. Na, was ganz bekanntes.

Kreisrichter. Schmieren?

Hospitalverwalter. Nun ja doch, schmieren.

Kreisrichter. Das ist gefährlich, das spricht sich ’rum: ein Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels — irgendein Andenken.

Postmeister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld auf der Post eingegangen, aber keiner weiß, wem’s gehört.

Hospitalverwalter. Passen Sie dann nur auf, daß er Sie nicht mit der Post weiter wohin befördert. Nein, hören Sie, in einem wohlgeordneten Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht’s denn hier der ganzen Schwadron? Einzeln muß man sich vorstellen, und dann unter vier Augen ... wie sich’s eben gehört; die Ohren dürfen nichts davon merken! So ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Ammós Fjódorowitsch, müßten den Anfang machen.

Kreisrichter. Nein, besser Sie; in Ihrer Anstalt hat der hohe Besuch doch auch gespeist.

Hospitalverwalter. Dann eher noch Lúka Lúkitsch in seiner Eigenschaft als Erleuchter der Jugend.

Schulinspektor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren! Offen gestanden, ich bin so ängstlich, daß ich, wenn ein höherer Beamter mit mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!

Hospitalverwalter. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Ammós Fjódorowitsch. Sie haben ja auch einen Redefluß, um den Sie Cicero beneiden könnte.

Kreisrichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken! Wenn ich mich auch manchmal hinreißen lasse beim Gespräch über Jagd- und Schweißhunde ...

Alle (ihn umdrängend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie können sogar vom babylonischen Turm ... Nein, Ammós Fjódorowitsch, lassen Sie uns nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Ammós Fjódorowitsch!

Kreisrichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!

(Im selben Augenblick hört man im Nebenzimmer Schritte und Husten Chlestakóffs. Alle rennen um die Wette nach der Tür und drängen sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige Püffe abgeht; man hört unterdrückte Ausrufe.)

Stimme Bóbtschinskis. Au! Dóbtschinski, Dóbtschinski! Meine Hühneraugen!

Stimme des Hospitalverwalters. Herrschaft laßt los, laßt los, Ihr quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!

(Man hört noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle durchgedrückt, und das Zimmer ist leer.)

2. Szene

Chlestakóff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.

Chlestakóff. Ich muß ganz tüchtig geschnarcht haben. Wo sie bloß alle diese Matratzen und Federbetten herhaben mögen? Geschwitzt habe ich sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frühstück einen ziemlichen Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schädel. Ich sehe, man kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die Gastlichkeit und schätze sie noch höher, wenn ich mehr aus natürlicher Herzensgüte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet werde. Zudem ist dies Töchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so übel, und selbst bei der Mama könnte man noch ganz gut ... Alles in allem ... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.

3. Szene

Chlestakóff und Kreisrichter.

Kreisrichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht für sich). Gott, mein Gott! Hilf mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst. (Laut, Haltung nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich vorzustellen: Ljápkin-Tjápkin, Kollegienassessor und Richter des hiesigen Kreises.

Chlestakóff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?

Kreisrichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels für drei Jahre gewählt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.

Chlestakóff. Das ist wohl ein recht einträglicher Posten?

Kreisrichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladímir vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten Behörde. (Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!

Chlestakóff. Der Wladímir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden dritter reicht da nicht heran.

Kreisrichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor; beiseite). Gott im Himmel, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich sitze wie auf glühenden Kohlen!

Chlestakóff. Was haben Sie da in der Hand?

Kreisrichter (verliert den Kopf und läßt die Scheine auf den Boden fallen). O nichts.

Chlestakóff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.

Kreisrichter (am ganzen Leibe zitternd). D — d — durchaus nicht! (Beiseite.) O Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet schon.

Chlestakóff (das Geld aufhebend). Natürlich ist das Geld.

Kreisrichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!

Chlestakóff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!

Kreisrichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem größten Vergnügen! (Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!

Chlestakóff. Sehen Sie, ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt; dies und jenes ... ich schicke es Ihnen übrigens von Hause gleich wieder zurück.

Kreisrichter. Absolut unnötig! An sich schon welche Ehre ... Mit meinen schwachen Kräften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart zu belästigen. Hatten Sie noch irgendwelche Befehle zu erteilen?

Chlestakóff. Was für Befehle?

Kreisrichter. Ich meine — Befehle an den hiesigen Kreisrichter!

Chlestakóff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach ihm; nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.

Kreisrichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung ist erobert!

Chlestakóff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser Kreisrichter!

4. Szene

Chlestakóff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter Haltung, die Hand am Degen).

Postmeister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat Schpékin!

Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft. Setzen Sie sich. Leben Sie beständig hier?

Postmeister. Zu dienen.

Chlestakóff. Mir gefällt Ihr Städtchen. Es ist freilich nicht sehr bevölkert — aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht wahr? Es ist ja doch keine Residenz?

Postmeister. Vollkommen richtig.

Chlestakóff. Den bon ton gibt’s doch eben nur in der Residenz, die hat auch keine Provinzgänse. Was ist Ihre Meinung, wie?

Postmeister. Durchaus die nämliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz zu sein; erkundigt sich nach allem.

Chlestakóff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt läßt es sich wohl ganz hübsch leben?

Postmeister. O gewiß.

Chlestakóff. Ich meine so, was braucht man weiter? Man braucht nur geachtet und geliebt zu sein — nicht wahr?

Postmeister. Sehr richtig bemerkt.

Chlestakóff. Ich bin wirklich recht erfreut, daß Sie so ganz meiner Meinung sind. Ich gelte allerdings für einen Sonderling, aber das ist nun mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht für sich.) Ob ich diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da komisches passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir vielleicht dreihundert Rubel leihen?

Postmeister. Aber sofort! Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie die Güte. Stehe bereitwilligst zu Diensten.

Chlestakóff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod zuwider, mich auf der Reise einschränken zu sollen; wozu auch? Nicht wahr?

Postmeister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen ... Hätten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des Postdienstes?

Chlestakóff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)

Chlestakóff (eine Zigarre anzündend). Der Postmeister scheint auch ein recht netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefällig. Solche Leute liebe ich.

5. Szene

Chlestakóff und Schulinspektor, der fast zur Tür hereingestoßen wird. Hinter ihm hört man eine ziemlich laute Stimme: „Hasenfuß!“

Schulinspektor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die Ehre, mich vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlópoff.

Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz! Zigarre gefällig? (Reicht ihm eine Zigarre.)

Schulinspektor (unschlüssig, für sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war ich nicht vorbereitet. Was nun?

Chlestakóff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anständiges Kraut. Natürlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort rauche ich so gewöhnlich das Kistchen zu fünfundzwanzig Rubel, tadellos, man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte schön. (Reicht ihm das Licht.)

Schulinspektor (versucht zu rauchen und schlottert am ganzen Leibe).

Chlestakóff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!

Schulinspektor (läßt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht sich mit der Hand vor dem Gesicht; für sich). Hol das alles doch der Teufel! Diese verfluchte Schüchternheit!

Chlestakóff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich freilich habe offen gesagt geradezu eine Schwäche dafür. Es geht mir damit so wie mit dem schönen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgültig sein. Und Sie? Was mögen Sie mehr, die Brünetten oder Blondinen?

Schulinspektor (schwebt in völliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).

Chlestakóff. Nein, frei heraus, Brünette oder Blondinen?

Schulinspektor. Ich wage keine Ansicht ...

Chlestakóff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren Geschmack kennen lernen!

Schulinspektor. Dann würde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten ... (Beiseite.) Ich weiß ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe herum.

Chlestakóff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewiß hat’s Ihnen so eine kleine Brünette angetan! Hab’ ich recht?

Schulinspektor (schweigt).

Chlestakóff. Ja, ja, Sie erröten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie’s denn nicht?

Schulinspektor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl... Exzell... (Beiseite.) Läßt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!

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