Anhang zur Komödie „Der Revisor“
Thomas Commichau translation
I. Abriß aus einem Brief (1841) den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete
„.... Der Revisor ist aufgeführt worden — und mir ist so seltsam, so traurig zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese Rolle einem der wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus comme il faut, gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre! Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufällig in einer Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder, der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so zu drehen weiß, als sei er’s gar nicht gewesen.
Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein? Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist niederdrückend und tief verstimmend.
Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, — und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.
Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und ähnlichen Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung, als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren, ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.
Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich, jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen Schwäche an sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß, so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer zweiten Auflage oder Überarbeitung des „Revisor“ seinen Platz finden.
Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung. Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen muß, welche die sogenannten „lebenden Bilder“ erheischen. Man entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses „Weiteren“ ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: „Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.“ Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet, wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen, entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte, deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe außerstande bin ....“
St. Petersburg, 25. Mai 1836.
II. Vorbemerkung für diejenigen, die den „Revisor“ sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.
1. (Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer Gedanken ist, — der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen Züge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen vermögen, — alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.
Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....
2. (Der vollständige Entwurf.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht ..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht, worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person, ohne zu spaßen, selber tut.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen, daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes, dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen, daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird, daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten lassen, groß tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich tragischen.
Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht, beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....
Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs, wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines 22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: „Laberdan, Ew. Gnaden!“ direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen, und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.
Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige Angst zum Ausdruck zu bringen.
Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so einfältig wie möglich zu sein.
Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze: man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist. Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde Interessen in die Welt gesetzt wurden.
Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, — also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben imstande ist.
Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt. Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.
Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert, bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, daß er in der Literatur einen Namen hat, auf Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all’ den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung, wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute herunterzuputzen — wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.
Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften, welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen. Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am stärksten ausgebildet ist, — eine kindische Neigung zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des „Revisors“ muß ganz besonders umsichtig gespielt werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich, schmächtig, alle andern dick), — von dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde, wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt. Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele, überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit dem Unterschied, daß sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren wird.
III. Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Márja Antónowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...
Anna Andréjewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch die Frau Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je gesehen, und sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb — sagte sie mir bei jeder Gelegenheit: „Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß das Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck haben!“ Überhaupt herrschte nur eine Stimme: „Mit Ihnen, Anna Andréjewna, braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge Ihrer Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.“ Und der Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem feinsten Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der sagte mir zu wiederholten Malen: „Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna, noch nie habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon gelesen; ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..“ Ich trug damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt und mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: „Ihr Anblick, Anna Andréjewna, bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...“ ach, ich weiß schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er sogar noch Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen, aber die Pistolen waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er längst nicht mehr am Leben.
Márja Antónowna. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine untere Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.
Anna Andréjewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist alles dummes Zeug!
Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen oder im Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...
Anna Andréjewna. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist wirklich unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr’ mich! Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen hat! — Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)
Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II. mit Achselschnüren).
Rastakówski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und Hausbesitzer hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.
Chlestakóff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin mit Ihrem Chef sehr gut bekannt.
Rastakówski (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?
Chlestakóff. Welchen Sadunaiski?
Rastakówski. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.
Chlestakóff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?
Rastakówski. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria teil. Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente war — Sie kannten ihn gewiß — Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.
Chlestakóff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?
Rastakówski. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.
Chlestakóff. Nein, mir unbekannt.
Rastakówski. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe, zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka.
Chlestakóff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz neu.
Rastakówski. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke also stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber waren so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten. In unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-Knabe, ein Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige General en chef taufte ihn einfach um: „Du bist kein Siegfried,“ sagte er, „sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.“ Und seitdem wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal eine Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre tot.
Chlestakóff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine Bitte an Sie ...
Rastakówski (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt, blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte! Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen, ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß mal so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so eine Kleine drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als Dragoner vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite, ha, ha, ha ...
Chlestakóff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner Bekannten, einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines Tages im Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal ein Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.) Hören Sie mal, könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich unterwegs ganz verausgabt.
Rastakówski. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der Offizier den Beamten?
Chlestakóff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es lieber gleich, ehe ich’s nachher noch vergesse.
Rastakówski. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen Bitte zu belästigen.
Chlestakóff. Und die wäre?
Rastakówski. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und hatte Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.
Chlestakóff. Aber gewiß, mit Vergnügen.
Rastakówski. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht, möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.
Chlestakóff. Wie lange ist denn das her?
Rastakówski. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im Jahre 1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf Bescheid. Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der damals gerade nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich zuverlässiger Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen Orts eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern: dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen müssen.
Chlestakóff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen; übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache, schon gut, schon gut.
IV. Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene Szene des „Revisor“.[1]
8. Szene (des vierten Aufzuges)
Chlestakóff und Hübner.
Hübner. Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der Armenanstalten Hübner.
Chlestakóff. Bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Hübner. Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so würdigen Mann zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmächtigt hat ...
Chlestakóff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld versehen?
Hübner. Geld? Wieso Geld?
Chlestakóff. Nun, ich würde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu borgen ... zu borgen ... Soll natürlich heißen: Sie gibt es mir jetzt, und ich gebe[2] es Ihnen später wieder.
Hübner. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus und schüttelt sie aus). Sehen Sie! Nichts da ... nur eine Zigarre ... weiter nichts ...
Chlestakóff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren.
Hübner (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche). Wollen Sie eine Zigarre rauchen? (Zieht sie heraus und überreicht sie ihm).
Chlestakóff. Recht gern, gut! Geben Sie her, gibt (nimmt sie und steckt sie an). Ganz leidliche Zigarre; gewiß aus Petersburg. (Bläst den Rauch vor sich hin).
Hübner. Nein ... aus ... Riga ...
Chlestakóff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.
Hübner (steht auf und verbeugt sich). Ich darf Sie nicht mehr beunruhigen (sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den Staatsgeschäften widmen. (Verabschiedet sich).
Chlestakóff. Adieu. War mir sehr angenehm.
9. Szene
Chlestakóff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel Beamte es doch hier gibt usw.
V. Vorwort zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“. 1846.
Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze Bücher heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch andere endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich allein hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des „Revisor“ zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum noch unbekannte Skizze: „Die Deutung des Revisors“ vermehrt, die aus verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.
Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen Bedürftigen zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen Stellungen befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen Unterhalt notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen, oft sogar zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit erlaubt, über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in Petersburg nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht verdrießen zu lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst hineinzuschauen, und alle derartigen Nachrichten denen zu übermitteln, die mit der Verteilung der Unterstützungen betraut sind.
Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben sorglos und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht, daß ein jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen nicht einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß wir uns nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen bitte ich inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus dem Wege zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm sich grämen, stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten und oft erst nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen Last ihres Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser, welche durch wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße haben, sich direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich einer möglichst weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und diese einer von den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten Personen zu überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses Vorwortes verzeichnet sind.
Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird. Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen und so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die jenem zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen Fällen jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet hat und sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder, der Nachforschungen nach Bedürftigen anzustellen gedenkt, sich der Mühe unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der Unterstützungsgelder persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn bei mündlicher Rücksprache lassen sich all’ jene Mißverständnisse leicht beseitigen, die bei brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf diese Weise wird jeder sich nach Beschaffenheit seines Falles selber darüber ein Urteil bilden können, an welche der bezeichneten Personen er sich lieber, bequemer und zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen können, wann die mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige, brüderlich ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei. Noch nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine Stunde, die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die geeignetste ist; und sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht genehm sein, so wird der zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall die Ansage einer anderen, geeigneteren erhalten können.
Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:
In Moskau:
Awdotja Pietrowna Jelagina. Katerina Alexandrowna Swjerbejewa. Wjera Sergejewna Aksakowa. Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff. Nikolai Filippowitsch Pawloff. Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.
In Petersburg:
Olga Stjepanowna Odojewskaja. Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja. Gräfin Daschkowa. Arkadij Ossipowitsch Rosseti. Jurij Fjodorowitsch Ssamarin. Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.
VI. Die Deutung des Revisors
Personen:
Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
Eine hübsche Schauspielerin.
Zweiter Schauspieler.
Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
Schauspieler und Schauspielerinnen.
Erster Schauspieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre Bescheidenheit unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich ausgezeichnet gespielt und der Applaus des Publikums war nicht unverdient. Fühlt man das selber, ohne sich vor sich selbst zu schämen, dann war eben die Leistung vollkommen.
(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)
Zweiter Schauspieler (einen Kranz in der Hand). Michailo Sjemjonowitsch, jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen Kranz zu bringen. Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach strenger Wahl; es schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber Kollegen, die doch oftmals neidisch und unbillig sind — wenn eben diese Kollegen jemandem einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt das, daß dieser Mann des Kranzes vollkommen würdig ist.
Erster Schauspieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich weiß diesen Kranz zu schätzen.
Zweiter Schauspieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie ihn setzen!
Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Aufs Haupt den Kranz!
Die hübsche Schauspielerin (vortretend, mit befehlender Gebärde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!
Erster Schauspieler. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar von Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist’s, vom Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte; einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung, als ich sie besitze.
Alle. Den Kranz aufs Haupt!
Die hübsche Schauspielerin. Den Kranz aufs Haupt, Michailo Sjemjonowitsch!
Zweiter Schauspieler. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht Sie. Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist’s recht! Und nun hören Sie! Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig Jahre angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals von Ihnen gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir alle ihre Pflicht getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt haben, auf unserer Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die Kraft gehabt hätten. Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen könnte, als das anfeuernde Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil Sie stets nicht nur an sich selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben haben, Ihre eigne Rolle gut zu spielen, sondern auch Sorge trugen, daß jeder andere die seine nicht verderbe, keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet haben. Und endlich darum, weil Sie die Kunst so geliebt haben, wie niemals einer von uns übrigen. Nun wissen Sie, warum wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz widmen.
Erster Schauspieler (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.
(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai Nikolajewitsch.)
Fjodor Fjodorowitsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu Ihrem Spiel sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!
Pjotr Pjetrowitsch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo Sjemjonowitsch, aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals — trotzdem ich, wie ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen Theater Europas besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe — niemals habe ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals, ohne alle Schmeichelei!
Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande, sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!
Nikolai Nikolajewitsch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen — nein, das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!
Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist’s möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint, nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb, weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.
Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig gestanden noch nie gesehen habe — und ich bin doch, ohne Rühmens gesagt, in den besten Theatern gewesen — ich weiß auch nicht einmal, wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im „Revisor“, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen, so daß man sagen dürfte, das Stück sei für sie unentbehrlich.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar für schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies: welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen: „was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“
Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über ihn lacht.
Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte der Autor jene Worte: „Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“ ausdrücklich an sie. Ich sage das — meine Herrschaften, Sie werden meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht sagt: „ihr lacht über euch selber!“
Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was wäre denn, wenn der Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im „Revisor“ geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto heißt es: „Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“ Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?
Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch; nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.
Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.
Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst; das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst. Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt, und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?
Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte ich trotzdem ....
Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist, sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.
Erster Schauspieler. Wahr und schön gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.
Fjodor Fjodorowitsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß, eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.
Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die Zuschauer — und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen, daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner Meinung nach — Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist’s, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.
Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.
Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fühlt, sie weit von sich zu stoßen, — all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im „Revisor“ nicht die große Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im allgemeinen über Kunst sagen.
Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.
Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der „Revisor“ bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber, daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas — ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen — so etwas unnatürlich Düsteres, so etwas wie Schrecken über unsere Sittenlosigkeit zurück. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, — all dies ist unerhört schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, à la lettre, daß mir keine einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein sollte.
Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage angelangt. Der „Revisor“ wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung, die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.
(Alle sehen ihn erstaunt an.)
Pjotr Pjetrowitsch. Erklären Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu wollen.
Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen, daß der „Revisor“ keinen Schluß hat?
Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schluß?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein weiterer Skandal nachfolgen?
Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor, als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und fragen wollte, was darin sei.
Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?
Pjotr Pjetrowitsch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder gleich der Schlüssel in die Hand gegeben werden.
Erster Schauspieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt, neben dem Kästchen liegt?
Nikolai Nikolajewitsch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln! Sie haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den Geheimnisvollen.
Fjodor Fjodorowitsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch; es interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag! Mit meinen Augen sehe ich nichts.
Sjemjon Sjemjonowitsch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte Kästchen! Was ist’s mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll gebracht, geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns verschlossen gehalten wird?
Erster Schauspieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie sich wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann etwas darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich verändern möge?
Nikolai Nikolajewitsch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie uns ohne Umschweife den Schlüssel!
Sjemjon Sjemjonowitsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!
Fjodor Fjodorowitsch. Den Schlüssel!
Pjotr Pjetrowitsch. Den Schlüssel!
Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den Schlüssel!
Erster Schauspieler. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen fortschleudern?
Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts hören. Den Schlüssel!
Alle. Den Schlüssel!
Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben. Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen. Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.
Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns schauen — denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht sitzen, — versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger den Mut haben wird zu fragen: „habe ich denn eine Fratze?“ Ob er nicht vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird, wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: „das ist alter Kram“ oder „das wissen wir längst!“ Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln, sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns jählings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in uns ist, — einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff! Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem Nächsten noch brüstet und spricht: „sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und sauber ist!“ Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte, sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach, und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all’ unsre niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist, um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder! Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren, sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der böse Geist selber uns zuraunt: „Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch selbst!“ Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: „Jawohl, wir lachen über uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen, weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu werden als die übrigen!“ Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe — nicht das sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Müßiggangs gebiert, — sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.
VII. Nachtrag zur „Deutung des Revisors“.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?
Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen, wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man hinterher der Betrogene sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier irgendwelche Analogie?
Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.
Fjodor Fjodorowitsch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.
Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal eingefallen!
Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: „Der Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.“ Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe. Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.
Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf, daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?
Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt! Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie gefunden haben?
Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?
Michailo Michailowitsch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer Leute Sorge tragen — und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: „habe ich denn eine Fratze?“
Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine ich das nicht ...
Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen, ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, — warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber besäßen, — in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu können.
Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen, uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, — sie würde nicht wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.
Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die eigene Person, sei möglich?
Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor seinen eigenen Fehlern empfindet.
Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß, wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir, daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat. Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines jeden von Ihnen; daß auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer, sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, — Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen! ...