VII. Wundersagen.
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Durch Wunder geschieht Übernatürliches, d. h. alles das, was sich über die Naturgesetze erhebt. Wunder können daher nur Götter oder dämonische Wesen verrichten; wo sie von Menschen verrichtet werden, da wohnt in letzteren allemal etwas Dämonisches.
Wenn uns die Sagen von Wunderblumen erzählen, durch welche sich Berge mit darin verborgenen Schätzen öffnen, so leben wir auf dem Gebiete des Übernatürlichen, zugleich aber offenbart sich uns darin eine tiefe Symbolik. Die ersten gelben, blauen, weißen oder roten Frühlingsblumen sind die Abbilder des Blitzes, durch welchen Donar im Frühlinge die Berge des Himmels, d. h. die Wolken erschließt, so daß darauf die golden glänzende und Segen spendende Sonne sichtbar wird. Unter gewaltigem Krachen öffnet sich der Berg, unter Donner die Wolke, und Donar ist es selbst, welcher sie mit seinem Blitze öffnet, er ist der Hirte, von dessen Hand die Blume abgepflückt ward, die dann den Zugang zu den Schätzen im Innern des Berges erschloß. (Mannhardt, Die Götter der deutschen und nord. Völker, S. 204.) In allen hierher gehörigen Sagen ertönt die warnende Stimme: »Vergiß das Beste nicht!« und so ist dieser Zuruf nach Jac. Grimm (Deutsche Myth. S. 545) wohl die Blume selbst, unser »Vergißmeinnicht«, zu dessen Namen sich später erst die sentimentale Deutung bildete, oder der »Gamander« und das »Mausöhrchen«, welche beide ebenfalls vom Volke, das ihre Wunderkraft berücksichtigte, als »Vergißmeinnicht« bezeichnet wurden. Oder die Wunderblume ist die gelbe Schlüsselblume, das »Himmelschlüssel«, worauf eine Sage hinweist, welche Henne-Am-Rhyn (Deutsche Volkssage, S. 79) uns mitteilt. Darnach saß die Berg-Jungfrau am Steinböckli bei Unter-Erendingen im Aargau als Hüterin auf einem Häuflein gepflückter Schlüsselblümchen in der Morgensonne, ein Schlüsselbund, das sich hier, wie in anderen Sagen, stets auf einen verborgenen Schatz bezieht, an der Seite. Ein aufgehobenes Schlüsselblümchen verwandelte sich darauf in der Hand eines Jünglings in ein hellglänzendes Goldstück. – Wenn oben auf die Symbolik des Blitzes als Wunderblume hingewiesen wurde, so ist hier die Schlüsselblume unverkennbar eine solche, da sie sich in den Händen des Jünglings in ein Goldstück verwandelt; nach einem deutschen Volksglauben schlägt der Donner Gold ins Haus, und in Tyrol sagt man von den nach einem Gewitter gefundenen Münzen, daß sie vom Himmel gefallen seien.
Wie das Eisenkraut (Verbena) als »Wunschkraut«, wenn man dasselbe beim Aufgehen des Hundssterns sammelte, ehe es von Sonne oder Mond beschienen war, und ebenso die »Wünschelsamen«, d. h. die Sporen des Farnkrauts, alle Wünsche erfüllten (Reling und Bohnhorst, Unsere Pflanzen, S. 62 und 112), so galt auch die Wünschelrute unbeschadet ihrer Beziehung zu Donar als wunderkräftiger Stab, der dem Menschen von Odhin, als dem Herrn des Wunsches und Wisser der Orte, wo Gold und Silber in der Erde liegen, verliehen ward. Nach Jakob Grimm drückt der Wunsch den Inbegriff von Glück und Heil aus. Die Wünschelrute heißt darum in David Kellners 1702 zu Nordhausen geschriebenen »Schola metallurgica« oder »wohleingerichteten Bergmanns-Schule« auch Glücksrute, und hinzugefügt wird dabei, daß man sie noch »Wicker« oder »Wahrsager« nenne, »sintemal das alte deutsche Wort wicken so viel ist, als vorher- oder wahrsagen.« Die Wünschelrute ist der Kompaß, welcher in der Mitternachtsstunde des ersten Maitages den Ort anzeigt, wo die Wunderblume blüht (Mannhardt a. a. O. S. 206); sie führt nach den ältesten Überlieferungen zu verborgenen Schätzen, ja noch mehr als dies: sie stärkte und vergrößerte fort und fort deren Gehalt und verlieh dem Besitzer übermenschliche Kräfte, und darum sagt auch die Edda von dem Nibelungenhorte, »dem Schatze, der nichts anderes als nur Gestein und Gold enthielt,«
»Es lag der Wunsch darunter: von Gold ein Rütelein; Wer dessen Kraft erforschte, der möchte Meister sein Wohl auf der ganzen Erde und über jeden Mann.«
Hier wird die Wünschelrute golden genannt, und obschon man in der Blütezeit ihres Gebrauchs vereinzelt auch aus Messingdraht gemachte Ruten, ja selbst Lichtscheren, wie uns sagenhafte Überlieferungen melden, mit gutem Erfolge anwandte, so war es doch hauptsächlich der Haselstrauch und in einigen Fällen noch der Kreuzdorn, wenn der Zweig in einem Jahre gewachsen und kein Flecken altes Holz daran war, von welchem sie abgeschnitten wurde. Nach einer Kärntner Sage von der Erbauung des Schlosses Waisenburg wurde ein Mädchen in einem Traume belehrt, sie möge mit einem Wachholderzweige einen Schatz suchen; dort, wo sich das Zweiglein der Erde zuneige, solle sie nachgraben. (Österr. Touristenzeitung 1885, No. 10.) Der dem Donar geweihte Haselstrauch ist nach der Sage mit wunderbaren Kräften ausgestattet. Sein Zweig schützt gegen den Blitz, denn letzterer darf weder den Strauch, noch denjenigen treffen, welcher unter ihm Schutz sucht; ein Haselstab, mit einem Hollunderzweige übers Kreuz gebunden, schützt gegen das wütende Heer; Haselzweige in den Ställen bessern den Viehstand auf; drei derselben auf dem Boden einer Scheune sichern das Getreide gegen allen Schaden; Kühe, von den Hirten mit Haseln an die Lenden geschlagen, geben reichlich Milch; ein am Karfreitage vor Sonnenaufgang im Namen des dreieinigen Gottes stillschweigend mit drei Schnitten abgelöster Zweig überträgt die Schläge auf den Abwesenden, und so weiß das Volk noch manche Kräfte zu nennen, welche dem Strauche verliehen wurden. Im Schwarzwalde trugen einst die Hochzeitsleute eine Haselrute, und an einigen Orten Frankreichs umtanzt man noch jetzt die Johannisfeuer mit einem Haselzweige.
Für die Wünschelrute mußte vom Strauche eine jährige Zwiesel oder Gabel, welche so stand, daß Ost- und Westsonne durch dieselbe schien, im Mondschein geschnitten werden. Man wählte dazu am liebsten die Johannis-, aber auch Christ- und Karfreitagsnacht, oder die der heiligen drei Könige, nachdem man die Rute bei Neumond gesucht hatte. Sie durfte weder mit Hülfe eines Messers oder anderen metallenen Werkzeugs, sondern mußte mit einem scharfen Feuerstein rasch vom Stamme gelöst werden, damit der Strauch nicht Zeit habe, die geheimnisvolle Kraft aus dem Zweige herauszuziehen. Dabei kehrte man sein Angesicht nach Morgen, neigte sich dreimal vor der Rute und sprach: »Gott segne dich, du edles Reis! Mit Gott dem Vater such' ich dich, mit Gott dem Sohne find' ich dich, mit Gott des heiligen Geistes Macht und Kraft breche ich dich. Ich beschwöre dich Rute und Sommerlatte bei der Kraft des Allerhöchsten, daß du mir wollest zeigen, was ich dir gebiete, und solches so gewiß und wahr, so rein und klar wie Maria, die Mutter Gottes, eine reine Jungfrau war, da sie unsern Herrn Jesum gebar, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 712.) Beim Gebrauche faßte man die Rute an den beiden Zwieselenden, so daß sich der Stiel, in welchem sie zusammenliefen, aufwärts kehrte. Kam man damit über die in der Erde liegenden Erzgänge, so beugte sie sich gewaltig nieder, während sie dann, wenn man dem Gange nicht folgte, sondern ihn überschritt, gerade über sich unbeweglich stand. Etliche Rutenschläger »gingen mit ihr stillschweigend über das Gebirge, etliche aber fragten dieselbe entweder laut oder nur in Gedanken auf allerhand Manier und faßten auch ein gewiß Metall, dergleichen sie gern erkundigen wollten, daneben in der Hand.« »Es ist aber«, wie die oben genannte Schola metallurgica (S. 196) schreibt, »diese Wirkung der Rute ein Wunder der Natur und verborgenen Sache, deren Ursache man nicht wohl erkundigen kann, ebenfalls wie der Magnet das Eisen, der Agtstein, so er erhitzet, das Stroh oder Sprey, der Serpentin oder Schlangenstein, wo er im Felde lieget, die Schlangen an sich ziehet, und dergleichen natürliche Wunder viele mehr.«
Nach Jacob Grimm unterschied man von der Wünschelrute mehrere Arten: als Feuerrute, Brandrute, Springrute, Schlagrute und Beberute, und man glaubte mit ihr nicht nur verborgene Schätze und Erzadern, sowie taube Gänge, »alte Gebäude und Gezimmer in der Erde«, sondern auch Salz- und Kohlenlager und Wasserquellen, ja Mörder und Diebe zu entdecken.« (Grimm, Deutsche Myth. S. 546.) Der Verfasser der Schola metallurgica fügt außerdem (S. 490) hinzu, daß man von ihr fast alles erkundigen wolle, was in der Welt geschähe, ob nämlich diese oder jene Person zu Hause sei, oder ob man eine belagerte Festung erobern werde und dergleichen mehr; doch kann er nicht umhin, dabei hinzuzusetzen, daß ihm dieses sehr verdächtig vorkomme. Nach einer Überlieferung aus Johanngeorgenstadt schlägt die Rute auch auf verborgene Rainsteine und durch sie werden Diebe entdeckt und gestohlene Sachen wieder gefunden.
In das Bereich der Wundersagen gehören auch die Überlieferungen von den Venedigern oder Wahlen, jenen rätselhaften Fremden, welche außer dem Fichtelgebirge, Thüringerwalde, dem Vogtlande und andern mitteldeutschen Gebirgen auch das Erzgebirge nach Gold durchsuchten und von dem Volke mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wurden. Sie kannten das Innere der Berge, wuschen die Goldkörner aus dem Sande der Flüsse und waren mancher Zauberkünste kundig. Vielleicht sind manche der von ihnen meldenden Sagen auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen, umsomehr, da in den Volkssagen der Oberpfalz die Venetianer häufig Größe und Aussehen der Bergmännchen besitzen. In der Bavaria (III. S. 269) deutet E. Fentsch die Wahlen als Wenden und verweist dabei auf eine Ansicht von Baumers, nach welcher die Vallen des Plinius ein slavischer Volksstamm waren, welcher beim Vordringen aus dem Osten Europas bis in die Fichtelgebirgsgegend gelangte und dort seine alte Kunst, nach Gold und andern Metallen zu graben, ausübte. (Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 104.) Wir können dann noch weiter gehen und auch die Venediger des Erzgebirges auf zerstreute Sorben zurückzuführen, welche, als einem unterdrückten Volksstamme angehörig, in der Überlieferung nach und nach zu zwerghaften Wesen zusammenschrumpften. Meldet uns doch auch eine alte Nachricht, »daß schon dreihundert Jahre vor Aufkunft des Goslarischen Bergbaues unter Otto I. die böhmischen Wenden unser Obergebirge (Erzgebirge) jenseits, unsere Wenden aber diesseits (d. h. auf jetzt sächs. Seite) angebaut, daselbst Eisenstein gegraben, Eisenhämmer und Schmelzhütten angelegt und von Pirna bis an Hof im Vogtland alle Wälder, Berge und Hügel durchschürft hätten.« (Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues im s. Vogtland, S. 2.)
Neben den Sagen von Wunderblumen, welche den Zugang zu unterirdischen Schätzen öffnen, von der Wünschelrute und den Gold suchenden Venedigern sind auch diejenigen für unser Gebirge charakteristisch, welche uns von Träumen und Prophezeiungen erzählen, durch welche reiche Silbergänge angezeigt wurden. Es ist ein alter Glaube, daß vermittelst der Träume durch Schutzgeister der Wille der Götter den einzelnen Menschen als Rat oder Warnung mitgeteilt wird, und daher hegte man von jeher das Vertrauen auf Erfüllung dessen, was man geträumt, weil man darin Winke des Schicksals erblickte. In gleicher Weise wurden auch die Ahnungen, d. h. das Träumen im wachen Zustande, als Eingebungen der Götter angesehen, und ebenso achtete man bereits im Heidentume auf die Erscheinungen der belebten Natur; man erblickte in denselben, sowie in allen Dingen einen ursächlichen Zusammenhang, so daß man in den wunderbaren Gestaltungen der Wolken und in anderen auffälligen Erscheinungen am Himmel und in der Luft die Beschlüsse des von Göttern über den einzelnen Menschen oder ein ganzes Volk verhängten Schicksals herauslas. Das sind die Vorzeichen. – Hierhin gehören auch die Anzeichen durch mancherlei Geräusch, wie Klopfen an Thür und Wand, das Klirren von Waffen u. a. mehr, durch welche Töne entweder gewarnt oder ein Todesfall angezeigt wird.
Von derartigen Überlieferungen einer wunderbaren direkten Äußerung der Gottheit in Bezug auf das Geschick der Menschen finden wir eine ziemliche Mannigfaltigkeit, ebenso von wunderbarer Hülfe durch heilkräftige Quellen oder von plötzlicher Strafe für Meineid oder gotteslästerliche Worte. Es wird in dieser Hinsicht schließlich auf die einzelnen Sagen verwiesen.
342. Die Wunderblume auf dem Schlettenberge bei Marienberg.
(Moritz Spieß, Aberglauben etc. des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit, 1862, S. 40. Mündlich.)
Auf dem Schlettenberge bei Marienberg lassen sich zu gewissen Zeiten ein paar kleine Lichter sehen. In dem Berge steckt nämlich ein goldenes Kind und aller 50 Jahre am Johannistage mittags 12 Uhr wächst auf dem Berge eine schöne Blume. Wer dieselbe nun pflückt, der kann in den Berg hineingehen. Da sieht er dann den goldenen Jungen in einer goldenen Pfanne liegen; beide werden von einem großen Pudel bewacht. Wer aber die Blume hat, darf sie nur dem Pudel hinzeigen, dann kann er die Pfanne mit dem goldenen Jungen nehmen. Jedoch muß er darauf schnell fortlaufen; ist er über den Hammergraben gekommen, so kann ihm der Hund nichts mehr thun. Wenn ihn jedoch der Hund einholt, ehe er über den Graben gekommen ist, muß er die Pfanne mit dem Kinde wieder hergeben und der Hund trägt beides wieder in den Berg.
Der Hund ist der Wächter der Unterwelt. Aber worauf ist das goldene Kind zurückzuführen? Deutet es auf eine der goldstrahlenden heidnischen Gottheiten hin? Rochholz (Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 4) bemerkt, daß nach den ältesten Vorstellungen nicht nur der Himmel, sondern auch die Götter selbst und ihre Lieblingstiere golden waren. Die Pfanne ist wie der in andern Sagen auftretende Braukessel möglicherweise eine Hindeutung auf ein Opfergerät.
Eine Anzahl von Beispielen, nach denen der Schatz eine bestimmte Gestalt, besonders von Tieren, angenommen hat, führt Grohmann (Aberglauben und Gebräuche in Böhmen und Mähren, S. 214) an. Hierhin gehört z. B. auch die Sage von einer goldenen Ente mit goldenen Eiern, welche im Klosterhofe zu Sittichenbach liegen soll. (Gräßler, Sagen von Mansfeld, No. 46.)
343. Die Wunderblume des Teufelssteins bei Lauter.
(R. im Glückauf, Organ des Erzgebirgsvereins, 1882, No. 3.)
Gegenüber dem Geringsberge zwischen Lauter und Neuwelt erhebt sich am rechten Ufer des Schwarzwassers der im Ganzen kahle Teufelsstein, den man von der Haltestelle Lauter bequem in fünf Minuten erreichen kann. Nach der Meinung einiger ist der Name Teufelsstein verfälscht und lautet eigentlich »Taufenstein«, weil sich hier in alter Zeit ein Taufstein oder Taufbecken befunden haben soll. Eine andere Sage aber bezeichnet den Teufelsstein als ein verwünschtes Schloß, welches kostbare Schätze in seinem Innern birgt und von Jahr zu Jahr des Tages seiner Erlösung aus der Hand des »Bösen« und der Hebung seines reichen Gutes harret, – doch bis jetzt vergebens. Noch immer liegt es verzaubert unter mächtigen Felsblöcken. Zwar ist ein Schlüssel, durch dessen wunderbare Macht die verborgenen Zugänge unwiderstehlich sich öffnen, vorhanden, doch noch niemandem ist es gelungen, hineinzudringen. Der Schlüssel ist eine gelbe Blume, welche alljährlich im Frühjahr aufs neue emporsprießt und ihren Wunderkelch entfaltet. Ein Schäfer aus Beierfeld, welcher dort vor vielen Jahren seine Herde weidete, fand sie eines Tages und pflückte sie. Alsbald merkte er, wie sich in seiner Nähe geheimnisvoll eine Felsenspalte öffnete, und verwundert schaute er in eine Höhle, aus deren Hintergrunde ihm zauberischer Goldesschimmer entgegenblickte. Da er jedoch die Mahnung des am Eingange sitzenden bärtigen Wächters mit grauem Hute, still zu bleiben, nicht beachtete, sondern einen lauten Ausruf des Erstaunens ausstieß, so schloß sich ebenso geheimnisvoll und schnell die Öffnung wieder und hat sich bis heute noch nicht wieder aufgethan.
344. Die Wunderblume auf dem Spitzberge bei Gottesgab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 72.)
In südwestlicher Richtung von Gottesgab erhebt sich der kegelförmige basaltische, mit Wald bedeckte Spitzberg. Auf demselben stand nach der Sage in alten Zeiten ein großes, festes Schloß. Dort hauste mit gleichgesinnten Spießgesellen ein Ritter, der als Räuber und Mörder sich in der ganzen Gegend furchtbar machte. Einst geschah es, daß ein greiser Mönch aus dem nahen Kloster zu Mariasorg bei dichtem Nebel sich auf dem öden Heideplateau verirrte und in die ruchlosen Hände dieser Räuber fiel. Sie schleppten den Priester auf ihr schwer zugängliches Raubnest und warfen ihn unbarmherzig ins Burgverließ, wo er eines qualvollen Hungertodes sterben sollte. – Als die gottlosen Missethäter im Saale sich bei lärmendem Becherklang ihrer ausgeführten Verbrechen in frechen Lästerreden rühmten, sank der dem Tode überlieferte Mönch auf die Knie und flehte im inbrünstigen Gebete zu Gott, dem starken Helfer in der Not, daß er die berüchtigte Mörderburg in einen Schutthaufen verwandle. Plötzlich machte ein furchtbarer Donnerschlag die Mauern des stolzen Schlosses wanken, sie stürzten zusammen und begruben die Räuber unter ihren Trümmern; nur der Mönch wurde gerettet. Die angehäuften Schätze aber versanken in des Berges inneren Schoß. – Nach langen Jahren träumte einmal einem armen, frommen Hirtenjungen drei Nächte hintereinander, daß er dazu erkoren sei, den im Innern des Spitzberges verborgenen Schatz zu heben. Zwei Tage hatte er schon seine Kühe auf diesem Berge geweidet, und noch war ihm kein Anzeichen geschehen. Als er nun am dritten Tage – es war der Karfreitag – wieder seine Herde am Spitzberge hütete, sah er auf einmal auf einem nahen Felsblocke eine wunderschöne gelbe Blume stehen. Ei, dachte er, eine so schöne Blume habe ich in unseren Bergen und Thälern noch nicht gesehen! Ich werde sie pflücken und auf meinen Hut stecken, gewiß werden alle daheim die Schönheit der Blume bewundern. Gedacht, gethan. Kaum hatte er aber mit der Blume den Hut geschmückt, als unter einem fürchterlichen Knall sich der Berg aufthat. Der Hirt sah sofort eine weitgeöffnete Thür im Felsen, vor der ein kaum spannenhohes Männlein stand, das ihm zu folgen winkte. Obwohl er durch diese unerwarteten, wunderbaren Vorgänge für den Augenblick aus der Fassung gekommen war, nahm er doch allen Mut zusammen und schritt seinem Führer nach. Der Weg ging erst durch dunkle, dann magisch erleuchtete Gewölbe, deren Wände diamantartig glitzerten, bis beide endlich in einen überaus prachtvollen Saal gelangten, der mit den kostbarsten Schätzen aller Art angefüllt war, und in dessen Mitte sich eine weißgekleidete Jungfrau befand. Diese betrachtete den erstaunten Hirtenjungen mit freundlichen Blicken und hub dann lächelnd an: »Hier hast Du die feinsten und auserlesensten Speisen, genieße von ihnen! Wohin Du blickst, sind ganze Haufen von Gold, Perlen, Edelsteinen und köstlichen Gewanden aufgeschichtet. Nimm Dir davon, soviel Dein Herz begehrt; doch vergiß das Beste nicht!« Der Junge, durch die vernommenen Worte ermutigt, griff nach den besten Speisen und aß und trank, steckte sich hernach Hut und Taschen voll Gold und Edelsteine, und schickte sich zum Rückwege an. »Vergiß doch das Beste nicht!« rief lauter und ängstlicher zum zweitenmale die Jungfrau mit flehenden Gebärden. Der Hirtenjunge spähte umher und erblickte zu seiner Verwunderung eine Peitsche, welche vortrefflich zu seinem Geschäfte zu passen schien. Da dachte er: Du hast dir schon von allen Schätzen im Überfluß genommen; diese Peitsche da wird jedenfalls das Beste für dich sein! Mithin griff er ohne Bedenken nach der Peitsche. Da fing aber die Jungfrau bitterlich zu weinen und zu wehklagen an; ein plötzlicher Donnerschlag erschütterte den Saal so, daß der Boden unter den Füßen des Hirten wankte, der im Nu wieder auf der Oberfläche des Berges stand. Jetzt erst erinnerte er sich an seine Wunderblume. Mit Hast griff er an den Hut, um sie herabzunehmen, aber er bemerkte zu seinem größten Leidwesen, daß er sie unter den Schätzen im Felsensaale zurückgelassen habe. – Mit den Worten: »Vergiß doch das Beste nicht!« hatte die Jungfrau die gelbe Blume, den Schlüssel zum verzauberten Schlosse gemeint. Hätte der Junge dieselbe nicht vergessen, so würde er nicht nur die Jungfrau von ihrem Zauber befreit, sondern auch den ganzen Schatz gehoben haben. Seit dieser Zeit hat niemand die Zauberblume, die alle tausend Jahre einmal zum Vorschein kommen soll, auf dem Spitzberge gefunden, in dessen Innerem auch der Schatz noch heute verborgen liegt. Der Hirtenjunge aber, der ein reicher Mann wurde, wäre zweifellos noch reicher und glücklicher geworden, wenn er nicht das Beste vergessen hätte.
Bereits in der Einleitung ist darauf hingewiesen worden, wie unter dem Hirten Donar und unter der den Zugang zu den goldenen Schätzen im Innern des Berges öffnenden Blume der Blitz zu verstehen sei. Die Wolke wird als Berg gedacht; aus ihr leuchtet nach dem Gewitter wieder die Sonne goldig hervor. Die Sonne ist der Schatz. Die Schafe oder Kühe, welche der Hirt hütet, sind ebenfalls Wolken; Donar ist der Wolkenhüter. Die den Schatz hütende weiße Jungfrau ist eine von den Wolkenfrauen, welche der Erde himmlische Milch, d. h. den Regen spendeten, aber auch in Bergen wohnten, da man sich, wie bereits bemerkt wurde, den Berg als Wolke dachte. (Mannhardt a. a. O. S. 204; Grohmann, Sagen aus Böhmen, I., S. 87.) – Der gleiche Sagenstoff, allerdings mit mancherlei Modifikationen, aber immer als Darstellung von einem Hirten, welcher eine Blume findet, die der Schlüssel zu einem großen Schatze ist und mit dem Zurufe: »Vergiß das Beste nicht!«, als die Blume vergessen wurde, tritt uns in Überlieferungen aus dem Fichtelgebirge (Zapf a. a. O., S. 19 und 25), sowie besonders zahlreich im Thüringerwalde (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 125, 138, 173, 180, 276, Gräßler, Sagen aus Mansfeld, No. 20 und 211) und an noch vielen anderen Orten entgegen. Auch die Lausitz, sowie das Vogtland und der Harz besitzen Sagen von Wunderblumen, durch welche man verborgener Schätze teilhaftig werden kann; sie unterscheiden sich jedoch insofern von den vorigen, als hier nicht der warnende Zuruf ertönt, das Beste nicht zu vergessen.
Sagen von Schlössern, welche in die Erde versanken, weil ihre Insassen Raub und Mord und andere Greuelthaten verübten, erzählt der Volksmund auch in anderen Gegenden. So bezeichnet das sogenannte Silberloch bei Seesen im Harze die Stelle, wo gleiches geschah. Auch hier läßt sich zuweilen eine weißgekleidete Jungfrau mit einem Schlüsselbunde, welche die Sage als die mildthätige Tochter des Burgherrn bezeichnet, sehen, um, wie sie es im Leben gethan, auch ferner den Unglücklichen und Notleidenden beizustehen. (H. Heine, Sagen aus dem Harze, S. 10.)
345. Die Wunderblume des Grauensteins.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 70.)
Einmal weidete ein vierzehnjähriger Knabe am Fuße des Grauensteins bei Joachimsthal seine Herde. Da dieselbe ruhig graste, ließ er sich ins Gras nieder, vertiefte sich in den Inhalt eines Buches und gewahrte zu spät, daß sich das Vieh auf die Gebirge verstiegen hatte. So mußte er denn mit bangem Herzen von einem Berge zum andern steigen, bis er endlich die vollzählige Herde fand, die er auf die Wiese zurücktrieb. Aber ermüdet vom langen Suchen, versank der junge Hirt in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, schimmerte ihm eine so feuerrote Lilie entgegen, wie er noch keine auf allen seinen Wanderungen über Berg und Thal gesehen hatte. Alsogleich eilte er darauf zu, pflückte sie und steckte sie auf seinen Hut.
Und wie wunderbar! Kaum berührte er sein Haupt, so ward es plötzlich auf demselben lebendig. Voll Bestürzung nahm der Junge den Hut ab; er sah eine Otter darauf liegen und warf den Hut eiligst zu Boden, wo statt des zischenden Tieres ein goldener Schlüssel niederfiel, der aber in dem Augenblicke verschwand, als er ihn aufheben wollte. – Es soll dies der Schlüssel zum Schatze in dem verzauberten Grauensteiner Schlosse gewesen sein, den bis auf den heutigen Tag noch niemand in Besitz genommen hat. Der Glückliche, dem er bestimmt ist, soll demnach noch kommen.
346. Die Wunderblume bei Blauenthal.
(Mitteilung des Lehrers E. Schlegel aus Zschorlau.)
Bei dem Orte Unter-Blauenthal findet sich eine jetzt durch Gesträuch fast völlig verwachsene Felsenschlucht und in dieser soll man einst ein eisernes Thor, welches eine Höhle verschloß, gesehen haben. Vor langer Zeit mähte in der Nähe dieser Höhle ein Einwohner des genannten Ortes Gras, und als er sich in der Mittagstunde unter einen schattigen Baum setzte, um seine Sense zu dengeln, stand auf einmal ein schwarzer Ritter vor ihm und zu seinen Füßen sah er aus dem kahlen Erdboden eine gelbe Blume hervorsprießen. Der Ritter aber sprach zu ihm, er solle diese Blume abpflücken, sie sei der Schlüssel zu der eisernen Pforte; damit solle er dieselbe öffnen und sich aus der Höhle so viel von den Schätzen mitnehmen, als ihm behage; »jedoch«, so setzte er hinzu, »laß mir die Blume nicht liegen, sonst bist Du verloren.« Der Mann that, wie ihm der Ritter geheißen hatte. Die Höhle, in welche er gelangte, war an den Wänden mit funkelnden Edelsteinen besetzt und auf dem Boden standen viel Kisten, aus denen ihm Gold und Silber entgegen glänzte. Plötzlich erweiterte sich der Raum zu einem großen Saale und an einer mit kostbaren Speisen und Getränken besetzten Tafel sah er den Ritter mit Gefolge wieder; die Speisenden wurden von Zwergen bedient. Da winkte der Ritter dem Manne, derselbe solle sich mit an die mit einem Trauerflor behangene Tafel setzen. Ängstlich setzte sich der Arbeiter nieder, aber bald bekam er wieder Mut. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, steckte er sich auf Geheiß des schwarzen Ritters so viel von dem Golde und den Edelsteinen ein, als er fortbringen konnte. Da er wieder vor der Pforte stand, schloß sich dieselbe mit einem großen Knalle, der Felsen wankte und der Eingang war nicht mehr zu sehen. Erschrocken wollte der Mann nach seiner Blume greifen; doch er besaß sie nicht mehr, denn er hatte sie in der Höhle zurückgelassen, als er die Schätze zusammenraffte. Nach wenigen Tagen starb er; man fand ihn, das Gesicht nach dem Nacken umgedreht, und das Gold war auch verschwunden. Der Fels aber, in dem sich der Eingang zu der Höhle befunden haben soll, heißt heute der Teufelsfels.
347. Die Wünschelrute.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 172–174.)
Die Wünschelrute, durch welche Klüfte und Gänge ausgegangen werden, wird abgeschnitten von allerlei Holz, auch zu allen Zeiten, doch so, daß sie zwei Zacken oder Zwiesel hat, und man selbige in beiden Händen zwischen den Daumen und geschlossenen Fingern halten kann. Ja man mag auch eine andere Materie dazu gebrauchen, als Messing, Eisen u. dgl. Es ist aber der Nutzen der Rute dieser, daß sie die in der Erden liegende Klüfte und Gänge andeutet, indem, wenn der Rutengeher an dergleichen Stätte kommt und die Rute aufwärts hält, sie sich gewaltig niederbeuget und sich zuweilen, wenn sie stark gehalten wird, fast entzwei windet, während die Rute da, wo man dem Gange nicht folgt, sondern ihn überschreitet, wieder grade über sich unbeweglich steht.
Die Rute schlägt aber außer auf Gänge und Klüfte auch auf andere Dinge. Es entwendete eine Magd ihrer Herrschaft unterschiedliches, worauf man endlich einen Rutengänger holte, um im Hause die Rute zu schlagen; dieselbe führte ihn zu der Lade der Magd, in welcher sich auch die gestohlenen Sachen vorfanden. Ferner wurde einem Hammerwerksbesitzer allerhand entwendet. Derselbe schrieb an seine Freundin, den Rutengänger holen zu lassen, damit dieser mit der Rute forsche, ob nicht die Mägde des Bestohlenen, und welche unter ihnen, den Diebstahl begangen hätten. Er schickte zu dem Ende deren Namen mit. Die Freundin legte beide Zettel mit den Namen auf den Tisch, aber die Rute wollte sich nicht bewegen. Da fiel es der Freundin ein, ob nicht der Junge des Hammerherrn, dem es dieser zwar gar nicht zutraute, den Diebstahl begangen habe. Sie schrieb also dessen Namen mit auf ein Papier, wickelte es zusammen und legte es heimlich mit auf den Tisch. Da fing die Rute an sich zu winden, und als die Zettel gesondert worden waren, schlug sie allezeit auf denjenigen, welcher mit des Jungen Namen beschrieben war. Der Hammerherr nahm darauf den Jungen vor und die entwendeten Sachen wurden von ihm wieder erlangt. – In einem Zechenhause bei Johanngeorgenstadt wurden unterschiedliche Centner Kobalt entwendet, und weil einem frommen und christlichen Hammerwerksbesitzer, dem die Rute schlug, ein anderer Gewerke zuredete, zu versuchen, ob nicht die Rute den Dieb und dessen genommenen Weg anzeige, wollte dieser erst nicht darein willigen, in der Meinung, sie ziele nur auf Klüfte und Gänge. Er ließ sich aber doch bereden, nahm eine kleine Stufe Kobalt von dem Haufen weg, wovon ein Teil entwendet worden war, ging um das Zechenhaus, und als er an den erbrochenen Laden kam, schlug die Rute, führte ihn über die Wiese einen Berg hinauf und in einen Busch. Hier erblickte man frische Erde, und als diese hinweggeschafft worden war, fand sich eine Partie versteckter Kobalt. Darauf führte die Rute in einen zweiten und dritten Busch, so daß man wohl die Hälfte des gestohlenen Kobalts wieder bekam. Ja als sich einige Männer in der folgenden Nacht versteckten und die Diebe den Rest nachholen wollten, wurde einer davon ergriffen und nach Joachimsthal abgeliefert. – Die Rute schlägt auch auf Rainsteine. Einem Rutengänger wurde sofort der Rainstein im Boden angezeigt, ungeachtet schon Bäumchen darüber gewachsen waren. – Vielen Leuten schlägt die Rute gar nicht. Sie hat aber auch anderen von Kindheit an vortrefflich geschlagen; aber dieselben sind krank geworden oder gar ausgewachsen, und ob sie gleich wieder genesen, so hat ihnen doch die Rute keinen Zug mehr gethan.
Zu den in der Einleitung zu diesem Abschnitte über die vermeintlichen Wirkungen der Wünschelrute und deren Gebrauch vorangeschickten Bemerkungen möge noch folgendes beigefügt sein:
Man fand in früheren Jahrhunderten Analogien dazu in dem das Wasser aus einem Felsen schlagenden Stabe des Moses, in der blühenden Rute Aarons, durch welche dem Moses der zum Priestertum bestimmte Stamm der Israeliten angezeigt ward, in der Rute der Minerva, welche den alten Ulysses wieder jung machte, in derjenigen der Zauberin Circe, durch welche seine Gefährten verwandelt wurden und in dem Wunderstabe des Merkur, durch den Wachende in Schlaf fielen.
Als man statt wirklicher Ruten Metalldraht und andere metallene Gegenstände auf unterirdische Gänge und vergrabene Schätze verwandte, mochte man zunächst zur Herstellung solcher Instrumente Legierungen aus verschiedenen Metallen gebraucht haben, bis man später fand, daß auch gewöhnliches Messing genügte.
Ein frommer Prediger in Freiberg entdeckte z. B., wie eine alte Bergpredigt von Meltzer mitteilt, mittelst einer Lichtputze einen versteckten Groschen. An den beiden Enden der Rute wurde auch in einem seidenen oder tuchenen Fleckchen sogenannter Erdweihrauch, d. h. Harz aus Ameisenhaufen eingenäht. Man wollte ferner durch die Rute erfahren, ob Gold oder Silber und was für ein Erz, ob Rotgüldig- oder Glanzerz u. s. w. in der Erde liege, wenn man davon ein Stückchen zugleich mit der Rute in die Hand nähme. (Physikalische Belustigungen. Berlin, 1751. S. 116 etc.)
Sicher ist, daß sich der Glaube an die wunderbare Kraft der Wünschelrute noch bis in die Gegenwart erhalten hat, obschon der Freiberger Professor Johann Friedrich Wilhelm Charpentier sich bewogen fand, auf dem Titelkupfer seiner 1778 erschienenen »Mineralogischen Geographie der Chursächsischen Lande« das alte Vorurteil mit verbundenen Augen und fliehend, den aufgeklärten Genius aber die Wünschelrute zerbrechend darzustellen. Dr. Gustav E. Stein erzählt noch von einem Versuche, welcher anfangs der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts in Freiberg auf Veranlassung eines Markscheiders angestellt wurde. In scheinbar wissenschaftlicher Weise war dabei von seiten dieses Markscheiders in einer Abhandlung die Wirkung einer ganz metallenen oder auch hölzernen, jedoch mit einem dünnen Metallüberzuge versehenen Rute durch elektrische Ströme erklärt worden, und es sollten auch zur bessern Leitung dieser Ströme die Schuhsohlen des Rutengängers mit dünnen Metallplatten belegt sein. Selbstverständlich blieben die von dem Verfasser der erwähnten Abhandlung erwarteten Erfolge aus.
348. Die Wahlen oder Venetianer im Erzgebirge.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 197 etc. und 250. Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues im sächs. Vogtlande, 1875, S. 36 etc. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 256. Documenta oder alte Uhrkunden und Nachrichtigungen, wo hin und wieder im Römischen Reiche Gold- und Silber-Ertze, Goldkörner etc. zu finden sein sollen. Abteilung in Dr. David Kellner, Schola metallurgica. Nordhausen, 1702. Fr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrgang, 1878, S. 108.)
Von meißnischen Goldseifen im Ober-Erzgebirge schreibt Mathesius, daß dieselben den Welschen und Fremden viel besser bekannt, als den Inwohnern selbst. Das Wasch- und ledig Gold, das in Flüssen und Forellenbächen wächst, wird oft von Felsen und Gängen abgerissen oder von Grus und Dammerde ausgewaschen und vom Gebirge erledigt; es ist das edelste und reinste Gold, dem Kronengolde gleich gehalten und ist ein Quentlein mit 38 Groschen bezahlt worden. Solche Goldkörner, Flietschen und »Flämmigen« sind an Farbe und Gestalt nicht einerlei, etliche sind rot wie rostig Eisen, andere grau, etliche rauh und blaufarbicht, etliche wie Pech, andere dunkel und durchsichtig wie die Granaten, etliche mild und mürbe, andere zerspringen im Schlag wie Glas, etliche sind viereckig, etliche groß wie die Erbsen und Bohnen, andere lassen sich »flötschen« wie Blei, und diese hält man für die besten. Solche Goldkörner, die sich flötschen lassen, hat man am Schallerberg um Lengefeld in Brunnen und Bächen gefunden. Alle Bächlein an der Zschopau, die vom roten Haus auf den Stolzenhain in das Grenzwasser am Weinberg (Weipert) fallen, haben gediegene schwarze Goldkörner bei sich geführet, und die, so sich darauf verstanden, in kurzem reich gemacht. Im Grenzwasser Pila (Pöhla) hat man ebenfalls gute Goldkörner gefunden, die sich auch flötschen lassen, desgleichen im Bächlein Conduppel schwarze Körner, die man auf dem Amboß breit schlagen konnte. Im Preßnitzer Wasser haben die Alten gut Gold gewaschen, und hinter dem Spitzberge über Jöhstadt hat der Bach viel und gute Silberkörner gegeben und heißt noch davon der Silberbach. In allen Bächen zwischen Wolkenstein und Annaberg, die in die Zschopau fallen, hat man Granaten gefunden, in Farbe schwarz, braun und rot, als der beste Zusatz zum Gold, außerdem Amethysten und Körner, dem Eisenstein gleich und so gut als Rheinisch Gold. In Forellenbächen um Marienberg, Fernrückertswald und Glashütte haben die Alten gediegene Goldflietschen klein und groß gewaschen, die sich auch fletschen lassen. Daher auch die Forellen, die in solchen Goldbächen wachsen, Auratae genannt, von Gold, nicht eben ab aureolis maculis, daß sie goldfärbig wären, dieweil sie um Annaberg und Scheibenberg auch gemeiniglich mit schwarzen Sprenklein gefunden werden, sondern von goldführenden Bächlein, oder bei sich führendem Golde, wie andere wollen. Am Schwarzwasser und seinen Einfällen über und um Platten, Gottesgab und Breitenbrunn, in ihren Zinn-, Lauter- und Küheseifen von der Goldenen Höhe herein, werden noch bis jetzt Goldflietschen im Ausmagneten und Reinmachen des Zinnsteins in Federkielen gesammelt, und bisweilen feine Stüflein gediegenen Goldes gefunden, welche von Chymisten höher denn ander Gold gehalten werden. An der Schneeberger Mulde um Schneeberg, Auerbach, Dörrbach, Fletschmaul u. s. w. werden auch Goldflietschen gefunden, und bei Eibenstock hat in einer Seifen, der Goldbrunn genannt, ein Mann des Tages 1½ Pfund Goldkörner waschen können, davon ein Pfund 14 bis 18 fl. gegolten.
Dieser Goldreichtum war die Veranlassung, daß sich seit mehreren Jahrhunderten Ausländer einfanden, welche umher zogen und Gold in Flüssen und in der Erde aufsuchten, dasselbe mit sich nach Hause trugen, daselbst gut machten und sich dadurch großes Vermögen erwarben. Man nannte diese Leute Wahlen oder Venetianer, weil sie größtenteils aus Venedig her kamen; sie stammten aber auch aus Florenz, Veltlin, Wallis, Graubündten und aus Walheim bei Mecheln in den Niederlanden. So haben zu Gablenz im Schönburgischen an einem Orte im Oberdorfe Venediger alle Jahre Goldkörner »ausgeküttet«, und nach Auffindung der Bergwerke zu Annaberg sind die Wahlen auch dahin gekommen und haben das reichhaltige Erz geschmolzen und auf eine bessere Art gut gemacht, als die dasigen Bergleute konnten. Man kennt von solchen Wahlen u. A. folgende mit Namen. Dr. Markus und M. Hieronymus von Venedig und Piger, Antonius von Florenz, Bastian Dersto von Venedig, Matz Nic. Schlascau, Adam und George Bauch, Christoph und Hanß, Friedrich und Barthel Fratres und Moses Hojung von Venedig, die sich von 1400 bis 1608 im Gebirge aufgehalten haben oder an Flüssen ertappt worden sind. Übrigens scheinen diese Leute sehr oft von guter Herkunft gewesen zu sein. Wahlen werden nach der Überlieferung auch als Gründer des Bergbaus im Vogtlande bezeichnet.
Die Orte, an denen die Wahlen Gold oder Edelsteine gefunden, haben sie fleißig angemerkt und in Büchlein, sogenannte Wahlenbüchlein, eingetragen, wobei sie sich merkwürdigerweise der deutschen und nicht ihrer Landessprache bedienten. Zur Orientierung schnitten sie in Bäume oder meißelten sie in Felsen bestimmte Merkzeichen ein. Sie bedienten sich auch vieler abergläubischer Mittel; so z. B. haben sie zum Schmelzen, Rösten und zur Verwandlung der Metalle einzelne Kräuter gebraucht, wie das Mondkraut (Lunaria), bei Aufgang der Sonne im vollen Mond gepflückt, ferner Goldwurzel oder Martigen, Mondraute und Eisenkraut, auch Taubenkraut genannt. Sie sollen aber auch die Erze verthan oder verzaubert haben, damit sie niemand als sie finden könne. Sie sollen deshalb ein Stück Holz von einem Sarge genommen und an solche Orte, wo Körner, Erz oder sonst Metalle sind, oder in einen Baum in der Nähe eingeschlagen haben, und niemand habe sie dann ausfindig machen können, es sei denn, das Holz wäre verfault oder herausgefallen. Auch sollen sie Totenköpfe in die Brunnen und Erzgruben geworfen haben, die erst entfernt werden mußten, wenn man etwas finden wollte; ja zuweilen sollen sie einen bösen Geist dahin gebannt haben. Gleichwohl gab es auch wieder Mittel, um diesen Zauber aufzuheben; so wurde folgendes angegeben: »Kreuch dreymal rücklings vorne um das (verzauberte) Loch, wenn es nicht aufgethan, so ist's auf jener Seite verthan worden und so hast du es auf dieser Seite noch einmal verthan. So gehe und kreuch auf jener Seite sechsmal rücklings herum, so thust du jenes und deines auf, dann wirst du es recht finden, also kannst du auch alle anderen Sachen, die verthan sind, wieder aufmachen, sie mögen verzaubert sein, wie sie wollen.«
Jedenfalls sind die Wahlen bergverständige Leute gewesen und deshalb hat der Aberglaube sie zu Zauberern und Teufelsbannern gestempelt.
Einige Proben aus obengenannten Wahlenbüchern, soweit sie sich auf das Erzgebirge beziehen, mögen hier Platz finden.
»Im Tharandischen Walde liegen Erz- und Kupfergänge so reich an Gold und Silber, daß es nicht zu beschreiben. Wenn man von Höckendorf geht, darunter liegt ein Bergwerk, ist so reich an Silber, daß vor viel tausend Thaler daraus genommen worden. Nicht weit davon liegt der graue Stollen, da fließet die Weißeritz, über dem Wasser nach dem Tharandischen Walde, dem Berg hinauf liegt ein reiches Bergwerk, darinnen Rothgülden- und Glaserz am Bruche stehet, auch bereits das Wahrzeichen an einem Baume zu finden, eine spitze Keulhaue und unter dem Baume ein großer Stein, darauf drey Kreuze gehauen. Weiter hinauf in dem Walde wird man mehr Zeichen an Bäumen finden, und mitten durch die Bäume streichet ein sehr mächtiger Kupfergang einer Ellen breit, und liegt der ganze Mann da, nach dem Wasser der halbe Theil, der Arm nach Freiberg, und das ganze Corpus liegt nach dem Tharander Walde, wie die Zeichen vermelden.
Zu Höckendorf, wo das Silber-Bergwerk ist, welches aber durch Gottes Strafe wegen Übermuths überschwemmt ist, hat ein Bauer 1660 gediegen Silber ausgeackert.«
»Bei Dippolswald ist ein Dorff, das heist Rotenbach, davon eine Meile bricht guter gelber Kieß, der ist sehr gut.«
»Henichen (Hainichen) ein Städtlein 2 Meilen von Freyberg, darbey liegt ein Dorff, heist Machern, alldar ist ein Waschwerck von guten Körnern und Gold; liegt nicht weit von Ottendorff an der Waldeck, da man durch den Wald gehet.«
»Bey der Zella in dem Wald bey Sibeln (Siebenlehn) und Nossen an der Mulda gelegen, da liegt gut Ertz und ein guter blauer Schiefer.«
»Bey Frauenstein ist ein Fluß gelegen, 2 Meilen etwa von Soda (Sayda?), bey einem Gerichte, da findest du zween Wege, einen zur rechten, den andern zur linken Hand, da gehe den Rasenweg fort, derselbe führt dich an einen Steig, dem folge nach, so kömmst du an ein Wasser, die Grimnitz (Gimlitz?) genandt, gehe daran wohl hinauff und zwart zur rechten Seite desselben, so kömmst du an einen alten Graben, da vorzeiten eine Mühle gestanden, folge demselben abermahls nach, so kommest du an einen Fluß, darinnen Forellen sind, der führet Körner, die sind wie natürlich Gold, und hab ich Hieronymus Weigard Hauß und Hoff davon erbauet. NB. Wenn die Körner naß sind, sehen sie schwärtzlich aus. Gehe von dar weiter die Grimnitz hinabwerts, biß du zu einem Steige kommest, gehe aber nicht darüber, sondern den Weg, der da das Holtz herab gehet, so kömmest du wieder an einen Fluß, dem folge nach, so kommest du an ein Brüchig, wasche dar, so findest du schwartze Körner, die ich nicht genugsam verloben kan, ihres Nutzens wegen. Darnach gehe über die Grimnitz zurücke auff eine halbe Meile Wegs, da wirst du an einen großen Berg kommen, nahe bei einem Dorff, Liechtenberg genannt, da findest du gegen das Dorff am Berge weiße Letten, so sehr gut abzutreiben ist.«
»Bey Marienberg zwischen dem Olbernhause und Katternberg (Olbernhau und Katharinenberg) bricht ein spißiger Marcasith in einem schwartzen Schiefer.«
»Bey Zwickau liegt ein Dorff, heist Rotenbach, daselbst soll ein Bach seyn, welcher Gold und Silber-Granatenstein führet.
Item bey einem andern Dorff, so eine Meile von Zwickau lieget, Nahmens Hartmanns Grüen, findet man auch Körner, die sich fletschen lassen.
Item zur Neumarck anderthalb Meilweges von Zwickau ist ein gut Gold-Seiffen, und bricht auch Silber und Antimonium daherum.«
»Wenn du kommest gegen Dürresbach oder Auerbach, frage nach dem Fluß-Maul- oder Fletschmaul, darnach Eibenstock, allda frage nach dem Gold-Brunnen, darinnen sichere und suche, so findest du schwartze Körner, deren 1 Pfund 14 biß 18 fl. gilt. Diese Gelegenheit ist eine Meile vom Schneeberg, und kannst du in einem Tage 1 biß 2 Pfund waschen.«
»Hinder Otten im Voigtlande auf der Kuttenheide gehe zu oder vor St. Peters-Capell bei 2. Ackerlänge, gegen dem Großleinwerts, so kömmst du zu einen hohen Felsen, darbey ist nahe ein alter Glaß-Ofen, und hat vorzeiten eine Glaßhütte daselbst gestanden, da findest du ein weiß Wasser gegen dem schwartzen Berge zu, darinn sind gute Goldwasch-Körner enthalten, bißweilen als Erbsen oder Bohnen groß.
Willt du allda nicht waschen, so gehe wiederum hinab zum Hirschberge, da kommest du zu einen abgeschnittenen Baum, von diesem Baum gehe eine Ackerlänge, so kömmest du zu einer zwieselichten Gabel, daselbst lege dich nieder auf die Erde, und höre wo Wasser rauschet unter der Erden, räume das Mooß daselbst hinweg, so auff Holtz, gegen Mitternacht zu gelegt ist, so wirst du einen Ertzgang antreffen, welcher das herrlichste Gold führet.
Von dannen gehe weiter auff dem Rasen fort gegen Mittag vom Holtze an, da wirst du zu einen Brunnen kommen, in selbigen ist noch das schönste Gold enthalten. Von diesem Brünnlein gehe dem Wasser, das darauf entstehet, nach, so kommst du an ein Steingewölb, da warte auff.
Item Bey der Capellen unter den Fenstern gegen Mittage wirst du eine Hand in einen Baum geschnitten finden, die weiset dich nach der ziehnen Gabel, da kömmst du zu einen Brünnlein, woraus die Zwoyt (Zwota) entspringt; dem Fluß gehe nach zu der ziehnen Gabel, daselbst suche, so wirst du viel Gold finden.
Item Wenn du zur Kuttenheide, bey St. Peters Capell, bist, so frage nach St. Peters-Brunn, und gehe dem Flusse nach, biß er in einen andern Bach fällt, daran gehe förter und siehe dich um, so findest du ein Zeichen in einer Tanne und eines in einer Fichten, so nicht weit von einander stehen, dazwischen suche, da wirst du einen Schacht finden, der ist verdeckt; mache denselben auff, so findest du einen gelben Gang, von guten Gold-Ertz, davon das Pfund 10 fl. gilt.
Item, Auff der Kuttenheide frage nach Weyher, ist eine Meile davon ein Dorff, daselbst liegt eine Mühle, heist die Geigers-Mühle, am Bach, ein Armbrust-Schuß weit davon zur linken Hand ist ein Felsen, darinn bricht ein schöner Gold-Talck und sonst noch ein schwartz Ertz, das ist Marcasith.«
»Von Großlitz (Graslitz) aus gehe über eine Wiese am Wasser hinauf und siehe dich nach einer Buchen um, daran ein Kreutz gehauen ist, von derselben gehe einer Ackerlänge am Berge hinauff, so wirst du eine sehr große alte Fichten finden und nahe dabey einen alten Stollen, darinnen ist ein Gold-Ertz-Gang, dessen Pfund ist vor 14 fl. verkaufft worden.
Item. Wenn man von Großlitz aus der Holen geht, so kommt man zu einen Fohrenbach, der fleust Kreutz weiß über den Weg; daran gehe zur rechten Hand hinauff so lange biß an die Quelle desselben Baches, darauf er entstehet, die liegt auf einen hohen Berg, und wirft viel Sand aus, den sichere, so wirst du schwartze Körner finden, die viel Gold halten, davon das Pfund 15 fl. gilt.«
»Zu Schöneck frage nach der Helle und gehe von dar um St. Johannis Tag, bey St. Peters Capelle, der aufgehenden Morgen-Sonne gerad entgegen, biß zu Mittags 11 Uhr; so kommst du auf eine weite Heide, da eitel Birken stehen, davon gehe zwei Steinwürffe gegen Mittag zu, so kömmst du an ein Gemöß bey einem Wässerlein, räume das Gemöß hinweg und grabe daselbst ein, so wirst du einen großen Reichthum von Gold antreffen.
Item. Im Holenstein eine halbe Meile von Schöneck ist ein Stollen, darinnen bricht ein Quartz, so weiß Gold-Ertz hält.«
»Auffm Schneeberg frage nach dem Schloß Wiesenburg, dabey fleust ein Wasser hinweg, an diesem gehe aufwerts fort biß du kommst dem Schafstall gleich, daselbst stehet ein Teich, über diesem Teich suche in dem Wässerlein, so wirst du viel und gute reichhaltige Gold-Körner darinn finden, welche dir die Mühe wohl belohnen werden.«
»Eisenberg ist ein Schloß also genennet, laß dasselbe auff der linken Hand liegen und gehe gerichts nach demselben wohl hinauff, auff den Kamp, und gehe gegen der Sonnen-Auffgang, nach Brix zu, auf dem Kamp, dann gehe auff das Schadehauß, so nahe darbey liegt, wenn du darhinder kommst, so kehre dich um, und wende den Rücken nach der Sonnen-Auffgang, siehe von dar wieder auff oder nach den Kamp, so wirst du einen Rasenweg, auff St. Katharinberg zu, erblicken, dann gehe einen guten Armbrust-Schuß weit, nach dem Kamp zu, hinein, da wirst du einen Steinfelß finden, dem stelle dich zur rechten Hand, gegen das schlimme Thal nach dem Schadeberge zu, und gehe daselbst im Thal nach 2 Hügeln gerade fort, so wirst du in einer Tannen eine Hand eingeschnitten finden, von derselben kömmst du zu einem Wasser, das zwischen dem Schottenberg hinfleust, da kannst du viel Gold waschen.«
»Wenn man von Brix auff Seida gehet, in dem Wald fleust ein Wasser, darinn sind gute Körner.«
»Zwischen Krohenzahl (Cranzahl) und Breßnitz fleuset ein Wasser, darüber gehet ein Brücklein und nicht weit davon stehet ein großer Baum mit einem krummen Ast, als ein Arm, da findet man schwartze Körner, die man auff einen Amboß breit schlagen kann.«
»Bei Kupferberg liegt ein Dörfflein, heist zum Holitsch an einem Berge bei dem Halß-Gericht, daselbst findet man je zuweilen auch gediegene Gold-Körner.«
»Auff Satzunge gegen Konnetur (Komotau?) nicht weit von einem Wege, da stehet eine Stein-Tanne, auf welcher Wurtzel ein Zeichen eingeschnitten ist. Nicht weit davon soll ein Wässerlein fließen, und um die Tanne ist eine Grube, in welcher ein schöner Goldhaltiger Marcasith bricht.«
»Schlackenwerth oder Schlackenwerda. Frage hiervon nach der Eger in die Nössel; wohl hinden am Steige findest du ein Loch in dem schwartzen Brand, kreich darein, so wirst du viel Gutes antreffen.«
»Hawenstein (Hauenstein) liegt eine Meilwegs von Schlackenwalda, von Hawenstein gehe in das Gründlein unter die Fichten, da der gestümmelte Baum stehet, allwo der liebe Gott dran hengt, und von dar weiter zu einen Felsen, etwa einer Ackerlänge vom alten Hammer-Graben, da ist ein Loch inne, worinnen viel weiß Gold enthalten ist, welches nach der Cementation dem Arabischen und Ungarischen gleich ist. NB. Lieget nach dem Fichtelberge zu.«
»Von dem Hauenstein, da man in den Stollen gehet, fleust ein Wasser herab in die Eger an den Jungfer-Stein, dasselbe Wasser hat gute Körner, so viel Gold halten, das ist das reichste Seiffenwerk im ganzen Böhmerland. Diese Körner sind schwärtzlich und gediegen.«
»Im Walde bei Hasenstein (Hassenstein) unter einer Tannen, so gezeichnet ist, stehet ein Gang Spannen breit oder mächtig, welcher eine große Feste neben sich hat, darinnen ist ein sprenglichter Kieß, hält 12 Loth.«
»Item. Von dem Hasenstein frage und gehe nach einem Dorff, heist Brunnersdorff, gehe von dar ferner oben bey dem Dorff und der Mühlen hinaus, und frage nach einem Dorff, heist Wernersdorff, so nicht weit davon ist, alldar gehe auch oben die Straß nach dem Klösterlein, so kömmst du zu einem Dorff, ehe du in das Städtlein kommst, heist Zirnabis, und an der Straßen vordem Dorff findet man Amethisten am Wege und Äckern. Zur rechten Hand nach dem Gebirge, etwa einen Armbrust-Schuß dem Berg hinan, da ist ein Loch, kreich darein, so findest du einen Gang voller Amethisten.«
»Hagensdorff liegt nicht weit von Hasenstein, oder Hasendorff und Bleißdorff, bey diesem Hagensdorff hat vor Zeiten ein Kloster gestanden, wie noch zu sehen ist, darzu gehe, so findest du ein Berglein wie eine Mauer, darunter ist ein Stollen, in welchem man viel Granaten findet, ja! wenn man suchet, auch auff den Äckern daherum. Desgleichen auch auff dem Hasenstein im Eichwald, über dem alten Kloster. Item zum Hauenstein bey der Hauß-Mühlen ist ein schöner Goldgang.«
»Item. Bey Zirnisch ist ein Gründlein auff der rechten Hand, das heist die Schona, ist ein Wasser, darinnen hat ein Hirte geseiffet oder gewaschen und viel Gold funden, daher er sehr reich worden, und seinen Hirtenstand verändert; Massen er seine Güther an einem ihme gefälligen Orthe erkaufft und sich sehr wohl eingesetzt hat.«
»Item. Von den Caden an der Eger hinauff fleust ein Wässerlein, welches von Hauenstein in die Eger fleust, darinn findet man in weißen Quärtzlein gediegen Gold, und ist der reichsten Seiffenwerken eines in gantz Böhmen-Land. Dergleichen Quärtze und Gold-Körner findet man der Orthen herum fast viel in den sandigten Flüssen und Wasser.«
»Item bey Caden im Steinbruch stehet ein Letten eines Fingers breit, dessen Centner hält 14 Loth Silber.«
»Item Bey den vierzehn Nothhelffern nach dem Klösterlein über der Steinern Brücken, jenseits des Spitzberges in der Silberbach, hat ein Hirte in einem Tage, nebst seiner Huth- und Weide-Verrichtung, ein Loth Gold gewaschen, an Körnern, die er vor Gold nur angesehen und erkennet hat, die andern hat er ohnerkandt weggeworffen.«
»Zur Hohen Tanne am Galgenberg, bey der Silberbach, da die zwey Flüßlein einen Steinwurff weit herabfließen, findest du einen alten Stumpff von einer abgehauenen Birken, in welchen ein Bilgrams-Stab geschnitten ist mit einem Sack. Zwischen dem Stumpff und Bach findest du eine Hurt, die hebe auff, darunter ist ein Loch in Stein gearbeitet, in welchem ein Gang einer Ellen breit des herrlichsten Gold-Ertzes ist. Kanst du die Hurt nicht flugs finden, so rumpele oder stöhre mit den Füßen oder Stock zu rings umher, biß du es hörest dummeln, allda wirst du viel Gold finden.«
In der Umgegend von Elbogen erzählt man, daß alte Leute noch im vorigen Jahrhunderte Goldsucher aus Welschland angetroffen hätten, welche mittelst Wünschelrute und Haue den unterirdischen Schätzen nachspürten. Besonders geschah dies am sagenreichen Krudimberge. Doch hat man sie niemals bei ihrer Arbeit, sondern stets vor und nach derselben gesehen. Bei dem Dorfe Steinmeißl bei Elbogen sahen Waldarbeiter aus den »Grundhöhlen« durch eine Art Rauchfang Rauch aufsteigen; doch nie konnten die Leute entdecken, wer das Feuer angemacht. Man meinte, daß es Venediger gewesen, die hier und im Hans-Heilingsthale Erze suchten. Der Wald bei dem Hornesbauerhofe war einst für Venediger ein wichtiger Fundort von Erzen. Besonders sollen sie in einer Höhle an der Morgenseite der Felsen ihr geheimnisvolles Werk getrieben haben. Es ist das eine Höhle, welche sich, wie die Sage berichtet, am Karfreitage öffnet, so daß man in die Felsen hineingehen und Schätze heben kann. –
In Platz wird erzählt, daß ein Italiener (Venediger) namens Antonio Stoll hier auf Silber einschlug und wirklich in zwei Bergwerken Silber fand, von dem er auch an die Regierung abgeliefert hat. Die Zeit, wann dies geschah, ist unbekannt.
In den Vorbemerkungen zu diesem Abschnitte unserer Sagen wurde bereits darauf hingewiesen, daß sich die Überlieferungen von Gold suchenden Venetianern außer im Erzgebirge auch in anderen deutschen Gebirgen vorfinden. Das Volk verlegt ihre Heimat fast durchgängig nach Venedig, wo sie prachtvolle Paläste besitzen und von wo sie in gewissen Zeiträumen wiederholt kommen, um die deutschen Gebirge zu durchstreifen.
Im Zlatorog von Rudolf Baumbach wird ihr Treiben folgendermaßen geschildert:
Der alte Jaka lacht ganz eigentümlich, Wenn Venetianer kommen in das Thal. Er weiß recht wohl, warum die klugen Wälschen Verlassen ihre schönen Marmorhäuser Alljährlich, um die Berge zu durchstreifen. (Er spricht:) – – – Was –, frag' ich, treiben Die Venetianer denn bis in den Spätherbst? Warum denn kriechen sie durch alle Schluchten Der Berge mit dem Hammer und dem Gürtel? Warum denn schleichen sie durch alle Bäche Gleichwie die Otter, der verschmitzte Fischdieb? Warum sie's thun? Sie suchen Gold und finden's, Denn Gold in Menge liegt in unsern Bergen, Nur weiß es nicht ein jeder aufzuspüren So gut wie jene klugen Venetianer. Sie wühlen aus der Erde und sie schmelzen Aus Kieselstein und waschen aus dem Bachsand Das gelbe Gold und schleppen's in die Heimat.
349. Die Goldstampe am Borlasbache.
(Ludwig Lamer im Glückauf 1882, S. 105.)
Wenn man vom Weißeritzwehre an der großen Rabenauer Mühle den Fluß aufwärts geht, gelangt man bald an ein munteres Bächlein, das von Borlas herabkommt und sich in die Weißeritz ergießt, und abermals wenige Schritte flußaufwärts steht ein großer Felskegel künstlich abgetrennt von seinem Mutterfelsen, um der Eisenbahn einen Durchgang zu schaffen.
An der Spitze des Kegels kann man bei aufmerksamer Beobachtung den Rest einer Aushöhlung erkennen, die nicht das Werk der Natur, sondern fleißiger Hände ist.
Vor viel hundert Jahren kamen in Zwischenräumen, wenn die Goldkörner in der nahen Weißeritz reif geworden, Wahlen aus dem fernen Wälschlande, deren Zunge man nicht verstand und die sich nur notdürftig verständlich machen konnten, und schafften den Sand aus dem am Fuße des Felsens befindlichen Weißeritzheger hinauf auf diesen Felsen und stampften ihn in diesem Loche mit Wasser, bis die Goldkörner sich vom Sande sonderten und von ihnen ausgelesen werden konnten.
So hatte sich nach und nach ein Loch gestampft, in dem ein Mann wohl bis an den Gürtel stehen konnte, und noch jetzt zeugen die einzigen zwei Seitenwände, die von der Goldstampe übrig geblieben sind, von der rührigen Arbeit der Wahlen.
Und auch jetzt noch führt die Weißeritz Goldkörner an dieser Stelle, sie sehen aber dem Sande gleich aus, denn sie sind noch nicht reif.
350. Die Venediger auf dem Spitzberge bei Preßnitz.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, S. 62.)
Der ehemals so ergiebige Bergbau auf edle Erze lockte Bergleute aus weiter Ferne, darunter auch aus dem Venetianischen, sogenannte Venediger, ins Erzgebirge. Einer derselben kam Sommer für Sommer auf den Spitzberg bei Preßnitz. Man wußte lange nicht, was er hier wollte und er selbst sagte niemandem ein Sterbenswörtchen davon. Endlich aber ward er doch einmal beobachtet, wie er andächtig kniend zum Himmel betete und sodann aus einer vorüberrieselnden Quelle viele funkelnde Goldkörner in seinen Spitzhut raffte. Nachher sah man den Venediger nie wieder, sei es, daß er sein Glück wo anders versuchte, sei es, daß er, der Schätze schon genug besitzend, für immer in seine Heimat gezogen war.
351. Das Lamm aus Goldkörnern der Müglitz.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit etc. 1845, S. 324–26.)
Im Dorfe Fürstenwalde lebte in früherer Zeit ein Häusler, namens Bär, bei welchem seit vielen Jahren ein schlichter Fremder, angeblich ein Italiener, alljährlich einkehrte, sich mehrere Wochen daselbst aufhielt, und die dasige Gegend bloß deshalb besuchte, um in dem Flußbette der Müglitz Goldkörner und edle Steine zu suchen. Erstere soll er in der Gegend vom Kratzhammer abwärts bis an das sogenannte Löwenbrückchen, letztere hingegen außer in der Müglitz auch im Schlotteritzer Grunde gefunden haben. Seine Bemühungen wurden jedesmal mit dem besten Erfolge gekrönt, und er lohnte daher seinem Wirte Kost und Herberge zur völligen Zufriedenheit. Nach mehr als zwanzigmaligem Wiederkehren eröffnete der Fremde endlich seinem Wirte, daß er nun nicht mehr nach Sachsen kommen, sondern seine Reisen einstellen werde, und bat ihn zugleich, ihn einmal in seiner Heimat zu besuchen, wozu er, der Fremde, die nötigen Anstalten schon treffen wolle. Bär sagte zu. Nach länger als Jahresfrist erhält nun Bär von seinem frühern Gaste die Nachricht, daß er kommen solle, daß er nur bis Teplitz zu gehen und dort auf der Post sich zu melden brauche, indem das Übrige wegen seines Fortkommens und seiner Beköstigung schon besorgt sei. Halbgezwungen macht sich also Bär auf den Weg, findet alles so, wie die Nachricht es ihm gemeldet, und langt wohlbehalten in der ihm beschriebenen Stadt an. Hier geht nun Bär, die Adresse seines Freundes, welche den Namen der Gasse und die Nummer des Hauses enthielt, in der Hand, im schlichten ländlichen Anzuge die Gassen mehrmals auf und ab, ohne das Ziel seiner Reise gefunden zu haben, da er der dortigen Sprache nicht kundig ist und mithin auch sich niemandem mitteilen kann. Nach langem Suchen findet er endlich das mit der ihm angegebenen Nummer bezeichnete Haus, jedoch weit größer und prächtiger, als er sich das Haus seines Freundes gedacht. Er tritt aber demohngeachtet in dasselbe ein, um sich nach dem Namen des Besitzers zu erkundigen, wird aber von einem prachtvoll gekleideten Bedienten, der ihn für einen gewöhnlichen Bettler hält und dessen Sprache er nicht versteht, mit Gewalt wieder zum Hause hinausgebracht. In dieser Bedrängnis ruft ihm eine Stimme aus dem Hause zu: »Vater Bär, bist Du's?« und gleich darauf erscheint zu Bärs großer Freude sein Freund, um ihn bei sich einzuführen. Bär, ganz erstaunt über die große Pracht, welche ihn auf einmal umgiebt, verlebte mehrere Tage in seliger Trunkenheit. Sein Freund bot alles auf, ihm den Aufenthalt so viel wie möglich zu verschönern, und als Bär sich endlich zur Rückreise anschickte, führte ihn sein Freund noch in ein Kabinet, welches seine Schätze enthielt. Hier bat er ihn, unter mehreren dort aufgestellten, aus dem reinsten Gold gegossenen Figuren sich als Andenken eine mitzunehmen, da sie aus den Goldkörnern seien, welche er in Bärs Heimat gesammelt habe. Bär wählte nach langem Zaudern ein goldenes Lamm, und langte damit, sowie mit einer kleinen Summe Geldes, welche ihm sein Freund noch aufgedrungen, glücklich in seiner Heimat wieder an. Die Kunde von dem goldenen Lamme verbreitete sich bald in der Umgegend und kam endlich auch vor den Besitzer von Lauenstein, der am sächsischen Hofe eine Stelle bekleidete. Auf seine Veranlassung brachte Bär sein goldenes Lamm diesem aufs Schloß Lauenstein, und der Herr fand solches so kunst- und wertvoll, daß er den Vorschlag that, dieses Lamm dem Kurfürsten zu zeigen. Auch dieser fand großen Gefallen an dem goldenen Lamme und suchte Bären endlich dahin zu bestimmen, daß er dasselbe gegen eine ihm zugesicherte lebenslängliche Rente dem Fürsten überließ. Das goldne Lamm soll sich noch heute im Königlichen Kunstkabinet zu Dresden befinden; aber auch Bärs Nachkommen leben heute noch im Dorfe Fürstenwalde.
Eine thüringische Sage erzählt, wie einst ein Hirte von einem Venetianer, welcher ihm die Schätze im großen Wartberge zeigte, nachdem er die Schlangenkönigin getötet und ihre Krone an sich genommen hatte, ein Wunschtüchlein und die Einladung erhielt, ihn einmal in Venedig zu besuchen. Wirklich wünschte sich der Hirte einst zu dem Venetianer hin und plötzlich schwebte er über den Türmen Venedigs und fand seinen Bekannten in einem schönen Palaste. Er wurde gut aufgenommen und beim Abschiede mit einer kleinen Kutsche und 6 Pferden von gediegenem Golde beschenkt. Dies Geschenk hat der Hirte und seine Familie lange aufbewahrt; später ist es in die Kunstkammer zu Gotha gekommen. (Richter, Deutscher Sagenschatz, II. No. 50.)
Ebenso erzählt eine fichtelgebirgische Sage, daß ein Mann aus Wilfersdorf einen Goldsucher, den er in seinem Hause beherbergt hatte, in dessen Heimat Venedig besuchte und dort gut aufgenommen und reichlich beschenkt wurde. (Zapf, Der Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 102.)
352. Das alte Schloß bei Schmiedeberg.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg i. B., S. 62.)
Unterhalb des Ortes Schmiedeberg, auf Pleiler Gemeindegebiet, befindet sich ein großer Schlackenhaufen, welcher das alte Schloß genannt wird. Zweifellos ist dies eine uralte Ansiedelungstätte des Schwarzwasserthales, die aus einem großen Eisenschmelzfeuer mit Hammerwerk bestanden haben mag. Mancherlei Sagen knüpfen sich an diese öde Schlackenhalde. Unter andern soll hier auch ein Schatz, ein kupferner Kessel mit Silber gefüllt, vergraben liegen. Oft schon haben Geldgierige am Palmsonntage oder in den Tagen der Karwoche, doch immer vergebens, darnach gesucht. Um den Schatz zu heben ist eine gute Wünschelrute von nöten.
Einst fischten beim alten Schloß einige Knaben im Schwarzwasser. Einer derselben, der sich von seinen Kameraden zufällig entfernt hatte, findet auf einmal eine große, thorähnliche Öffnung im Berge, geht dreist in die sich mehr und mehr erweiternde Höhle hinein und kann sich vor Staunen kaum fassen, denn eine solche Pracht haben seine hellen Augen noch nicht gesehen. Rings krystallene Wände, daran in Regenbogenfarben glitzernde Edelsteine und funkelnde Erze und in der Ferne ein wunderbar strahlendes Licht. Von diesem zauberhaft übergossen aber standen im Hintergrunde große Krystallvasen, gefüllt mit eitel gediegen Gold und Silber. Lange stand der Knabe, versunken in diesen herrlichen Anblick. Da plötzlich erinnert er sich seiner Genossen; auch sie sollen dies alles sehen, denkt er und eilt hinweg, sie zu verständigen. Allein da die Knaben alle kamen, konnten sie trotz des eifrigsten Suchens die Wunderhöhle nicht mehr finden. Der Berg hatte sich geschlossen und zeigte wieder sein gewöhnliches Aussehen. Alle Jahre aber, am Karfreitag Punkt 3 Uhr soll er, wie man erzählt, eine Zeit lang geöffnet und samt all seinen Schätzen für jedermann zugänglich sein.
353. Ein Geyersdorfer Bauer findet reiche Erzgänge.
(Joh. Falke, Geschichte der Bergstadt Geyer. Dresden, 1866. S. 84.)
Vor etwa 60 Jahren ist noch an dem hintern Teile der Kirche zu Geyer auf der Südseite ein gemaltes Fenster zu sehen gewesen, das einen buntfarbigen Bauer von ½ Elle Höhe mit zwei Dreschflegeln darstellte. Dieser Bauer war der Sage nach aus Geyersdorf, das vor Annabergs Erbauung nach Geyer eingepfarrt gewesen sein soll, und derselbe ließ den hintern Teil der Kirche auf seine Kosten bauen. Unter diesem Fenster war ein Gemälde auf Leinwand mit einem Bauer in größerer Figur, zu dessen Füßen ein Leichenstein. Nach der Sage soll jener Bauer auf dem Rückwege von Geyer nach Geyersdorf, von der Nacht oder einem Schneegestöber überrascht, seine Zuflucht auf einem Baume genommen und dort geträumt haben, unter diesem Baume seien Erzgänge. Er suchte und fand so reiche Erze, daß er durch den nun begonnenen Bau in kurzem zum reichen Manne wurde und aus Dankbarkeit diesen Teil der Kirche bauen ließ. Auf dem Gemälde war er abgebildet, wie er im Begriff stand, mit einer lang gespitzten Keilhaue einzuschlagen.
354. Glockengeläute verkündet neue Anbrüche.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 28.)
Im Jahre 1713 soll in der Nähe von Johanngeorgenstadt bei einem Vogelherde, an welcher Stelle man hierauf das Bergwerk »Glockenklang und Vogelgesang« erschürfte, drei Tage nach einander von früh bis gegen Mittag Geläute gehört worden sein, was von etlichen Personen gewissenhaft an Eidesstatt ausgesagt wurde. Wie nun die Gründung der Stadt Johanngeorgenstadt durch Glockengeläute angezeigt wurde, so deutete man auch jenes Läuten als ein Anzeichen für die Erweiterung des Bergbaus in dortiger Gegend.
355. Prophezeiung von reichen Erzen am Pöhlberge und Bärenstein.
(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746. S. 6.)
Anno 1471 hat Peter Rosenkranz, ein Mönch im Kloster Grünhain, dem Herrn Abt von vielen und mancherlei Sachen gesagt, auch wie ein Bergwerk am Bärenstein aufkommen würde; dasselbe würde einen langen Bestand haben und viel Ausbeute geben. Denn es läge ein ganzer Stock Erz davor hinter dem Stein, hinab gegen das Wasser zu, ein Gang eines Wagens breit im Streichen, gegen halb Mittag und halb Abend, führte solch großes Erz, daß er nicht auszusagen wüßte. Und wenn es die Zeit geben würde, daß es sollte aufkommen und offenbar werden, so würde eine Zeche an der andern stehen, bis über die Waschleite hinauf, und wer nur einen Kux davon hätte, da würde er und seine Kinder und Kindeskinder Nahrung davon haben. Auch würde ein Bergwerk aufkommen zwischen dem Pöhlberg und Bärenstein, das würde einen guten Bestand haben und viele Ausbeute geben, und eine schöne Stadt dahin gebauet werden. Aber dieses Bergwerk wäre nur eine Ader vom Bärenstein. Und es läge auch auf den Raschauer Gütern viel Eisenstein, welcher auch bald gefunden, und gar gut Eisen daraus gemacht worden. Aber die Zeit wäre noch nicht vorhanden, daß der Bärenstein aufkommen sollte, denn es würde durch einen Aufruhr das Kloster ganz zerstöret werden, und kein Mönch darinnen sein, ja es würde so zerstöret werden, daß das Erdbeerkräutig auf denen Mauern und die Bäume über die Mauern hinauswachsen und gar miteinander an die Fürsten von Sachsen kommen würde.
Dasselbe prophezeiten später mit denselben Worten drei fahrende Schüler, die den Abt von Grünhain Johann Gottfried Küttner um Herberge und Beförderung angesprochen. Auf ihre Rede hat der Abt eine Hirsch- und Bärenjagd am Bärenstein angestellt und die drei fahrenden Schüler mit hinüber geschickt. Als man sie an Ort und Stelle fragte, welche Zeit und Jahr es sollte offenbar werden, sind sie ein wenig von dannen und unter einen Ulmenbaum getreten, und haben miteinander geredet und gesagt: Ungefähr 50 Jahre nach dem Bauerkrieg und Aufruhr würde das Kloster so wüste werden, daß das Erdbeerkräutig auf den Mauern wachsen würde, und werden die Bergstädte teils zu Grunde gehen, alsdann wird der Bärenstein angehen und aufgenommen, allein man müßte mit dem Stollen die Gänge überfahren.
356. Johannes Niavis prophezeit den reichen Bergsegen von Joachimsthal.
(Nach Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrgang 2. und 3. Heft.)
Die Gegend, wo jetzt Mariasorg liegt, war bis zum Anfange des 16. Jahrhunderts eine mit Wald bedeckte Einöde. Hier wohnte damals in einer einfachen Klause »um Sanct Albrecht unten am Wolfsberg, wo der Schwarzgang hinabstreicht,« der fromme Einsiedler Johannes Niavis (Schneevogel). Seine Andacht verrichtete er in einer kleinen Kapelle, an deren Stelle sich heute die Mariasorger Kirche befindet. Dieser Johannes Niavis hat samt der alten Gräfin Kaspar Schlick deutlich von dem Thal, da jetzt die Stadt Joachimsthal liegt, geweissagt, daß allhie ein großes Gut liege und eine mächtige Stadt hierher solle erbauet werden. Es werde zwar das Bergwerk in sehr großen Abfall geraten, aber doch hernach wieder florieren und in größere Aufnahmen kommen, als es je gewesen.
Diese Prophezeiung gab Veranlassung, daß im Jahre 1515 Graf Stephan Schlick, Graf Alexander von Leisnick, Wolf von Schönberg und Hans Tommeshirn sich zu der ersten Gewerkschaft vereinigten, die alte Fundgrube am Schottenberge wieder belegten und so »mit Gewalt das Bergwerk aufbrachten.«
Die Kapelle des Einsiedlers Niavis war bei Einbürgerung der lutherischen Lehre in Joachimsthal zerstört worden, und als man 1691, da das Bergwerk infolge des dreißigjährigen Krieges und der Gegenreformation in Verfall gekommen war, an dem Platze, wo sie gestanden hatte, ein Kirchlein erbauen, und den sogenannten schwarzen Gang entblößen wollte, fand man endlich einen Stein mit einem eingehauenen Kreuze. Die Stelle, wo er lag, sollte der gesuchte Platz sein. Hier wurde nun die Mariasorger Kirche gebaut, über deren Thüre man jenen noch heute daselbst zu sehenden Stein einmauerte. Die Einweihung erfolgte 1699. Der Ort selbst erhielt nach einem wunderthätigen Marienbilde, das in der Kirche aufgestellt wurde und viel Wallfahrer anzog, den Namen Mariasorg. Später wurde an die Kirche das Kloster mit einer besondern Ordenskirche angebaut und im Jahre 1765 vollendet. In der darauf bezüglichen, von der Kaiserin Maria Theresia unter dem 16. November 1752 ausgestellten Urkunde heißt es unter anderem, daß dies auch geschähe »aus dankmütiger Erkenntlichkeit für den bisher von Gott verliehenen und ferners zu erbittenden Berg-Segen.« So war die Prophezeiung des Einsiedlers Johannes Niavis nicht nur die Veranlassung zur Gründung der Bergstadt Joachimsthal, sondern auch zu derjenigen der Kirche und des Klosters zu Mariasorg.
357. Anfang des Bergwerks St. Briccius am Pöhlberge.
(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 11–13.)
1. Es soll ein Bergmann des Nachts im Traum eine göttliche Erscheinung gehabt haben; dem habe geträumt, es komme ein Engel zu ihm, der sagte, er solle in den Wald zu einem gewissen Baume gehen, den ihm auch der Engel im Traum bezeichnet, da würde er ein Nest mit goldenen Eiern finden. Darauf sei der Bergmann, als es Tag geworden, aufgestanden und habe den ihm im Traume gezeigten Baum gesucht und auch gefunden. Als er nun vermittelst einer Fahrt auf solchen Baum gestiegen, so habe er das Nest mit den güldenen Eiern zwar gesucht, aber nichts angetroffen. Da er wieder herunter gestiegen, sei der im Traum ihm vorher erschienene Engel alsbald zu ihm gekommen und habe ihm befohlen, er solle bei diesem Baum einschlagen, so würde er das Nest mit denen güldenen Eiern antreffen. Als der Bergmann diesem Befehle des Engels gefolgt und zu schürfen angefangen, so habe er auch wirklich einen reichen Silbergang entblößet, darauf alsdann der Bergbau allhier angegangen. Es ist diese Geschichte in der Hauptkirche zu St. Annaberg an dem hintern Teile des kleinen Altars, welchen die Knappschaft 1521 erbauen ließ, abgebildet. Auch lieget in der alten Sakristei der Hauptkirche ein großer runder Stein, auf welchem dieselbe Geschichte ausgehauen steht.
2. Dr. Barth, welcher 1584 als Professor in Leipzig starb, erzählt dagegen: Einem Bergmanne, mit Namen Daniel, habe geträumt, er sollte in den finstern Wald gehen, da würde das Feuer vom Himmel fallen, dem sollte er alsbald nachgehen und an dem Orte suchen, so würde er daselbst in der Erde einen großen Schatz finden, davon er sich unterhalten und in seiner Armut leben könnte. Sobald es nun Tag geworden, wäre der Bergmann aufgestanden, hätte Gott im Gebete angerufen, daß er ihm gnädig sein und den Traum erfüllen wolle. Hernach wäre er in den Wald gegangen, hätte den ganzen Wald durchsucht, bald auf die Erde, bald gen Himmel gesehen und nicht ohne große Hoffnung zu Gott gebetet, um das ihm im Traume versprochene Feuer sehen zu lassen. Wider Vermuten wäre hernach ein Gewitter am Himmel aufgestiegen, daß es mit einem starken Donner in den Wald geschlagen. Da wäre dann der Bergmann geschwind gegangen und hätte alles durchsuchet, um zu sehen, wo es hingeschlagen. Da er den Ort gefunden, habe er alsbald die Wünschelrute genommen und sie feste in die Höhe gehalten, die Rute hätte sich aber in der Hand so sehr gewendet, daß er solche fast nicht erhalten können, und also gezeiget, daß der Schatz des Silbers hier an diesem Orte in der Erde verborgen liege. Hierauf habe der Bergmann nachgegraben und auch wirklich einen reichen Gang entdeckt. Dieser glückliche Finder wäre hernach zu den Bauersleuten gegangen, hätte ihnen sein Glück angezeigt, viele von denselben zu Gehülfen in seiner Arbeit genommen und dieselben seines Schatzes teilhaftig gemacht, worauf sie dann viele Erze gewonnen und schmelzen lassen. Da sich nun der Ruf davon allenthalben ausgebreitet, so wären von allen Orten und Enden viele Fremde hierher gekommen, das neu von Gott bescherte Glück zu sehen; viele hätten auch hernach unten gegen Abend, wo der Berg abfällt, noch viele andere reiche Gänge durch die Rutengänger entdecket, und auf solche Art wäre also zuerst durch die Gnade des großen Gottes das Bergwerk daselbst entdecket worden.
358. Die Entstehung Annabergs.
(I. Mündlich. II. Ziehnert a. a. O. Anhang No. 21.)
I. Zur Zeit Friedrich des Weisen lebte im obern Erzgebirge nicht weit vom Schreckenberge ein alter, schlichter Bergmann mit Namen Daniel Knapp. Nach alter frommer Sitte beugte er jeden Abend seine Knie vor dem Muttergottesbilde. Als er dies eines Abends wieder gethan hatte, legte er sich nieder. Da erschien ihm im Traume die heilige Mutter Anna und befahl ihm, an der Stelle, welche sie ihm im Traume zeigte, einzuschlagen. Verwundert über den seltsamen Traum, machte sich der Bergmann auf und wanderte nach Wittenberg, wo damals der Kurfürst weilte. Zagend trat Daniel Knapp vor denselben hin und bat ihn, daß er ihm seinen Traum erzählen dürfe. Der Kurfürst hörte verwundert dem Bergmanne zu, und als er geendet hatte, folgte er ihm mit seinem Kanzler und begleitet von Rittern und anderen Herren. Am Fuße des Schreckenberges, an der Stelle, welche ihm im Traume geoffenbart worden war, schlug darauf der Bergmann kräftig ein und bald strahlte dem Kurfürsten und seinen Begleitern heller Silberglanz entgegen. Darauf ließ der Kurfürst zur Erinnerung an den wunderbaren Fund die sogenannten Engelsgroschen prägen und wenig Jahre später entwickelte sich aus den Ansiedelungen, welche in der Nähe des silberreichen Schreckenberges gegründet wurden, die Stadt Annaberg. Von dem Bergmanne Knapp aber sollen seit jener Zeit alle Bergleute den Namen »Knappen« führen.
II. Als noch dicke Waldung den Pöhlberg und seine Nachbarn deckte, lebte im Dorfe Frohnau ein Bergmann, Daniel Knappe, fromm und brav, aber blutarm. Große Teuerung und Hungersnot war im Lande, und Knappe hatte sieben Kinder und ein krankes Weib in seiner Hütte. Er wußte seiner Not kein Ende und war nahe daran, zu verzweifeln an der göttlichen Hülfe. Da erschien ihm einst im Traum ein Engel Gottes und sprach zu ihm: »Gehe morgen in den Wald am Fuße des Schreckenberges. Dort ragt eine Tanne hoch über alle Bäume des Waldes hervor. In ihren Zweigen wirst du ein Nest mit goldenen Eiern finden; dies ist dein, brauche es wohl!« Als Knappe am Morgen erwachte, erinnerte er sich des Traumes und ging hinaus in den Wald, das Nest mit den goldenen Eiern auszunehmen. Bald hatte er die Tanne in der Nähe der Wolfshöhle gefunden und kletterte rasch in ihren Ästen bis in den höchsten Wipfel hinauf, fand aber nichts. Traurig, daß ihn der Traum getäuscht habe, stieg er wieder herab und setzte sich auf die Wurzeln des Baumes nieder, um auszuruhen. Er sann hin und her, und dabei fiel ihm ein, daß unter den Zweigen wohl auch die Wurzeln der Tanne zu verstehen sein könnten. Die Vermutung ward bald zum festen Glauben, und eilig lief er und holte aus seiner Hütte das Gezäh zum Schürfen. Eifrig begann er den Schurf, und kaum hatte er die Dammerde durchbrochen, als mächtige, nach allen Seiten streichende Silbergänge ihm entgegen blickten. Er sank auf seine Kniee und dankte Gott.
Bald war die Kunde von dem neuentdeckten Bergreichtum in alle Lande verbreitet, und Tausende zogen herzu, um sich in der bisher so wilden Gegend anzusiedeln. Dies veranlaßte den Herzog Georg den Bärtigen, eine neue Bergstadt zu gründen. Am 21. Sept. 1496 wurde der Grundstein zu dem ersten Hause gelegt, und die neue Stadt Neustadt am Schreckenberge, später aber Annaberg genannt. – Zum Andenken an Daniel Knappe aber heißen noch heute die Bergleute im allgemeinen die Knappen und ihre Gemeinschaft die Knappschaft.
359. Die Kapelle zu Frohnau.
(Jenisii Hist. Annaberg. II., S. 2. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 514.)
Im Jahre 1502 ist ein gewisser angesehener und würdiger Mann namens Lorenz Pflock gen Annaberg gekommen; als ihm nun seine Gemahlin in kurzer Frist auf einem Wagen folgte, kam es ihr, als sie etwas über das Dorf Frohnau hinaus war, vor, als wenn die Erde in dieser Gegend erschüttert werde. Nicht lange darauf legte ihr Mann an diesem Orte ein Bergwerk an, das überreiche Ausbeute gab, und ließ, weil er überzeugt war, daß durch jenes Gesicht das Vorhandensein einer reichen Silberader angedeutet worden sei, mitten im Dorfe Frohnau einen kostbaren Altar nebst Kirche erbauen.
360. Der Schweizerzug bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, 1882, S. 5.)
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte in der Schweiz ein verarmter Kaufmann, der einmal den höchst sonderbaren Traum hatte, er werde auf der steinernen Karlsbrücke zu Prag sein Glück finden. Ohne sich lange zu besinnen, bestieg er sein Rößlein und ritt nach der Hauptstadt Böhmens, dem hunderttürmigen Prag. Daselbst angelangt, ging er in froher Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, auf der Moldaubrücke auf und ab. Durch sein seltsames Benehmen zog der Schweizer bald die Aufmerksamkeit des auf der Brücke aufgestellten Wachsoldaten auf sich, welcher ihn endlich fragte, was er hier suche. »Mir hat geträumt«, erwiderte der Angesprochene, »daß ich auf dieser Brücke mein Glück finden werde. Nun gehe ich aber hier schon mehrere Stunden hin und her, ohne nur eine Spur des erhofften Glückes zu finden.« »Sonderbar«, sagte der Wachposten, »mir träumte auch einmal von meinem künftigen Glücke, das ich in den westlichen Bergen erst suchen gehen soll, aber ich lege den Träumen keine Bedeutung bei, denn Träume sind Schäume!« Kaum hatte dies der Schweizer vernommen, so eilte er in seine Herberge zurück, ließ sein Pferd satteln und ritt, seinem Sterne folgend, immer dem Westen zu, um zu dem geistreichen, durch seine Prophezeiungen bekannten Johannes Niavis (Schneevogel), dem Einsiedler am Wolfsberge, wo heute das Dorf Mariasorg liegt, zu gelangen und dann seine Reise nach »Conradisgrün« (Konradsgrün), der ersten Ansiedelung von Joachimsthal, fortzusetzen. Nach mehrtägigem Ritt kam er in die Gegend von Lichtenstadt. Wie er immer weiter trabte, blieb des Rosses Huf an etwas hängen, und das Hufeisen wurde abgesprengt. Er stieg ab, um nach der Ursache dieses Unfalles zu sehen. Da bemerkte er, daß ein Zapfen von Silbererz das Hufeisen abgerissen und freute sich, sein zwischen den Schweizerbergen geträumtes Glück gefunden zu haben. Der Schweizer kehrte, nachdem sein Pferd in der nächsten Schmiedewerkstatt wieder beschlagen worden war, in die Heimat zurück, traf aber bald in Konradsgrün mit einem Zuge Schweizer Bergleute ein. Diese durchforschten die Gegend und gruben untertags mit bestem Erfolge nach Silbererzen. So wurde der Kaufmann aus der Schweiz, der in der That auf der Prager Moldaubrücke sein Glück gefunden hatte, ein grundreicher Mann, und noch heute führt ein langer Haldenzug, der damals eine sehr ergiebige Ausbeute gab, den Namen »der Schweizerzug«.
Eine im Wesentlichen gleiche Sage finden wir in den deutschen Sagen der Brüder Grimm (2. Aufl., I. B., No. 212). Hier wird aber jemandem auf der Brücke zu Regensburg die Mitteilung, daß unter einem gewissen Baume ein großer Kessel mit Geld vergraben sei, was sich auch bestätigte.
361. Der Basler und die Baslerin zu Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, 1882, S. 7.)
Vor vielen Jahren lebte in der alten Bergstadt Joachimsthal ein gottesfürchtiger Gewerke, mit Namen Basler. Er besaß nebst Haus und Acker eine Grube, welche eine gute Ausbeute an Silber gab und sein Vermögen beträchtlich vermehrte. Plötzlich aber blieb das blinkende Silbererz in den harten Felsadern aus, und er traf auf lauter taubes Gestein. Basler, der ein sehr unternehmender Mann war, stellte jedoch seinen nunmehr kostspieligen Bau nicht ein, sondern ließ rühriger denn je mit Fäustel und Bohrer weiter arbeiten, da er in Bälde in eine silberhaltige Teufe zu kommen hoffte. Schon war aber Schrank und Beutel leer, Haus und Acker verpfändet, und noch immer leuchtete ihm kein Hoffnungsschein in der Grube. Seine Lage gestaltete sich vielmehr von Tag zu Tag trauriger, denn er wurde von seiner Freunde Schwarm nun gemieden, und einen Bergknappen nach dem andern mußte er aus seinem Dienste entlassen. Zuletzt war er auf seine Kräfte allein angewiesen; doch ließ er auch jetzt voll Zuversicht, daß Gott ihm helfen werde, den Mut nicht sinken und baute unverdrossen und emsig im harten Gestein fort, – leider ohne allen Erfolg. Dadurch geriet seine Familie, die ehemals in guten Verhältnissen gelebt hatte, in die bitterste Not. Um die Seinigen zu ernähren, sah sich der arme Basler, dem niemand mehr Geld vorstrecken mochte, sogar genötiget, nicht bloß Hausgeräte, sondern auch halbwegs entbehrliche Kleidungsstücke zu verkaufen.
Als eines Tages die Not aufs Höchste gestiegen war, und er sich weder zu raten noch zu helfen wußte, nahm seine Frau ihr teuerstes Kleinod, einen feingestickten Schleier, der noch von all ihren Habseligkeiten übrig geblieben war, in die Hand. Ihn hatte am Hochzeitsfeste die gute Mutter ihr ins Haar geknüpft und gesegnet, darum war der Schleier ihr so lieb und wert. Sie betrachtete denselben unter tiefem Seufzen lange mit thränenfeuchten Blicken; denn zentnerschwer drückte ihr Herz der schreckliche Gedanke, ihr kostbarstes Pfand mütterlicher Liebe zu veräußern. Endlich entschloß sie sich, freilich schweren Herzens, zum Verkaufe des Brautschleiers. Aus dem gelösten Gelde kaufte Basler, nachdem er für das nötige Brot gesorgt hatte, Unschlitt ein, um sein Geleucht aufschütten zu können. Er wollte nämlich, um sein Glück zu versuchen, noch einmal anfahren, dann aber, falls auch dieser Versuch mißglückte, den Bergbau, der ihn zum Bettler gemacht, aufgeben. – Als sich nun Basler zur Fahrt nach der Grube gerüstet hatte, sprach er, treu seinem gewohnten Spruche: »Bete und arbeite!« ein herzinniges Bergmannsgebet, fuhr hierauf ein und schritt an's Tagewerk. »Herr«, sprach er zu sich selbst, Du kennest mein ehrliches Sinnen und Trachten, sowie meinen und der Meinigen Jammer und Gram; erbarme Dich unser und segne heute meiner Hände Arbeit, damit ich viel, recht viel zur Verherrlichung Deines Hauses beitragen kann!« – Es gingen nämlich gerade zu derselben Zeit – es war im Jahr 1536 – die Grafen Hieronymus und Laurenz Schlick daran, in Joachimsthal, dem rasch aufgeblühten und zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Bergorte, eine neue, stattliche Kirche zu bauen. Wie sehr mochte sich wohl unser frommer Basler, der früher so reiche Bergherr, gekränkt haben, daß er jetzt in seiner größten Armut gar nichts zum Baue des Gotteshauses beisteuern konnte! Er ergriff, gestärkt durch sein unerschütterliches, festes Gottvertrauen, sein Gezäh und arbeitete mit solcher Kraft, daß das Gestein weit umhersprang. Da bemerkte er auf einmal, daß das Unschlitt in seiner Lampe zu Ende ging; er wollte nun sein Geleucht wieder auffüllen, allein das Unschlitt war verschwunden. Bestürzt und unmutig, daß ihm auch seine letzte Hoffnung vereitelt sei, suchte er nach dem Unschlitt und sah eine Maus mit demselben ihrem sicheren Verstecke zueilen. Über das mutwillige Tierchen erzürnt, erfaßte Basler seinen Schlägel und warf nach dem Mäuschen. Aber nicht dieses zerschmetterte sein wuchtiger Wurf, sondern das Felsgestein an der Öffnung der Wand, in der das Mäuschen verschwunden war. Doch siehe, was schimmert da unserm Basler entgegen? Ists bloß blendender Schein oder Wirklichkeit? Er prüft und findet, daß eine Silberader sich vor ihm geöffnet hat. So wurde mit einemmale Basler auf höchst merkwürdige und überraschende Weise wieder in den Stand gesetzt, den Bergbau mit vielen Knappen zu betreiben. Er ward gar bald ein reicher Mann, der aber auch als solcher seinem früheren einfachen und frommen Lebenswandel treu blieb. Sein Gelübde erfüllte er treulich. Er spendete für die Kirche zu Joachimsthal ein silbernes Kreuz und ließ überdies einen Predigtstuhl verfertigen, dessen Stütze ihn selbst im Bilde in Wams und Bergkappe darstellte.
Noch bis zum furchtbaren Brande des 31. März 1873 konnte man diese interessante Bergmannsfigur in der reichen und geschichtlich merkwürdigen Dekanatkirche zu Joachimsthal, die an dem genannten Tage ebenfalls zerstört wurde, unter dem Predigtstuhle sehen.
Baslers Frau, vom ungewöhnlichen Glücke berauscht, vergaß Tugend und Frömmigkeit und wurde über alle Maßen stolz und hochmütig. Als ihr Mann auf der Totenbahre lag und die Bergknappen beim Einsegnen vor dem Hausthore standen und nach ortsüblicher Weise das Trauerlied mit den Worten beendigten:
»Du bist, Herr, stark in Deinem Arm, Du machst bald reich und machst bald arm«,
da sprang die Übermütige, prangend im kostbaren Kleide und strahlend im Diamanten- und Perlenschmucke, zum offenen Fenster und rief voll Zorn und Hohn hinab: »Frau Basler kann und wird niemals verarmen!«
Noch in erhöhterem Grade gab sich Frau Basler von jetzt an der Verschwendung hin; sie lebte in Saus und Braus, so daß ganz unbemerkt die Silberschätze in ihren Kästen und Truhen gleich einer Seifenblase zerrannen. Eines Tages stand sie auf der Prager Brücke. Da zog die Prahlerin einen prächtigen Siegelring vom Finger, warf ihn in die Moldau und rief:
»So wahr, als mein Ring nicht kehrt nach Haus, So wahr schöpf' ich meine Schätze nicht aus!«
Ein Fisch aber hörte die übermütigen Worte der frevelnden Baslerin und sah das kostbare, blitzende Ringlein; da dachte er bei sich: »Ohnedies harrt der Tod mein, es soll auch für Dich der Tod sein!« Bald ließ der Lachs, der den Ring verschlungen hatte, sich fangen. Und siehe da! Des andern Tages brachte ein Fischer einen Fisch, in dessen Bauche sich der Ring befand, der zur Frau Baslerin heimgekehrt war; und wie der Ring kam zurückgeschwommen, so ist sie hülflos auch verkommen. – Die Maus hat Baslern zum Reichtume verholfen, der Fisch der Baslerin zur Armut.
Einzelne Züge dieser Sage haben große Ähnlichkeit mit solchen in der folgenden Sage von den Tellerhäusern bei Oberwiesenthal.
362. Die Tellerhäuser bei Wiesenthal.
(Nach Ziehnerts poet. Beh. in Gräße, Sagenschatz etc. No. 502.)
Um das Jahr 1570 lebte zu Wiesenthal ein blutarmer, aber frommer und fleißiger Bergmann, namens Teller, der bei einer Grube beschäftigt war, die auf einmal keine Ausbeute mehr gab und deshalb von ihrem Besitzer, einem reichen Geizhals, nicht mehr bebaut ward. Ebenso vergebens wie er von Letzterem seinen rückständigen Lohn zu bekommen gesucht hatte, sah er sich nach neuer Arbeit um; er hatte eine kranke Frau und drei Söhne zu Hause, allein er hatte kein Brot für sie und so mußte er nach und nach alles, was er besaß, verkaufen. So kam der Ostermorgen heran und das letzte, was noch zu Gelde gemacht werden konnte, war bereits weggegeben. Siehe, da zog es ihn nach der Kirche, und als er traurig an den Eingang derselben getreten war, kam es ihm vor, als sehe er sich im Festtagsgewande, eine Stufe glänzenden Silbers auf der Schulter, an der Kanzel stehen. Er rieb sich die Augen, wendete sein Gesicht weg, aber sobald er wieder auf jenen Punkt schaute, stand auch sein Doppelgänger wieder da. Er verließ endlich die Kirche, und auf dem Wege nach seinem Hause begegnete ihm ein wohlgekleideter Unbekannter, der ihm, als er von ihm befragt, warum er so traurig aussehe, seine Not geklagt hatte, ein großes Geldstück schenkte. Damit kaufte er die notwendigsten Bedürfnisse und begab sich nach Hause. Hier hatte er aber keine Ruhe, denn überall sah er das gehabte Gesicht vor sich, und es kam ihm vor, als ziehe ihn sein Doppelgänger nach jener eben aufgegebenen Grube hin. Endlich konnte er nicht mehr diesem innern Drängen widerstehen, daher kaufte er sich von dem noch übrig gebliebenen Gelde von dem Bergmeister die Erlaubnis, in der auflässigen Grube zu bauen, und fing eifrig an einzuschlagen. Allein seine zwei Hände brachten wenig vorwärts, der Tag verfloß und er war auf kein edles Metall gestoßen; schon war der zweite halb zu Ende und er machte eben Anstalt, sein letztes Stücklein Brot zum Mittagsmahl zu sich zu nehmen, als aus einem Loche im Gestein ein Mäuschen herauskroch und ungescheut die heruntergefallenen Brosamen auflas. Er ließ dasselbe ruhig gewähren, als es aber anfing auch sein Grubenlicht zu beknabbern, warf er sein Fäustel nach demselben. Statt daß aber die Maus davon getroffen ward, sprengte er ein starkes Stück Gestein los, und siehe, hinter demselben lag ein reicher Gang gediegenen Silbers zu Tage. Kaum wollte er seinen Augen trauen, allein er konnte nicht zweifeln; er eilte nach Hause, um seine Familie mit der frohen Kunde zu erfreuen, und so ward er in wenigen Tagen aus einem armen Häuer ein reicher Bergwerksbesitzer. Allein er vergaß darum seine früheren Leiden nicht, er blieb bis an seinen Tod einer der frömmsten und mildthätigsten Männer in der ganzen Gegend. Seinen drei Söhnen erbaute er von seinem Reichtum drei kleine Güter in einer wildromantischen Gegend zwischen Wiesenthal und Rittersgrün, die heute noch die Tellerhäuser genannt werden, sich selbst ließ er ganz so, wie er sich an jenem Ostermorgen in der Kirche gesehen hatte, im Sonntagsputze des Häuers in Holz aushauen und dies Bild zum Andenken in jener Kirche aufstellen, wo es noch zu sehen ist.
363. Die neue Grube bei Preßnitz.
(Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 2.)
Unweit der Bergstadt Preßnitz steht an der Straße, welche von Dörnsdorf dahin führt, eine Marienstatue. Dieselbe stellt die Mutter Gottes mit dem Jesuskindlein dar, welches die Erdkugel und das Scepter in seinen Händchen hält. Neben dem Gnadenbilde stand vor vielen, vielen Jahren eine unansehnliche, kleine Berghütte mit einer ergiebigen Grube. Im Volksmunde lebt noch die Sage fort, welche sich an die Statue und die Berghütte knüpft. Zur Zeit einer großen Teuerung lebte in einer windschiefen, halbverfallenen Hütte des Erzgebirgs eine arme, brave Bergmannsfamilie. Schlecht und recht, wie es eben bei einem Bergmanne möglich ist, hatte der arbeitsame Vater in bessern Tagen sein Weib und seine vier Kinder im Schweiße seines Angesichts ernährt. Heute aber saß er gar tiefbekümmert, das Haupt gebeugt, die schwieligen Hände gefaltet, im Kämmerlein, denn weder ein Bissen Brot noch ein roter Pfennig war in der Hütte. Als er sein Weib vor Not heiße Thränen weinen sah, und seine sterbenskranken Kinder vor Hunger schrieen, da wollte dem Vater vor Gram und Kummer schier das Herz zerspringen. Nicht länger litt es ihn unter seinem Dache. Viel Schönes hatte er ja von der Mildthätigkeit der Menschen erzählen hören, warum sollte er dieselbe nicht auch in seiner hartbedrängten Lage in Anspruch nehmen? Und er ergriff, den seinigen Trost zusprechend, den Wanderstab, um in den benachbarten Dörfern wohlthätige Mitmenschen um Gaben für seine hungernde Familie anzuflehen. Wo er anklopfte, ward ihm zwar aufgethan, allein überall traten ihm bleiche, darbende Gestalten entgegen, die selbst bittere Not litten und darüber klagten; denn schwerer als jeder andere Landesteil war diesmal das blutarme Erzgebirge von der ausgebrochenen Teuerung heimgesucht. So kam unser Bergmann ganz hoffnungslos vor Preßnitz an. Der schreckliche Gedanke, daß seine Familie nun dem Hungertode zum Opfer fallen müsse, brachte ihn zur Verzweiflung. Ermattet brach der Lebensmüde auf dem Wege zusammen und wollte, da er gerade einen Strick bei sich hatte, Hand an sich legen, um so allem Elende mit einemmale zu entgehen. Doch von neuem erwachte in ihm sein echt christlicher Sinn und verscheuchte das wahnsinnige Hirngespinst; er nahm seine Zuflucht zur gnadenreichen Gottesmutter, sank auf die Knie und verrichtete ein kräftiges Gebet, das lindernden Balsam in sein wundes Herz träufelte, so daß alsbald Friede in dasselbe einkehrte. Vom Schlaf überwältigt, legte der Hungrige sein müdes Haupt auf den Rasen und schlief ein. Da klang es um ihn her wie himmlischer Engelschor, und im strahlenden Lichtglanze erschien Maria, die Himmelskönigin, mit dem holden Jesuskindlein auf dem Arme. Mit wundermilden Blicken näherte sie sich dem Bergmann und sprach: »Wach' auf, öffne die Erde unter deinem Haupte und vertraue fest auf Gott!«
Der Bergmann erwachte; heiliger Schauer durchrieselte seine Glieder, da er noch immer die überirdischen Klänge zu vernehmen meinte. Neu gestärkt sprang er auf, ergriff, um sich zu überzeugen, ob er geträumt oder gewacht habe, seinen wuchtigen Wanderstab und wühlte an jener Stelle, wo er geschlafen, die Erde auf. Kaum hatte er diese einige Zoll aufgeschürft, da sank er plötzlich in die Knie, hob seine Hände gen Himmel und rief aus: »Gepriesen sei der allmächtige Gott und die seligste Jungfrau Maria, ich bin gerettet!« Ein Klumpen Gold lag zu seinen Füßen, der nun aller Not ein Ende machte. Mit beflügelten Schritten eilte der Bergmann zu den Seinigen heim und verkündigte ihnen mit freudestrahlendem Gesichte das wunderbare, rettende Ereignis. Wer beschreibt wohl den Jubel der armen Familie, die auf überaus seltsame Weise in die Lage kam, sich die lange entbehrten Nahrungsmittel anzuschaffen und so ihre Gesundheit bald wieder herzustellen? Gottes reicher Segen aber begleitete auch fernerhin die Unternehmungen des Bergmanns, der von jetzt an auf eigene Faust den Bergbau an jener wunderbaren Stelle betrieb und daselbst viel edles Erz zu Tage förderte.
Zur bleibenden Erinnerung an die glückliche Errettung seiner Familie ließ der Bergmann aus tiefer Religiosität und Dankbarkeit neben der kleine Berghütte eine Statue der heiligen Jungfrau Maria errichten und lebte mit den Seinen noch viele Jahre glücklich und zufrieden.
364. Die Grundsteinlegung der St. Wolfgangskirche in Schneeberg.
(Mündlich.)
Es wird erzählt, daß man anfangs beabsichtigt habe, die St. Wolfgangskirche in Schneeberg auf dem Platze zu erbauen, wo gegenwärtig die Bürgerschule steht. Als man aber daselbst den Grundstein legte, verschwand derselbe zweimal nach einander. Da erschien einem Bergmanne im Traum ein Grubenmännchen, welches ihm die Stelle zeigte, auf welcher die neue Kirche erbaut werden sollte. Als man daselbst den Grundstein legte, blieb er liegen. Darauf führte das Männchen den Bergmann in die Tiefe und zeigte ihm unter dem Platze die reichen Silbererze.
365. Der goldne Hirsch auf dem Kuhberge.
(Mitgeteilt vom Lehrer Ludwig in Stützengrün.)
Man erzählt sich, daß auf dem Kuhberge bei Stützengrün, links von dem Fahrwege, welcher von genanntem Orte auf den Berg führt, in einer mit Heidekraut überwachsenen grubenartigen Vertiefung ein goldener Hirsch vergraben liege. Wenn der Hirsch aufgefunden wird, was bestimmt geschehen soll, wird der Kuhberg zur Stadt werden. Einen Brunnen auf dem Kuhberge heißt man Goldbrunnen.
Nach altüberlieferten Vorstellungen, welche besonders in deutschen Volksmärchen einen Nachklang haben (als z. B. das Marienkind ein wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührte, wurde ihm der Finger golden), war nicht nur der Götterhimmel golden, sondern auch der Leib der Götter selbst und ihrer Lieblingstiere von einem Geblüt durchronnen, welche reines Gold ist. Golden ist der Hirsch, weil er der Leben nährenden Sonne angehört. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 4–7.)
366. Die Eselswiese bei Zwickau.
(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts bei Gräße a. a. O. No. 610; z. T. mündlich.)
Südlich von Zwickau liegt eine Wiese, die man Eselswiese nennt. Diese Wiese soll einst von einem Zauberer bezaubert worden sein, der auf ihr einen gefährlichen Fall gethan, so daß, obschon schönes Gras und Klee darauf wuchs, sie doch von ihrem Besitzer durchaus nicht benutzt werden konnte, weil die Milch des Viehes, das von demselben fraß, so blau wie Indigo ward. Nun hatte aber nicht weit von der Wiese ein armer Holzmacher seine ärmliche Hütte gebaut; derselbe wurde, da er drei Esel besaß, der Eselsgürge genannt, und er war allgemein wegen seiner Gutherzigkeit beliebt und gern gesehen. Der zog sich das Gras dieser Wiese zu Nutze und seine Esel wurden dick und fett davon.
Einst, bei einem heftigen Gewitter, pochte es des Nachts an seine Hütte, und als er die Thür öffnete, da trat eine wunderschöne Jungfrau, die trotz des Unwetters ganz trocken war, weiß verschleiert herein, rosenfarbene Sandalen an den Füßen und einen goldenen, mit Diamanten gezierten Kranz auf dem Haupte. Sie setzte sich an seinen Tisch, als er ihr aber Essen und Trinken, sowie sein armseliges Binsenlager zum Schlafe anbot, wies sie beides zurück und sagte, sie bedürfe dieser irdischen Erholung niemals, und auf sein Befragen, wohin sie wolle, entgegnete sie: »Nach oben, wo ich herkomme«. Der arme Gürge legte sich hierauf verwundert wieder nieder, als aber der Morgen anbrach, weckte sie ihn auf, um Abschied zu nehmen, und als er sie ein Stück Weges begleitete, fragte er sie, ob sie nicht die heilige Jungfrau selbst sei, sie gleiche gar zu sehr dem Bilde derselben, wie er es in den Kirchen so oft gesehen. Darauf antwortete sie: »Ja, ich bin es; Du aber, guter Gürge, sollst den Lohn für Deine Gastfreundschaft heute Abend erhalten, wenn Deine Esel von der Weide zurückkehren«. Damit verschwand sie. Als nun die Sonne im Untergehen war, da ging Gürge voll Neugier seinen Eseln entgegen, allein er konnte nichts an ihnen wahrnehmen, als daß ihre Mäuler blutig waren. Da es nun auf der Wiese weder Dornen noch scharfe Gräser gab, solche die Esel auch bekanntlich wegen ihrer Hartmäulichkeit nicht verwunden können, so begab er sich an Ort und Stelle und trat plötzlich auf etwas Spitzes. Er griff darnach und zog einen Goldbarren aus der Erde, ja er fand ohne viel Mühe eine Menge davon; er holte darauf seine Esel, die sich davon blutig gefressen, und trieb sie schwerbeladen in sein Hüttchen zurück. Am andern Morgen aber, wie er seinen Reichtum beschaute, beschloß er davon eine Kirche zu bauen. Dies soll die Marienkirche sein. Das Volk aber hält noch heute die hölzerne Statue des Obristwachtmeisters von Heldreich († 1674), welche sich über der Thür zur sogenannten Götzenkammer in der erwähnten Kirche befindet, für das Bild des armen Eselgürge, den man auch zum Stammvater der Herren von Römer gemacht hat.
Nach einer andern mündlichen Überlieferung soll das gefundene Gold eine zapfenähnliche Form gehabt haben. Die Menge desselben betrug zehn Scheffel.
367. Des Schlackenmanns oder albernen Mannes Loch.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, 1879, S. 62.)
Das oben genannte Loch befindet sich unweit des »alten Schlosses«, eines Schlackenhügels auf Pleiler Gemeindegebiet, und ist ein alter verfallener Stollen, welcher von einem Irrsinnigen (Albernen) in den Berg getrieben worden sein soll. Nach einem in der Nähe befindlichen großen Schlackenhaufen, in welchem er oft herumwühlte, erhielt der Alberne auch den Namen Schlackenmann. Der Schlackenmann soll Silbererze gesucht und in Menge gefunden haben. Er verbarg sie aber so gut in seinem Loche, daß sie bisher niemand aufzufinden vermochte. Da er für seinen Schatz fürchtete, vermied er ängstlich jeden Umgang mit Menschen und kroch stets in das Bergloch, sobald jemand sich näherte. Hier ist er auch einsam verstorben. Sein Name und Andenken aber sind im Volksmunde noch lebendig.
Ein ähnlicher verfallener Bergstollen befindet sich auch hinter der Bogmühle. Er wird das Türkenloch genannt, nach einem Manne türkischer Abstammung, der hier gleichfalls Bergbau auf edles Erz getrieben haben soll. Der Türke hatte es jedoch nicht auf den Gewinn abgesehen, legte auch keinen Schatz an, wie der geizige Schlackenmann, sondern holte sich von dem Silbererz immer nur nach Maßgabe seiner leiblichen Bedürfnisse.
368. Die Grube »himmlisches Heer« bei Annaberg.
(Novellistisch von Textor in »Die romantischen Sagen des Erzgebirgs«, I. 1882, S. 225 etc. Darnach bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 523.)
Einst lebte in der Gegend des heutigen Annabergs ein armer Bergmann, mit Namen Daniel, der reich mit Kindern, aber nicht mit zeitlichen Gütern gesegnet war, und sich, weil seine Frau schwer erkrankt war, in großer Not befand. Denn die Grube am südlichen Abhange des Pöhlberges, wo er arbeitete, war unergiebig. Wie er nun mit seinem Gevatter, dem Steiger, lange vergeblich gearbeitet hatte, fiel auf einmal ein Teil des Gesteins von selbst herab und sie sahen einen mächtigen Gang reichen Erzes vor sich; eine Stimme aber rief: »Daniel! Ich bin der Fürst der Berge! Was Du in diesem Schachte gewinnst, ist Dein, ich schenke es Dir!« Jener aber sprach: »Ich kann nicht annehmen, denn es gehört den Gewerken«. Als nun der Berggeist ihn noch mehrmals aufgefordert hatte, das Gefundene zu nehmen und an seine Frau und Kinder zu denken, er aber sich weigerte, verschwand auf einmal der ganze Erzgang wieder. Daniel ging traurig nach Hause, als er aber dort ankam, kam ihm seine Frau völlig gesund entgegen und sagte, es sei ein fremder Bergmann dagewesen, habe ihr Brot, Fleisch und Wein für ihre Kinder gebracht, und sie aus einem kleinen Fläschchen trinken lassen, und seitdem seien alle ihre Schmerzen verschwunden, jener aber habe gesagt, ihre Not werde bald aufhören, das lasse ihr der Fürst der Berge sagen. In der Nacht träumte aber der fromme Bergmann, der Berggeist stehe vor ihm und sage ihm, zum Lohn für seine Redlichkeit wolle er ihn glücklich machen, er solle früh auf den Schreckenberg gehen, dort werde er Feuer vom Himmel fallen sehen, und an dieser Stelle solle er einschlagen. Wie gedacht, so geschehen, er ging in den Wald; plötzlich fuhr aus heiterem Himmel ein Blitz in eine hohe Fichte, und als jener die bergmännische Rute an den Wurzeln des Baumes schlagen ließ, da entdeckte er beim Nachgraben einen reichen Silbergang. Diesen mutete er und sein Gevatter Steiger und beide wurden schnell reich; die Grube aber nannte man das himmlische Heer.