IX. Ortssagen. (continued 3)
Reading edition
»Gahnsgri is uner goange, Gahnsgri is verschwunden Ä wilde Sau hot ä Glock' ausgegrob'n, Ä Bettelma hot's gefunden«.
Auch Sachsen Kirchengalerie (8. B., S. 58.) erzählt, daß man aus manchen Spuren, z. B. aufgefundenen alten Schlüsseln, schließen will, daß die Gegend von Jahnsgrün vor der Zeit des Hussitenkriegs stark bevölkert gewesen sei. Hier ist besonders bemerkenswert, daß die Sage noch von zahlreichen anderen Glocken erzählt, welche durch Schweine aufgewühlt wurden. Dahin gehören die große Glocke zu Marienei und die Kirchenglocke zu Treuen, welche letztere ebenfalls brummt: »En wille Sau ausgegrob'n, en Bettelmann gefunne«. (Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 605.) Ferner mögen die Lobesdorfer Glocke, in der viel Silber war, so daß sie sich durch ihren schönen Klang auszeichnete (Größler, Sagen der Grafschaft Mansfeld, No. 36.), die Glocken von See und Spree in der Lausitz (Haupt, a. a. O., S. 403.), zu Blankensee, welche summt: »Sau fand jenen Sand«, und zu Görzdorf mit dem unmelodischen Tone: »Sony woillt us« (d. i. Sau wühlt aus), genannt sein.
Nork (Sitten u. Gebräuche etc. S. 372.) versucht einen mythischen Zusammenhang zu finden, indem er meint, die Glocke, welche zuweilen aus Teichen und Seen aufsteigt, sei wie die Nebelkappe auf dem Wasser (Odhins Hut) ein Symbol für Stürme; ihr Tönen sei der heranbrausende Sturm. Er bringt damit die Benennung »Sauzagel« für Wirbelwind in Verbindung. Die Sau aber ist Finderin der im Dunkeln verborgenen Gegenstände, sonst ein der Finsternis geweihtes und darum als Juelschwein dem Lichtgott geopfertes Tier. (Haupt, a. a. O., No. 283 a.) Ein goldenborstiger Eber, auf welchem Freir und Freia ritten, erhellte die Nacht taghell.
683. Die unterirdischen Glocken im Kranichsee.
(Mitgeteilt vom Lehrer Thuß in Tellerhäuser.)
Eine Viertelstunde von Weiters-Wiese liegt der Kranichsee, ein gegen 2 Stunden im Umfang haltendes, mit der Sumpfkiefer bestandenes Hochmoor, in welchem sich die Quellenzuflüsse der Wilzsch, Pyra und Rohlau befinden. Die Sage erzählt nun, daß auf dieser rauhen Fläche einst eine Stadt gestanden habe, deren Bewohner so gottlos waren, daß Gott zur Strafe die Stadt versinken ließ. Dies soll an einem dritten Pfingstfeiertage geschehen sein, und noch will man jedes Jahr an diesem Tage zu einer bestimmten Stunde die unterirdischen Glocken der versunkenen Stadt läuten hören.
S. auch No. 493. Ähnliche Sagen auch anderwärts in Deutschland. Da, wo jetzt der salzige See bei Mansfeld ist, stand einst eine Stadt, welche versunken ist; man hört noch die Glocken in der Tiefe. (Größler, Sagen der Grafschaft Mansfeld, No. 66.) Auf dem Gottesfelde, einer Wiese am Südabhange des Adlersberges in Thüringen, soll ebenfalls eine Stadt gestanden haben, welche Gott versinken ließ, weil die Einwohner gottlos waren. Hier hört man zwar nach der Sage nicht die Glocken in der Tiefe klingen, aber von einem Schweine wurde einst auf dem Platze eine Glocke ausgewühlt, welche jedoch, auch als man sie umgegossen hatte, einen abscheulichen Klang gab. S. übrigens die Bemerkung zur vorhergehenden Sage. (Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H., No. 18.)
684. Die Stadt auf dem Steinberge bei Burkhardsgrün.
(Mündlich.)
Auf dem Steinberge bei Burkhardsgrün sieht man ein Haufwerk großer Granitblöcke, der Gipfel selbst trägt auf einem Felsen die Überreste eines jüngeren Mauerwerks. Die genannten Blöcke sind die Produkte der Verwitterung, durch welche die Felsmassen des Berges angegriffen wurden, so daß nur Haufwerke der festeren Granitkerne übrig blieben. Die Sage erzählt aber, daß auf dem Berge einst eine Stadt gestanden habe, welche durch die Sintflut untergegangen sei.
685. Die große Glocke in Geyer.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No 36.)
Von der großen Glocke in dem Bergstädtchen Geyer, welche einsam auf einem alten viereckigen Turme an der Kirche hängt, erzählt die Sage, daß dieselbe auf dem Geyersberge, an dessen Fuße die Stadt liegt, durch eine Sau mehrere Ellen unter der Erde hervor ausgewühlt und von den Bürgern, welche sich dieses Fundes freuten, aufgehängt worden sei, aber nicht eher einen reinen und vollen Klang gegeben habe, bis ein Priester sie zu ihrer heiligen Bestimmung feierlich eingeweiht.
Im Jahre 1455 zersprang diese große Glocke von dem heftigen Sturmläuten, womit man auch in Geyer den Prinzenräuber Kunz von Kauffungen verfolgte, wurde aber auf Befehl und Kosten Kurfürst Friedrichs, des Vaters der Prinzen, sogleich umgegossen und der Prinzenraub darauf abgebildet.
686. Die Barbarakapelle in der Dippoldiswaldaer Heide.
(Deubener Zeitung, 1882, No. 70.)
Vor mehreren Jahrhunderten strömten zahlreiche Wallfahrtsscharen am Festtage der heiligen Barbara nach deren Kapelle in der Dippoldiswaldaer Heide. Nach Einführung der Reformation wurde jedoch diese Kapelle durch den Bischof Johann von Meißen abgetragen und das Altarbild sowie die Glocken in die Kirche zu Seifersdorf übergeführt. Nach der gemeinen Sage soll die 30 Schritt lange und 16 Schritt breite, jetzt in Ruinen liegende Barbarakapelle von einem Antonius, an welchen der »durch unvergleichlich helles und klares Wasser ausgezeichnete Antoniusbrunnen« erinnert, zu Ehren der heiligen Barbara erbaut worden sein. Dabei befindet sich auch die Antoniuswiese, auf welcher ehemals die Antoniusklause gestanden haben soll.
In »Über Berg und Thal« (6. Jahrg. No. 10) bemerkt Weißbach in Rabenau, daß die Angabe, die Barbarakapelle, auch Klausnerkirche genannt, sei eine Wallfahrtskirche gewesen, der historischen Begründung entbehre. Derselbe führt vielmehr den Namen »Klausnerkirche« auf Klausenkirche, d. h. Nikolauskirche, wie eine solche sich auch in Dippoldiswalde befindet, zurück. Nikolaus war der Patron der Kaufleute und an der an der alten Grenze von Meißen und Böhmen gelegenen Kapelle führte jedenfalls in früheren Zeiten die Handelsstraße aus Böhmen nach Dresden vorüber. Nach einer anderen Meinung war die Kapelle eine Station der nach Kloster Zelle Wallfahrenden, von dem auch das oben genannte, jetzt in Seifersdorf befindliche Altarwerk abstammte. Fraglich ist die Erzählung, daß die Kapelle durch den Bischof Johann von Meißen abgetragen worden sei, da eine andere Nachricht mitteilt, daß sie im dreißigjährigen Kriege eingeäschert wurde. (Beschreibung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des K. Sachsen, 2. Heft (1883), S. 9.)
687. Die Kapelle in Unterwiesenthal.
(Flader, Wiesenthälisches Ehren-Gedächtniß, 1719, S. 5–7. Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 147.)
Da, wo jetzt Unterwiesenthal steht, war sonst nichts zu sehen, als ein finsterer, dicker Wald. Daselbst legten böhmische Fuhrleute auf einer grasreichen Wiese und nicht weit von dem roten Hammer einen Heuschuppen an, um nach Überschreitung des Gottesgaber Passes an diesem Orte immer Futter für ihr Vieh zu finden. Bei dem Heuschuppen aber stand eine hohle Fichte, in welche sie zum Schutze ihres Schuppens ein Kreuz mit dem Christusbilde aufstellten. Man nannte es den »gestempelten oder gestümmelten Christus«. Um die Fichte herum aber ist das Gras samt dem roten Klee aufs schönste wie auf einer grünen Wiese gewachsen. Als darauf das Städtchen Unterwiesenthal, dem erst später die Anlage von Oberwiesenthal folgte, gegründet ward, erbaute man an dem Platze, wo die Fichte gestanden hatte, eine Kapelle, nach derem Verfalle die Unterwiesenthaler den Neudörflern die daselbst befindlich gewesene Glocke unter der Verpflichtung liehen, sie ihnen zu gewisser Zeit wieder auszuhändigen. Später gaben die Herren von Schönburg, welche Besitzer des Grundes und Bodens waren, den Gerichten von Unterwiesenthal ein Siegel, und sie nahmen in dasselbe zur Erinnerung an den Ursprung des Ortes ein Kreuz auf, welches auf beiden Seiten und auch unten mit etlichen Kleeblumen versehen ist.
688. Der Marienaltar im Hirschgrunde bei Abtei-Lungwitz.
(Gumprecht, Lindenblätter v. Oberlungwitz, Zwickau, 1863, S. 17 u. 18.)
Auf der sogenannten heiligen Wiese im Hirschgrunde bei Abtei-Lungwitz stand einst ein der Jungfrau Maria geweihter Altar mit einem wundertätigen Marienbilde, das zahlreiche Gläubige an sich lockte. Wenn dieselben die von den Mönchen des Klosters Grünthal gehaltenen Messen angehört hatten, besuchten sie die Märkte in Lungwitz, welche unter den »Linden«, die einst bei der jetzigen alten Post standen, abgehalten wurden. Der alte Weg, der vom Dorfe zu der heiligen Wiese führte und den die Wallfahrer ziehen mußten, hieß damals die Vorlage und besteht teilweise noch heute unter dem Namen »die Vorel« oder »Vurel« in der Nähe der jetzt Rügerschen Grundstücke in Abtei-Lungwitz.
Auf dem Turme der Oberlungwitzer Kirche befindet sich noch eine uralte Glocke, die wahrscheinlich aus irgend einem Kloster stammt und seiner Zeit an die alte Lungwitzer Kapelle abgegeben worden ist, und zwar vorzugsweise mit zu dem Behufe, um bei den Wallfahrten nach der heiligen Wiese gelauten zu werden. Nach einer alten Tradition hat man stets mit dem Läuten der Glocken auf der Lungwitzer Kirche begonnen, wenn die Wallfahrtsprozessionen bei dem Marienbilde im Hirschgrunde angekommen waren, und es hat überhaupt dieses Bild dort an dem Orte gestanden, von wo aus die Oberlungwitzer Kirche am besten zu übersehen war, um während des Lesens der Messe u. s. w. die erforderlichen Zeichen zum Anschlagen oder Lauten der Glocken vom Platze aus hinüber nach dem Turme geben zu können.
689. Das Goldschiffchen in der Kirche zu Ebersdorf.
(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O., No. 560.)
Unter den Reliquien der Kirche zu Ebersdorf befindet sich ein Schiffchen von Holz, welches aus dem 14. Jahrhundert stammt und bei folgender Gelegenheit dort aufgehängt worden ist. Ein gewisser Junker Wolf von Lichtenwalde (?) war ins gelobte Land gezogen, um dort gegen die Sarazenen zu kämpfen; er hatte alle Gefahren und Anstrengungen des Krieges glücklich überwunden und kehrte jetzt mit Schätzen beladen nach seinem Vaterlande zurück, wo ihn eine liebende Braut erwartete. Siehe, da begab es sich, daß das Schiff, auf dem er nach Venedig segelte, von einem furchtbaren Sturme überfallen ward; keine Geschicklichkeit des seekundigen Kapitäns, noch die übermenschlichen Anstrengungen der Mannschaft vermochten dem Andrange der wütenden Elemente zu widerstehen und jeder sah dem Untergange des Schiffes in nächster Zeit entgegen. Da sank der sonst so mutige Kreuzfahrer in wilder Verzweiflung auf die Knie und gelobte der heiligen Jungfrau zu Ebersdorf, daß, wenn sie ihn aus dieser Todesnot befreien und glücklich in sein Ahnenschloß zurückkehren lassen werde, er ihr ein Schiffchen ganz mit gutem Gold gefüllt als Opfer darbringen wolle, und solle er auch sein ganzes Eigentum dabei aufwenden. Und siehe, fast augenblicklich legte sich der Sturm, die Wogen glätteten sich und ein günstiger Wind trieb das Schiff schnell und glücklich in den sichern Hafen. Der Ritter vergaß aber nach seiner glücklichen Heimkehr sein Gelübde nicht, er ließ von einem geschickten Künstler ein Schiffchen anfertigen, füllte es mit Gold an und hing es zum ewigen Andenken in der Kirche zu Ebersdorf am Altare der hl. Jungfrau auf. Zwar hat die Lichtenwalder Gutsherrschaft nach der Reformation sowohl dieses Gold als auch alle andern Kostbarkeiten und Nutzungen der Kirche an sich genommen, nachdem sie die Verpflichtung eingegangen war, dieselbe in allen Baulichkeiten zu unterhalten, ja, sollte sie einmal abbrennen, ohne Zuthun der Gemeinde und des Kirchenärars aus ihren Mitteln wieder aufzubauen, allein das Schiffchen ist heute noch zu sehen.
690. Die Geißelsäule in der Schloßkirche zu Chemnitz.
(Richter, Chron. v. Chemnitz I, 1767, S. 85.)
Im Jahre 1738 wurde in der Schloßkirche zu Chemnitz eine Geißelsäule wieder aufgerichtet, welche einige Jahre da gelegen hatte. Dieselbe befand sich vorher in dem sogenannten Geißelsaale nahe bei der Kirche und war aus einem Eichenbaume oder einer Linde gearbeitet. Die Sage erzählte, daß der Baum unten aus der Erde aufgewachsen und durchgeführt worden sei. Aus diesem ist nun durch die Bildhauerkunst eine Säule zugerichtet und an derselbigen, ohne Zuthun anderen Holzes, die ganze Geißelung Christi in Lebensgröße im ganzen ausgehauen worden. Dieses Kunstwerk haben viele hundert Personen von Fremden und Einheimischen jährlich zur Sommerzeit beim Spazierengehen ehedem besichtiget.
691. Der Hauptaltar in der Kirche zu Annaberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang. No. 23.)
Der Hauptaltar in der Annaberger Kirche besteht aus lauter italienischem und griechischem Marmor und ist von Meister Adolf in Augsburg verfertigt worden. Man erzählt davon folgende Sage:
Ulrich Mengemeyer, ein reicher Bürger zu Augsburg, hatte sich mit Andreas Tuchern, einem böswilligen Ratsherrn, verfeindet, und ward durch dessen heimtückische Nachstellung bewogen, seine Vaterstadt zu verlassen. Er wandte sich nach Annaberg, wo er schon seit längerer Zeit viele Kuxe an sehr gesegneten Fundgruben hatte, und ward Bürger daselbst, in der Meinung, vor Tuchers Verfolgungen nunmehr sicher zu sein. Aber er irrte. Am Freitag vor Pfingsten 1514 ward er auf dem Wege zu seinem Freunde, dem Guardian des Franziskanerklosters, von zwei Meuchelmördern überfallen und erstochen. Die Mörder flohen zum Frohnauer Thore hinaus nach dem Schreckenberge hin. Der eine aber, Wilwald Dyrmann, den sein wüstes Aussehen und das Blut an den Händen verriet, wurde im Thale von einem Bergmann festgehalten und nach der Stadt zurückgebracht; der andere, Hansel Unger, ward auch bald nachher in Pirna eingefangen und in Ketten nach Annaberg geführt. Im Verhöre sagte Dyrmann aus, Andreas Tucher habe ihn durch seinen Vetter, Philipp Weisenburgern, einen armen Edelmann im Dienste der Stadt Augsburg, zu diesem Meuchelmorde für 400 fl. dingen lassen. Deshalb ward sogleich an den Augsburger Rat geschickt und Weisenburgers und Tuchers Auslieferung gefordert. Aber Weisenburger nahm die Sache allein auf sich und schrieb an den Rat zu Annaberg, er habe gute Sache an Mengemeyern gehabt und allein, ohne Tuchers Geheiß, Dyrmann zu dieser That bewogen; darum möchten sie dem das Lehen schenken. Zugleich war Weisenburger aus Augsburg entwichen. Tucher schickte einen Sachwalter nach Annaberg, der ihn vollends rechtfertigte. Dyrmann und Unger aber wurden am Freitag nach St. Anna 1511 durch das Rad hingerichtet. So war die Sache mit dem Rate zu Annaberg beigelegt. Herzog Georg von Sachsen aber ließ es nicht dabei bewenden, sondern verklagte die Reichsstadt Augsburg beim Kaiser, und obgleich der Augsburger Rat sich vielfach entschuldigte, so ward doch auf dem Reichstage dahin entschieden, daß die Stadt Augsburg wegen verletzten Gottesfriedens der Hauptkirche zu Annaberg einen marmornen Altar verehren solle. Und dies geschah auch.
So erzählt die Sage. Geschichtlich glaubwürdige Nachrichten aber sagen, dieser Altar sei von den Annabergern, welche sich damals des reichsten Bergsegens erfreuten, mit 2551 fl. bezahlt worden, und Herzog Georg der Bärtige habe selbst 1000 fl. von seinem Grubenanteil abgegeben.
692. Die Domkanzel in Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 134.)
Die Sage erzählt, daß in dem Dome in Freiberg ein Meister und sein Geselle jeder eine Kanzel gebaut habe, die des Gesellen aber besser geraten sei. Darüber sei der Meister so zornig geworden, daß er den Gesellen erschlagen habe. Noch jetzt kann kein Geistlicher auf des Gesellen Kanzel wegen jener Greuelthat predigen.
693. Der Donatsturm zu Freiberg.
(Curiosa Sax., 1736, S. 171. Darnach Gräße, Sagenschatz, No. 286. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 275.)
Auf dem sogenannten Donatsthore in Freiberg befindet sich ein runder und sehr starker Turm, dessen Mauern 9 Ellen dick sind und den angeblich die Bergleute, so jeder nur einen Pfennig von seinem Solde abgegeben, haben erbauen lassen. Wenn man um die Stadt Freiberg herumgeht, so sieht man, wenn man vom Erbischen Thore nach dem Donatthor zugeht, einen kleinen viereckigen Wachtturm, hinter den sich, sobald man demselben gleichsteht, der große Donatturm verkriecht, also daß man an solchem nichts mehr als den Knopf von der oben darauf stehenden Fahne sehen kann, trotzdem daß der große Turm mehr als einmal so hoch ist, als der nächst vorstehende Wachtturm.
694. Der Marterturm auf Hassenstein.
(Fr. Bernau in der Comotovia, 5. Jahrg., S. 85.)
Auf der Nordseite der Burg Hassenstein steht, einige hundert Schritte von dieser malerischen Ruine entfernt, im dichten Walde ein hoher, geräumiger Turm, von dem umwohnenden Landvolke insgemein der »Marterturm« genannt. Der Sage nach wurde dieser Turm von einem der ersten Hassensteiner Burgherren für gefallene Mädchen und ihre Verführer gebaut. Doch es geschah, daß die Tochter des sittenstrengen Besitzen die erste schuldige war, und deshalb in den Grund des Turmes eingemauert, ihr Verführer aber vor dem Turme enthauptet wurde.
695. Der Mohr im Schlosse zu Nossen.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 347.)
In einem der Zimmer des Schlosses zu Nossen befand sich sonst ein Gemälde, auf dem ein Mohr vorgestellt war, der in einer Wanne saß. Den scheuern zwei Bademägde mit Katzenzagel und Sandhadern recht nachdrücklich, also daß ihnen der Angstschweiß über die Wangen läuft, können aber doch kein weißes Fleckchen an seiner Haut entdecken, wie die darunter stehenden Reime bezeugen:
Wir waschen ihn mit ganzem Fleiß, Noch will der Mohr nicht werden weiß.
696. Die Tabakstanne zwischen Thalheim und Stollberg.
An der Straße, welche von Thalheim nach Stollberg führt, steht auf der Höhe im Walde eine Restauration, »Tabakstanne« genannt, die ihren Namen von einer alten Tanne hat, in welche Handwerksburschen vor alter Zeit folgenden Reim schnitten:
»Sieh' hier, mein lieber Wandersmann, Ist die Forst- und Tabakstann', Setz' dich nieder, ruhe aus Und rauch' dein Pfeifchen Tabak aus.«
In der Neuzeit ist an die Stelle der alten wurmstichigen Tanne eine junge gepflanzt worden, an der sich eine Tafel mit folgender Inschrift befindet:
»Sieh' hier, mein lieber Wandersmann, Verjüngt die alte Tabakstann', Bedenk' dabei die goldne Lehr': Das Neue prüf', das Alte ehr'.«
697. Die Eichen bei Callnberg.
(Nach Ziehnert bei Gräße a. a. O., No. 475.)
In Callnberg bei Lichtenstein, wo Kunz von Kauffungen die Gartenleitern (lederne Leitern mit Holzsprossen) für den Prinzenraub fertigte – der Ort gehörte seinem Vetter Dietrich – stehen noch heute ohngefähr 200 Schritte vom Rittergute an der Straße von Waldenburg nach Lichtenstein zwei sehr alte, jedoch nicht schön gewachsene Eichen, von denen man sagt, daß sie zum Andenken an den Prinzenraub gepflanzt worden sind. Die Scheune, in welcher jene Leitern angefertigt wurden, ist längst zerstört, der Platz aber mit einer Gedenktafel bezeichnet, deren Schrift mit der Zeit unleserlich geworden. Diesem Mangel wurde später durch folgende Inschrift abgeholfen:
Hier knüpfte Leitern der Teufelskerl Kunz Kaufung, zu rauben des Landes Perl. Hans Schwalbe dazu ihm war bereit, Gelobt sei Gott in Ewigkeit.
698. Die Sagen von der Schloßkirche zu Chemnitz.
(Hist. Nachricht von den Denkwürdigkeiten der Stadt Chemnitz, 1734, S. 24. Gräße, Sagenschatz etc., No. 497, nach Curiosa Sax. und Ziehnert.)
Auf dem Pflaster der Schloßkirche zu Chemnitz sieht man einen dunkeln Fleck, der daher rührt, daß einst ein Mönch, der sich bei einer dort gehaltenen Himmelfahrtskomödie an der Maschine, die zum Hinaufziehen in ein oben befindliches Gewölbe oder Herablassen aus diesem diente, hinaufziehen ließ, im Herabfallen zu Tode stürzte. In derselben befindet sich auch das Bild des Abtes Hilarius, der dieselbe etliche Jahre vor der Vertreibung der Mönche hatte reparieren lassen. Dieses Bild darf aber von niemandem geneckt oder von seinem Orte weggenommen werden, wenn dem Thäter kein Unglück begegnen soll, wogegen es einst einer Hausmagd, die es hübsch gesäubert, diesen Dienst mit einem alten Thaler gelohnt hat.
Von den aus Stein gehauenen Bildern im alten Portal der Kirche wird gesagt, daß dieselben ein alchemistisches Geheimnis bedeuten sollen, und man zeigte auch das Gewölbe, in dem die Mönche Alchemie betrieben.
Ebenso sah man früher den Eingang zu der Höhle, durch welche die Mönche unvermerkt aus dem Kloster und absonderlich in das Minoritenkloster in der Stadt, bei welchem ein ähnlicher Gang unter der Erde gefunden worden war, hätten kommen können.
699. Das zürnende Steinbild in Nossen.
(Alfred Moschkau in der Saxonia II, S. 107.)
Im Keller des Hauses dicht neben dem Gasthofe zum Stern am Markte in Nossen soll ein altes, aus dem Kloster Altzella stammendes Steinbild eingemauert sein. Vor ihm haben sich, des zürnenden Blickes wegen, welches das Bild oft machte, die Dienstboten des Hauses so gefürchtet, daß es erst ohnlängst verblendet werden mußte.
700. Der Frau-Mutterstuhl zu Oberforchheim.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, 495.)
Auf dem alten Schlosse Oberforchheim am Haselbache, an der Straße von Freiberg nach Annaberg, stand bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Oberboden in einer Kammer ein alter Großvaterstuhl, den hieß man der Frau Mutter Stuhl und auf diesem lag eine hölzerne Statue, die aber sehr stark vergoldet war, und ein kleines Männchen vorstellte. Diese zwei Gegenstände kannte jedermann im Schlosse und im Dorfe, und alle hatten eine gewisse heilige Scheu vor denselben, denn man sagte, sie seien die Palladien des Rittergutes, und wenn jemand den Stuhl von seiner Stelle rücke oder das Männchen angreife und in eine andere Lage bringen wolle, der werde dafür schwer von demselben gezüchtigt. Da diente um diese Zeit auf dem Hofe ein Knecht, der sich vor dem Teufel nicht fürchtete und einst in seiner Vermessenheit sich gegen seine Mitdiener rühmte, er wolle doch sehen, ob ihm etwas geschehen werde, wenn er sich an dem Stuhle vergreife. Darauf ging er also hinauf, schob den Stuhl weg und gab dem alten Männchen einen Backenstreich; allein die Strafe blieb nicht aus, denn noch in derselben Nacht legte sich dasselbe im Bette auf ihn als schwerer Alp und drückte ihn bis es Tag wurde, in der nächsten litt es ihn ebenso wenig und in der dritten warf es ihn gar aus dem Bette heraus. Nun ward er zwar ängstlich, rückte auch den Stuhl wieder an seinen alten Platz, allein der Geist war auf immer seiner alten Wohnung abhold, denn er zog auf und davon. In den darauf folgenden Tagen brannte das ganze Rittergut ab, und so viel man sich auch Mühe gab, den Stuhl und das Männchen zu retten, das einstürzende Dach begrub beide unter seinen Trümmern und als man dieselben abräumte, war nichts mehr von ihnen übrig.
701. Das Schächerhäusel bei Geyer.
(Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen etc., 1. Band, Schneeberg, 1750, S. 31.)
An der Landstraße bei Geyer stand ehemals das sogenannte Schächerhäusel, welches aus einem gemauerten Schwibbogen, so mit Schindeln gedeckt und vornen mit Staketen verwahret war, bestand; darin befanden sich drei Kreuzbilder. Dieses Schächerhäusel war wohl ein Überbleibsel des Papsttums, doch erzählte man, es diene dazu, die Reisenden vor dem Bergabgrunde, sowie vor Irrwischen und Berggeistern zu warnen.
702. Die St. Blasiuskirche zu Niederzwönitz.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 43.)
Diese kleine, nahe bei der Stadt Zwönitz gelegene Kirche, in welcher nur noch bei Begräbnissen und wenigen Festtagen gepredigt wird, soll ein Hufschmied aus Niederzwönitz zur Strafe getriebener Sodomiterei haben erbauen müssen. Zum schmachvollen Gedächtnis des Gründers hängen inwendig über der Thüre an einem Brette fünf vergoldete Hufeisen; fünf, weil er sein Verbrechen fünf Jahre lang soll getrieben haben.
Hufeisen kommen oder kamen an und in vielen Kirchen, z. B. an der Nikolaikirche zu Leipzig, in Nürnberg, Tangermünde etc., und zwar besonders an den dem heil. Nikolaus geweihten vor und das Volk verbindet damit verschiedene Sagen. So ist auch ein solches Eisen an der Domkirche in Wexiö in Schweden aufgehangen; dasselbe soll Odhins Roß Sleipnir verloren haben, als es beim ersten Geläute der ersten christlichen Messe einen gewaltigen Schlag gegen einen Felsen führte. Wo sich Hufeisen an und in den Kirchen finden, deuten sie vielleicht auf einen einst an demselben Platze gestandenen Tempel Wuotans hin. Die christlichen Bekehrer gestatteten, daß dieses Heilszeichen (nach einem noch heute weitverbreiteten Glauben bringt ein gefundenes Hufeisen Glück) dann an der Kirche aufgehangen wurde, um dem Volke wenigstem etwas von dem gewohnten Kultus zu lassen.
In den Nikolaikirchen bezieht sich das Hufeisen auf den heiligen Nikolaus selbst, der an die Stelle Odhins trat und als geharnischter Reiter gedacht wurde. In anderen Kirchen zeigte dieses Eisen vielleicht an, daß sich bei denselben eine Gesellschaft in »Not und Tod« befand, welche die an der Pest Gestorbenen bestattete und ihren Stifter, den Bischof Elegius, welchem das Hufeisen heilig war, als ihren Schutzheiligen betrachtete. (Schäfer, Deutsche Städtewahrzeichen, 1858, S. 23.)
703. Das wandernde Haus in Zinnwald.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl. Pros. Nachtrag, No. 2.)
In sächsisch Zinnwald steht (?), ohngefähr fünfzig Schritt von der Grenze entfernt, ein kleines hölzernes, von einem Bergmanne bewohntes Häuschen, an dessen hintern Deckbalken in der Stube folgender Vers eingeschnitten ist:
Ich bin nun auf Sachsen Boden, Gott Lob, weil mich mein Wirth, Hans Hirsch, aus Böhmen rüber schob. 1721.
In den Jahren 1716 bis 1728 wurden nämlich die protestantischen Einwohner Böhmens ihrer Religion wegen hart verfolgt und sogar gezwungen, entweder zur katholischen Kirche überzutreten oder das Land zu verlassen. Wenige thaten das erstere, die meisten wanderten nach Sachsen aus. Unter letzteren war auch ein Bergmann, mit Namen Hans Hirsch. Er hielt fest an seinem Glauben und besann sich deshalb keinen Augenblick, was er thun solle; aber sein Häuschen, welches ohnweit der Grenze stand, hätte er gern mitgenommen. Darum beriet er sich mit seinen Freunden und Gevattern und endlich hatten sie's erklügelt. Das Häuschen ward auf Walzen gebracht und bei Nacht und Nebel glücklich nach Sachsen herüber gepascht auf den Fleck, wo es jetzt noch steht. Zum Andenken schnitt Hirsch obige Schrift in den Balken ein.
704. Die unterirdische Verbindung des Schlosses Wildenfels mit benachbarten Schlössern.
(Mündlich.)
Es wird erzählt, das Schloß Wildenfels habe in alter Zeit durch unterirdische Gänge mit Stein, sowie mit Wiesenburg, welches früher ein Raubschloß gewesen sein soll, in Verbindung gestanden. Ebenso soll ein Gang von dem Schlosse nach einer Burg geführt haben, deren Ruinen man noch vor Jahren in der »Loh«, einem sumpfigen Walddistrikte bei Schönau sah. Auf einen der Gänge ist man vor mehreren Jahren unter einem am Teichplatze des Städtchens Wildenfels gelegenen Hause gestoßen; man hat darin aber weiter nichts gefunden, als eine alte Grubenlampe.
705. Der Judenborn zu Sayda.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, 1847, S. 21; z. T. mündlich.)
Zum schnellen Anbau Oederans trug das nahe Freiberg mit seinem Silbersegen sehr vieles bei. Besonders waren es Eisenarbeiter, deren Arbeit und Erzeugnisse dem Bergbaue daselbst nötig waren, welche Oederan im Anfange bevölkerten. Für die Oederaner Ansiedler wurde zu dieser Zeit ein sogenannter Silberjude, der seine Wohnung im jetzigen Rathause hatte, der Mäkler und Gläubiger. Denn er lieferte die Silberstangen Freibergs größtenteils in das Oederaner Kloster, wo das Silber geschlagen und nach Nürnberg und Böhmen verpascht wurde, woraus man großen Gewinn zog und wobei man sich aber um die Unterstützung der Bewohner sehr wenig kümmerte. Nun zogen jener Jude und einige Mönche (es soll im Jahre 1236 gewesen sein) mit einem starken Silbertransport über Sayda nach Böhmen. Die erbitterten Oederaner schlichen ihnen bis Sayda nach, vereinigten sich dort mit den Bewohnern und besonders mit der Besatzung des dortigen Schlosses, überfielen und plünderten die ungetreuen Haushalter, schlugen den Juden tot und warfen ihn in einen Brunnen, welcher deshalb der Judenbrunnen genannt wurde.
Noch zeigt man am Gasthofe zum Bade in Sayda den Judenbrunnen. Nach einer anderen Überlieferung erinnert derselbe, ebenso wie eine Wiese, welche der Judenkirchhof genannt wird, an die alte Judenvorstadt, welche außerhalb der alten Stadtwälle etwas unterhalb des Judenkirchhofes auf einer Wiese lag, die jetzt noch den Namen »Flecken« trägt. Als im Jahre 1465 die Stadt abbrannte, wurde die Judenstadt nicht wieder aufgebaut, weil man den Juden die Schuld an dem Brande beimaß.
Man hat den Namen der Stadt und Burg Sayda (urkundl. Saydow, Seydowe) vom slavischen sid, der Jude, Adj. sidowy abgeleitet. Immisch (die slav. Ortsnamen im Erzgebirge, Programmarb., Annaberg, 1866) stimmt dem jedoch nicht bei, sondern hält die Ableitung vom slav. sad, die Anpflanzung, der Garten, für richtiger. Er meint, daß vor den Juden die Slaven eine Ansiedelung gründeten, mit der Zeit sei aber aus sadowy, d. h. die zur Ansiedelung Gehörigen, saidow, seidow, Sidow geworden, welche letztere Form sehr gut wegen der Ähnlichkeit mit Zidow, Judenstadt, verwechselt werden konnte.
706. Der Mühlgrabenstollen bei Schloß Scharfenstein.
(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgeb. Dresden, 1847, S. 299. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 591.)
Vom Fuße des Schloßberges Scharfenstein schiebt sich eine schmale, niedrige, kaum 10 Meter hohe Felsenrippe weit in das Thal hinein. Durch dieselbe wird die Zschopau genötigt, eine beinahe wieder zurücklaufende Krümmung zu machen und das Thal im weitesten Bogen an seinem äußersten Rande zu umkreisen. Bereits im 16. Jahrhunderte wurde ungefähr in der Mitte dieser Felsenbank ein 30 Meter langer Stollen durch dieselbe gebrochen, um das Flußwasser mit recht viel Fall zu der jetzt Fiedler-Lechla'schen Spinnerei zu leiten. Im Jahre 1834 wurde derselbe erweitert, was später noch einmal geschah.
Die Sage erzählt nun über die Entstehung dieses Stollens folgendes: Nach dem dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern Scharfensteins wie anderwärts Räuber und Wildschützen, welche sich meist aus den entlassenen Söldlingen rekrutierten, umher. Ein Herr von Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern, und es gelang ihm auch endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr zögerte nicht, diese Strafe auch über die beiden gefangenen Raubschützen verhängen zu lassen. Dieselben sollten auf einen starken lebenden Hirsch, den man zu diesem Behufe eingefangen hatte, gebunden und dann ihrem weiteren Schicksale überlassen werden. Das war einen zehnfachen Tode gleich zu achten, denn man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere ihre schreckliche Last, zerfleischt und doch noch lebend mit sich herumschleppten. Als den beiden Missethätern das Urteil verkündigt worden war, erkannten sie sofort dessen furchtbare Bedeutung und sie flehten um Gnade. Den älteren von ihnen durchzuckte ein rettender Gedanke und er sprach zum Schloßbesitzer: »Gnädiger Herr, wir sind Bergleute unserem Berufe nach, und in diesem Fache gar wohl erfahren. Schon früher ist uns der Wunsch nahe gelegt worden, einen Stollen vom Wasserspiegel der Zschopau aus zu treiben, damit eine Wassermühle im Dorfe, an der es jetzt so sehr fehlt, angelegt werden könne. Erlaßt uns nur die furchtbare Strafe des Hirschreitens, und zur Sühne unserer Thaten machen wir uns anheischig, den besagten Stollen durch den hohen Felsen in Zeit von drei Tagen und drei Nächten zu treiben und zwar nur mit Schlägel und Eisen.« Der Schloßherr ging nach kurzer Überlegung auf den Vorschlag ein, und die beiden Verurteilten begannen sofort ihr schweres Werk. Es wurden ihnen Leute gestellt, welche die nötige Handreichung thun mußten, und genau nach Verlauf der ausbedungnen Zeit war der Stollen fertig. Die Wildschützen freilich waren vor Erschöpfung dem Tode nahe; halb entseelt lagen sie neben dem Stolleneingange. Doch erholten sie sich und der Ritter vom Scharfenstein hielt sein Wort und schenkte ihnen Freiheit und Leben.
Erzählt wird, daß der berüchtigte Raubschütz Carl Stülpner, Ende des 18. Jahrhunderts, ein Nachkomme des einen der Begnadigten gewesen sein soll.
707. Des Keglers Pflaster in Schneeberg.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 1008.)
Im Jahre 1493 ist ein Schneeberger, namens Kegler, bestraft worden, weil er schmählich und leichtfertig von dem schneebergischen Frauenvolk geredet hatte, daß er alle frommen Weiber auf einem Karren vom Schneeberg führen wollte. Auf diese Rede hin, und weil er insgemein von den Frauen nichts gutes gesprochen, ist er gefänglich von den Gerichten eingezogen und ihm darauf zur Strafe auferlegt worden, daß er die große Pfütze zwischen dem Schnee- und Claußberge, da, wo jetzt das Rathaus steht, ausstürzen, und pflastern lassen solle. Trotz seiner Beschwerde wurde diese Strafe auch vom Herzog Georg bekräftigt. Das Pflaster aber, zu dem er über hundert Fuder Steine haben mußte, wurde lange Zeit nachher noch des Keglers Pflaster genannt.
708. Die übermütige Rede eines Schneeberges wird bestraft.
(Mündlich.)
Unter den reichen Verzierungen in Steinmetzarbeit, womit das früher Trebra'sche Haus in Schneeberg ausgezeichnet ist, befindet sich auch als eine Art Wahrzeichen ein Kopf mit einer heraushängenden Zunge. Von dem Erbauer des Hauses, einem gewissen Bortenreuter, aber wird erzählt, daß derselbe seinem Vater, als ihm solcher einst Vorstellungen wegen des übermäßigen, an dem Hause angebrachten Luxus machte, in seinem Hochmute geantwortet habe, er sei so reich, daß er dies und noch mehr thun könne, er könne sogar die ganze Zobelgasse mit preußischen Thalern pflastern. Worauf ihm der Vater antwortete: »Du wirst es noch so weit bringen, daß Dich einmal in Deiner Armut die Läuse fressen!« Und so, wie es der Vater prophezeit, ist es endlich auch gekommen.
709. 1500 Gulden geben einen silbernen Löffel und einen kupfernen Fischkessel.
(Meltzer, Historia Schneebergensis, S. 1165.)
Zu der Kipper- und Wipperzeit, welche 1604 auf der Ostermesse in Leipzig ihren Anfang nahm und 1623 ihren Höhepunkt erreichte, so daß ein ganzer Reichsthaler 10 Gulden, ein rheinischer Gulden 13 fl. und ein Dukaten 17 Gulden gegolten, hat einer von Adel 1500 Gulden dieses leichten Geldes, nachdem es gefallen, beisammen gehabt, und da er noch die Unkosten darauf gewendet und das Silber und Kupfer von einander scheiden lassen, hat er nur so viel gehabt, daß er einen silbernen Löffel und einen kupfernen Fischkessel daraus hat machen lassen können.
710. Üppiges Leben in den Bergstädten wird mit Verarmung bestraft.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 912 und 920.)
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts sollen einige Fundgrübner zu Neustädtel, die Meerbicken genannt, in ihrem Leben eine solche Pracht und sonst großen Überfluß im Essen und Trinken entfaltet haben, daß sie sich im Bade die Füße mit gebehetem Brot und Malvasier reiben ließen. Sie sind aber in kurzer Zeit so verarmt, daß sie zum Bettelstab greifen mußten und einer von ihnen in Neustädtel vor der Kirche um Almosen bat.
Ebenso ist auch von einem Fleischer, Nikol von Kirchberg, erzählt worden, daß er sich mit seinem Weibe in Malvasier gebadet habe, daß er aber später deswegen die äußerste Armut habe erfahren müssen. Dasselbe Schicksal traf auch einen Wolf Meyer, welcher sich in guter Zeit mit seinem Weibe in Rheinwein badete.
In Annaberg lebte eine vom Bergwerk sehr reich gewordene Frau, die unter anderer Verschwendung sich nicht nur in Wein gebadet, sondern auch ein Stückchen Landes, worauf Erdbeeren wuchsen, mit Malvasier begießen ließ. Als diese Frau hernach bettelarm geworden, sagte sie, sie danke Gott, daß er sie arm gemacht, denn sie würde sonst wenig an ihn gedacht haben.
711. Eine Vogelbirne wird um 1500 Gulden verkauft.
(Meltzer, Hist. Schneeberg., S. 904.)
Daß man eine »Hengel-« oder »Vogelbirne« zu Schneeberg um 1500 Gulden verkauft, ist also zugegangen: Einer hat dem andern für eine solche Birne ein Stückchen Barchent, diesem ein anderer für den Barchent eine Nachtigall, und diesem wieder ein anderer für die Nachtigall einen Kux auf dem Gegentrum des Fürstenvertrager-Ganges, welcher anfangs nicht groß geachtet worden, gegeben. Und da der Kux so herrliche Ausbeute und zwar an die 1500 Gulden gebracht, hat man die Vogelbirne und die Ausbeute mit einander verglichen.
712. Billig verkaufte Häuser in Schneeberg.
(H. Jacobi, Schneeberg, Ein Gedenkblatt zur 400jährigen Jubelfeier, 1881, S. 71.)
Von dem jetzigen Meichßner'schen Hause, Ecke des Marktes und Topfmarktes, erzählt man, daß eine Figur an der Marktecke ein Männlein mit 2 Broten, eins auf dem Kopfe und eins unter dem Arme vorstelle, was auf den Verkauf des Hauses um diesen Preis in der Teurung 1772 hindeuten soll. Ähnliches wird von dem ehemals Trebra'schen Hause berichtet, welches 1792 von einem Klöppelmädchen für 25 Thaler verkauft worden sein soll. Von dem Meichßner'schen Hause erzählt man übrigens noch, daß es jedesmal im Innern gespukt habe, wenn man das Bild an der Ecke entfernte, daß der Spuk aber wieder aufhörte, sobald die Figur an ihre alte Stelle gebracht wurde.
713. Historia, wie Silberz in Holz gewachsen.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica, 1590, S. 80.)
Wie auf der St. Lorenz-Zeche zu Abertham eine Bergfeuchtigkeit aus einer Strossen gesintert und darunter das Liegende in den Strecken übersilbert und in den Klunsen des Trag-Tempels oder Kappen und Strauben »zeenicht Silber« gewachsen, da das Holz nicht viel über 20 Jahre im Berge gelegen, beschreibt Matthesius in seiner Sarepta mit diesen Worten: »Ich will euch eine wunderschöne Berghistorie sagen, von gediegenem Silber, das in St. Lorenz-Fundgrube auf dem Abertham innerhalb 20 Jahren in einem Stempel gewachsen und dies laufende 1556 Jahr aus der Grube gekommen ist.
Da sich der Steiger auf dem St. Lorenz in der Zeche umsiehet, wird er in einer Strecke gewahr, daß sich eine weiße »geharschte Art« im Liegenden, wohl halb Orts hoch angelegt hat, die sahe aus, als wäre das Gestein überzinnt. Solche sticht er ab und findet »in der Sicherung« weiß Silber, als wenn es von einem Thalergroschen abgefeilet worden wäre, und da er's probieren ließ, hielt es bis 17 Mark. Wie er sich aber umschauet, wann es dahin gesintert sei, wird er seiner gewahr in der First, daß es getropft sei aus einem schwebenden Feld, das oben und unten, hinten und vorn verfahren, welches nur seine Bergfeste noch hatte, kaum drei oder vier Spannen dick, und siehet, daß eine weiße Guhr oder molkenfarbiges Wasser erstlich auf den Stempel »gesiegen oder gesiefert«, und aus dem Stempel in das »Bunloch« geronnen, hernach im Liegenden herabgeflossen und sich allda »geliefert,« angelegt und »erherscht« hatte. Wie er aber den Stempel ausschlägt, findet er in »Strauben« und Spalten gediegen und »zänicht« weiß Silber, drein sich Haken schneiden ließen.«
714. Reiche Ausbeute zu Mildenau.
(Chronica der fr. Bergstadt St. Annaberg, II., 1748, S. 36.)
Das Oberdorf von Mildenau hat wegen guter Ausbeute aus den vielen daselbst befindlichen Bergwerken »Reichenau« geheißen, daher auch noch hier bekannt, daß die Marktstraße der Oberdörfer nach Annaberg die Reichenauer Straße genannt wurde. Man soll vor Zeiten mit so großer Ausbeute begnadigt worden sein, daß die 12 Apostel in Lebensgröße aus Silber hergestellt wurden, welche darauf nach Grünhain gekommen sein sollen.
715. Kostbarer Sand zum Häuserbau in Schneeberg.
(Meltzer, Historia Schneebergensis, S. 144.)
Von etlichen alten steinernen Häusern zu Schneeberg, als der Fundgrübner Haus, des Koithen Haus, Dietrich Kadmanns, Wolf Meiners und Jacob Selings Haus findet man dieses sonderliche, daß dazu solcher Sand kommen sein soll, der weit mehr als die Häuser wert gewesen, welches man aber vor der Zeit, ehe man die Siebarbeit und nasse Pochwerke gehabt, nicht verstanden.
716. Weshalb keine Hoffnung auf ergiebigen Bergbau da war.
(Meltzer, Hist. Schneeberg., S. 917.)
Am hohen Gebirge auf der Unruher Gang bei Neustädtel ist eine Zeche gewesen, die Hundsfliegen genannt. Der Schichtmeister hat geheißen Georg Rücker, und sein Vorstand Brosius Teuschel; der Steiger hat geheißen Simon Tod, der Häuer mit dem Zunamen Teufel, und der Junge Leckhänsel. Zur Zeit sind Nürnberger, so da gebauet, herein gekommen, und da sie alle diese Namen der Amt- und Arbeitsleute auf der Zeche gehört, hat einer unter ihnen gesagt: »Ei Lieber, es ist kein guter Name auf der ganzen Zeche, und kein anderer, als Hundsfliegen, Rücker, Teuschel, Tod, Teufel, Lecker; was soll man da für gute Hoffnung haben? Ich will hinfort nicht mehr bauen.«
Es hat auch ein vornehmer Mann auf etlicher Leute Angaben am Gleeßberge geschürft und einen schönen Gang entblößet und die darauf angelegte Zeche »auf der fruchtbaren Sara« genannt. Aber auf eine Zeit hat er seinem Eidam, einem berühmten und hochgelehrten Manne, auch einen Teil angeboten und geschenkt. Da derselbe aber von ungefähr der Zeche Namen gehört, hat er gesagt: »Mein lieber Herr Vater, ich komme wieder zurück mit meinem Kuxbauen, der Name hat eine so gar böse Bedeutung. Sara ist 90 Jahre alt geworden, ehe sie fruchtbar gewesen; sollte ich nun auch so lange warten, so würde mir die Zeit zu lange und ich nimmer da sein. Ich will mich hiermit freundlich bedanket haben.«
717. Silberhaltige Schlacken werden von der Mulde fortgeführt.
(Meltzer, Hist. Schneebergensis, S. 1164.)
Als im Angehen des Schneebergs die köstlichen Erze in großer Menge zu Zwickau an dem Orte, da der Holzanger ist, geschmolzen und sehr viel guter Schlacken in die Mulde gestürzt worden, welche dann, wenn sie angeschwollen, dieselben fortgeführt, hat sichs über demselben Schmelzen einstmals zugetragen, daß man aus Mangel der Fuhre in bösem Wetter und Wege eine ganze Woche kein Erz nach Zwickau geführt. Da man nun drinnen vermeinte, daß man noch länger in der Schmelzhütte kalt liegen müsse, ist in solchen Gedanken ein Schmelzer nach einem Regen hinaus auf einen Schlackenhaufen spazieren gegangen, und weil ihm die Schlacken, als wenn Silberflitzschen darauf lägen, in die Augen geschimmert, hat er dieselben genommen, durchgesetzt, und so die Tage über mehr Silber aufs neue, als je zuvor daraus gemacht. Da nun der Hauptmann oder Verwalter (andere wollen wissen, es sei Römer gewesen), welcher zu ihm gekommen, gefragt, woher das Silber käme, und er dessen, was sich begeben, berichtet worden, ist er mit dem Schmelzer auf die Knie gefallen und hat Gott um Verzeihung gebeten, daß den Gewerken und Fürsten so übel vorgestanden und die herrlichen Gaben Gottes so unnütze, jedoch wider sein Wissen, umgebracht, und so viel köstlicher Schlacken vom Wasser weggeführet worden wären.
718. Untergang der Höckendorfer Silberbergwerke.
(Ed. Gottwald in den Mitteilungen des K. S. Vereins für Erforschung und Erhaltung vaterländischer Altertümer, 13. Heft, Dresden, 1863, S. 52. – Merkels Erdbeschr. von Kursachsen, 2. B., 1804, S. 52. W. Clauß, Führer durch das Weißeritzthal, 2. Aufl., S. 33.)
Einst gab der Höckendorfer Bergbau, und besonders das aus acht zusammengeschlagenen Zechen bestehende Berggebäude Edle Krone ungewöhnlich reiche Ausbeute an Silber, bisweilen auch an Gold, das man hier und in der nahen Gegend in Stockwerken fand. Mehrere Stellen alter Grubenrisse sind mit dem Ausdruck: »Das ist der rechte silberne Mandelmann«, bezeichnet. Die Herren von Theler wurden infolge dieses Silberreichtums sehr übermütig. Ein Conrad von Theler aber, welcher wie seine Vorfahren den Pferden silberne Hufeisen aufschlagen und wo er ritt, Geld ausstreuen ließ, auch das Aufheben eines dieser etwa verloren gegangenen silbernen Hufeisen von seiten seiner Unterthanen verbot, damit man wisse, welchen Weges die Theler gezogen, soll am 9. Sonntag nach Trinitatis, am 25. August 1557, um es in seinem Hochmut dem Herzog Albrecht in der St. Georgszeche zu Schneeberg gleich zu thun, der Ritterschaft der Umgegend ein glänzendes Gastmahl in seiner reichen Silbergrube »Zur Edlen Krone« gegeben haben, in welcher die Knappen Tische und Bänke aus den edelsten Metallen gehauen und alles Geschirr der Tafel von gediegenem Gold und Silber gewesen sei. Als man nun tief unter der Erde in wilder Lust geschwelgt und sogar mit silbernen Kugeln nach silbernen Kegeln geschoben habe, da sei von Bärwalde her ein furchtbares Gewitter aufgezogen und habe sich unter orkanähnlichem Sturme mit Wolkenbrüchen über das Thal der wilden Weißeritz entladen und der über sieben Ellen hoch anschwellende Fluß habe sich mit solcher Macht in das offen stehende Stollenmundloch der Edlen Krone gestürzt, daß der Ritter von Theler mit all' seinen Gästen und Dienern da unten ertrunken und all' kostbares Geschirr und zur Prunkschau aufgestelltes Silbererz verschüttet und verschwemmt worden sei. Seitdem ist der dortige Bergbau nie wieder recht in Gang gekommen; daß er aber einst schwunghaft betrieben worden, beweisen eine Menge Stollenmundlöcher, beraste Halden, Überreste eines großen Kunstgrabens und von Pochwerken, große Schlackenhaufen und dergl. mehr.
Eine angebliche Urkunde erzählt, es seien von dem Stollenmundloche aus, vor welchem man die Küche errichtet, die Speisen auf silbernen Schüsseln in die Grube getragen worden, und die Aufwartung von den Bergleuten der Edlen Krone und anderer Werke geschehen. Bei dem Banket habe ein ganzes Chor Musikanten aufgespielt und der Überschuß der Grube, 35000 Thaler in Silber, sei auf der Gasttafel zur Schau aufgestellt gewesen. »Als nun die Herren sich wohl bezecht und besoffen, da sei ein sehr schweres Gewitter von Frauenstein herunter nach Bärwalde gezogen, welches denn die aufwartenden Bergleute gesehen und es den Schmaußenden in der Grube vermeldet, auch erinnert auszufahren, weil man nicht wissen könne, was der große Gott etwa verhängen möchte, haben darauf einige von den Sauf- und Freßbrüdern gottloser und frevelndlicher Weise geantwortet: »Sie wären in der Grube sicher genug, es möchte draußen zugehen, wie es wollte«. Da denn sogleich im Moment ein schrecklicher Wolkenbruch vor Bärwalde hernieder gefallen, auch ein rechtes Erdbeben erfolget, und die Weißeritz in einem Nu so plötzlich angeschwellet, daß das Wasser das Stollenmundloch gleich erreichet und darinnen hinuntergelaufen, so viel nur hätte hinein gekonnt. Was nun im Abteufen auf Arbeit gelegen, ist sogleich umgekommen, die aber oben auf dem Stollen bei der Fresserei gewesen, sind zu den Tageschachten hinausgefahren, da sind fast alle beschädigt worden, weil von der grausamen Erschütterung die Tonnenbretter und ganze Zimmerung in den Schachten ab- und losgeworden und den Auffahrenden entgegengekommen, und dies ohne großen Schaden nicht abgegangen.
So sind denn in wenigen Minuten die sonst im ganzen Lande so sehr berühmten Bergwerke zu Grunde gegangen. Das Silber, das ganze Silberservice, die Musik liegt bis zu dieser Stunde samt allen verunglückten Menschen in der Grube«.
Auch diese Mitteilungen sind nur Sage, denn die zuverlässigsten sächsischen Geschichtsschreiber des 16. und 17. Jahrhunderts erwähnen nichts von dem Gastmahle. Historisch ist wohl nur die Vernichtung der Bergwerke durch einen Wolkenbruch am 25. August 1557. Wahrscheinlich hielten die Ritter von Theler bei den damaligen nur geringen Hülfsmitteln die Wiederherstellung der ersoffenen Gruben für unmöglich. Im Jahre 1565 verkaufte Benno von Theler Höckendorf mit dem Rechte des Bergwerks an den Kurfürsten August für 25000 meißnische Gulden. Bis in das 17. Jahrhundert müssen einzelne Zechen noch gangbar gewesen sein; spätere Bergbauversuche wurden hauptsächlich durch die Kriege im 17. und 18. Jahrhundert vereitelt; im gegenwärtigen Jahrhundert nahmen die Gesellschaften »Edle Krone« und »Unverhofft Glück und Gottes Segen Erbstolln« den dortigen Bergbau wieder in Angriff. (Sachsengrün, 1860, S. 19 und 20.)
719. Die Grabmäler der Ritter von Theler.
(Sachsengrün, 1860, S. 20.)
In der Kirche von Höckendorf befinden sich unter dem Altare die Erbbegräbnisse der durch den Silberbergbau so reich gewordenen Ritter von Theler. Eine arme hülflose Somnambule, welche im Höckendorfer Pfarrhause längere Zeit Aufnahme gefunden, war in der Nähe des Altars jedesmal von einer fieberhaften Unruhe ergriffen worden und hatte dann erklärt, daß sie hier nicht bleiben könne, da unter ihren Füßen Metall vorhanden sein müsse. Die Sage geht auch, daß die Edlen von Theler in diesen Grüften in silbernen Särgen ruhen.
720. Vom frühern Bergbau in Niklasberg und böhmisch Moldau.
(Mündlich.)
Früher waren die Silbergruben in Niklasberg, Klostergrab und Moldau in starkem Betriebe; erzählt wird, daß sie in den Hussitenkriegen eingingen. In Niklasberg wurde der Stollen verschüttet und die Hussiten nahmen die Grubenzeichnungen, welche jetzt in Dresden liegen sollen, mit. In Moldau zeigt man noch die Orte, wo der Stollen mündete und die Wäschen waren. Im Stollen soll ein Ort sein, die »Schatzkammer« genannt, an welchem aus jener Zeit noch viel reiche Silbererze liegen sollen. Vor Jahren wollte man dieselben nach Freiberg verkaufen, der Handel zerschlug sich aber, weil man daselbst nicht genug Geld hatte.
721. Das verschwundene Bergwerk im Theesenwalde.
(v. Trebra, Erklärung der Bergwerks-Charte von dem wichtigsten Theil der Gebürge im Bergamtsrevier Marienberg. Annaberg, 1770, S. 69. Darnach bei Gräße, Sagen des K. S. 2. Aufl., No. 584.)
Im Jahre 1728 hatten sogenannte Rutengänger Risse zu Erzgängen in dem Theesenwälder Gebirge, das zwischen Zöblitz und Olbernhau liegt, angegeben und man hatte einige Hundert Gulden aufgewendet, diese Züge zu noch mehrerer Gewißheit erschürfen zu lassen; man fing Röschen (d. i. durch die Gebirge gebrochene Wasserläufte) an, man trieb einen Stollen nach den erschürften Gängen und suchte sogar Gewerken, welche diese Arbeit fortsetzen sollten, allein noch fand sich niemand, der bloß auf diese Anzeichen der Rute hin sich damit einlassen wollte. Nun war aber ein Hufschmied zu Neudörfel, zwischen Ansprung und Olbernhau, dem man schon längst schuld gegeben hatte, daß er gegossene Arbeit von einem Metall verfertige, welches dem Silber gleich komme. Er leugnete dies aber und wollte niemals zugestehen, daß er das Metall kenne, welches in seiner Fabrik verfertigt werde. Da führte der Zufall im Jahre 1735 den Richter von Ansprung gerade zu der Zeit in das Haus des Hufschmieds, wo er mit Schmelzen beschäftigt war. Er wurde gefragt, was er schmelze, und gestand, daß er Stücken von dem im Theesenwalde am Wege stehenden Felsen abgeschlagen und in den Tiegel geworfen habe, um zu sehen, was daraus werden würde. Dies wollte aber der Richter gerade wissen. Der Künstler mußte sich also entschließen mitzugehen, um den Felsen zu zeigen. Augenblicklich wurde von diesem Wundersteine etwas abgeschlagen, vor die Schmiedeesse in das Feuer gebracht und zu einem Produkt geschmolzen, das wie Speise (Gemenge von Metallen und Halbmetallen) aussah. In der Probe, die auf der Saigerhütte gemacht wurde, hielt dieses Produkt 128 Lot Silber und 60 Pf. Garkupfer. Ein Pfund von dem abgeschlagenen Felsen hatte dergleichen Speise ein Lot gegeben. Tages darauf mutete der Richter unverzüglich und zwar gleich geviert Feld; in wenig Tagen wurde auf 20 Mutungen beim Bergamt eingelegt, in vier Wochen stieg die Zahl auf 80, und gegen 60 Lehnträger suchten ihr Glück und fast alle auf geviert Feld. Wenn man die Rute nach Kupfer und Silber schlagen ließ, war sie merkwürdiger Weise fast gar nicht in die Höhe zu bringen, man mochte auf dem Gebirge damit hingehen, wohin man wollte; was war also sicherer, als daß das ganze Gebirge Silber und Kupfer sein mußte? Alles lief nun nach dem Theesenwalde und es wimmelte von Leuten, die Erze in Haufen zusammenbrachten. Da machte man Proben im Kleinen, einige gaben gar keinen Gehalt, andere nur wenige Spuren von Kupfer. Man sah also ein, daß nicht das ganze Gebirge Erz war, sondern nur gewisse graue und braune Nester in demselben sich befanden, die freilich nicht ganz ohne Silbergehalt waren. Die schon halb betrogenen Eigenlöhner und Gewerken verlangten nun ein Probeschmelzen im großen und es fand sich ein Schmelzer aus Beyerfeld, in dessen Geschicklichkeit die Gewerken ihre Hoffnung setzten. Die von Freiberg abgeschickten Hüttenleute mußten zurücktreten und den Fremden alles nach seinem Kopfe einrichten lassen. Aber die erste Probe ging schlecht, die gestrengen Bergarten konnten nicht zum Fluß gebracht werden, und durch andere Einrichtung des Ofens und Gebläses und Zusetzung anderer Kiese von Katharina-Fundgrube zu Raschau und von Geyer brachten die Freiberger Hüttenleute das Gemenge zwar in Fluß, doch fiel nicht mehr Rohstein davon und dieser auch nicht reicher, als geschehen sein würde, wenn auch ohne Zusatz von den Theesenwälder Gebirgsarten die Kathariner und Geyerischen Kiese für sich allein geschmelzet worden wären. Dabei war auf einige Zeit das Geschrei vom Theesenwalde zu Ende, bis im Jahre 1752 sich noch ein Maler aus Bilin einfand, der mit verdoppelter Geschicklichkeit im Schmelzen diese Theesenwälder Gebirgsarten dennoch mit Vorteil zu Gute machen wollte. Er verlangte die Erlaubnis zum Anlegen eines Ofens, man erlaubte es ihm auch, aber alles ohne Erfolg.
So blieb es unentschieden, ob der Hufschmied durch sein Geständnis nur aus boshafter Absicht die ganze Umgegend geäfft hatte, was kaum glaublich war, oder aber, um das Geheimnis seiner Nahrung zu bewahren, dieses Erzgeschrei veranlaßt hatte, oder endlich, ob die geheimnisvolle Macht der Berggeister edles Gestein in unedles verwandelt hatte, weil ihr Schützling sein Geheimnis ausgeplaudert hatte. Dies war das Wahrscheinlichste, denn man hatte ja zuerst reiches Silber in dem Gesteine entdeckt.
722. Wie der zwickauische Kohlenschacht brennend wurde.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronika, 1590, S. 187. G. Geitner, Wegweiser durch die Treibgärtnerei zu Planitz, S. 14.)
Bei Zwickau ist ein brennender Berg (jedenfalls die Strecke zwischen Cainsdorf und Planitz, welche der Bockwaer Kommunwald bedeckt und wo man heute noch auf eine Menge Brandspuren stößt), daher manch Fuder Steinkohlen wird zu Markte gebracht. Dieser Berg ist um das Jahr 1479 mit einem Büchsenschuß angezündet worden, da ein Waidmann einem Fuchse nachgejagt und so unvorsichtigerweise ein Schuß in die Grube geraten, wodurch die Steinkohle angezündet worden. Obgleich zu gewisser Zeit wie im Sommer das Feld daselbst grünet, Laub und Gras trägt, so kommt dennoch das Feuer bisweilen bis unter den Rasen, zündet Berggebäude an und versenget Birken und andere Bäumlein.
Eine andere Sage erzählt von einem Bürger Zwickaus, welcher einen Fuchs aus dem Bau räuchern wollte und dabei nicht nur die oberen Kohlen, sondern auch den darüber stehenden Wald anzündete. Noch andere suchen die Ursache des Brandes in dem Anzünden eines Ameisenhaufens und endlich in dem Einschlagen des Blitzes in Stollen, wo die Kohlen zu Tage standen.
723. Ein kaiserliches Regiment versinkt bei Freiberg durch einen Erdfall.
(Moller, Theatrum Freibergense, Chron. II., S. 38.)
Als Kaiser Adolf im Jahre 1296 mit großer Macht nach Meißen kam, zog er an Zwickau und Chemnitz vorüber nach Freiberg, in der Absicht, sich dieser Stadt wegen ihrer reichen Bergwerke und ihrer Treue gegen den Markgrafen Friedrich zu bemächtigen. Dabei begab sichs, daß sich einer seiner Obersten mit seinem Regimente auf einer hohen Halde lagerte, um die Stadt zu übersehen und ihre Mauern und die Tiefe der Gräben zu erkunden. Weil aber die Halde zuvor von Bergleuten durchfahren worden und voll heimlicher Schächte war, ist der ganze Berg mit großem Krachen und Prasseln eingegangen und der Oberst ist dabei elendiglich umgekommen. Dieser Fall hat den Kaiser also furchtsam gemacht, daß er sich wieder zurückgezogen und sich nicht eher lagern wollte, bis man alle Gelegenheit um die Stadt fleißig ausgekundschaftet hatte. Als dann seine Quartiermeister hartes und festes Erdreich antrafen, hat er sein Lager aufgeschlagen und darauf alles zum Angriff und Sturm auf die Stadt vorbereiten lassen. – Der genannte Erdfall soll vor dem Donatsthor auf dem dürren Schönberge geschehen sein.
724. Von riesigen Schlangen im Erzgebirge.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 614–617.)
Am böhmischen Grenzgebirge liegen zwei alte wüste Schlösser, Himmel- und Hauenstein genannt; in und um dieselben haben sich lange Zeit grausame Gewürme und Schlangen, Wiesenbäume groß, sehen lassen, welche die Fische aus den Bächen, und die in Fallen und Dohnen gefangenen Vögel gefressen. Einst hat dergleichen Schlange auf den Hauensteiner Gründen einen Schützen von Joachimsthal vom Vogelherd weggejagt, die Vögel erbissen und gefressen, und als der Schütz nach ihr geschossen, hat er an der Spur im langen Waldgras abnehmen können, daß sie eines Scheitholzes dick und viel Ellen lang gewesen, dafür sich alle Bauern umher gefürchtet.
Als die Bergstadt Joachimsthal in Flor stand, ging im Jahre 1530 des Rats Schütze auf die Wälder, eben da die Himbeeren reif waren, etwas vom Wild auf Befehl zu schießen. Da wurde er unversehens eines aus den Himbeersträuchern hervorragenden Kopfes mit erhabenen Ohren gewahr, in Gestalt eines Fuchses, der die Beeren abfraß. Und weil er meinte, es wäre ein so vermutztes Reh, gab er Feuer und traf den Wurm an den Kopf, daß er 3 Ellen lang in die Höhe sprang, sich krümmete und überschlug, bis ihm der Schütze vollends den Rest gab. Er erschrak über das häßliche Wildpret, schlang es an eine Winde und schleppte es Wunders wegen nach Joachimsthal. Die Herren ließen den Balg abziehen und nach Prag bringen.
725. Die Freiberger Bauerhasen.
(H. Gerlach, Kleine Chronik v. Freiberg, S. 90. – Geschäftsanzeige der Bauerhasen-Bäckerei von A. Thümmel in Freiberg.)
Markgraf Friedrich der Freidige hielt sich gern in seiner getreuen Bergstadt Freiberg und in der Mitte ihrer Bürger auf. Im Jahre 1292 gab er daselbst ein großes Gastmahl, zu welchem viele weltliche und geistliche Herren eingeladen waren. Unter den letzteren befand sich auch der Abt Bruno aus dem Barfüßler-Kloster. Obschon derselbe oft gegen Unmäßigkeit predigte und behauptete, je mehr ein Mensch faste, um so eher komme er ins Himmelreich, so hielt er für seine eigene Person doch viel auf's Essen und Trinken und trug deshalb einen gewaltigen Schmerbauch vor sich her. Auch bei diesem Festmahle hatte er schon weidlich gezecht, als nach Mitternacht der Hofkoch Bauer einen duftenden Hasenbraten auf die fürstliche Tafel setzte. Schon wollte sich der Markgraf ein Stück davon auf den Teller legen, da rief der Abt ihm zu: »Durchlaucht halten zu Gnaden, es ist soeben ein Fasttag angebrochen, und Ihr wollt Euch doch nicht versündigen?« »Wäre denn wirklich die Sünde so groß, wenn wir zum Schluß noch ein Stück Hasenbraten zu uns nehmen?« fragte der Markgraf, und der Abt erwiderte: »Gewiß! Ich kenne auf Gottes weitem Erdboden keine größere Sünde. Auch habe ich mehr als einmal bemerkt, daß es Frevlern, die sogar am Feiertage Fleisch essen, sehr übel aus dem Halse riecht. Nehmt Euch ein Beispiel an mir; schon seit einer halben Stunde habe ich keinen Bissen mehr gegessen.« Alle sahen den geistlichen wohlgenährten Herrn betroffen an, schwiegen jedoch, und der Koch mußte den schönen Braten wieder abtragen. Obschon er ihn darauf selbst ohne Gewissensbisse verzehrte, so ärgerte er sich doch nicht wenig über den gestrengen Sittenprediger, welchen eine Stunde später sechs Diener in seinen Wagen tragen mußten. Bei einem späteren Gastmahle auf der Burg Freistein traf es sich nun, daß abermals ein Fasttag folgte, und jetzt brachte nach Mitternacht der lustige Koch Bauer wieder einen Hasenbraten auf die Tafel. Da konnte sich nun der Abt nicht enthalten, dem sündhaften Koch eine derbe Strafpredigt darüber zu halten, daß er den Fasttag nicht heilige und einen gottlosen Braten auf die Tafel setze. Der Koch aber sprach behaglich lächelnd: »Nun, das ist ein Hase, den jeder gute Christ am Fasttage essen darf, ohne sich der Sünde zu fürchten!« Während dieser Verteidigung hatte der Markgraf schon den Hasen angeschnitten und zu seinem Vergnügen bemerkt, daß der scheinbar wohlgespickte Hase nur ein mit Mandeln ausgestattetes Gebäck in der bekannten Form des Bratens war. Da wollte der Strafprediger selbst nach dem Gerichte langen; er erhob sich, verlor aber bei seinem schweren Kopfe das Gleichgewicht und riß dabei alles mit sich von der Tafel herab. Er war auch nicht vermögend, sich selbst wieder aus dem Wirrsal zu erheben, so daß auf Befehl des Markgrafen die Diener hülfreiche Hand anlegen mußten. Das Gebäck erhielt nun den Namen »Bauerhasen«; alle adeligen Herren wollten in der Fastenzeit solche Bauerhasen essen, die auch in den Klöstern nicht verschmäht wurden. Doch wollte man behaupten, auf manchen vornehmen Tafeln habe man aus Versehen auch an Fasttagen ganz ordentliche Krauthasen statt der Bauerhasen aufgetragen. Anfangs nannte man das neue Gebäck auch »Brunohasen«; allein der Abt protestierte lebhaft gegen diese Bezeichnung und so erhielt es seinen noch jetzt gebräuchlichen Namen zu Ehren seines Erfinders.
Die Bauerhasen aus Freiberg fanden gute Aufnahme an allen deutschen Höfen, wurden sogar kistenweise in fremde Länder gesendet, und auch noch in unsern Tagen verläßt selten ein Fremder die Stadt Freiberg, ohne den Seinen einen Bauerhasen mitzubringen.
726. Ursprung der ehemaligen Privilegien von Schöneck.
(Marbach, Das in der Freiheit lebende Schöneck I. Schneeberg, 1731 S. 21. Ulrich Schneider in der Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung 1883. No. 31.)
Kaiser Karl IV. hatte 1370 der Stadt Schöneck verschiedene Freiheiten, welche auch Elbogen »von altersher redlich gehabt und gehalten hat«, verliehen, wofür die Stadt nur verpflichtet war, »fünf Pfund Schwäbischer Heller in einem neuen hölzernen Becher zu geben,« wenn der Landesherr in eigener Person dorthin kam, oder wie es in der Urkunde heißt: »So Wier mit unser selbst Leibe zu ihn kommen, nur einß in dem Jahre.« Von niemand aber kann man gründlich erfahren, wodurch der Kaiser bewogen worden war, der Stadt Befreiung von allen sonstigen Abgaben zu erteilen. Einige sagen, es habe dieser Kaiser, der ein Liebhaber der Jagd gewesen, sich in dortigen Wäldern einmal mit seinem Gefolge verirrt und sei hernach von einem Waldmann oder Holzarbeiter heraus nach Schöneck geführt worden. Nach einer andern Sage ist der Kaiser Karl, welcher sich oftmals in Karlsbad aufgehalten hat, von Räubern überfallen und verfolgt worden, so daß er sich mit seinen Leuten in den Schönecker Wald flüchtete, wo ihm die Bürger von Schöneck Beistand leisteten und von den Räubern erretteten. Zum Danke dafür hätten darauf die Schönecker ihre Privilegien erhalten.
Die Urkunde, laut welcher der Stadt Elbogen bereits vor Schöneck ein gleicher Freiheitsbrief von Karl IV. erteilt wurde, stammt aus dem Jahre 1352.
727. Das Märktlein Markersbach.
(Chronica der freien Bergstadt St. Annaberg, II. 1748. S. 24.)
Die Kirche in Markersbach ist eine der ältesten im Gebirge. Sie hat vor Zeiten unter den Abt zu Grünhain gehört, der auch mit seinen Ordensleuten und anderen öfters dorthin Wallfahrten gehalten. Infolge dessen hat das Dorf früher besondere Freiheiten besessen und wurde das »Märktlein Markersbach« genannt.
728. Die Räuberherberge im Hoyer bei Schneeberg.
(Mündlich.)
Ein Wald auf der Höhe zwischen Schneeberg und Aue, gegenüber dem Gasthofe zum Brünlasberge, heißt der Hoyer. Daselbst sieht man noch links von der Chaussee, welche von Schneeberg nach Aue führt, einen Hohlweg, welcher einst Straße war; und an derselben stand in alten Zeiten mitten im Walde ein Wirtshaus. Der Wirt in demselben war ein Räuber. Einst kehrte daselbst des Abends ein Fremder ein, der von dem Klösterlein Zelle kam und vieles Geld bei sich trug. Er wollte in dem Hause übernachten; aber ein Mädchen offenbarte ihm heimlich, daß er nicht lebend wieder hinausgehen werde. Da übergab der Fremde dem Wirte seine Tasche mit dem Gelde und sagte, daß er einem Freunde, der auch von Zelle her mit noch mehr Geld als er habe, komme, entgegen gehen müsse, der Wirt solle nur einstweilen sein Geld in Verwahrung nehmen. Als dies geschehen war, eilte der Reisende schnell nach dem Kloster und kam bald darauf mit nahmhafter Hülfe zurück. Seine Begleiter umzingelten das Haus und nahmen den Wirt gefangen. Als sie das Haus durchsuchten, fanden sie neben vielem Gelde auch Totengerippe zum Beweise, daß es vordem schon vielen Reisenden ebenso ergangen war, wie es dem Fremden, wenn ihn das Mädchen nicht gewarnt hätte, hätte ergehen müssen. Viele mochten in der Herberge eingekehrt, aber nicht wieder herausgekommen sein.
Der Wirt aber, welcher ein Räuberhauptmann war, hieß Hoyer, und von diesem hat nun auch der Wald, wo das Gasthaus einst stand, den Namen Hoyer erhalten.
729. Wittichs Schloß bei Glashütte.
(I. Schumann, Lex. v. Sachsen, 13. B. S. 204. II. Peccenstein, Theatrum Sax. I. S. 88.)
I. Eine Höhle über dem Müglitzthale, eine halbe Stunde von Glashütte, welche sich oberhalb der Herrenmühle in einem schwer zu erklimmenden Gneisfelsen befindet, heißt Wittichs Schloß. Nach der Sage war diese Höhle ehemals durch Befestigung ein noch sicherer Zufluchtsort als jetzt, und wurde im 15. Jahrhundert von einem Räuber Wittigo oder Wittich bewohnt, den der Ritter Weichold von Bärenstein auf Lugau bei Glashütte erschlug. Als Belohnung dafür erbat er sich vom Markgrafen, der auf Wittichs Einlieferung einen hohen Preis gesetzt hatte, sehr genügsam nichts weiter, als daß er ein Wild, welches er auf seinem Gebiete überall gehetzt habe, auch außerdem, und selbst auf der Dresdner Brücke, die damals als Asyl galt, verfolgen dürfe.
II. Es waren vor Zeiten viele Raubhäuser an dem böhmischen Gebirge, und soll insonderheit ein Räuber, namens Wittich, seinen Aufenthalt in einem starken Felsen gehabt haben, so unter der jetzigen Bergstadt Glashütte gelegen. Da dieser Räuber mehrere böse Buben zu sich gezogen, auch ganz Meißen beunruhigt und unsicher gemacht, so hat der Markgraf auf des Raubritters Wittich Kopf einen hohen Preis setzen lassen. Obschon nun Wittich dadurch hätte vorsichtig gemacht werden sollen, so hat er dies dennoch nicht gethan, vielmehr sich noch fürchterlicher machen wollen, indem er einstmals in der Morgenzeit mit etlichen seiner Leute sich vor des Ritters Weichold von Bärenstein Wohnung gegen der Lochow begeben, ein Gespräch mit ihm begehret, und als der von Bärenstein, keiner Gefahr sich versehend, ihm solches gewährt und zu ihm vors Haus getreten, thut der Bösewicht mit einer Armbrust auf ihn drei Schüsse, doch ohne Schaden. Der von Bärenstein rufet in der Eile seine Leute herbei, folget den Räubern auf dem Fuße nach, welche er auch über dem Rittersitze Reinhardtsgrimma, damals denen von Karras zuständig, erreichet. Ob nun gleich Wittich und seine Gesellen der Wehr wohl kundig, so hat doch der von Bärenstein die Oberhand behalten, den Räuber erlegt und umgebracht, sein Raubhaus, so auf steilem hohen Felsen an der Müglitz gelegen, eingenommen und zerbrochen, wiewohl dieser Ort von ihm bis auf den heutigen Tag noch Wittichs Schloß genannt wird. Auf der Stelle, wo der Räuber erlegt worden, steht ein Kreuz. Der Ritter Weichold von Bärenstein aber hat die ihm gebotene Belohnung großmütig ausgeschlagen und erklärt, daß er diese That bloß, um dem Vaterlande zu dienen, verrichtet habe.
730. Die dürre Bretmühle im Pöbelthale.
(Mündlich.)
In dem schönen Pöbelbachthale oberhalb Schmiedeberg liegt die Putzmühle, so genannt, weil man früher hier das Silbererz, welches man in der Nähe grub, »geputzt«, d. h. gereinigt haben soll. Oberhalb dieser Mühle sieht man dann die Überreste einiger Grundmauern und die Spuren eines Wassergrabens; hier lag die dürre Bretmühle, welche ihren Namen von dem Umstande führte, daß sie häufig nicht genug Wasser hatte. Daselbst ist es einst geschehen, daß Räuber einbrachen, welche den Müller auf einen Klotz banden und mit durchsägen ließen. Seitdem ist die Mühle liegen geblieben, niemand wollte mehr in derselben wohnen, und so ist sie dann nach und nach verfallen.
731. Der schwarze Teich auf Henneberg und der Teufelsstein bei Johanngeorgenstadt.
(Nach einer novellistischen Bearbeitung im Unterhaltungsblatte zum Erzgebirgischen Volksfreund, 1884, No. 53.)
Als noch in unseren Gauen und insbesondere auf dem Erzgebirge das Christen- und Heidentum mit einander im Kampfe lagen, wohnte auf einer Burg im Egerthale ein böser Ritter. Zwar war derselbe als Christ getauft worden, jedoch hatte er im Herzen noch nicht dem Heidentume entsagt, und Raubzüge und blutige Fehden galten ihm für kein Unrecht. Das Gegenteil von ihm war seine fromme Gemahlin, welche mit Hülfe ihres Bruders, der als Einsiedler in der Nähe der Burg lebte und oft in derselben verkehrte, ihre beiden Kinder, einen Sohn und eine Tochter, christlich erzog. Dem wilden Gemahl aber mißfiel die Frömmigkeit von Frau und Kindern, und ganz besonders erzürnte er sich über seinen Sohn, weil derselbe keinen Gefallen an dem wilden Waffenhandwerke fand. Als er nun einst zu einer Fehde gegen den ihm verhaßten Burgherrn von Königsberg auszog und seinen Sohn, obschon derselbe des Königsbergers einzige Tochter innig liebte, zwang, daran teilzunehmen, geschah es, daß der Sohn beim Ritte von der Burg vom Pferde stürzte und verwundet ins Schloß zurückgetragen werden mußte. Ingrimmig gab nun der Vater der Erziehung und dem Einflusse seines Schwagers die Schuld an dem Unglücke, und er nahm sich vor, mit Härte einzugreifen. Sein Sohn genaß zwar unter der sorgsamen Pflege von Mutter und Schwester bald wieder, doch um dessen Ruhe war es für immer geschehen. Ja alle fühlten, daß der Vater böse Gedanken sowohl gegen den Sohn als auch Schwager im Herzen hegte und es ward von beiden die Flucht beschlossen. Dieselbe wurde bald darauf nach dem damals unwegsamen Erzgebirge ausgeführt, als der Vater wieder zum Kampfe gegen den Königsberger ausgezogen war und dabei den Sohn nicht mitgenommen hatte. Bei der Rückkehr in seine Burg kannte der Zorn des Ritters keine Grenzen, und da er ganz richtig in Frau und Tochter Mitwisserinnen der Flucht seines Sohnes erblickte, so mußten dieselben von ihm harte Mißhandlungen erdulden. Er veranstaltete zwar sogleich Streifzüge durch das Gebirge, doch konnte er die Flüchtigen nicht auffinden.
Auf dem Kamme des Erzgebirges lag im dichten Walde ein freundlicher See; die Maisonne am blauen Himmel spiegelte sich in demselben. Aus dem Dickichte aber trat schüchtern ein Reh mit zwei weißgefleckten Zicklein, und gegenüber brach aus dem Walde ein weißer Hirsch, welcher sich in dem klaren Wasser des Sees widerspiegelte. Abseits stand eine mit grünem Rasen gedeckte Erdhütte, aus der eine bläuliche Rauchwolke aufstieg. Diese Hütte hatten sich die beiden Flüchtlinge erbaut. Sie traten eben zur Wanderung gerüstet daraus hervor, denn sie wollten versuchen, die duldende Mutter und Tochter heimlich von der Burg des harten Gemahls und Vaters zu entführen und hierher in diese von dem menschlichen Verkehre abgeschlossene Wildnis in Sicherheit zu bringen.
Der Vater aber rüstete sich ungefähr zu derselben Zeit zu einem neuen Fehdezuge gegen den Königsberger. Letzterer aber hatte davon Kunde erhalten und seine Burg wohl verwahrt, während sein Sohn mit einem Häuflein Knechte dem Feinde entgegen zog. Trotz der Vorkehrungen des Königsbergers schien es, als ob der Feind seine Burg gewinnen werde; unaufhaltsam stürmte derselbe vorwärts, unbekümmert um den Steinhagel, welcher ihn unausgesetzt empfing. Schon war er an der Brücke, als dieselbe mit einem furchtbaren Krach zusammenbrach. Als aber der Feind sich anschicken wollte, den Wallgraben mit Steinen und Holz zu füllen, um so in die Burg zu gelangen, kam ein blutender Bote, welcher meldete, daß die eigene Burg von des Königsbergers Sohne eingenommen worden sei und in Flammen aufgehe. Da zogen sich die Feinde von der bedrängten Burg zurück. Die Belagerten hatten jedoch schon Vorbereitungen getroffen, ihnen schnell zu folgen. Es wurde eine Notbrücke niedergelassen und bald sahen sich die Weichenden von vorn und hinten angegriffen. Hinter ihnen kamen die Belagerten und vorn wurden sie von des Königsbergers Sohne mit seinen Mannen bestürmt. Nur durch rasche Flucht war es dem fehdelustigen und hartherzigen Ritter möglich, der Gefangenschaft oder dem Tode zu entgehen. Er überschritt mit den ihm noch übrig gebliebenen Knechten, da er in den Trümmern seiner Burg Frau und Tochter, welche unterdeß geflohen waren, nicht fand, den Kamm des Erzgebirgs und baute sich in wilder Gegend eine neue Burg. Von dieser aus durchzog er nun die Wildnis nach Bären, Wölfen und Auerochsen. Eines Tages meldete ihm einer seiner Troßbuben, daß er in einer gewissen Gegend einen weißen Hirsch gesehen habe. Diese Nachricht reizte den Ritter und er zog alsbald aus, die Spur des seltsamen Tieres zu suchen. Bald hatte er dieselbe auch gefunden, und als er darauf des Hirsches ansichtig ward, warf er seinen Jagdspieß nach demselben. Der zu Tode getroffene Hirsch raffte sich wieder auf und floh blutend in das Dickicht. Als nun der Ritter mit seinen Knechten durch dasselbe drang, erreichte er das Ufer eines klaren Sees, an welchem sich eine Erdhütte erhob. Dort lag auch der verwundete weiße Hirsch, über den sich eine Jungfrau beugte; neben ihr standen noch drei Personen. Der Ritter erkannte sie sehr wohl, er eilte hinzu und wurde in seiner Wut der Mörder der Seinen. Da verhüllte eine dunkle Wolke die Sonne, gleichsam als solle dieselbe die Unthat nicht sehen. Der klare See aber wurde zu einem unheimlichen Sumpfe und die Fischlein wurden zu Molchen. Noch zeigt man bei den Henneberger Häusern südwestlich von Johanngeorgenstadt die Stelle, wo der See lag.
Als der Himmel so vernehmlich zu dem Ritter und seinen Knechten gesprochen hatte, wollte keiner von ihnen den toten weißen Hirsch mit zur Burg tragen; dem Ritter selbst lag auch nichts daran. In der folgenden Nacht aber erbebte ringsum die Erde und in der Burg des vierfachen Mörders ertönte ein furchtbares Krachen. Die Morgensonne beschien einen gewaltigen Trümmerhaufen, und der Kopf des Ritters schaut noch heutigen Tages von der einen Felskuppe, welche man den Teufelsstein heißt und die sich an der Stelle der ehemaligen Burg erhebt, nach Osten. Der Teufel hatte in der Nacht die Burg zerstört und zum warnenden Zeichen den Kopf des Gottlosen an dem Felsen aufgerichtet.
732. Das Schloß auf dem hohen Steine.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 130.)
Als gewaltiger Markstein eines der letzten südwestlichen Ausläufer des metallreichen Erzgebirges erhebt sich der hohe Stein mit seinen wunderbar gestalteten Felsenmauern und Pfeilern. Vor vielen hundert Jahren stand an der Stelle, auf welcher sich heute diese mächtigen Felsen auftürmen, eine große feste Burg, welche mit ihren gewaltigen Mauern weithin die Gegend überblickte. Ungeheure dichte Wälder bedeckten die Gegend und nur auf gelichteten Stellen am Fuße des Berges hatten sich fleißige Menschen angesiedelt und zwangen dem Boden seine wenigen Erzeugnisse ab. Aus fernen Landen waren sie auf des Ritters Ruf gekommen und hofften in Genügsamkeit, Ruhe und Frieden hier leben zu können, aber nur zu bald seufzten sie unter dem harten Joche, welches der Ritter ihnen auferlegte, unter den schweren Strafen, welche er über sie verhängte, wenn sie seinen maßlosen Forderungen und grausamen Befehlen nicht sogleich nachkamen. Je älter er wurde, desto mehr schien das Mitleid von ihm zu weichen und sein Herz zu versteinern. Da verwünschte ein Mann, dem der Schnee des Alters seinen Scheitel deckte, den Wüterich und sein Schloß. Er, samt der Burg, wurde in grauen, harten Stein verwandelt und viele hundert Jahre wird es währen, bis die Sonne wieder die Zinnen der Burg mit ihrem Glanze vergolden wird.
So sieht man nun die gewaltigen Burgtürme und Rauchfänge, sowie den riesigen Ritter versteinert emporragen, während tief unten im dunkeln Schoße der Felsen die reichen Schätze des Burgherrn begraben liegen.
Nach einer andern Sage hat der verwünschte Ritter auf dem hohen Steine keine Ruhe; oft hört man lautes Getöse und Wiehern von Rossen aus den gewaltigen Felsen hervorschallen, sieht auch manchmal den unterirdischen Stall seine Jauche entleeren, und in finstern, unheimlichen Nächten hört man vom hohen Stein herab in der Richtung gegen »die drei Rainsteine« (an der Graslitz-Schönbach-Sächsischen Grenze) die wilde Jagd dahinbrausen, der sich auch der verwünschte »hohe Stein-Ritter« anschließen muß.
733. Das Raubschloß auf dem Lautersteine bei Zöblitz.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz. Dreßden, 1750, S. 12.)
Der erste Felsen unter Zöblitz, linker Hand unter der Pfarrwiese nach Lauterstein zu, heißt der Lauterstein, welcher gegen das alte Schloß Lauterstein liegt und vom roten Wasser aus sehr hoch und jähe ist. Dem Vorgeben nach soll auf diesem Felsen ein Raubschloß, von welchem man gegen das dem Katzensteine an der schwarzen Pockau gegenüberliegende »Raubschloß« Losung geben konnte, gestanden haben. Man bemerkte früher auf dem Felde noch einige Gräben. Das genannte »Raubschloß« lag am rechten Pockauufer im Walde, ungefähr eine Stunde von Zöblitz entfernt. Man fand daselbst viel alte Kriegsgeräte, Pferdezeug, Sporen u. dergl., ferner Überreste von einer unterirdischen Wasserleitung. Nach der Volkssage soll das »Raubschloß« durch Kurfürst Joh. Georg I. vom Katzensteine aus in den Grund geschossen worden sein. Wahrscheinlich aber wurde es bereits im Hussitenkriege zerstört.
734. Das Raubschloß Sommerstein.
(Chronica der freyen Bergstadt S. Annaberg, II., 1748, S. 32. Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen etc., 2. Band, 1750, S. 171.)
Auf dem Schenkgute über der Pfarre zu Hermannsdorf liegt im Walde ein Fels, der Sommerstein genannt, worauf in alten Zeiten ein Raubschloß gestanden haben soll. Die Besatzung desselben lauerte gleich derjenigen der Schlösser zu Tannenberg und Greifenstein den Kaufleuten auf, welche von Böhmen kamen oder dorthin zogen. Man sieht noch etwas von den Mauern nebst einen in Fels gehauenen Backofen und einen wohl ausgemauerten viereckigen Brunnen, in welchen das Wasser durch einen langen Graben von Westen her geleitet wurde. Erzählt wird noch, es solle in diesen Felsen ein großes Loch gehen, darin stände ein großer Kasten mit Gold.
735. Das Raubschloß auf dem Greifensteine.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 183 und 184.)
Woher der Greifenstein bei Ehrenfriedersdorf den Namen habe, weiß niemand, außer daß man sagt, es hätte ein Greif daselbst genistet. Außerdem hat man die Vermutung, es hätte ein Raubschloß da gestanden, von welchem die Räuber denen auf dem Schellenberge, wo jetzt Augustusburg steht, Zeichen hätten geben können. Noch hat es das Ansehen, daß vor alten Zeiten der Platz zwischen zwei hohen Felsen mit Mauern eingeschlossen gewesen sei. Auch hat man zuweilen Topfscherben, Nägel, Pfeile, Schlüssel und anderes Eisenwerk, Totengebeine, Schweinszähne und Fischgräten daselbst gefunden. Auch ist daselbst ein kleines silbernes Ringlein mit einem Kreuzchen und dem Namen Maria gefunden worden.
736. Die Räuber auf dem Frauenstein.
(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 301.)
Es ist geschichtlich erwiesen, daß vor der Zerstörung des Schlosses Frauenstein im Jahre 1438 der Ritter Dietrich von Vitzthum, welchem die Burg vom Grafen Heinrich von Plauen zur Bewahrung anvertraut worden war, mit böhmischen Raubrittern gemeinsame Sache machte. Um nun den durch die versteckten Nachbarburgen und die damaligen dichten Waldungen um Frauenstein begünstigten Bedrückungen der Wegelagerer ein Ende zu machen, entsandte Kurfürst Friedrich der Sanftmütige Abgeordnete mit einem Herold nach dem Frauenstein, um Vitzthum zu sofortiger Verweisung des böhmischen Raubgesindels zu veranlassen.
Die kurfürstlichen Gesandten kamen an dem weit im Lande berüchtigten Räuberneste an, fanden aber das äußere Burgthor verschlossen und die Zugbrücke aufgezogen. Der Herold ließ den herkömmlichen Trompetenruf erschallen und verkündete darauf laut den Befehl des Kurfürsten: »Dietrich von Vitzthum, Du sollst gehalten sein, dem Durchlauchtigen Kurfürsten des heiligen römischen Reiches, Friedrich, Herzog zu Sachsen und Markgraf zu Meißen, zu Befehl zu handeln und alsobald die böhmischen und anderen Ritter von Dir zu thun, welche das Land berennen und die Reichsstraßen und sonstigen Wege unsicher machen, die Bürger berauben und brandschatzen. Also gebietet der Durchlauchtige Lehnsherr, Du mögest seine Abgeordneten mit Glimpf empfangen und in allen Stücken seinem Befehlig aus ihrem Munde gehorsamen, bei Acht und Aberacht, die Dich und alle, so zu Dir halten, Freie und Unfreie, treffen wird, wenn den Landfriedensbrechern noch ferner Unterstand auf dem Frauenstein gewährt würde. Künde Dir das zum ersten-, zum andern-, zum drittenmale, kraft meines Amtes, Dietrich von Vitzthum!«
Wieder blies der Herold in die Trompete und erwartete, gegen das Thor vorreitend, eine Antwort. Dieselbe kam auch alsbald, aber in Gestalt eines starken Armbrustpfeiles, der dicht an den Ohren des Herolds vorübersauste. Dazu erklang aus der Burg ein höhnische Gelächter. Am Fenster des Thorwärters erschien der Ritter Dietrich und rief: »Was schiert mich der Markgraf von Meißen? Der Burggraf von Plauen ist mein Herr, dem nur stehe ich Rede und sonst keinem!« Unverrichteter Sache zogen die Gesandten von dannen; vorher aber hefteten sie noch die Vorladung für Dietrich von Vitzthum zum Achtsprozeß an das Gerichtsbret des Rathauses zu Frauenstein.
Der Kurfürst war über die Widersetzlichkeit Vitzthums in hohem Grade erzürnt und bot alsbald die Bürger der benachbarten Städte zum Zuge gegen das Schloß Frauenstein auf. Die Freiberger ließen auch nicht lange auf sich warten und schlossen sich dem kleinen Feldzuge um so lieber an, als ihnen durch die Räuber auf dem Frauenstein, welche die wichtige Handelsstraße nach Böhmen beunruhigten, schon beträchtlicher Schaden zugefügt worden war. Sie erschienen unter Kuno von Schönberg mit den übrigen kursächsischen Streitgenossen alsbald, und als auf die übliche Aufforderung zur Übergabe der Burg keine Antwort erfolgte, wurden die Donnerbüchsen auf die Umfassungsmauern des Schlosses gerichtet. Die Steinkugeln, deren man noch etliche als Andenken in dem alten Gemäuer sieht, prasselten gegen die Burg, jedoch auch die Besatzung schleuderte unzählige Wurfgeschosse gegen die Belagerer. Es entbrannte ein harter Kampf, der lange unentschieden blieb, bis plötzlich große Rauchwolken und Flammen aus der Burg emporstiegen. Jetzt wurde dieselbe auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig von allen Seiten berannt und in kurzer Zeit wurde sie von Kurfürst Friedrichs Mannen erstiegen. Innerhalb der Burg entbrannte nun ein Kampf Mann gegen Mann, wobei auch Kuno von Schönberg und Dietrich von Vitzthum zusammentrafen. Beide fochten löwenkühn, zuletzt siegte jedoch der Ritter von Schönberg und stieß den Gegner nieder. Man schleppte den verwundeten Vitzthum fort, und was noch von der Burgbesatzung lebte, ergab sich auf Gnade und Ungnade.
Drei Tage hatte der Verurteilte Zeit, sich zum Abschied vorzubereiten. In den ersten Tagen des Dezembers 1438 strömten Hunderte aus der Umgebung Frauensteins nach der Stadt, um den einst gefürchteten Vitzthum hinrichten zu sehen. Dicht gedrängt stand die harrende Menge im Schloßhofe, da erklang von der Burgkapelle her das Sterbeglöcklein, vier Knappen brachten den armen Sünder, der schwer verwundet und kaum bei Besinnung war, zur Richtstatt und alsbald wurde der Spruch des Gerichtes mit dem Schwerte an ihm vollzogen.
Die Burg wurde hierauf insoweit zerstört, daß sie nicht mehr widerstandsfähig war und den Räubern keinen weiteren Schlupfwinkel zu bieten vermochte. Dann erst zogen die Kurfürstlichen ab. Der Burggraf von Plauen ging seiner Besitzung Frauenstein, die er so unwürdig hatte verwalten lassen, verlustig; das Lehen wurde vom Kurfürsten eingezogen.
Der Geist des hingerichteten Raubritters soll von Zeit zu Zeit noch immer in der Schloßruine umgehen und auch in den hinteren, nicht bewohnten Teilen des neuen Schlosses schon bemerkt worden sein. In der Nähe des Parkschlößchens läßt sich manchmal etwas »Graues« sehen.
737. Schloß Hauenstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 103.)
Malerisch und majestätisch ruht das Schloß Hauenstein auf einem fast senkrecht abfallenden Basaltfelsen, welcher aus dem wildromantischen, herrlichen Waldthale sich emporhebt, das menschliche Hand zu einem lieblichen Garten umgeschaffen. Zu dem Schlosse gehört ein alter, aus schwarzem Basalt errichteter Rundturm, von altersher der »Bürgermeister« genannt, weil der Sage nach ein solcher in seinem Verließe zuerst den Hungertod fand; er diente lange als Gefängnis, und der in der Gemeinde Damitz gelegene Galgenberg erinnert heutigen Tages noch an die Zeit, wo die Zwingherren von Hauenstein das Blutgericht ausübten.
Beachtung verdient ferner das Perlenzimmer. Wie der Volksmund erzählt, sollen allhier Nonnen die im Egerflusse gefischten Perlen verwahrt haben. Nach einer andern Überlieferung hieß besagtes Gemach eigentlich »Perlhefterstube«, weil sich daselbst zur Zeit der Schlickschen Herrschaft im 16. Jahrhundert eine Perlhefterei befand.
An der Felswand in der Vorhalle des Schlosses bemerkte man sonst einen schwarzen Fleck, angeblich vertrocknetes Blut, welches ein Herr von Vitzthum dort im dreißigjährigen Kriege kämpfend vergossen haben soll.
738. Burg Neustein bei Görkau.
(Erzgebirgs-Zeitung, Komotau 1880. 1. Jahrg. S. 47.)
Es mochte um das 11. oder 12. Jahrhundert sein, als auf der Burg Neustein ein verwegener und berüchtigter Raubritter hauste. Derselbe hegte aus irgend einem Grunde einen unversöhnlichen Haß gegen den Grafen zu Rothenhaus. Da geschah es eines Tages, daß er demselben seinen erstgebornen Sohn in zartem Kindesalter samt der Wärterin raubte, und, um die Eltern irre zu führen, streute er die mit Blut getränkten Kleider des Kindes im Walde in der Nähe des Schlosses Rothenhaus aus, so daß der Graf glauben mußte, ein wildes Tier habe seinen Sohn zerrissen. Den Knaben aber ließ er als seinen eigenen Sohn erziehen und flößte ihm dabei tiefen Haß gegen das Grafengeschlecht in Rothenhaus ein.
Bei einem Überfalle venetianischer Kaufleute geriet der Raubritter von Neustein mit dem Grafen von Rothenhaus, welcher zufällig an der Spitze seiner Leute an den Ort der Unthat kam und die Bedrängten verteidigte, in Kampf und wurde dabei zum Tode verwundet. Nur mit Mühe entkam er auf seine Burg, wo er auf dem Sterbelager sich von seinem angeblichen Sohne einen Eid leisten ließ, daß derselbe an dem Grafen Rache nehmen wolle. Darauf starb er. Nach einiger Zeit gelang es dem nunmehrigen Herrn des Neusteins, die Tochter des Grafen von Rothenhaus zu rauben und durch einen geheimen unterirdischen Gang auf seine Burg zu führen, wo er sie gefangen hielt. Als er sie nun sogar zur Gemahlin begehrte, weigerte sich die Jungfrau standhaft, denn ihr Herz gehörte bereits einem andern.
Auf Schloß Rothenhaus war man durch das Verschwinden der Tochter des Hauses in nicht geringe Bestürzung geraten, denn man vermutete mit Recht einen frechen Raub. Der Graf entbot noch in derselben Nacht seine Mannen zu sich und zog mit ihnen am frühen Morgen gegen die Burgen Neosablitz und Wodehrad, die im Thale des Assigbaches lagen und deren damalige Herren sich nicht des besten Rufes erfreuten. Doch in keinem der beiden Schlösser war die Geraubte zu finden. Von dem Vorhandensein des Felsennestes Neustein aber wußte man nichts, denn dasselbe lag tief im Walde versteckt.
Unterdeß hatte die gefangene Grafentochter einen Plan zu ihrer Rettung entworfen. Sie heuchelte dem Herrn von Neustein, sie sähe ein, daß ihr Sträuben vergeblich sei, und so habe sie sich entschlossen, die Seine zu werden; der Ritter möge ihr nur einige Tage Zeit lassen und ihr gestatten, daß sie eine Kirche besuche, damit sie Gott um Trost und Beistand anflehe. Nur ungern willigte der Ritter ein. So zog sie denn mit ihrer treuen Dienerin, die man ebenfalls in Rothenhaus geraubt hatte, und bewacht von einer Schar wilder Gesellen, nach Komotau, wo sich die nächste Kirche befand. Als sie daselbst dem Pfarrer beichtete, erkannte sie derselbe und er forderte sie auf, ihm ihren Aufenthaltsort anzugeben. Sie sogleich zu befreien, erschien ihm unmöglich, da die Kirche von den Bewaffneten umstellt worden war und die Leute im Orte noch schliefen, denn es war zu sehr früher Stunde. Die Jungfrau konnte dem Priester jedoch ihren Aufenthaltsort nicht angeben, da man sie mit verbundenen Augen aus dem Raubschlosse nach der Kirche gebracht hatte. Ratlos lief der Priester in die Sakristei und kam ebenso ratlos wieder zurück. Da bemerkte er plötzlich ein altes Weib, das unvermerkt mit in die Kirche gekommen war. Er fragte die Alte, was sie wohl in ihrem Korbe habe. »Ein Säckchen mit Linsen«, entgegnete diese. »Weib,« rief der Pfarrer, »Ihr seid mir von Gott gesandt; überlaßt mir die Linsen, sie sollen Euch gut bezahlt werden!« Das Weib war einverstanden, und der Priester händigte die Linsen seinem Beichtkinde ein mit der Weisung, auf dem Heimwege von Zeit zu Zeit heimlich einige Linsen fallen zu lassen; er werde dann dafür sorgen, daß ihr Aufenthaltsort entdeckt werde. Dann entließ er das Fräulein, welches nun mit seinen bewaffneten Begleitern wieder zu Pferde stieg und den Rückweg antrat. Der Geistliche aber gab einem zuverlässigen Manne den Auftrag, dem Zuge sofort unvermerkt zu folgen, hie und da am Boden zerstreute Linsen würden ihm im Walde den Weg zeigen. So wurde das Raubschloß entdeckt. Dem Grafen von Rothenhaus aber brachte man sofort die Nachricht hiervon, und noch an demselben Abende stand er mit seinen Mannen vor der Feste des Raubritters und verlangte die Auslieferung seiner Tochter. Diese erfolgte aber nicht; man rüstete sich vielmehr in der Burg zur Verteidigung. Nun umschlossen die von Rothenhaus die Burg und trafen Anstalten zum Sturme auf dieselbe. Am frühen Morgen des nächsten Tages begann man auch sofort den Angriff, und trotz der verzweifelten Gegenwehr der Belagerten hatten die Angreifer bald vom Bergrücken her den Wall und Graben überschritten und begannen die Mauern zu ersteigen. Da versuchte der jugendliche Ritter vom Neustein ein letztes Mittel, die Feinde vom weitern Vordringen abzuhalten. Er schleppte das geraubte Fräulein auf den Wartturm und drohte dasselbe in die Tiefe zu stürzen. Da trat aber die alte Wärterin heran, welche allein im Schlosse seine wahre Abkunft kannte, und teilte ihm mit, daß er eben im Begriffe stehe, seine Schwester zu ermorden. Jetzt erfaßte Verzweigung den Ritter; er bestieg sein Pferd, ritt auf die Burgmauer, gab dem Tiere die Sporen und stürzte mit ihm in die gewaltige Tiefe. Die Felsenburg wurde nun vollends eingenommen und zerstört. Groß war aber die Trauer zu Rothenhaus, als man erfuhr, wer der gewesen, der die Tochter des Grafen geraubt hatte. Der Leichnam des Ritters wurde feierlich in der Familiengruft der Rothenhauser beigesetzt.
739. Das alte Schloß Mulda.
(Mündlich.)
Oberhalb des Ortes Mulda bei Freiberg zeigt man am linken Muldenufer in der sogenannten »Grüne« einen Platz, auf welchem einst ein altes Schloß stand. Von den Ruinen ist seit einer Reihe von Jahren nichts mehr zu sehen, da man die Steine bei einem Wegebau verwendete. Die Sage erzählt nun, daß nach dem Schlosse eine kupferne Wasserleitung von dem Brunnen auf dem Burgberge geführt habe und daß dasselbe von einem gewissen Hegewald niedergerissen worden sei. Die Steine verwendete derselbe zum Aufbau des jetzigen Rittergutes. Als das Schloß niedergerissen wurde, fand dieser Hegewald (er hieß mit dem Vornamen Zacharias, wurde 1670 geboren und starb 1731), wie der Volksmund erzählt, in dem Gemäuer einen großen Schatz, den er in einem Sacke auf der Schulter nach dem neuerbauten Rittergute trug. Die Last war aber so schwer, daß sie ihn auf dem Wege erdrückte. Früher soll auch in dem Rittergute ein Bild zu sehen gewesen sein, welches diese Begebenheit darstellte.
740. Tauben verraten das Schloß Schönfels.
(Köhler, Volksbrauch etc. S. 623.)
Das Schloß Schönfels bei Zwickau soll einst rings von einem großen Walde umgeben gewesen sein, so daß man es nicht sehen und schwer auffinden konnte. Einst wollte es der Feind erstürmen und suchte es lange; und hätten nicht Tauben, die man im Schlosse hielt und welche ab und zu flogen, die Richtung verraten, so hätte man noch lange suchen können.
741. Schön-Guta von Hassenstein.
(Nach Ed. Heger in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 143 etc.)
Eine halbe Stunde vor dem Bergstädtchen Platz liegen die von einem dreifachen Walle umgebenen Ruinen des Schlosses Hassenstein. Nach einer Sage wurde dasselbe in der Mitte des 11. Jahrhunderts von einem Reichsritter Emerich erbaut, welcher mit dem Grund und Boden von dem Kaiser Heinrich III. für geleistete Kriegsdienste und besonders für seinen Beistand in der Heerfahrt gegen den Böhmenherzog Achilles Bratislav belehnt worden war. Sieben Jahre dauerte der Bau, und als er beendigt war und der Ritter einzog in sein stattliches Bergschloß, da nahm er sich vor, als Gebieter Gerechtigkeit, aber auch die vollste sittliche Strenge walten zu lassen. Um seine Anschauungen von Recht und Sittlichkeit zum Ausdruck zu bringen, that er ein Gelübde sonderbar und folgenschwer. Er gelobte, diejenige Bewohnerin des Schlosses, welche ihre Ehre verlieren würde – und sollte es auch seine eigene Tochter sein – lebendig einmauern zu lassen. Noch sieht man in der geborstenen Mauer des Hassenstein eine Nische, welche der Ritter Emerich für diese furchtbare Bestimmung herstellen ließ, um seinem Gelöbnis den weiblichen Schloßbewohnern gegenüber den rechten Nachdruck zu geben.
So vergingen Jahre. Der Ritter jagte in den ungeheuren Wäldern den starken Eber oder den flüchtigen Edelhirsch, während seine Gemahlin die Erziehung ihrer Kinder, dreier Knaben, welche des Vaters Stolz und Freude waren, überwachte. Als die Söhne wehrhaft geworden waren, lernten sie auf den Nachbarburgen feine Sitte, und nachdem sie den Schwertschlag zu Gottes und Mariens Ehre erhalten hatten, dienten sie als Ritter an den Höfen im deutschen Reiche. Die Burgfrau hatte ihrem Gemahl später auch ein Töchterchen geschenkt, dessen Geburt der Mutter leider das Leben kostete. Auf ihrem Sterbelager hatte sie ihr Kind der Obhut des alten Schloßkaplans übergeben, welcher ihr versprach, dasselbe in Frömmigkeit zu erziehen und Vaterstelle an ihm zu vertreten. Denn der Ritter war zu häufig in Fehden verwickelt und oft lange von der Burg abwesend, als daß er sich der Erziehung seiner Tochter, welche bei der Taufe den Namen Guta empfing, mit rechter Aufmerksamkeit hätte widmen können.
Der Schloßkaplan, ein sanftmütiger Priester, verwendete nun seine ganze Sorgfalt auf die Erziehung der kleinen Guta, und besonders war es die wunderbare Welt der Märchen und der Kreis der Sagenlieder und Legenden, welche auf die empfängliche Schülerin den größten Eindruck ausübten. So wuchs das Mädchen zur blühenden Jungfrau heran und fast schien es, als ob dieselbe ihren sanften Lehrer mehr liebe, als den strengen Vater. Derselbe dachte endlich daran, wie er seine Tochter versorgen und sich damit zugleich eines Nachfolgers im Besitze der Burg versichern könne. Alle seine Söhne, seine natürlichen Stützen und Erben hatten ihn ja verlassen, sie weilten, Abenteuer suchend, in weiten, unbekannten Fernen und nie hatte er eine Nachricht von ihnen erhalten. Die Wahl eines passenden Eidams erschien ihm nicht leicht, doch hoffte er sie am besten am Hoflager zu Regensburg treffen zu können, wohin Kaiser Heinrich IV., seines kaiserlichen Gönners Sohn, die Fürsten, Ritter und Edlen entboten hatte, damit des Reiches Wohl und der Römerzug beraten werde. Ritter Emerich begab sich also nach Regensburg.
Während der Abwesenheit des Burgherrn beschloß der greise Kaplan, seiner Pflegetochter, welche bisher kaum über die Schwelle des äußern Burgthores hinausgekommen war, ein größere Maß von Freiheit zu gewähren. Er führte sie daher hinaus in die Wälder und auf die Fluren und besuchte mit ihr die Ansiedelungen im Burgbanne. Oft ruhten sie auf einer Waldwiese unter einer riesigen Eiche und lauschten am Morgen dem Gesange der Waldvöglein. Als sie einmal wieder so saßen, trat plötzlich aus dem dichten Gebüsch ein schöner ritterlicher Jüngling. Guta war anfangs recht erschrocken, doch konnte man dem Fremdlinge, welcher die edelsten Sitten zeigte, nicht gram sein. Es war ein fahrender Ritter aus dem Meißnerlande, welcher in der Gegend Gastfreundschaft gesucht und gefunden hatte und den der Zufall auf einer seiner Wanderungen dem Priester und Guta entgegenführte. Nach mehreren Tagen traf der Ritter mit ihnen an derselben Stelle wieder zusammen, und dann noch öfter und öfter. Der Priester war kein strenger Wächter, und so kam es, daß die Herzen der jungen Leute sich fanden und der Ritter die Jungfrau um Erlaubnis bat, ihr sein Leben weihen zu dürfen. Nach der Rückkehr ihres Vaters wollte er um ihre Hand anhalten, denn Guta war es unbekannt geblieben, aus welchem Grunde ihr Vater nach Regensburg abgereist war. Bald kam aber von dorther die Botschaft an den Kaplan, daß der Burgherr bald zurückkehren und den für seine Tochter erkorenen Bräutigam sogleich mitbringen werde. Als dies Guta hörte, stürzte sie fassungslos ihrem Erzieher zu Füßen und entdeckte ihm ihr Geheimnis. Dieser erschrak heftig, denn er kannte die unbeugsame Strenge Emerichs und dachte an das offene Grab in der Schloßmauer. Freilich fühlte er sich selbst auch nicht von Schuld frei, und nach reiflicher Überlegung glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, um der ersten Heftigkeit des heimkehrenden Burgherrn zu begegnen. Zu Seelau im St. Magdalenenkloster, von dem heute kein Stein mehr auf dem andern ist, da hat Schön-Guta Aufnahme gefunden; und auch der meißnische Ritter ward in die Verbannung geschickt, er ging zu den Benediktinern nach Klösterle. So blieb nur der greise Priester zurück und derselbe wollte dem Ausbruche des Zornes standhalten.
Als der Schloßherr kam, gestand der Kaplan alles. In wildem Grimme vergriff sich der Ritter an ihm, würgte den schwachen Priester und stieß ihn über die steile Treppe hinab, so daß der Arme die Steinvließe drunten mit seinem Blute färbte und seine Seele aushauchte. Nun erst kam der Ritter zur Besinnung und dachte besonders an die Verfolgung, welche die mächtige Geistlichkeit gegen ihn einleiten würde, wenn sie Kenntnis von diesem Morde erhielte. Deshalb suchte er eilig die Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Er erinnerte sich der Mauernische, die er einst für eine ehrenvergessene Schloßbewohnerin hatte herrichten lassen. Wie fürchterlich hatte nun das Geschick entschieden! Seine eigene Tochter war zum Opfer geworden, sie hätte er nach jenem Gelübde lebendig hier begraben müssen. Da ließ Emerich den Leichnam des ermordeten Priesters an jener Stelle bergen. Doch damit konnte er die Erinnerung an das Geschehene nicht begraben; eine Stimme frug ihn fort und fort: Hast Du auch recht gethan? Sein Trotz wollte diese Frage wohl bejahen; doch er konnte damit die Stimme des Gewissens nicht betäuben, er ergab sich dem Trunke, um so Vergessenheit zu finden. Da geschah es eines Abends, daß er sich ruhelos umhertrieb; sein Schritt war unsicher, er wankte und stürzte über die jähen Stufen hinab, so daß seine Glieder an eben demselben Steine zerschellten, auf welchem der Schloßkaplan seine Seele ausgehaucht hatte. Die Knechte und Reisigen bereiteten dann das Begräbnis ihres toten Herrn, und außerhalb der Burg, mitten im grünen Hag, wo es am kühlsten war und die Vögel am schönsten sangen, dort wölbten sie den Hügel des Ritters, und dann zerstreuten sie sich, denn sie wollten nicht mehr bleiben an der Stätte mit dem fluchbeladenen Steine. Und sprachen sie in der Folge von der Burg, so versäumten sie nicht, den Ort des Übels zu kennzeichnen: »Haß dem Stein!« Aus dieser Redensart aber entstand im Laufe der Zeit der Name »Hassenstein.«
Und die schöne Guta? Die Leute erzählten oft, daß im Kloster eine Nonne sei, die man immer weinen sehe, das Gesicht gegen die kalten Eisenstäbe des Fensters gedrückt. Und der Ritter aus den meißnischen Landen? Der blieb auch im Kloster, denn er hätte keine Freude mehr gefunden draußen ohne Guta. Aber die Söhne Ritter Emerichs? Die hatten das Kreuz genommen und waren mit Peter dem Einsiedler ins heilige Land gezogen und man hat nie mehr von ihnen gehört.
Das erledigte Hassenstein erwarben später die Herren von Schönburg, welche auch in der Nachbarschaft, bei Klösterle, eine Feste besaßen, deren Ruine von den Anwohnern heutzutage »Schömmerich« genannt wird.
742. Die heldenmütige Herrin des Schloß Hartenberg.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 26.)
Zur Zeit der Hussitenkriege lebte auf dem Schlosse Hartenberg, umgeben von nur wenigen Getreuen und unter der Obhut einer alten Dienerin Zdenka von Hartenberg, eine schöne achtzehnjährige Jungfrau. Seit einer Reihe von Jahren mutterlose Waise, entriß ihr auch das Schwert eines wütenden Taboriten vor kurzem den Vater, und ihr nächster Anverwandter, Jodok von Pichlberg, ein eifriger Utraquist, den sie um männlichen Schutz und Beistand anflehte, wollte oder konnte solchen nicht leisten, sondern riet ihr, der neuen Lehre beizutreten und so aller Gefahren überhoben zu sein. Das mochte Zdenka nicht. Getreu den frommen Lehren ihrer verklärten Mutter hing sie mit kindlichem Glauben und Vertrauen der katholischen Kirche an und setzte, da ihr kein Freund mehr auf der Welt blieb, das feste Vertrauen auf Gott, den mächtigen Beschützer der Bedrängten und Verlassenen. Daneben vergaß sie auch nicht, an das Ehr- und Pflichtgefühl ihrer Unterthanen zu appellieren, versah die Burg mit Lebensmitteln, ließ die Mauern, Streittürme und Basteien ausbessern und einen größern Vorrat des schon damals im Gebrauche stehenden Schießpulvers herbeischaffen, um die einzigen Waffen der Burg, zwei Doppelhaken, in Verwendung nehmen zu können, kurz, ordnete alles mit männlicher Umsicht und Entschlossenheit an, was zur Verteidigung ihres väterlichen Erbes dienen konnte.
Die Vorsicht war nur zu wohl gerechtfertigt. In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen, und ein beträchtlicher Taboritenschwarm, angelockt von dem reichen ungeplünderten Gute und der ihrer Meinung nach sehr schwach oder gar nicht verteidigten Burg, stand bald vor den Thoren Hartenbergs, mit rauhen, grimmigen Worten Einlaß begehrend und mit drohenden Mienen zur Übergabe auffordernd. Da beides verweigert wurde, schrien hunderte von Stimmen nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen und vermengten ihre Rufe mit tausend Verwünschungen und Flüchen.
Zdenka ließ die Feuerschlünde donnern, ein Steinregen fiel auf die Schädel der Stürmenden, heißes Pech troff auf sie herab, und viele der blutdürstigen Taboriten, welche versuchten, die Burg in Brand zu stecken, den Thorgraben mit Steinblöcken zu füllen, die Mauern zu ersteigen, sanken zerschmettert zu Boden. – Die grause Nacht verging und der neue Morgen sah neue Stürme, neue angestrengte Versuche, die Burg zu Falle zu bringen. Umsonst; das tapfere Häuflein der Eingeschlossenen, angespornt durch Wort und That ihrer edlen Gebieterin, sowie die starken Mauern, die tiefen Gräben und die treffliche Lage der Burg spotteten aller Versuche der Hussiten, so daß diese beschlossen, die Belagerten durch die Macht des Hungers zur Übergabe zu zwingen. Die Lage Zdenkas und ihrer Getreuen wurde nun mit jedem Tage furchtbarer; Mutlosigkeit riß ein, die Lebensmittel nahmen immer mehr ab, die bleiche Krankheit mit der hohläugigen Not erschienen in der Burg als unwillkommene Gäste, kein Ersatz war zu erwarten; denn das verzagte Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne herbeirufen sollte, hatte die schwer heimgesuchte Gegend verlassen. – Als die Not aufs höchste gestiegen war, begab sich die bemitleidenswerte Jungfrau in die Burgkapelle, weilte dort auf den Knien liegend lange, bange Stunden und faßte daselbst, gestärkt durch ein inbrünstiges Gebet, einen bewunderungswürdigen, heroischen Entschluß, der, als sie wieder unter ihre Leute getreten war, ihren Augen einen eigenen Glanz, ihren Zügen eine stille Ruhe und Resignation, ihrem ganzen Wesen eine heilige Weihe gab. Ein Knecht mußte die letzte Nahrung, ein Rehviertel, vor den Turm werfen, ein anderer ins Horn stoßen und den Anführer der erbitterten Belagerer herbeizurufen. Dieser erschien, und Zdenka rief hinab: »Unter gewissen Bedingungen will ich die Burg übergeben, obwohl, wie Ihr an dem Wildpret sehen könnt, keine Not mich dazu zwingt. Erstlich werdet Ihr meine Getreuen mit Hab und Gut frei und ungehindert abziehen lassen.« »Nur Euch nicht, holde Frau«, unterbrach sie der Rohe, »sonst mag das ganze Gesindel das Weite suchen.« »Ich bleibe in der Burg meiner Väter, so lange ich lebe!« rief Zdenka leuchtenden Blicks und fuhr hierauf fort: »Dann werdet Ihr Euch nicht eher dem Thore nähern, bis meine Leute den Platz gänzlich verlassen und die Stätte jenes Vorwerks erreicht haben. Zuletzt beschwöret mir, falls Ihr ein Christ seid, die genaue Befolgung des Versprechens.« »Ich schwöre«, tönte es von den Lippen des Kelchners, »aber glaubt nur nicht«, setzte er bei, »daß Ihr mir entwischen könntet.« – Zdenka ordnete nun den Abzug ihrer Diener an, dankte ihnen für alle bewiesene Treue und gehorsam geleisteten Dienste, verteilte ihre Kleinodien und Kostbarkeiten unter sie und tröstete die in Thränen Aufgelösten damit, daß ihr der wilde Hussitenführer wohl freundlich entgegenkommen werde.