VII. Wundersagen. (continued 2)
Reading edition
369. Der Alaunsee bei Komotau.
(Fr. Hübler in der Comotovia. 4. Jahrg., S. 76 etc.)
Eine Viertelstunde nordöstlich von Komotau liegt an der Straße und nächst dem Fußwege, welcher nach dem benachbarten Görkau führt, die Alaun- oder Schweizerhütte, eine Restauration im Schweizerstile, welche wegen ihrer reizenden Lage für die Bewohner Komotau's einen beliebten Ausflugsort bildet. Sie liegt in einem Kessel, welcher gegen Westen von einem schönen Eichenwäldchen, dem sogenannten Hüttenbusche, im Nordosten und Süden von Obstgärten eingesäumt ist, welche den in der Mitte des Kessels liegenden Hütten- oder Alaunsee einschließen. Auf dem Platze nun, den jetzt die spiegelglatte Fläche des Sees bedeckt, befand sich vor 300 Jahren ein Alaunbergwerk, von dessen Dasein noch rote Hügel an seinem Ufer zeugen. Bevor noch die Gewässer des Sees aus der Tiefe der Erde hervorquollen, befand sich dort ebenfalls ein Eichenwäldchen, wohin an Sonn- und Feiertagen die ehrsamen Bürgersleute Komotau's mit Weib und Kind hinauszogen, um sich zwischen den Bäumen und auf dem Rasen zu erlustigen und besonders an den milden Frühlingsabenden im Mai dem Gesange der Nachtigallen zu lauschen, welche sich sonst dort, wie in der Gegend überhaupt, in viel größerer Anzahl aufgehalten haben sollen, als jetzt. Noch heutzutage sieht man an dem Ufer des Sees die mitunter mächtigen Baumstrünke der abgesägten oder umgeschlagenen Eichenstämme wie Klippen aus dem Wasser hervorstehen, und schon mancher Lustfahrende hat mit ihrer Tücke Bekanntschaft gemacht, saß auf und konnte nur mit Mühe sein Fahrzeug wieder flott machen. – Über die Auffindung des Alaunbergwerkes und den Ursprung des Sees erzählt nun die Sage folgendes:
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Komotau ein Mann, der »dürre Merten« genannt, welcher im Besitze der schwarzen Kunst und als Prophet in der Stadt eine bedeutende Rolle spielte, und welcher allgemein wegen seiner Weisheit geehrt, aber auch wegen seiner Prophetengabe und übernatürlichen Geheimmittel gescheut wurde. Er erreichte ein Alter von 118 Jahren, lebte am Ende seiner Tage im Komotauer Spitale und fand schließlich einen gewaltsamen Tod durch Mörderhand. Er erließ viele Prophezeiungen, die lange im Volksmunde blieben und jetzt noch nicht völlig verwischt sind. Seine größte Prophezeiung bezog sich auf den 30jährigen Krieg und dessen Grund, auf das Erscheinen der Jesuiten in Komotau, und auf das tragische Ende des Georg Popel von Lobkowitz, des ehemaligen Herrn von Komotau. Außerdem prophezeite er einst: »Auf einer Wiese, welche von drei Seiten ein Kessel einschließt, ist ein großer Schatz verborgen, der durch Jahrhunderte Menschen und Geschlechter ernähren wird.«
Viele Leute von Geldgier getrieben, suchten emsig solche Plätze, welche mit der Prophezeiung übereinstimmten, auf und gruben, mit Schaufel und Haue bewaffnet, zur Nachtzeit nach dem verborgenen Schatze, erschreckten sich wohl oft gegenseitig, konnten jedoch nichts auffinden.
Einmal ging nun ein Fleischhauer aus Komotau, namens Lazarus Drohmann, der sich und seine alte gebrechliche Mutter durch sein Handwerk schlecht und recht ernährte, nach Rothenhaus bei Görkau, um Schlachtvieh einzukaufen. Er verspätete sich daselbst, da er nichts Passendes hatte finden können, und begab sich bei schon hereingebrochener Nacht nach Görkau, wo er Speise und Trank zu sich nahm und dann den Heimweg nach Komotau einschlug, als gerade der Türmer 11 Uhr blies. Er bemerkte es nicht, wie vom Milleschauer her schwarze, dichte Gewitterwolken herzogen. Bald brauste der Sturmwind einher, grelle Blitze beleuchteten auf Augenblicke den Weg und die ganze Gegend bis zu den Gipfeln des Erzgebirgs, und der Donner kam prasselnd und krachend im Gefolge. Lazarus beflügelte seine Schritte, um noch die Stadt vor dem völligen Ausbruch des Unwetters zu erreichen, aber vergeblich; gerade noch eine Viertelstunde war er von derselben entfernt und er hatte eben den Eichenwald betreten, dessen Platz jetzt der See einnimmt, als das Gewitter mit aller Macht entfesselt wurde. Er suchte vor dem herabströmenden Regen und dem wütenden Sturme hinter einem dichten Eichengestrüppe notdürftigen Schutz und verfiel bald, von der Müdigkeit übermannt, trotz Sturm und Wetter in einen festen Schlaf. Plötzlich, es schlug gerade 12 Uhr auf dem Komotauer Turme, fuhr, wenige Schritte von ihm entfernt, ein greller Blitz in die Erde und erleuchtete Gras, Gestrüpp und Bäume tageshell. Der grelle Lichtschein und der damit verbundene Donnerschlag erweckten ihn gewaltsam und er fuhr entsetzt in die Höhe. Da sah er, betäubt und staunend, wie der Blitzstrahl einige Sekunden auf einer Stelle wie festgebannt haften blieb, dann sich aber teilte, indem ein Teil des Strahles in die Höhe ging, der andere jedoch in der Erde verschwand. Lazarus war voll Schreck und Staunen einige Zeit sitzen geblieben. Endlich, nachdem er sich von seiner Betäubung erholt hatte, sprang er auf und setzte, da auch das Unwetter bereits weiter gezogen war, den Rückweg fort, im Herzen Gott dankend, daß ihn der Blitzstrahl nicht getroffen, und erreichte glücklich seine Hütte.
Nach acht Tagen wanderte Lazarus abermals Geschäfte halber nach Rothenhaus. Auch diesmal schlug er den Rückweg bei vorgerückter Nacht ein. Seinen Weg beleuchtete jedoch der freundliche Mond und wohlgemut trat er in den Schatten des Eichenwäldchens, wo er vor wenigen Tagen dem Tode, wie er glaubte, nur durch ein Wunder entronnen war. Wie er so sinnend auf dem weichen Rasen dahinschritt, stand plötzlich ein Mädchen in hellstrahlender Schönheit vor ihm.
Der Mond beschien durch die Zweige der Eichen ihre freundlich lieblichen Züge, und von ihrem weißen Gewande schien selbst ein heller Schimmer abzugehen. Sie grüßte ihn und reichte ihm ihre Hand. Er fragte verwundert: »Woher kommst Du und was willst Du?« »Ich komme weither aus schönen Landen und gehe dorthin, wo mich meine innere Stimme ruft. Ich fliehe die Nähe böser Menschen, aber gute suche ich auf und beglücke sie. Du hast ein gutes Herz, ich will Dich daher glücklich machen, komm' und folge mir.« Die holde Erscheinung schritt voran, so leicht, daß sie kaum den Boden zu berühren schien, freudig und beklommen zugleich folgte ihr Drohmann. Nach einigen hundert Schritten machte sie halt und zwar merkwürdigerweise auf derselben Stelle, wo er sich vor acht Tagen vor dem Ungewitter verborgen hatte. Kein Laut, kein Ton war zu vernehmen, selbst das Heimchen schlief, überall herrschte die Stille des Grabes. Da ertönten von der Stadt her die ernsten, tiefen Töne der Mitternachtsstunde und wie auf einen Zauberschlag begann es sich überall im Wäldchen auf dem Grase, zwischen den mächtigen Baumstämmen und dem niedrigen Gebüsche zu regen und zu bewegen; kleine Männlein mit Schurzleder und Kappe angethan, mit Hauen und Schaufeln versehen, eilten geschäftig herbei und begannen genau an dem Punkte, wo der eine Blitzstrahl sich in die Erde gesenkt hatte, zu graben, zu schaufeln und die Erde in winzigen Karren wegzufahren, daß es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Im Umsehen war ein Stollen in die Erde getrieben und schon kamen daraus Männchen zum Vorschein, welche winzige Fäßlein pustend und schnaufend heraufrollten, die wiederum von anderen auf Wägelchen geladen und fortgeschafft wurden. Lazarus sah schweigend und verwundert dem geschäftigen Treiben der Gnomen zu, da schlug es 1 Uhr und wie mit einem Schlage war alles verschwunden, die Zwerge, der Stollen, die Fäßchen und Wägelchen, und Stille herrschte wieder ringsum. Er glaubte aus einem Traume erwacht zu sein. Wie er sich jedoch umsah, stand noch neben ihm das schöne Mädchen. Dasselbe sah ihn mit ernster Milde an und sprach: »Du sahest hier das Bild künftigen Fleißes. Die Erde, worauf wir stehen, birgt in ihrem Schoße Alaun und Schwefel. Ihr Gewinn gehört Dir. Gehe morgen wieder hierher, aber allein, und grabe um die zwölfte Stunde auf dem bestimmten Platze; wenn Du drei Schuh tief gegraben hast, wirst Du das Gesuchte finden. Dann erst können andere Dir helfen. Der Schatz, der in der Erde schlummert, ist groß, hebe ihn zu Deinem und der Mitmenschen Frommen. Wehe aber,« fuhr sie in noch ernsterem Tone fort, »wenn das Werk gierig und hastig, oder lässig und unachtsam betrieben wird, dann werden die Erdgeister den Schatz der Mutter Erde den Lässigen und Unachtsamen entrücken und sein Segen wird dem Lande für immer verschwunden sein. Lebe wohl!« Damit reichte sie ihm die Hand und ging schwebenden Ganges zwischen den Eichen dahin und je weiter sie ging, desto mehr schien es, als ob es ein heller Nebelstreif wäre, der sich am Waldesrasen dahinzog und der in der Ferne endlich verschwand. – In der folgenden Nacht verließ Lazarus heimlich seine Hütte, ohne der alten Mutter etwas von dem Erlebten mitgeteilt zu haben, und mit Spitzhaue und Schaufel versehen eilte er dem bekannten Wäldchen zu. Wiederum ballten sich über dem Erzgebirge Gewitterwolken zusammen, er aber ließ sich dadurch nicht in seinem Vorhaben zurückschrecken, glaubte er ja sicher und fest an die ihm gewordene Verheißung. Um 12 Uhr war er am Platze angelangt. Da brach aber auch mit furchtbarer Gewalt das Gewitter los und unter betäubendem Donner fuhr ein Blitz herab und senkte sich in geringer Entfernung von ihm in die Erde, alle Gegenstände ringsum grell beleuchtend. Dort erkannte er auch die Stelle, an welcher tags vorher die Zwerge gearbeitet, und nun begab er sich herzhaft ans Werk. Kaum hatte er mehrere Schuh tief gegraben, so stieß er auch auf das verheißene Alaun- und Schwefelerz. Frohlockend verließ er den Platz und eilte, da es Tag geworden, nach Sebastiansberg, um der Bergobrigkeit seinen großen Fund anzuzeigen. Er erhielt hierauf vom Erbherrn von Komotau, Johann von der Weitmühl, die Rechte und Privilegien, welche zum Betriebe des Bergwerkes notwendig waren, und nun begann ein reges Leben im stillen Eichenwäldchen, so wie er es früher schon erschaut. Er wurde ein reicher Mann und sein altes Mütterchen erlebte noch frohe Tage.
Und die armen Bewohner der Stadt, des Landes und Gebirges genossen mit an dem Segen der Erde, und derselbe schien bei fleißigem und verständigem Betriebe eher zu- als abzunehmen, denn – wie der dürre Merten prophezeit hatte – »das Alaunerz wuchs unter der Stadt mit Gewalt.« Aber die ausgesprochene Drohung der weißen Jungfrau sollte ebenfalls in Erfüllung gehen. So lange das Werk mit Fleiß und Sorgfalt betrieben wurde, trug es reichlichen Gewinn und war ein Segen für Stadt und Land. Da kam es jedoch in habsüchtige Hände, es sollte rasch und viel gefördert werden, die Gänge und Stollen wurden nicht mit der alten Sorgfalt getrieben und erhalten, weil die Kosten der Erhaltung gescheut wurden. Da stieß man eines Tages in einem neu angelegten Stollen auf ungewöhnlich reiche Alaungänge, aber auch beim Weitergraben auf eine Quelle, deren Wasser lustig hervorsprudelte. Ein erfahrner alter Bergmann riet dem Bergwerksvorsteher, hier nicht weiter graben zu lassen, sondern den Stollen zu verbauen; aber sein Rat wurde verworfen, der prophezeiten Gefahr durch die kleine Quelle gespottet, winkte ja in dem neuen Stollen reicher Gewinn. Aber siehe, je weiter man arbeitete, desto mächtiger sprudelte die Quelle hervor, alle Versuche, sie zu verstopfen, mißlangen, das Wasser füllte den neuen Stollen, es stieg in die alten und stieg von Stunde zu Stunde immer höher, so daß die Bergleute eilig die Schächte verlassen mußten und keiner mehr in die Tiefe hinab fahren konnte. Endlich stieg es im mächtigen Schwalle bis zum Ausgange und füllte schließlich die Tiefe des ganzen Kessels und beherrschte als Sieger den ganzen Raum, wo früher viele zufriedene Menschen thätig gewesen waren. So entstand der jetzige Hütten- oder Alaunsee aus einer kleinen Quelle, und so war die Drohung in Erfüllung gegangen. Die Erdgeister hatten den Schatz wieder hinabgesenkt in die Erde, und die Wassergeister hüten ihn mit zähem Neide bis an den heutigen Tag. Selbst auf dem Wasser des Sees scheint noch der alte Fluch zu liegen, denn nichts lebendes kommt darin vor, kein Fisch schnellt über dem Spiegel nach spielenden Mücken empor, kein Wasserkäfer rudert darin emsig hin und her, sein Ufer bedeckt kein rauschendes Schilf, in welchem der Rohrsperling sein Unwesen treibt oder der Rohrsänger seinen schönen Gesang ertönen läßt und das Wasserhuhn scheu sich birgt, nur selten lassen sich im Fluge, von seinem Spiegel gelockt, Wasservögel darauf nieder, um ihn enttäuscht nach kurzer Rast wieder zu verlassen; es herrscht auf ihm die Stille und der Friede eines Kirchhofes. Die Quelle, welche den See geschaffen, sprudelt noch fort. Wenn im Winter der Frost seine Decke darüber spannt, friert die Stelle am spätesten zu und sie birgt gebrechliches Eis. Schon manches Opfer der Unvorsichtigkeit hat sie in ihre Tiefe gezogen.
Im Komotauer Stadtarchive befindet sich eine Original-Urkunde, nach welcher der Komotauer Bürger Lazarus Drohmann im Jahre 1558 das Privilegium, auf Alaun und andere Mineralien bauen zu dürfen, erhielt.
370. Der gute Brunn zu Niederzwönitz.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 871–875.)
Im Jahre 1608 hat sich der gute Brunn auf dem Streitwalde bei Niederzwönitz offenbaret, weil er viel Leute gesund machte. Eine Bäuerin aus Kühnheide hat nämlich dieses Brunnens heilsame Kraft durch einen Traum offenbart bekommen, nachdem sie 14 Jahre lang einen bösen Schaden an einem Schenkel gehabt und viel daran ausstehen müssen. Sie hat, als sie nach ihres Traumes Anweisung den Brunnen nicht sogleich finden konnte, viel alte Leute gefragt, ob nicht bevor in dieser Gegend ein gewisser Heilbrunnen vorhanden gewesen oder noch anzutreffen sei. Da habe sie endlich einen hundertjährigen Mann angetroffen und sich bei demselben weiter erkundigt. Derselbe habe die Bäuerin getröstet und ihr angezeigt, daß er den Brunnen wüßte; das Wasser desselben habe schon viele gesund gemacht und es sei deshalb früher an demselben eine Kapelle zu Ehren der heiligen Anna aufgebaut gewesen. Darauf habe er das Weib an den Ort geführt, worauf es auch nach des Brunnens Gebrauch von ihrer Krankheit befreit worden sei.
Im Jahre 1646 ist dieser Gesundbrunnen, der auch der Brunnen zu den drei Tannen genannt wurde, aufs neue in Aufnahme gekommen; jedoch soll derselbe jetzt 12 Lachter höher hinauf seinen Ausfluß gehabt haben. Einem Mägdlein zu Gablenz, so einen Kern im Auge gehabt, träumte, es solle sich zu dem Drei Tannen-Brunnen führen und daselbst sich waschen lassen, so würde es sehend werden. Und da es dem Vater solchen Traum erzählet und inständig angehalten, er möge es dahin führen, habe es den alten Brunnen, dahin sie gelanget, nicht für den rechten Brunnen erkannt, sondern gesagt, es wäre gar ein kleines, frisches Brünnlein. Und da hierauf der Vater seitwärts abgegangen und den neuen Quell in einem morastigen Sumpfe gefunden, hätte er dem Kinde die Augen dreimal mit dem Wasser gewaschen und etwas davon mitgenommen, und da er mit dem Waschen aus diesem Wasser fortgefahren, in der That erfreulich empfunden, daß das Mädchen auf dem Auge wieder sehend wurde. Darauf ist denn ein großer Zulauf der Leute von nahen und fernen Orten entstanden, so daß an manchem Tage wohl vier-, fünf- und mehr hundert Personen auf dem Platze sich befunden hätten, welche das Wasser teils kalt getrunken, teils gewärmet oder Suppen daraus gemachet, teils sich damit gewaschen oder zum Bad gebraucht hätten. Es hat auch seine Kraft und Wirkung an vielen kranken Personen gezeigt.
Die Sage, daß im Jahre 1646 der gute Brunnen aufs neue in Aufnahme gekommen sei, scheint sich auf eine zweite Quelle, welche man nach der Angabe Engelhardts (Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B., S. 219) in dem genannten Jahre fand und Krätzbrunnen nannte, zu beziehen. Die erste Quelle soll bereits 1498 oder 1501 entdeckt worden sein und sich so heilsam gezeigt haben, daß man bei ihr die in der Sage erwähnte Kapelle zu Ehren der heiligen Anna erbaute. Dieselbe ging jedoch bald wieder ein; doch blieb der Name St. Annenbrunnen, aus welchem das Volk später »Tannenbrunnen« oder »Brunnen zu den drei Tannen« machte, weil drei Tannen in seiner Nähe standen. Rings um den Brunnen baute man Hütten und es wurden Predigten und Betstunden bei der Quelle gehalten.
371. Entdeckung eines Heilbrunnens zu Grumbach.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 242.)
In Grumbach wohnte ein feiner, ehrlicher Mann, Daniel Nestler, welcher große Beschwerung im Leibe hatte; diesem träumte im Jahre 1646 von einem Gesundquell. Er ging darauf durch Wiesen auf einem gebahnten Wege an die Stelle, welche nahe am Walde und nicht weit von dem sogenannten Thumshirn-Brunnen lag. Als er von dem neuen Quell getrunken hatte, grimmete es ihm erstlich sehr im Leibe, doch wurde er darauf seine Beschwerung los. Weil dann aus Meißen und Böhmen ein großer Zulauf wurde und man das Wasser im warmen Bad gebrauchte, hielt man dabei Betstunden und vermahnte zugleich, das Wasser behutsam zu gebrauchen.
Der oben genannte Thumshirn-Brunnen hat seinen Namen von einem Generale, welcher 1548 mit einigen Regimentern auf Befehl des Kurfürsten Joh. Friedrich nach Böhmen zog und an dem Brunnen sich lagerte.
372. Die Kraft des Bernsbacher Heilbrunnens geht bald verloren.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 243.)
Das Geschrei vom Bernsbacher Heilbrunnen entstand im Jahre 1684. Denn als die Kirchleute am 7. Sonntage nach Trinitatis nach Hause gingen, sahen sie ein Wasser, das mitten im Wege in ungewöhnlicher Weise emporquoll. Das ungebändige Volk lief zu und brauchte den Brunnen mehr zum Schaden als zum Nutzen. Denn bei manchen unreinen Leibern blieb er sitzen und machte große Ungelegenheit, etliche purgierte er heftig, etliche gar nicht. Einigen machte er die blöden Augen klar, anderen aber verdunkelte er dieselben. Es verschwand aber die heilsame Kraft samt dem Brunnen, nachdem dabei viel Unfug getrieben worden war.
373. Die Heilquelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 257.)
In der Nähe des Dorfes Hartessenreuth ist ein Brunnen, dessen Wasser heilkräftig sein soll. Am Rande dieses Brunnens pflegt zur Adventszeit in der Nacht ein altes Weib zu sitzen, und wenn jemand in später Nacht vorbeigeht, so hockt sie sich ihm auf und läßt sich bis zum nächsten Kreuzwege schleppen. Dort springt sie herab und eilt lachend zum Brunnen zurück. Vor alten Zeiten soll hier ein Einsiedler seine Hütte erbaut haben. Jeden Morgen ging er zum Brunnen, wusch sich dort und verrichtete dann sein Gebet. Darin wurde er aber durch einen höllischen Lärm gestört und wenn er aufblickte, sah er, daß hinter dem Brunnen ein altes Weib hockte und ihn störte. Er suchte die Hexe zu bannen, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Da rief er im Zorne: »So verfluche ich Dich, ewig bei diesem Brunnen zu sitzen, aber das Wasser des Brunnens soll heilkräftig werden und Du sollst zusehen, wie die Menschen, die krank hierher kommen, fröhlich von dannen ziehen!« Seit dieser Zeit ist der Brunnen heilkräftig geworden, das alte Weib aber sitzt heute noch an seinem Rande.
374. Der Ursprung der Quelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 256.)
In der Nähe von Mariakulm liegt auf einer Anhöhe das Dorf Hartessenreuth. Am Fuße dieser Anhöhe erstreckt sich eine breite Wiese und in derselben ist eine Quelle, deren Wasser fortwährend in sprudelnder Bewegung ist, wodurch ein deutlich hörbares Brausen entsteht, so daß man glaubt, das Wasser siede. Dort, wo jetzt die Quelle sprudelt, stand früher ein Gehöfte, das von einem Bauer mit seinem Weibe und seinen Knechten bewohnt ward. Der Mann und das Gesinde waren sehr gottesfürchtig, das Weib aber nicht. Sonn- und Feiertage wurden von ihr nicht geheiligt; sie hatte die Gewohnheit, während der Messe Garn zu sieden. Der Mann hielt ihr das oft vor, aber sie antwortete jedesmal mit Schimpfworten. Einst, als sie wieder des Sonntags anfing Garn zu sieden, wurde der Bauer zornig und sprach: »Dich soll das Donnerwetter bei lichtem Tage holen!« Darauf ging er mit seinen Knechten in die Kirche. Sie waren noch nicht lange dort, als sich ein furchtbares Gewitter erhob; es blitzte und donnerte schrecklich. Der Bauer dachte dabei an die Worte, die er gesprochen hatte und es wurde ihm bange. Die Bäuerin daheim aber kümmerte sich um das Unwetter gar nicht, sondern ging unbesorgt ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach. Da wurde es plötzlich finster wie die Nacht, ein Blitz entfuhr den Wolken und schlug in das Gehöfte. Kaum aber hatte er die Erde berührt, so öffnete sich diese und verschlang das ganze Gehöfte samt der Bäuerin. Die oben genannte Quelle soll nun der Hafen sein, worin sie das Wasser kochte und deshalb ist das Wasser darin fortwährend in siedender Bewegung.
375. Der Wunderbrunnen auf dem Pöhlberge bei Annaberg.
(Chronica der Bergstadt St. Annaberg. I. 1746. S. 5.)
Es wird erzählt, auf dem Pöhlberge solle ein Wunderbrunnen sein, den aber nicht jedermann finden und sehen könne, der bald da wäre, bald aber wieder verschwinde, und säße eine Jungfer dabei.
Dr. Ewald Dietrich führt in den romantischen Sagen des Erzgebirges I. Bd. No. 1 die obige Sage unter der Überschrift: »Die Jungfrau des Bielberges« noch weiter aus. Diese novellistische Bearbeitung trägt aber ganz unverkennbar das Gepräge des Selbsterfundenen und Gemachten, so daß Abstand genommen wurde, sie hier, wenn auch nur in gekürzter Form, wieder zu geben, obschon dies Gräße in seinem Sagenschatze gethan hat. Siehe auch No. 46.
376. Von den wunderbaren Eigenschaften des Zöblitzer Serpentins.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz, 1750, S. 28; Lehmann, Schauplatz etc., S. 451.)
Man war ehemals der Meinung, daß der Serpentin ein gutes Gegengift sei, da man in den Serpentinsteinbrüchen von Zöblitz niemals eine Otter, Kröte, einen Molch oder dergleichen giftiges Tier gesehen habe. Daher wurden aus dem Steine Pflaster und Pillen, sowie eine vortreffliche Tinktur gemacht; das Pflaster gebrauchte man gegen Kopfschmerzen, Reißen und Gicht, die Pillen gegen Schwachheit des Magens und die Tinktur gegen Gift und »alle anfälligen Krankheiten.« Ein alter Reim zählt auf, gegen welche Krankheiten sich der Stein als nützlich erwiesen habe:
»Vor Leibes-Grimmen, Colica, Vor Miltz, Gedarm oder Magen, da Manches sich überspeiset hat, Bringt seine Wärme guten Rath, Wenn er auf'n Bauch geleget wird. Und wo der Blasen-Stein sich rührt, Hilft seine Wärme trefflich wohl, Den man was tiefer legen soll. An Händ und Füß das Zipperlein Der warme Stein auch lindert fein. Denen Kindes-Gebährerinn Nimmt seine Wärm die Wehen hin. In Schwindsucht macht er Kranke ruhn, Wenn Lung und Leber wehe thun. etc.«
377. Die alte Linde auf dem Gottesacker zu Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, 1746, S. 248.)
Auf dem Gottesacker zu Annaberg stehet eine große, schöne und mit Ästen stattlich ausgebreitete Linde, unter welcher der Rat und die Vornehmsten aus der Stadt auf Stühlen zu sitzen pflegen, wenn die Trinitatispredigt unter freiem Himmel jährlich zu Mittage gehalten wird.
Man hat die Tradition, daß diese Linde bei folgender Gelegenheit umgekehrt hierher gesetzt worden sei. Ein Marstaller allhier auf St. Annaberg habe einen ruchlosen Sohn gehabt, welcher sonderlich an keine Auferstehung habe glauben wollen, daher ein Priester sich alle Mühe gegeben, diesen bösen Menschen auf bessere Gedanken zu bringen. Derselbe sei mit dem ruchlosen jungen Burschen auf den Gottesacker gegangen und habe ihm daselbst vorgestellt, daß dieses das Feld des Herrn sei; wie der ausgestreute Same auf dem Felde aufginge und herfür wachse, so würden auch diese Begrabenen, so zu sagen, als ein Samen, wieder aus der Erde am jüngsten Tage herfür kommen. Darauf habe dieser junge Mensch eine noch kleine Linde auf dem Kirchhof erblicket, solche angesehen und zu dem Priester gesagt, so wenig als diese Linde, wenn man sie ausreißen und umgekehrt mit den Ästen in die Erde setzen wollte, ausschlagen würde, so wenig würden diejenigen, welche einmal tot wären, wiederum lebendig werden und auferstehn. Hierauf habe der Priester, in göttlichem Eifer entbrannt, geantwortet, er wüßte gewiß, Gott würde so gnädig sein, und um solche Ruchlosigkeit zu strafen, ein Zeichen seiner Allmacht sehen lassen, er wolle diese Linde umgekehrt lassen in die Erde setzen, und würde sie ausschlagen, so sollte er hiervon seinen bösen Unglauben kennen lernen, welches auch hernach also geschehen.
Die der Frigg geheiligte Linde war Liebesbaum, welcher nicht bloß von Liebenden besucht, sondern auch als äußeres Zeichen der Liebe, welche über das Grab hinaus dauert, auf den Friedhöfen angepflanzt wurde. Außerdem galt sie unsern Vorfahren als Dingbaum, unter welchem Beratungen gehalten und Recht gesprochen wurde. Die Mitglieder des Annaberger Rats setzten sich zum Zeichen ihrer Würde und Gewalt auch während der Predigt im Freien unter den Lindenbaum. – An unsere Sage erinnert die von der großen Linde auf dem Nikolai-Kirchhof in Görlitz, insofern auch dieser Baum, verkehrt eingepflanzt und so noch fortgrünend, einen Glaubenssatz als Wahrheit bestätigte. Als nämlich zu Ende des 16. Jahrhunderts der in den Verdacht des Calvinismus gekommene Pfarrer Martin Moller zu Görlitz sterben wollte, sagte er zu den Seinen: »Wenn ich werde gestorben sein, so pflanzt auf mein Grab eine junge Linde mit den Zweigen in die Erde. So gewiß diese Linde wachsen wird, so gewiß habe ich auch Gottes Wort rein und lauter gelehrt und gepredigt.« Dieser sein letzter Wille geschah und was er gesagt hatte, traf ein, so daß alles sich hoch verwunderte und viele gläubig wurden. (Haupt, Sagenbuch der Lausitz, II. No. 125. 2.)
378. Der dürre Lindenstab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 52.)
Einstmals zog aus einem Städtchen, im Innern Böhmens gelegen, ein armer braver Jüngling mit Namen Georg, da der Kaiser die Kriegstrommel rühren ließ, ins Feld, um als treuer Soldat für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Er nahm von seinem lieben Mütterlein und von Maria, seiner Verlobten, herzlichen Abschied und gab letzterer das Versprechen, nach seiner Rückkehr sie als Gattin heimzuführen. Aber Jahr um Jahr verging, ohne daß seine Angehörigen eine Nachricht von ihm erhielten. Endlich ward der langwierige Krieg beendigt, und die siegesfreudigen Truppen kehrten in die Heimat zurück, wo ihnen allenthalben jung und alt einen festlichen Empfang bereitete. Auch Marie, die unter Hoffen und Harren sechs kummervolle Jahre verlebt hatte, eilte auf die Landstraße hinaus, um ihren Bräutigam zu empfangen, allein er kam nicht. Dies gab ihrer Mutter, welche die Hand ihrer Tochter schon längst dem reichen Nachbar Paul zugesagt hatte, eine willkommene Veranlassung, in sie zu dringen, Georg, der entweder im Kampfe gefallen sei oder sich unter liederlichem Gesindel herumtreibe, zu vergessen und in die glänzende Partie einzuwilligen. Jedoch Marie blieb standhaft und hielt fest an Georg. – Als aber Mutter und Verwandte sie mit wiederholten Bitten und mit ungestümen Drohungen bestürmten, gab sie dem Verlangen nach und erbat sich ein Jahr Aufschub; denn sie hoffte mit aller Zuversicht, daß innerhalb dieser Frist ihr Verlobter heimkehren werde. Doch auch das siebente Jahr verstrich ohne Georgs Rückkehr, und Marie wurde Pauls Gattin.
An einem trüben Septembertage schritt ein junger, kräftiger Wandersmann auf der Landstraße daher. Es war Georg, der voll Sehnsucht seiner Heimat zueilte. Derselbe war nach abgeschlossenem Frieden in der Fremde geblieben, um durch rastlose Arbeit und Sparsamkeit sich einiges Vermögen zu erwerben. Nachdem ihm sein Plan geglückt war, wollte er nun seiner alten Mutter, die ihm unter Mühen und Sorgen so viel Gutes erwiesen, das Alter versüßen und mit Marie einen eigenen Hausstand gründen. Mit wonnigen Gefühlen erreichte er beim Dunkelwerden sein heißersehntes Ziel, die ärmliche Hütte seiner Mutter, und schaute durch die Fensterscheiben ins traute, stille Stübchen, wo sein greises, gebücktes Mütterchen beim Spinnrocken saß und spann. Er klopfte leise an die Hausthür, und beim Öffnen derselben fiel ihm seine Mutter mit thränenden Blicken um den Hals und drückte ihn an ihr Herz. Nach der Freude der ersten Umarmung erkundigte sich Georg nach seiner Braut. Da erzählte ihm die Mutter, wie Marie sieben Jahre vergebens auf ihn gewartet habe, und wie sie, ihn für tot haltend, Pauls Gattin geworden sei. Wie vom Schlage getroffen stand Georg da, dann faßte er Mut und sprach mit festem männlichen Ton: »Also für tot hielt mich Marie; wohlan denn, ich will es sein für sie und die Welt! Morgen in der Frühe verlasse ich diesen Ort für immer, um mich in die Einsamkeit zurückzuziehen.« Hierauf ging er zu dem Lindenbaume, welcher vor dem Hause des Nachbars Paul stand, und schnitt sich einen Stab als treuen Gefährten auf seiner Pilgerreise, die er trotz der Mutter inständigem Flehen bei Anbruch des nächsten Tages antrat, um den Einsiedler Johannes Niavis (Schneevogel), welcher im Erzgebirge ein frommes Leben führte, aufzusuchen und mit ihm sich zu vereinigen. Georg beeilte sich, in großen Tagesmärschen seine Reise zu vollführen. Und wirklich kam er nach mehrtägiger, mühsamer Wanderung seinem Ziele so nahe, daß er bis zu der einsamen Wohnung des Eremiten, welche um St. Albrecht unter dem Wolfsberge bei Joachimsthal lag, wo der Schwarzgang hinabstreicht, nur noch eine Viertelstunde Weges zurückzulegen hatte. Da klang aus der Ferne das Ave-Maria-Glöcklein. Georg zog sein Hütlein, kniete nieder und betete. Doch horch; leises Wimmern, klägliches Stöhnen dringt an sein Ohr! Der Andächtige erhob sich und eilte nach der Stelle hin, woher die Stimme ertönte. Er fand im Gebüsche einen Israeliten liegen, der aus vielen Wunden blutete. Ihn hatten Räuber, als er von seinem Hausierhandel nach Lichtenstadt zurückkehren wollte, überfallen, mißhandelt und seiner Habseligkeiten beraubt. Von tiefem Mitleid ergriffen, holte Georg in seinem Hute aus der nahen Quelle Wasser, um den Todesblassen mit einem frischen Trunke zu stärken und dessen klaffende Wunden auszuwaschen; allein sein Liebesdienst war erfolglos, denn in wenigen Minuten hauchte der Israelit seine Seele aus.
Während der Fremdling, ein wahrer Samariter, bei der Leiche kniete und mutterseelenallein das Sterbegebet verrichtete, näherten sich dem Thalorte eilige Schritte. Georg glaubte hülfreiche Unterstützung zu erlangen, um den Leichnam nach einem andern Orte schaffen zu können, und war deshalb sehr überrascht, als er von Schergen, die ihn des verübten Mordes beschuldigten, ergriffen und gebunden wurde. Dann führten sie den Unschuldigen nach der nahen Bezirksstadt Joachimsthal, wo sie ihn ins Gefängnis warfen.
Georg beteuerte beim Verhöre seine Unschuld, allein seine Aussagen wurden als freche Lügen hingestellt. Eher hätte er von den Säulen, auf denen die Saaldecke ruhete, Gnade erflehen können, als von den hartherzigen Richtern, welche ihn der vollbrachten Mordthat schuldig erklärten und zum Tode durch Henkershand verurteilten.
Des andern Tages ertönte das Sünderglöcklein. Eine unzählige Volksmenge hatte sich auf dem Marktplatze versammelt, denn alles wollte den Mörder, der zum Galgen geführt wurde, sehen. Als die Versammelten aber einen jungen Mann mit mildem Angesichte erblickten, der einmal gen Himmel, das andremal auf seinen Lindenstab seine Blicke richtete, blieb kein Auge thränenleer. – Auf dem im Osten der Stadt gelegenen Galgenberge, dem damaligen Richtplatze, angekommen, sprach Georg mit lauter, weithin vernehmbarer Stimme: »Daß ich schuldlos sterbe, möge Gott der Barmherzige an meinem dürren Lindenstabe bezeugen!« Nach diesen Worten hob er ihn in die Höhe und stieß ihn mit aller Kraft in die Erde. Und siehe! kaum hatte der Henker sein Werk vollbracht, so sah man an dem Lindenstabe die ersten grünen Keime. Derselbe wurde nun ausgehoben und zum gottesfürchtigen Einsiedler Schneevogel getragen, der ihn neben seiner Kapelle in die lockere Erde einsetzte und mit Sorgfalt hegte und pflegte. Aus dem dürren Stabe aber wuchs im Laufe der Zeit ein mächtiger Lindenbaum, die Urmutter der stattlichen Linden heran, die noch heutzutage bei dem Kapuzinerkloster zu Mariasorg stehen.
379. Der Galgenbaum bei Blankenhain.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 51.)
Auf dem Rittergute Blankenhain im Amte Zwickau diente einst ein ehrlicher und braver Hirtenjunge, namens Liebhold, dem aber die Knechte und Mägde gehässig waren, weil er, sobald er von denselben etwas sah, was wider den Willen seiner lieben Herrin, der Edelfrau, war, ihr solches immer sogleich anzeigte. Als daher einmal der gnädigen Frau ein goldnes Kettchen weggekommen war, ergriff das gottlose Gesinde die günstige Gelegenheit, den armen Jungen zu verderben; der gewissenloseste unter den Knechten ging hin zur Herrin und zeigte Liebholden als den Dieb an, den er über der That betroffen habe. Die Edelfrau übergab den Angeklagten den Gerichten, welche ihn nach vielfachem Verhöre, wie hoch er auch seine Unschuld beteuerte, auf den falschen Schwur seines Anklägers zum Strange verdammten. Nach wenigen Tagen wurde das Urteil vollzogen. Unter wimmerndem Geläut der Sünderglocke führte man den armen Liebhold hinaus vor das Dorf, wo ein großer Balken mit einem Arme oben als Galgen aufgerichtet war. Noch einmal, ehe er in den Tod ging, betete er zu Gott, daß er seine Unschuld rechtfertigen möge und dann, zu den Umstehenden gewendet, rief er: »Der mich angeklagt hat, der hat einen falschen Eid geschworen. Denn, so wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Balken, welcher mein Galgen sein soll, nach meinem Tode anfangen zu grünen und Zweige treiben, und Jahrhunderte hindurch als ein frischer Baum bewundert werden!« Darauf wendete er sich zum Henker und litt mit frommer Zuversicht auf das Jenseits den unverdienten schmachvollen Tod. – Und als das nächste Frühjahr kam, da gab Gott die Unschuld Liebholds an den Tag. Der Balken des Galgens wurde grün und trieb Zweige, so wie es Liebhold vorhergesagt hatte. Die Edelfrau wurde darüber voll Unruhe und gebot, den meineidigen Knecht zu verhaften. Aber ehe die Häscher denselben erreichten, hatte er sich im Koberbache ertränkt. Es wurden später mehrere nahe am Rittergute stehende, hohe Erlen umgeschlagen, und auf einer derselben fand man ein Dohlennest und darinnen das gestohlene goldne Kettchen der Edelfrau. – Der Galgenbaum, jetzt ein starker und hoher Baum, ist heute noch bei Blankenhain zu sehen.
Sagen von dürrem Holze, von Pfählen, Stecken und dergleichen, welche wieder grünen und dadurch die Unschuld eines unschuldig mit dem Tode Bestraften anzeigen, giebt es auch an andern Orten. So erzählt eine thüringische Sage, daß ein Bursche aus Lautersdorf, welcher, der Hexerei angeklagt, zum Richtplatze geführt wurde, beim Anblicke von Pfählen, die ein Bauer einschlug, um Bäume anzubinden, noch seine Unschuld mit den Worten beteuerte: »So wahr ich unschuldig bin, wird Gott ein Wunder thun und einen dieser dürren Pfähle ausschlagen und zum starken Baume heranwachsen lassen.« So geschah es. Als das Volk von der Richtstätte zurückkehrte, hatte einer der trocknen Pfähle grüne Blätter und braune Zweiglein bekommen. Er wuchs zu einer starken Buche empor. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 69.)
380. Die drei Linden bei Crimmitschau.
(Mitgeteilt von G. Fiedler.)
In der Nähe des Sahnparkes bei Crimmitschau stehen drei große schattenreiche Linden. Es wird erzählt, daß einst ein Schäfer des Rittergutes Frankenhausen eines Diebstahls wegen zum Tode verurteilt wurde, trotzdem er bis zum letzten Augenblicke seine Unschuld beteuerte. Da bat er sich noch die Gnade aus, auf dem Richtplatze drei junge Linden verkehrt pflanzen zu dürfen. Würden die auf solche Weise gepflanzten Bäumchen fortkommen, so möge man dies als Zeichen seiner Unschuld ansehen, würden sie aber verdorren, so wäre er des Diebstahls schuldig. Der Schäfer wurde hingerichtet, aber die vor seinem Tode von ihm mit den Ästen in die Erde gepflanzten Bäume gediehen zum Zeugnisse, daß er unschuldig gewesen war.
381. Der prophetische Barfüßer zu Chemnitz.
(Curiosa Sax. 1733, S. 77. Gräße, Sagenschatz etc. No. 466. Richter, Chron. von Chemnitz I. 1767, S. 100.)
Als den 19. April des Jahres 1540 die Barfüßermönche aus der Stadt Chemnitz vertrieben wurden, nahmen sie ihren Abzug über den Katzberg (Kassberg), Sauanger und Altchemnitz, nach Böhmen zu; dabei hat einer derselben, Bruder Barthel genannt, auf dem Sauanger bei der Nikolaigasse eine Valetpredigt gehalten und darin verschiedene Dinge prophezeit. So hat er ein unter seinen Zuhörern stehendes Weib also angeredet: »Du liebes Weib, Du trittst allhier und hörst mir zu, weißt aber nicht, daß Dir unterdessen Dein einziges Kind im Bade ertrunken ist?« welches sie auch also tot gefunden. Ingleichen hat er verkündigt, daß der gute Mühlsteinbruch bei Chemnitz gangbar werden und daß in den beiden Kirchen zu St. Johannes und Nikolaus auf dem Altare Heidelbeersträucher wachsen würden. Dies ist auch geschehen, denn es sind beide Kirchen im Jahre 1547 von den Feinden angegriffen worden, wie sie denn viel größer und schöner denn jetzt gebaut gewesen. Weiter hat er dieser Stadt angesagt, daß sie nach ihm eine schöne wohlgebaute Stadt, volkreich und mit vielem Glück und Gaben Gottes würde begabt werden, allein wegen ihres Übermuts und anderer Sünden werde sie von Gott mit Pestilenz, Kriegsnot, Feuerschaden und endlich mit einer großen Wasserflut gestraft und heimgesucht werden, was auch leider bald nachher eingetroffen ist. Von Neukirchen im Amte Chemnitz hat dieser Mönch gesagt, daß sein Erbherr ein großes Schloß daselbst bauen, aber keiner allhier sterben und begraben werden dürfe, welches auch bis 1709 also geschehen, als in welchem Jahre der ältere Baron von Taube auf dem genannten Schlosse gestorben und in Neukirchen begraben worden. Ferner hat er gesagt, es werde daselbst auch eine steinerne Brücke erbaut werden, darauf werde eine doppelt verlobte Braut, wenn sie zur Kirche fahren wolle, versinken, welches auch die Erfahrung wahr gemacht hat.
382. Prophezeiung des M. Schütze in Oederan.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 255.)
Am 22. Januar 1763 legte sich der alte Pastor M. Schütze zu Oederan ins Grab. Wenige Stunden vor seinem Ende forderte er Feder, Tinte und Papier, da er nicht mehr sprechen konnte. Die Feder entfiel ihm ebenfalls. Da blickte er den anwesenden Diakonus Frey wehmütig an und schrieb mit dem Finger folgende Zeichen aufs Bett: »m – E – gef. –. 7 Jam – El – betet!«, das letzte Wort ganz deutlich, die ersten aber vermochte der Diakonus nur mit Mühe herauszubringen und auf ein Papier zu schreiben. Erst im Jahre 1770 sollten die Buchstaben, welche man nicht verstanden, ihre Bedeutung finden; sie hießen: »Machet Euch gefaßt in 7 Jahren auf Jammer und Elend! betet!« Und es folgten drei traurige Hungerjahre, hervorgerufen durch Mißwachs. Schon im zweiten Jahre konnte niemand mehr dem Andern eine Gabe reichen. Die Ernte faulte schon auf dem Felde. Die Körner wurden auf der Mühle zu Brei statt zu Mehl und hatten einen üblen Geruch. Viele starben buchstäblich vor Hunger, so daß vom Obergebirge, wo es am traurigsten aussah, viele hundert Kinder, welche keine Eltern mehr hatten, in die großen Orte verteilt werden mußten.
383. Eine Prophezeiung der Zigeuner.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 312.)
In Graslitz sollen auf dem Marktplatze einmal Zigeuner Feuer angemacht und sich ihre Speisen gekocht haben. Als sie wegzogen, konnte niemand mehr eine Spur entdecken, wo das Feuer gebrannt hatte. Diese Zigeuner sollen denn auch der Stadt prophezeit haben, daß, wenn in Graslitz ein Brand entstünde, doch niemals mehr als zwei Häuser abbrennen würden. Diese Prophezeiung hat sich denn auch stets bestätigt.
384. Die Eiche bei Hartenstein.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 557.)
In dem beim Schlosse Hartenstein befindlichen Walde befand sich vor Jahren ein ungeheurer, prächtig belaubter Eichenbaum, von dem man erzählte, daß sein Bestehen auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksale des Schönburgischen Hauses verflochten sei. Man sagte, wenn der Baum umgehauen werde, würden drei Glieder des Schönburgischen Stammes sterben.
385. Eine Sylvestersage.
(Illustrirtes Familien-Journal. V. No. 116.)
Es war im vorigen Jahrhunderte an einem Sylvesterabende, da saß in der Stadt Schöneck ein alter, wackerer Schneider, zugleich Stadtrat und Gemeindeältester, mit seiner getreuen Ehehälfte im rauchgebräunten Stübchen und schneiderte noch für den Festtag. Im großen Kachelofen prasselte ein gemütliches Feuer, und in der Röhre sang der Kaffee gar lustige Liedlein. Auf einmal erhob sich die Hausmutter, kramte herum und suchte und suchte, und machte ein gar verdrießlich Gesicht, vergeblich, sie fand nicht das Kameelgarn zu den Knopflöchern. Die Niederlage war aber oben auf dem Boden; deshalb mußte der Vater hinauf. Oben stand er in der schönen Winternacht an der Dachluke, und es wurde ihm so wunderlich im Herzen und er mußte sein Käppchen abnehmen und ein stilles Vaterunser beten. Wenn man aber zur Neujahrsnacht unter einem Balken steht, dessen eines Ende nach Morgen gerichtet ist, und ein Vaterunser betet, und nicht aus der Linie des Balkens heraustritt, so kann man »horchen«, d. h. einen Blick in die Zukunft thun, die in einzelnen Bildern vorüberzieht. Tritt man aber aus dem Kreise heraus, oder man erzählt jemandem, was man gesehen hat, so solls einem den Hals umdrehen. Der Alte hatte gar nicht daran gedacht, – aber auf einmal, da fängts an zu läuten, als ob eine Leiche wäre, und den Mühlberg herauf kommt ein langer, langer Leichenzug, immer näher und näher, bis er endlich vor des alten Schneiders Haus anhält. Es dauert auch nicht lange, so kommt die Schule und die Geistlichkeit, mit dem Kreuze voran, stellen sich neben der Bahre auf, singen zwei Lieder und eine Arie, und dann setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Kirchhofe zu. Der Alte kann die Leichenbegleiter alle erkennen, Vettern, Nachbarn, Gevattern, ja sogar sich selbst und seine Ehehälfte darunter, sich selbst dicht hinter dem Sarge und mit weinenden Augen. Da ward's ihm doch ein wenig bange und er wäre gern fortgegangen; aber es fiel ihm noch zu guter Zeit das Halsumdrehen ein. Wie er nun so recht trübselig da stand und träumerisch hinausblickte, sah er aus einem Hause ein Flämmchen herausfahren, dann aus einem andern, dann wieder eins und wieder eins, und zuletzt kam fast aus jedem Hause ein Flämmchen gefahren, und das, wußte er wohl, bedeutet Feuer. Da konnte er sich denn doch nicht mehr halten, sprang aus dem Kreise, und – es schlug Eins! Als er indessen wieder herunterkam, war seine alte Ehehälfte eingeschlafen; er weckte sie auch nicht erst auf, sondern ließ die Arbeit sein und legte sich nieder, konnte aber nicht schlafen, war früh verstimmt, ging auch nicht in die Metten, sondern saß still und traurig daheim. Als er nach einigen Tagen den Wächter traf, that dieser sehr geheimnisvoll und beklommen und meinte: »Meister, Meister! 's wird ä schlecht Jahr für Euch und für uns all'! Der liebe Gott behüt' uns und die Stadt! mehr darf ich nit sagen: aber wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!« Der hatte auch gehorcht, und so noch andere. – Es dauerte auch nur wenig Wochen, da starb des alten Schneiders Bruder, der Müller drunten in der Bockmühle. Es wurde zur Leiche gelauten, den Mühlberg herauf kam ein langer Zug, der vor des Alten Haus anhielt. Es kam die Schule und die Geistlichkeit voran, die stellten sich auf, sangen dieselben zwei Lieder und dieselbe Arie, dieselben Leute gingen hinter dem Sarge her, der Alte mit entblößtem Haupte und weinenden Auges. Der alte Wächter aber stand am Kirchhofthore, sah den Alten verständnis- und geheimnisvoll an, und weinte so heftig, daß die Leute gar nicht begreifen konnten, wie ihm der Tod des Bockmüllers so zu Herzen gehen könne. Der hatte aber seinen guten Grund, traurig zu sein, denn er wußte, was geschehen würde. Es geschah auch. In demselben Jahre noch ist fast die ganze Stadt abgebrannt und des Alten Haus dazu. Es war nur gut, daß es gerade Eins schlug, als er aus dem Kreise sprang; sonst wäre es wohl noch schlimmer für ihn geworden.
386. Der Scharfrichter und sein Schwert.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 37.)
Zur Zeit, da in Joachimsthal das Hochgericht bestand, bewohnte der Scharfrichter, mit dem niemand verkehren wollte, ein einsames Häuschen im untersten Stadtteil. Häufig besuchte eine Frau des Henkers Familie. So oft sie mit ihrem Kinde in die Stube trat, hörte das Weib des Scharfrichters die in dem Waffenschranke hängenden Schwerter dumpf aneinander schlagen. Auf diesen merkwürdigen Vorfall machte das Weib endlich ihren Mann aufmerksam, der darüber nicht die geringste Verwunderung aussprach. Als der Scharfrichter eines Tages bemerkte, daß die Frau mit dem Kinde sich seiner Wohnung näherte, öffnete er den Schrank, worin sich die Schwerter und die übrigen Hinrichtungswerkzeuge befanden. Kaum hatten die erwarteten Ankömmlinge des Gemaches Schwelle überschritten, so bewegte sich sofort das größte Schwert im Schranke, berührte die daneben hängenden Schwerter und verursachte ein unheimliches Geklirre. »Arme Frau,« sprach bewegt der Scharfrichter, »meine Freundespflicht befiehlt mir, Euch eine höchst traurige Mitteilung zu machen. Ihr werdet an Eurem Kinde viel Kummer und Schmerz erleben, denn es wird durch Henkershand sein Leben enden. Seht, wie sich dort das Schwert bewegt, dessen Klänge Ihr hört! Dies alles zeigt mir an, daß Euer Kind einst hingerichtet werden wird durch mein Schwert.« »Um Gotteswillen! ich beschwöre Euch,« rief laut schluchzend, händeringend und schreckensbleich die Mutter, »sucht das gräßliche Los von meinem Kinde abzuwenden!« »Soll Euer Kind dem schmählichen Tode entgehen«, entgegnete der Henker, »dann muß ich dessen Körper mit dem Schwerte ein wenig ritzen, auf daß dieses sich mit dem Blute des bestimmten Opfers färbe.« Sprach's nahm das Schwert und brachte mit demselben dem Kinde eine leichte Wunde bei. – Die dankbare Frau setzte mit dem Kinde ihre Besuche bei der Scharfrichtersfamilie fort, doch das Schwert blieb fortan ruhig im Waffenschranke hängen.
387. Der Traum auf Augustusburg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anh. No. 20.)
Kurfürst August I., der Erbauer der Augustusburg, hatte auf derselben ein Schlafgemach, darin zwei Betten standen, das eine für ihn selbst, das andere für seinen Kanzler, einen Edlen von Pflug. Neben dem Bette des Kurfürsten aber stand ein Tisch, auf welchem stets eine aufgeschlagene Bibel lag, weil der fromme Kurfürst jedesmal vor dem Schlafengehen ein Kapitel aus derselben zu lesen gewohnt war.
Einst schlief er ruhig in seinem Bette, da hatte er folgenden Traum: Ein Mönch und eine Nonne traten in das Gemach und schritten zu dem Tische, auf dem die Bibel lag und das brennende Nachtlicht stand. Der Mönch nahm die Bibel auf und las darin, legte sie aber bald wieder verdrießlich weg und wollte das Licht ausblasen. Als ihm aber das trotz aller Anstrengung nicht gelingen wollte, ward er darüber voll Ärger und eilte der Thüre zu. Hierauf versuchte auch die Nonne das Licht auszublasen, und blies es auch aus, jedoch nicht ganz. Denn kaum, daß sie mit dem Mönche zur Thür hinausgeeilt war, da entzündete sich die Kerze, an deren Dochte noch einige Fünkchen glommen, plötzlich wieder und brannte mit schöner, heller Flamme.
Dieser Traum schien auf den Kurfürsten einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, denn als er früh in der fünften Stunde erwachte, war das erste Wort, das er nach dem Morgengruße an den Kanzler richtete: »Ich habe einen seltsamen Traum gehabt in dieser Nacht!« Da nun der Kanzler antwortete, daß auch er, obgleich er bis nach Mitternacht wach geblieben, gar seltsame Dinge gesehen habe, so that der Kurfürst den Vorschlag, daß sie beide ihr Gesicht alsbald aufzeichnen wollten; dies geschah denn auch, und als sie fertig, teilten sie das Geschriebene einander mit. Wunderbar genug hatte der Kanzler ganz dasselbe mit wachen Augen gesehen, was dem Kurfürsten im Traume vorgekommen war, und noch wunderbarer war es, daß das von ihnen Aufgezeichnete in jedem Wort und Buchstaben vollkommen übereinstimmte. Der Kanzler wußte nicht, was er davon denken sollte; der Kurfürst aber sprach: »Es wird dermaleinst nach meinem Tode auch ein Augustus in diesem Lande regieren, der wird die evangelische Lehre unterdrücken wollen, aber nicht können, denn Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehen nun und nimmermehr!«
Nach andern Nachrichten soll der Kurfürst eine harte Verwünschung desjenigen unter seinen Nachkommen, der die Lutherlehre anfeinden würde, in der Bibel aufgezeichnet haben.
Ob der Mönch und die Nonne jemals wieder in Augustusburg erschienen sind, davon hat niemand etwas erfahren. Die obige Geschichte aber erzählen viele Chroniken.
388. Die Kurfürstin Margarethe wird durch einen Traum vor den Prinzenräubern gewarnt.
(Johann Vulpius, Plagium Kauffungense, d. i. die Chur-Fürstl. Sächß. Printzen Entführung aus dem Schlosse zu Altenburg. Anhang zu Daniel Wilh. Triller, Der sächs. Prinzenraub, 1743. S. 199.)
Die Nacht zuvor, ehe der Kurfürst Friedrich der Sanftmütige in der Woche nach Mariä Heimsuchung 1455 von Altenburg aus eine Reise nach Leipzig unternahm, während welcher die beiden Prinzen Ernst und Albrecht durch Kunz von Kauffungen entführt wurden, hatte die Kurfürstin geträumet, es wäre ein grausames wildes Schwein gekommen, welches in einem angenehmen Garten eingebrochen sei. Dasselbe habe sich unterstanden, neben den Reben und Gewächsen fürnehmlich die junge, schön aufwachsende Raute zu verderben und niemand habe ihm Widerstand gethan, bis endlich noch ein Bär (dessen Bild des errettenden Köhlers Schmidt Nachkommen auch später ins Wappen erhielten) herzugelaufen, welcher des wilden Schweines Wüten mit seiner Tatze gesteuert habe. Deshalb hat auch die Kurfürstin ihren Gemahl gebeten, die Reise aufzuschieben. Der Kurfürst aber hat darauf geantwortet, Träume wären Schäume; wer auf Träume achte, greife nach dem Schatten.
389. Ein Traum verkündet Freibergs Befreiung von den Schweden.
(Christ. Lehmann, Schauplatz etc. S. 793.)
Im Jahre 1642 lebte in Elterlein eine sehr andächtige Jungfrau von 24 Jahren, Margarethe, Christoph Landrocks Tochter, welche sich vor den schwedischen Einfällen sehr fürchtete und daher herzlich für sich und die belagerte Stadt Freiberg betete. Am Neujahr 1643 stand sie vom Schlaf auf, war ganz freudig und sprach: O, nun bekommen die Schweden die Stadt Freiberg nicht; heute sahe ich im Traume, daß zwar der Torstensohn die Stadt an einer Kette hatte, aber es kam ein vornehmer Reiter mit einem bloßen Schwerte geritten, der hieb die Kette mit einem Streich entzwei, daß der Torstensohn mit der halben Kette zurückfiel, darüber seine Soldaten erschraken und ausrissen. Nach 7 Wochen ging der Traum aus und der Feind mußte abziehen.
390. Ein Geist zeigt eine Mordthat an.
(Curiosa Sax. 1762. S. 242. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 228.)
Im Jahre 1760 ist ein Knabe aus Bräunsdorf nach Neumark bei Freiberg zu einem Schuhmacher in die Lehre gethan worden. Dieser Lehrjunge wird von dem Sohne des gedachten Schusters, der seinem Vater im Handwerk hilft, mit einem Schuhleisten totgeschlagen, und sie schaffen denselben in aller Stille bei Seite und geben vor, er sei davongelaufen, was auch geglaubt wird. Aber des Knaben Großmutter, die ebenfalls in Bräunsdorf wohnte und den Knaben in seiner Lehrzeit öfter als seine Eltern besuchte und ihm auch oft etwas mitgebracht hatte, erblickte nach einigen Tagen mehrere Nächte hintereinander den Geist ihres erschlagenen Enkels, der ihr erzählte, er sei nicht davongelaufen, sondern vielmehr mit einem Schuhleisten erschlagen und in der Scheune begraben worden. Diese Begebenheit ist dem Amtmann zu Freiberg gemeldet und in Folge davon im Januar des Jahres 1762 Vater, Mutter und Sohn eingezogen worden, bei deren Vernehmung sich alles, wie oben erzählt, bestätigt hat.
391. Absterbende Bäume zeigen den Tod ihres Besitzers an.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 781. 782.)
Den 5. Januar 1630 starb Nikolaus Walde, Pfarrer zu Schwarzenberg; dem verdorrete das Jahr zuvor sein Birnbaum. Da er's sahe, sagte er: »Ich habe lange genug vom Sterben gepredigt, jetzt wird der Birnbaum mein Prediger. Mein Baum verdorret und ich werde auch bald sterben!« Am Neujahrstage steigt er auf die Kanzel und da er anfangen will zu singen: Helft mir Gottes Güte preisen u. s. w., überfällt ihn ein Schlagfluß, daß er nach Hause geführt werden und sich auf sein Todesbett legen mußte. – Heinrich Ryhel, Pfarrer in Wiesenthal, hatte einen Zeilanderstrauch in seinen Pfarrhof gepflanzt, der trefflich grünte und im Frühjahr, da genannter Pfarrer starb, schon im April ausgeschlagen war. Sobald der Pfarrer krank wurde, fing der Strauch an sichtlich zu verdorren; darauf starb der Pfarrer.
392. Nächtliches Fallen zeigt einen Todesfall an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 930.)
Das Fallen nennt der gemeine Mann das Leichenbret, und glauben manche, es müsse notwendig darauf ein Todesfall erfolgen, auch könne solcher Fall vom Menschen ab und auf ein Vieh gewendet werden, wenn man sage: Falle auf meine Henne, Ziege u. s. w. Im Jahre 1627, ehe der Pfarrer in Markersbach im September zum Tode krank wurde, lag er abends samt seiner Ehefrau schon in der Ruhe. Die Magd war noch auf, und da sie etwas oben im Hause stark fallen hörte, lief sie hinauf, in der Meinung, der Herr habe ihr gepocht, und fragte, was sie solle? Sie wurde abgewiesen als eine Träumende, sie sollte zu Bette gehen. Am neunten Tage darauf war der Pfarrer tot.
Anno 1653 lebte in Scheibenberg eine Pfarrerswittwe von Thum. Als dieselbe einst ihren Sohn, welcher verreisete, ein Stück begleitet hatte und wieder auf dem Heimwege war, thats in ihrem Hause einen ungemeinen Fall, und zwar zu derselben Stunde, da sie auf dem Rückwege von einem Fieberfrost überfallen wurde, daran sie auch nach zehn Tagen starb.
393. Verstorbene zeigen durch Rufen einen Todesfall an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 785.)
Im Jahre 1664 brannte von der Stadt Annaberg über die Hälfte ab; dabei verbrannte auch jämmerlich der Stadtrichter Martin Meyer nebst seiner Frau. Des Tags zuvor geht er vor dem Gottesacker vorüber, da ruft ihn eine Stimme, die als seiner verstorbenen Schnur Stimme gelautet, etliche mal: Herr Vater! Des Nachts geht das erschreckliche Feuer gegenüber seiner Wohnung auf.
Im Jahre 1686 wurde M. Benjamin Heyde, Oberpfarrer in Schneeberg, frühe, da er predigen sollte, in seinem Bette tot gefunden. Abends zuvor rief dreimal eine Stimme, welche seines ersten Weibes Stimme gleich: Herr! Herr! Herr! und darauf erfolgte sein Tod.
394. Ein zersprungener Trauring zeigt den Tod des Ehegatten an.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 784.)
Im Jahre 1666 wohnte ein Kopist in Schneeberg, ein junger, starker Mann, der beim Trinken hurtig von der Faust war. Seinem Weib, Marie Böhmin, sprang der Ring vom Finger entzwei und fiel auf die Erde. Sie erschrak darüber und sagte: Was soll mir das sein? Da der Mann des Abends zu Bier gehen will, hat sie große Angst und erzählt, was ihr begegnet, er solle zu Haus bleiben, aber er schlugs in ein Gelächter. Sie begleitet ihn bis zur Hausthür und vermahnt ihn, er soll sich ja in acht nehmen. Abends bringen sie ihn totkrank nach Haus, und der Schlag rühret ihn eben dieselbige Nacht, daß er starb.
395. Klingen und Singen verkündet einen Sterbefall.
(Chr. G. Wilisch, Kirchen-Histor. von Freiberg etc. II., S. 401. Kirchengalerie von Sachsen, 2. B., S. 195.)
Am Abende des 4. August 1629, welcher dem Tode der Gemahlin des Moritz v. Hartitzsch auf Krummenhennersdorf voranging, hörte letzterer mit dem Pfarrer Benedictus Scheuchler und dem Arzte (?) Däntzki, da sie miteinander in Kümmernis am Fenster des Schloßerkers standen, draußen gar nahe ein klares helles Glöcklein klingen, gleich oben über den Bäumen, anders nicht, als ob man wollte anfangen zu Grabe zu läuten. Bald darauf hörten sie gar einen lieblichen Laut, als wenn kleine Kindlein singen. Am Morgen wies sich aus, was hierdurch angedeutet worden, daß nämlich die kranke Frau seligen Feierabend machen wollte und ihr Körper zur Ruhe gebracht werden sollte.
396. Rumoren zeigt einen Todesfall an.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nossners.)
In Nossen lebte einmal ein gottesfürchtiger Tischlermeister, bei dem es manchmal des Abends, wenn die Familie still beschäftigt war, in den Brettern oder Hobelspähnen rumorte. Dann wußte der Meister, daß am nächsten Tage ein Sarg bestellt werden würde.
In ähnlicher Weise pflegten sich beim dortigen Totengräber des Abends zuweilen die Werkzeuge zu rühren, und dann wurde Tags darauf ein neues Grab verlangt.
397. Der geplagte Polizeidiener.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nossners.)
Bis gegen Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts befand sich die Stadtwache zu Nossen in einem am Obermarkte gelegenen, der brauberechtigten Bürgerschaft gehörigen, jetzt aber abgebrochenen Brau- und Malzhause, vor dessen Ostseite zwei schöne Linden standen. Dort wohnte einmal ein Polizeidiener, ein altgedienter Soldat. Wenn nun in der Stadt ein schwer Kranker nicht »ersterben« konnte, erschien sein Geist des Nachts dem Polizeidiener und nötigte ihn zum Aufstehen aus dem Bette. Der mußte sich nun vollständig in Uniform kleiden und mit umgehängtem Säbel den Geist bis an die Hausthüre begleiten, worauf dieser verschwand. Der Polizeidiener pflegte manchmal zu sagen: Diese Nacht ist der oder die bei mir gewesen, und darauf hörte man bald auch von ihrem Ableben.
Still und mürrisch, wie er war, mußte er sich oft vom Bürgermeister ausschelten lassen. Das hörte er in Positur ernsthaft an und sprach dann, als wenn er schwerhörig sei: »Schön, Herr Bürgermeister, ich werd's ihm sofort sagen.« Da mußte der Bürgermeister immer lachen und das gute Einvernehmen war wieder hergestellt.
398. Vögel sind Unglücksverkündiger.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 834.)
Als im Jahre 1639 ein großes Sterben war, hatten die Raben bei Tage ein greulich Geschrei, bissen sich auch des Nachts bei Mondenschein heftig auf den Kirchen und Häusern herum, und es war furchtsam anzuhören, wenn die Eulen in den Gärten so jauchzten. Man merkte auch um selbige Zeit, daß ein Haufen Elstern mit Schreien und Schnattern alle Gassen voll gemacht und gleichsam die Post gebracht hatten, wenn räuberische Parteien kamen. Ehe einem Hausvater sein Weib und Kind in den Wochen starb, zogen die unter dem Dache nistenden Schwalben samt ihren Jungen weg. Desgleichen ist in Schneeberg geschehen, daß die Störche, welche lange Zeit auf eines Bürgers Hause genistet, im Jahre 1688, ehe der Bürger gestorben, davon gezogen und ausgeblieben sind. Im Jahre 1664 kamen des Nachts, ehe in Annaberg 400 Häuser in Asche gelegt wurden, etliche Eulen, setzten sich auf des Bürgermeisters Haus am Markte und schrien gräßlich.
399. Anzeichen von Feuersbrünsten.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 780.)
Man hat in unterschiedlichen Bergstädten wahrgenommen, daß wenn Gott mit einer Feuersbrunst strafen wollte, sich zuvor allerhand bedenkliche Vorboten gezeigt haben. Man hat in der Ratsstube des Nachts ein Licht brennen sehen, oder es ist ein Wasserkübel auf dem Rathausboden herunter gefallen, oder es hat auf dem Markt mit den Wasserkübeln gerasselt und sich in den Bottichen gebadet, oder es sind auch eiserne Reifen an den Röhrenbottichen geborsten und abgesprungen, oder es haben sich ungewöhnliche Feuervögel sehen lassen, oder es sind die Kinder unversehens vorbeigelaufen und haben Feuer gerufen, oder man hat eine unbekannte Stimme des Nachts zuvor gehört: Lösche, dein Haus brennet!
400. Die brennende Bergwitterung zeigt Erze an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 430.)
Die sonderlich bei Nachtzeiten lichterloh brennende Bergwitterung, welche in Gestalt eines ausgestreuten Pulvers plötzlich lodert und verlöscht, und die Ausgänge, Luftlöcher und Klüfte der Metalladern zeigt, ist in dem Erzgebirge gar gemein, und hat man an den Orten, da hernach Bergstädte erbaut worden, zuvor viel und starke Bergwitterung gespüret. Dies ist geschehen im Jahre 1491, da um den Pöhlberg die Bergwitterungsflammen lichterloh ausgelauscht und die Bergleute veranlaßt, daß sie hernach die Erzgänge mit der Rute erforschten und entblößten. Dergleichen hat sich auch um Scheibenberg begeben, da vorzeiten rauher Wald und Morast gewesen, daß sich des Nachts viel Witterungen von ferne sehen lassen, so daß die Nachbarn vermuteten, es müsse daselbst reiches Erz liegen. Daher hat auch Caspar Klinger von Elterlein im Jahre 1515 zuerst daselbst eingeschlagen und die erste Fundgrube gemutet.
401. Ein Wunderzeichen am Himmel zeigt Krieg an.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 1154.)
Am 25. Januar oder Pauli Bekehrungstage 1630 hat man überall im Gebirg ein Feuer- und Wunderzeichen am Himmel gesehen, als wenn unterschiedene Kriegstruppen miteinander im Gefechte wären, desgleichen hat man gehöret, als wenn Musketen losgingen und zur Begrüßung geschossen würde. Dies haben unzählige Personen mit Verwunderung und Schrecken beobachtet, aber auch mit seiner Bedeutung in erfolgten feindlichen Einfällen und Kriegsbewegungen erkannt.
402. Ein Sturm als Anzeichen des böhmischen Bauernkrieges.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 391.)
Ein Anzeichen war es, als am 15. Febr. 1625 des Nachts das mit Riegeln, Ketten und Schlössern stark verwahrte Schloßthor in Joachimsthal von einem fast unnatürlich gewaltsamen Winde aufgestoßen und geöffnet wurde, denn es wurde so getrennt, daß das Hinterteil des mittleren Riegels samt dem starken Thornagel und eiserner Feder geborsten und das Vorlegschloß samt dem Kloben, der das Thor mit einer starken eisernen Kette über dem Thorriegel geschränkt, eine Stube weit davon auf dem Schloßplatze verschlossen gelegen. Und dieser ungemeine Sturm hat den damaligen böhmischen Bauernkrieg nach sich gezogen.
403. Ungestümes Wetter im Gebirge zeigt Krieg an.
(Lehmann, a. a. O., S. 420.)
Man hat beobachtet, wenn Schlachten zur See oder Land vorgegangen, daß solche mit einer ungemeinen Witterungsungünstigkeit im Gebirge gleichsam angedeutet worden sind.
404. Heulendes Wasser zeigt Unglück an.
(Lehmann, Historischer Schauplatz, S. 207.)
Sonst hat man an dem Schwarz- und anderem Wasser gemerkt, daß sie bei bevorstehendem Unglück, Feuer- oder Wasserschaden, greulich geheulet. Im Jahr 1630, den Tag zuvor, ehe die Stadt Annaberg abgebrannt, hat der Elterleiner große Teich am Geyerschen Wege entsetzlich geheulet, so daß des Zainschmieds Junge, der mehr Wasser aufschlagen sollte, vor Schrecken davon gelaufen. Im Jahre 1645 den 10. Juni, am zweiten Pfingstfeiertage, heulte frühe in Elterlein ein Teich jämmerlich, so daß eine Jungfrau, welche über den Teichdamm ging, aus Furcht eilends fortlief. Darauf ist ein Schulknabe, des alten Richters Matthes Rüdels Sohn, im Teiche ertrunken.
405. Verschiedene Zeichen deuten auf die Gründung Johanngeorgenstadts.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 28. Lehmann, Hist. Schauplatz. S. 402.)
Ein Köhler war kurz vor Erbauung von Johanngeorgenstadt auf dem gegenüberliegenden böhmischen Berge eingeschlummert. Hierauf aber hat er ein so starkes Geläute auf dem Fastenberge, worauf jetzt die Stadt steht, vernommen, wie sonst nur in einer Stadt gebräuchlich ist. Darüber ist er nicht nur aufgewacht, sondern er hat sich auch wachend nicht zu fassen gewußt.
Der letzte evangelische Lehrer zu Platten, mit Namen Johann Jahn, hat einstmals einen Traum gehabt, als wären vom Joachimsthaler Wege Wagen gerasselt gekommen, deren Deichseln alle auf den Markt zugegangen; hernach wäre ein großes Wasser und rauschende Flut gekommen und hätte alles in den Grund hinabgeschwemmt.
Am Fest Mariä Heimsuchung, als am 2. Juli des Jahres 1648, sahe man zu Breitenbrunn frühe unter der Predigt gegen den Fastenberg zu, auf welchem sieben Jahre später die Stadt gegründet wurde, in der Wolke eine Stadt aufgehen, und vor der Stadt einen Gottesacker liegen, darauf zwei Totenbahren standen, und in der Mitte ein grüner Baum.
406. Ein Zeichen für die rechte Feier des heiligen Abendmahls.
(Meltzer, Hist. Schneeberg., S. 1064.)
In Neustädtel trug sichs bei angehender Reformation zu, daß eines Morgens unterschiedliche Berg- und andere Leute zusammen kamen und auch von der Reformation redeten. Wie sie nun teils ungereimte Sachen vorbrachten und unter anderem auch auf die Lehre vom Abendmahl fielen, geschahe es, daß der eine Teil das Abendmahl in beiderlei, der andere aber in einer Gestalt verteidigte. Indem nun ein Bergschmied, welcher an dem Fenster saß, dergestalt für eine Gestalt stritt und dabei sagte, daß, wenn dieses der rechte Glaube sei, daß ein Laie das Sakrament in beiderlei Gestalt empfangen sollte, er in seiner Hand vor dem Fenster einen Vogel fangen wollte: siehe, so trug es sich, indem er im Reden mit der Hand zum Fenster hinausgriff, in einem Nu zu, daß sich zwei Sperlinge mit einander bissen und vor das Fenster fielen, solche aber von ihm beide ergriffen und in die Stube gebracht wurden, weswegen sich darauf alle Anwesende, als vor einem Zeichen, entsetzten.
407. Die verschworenen Zechen am Mühlberge in Schneeberg.
(Meltzer, Historia Schneebergensis, S. 922.)
Als im Jahre 1478 in dem Mühlberge zu Schneeberg reiche Erze angetroffen wurden, da fuhr Römer, vermutlich jener Sebastian, welcher vorher Romner geheißen, mit seinem Haufen zu und wollten alles allein haben. Sie nannten die Zeche Münzer- oder Römerzeche und es galt ein Kux darauf 1200 bis 1400 Gulden. Da aber die unrechten Besitzer, darunter außer Römer noch Fürsten, Grafen und Herren waren, den armen Bergmann mit seiner Gewerkschaft auf der Sattlerzeche, in welcher Lehn das Erz gebrochen war, ausmaßen und auf die Halde setzten, auch sogar der Lehenträger Römer falsch beschworen hatte, daß der Gang ihm gehöre, so war solches ein Greuel vor Gott. Alsbald verschwand das Erz dieser Zeche und verwandelte sich im Anbruch in Kohlen. Es soll auch zu derselben Zeit, da Römer draußen auf der Haspelstätte nach den alten Bergrechten den Schwur leistete, im Berggerichte zu Zwickau, wo Römer und sein Haufe mit den armen Gewerken um das Erz gestritten hatte, das Gewölbe aufgerissen sein, und das Glöcklein, womit man die Diener herein zu rufen pflegte, von selbst geklungen haben. Von dieser Begebenheit rühren die Worte Herzogs Georg her: »Der Gleeßberg ist ein tauber Berg, der Mühlberg ein verschworener Berg, sehet mir auf den Schickenberg.«
408. Frevelhafte Worte beim Bergwerk werden bestraft.
(Meltzer, Hist. Schneeberg., S. 918.)
Als Paul Gramman, insgemein der Hosenschneider genannt, im Anfang des Schneebergs eine Zeche am Wolfsberge, die der grüne Schild geheißen, fast allein zu eigen gehabt und einen Stollen hineingetrieben, hat er ein köstliches Erz angetroffen, da er aber einstmals hinter dem Steiger gestanden und zugesehen, wie derselbe das schönste Glaserz losgebrochen, ist einer seiner guten Freunde vor den Ort gekommen und hat ihm nach bergmännischem Gebrauch ein Glückauf gewünscht. Der Hosenschneider aber hat freventlich und übermütig darauf geantwortet: »Was bedürfen wir dieses Glückwünschens? Siehe, wir haben ja das Glück in Händen und vor Augen!« Darauf aber soll sich alsbald das Erz im Anbruch dermaßen abgeschnitten haben, daß man nicht gewußt, wie es verschwunden ist. Es ist auch ferner sowohl an diesem Orte, als auch am ganzen Wolfsberge wenig mehr ausgerichtet worden.
409. In Chemnitz wird ein gottloser Spötter bestraft.
(Richter, Chronica von Chemnitz, I. 1767, S. 72.)
In einem Gange des ehemaligen Benedictiner-Klosters zu Chemnitz befand sich ein hölzernes Christusbild mit einem krummen oder schiefen Munde. Da nun die Hussiten in das Kloster einfielen und alles darin verwüsteten, soll einer von ihnen das Bild verspottet haben. Von Stund an aber hatte derselbe ein offenstehendes Maul und ist stumm geworden.
410. Der heillose Bäcker in Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Pros. Anhang, No. 9.)
Im Jahre 1471 wohnte in Freiberg auf der Burggasse, dem Oberkloster gegenüber, ein Bäcker, namens Werner Kühn, ein gottloser Mann, der an Fluchen und Lästern sein Vergnügen fand. Derselbe brachte seine Mitbürger in großes Unglück.
Als er eines Morgens (am 24. Juli) seinen Backofen heizte, wollte das feuchte Holz nicht sogleich brennen, so daß der gottlose Mann wütend darüber wurde und rief: »Ha, du verfluchtes Feuer, so brenne doch in aller Teufels Namen!« Das war ein heilloser Fluch und Gott ließ ihn in Erfüllung gehen. Das Feuer schlug alsbald zum Ofen heraus und in wenig Augenblicken stand das ganze Haus in Flammen. Nach drei Stunden lag Freiberg in Trümmer und Asche. Nur die alte Frauenkirche, die meißnische Gasse und die halbe Sächsstadt blieben stehen.
411. Die Görkauer Maskenhochzeit.
(Nach Franz Herbabny in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Klubs, 1885, S. 117.)
Am Faschingsdienstage 1588 ging es in der Stadt Görkau überaus fröhlich zu, und die Schuljugend machte mit Schreien und Peitschen einen Spektakel, daß die Häuser in den Gassen wackelten. Der Hochzeitsplampatsch ritt auf einem Grauschimmel und trank wacker aus den Gläsern, womit man ihm schenkte. Auf dem Kopfe trug er eine Narrenkappe mit einer klingenden Schelle und überdies zwei Narrengesichter, von denen das vordere lachte, das hintere weinte. Bald kamen auch die beiden Herolde hoch zu Roß, bliesen auf ihren Trompeten, und der vielerwartete Hochzeits-Schlittenzug setzte sich in Bewegung. Es war nämlich eine Faschingshochzeit. Den Vorreitern und den Stadtpfeifern folgten die Brautleute mit dem Bilde der heiligen Jungfrau, darauf der Brautführer und die Kränzeljungfern, neben ihnen der heilige Nikolaus mit zwei Teufeln an der Kette, und auch die Salzmäste warf nach allen Seiten Pfeffernüßchen aus. So folgte Schlitten auf Schlitten, vierzig an der Zahl. Und nun ging es in tollem Jagen, die Kreuz und die Quere, durch die Stadt, bis der Zug neben der Kirche ein wenig stockte. Da blies der Hanswurst-Plampatsch auf seiner Trompete und rief in trunkenem Frevelmute durch das offene Thor zum Kirchhof hinein: »Auf, auf! Ihr Faulpelze! Heraus aus Euren Nestern! Heut ist Fasching! In der Stadt giebt es noch Besen genug, die nehmet zwischen die Beine und reitet mit! Hollah! Vorwärts!« Gelächter der Umstehenden folgte, und der Trunkenbold stürzte vom Pferde, aber der Zug fuhr weiter, immer bis nach Komotau, obwohl ein Sturmwind unterwegs das Brautpaar und die Salzmäste und viele andere in den Schnee geworfen hatte. In Komotau trank man Glühwein, und die Heiterkeit wuchs, wenn dies noch möglich war.
Allein als man zum Thore hinausfuhr, da hatte sich zu den drei Vorreitern noch ein vierter gesellt, einer aus Komotau, wie man wähnte. Doch seine Tracht war seltsam. Kohlschwarz vom Kopfe bis zu den Sporen, schwenkte er ein schwarzes Banner mit dem Bilde des Sensenmannes. Vielen aber war es recht unheimlich, wenn er rechts und links die Schlittenreihe auf- und absprengte und gewissermaßen die Hochzeitsgäste zählte. Als es aber finster wurde, da sprühten sogar aus seiner Fahnenstange Funken und Flammen und die dampften und rochen wie Leichenfackeln. So ging es fort bis man wieder in Görkau vor den Kirchhof kam; da öffnete der Schwarze sein Visir, schlug den Plampatsch auf die Schulter und rief: »Nun kommt mit mir; wir zwei voran, die andern kommen nach!« »Jesus, Marie!« schrie der Plampatsch, als er den fleischlosen Totenschädel erblickte. Jener aber rief mit weithallender Stimme: »Heute war ich Euer Gast; zur künftigen Fasching seid Ihr alle meine Gäste!« Sprachs und verschwand in Nacht und Gekrach. Die Fackel war verloschen. –
Auf dem Tanzboden fand sich allmählich die helle Faschingslust wieder ein. Als man aber am folgenden Tage nach altem Herkommen den Fasching begraben wollte, da erscholl das Zügenglöcklein, und man erfuhr, daß der Plampatsch totkrank darniederliege. Drei Tage später lag er auf dem Kirchhof bei den Toten, die er zur Maskenhochzeit eingeladen hatte. Ihm folgte zuerst die Braut und eine Kränzeljungfer, dann ein Vorreiter, der Brautführer und der Bräutigam. Selten verging ein Tag, an dem die Totenglocke nicht erscholl, und ein Leichenzug folgte dem anderen. So dauerte es mit geringen Pausen ein volles Jahr, und nicht weniger als 450 Personen unterlagen der schrecklichen Seuche. Am Faschingsonntage aber rief der Priester dem unglücklichen Volke zu: »Ja, Ihr sollt ausziehen, aber nicht in Larven und Maskeraden, sondern in Sack und Asche, in Buß- und Trauerkleidern!« und so geschah es. Am Faschingsdienstage, da zog jung und alt, Mann und Weib, hoch und niedrig, in Trauergewändern und mit schwarzen Schärpen durch die Stadt zum Friedhofe hin. Und als man den heiligen Boden betrat, unter dem die Lieben ruhten, welche im letzten Jahre gestorben waren, da erscholl laute Klage und Wehegeschrei. In der Kirche aber las der Pfarrer ein Totenamt und vom Chor erklang das »Dies irae!« wie an einem Allerseelentage; doch von Stund an erkrankte niemand mehr, und wer schon krank war, fand meistens Genesung. Acht Wochen später war die Seuche beendet, und der Pfarrer konnte am weißen Sonntage die Pestilenzpredigt halten. Die Erinnerung an jene schreckliche Zeit aber – so sagt der Chronist – lag den Görkauern noch lange in den Gebeinen, und sie haben durch manches Jahr keine Hochzeitsmaskerade mehr am Faschingsdienstage gehalten.
412. Meineid wird bestraft.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 367.)
Im Jahre 1627 zankte sich Matthes Becker, Bauer zu Pappendorf, mit seinem Grenznachbar, Christoph Dehner, um ein geringes Wiesenflecklein, und als sie nicht konnten verglichen werden, nahm er es auf sein Gewissen. Darauf hat es ihm der, dem Unrecht geschah, in Gegenwart des Amtsschössers von Nossen, Matthäus Horn, und hiesiger Gerichten, mit diesem Glückwunsch cediert und überreicht: »So nimm's hin und laß Dir's auf der Seele verbrennen!« Von selbiger Zeit an ist gedachter Becker von Tage zu Tage schwermütiger geworden, endlich am 28. August nachfolgenden Jahres um Mitternacht aus dem Bette weggelaufen und hat sich ersäuft, wessen man ihn frühmorgens unter dem blauen Steine im Striegnitzbache tot angetroffen, nur ein Schlafmützlein und Hemd an sich habend.
413. Der bestrafte Gotteslästerer zu Zwickau.
(T. Schmidt, Chron. Cygn. II. S. 437. Misander, Deliciae Hist., S. 277. Gräße, Sagenschatz etc. No. 608.)
Im Herbst des Jahres 1594 ist zu Zwickau M. Wolfgang Raabe, eines Tuchmachers Sohn daselbst verstorben, welcher etliche Jahre rasend gewesen war und an Ketten gelegen hatte. Es hat ihn aber Gott also wegen Gotteslästerung gestraft. Als nämlich etliche Professoren zu Wittenberg die gotteslästerische calvinische Lehre eingeführt, hat sich dieser M. Raabe auch mit verführen lassen und ist es mit ihm soweit gekommen, daß er sehr schimpfliche und gotteslästerische Reden, vornehmlich vom Abendmahl ausgestoßen, worauf er bald seiner Sinnen beraubt worden. Nachdem ihn nun seine Eltern nach Hause bringen lassen, ist's nicht besser mit ihm geworden, sondern er hat sich stets ungebärdig und in Reden leichtfertig gezeigt. Dabei hat er sehr gefressen (maßen er dieses Wort in seiner Gotteslästerung auch gebraucht) und ist nicht zu ersättigen gewesen. Endlich, als etliche Knaben mit einem verdorbenen Kürbis auf der Gasse gespielt und sich mit den Stücken geworfen, hat er an den Ketten hängend und zum Fenster hinaussehend gesagt, sie sollten ihm denselben geben, was sie auch gethan. Da hat er den Kürbis im Grimm also roh hineingefressen und ist bald darauf gestorben. Er hat auch einen seinesgleichen von Reichenbach, namens N. Havel, zu Wittenberg bei sich gehabt, der auch große Gotteslästerung getrieben und eine schimpfliche Handlung mit dem Crucifix vorgenommen, der ist auch seiner Sinnen beraubt, etliche Jahre daselbst im Bollwerk in Ketten gelegen und endlich auch also gestorben.
414. Mönch und Kriegsknechte des Teufelssteins bei Lauter.
(Mitgeteilt von Heinrich Weißflog aus Raschau.)
Ein Kriegsheer wollte einst Schwarzenberg belagern und hatte sich deshalb bei dem jetzigen Teufelssteine in der Nähe von Lauter zusammengezogen. Hier in dem Lager lebte nun alles in Saus und Braus. Da kam eines Tages ein Mönch aus dem Grünhainer Kloster daher, der einen Leuchter zur Reparatur nach Schwarzenberg tragen sollte. Als ihn sein Weg durch das Lager führte, wurde er von den Kriegsknechten angehalten und verleitet, mit ihnen zu tanzen und zu spielen. Sein weniges Geld war bald verspielt, und nun vergaß er sich soweit, daß er den Leuchter in Geld umsetzte. In diesem Augenblicke kam der Abt des Klosters, welcher zufällig denselben Weg ging, und als er das Treiben und Thun seines Ordensbruders sah, suchte er denselben mit herzlichen Worten von seinem gottlosen Treiben abzuraten. Dafür wurde er jedoch von dem Mönche und den Kriegsleuten verhöhnt und verspottet. Da übermannte ihn der Zorn und er rief: »So möge Euch, Ihr Genossen des Teufels, der allmächtige und strafende Gott, den Ihr jetzt noch eben verhöhnt habt, zu Steinen werden lassen!« Kaum waren diese Worte gesprochen, so erfüllte ein donnerähnlicher Schlag die Luft, und was der Abt in seinem Fluch erbeten, das geschah. Der Mönch und die Kriegsknechte wurden zu Felsblöcken, welche noch heute auf dem Teufelssteine zur Warnung für Gotteslästerer emporragen.
415. Die Oswaldskirche bei Grünhain.
(Nach Ziehnerts poet. Bearb. bei Gräße, Sagenschatz etc. No. 531.)
Nicht weit von Waschleithe bei Grünhain, im Thale des Oswaldbaches, stehen die Trümmer einer Kirche, die Oswaldskirche genannt, welche 1514 der Grünhainer Abt Georg Küttner gegründet hat, die aber, weil die Reformation dort auskam, nicht vollendet wurde und so liegen geblieben sein soll. Anders erzählt sich das Volk, welches auch die Kirche mit dem Grünhainer Kloster unterirdisch verbunden sein läßt, die Ursache. Es soll nämlich um jene Zeit ein reicher Hammerherr, mit Namen Caspar Klinger, gelebt haben, den aber sein Reichtum so übermütig gemacht hatte, daß er keinem Gruße, selbst von seiten solcher Personen, die mit ihm auf gleicher Stufe standen, zu danken sich herabließ. Dem begegnete einst ein ebenso reicher Bergherr von Elterlein, namens Wolf Götterer, und rief ihm ein freundliches Glückauf zu; allein Klinger hielt es abermals unter seiner Würde, dem Grüßenden zu danken, und so geschah es, daß letzterer ihm darüber einige harte, beleidigende Worte sagte. So stolz nun der Hammerherr auch war, so rachsüchtig war er und er beschloß auf der Stelle, seinen Beleidiger für seine freimütige Rede büßen zu lassen. Er teilte seinem Bruder seinen Plan mit, und nachdem sie eines Tages ausgekundschaftet, daß der Bergherr allein zu Hause sein werde, weil alle seine Dienerschaft zu einer Belustigung sich entfernt hätte, gelang es ihnen, sich in die Wohnung desselben einzuschleichen, wo sie den Unglücklichen mit Beilhieben ermordeten. Weit entfernt, ihr Verbrechen, dessen sie sich freuten, zu leugnen, stellten sie sich selbst dem Gerichte, welches sie zwar zum Schein zum Tode verurteilte, allein auch kein Bedenken trug, die Todesstrafe in eine Geldbuße zu verwandeln. Letztere sollte darin bestehen, daß der reiche Hammerherr zur Sühne jenes Mordes eine Kirche zur Ehre des h. Oswald zu erbauen und auch die Armen der Stadt reichlich zu bedenken habe.
Klinger ließ nun Arbeitsleute, so viele ihrer nur kommen wollten, für seinen Bau anwerben, Bauholz in seinen Wäldern schlagen und Steine in seinen Steinbrüchen brechen, zahlte mit vollen Händen und es verging kein Jahr, da stand die Kirche fertig da. Nun ließ er es auch nicht an reicher Ausschmückung des Inneren fehlen, Kanzel und Altar waren von geschicktesten Künstlern gearbeitet und mit der größten Pracht geziert, eine herrliche Glocke hing auf dem Turme und alles war zur Einweihung der Kirche in Bereitschaft. Siehe, da zog an demselben Morgen, wo die Geistlichkeit sich anschickte, das neuerbaute Gotteshaus zu weihen, ein furchtbares Gewitter über das Thal herein und man zögerte deshalb, die Prozession zu beginnen, selbst der Glöckner weigerte sich, die Glocke ertönen zu lassen, bevor nicht das Unwetter vorüber sei. Da ward Klinger ungeduldig und schwur und vermaß sich hoch und teuer, nichts sollte ihn abhalten, das einmal angefangene Geschäft zu Ende zu führen, und wenn niemand anders es thun wolle, so werde er selbst in die Kirche eilen und das Geläute zum erstenmale in Bewegung setzen. Zwar versuchten ihn die Priester von diesem Beginnen abzuhalten, aber umsonst, er stürzte in den Turm und fing an die Glocke zu ziehen. Aber sonderbar, dieselbe klang wie ein Armesünderglöckchen und lange zuvor, ehe es ausgelauten hatte, fuhr ein Blitzstrahl aus dunkler Wetterwolke herab in den Turm, tötete Klinger und zündete die Kirche an. Niemand wagte zu löschen, denn jeder sah hier das Gericht Gottes, und so war in kurzem von dem schönen Bau nichts als die Mauer übrig und niemand wagte es seitdem, die Kirche wieder aufzubauen. Klingers Leichnam ward zerschmettert im Turme gefunden und am Rande des Waldes eingescharrt. Die Umwohner aber erzählen sich, um Mitternacht gehe sein Geist ruhelos dort umher und grüße den zufällig dorthin verirrten und bei seinem Anblick ängstlich davon fliehenden Wanderer, und sein Herumirren müsse so lange dauern, bis ihm jemand danke. Seinen Bruder hatte die Strafe Gottes schon vorher ereilt, denn noch ehe das Gericht sein Urteil gesprochen, war er vom Pferde gestürzt und hatte den Hals gebrochen.
In Schumanns Lexicon von Sachsen (12. B. S. 444) wird die Gründung der Oswaldskirche, welche vom Volke gewöhnlich Duselskirche genannt wird, dem Grünhainer Amtmann Gregor Kienter und dem Elterleiner Pfarrer M. Wolf zugeschrieben und als Jahr der Gründung 1515 angegeben. In Bezug der Sage von dem Hammer- und Bergherrn Kaspar Klinger wird gesagt, daß derselbe zur Sühne des Mordes 12 silberne Schocke, 50 Harnische und Krebse, viele Büchsen und Bogen geben, Seelbäder stiften und nach Rom wallfahrten mußte. Auch hatte er von dieser Wallfahrt die Erlaubnis für die Markersbacher Kirche mitgebracht, Ablaß erteilen zu dürfen (S. 164).
Im Oswaldsthale, wo die Ruinen der Duselskirche stehen, hat man 1795 auf einem Felde einen Topf voll Brakteaten abgegraben, die wahrscheinlich vom Grünhainer Kloster stammten. Vielleicht haben diese Brakteaten Veranlassung zu der Sage von einem großen Schatze gegeben, welcher unter der Kirche vergraben liegen soll.
Der Name »Duselskirche« wird in dem Lexicon von Sachsen von »Sankt Useldskirche« und der des Oswaldbaches von einem »Asenwald« oder »Aswaldbache« d. i. Riesenwaldbache abzuleiten gesucht, indem die Meinung ausgesprochen wird, die eingewanderten Sachsen hätten den dortigen Wald vielleicht Asenwald genannt, welcher Name dann auch auf den Bach übertragen worden sei. Ich halte diese Erklärung für sehr gewagt und nicht recht glaubwürdig.
416. Ein Fluch zerstört das Schloß auf dem Grauenstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 60 etc.)
Ungefähr eine Stunde von Joachimsthal erhebt sich in der Centralgruppe des Keilberg-Gebirgsstockes der waldgekrönte »Hohe Berg«, dessen südlicher Ausläufer wegen einer großen Steinhalde, deren Farbe von der Wandschüsselflechte herrührt, der »Grauenstein« genannt wird. Zu letzterem führt von Joachimsthal aus der Weg über den mit einer Allee bepflanzten »Graben,« welcher sich um die »Schwedenschanze« herumzieht, und dann weiter rechts von dem städtischen Forsthause »Hut« über die Thaleinschichte »Rauschererb«. Von dem Grauenstein, welcher eine schöne Aussicht gewährt, erzählt man folgendes:
Vor mehreren Jahrhunderten lebte im südlichen Böhmen ein mächtiger Fürst, namens Leopold, der in den verschiedenen Landesgebieten reiche Besitzungen hatte. Von seinen Kindern bereitete ihm sein erstgeborener Sohn, mit Namen Karl, manche bittere Stunde, denn dieser führte ungeachtet aller Lehren und Ermahnungen eine liederliche Lebensweise.
Der Vater wurde deshalb veranlaßt, ihn aus dem Hause zu geben und nach der Residenzstadt Prag zu schicken, allwo er im Strome der Welt zu einem tüchtigen, charaktervollen Edelmann heranwachsen sollte.
In Prag aber bot sich dem leichtsinnigen Junker erst rechte Gelegenheit dar, die schlüpfrigen Pfade des Lasters zu betreten. Als nun der besorgte Vater von dem ausschweifenden Lebenswandel seines unverbesserlichen Sohnes Kunde erhielt und ihm deshalb berechtigte Vorwürfe machte, faßte derselbe den Entschluß, der strengen väterlichen Gewalt sich durch eilige Flucht aus Prag zu entziehen. Er wanderte also im jugendlichen Übermute dem waldesdunklen Erzgebirge zu und gelangte nach einigen Tagereisen in die Gegend des heutigen Joachimsthal, wo in damaliger Zeit das Dorf Konradsgrün lag. Überrascht und entzückt von der herrlichen, reich bewaldeten Gebirgswelt mit ihren Thälern und Schluchten, ließ er sich hier nieder und baute mit Hülfe der Einwohner ein stattliches Schloß, in welchem er in Gesellschaft verdorbener Genossen sein gewohntes wüstes Leben fortsetzte. Den unaussprechlichen Schmerz des Vaters über den Verlust des ungeratenen Sohnes hatte indeß die alles heilende Zeit gemildert.
Da trug es sich zu, daß einst der Fürst, welcher ein eifriger Weidmann war, sich auf einer Jagd, die er auf seinen sehr ausgedehnten, im Norden Böhmens gelegenen Gütern veranstaltete, im dichten Walde verirrte und sein zahlreiches Gefolge verlor. Nach langem mühevollen Umherirren erreichte er bei einbrechender Dunkelheit eine Wiese, von wo er am fernen Bergesrücken ein helles Licht schimmern sah, dem er nun frohen Mutes mit starken Schritten zueilte. Als er vor dem Schlosse stand, aus welchem das Licht kam, bat er um Einlaß und ein gastlich Obdach, und er wurde darauf vor den Schloßherrn geführt, den sein Vaterauge gleich erkannte. Auch der verlorne Sohn erkannte sofort, freilich mit Schrecken, in dem Weidmann seinen Vater; aber statt mit reumütigem Herzen den Tiefgekränkten um Verzeihung zu bitten, gab er, die wohlverdiente Strafe fürchtend, den schleunigen Befehl, ihn gefangen zu nehmen.
Entsetzt und aufgebracht über dieses unerhört ruchlose Benehmen sprach der Vater über den ungeratenen Sohn den Fluch aus, welcher augenblicklich in Erfüllung ging. Die Erde erbebte mit einemmale so gewaltig, daß die Grundmauern des Schlosses erzitterten; dasselbe zerfiel in Trümmer und begrub in seinem Schutte alle Insassen. Nur der Fürst und ein Diener kamen mit dem bloßen Schrecken davon und eilten nach Konradsgrün, wo das sorgenvolle Jagdgefolge den vermißten Herrn erwartete, den es bis spät in die Nacht im Hochwalde vergebens gesucht hatte. Am Grauenstein aber treiben seitdem die bösen Geister ihren Spuk.
Eine andere Sage erzählt, daß des Grafen Schlick Urgroßmutter zwei Söhne hatte, die sich allen Lastern ergaben. Sie lästerten Gott, raubten, plünderten und mordeten. Bald aber erkannten sie ihre tiefe Verworfenheit und beschlossen, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und ein bußfertiges, Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Zu ihrem bleibenden Aufenthalte wollten sie sich ein Schloß erbauen lassen und fanden zu dessen Anlegung den dazumal im tiefsten Waldesdunkel gelegenen Grauenstein besonders geeignet. Alsogleich übertrugen sie den Bau des Schlosses, dessen Steine durchweg von grauer Farbe sein sollten, zweien Maurern. Nachdem diese das Schloß vollendet hatten, erhielten sie aber den verheißenen Lohn nicht; deshalb riefen sie auf dasselbe den Fluch des Himmels herab. Und dieser Fluch der Maurer erfüllte sich schnell. Ein furchtbares Gewitter, das plötzlich übers Gebirge dahergezogen kam, entlud sich; ein Blitzstrahl traf das Schloß, zündete – und verwandelte es in einen Schutthaufen.
Nach einer anderen Sage wohnte im Grauensteiner Schlosse ein Vater, der seiner Tochter einen Bräutigam aufdringen wollte, den sie nicht mochte. Um sich zu retten, trieb die Tochter dem Vater während des Schlafes einen Nagel durch den Kopf. In den letzten Atemzügen verwünschte der Vater das Schloß samt den Inwohnern.
417. Der Gottesleugner zu Nossen.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 349.)
Zu Nossen lebte im Jahre 1592 ein alter Zimmermann und Steinbrecher, namens Walter Koch, der zeitlebens ein großer Verächter des Gottesdienstes gewesen, auch binnen 32 Jahren niemals zur Beichte und zum Abendmahl des Herrn gekommen war. Dieser ward am 21. Juni des genannten Jahres gleich in der Mittagsstunde von einer alten Kirchmauer im Kloster Zelle, an der er hatte einbrechen helfen, erschlagen. Als man nun seinen Körper in einen Backtrog legte, ist selbiger alsbald zersprungen, darauf ist ein grausamer Wirbelwind entstanden, und als man ihm zu Grabe läuten wollte, ist der Klöppel in der großen Glocke ebenfalls zersprungen, weil er eines christlichen Begräbnisse nicht würdig gewesen.
418. Vorboten der Pest.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 962.)
Im Erzgebirge hat es an Warnungszeichen vor der Pest nicht gemangelt. Zu Lengefeld ließen sich auf dem Kirchhofe, als in der Stadt 1680 die Pest eingezogen war, zwei weiße Schwalben sehen, die gegen den Herbst wieder fortzogen. Zu Marienberg hörte man zehn Wochen vor der Pest ein Poltern und Fallen bei Nacht in der Kirche, als wenn man Leichen in die Erde senkte und häufig die Erde auf die Särge nachschüttete; beide Kerzen verlöschten auf dem Altare, die Glocken wurden so unnatürlich schwer, daß man sie mit großer Mühe mußte in Schwung bringen, das Uhrwerk auf dem Rathause lief bei Tag und Nacht unterschiedliche Mal ganz ab, und einige Bürger haben des Nachts ein hellbrennendes Licht auf dem Rathause gesehen.
Wie hier, so wurden auch in andern Gegenden teilweise an und für sich nicht gerade bemerkenswerte Erscheinungen als Vorboten der Pest angesehen. In Böhmen prophezeit z. B. der Storch in der Gegend, durch welche er fliegt, die Pest, während er dorthin, wo er sich niederläßt, Segen bringt. (Grohmann, Aberglauben etc. S. 64.), und in der Lausitz galten als solche Vorboten: Geheul von Hunden (Hunde sehen übrigens nach einem Volksglauben Gespenster), Geschrei weinender Menschen, die man aber nicht sah, unausstehlicher Geruch und Gestank und selbst ungewöhnliches Blühen von Rosen im August und September des Jahres 1607. (Haupt, Sagenbuch, I. No. 354.)
419. Wodurch in Freiberg die Pest einzieht.
(Moller, Theatrum Freib. Chron. II. S. 311.)
Im Juni 1572, bald nach gehaltenem Fürstenschießen, wurde Freiberg von einer gewaltigen Pest heimgesucht. Ein Töpfer beim Hospital hatte eine Thongrube aufgerissen, in welche beim Sterben 1564 etwas von alten Lumpen und Stroh aus den angesteckten Häusern geworfen worden war. Da stieg ihm alsobald ein widriger giftiger Dampf entgegen, so daß er sich legen mußte und nicht allein die Seinigen, sondern auch viele in der Nachbarschaft ansteckte. Die Seuche verbreitete sich darauf weiter und nahm dermaßen überhand, daß von da an bis Weihnachten 1577 Personen starben.
Als das reußische Dorf Langenwetzendorf infolge der Pest fast ausgestorben war, kam von dorther nach der nahen Kucksmühle eine blaue Wolke und zog in zwei Spindlöcher eines Stubenbalkens, worauf der Müller Pflöcke hineinschlug und alles im Hause wohlauf blieb. Als aber der Müller später einmal nachsah, was aus dem Dunste geworden sei, da hat sich derselbe im ganzen Hause verbreitet und alle seine Bewohner mußten sterben. (Eifel, Sagenbuch des Vogtlandes, No. 457.) Desgleichen erzählt eine Mansfeldische Sage, daß die Pest in Gestalt eines blauen Nebels nach Hübitz zog. (Gräßler, Sagen der Grafschaft Mansfeld, No 95.) Ein Zauberer aus Böhmen verschloß bei Tormersdorf in der Oberlausitz die von allen Orten der Umgegend in Gestalt einer blauen Wolke heranziehende Pest in einer Grube mit der Anordnung, daß niemand die Grube wieder öffnen sollte. (Haupt, Sagenbuch d. Laus. No. 216.) Das Vernageln der Pest in Bäume kam noch 1709 zu Conitz in Preußen vor. Das Vermauern der Pest in und an Kirchen war im Mittelalter nicht ungewöhnlich, und vielleicht war das sogenannte »garstige Ding« (eine weibliche Figur, an welcher ein Hund emporstieg) an der Mauer der 1760 eingeäscherten Kreuzkirche in Dresden das Zeichen der hinter dem Hochaltare vermauerten Pest. (Schäfer, Deutsche Städtewahrzeichen, S. 93.) Dabei mag noch darauf hingewiesen werden, daß die leichenwühlenden Nornen und Walkyren von Hunden begleitet sind und von Hunden der Sterblichen zuerst gewittert werden. In altkirchlichen Abbildungen wird dem heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen die Pest, ein Hündlein beigegeben. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 159.) In Außig in Böhmen glaubt man, daß die Pest als weißer Rauch erscheint, welcher Menschen, wenn diese ihn einatmen, sofort tötet. (Grohmann, Aberglauben etc. S. 184.)
420. Großhartmannsdorf wird durch die Zeitheide von der Pest verschont.
(Märker, Chronik von Großhartmannsdorf, S. 279.)
Östlich von Großhartmannsdorf liegt die große Torfheide. Hier wuchs in Menge eine Pflanze, welche unter dem Namen »Zeitheed« (Zeitheide) bekannt war und noch jetzt bekannt ist. Es sollen zu verschiedenen Zeiten Weiber aus Böhmen Tragkörbe voll von dieser Pflanze, welche in gegenwärtiger Zeit mit Mühe und Fleiß gesucht werden muß, weggetragen haben. Auch soll sie in der Brauerei des Ortes mit zur Verwendung gekommen sein. Der balsamische und durchdringende Geruch machte sie berühmt in der Gegend und wohlthätig für den Ort selbst. Denn in den Jahren, in welchen die Pest das Land verheerend durchzog und benachbarte Orte aussterben ließ, soll Großhartmannsdorf durch jene Pflanze verschont geblieben sein.
Die genannte Pflanze ist der Sumpfporst, Ledum palustre.
421. Bergglück unter besorglichen Wunderzeichen.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 345.)
Innerhalb 10 Jahren, von 1163 bis 1173, da das Freibergische Bergwerk rege und die Stadt angelegt worden, sind allerhand erschreckliche Wunder und Erscheinungen am Himmel aufgetreten, nämlich drei Sonnen, etliche Wundersterne, brennende Fackeln, Blutregen, stürmende Donner und Blitze. Gleichwohl wars dem Bergwerk nicht nachteilig, so daß man 1171 schrieb:
FreIberg VnD seinen fIxen PLan DIe Sterne haben nIChts gethan.
Im Jahre 1472 erschien ein Komet im Zeichen der Wage, darauf das Bergwerk zu Schneeberg, welches das vorhergehende Jahr war angegangen, in hohem Flor gekommen und reichlich geschüttet hat, nach den bekannten Worten:
Bergknappen auf! erstaVnet, seht ZU SChneebergs GLUCk sCheInt der CoMet.
Im Jahre 1492 erschienen im Januar drei Sonnen am Himmel, und im März ein Komet; das schadete aber dem Obergebirge nichts, sondern es wurde das Bergwerk am Schreckenberge bei Annaberg rege, nach den Worten:
Der Annaberg braCht hoCh AUsbUt An SIlber ohne Sternen-StreIt, Unsern GewerCken reCht zUr FreUD.
In den Jahren 1515 und 1516 brannten zwei Kometen am Himmel; dabei kamen die Silberzechen am Scheibenberg und in Joachimsthal auf, wie folgende Verse deuten:
ACh sIehe an hIe JoChIMsthal, Ist EVangelIsCh UberaLL.
422. Ein Wunderzeichen zu Niederbobritzsch verkündet Unwetter.
(Moller, Theatrum Freib. Chron. II., S. 271.)
Den 13. Aug. 1559 hat man zu Niederbobritzsch bei Freiberg abends neben dem Monde eine große Menschenhand in den Wolken gesehen, darüber ein Stern in Größe der Sonne, ohne daß derselbe einen hellen Schein verbreitete. Die Hand ist im Verlauf einer halben Stunde immer größer geworden, bis sie eines Tisches Breite erreicht, darauf hat sie sich umgewandt und zugethan und ist jählings zerfahren, als wenn sie stückweise herunterfiele. Den Tag darauf erhob sich in der Umgegend ein starkes Unwetter mit Hagelstücken bis zur Schwere von über 3 Pfund; dieselben waren teils rund, teils viereckig, mit Zacken, wie Kreuze, Spangen und Rosen an Gürteln. Besonders arg war das Wetter in Niederbobritzsch, wo die ganze Zeit der Himmel voll Feuer stand, von dem auch etliche Klumpen herabfielen, die viel Bäume und Büsche versengten und großen Schrecken verursachten.
423. Ein himmlisches Wunderzeichen zu Freiberg.
(Moller a. a. O. II., S. 277.)
Den 13. März 1562 hat man zu Freiberg des Nachts am klaren Himmel einen weißen Kreis gesehn, der sich oft von einander gethan und inwendig ganz feuerrot erschienen. Dabei haben lange Strahlen rings umher gestanden, ziemlich dick und breit, doch oben zugespitzt, die haben auf einander gestoßen. Zwischen den Strahlen aber ist es aufgefahren wie Rauch und es hat die ganze Nacht hindurch geblitzt und geleuchtet. An etlichen Orten sind zugleich zwei Regenbogen und darüber ein Kreuz, sowie auch auf der einen Seite eine gebundene Rute und auf der anderen eine große Hand mit einer Rute gesehen worden.
424. Himmlisches Wunderzeichen in Wiesenthal.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 1155.)
Anno 1543 den 4. Juni hat man in Wiesenthal des Abends um 7 Uhr am hellen Himmel nachverzeichnete Wunder gesehen. Erstlich einen langen Mann schwärzlich mit einem schwarzen und breiten Bart, welcher den Kopf oft schnell hin und wider gewandt, daß man ein zorniges Gemüt hat merken können. Dem ward ein Kranz gegeben, und da er ihn empfangen, ist er vergangen. Darnach ist auf einem hohen Fels ein anderer langer Mann gestanden, welcher einen langen, spitzen Schnabel und vom Haupt an durch den Rücken die Länge lange Federn gehabt, gleich eines Straußes, ist aber auch bald verschwunden. Alsdann sind auf einem ebenen Felde zwei Städte gesehen worden, eine große, mit steinernen und hohen Gebäuden herrlich gezieret, und eine kleinere, die doch je länger je deutlicher ist gesehen worden. Desgleichen ein Mann, der auf einem Pferd gesessen und in der rechten Hand ein Fähnlein geführet, in der linken aber ein jung Kind gehabt, welcher auch bald verschwunden. Darnach ist auf einem hohen Berge ein großer Mann gesehen worden, der einem kleinern mit einem Schwerte das Haupt abgehauen. Es ist auch einer zwischen zweien Felsen gesehen worden, welcher auf die Knie gefallen und die Hände aufgehoben über sich zum Himmel, als bete er. Nach ihm ist ein anderer langer Mann gesehen worden in einem langen Kleide, der unter den Armen ein junges Lämmlein und auf der Schulter ein groß Schaf getragen, dem ein stinkender Bock mit langen Hörnern gefolget. Weiter sind gefolget zwei Jungfrauen, eine hat die Arme in die Seiten gestützt und sich fröhlich erzeiget, die andere hat gegeiget. Nach diesen ist ein groß Kameel erschienen, auf welchem ein Mann aufgericht gestanden, der auf dem Rücken mit langen Federn geschmückt gewesen, dem ist ein Löwe mit aufgesperrtem Rachen entgegengegangen, hat mit den vordern Klauen das Kameel angefallen, darauf ist das Kameel alsobald zusamt dem Mann verblichen. Der Löwe hat sich den Städten genahet, welchem auf dem Fuße gefolget die zwei Jungfrauen und der Mann, der das Schäflein getragen mit dem zottigen Bock, so hernach gezottet. Letztlich sind einige andere Löwen gesehen worden, die nach der Stadt wärts gegangen, und viel groß Geschütz, welches auf die Stadt gerichtet gewesen, als wollte man jetzt abschießen, und sind die Städte bei anderthalb Stunden gesehen worden.
So viel hat in einer handschriftlichen Chronik Michael Pabst verzeichnet, der sonst ein guter Astronomus gewesen und alle Begebenheiten und Ungeheuer am Himmel fleißig aufgezeichnet.
425. Eine wunderbare Himmelserscheinung bei Gottesgab.
(Flader, Wiesenthälisches Ehren-Gedächtniß 1719, S. 104.)
Am 28. November des Jahres 1692 hat ein Köhler auf dem Sonnenwirbel bei Gottesgab ein hellglänzendes Schwert am Himmel gesehen, welches frühe um 5 Uhr geschehen ist. Solches Schwert hat neben einem Stern gestanden, und auch selbst wie ein heller Stern geleuchtet; die Spitze des Schwertes aber hat sich gegen Böhmen und den Egerschen Kreis gewandt. Es ist nicht anders anzusehen gewesen als ein langer Degen mit Gefäß, aber ohne Bügel, und hat nach des Köhlers Erachten so hoch gestanden, als die Sonne auf diesem gebirgischen Horizont in langen Tagen um 2 Uhr zu stehen pfleget. Nachdem es wieder vergangen und nicht länger gewähret, ist dem Köhler ein Schauer darüber angekommen, daß er sich in seinem Kohlkram niederlegen müssen.
426. Kreuze fallen vom Himmel.
(Moller, Theatr. Freib. II., S. 148.)
Im Jahre 1504 sind Kreuze von verschiedenen Farben den Leuten vom Himmel herab auf die Kleider gefallen, und wenn dieselben auch verschossen gewesen, hat man doch dergleichen Zeichen auf ihnen gefunden.
427. Ein Topf schwitzt zu Oederan Blut aus.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan. 1847, S. 226 etc.)
Am Sonnabende vor dem Pfingstfeste 1707 hatte der Kantor zu Oederan, Nikol. Haberland, einen frischen Maienbaum in einen Topf mit Wasser gesetzt, worauf er wahrnahm, daß der Topf eine rote Materie ausschwitzte. Man war allgemein der Meinung, daß diese rote Materie Blut sei und deutete die Erscheinung auf kommendes Unglück. Auch als der Topf leer in die Sonne getragen wurde, blieb er ganz rot, als ob eine blutende Wunde daran abgewischt worden sei. Auf erstatteten Bericht wurde er an das Konsistorium nach Dresden gesendet. Was damit weiter geschehen, ist nicht bekannt geworden.
428. Blutzeichen.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 853.)
Im Jahre 1666, Dienstags nach dem neuen Jahre früh um 8 Uhr, floß das Röhrwasser zu Wolkenstein in drei Trögen blutig und währte drei Stunden lang, darauf eine vielfältige große Uneinigkeit in dem gedachten Orte erfolgte.
Im Jahre 1639, in der Marterwoche, blutete bei Freiberg ein Crucifix. Anno 1666 ist zu Sayda ein Teich in Blut verwandelt worden. Am 25. Mai 1672 geschah es zu Planen im Vogtlande, daß in Leonhard Weckerleins, eines Zeugwirkers Stube an unterschiedlichen Orten Blut aus den Wänden heraus drang, so häufig, daß man auch Pfützen auf der Erde gesehen. Es war eine ungeheuerliche Sache, indem aus den Stubendielen, Bank- und Wirkstuhlbeinen, dürren, abgeschälten Wachholderstecken, welche zum Wollschlagen gebraucht wurden, ferner aus einer Schreib- und Schiefertafel Blut geflossen, das man auf Tüchern und Papier auffing und klumpenweise sammelte. Und dieses Blutschwitzen dauerte an etlichen Orten der Stube beinahe eine Stunde lang; wischte man's ab, so kam es wieder, schnitt man aber ein Stück von den oben angeführten dürren Wachholderstecken ab, so war inwendig kein Blut zu spüren.
Blutzeichen, insbesondere blutschwitzende Tempelstatuen, galten schon bei den alten Römern als Gefahren verkündigend; ganz besonders aber ist das christliche Mittelalter reich an Legenden, nach denen Heiligenbilder oder andere Gegenstände Blutstropfen ausschwitzten, was entweder als Beweis einer ihnen innewohnenden wunderthätigen Kraft oder als Zeichen von bevorstehendem Unglück angesehen wurde. Eine Menge hierher gehöriger Beispiele führt Rochholz (Deutscher Glaube und Brauch. I. S. 48 etc.) an.
429. Ein längst verstorbenes Kind blutet.
(Histor. Nachricht von denen Denkwürdigkeiten der Stadt Chemnitz. 1734, S. 80.)
Den 13. Mai des Jahres 1546 wurde in Chemnitz ein Weib, so ihr eigenes Kind ermordet, enthauptet, und das Kind zu ihr in den Sarg geleget, welches dann angefangen zu bluten, wiewohl es schon 14 Tage tot gewesen.
430. Blutende Geweihe in Schneeberg.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 1159.)
Im Jahre 1564 hat zu Schneeberg in Bastian Fischers Stube ein angenageltes Hirschgeweihe geblutet und übel gerochen, gleichwie ein anderes in der nächsten Woche darauf, welches gegen 12 Jahre in der Stube gewesen, vom Fette getrieft, also daß ein schwarzer Gischt am Horn zu sehen gewesen ist, weswegen es aufs Rathaus gebracht werden mußte. Man hat sich darüber allerlei Gedanken machen müssen.
Ein Hirschgeweih führt das würtembergische Haus in seinem Wappen. Als Sophie, die Tochter des Schwabenherzogs Christoph, starb, soll ein solches Geweih an ihrer Zimmerwand geblutet haben.
Erinnert mag noch daran werden, daß während der Hirsch Eikthyrnir den Gipfel der Weltesche Yggdrasil benagte, aus seinem Geweihe eine große Honigfülle durch den Wohnsitz der Asen und zu den Menschen und bis in die Unterwelt floß. Wer von solcher Honigfülle trank, wurde hirschtrunken, d. h. selig. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 7.)