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Sagenbuch des Erzgebirges

IX. Ortssagen. (continued 4)

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Die Fallbrücke rasselte herab, sechzehn bleiche und abgezehrte Männer mit der alten, weinenden Wärterin schwankten heraus, und nicht lange darnach stürzten die nach Beute lechzenden Taboriten mit ihrem Anführer an der Spitze, welcher die Jungfrau suchte, in die Burg. Allein wie vom Blitze gerührt blieb die wilde Rotte am Eingange einer Halle stehen und starrte mit stummen Entsetzen auf das ihr sich darbietende Bild. Dort in der Mitte des Gemaches stand Zdenka, bräutlich geschmückt, Entschlossenheit in Mienen und Gebärden, Hoheit und Würde in Haltung und Stellung zeigend. In ihrer Rechten loderte, Unheil und Verwüstung drohend, eine Fackel mit blutigrotem Scheine, und mit dem Zeigefinger ihrer Linken deutete sie auf ein vor ihr stehendes Pulverfaß. – Todesschauer schien die Kelchner gelähmt zu haben, und dieser wollte auch dann nicht von ihnen weichen, als ein brausendes Getöse sich gegen die Burg hinanwälzte, und endlich ein Haufen sich gesammelten, bewaffneten Landvolkes, entrüstet über die unmenschliche Verheerung ihrer Heimat, angefeuert durch die Not der verlassenen Jungfrau, zum Entsatze herbeieilte und die blutdürstigen Räuber mit leichter Mühe überwältigte. Zdenka stand noch immer, wie ein Engel des Todes, drohend vor der Pulvertonne. Erst als sie sich gerettet sah, fiel sie, inbrünstig dem Himmel für ihre Rettung dankend, auf ihre Knie. Die ruhmwürdige Jungfrau hätte eher die Burg in die Luft gesprengt, als sich den Taboriten ergeben, da sie voraussah, daß Entehrung und grausame Behandlung ihrer warte.

743. Ein Beispiel von Vaterlandsliebe.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgszeitung 1882, S. 29.)

Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor dem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräche begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren hochinteressant, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten Feind Maria Theresias mit großem Eifer und dramatischer Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger denn je, denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.

»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf, »heraus mit euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«

Auf seinem Stelzfuße hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Veteran erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, so daß die Preußen diesen entschlossenen Leuten gegenüber einen andern Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.

Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebenso viele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt, sechs Schritte entfernt, nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme, bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch die verhaßten Preußen irre zu führen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebahren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegsthaten seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Moment benützte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla, die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß seinen Mund auf ewig verstummte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.

744. Der Hauptmann Gecko von Lauenstein.

(Brandner, Lauenstein. 1845. S. 24 und 25.)

Das Schloß Lauenstein, welches früher Löwenstein hieß, hatte wie andere Burgwarten einen markgräflichen Hauptmann. Durch die Räubereien dieser Hauptleute aber erhielt Lauenstein später den Ruf eines Raubschlosses. Einer dieser Hauptleute, mit Namen Gecko oder Jecko, war wegen seiner räuberischen Streifzüge, die er zuweilen bis an die Elbe ausdehnte, besonders gefürchtet. Bei einer solchen Gelegenheit bekam er die Gemahlin des Burggrafen Otto von Dohna und deren Tochter Edda in seine Gewalt, und er ließ beide, da Otto das schwere Lösegeld nicht aufbringen konnte, in schmählicher Gefangenschaft schmachten. Erst, nachdem Otto die Burg Lauenstein hart bedrängte, erhielten sie ihre Freiheit wieder. Aber Ottos Gemahlin genoß die Freude des Wiedersehens nur auf Augenblicke, denn als ihr Gemahl herbeieilte, um sie zu empfangen, erlag sie, durch lange, harte Gefangenschaft, durch Harm und Kummer geschwächt, der Wonne herzlicher Bewillkommnung. Sie starb in den Armen ihres Gemahls.

Der Hauptmann Gecko aber fand später ein elendes Ende, das man, wie die alte Nachricht hinzufügt, für ein hartes Strafgericht Gottes halten mußte.

Als Geckos kleiner Sohn an dem Rande des Zwinggrabens spielte, stürzte er, nach Blumen langend, in denselben hinab. Gecko, dies gewahrend, eilte behende herbei, um zu helfen, glitt indeß aus, stürzte hinab, blieb aber an einem Pfahle hängen und spießte sich denselben in der Hüfte zwischen Wamms und Brustschild durch den Leib, woran er elendiglich seinen Tod fand. Der Knabe aber ist ohne Fehl wieder herausgekommen.

745. Der treue Haberberger von Freiberg.

(Moller, Theatrum Freib. Chron. II. S. 43.)

Als Markgraf Friedrich der Freidige, vom Kaiser Adolf besiegt, elend im Lande umherzog, kam er, von einem einzigen Diener begleitet und unerkannt in eine Schmelzhütte, in welcher ein Freiberger Bürger, namens Haberberger, einen starken Blick Silber abtrieb. Als er nun gefragt, wem so viel Silber zustände und darüber berichtet worden war, hat er den Haberberger allein vor die Hütte geführt, sich zu erkennen gegeben und ihn um das Silber angesprochen. Haberberger hat ihm dies nicht allein willig zugestellt, sondern ihm auch versprochen, daß er ihm nach wenig Tagen, wenn er es geschmolzen, noch mehreres geben wolle. Markgraf Friedrich nahm es mit Dank an, und da ihm in der Folge noch mehrere reiche Bürger heimlich von ihren Ausbeuten zuschickten, warb er neues Kriegsvolk an, mit dem es ihm gelang, in seinem Lande wieder festen Fuß zu fassen. Er konnte sich um so mehr darin behaupten, als bald darauf der Kaiser abgesetzt wurde und in einer Schlacht mit seinem Gegenkaiser sein Leben einbüßte. Haberberger aber wurde reichlich beschenkt und erhielt mancherlei Freiheiten.

746. Ein Freiberger Bürger rettet Markgraf Friedrich dem Freidigen das Leben.

(Moller a. a. O. II. S. 47.)

Im Jahre 1305 ist der Kaiser Albrecht nach Altenburg gekommen und hat Markgraf Friedrich den Freidigen zu sich entbieten lassen, ihn auch freundlich aufgenommen und zu seiner Tafel gezogen, allein heimlich hat er einen Meuchelmörder bestellt gehabt, der plötzlich ins Tafelzimmer hineinsprang und einen Stoß auf den Markgrafen führte. Als dieses seine Diener sahen, ist der eine, so ein Bürger von Freiberg gewesen, ihm in den Stoß gefallen, dabei aber tötlich verletzt worden, die andern aber haben zu ihrer Wehr gegriffen und teils den Thäter in Stücke gehauen, teils ihren Herrn aus der Gefahr vom Schlosse hinweg und am folgenden Tage in fremden Kleidern aus der Stadt gebracht, worauf er sich nach Pegau gerettet hat.

747. Der Ritter von Bärenstein und der Löwe.

(Nach Peccenstein, Theatrum Sax. I. S. 91 in Gräße, Sagenschatz d. K. S. No. 244.)

Der König von Ungarn Matthias ist den deutschen niemals sonderlich hold gewesen, also daß er sich mehrmals öffentlich hat vernehmen lassen, er wolle den Türken einen Paß durch sein Land vergünstigen, Deutschland zu überfallen. Gleichwohl hat er immer deutsches Volk an seinem Hofe gehabt und in seinen Kriegen gebraucht, und so ist denn auch ein Ritter von Bärenstein in seine Dienste gekommen. Nun trug es sich zu, daß der König einmal auf dem Schlosse zu Ofen spazieren ging, und wie er dabei an die Löwengrube kommt, so forderte er den von Bärenstein zu sich, befiehlt, dem Löwen Fleisch zuwerfen und redet darnach den von Bärenstein an, er solle doch, da er so kühn sei, den Löwen vom Fleische wegjagen. Wiewohl nun der Ritter leicht abnehmen konnte, wie solches gemeint sei und was ihm für Gefahr bevorstehe, wenn er es unternehmen wolle, so hat er doch, um allen Unglimpf zu verhüten und abzuwenden, sein Leben nicht zu sparen gedacht, seinen Mantel um den linken Arm gewickelt, das Schwert in die rechte Hand genommen und ist also in die Grube auf den Löwen zugegangen. Wie dieser ihn ansichtig worden und sein unerschrockenes Gemüt gemerkt, hat er seiner nicht erwarten wollen (wie es denn die Natur dieses Tieres sein soll, daß es denen weicht, so es an Kühnheit übertreffen), und also hat der Ritter von Bärenstein das Fleisch genommen und dem König überbracht, nicht ohne dessen sowie des ganzen Hofes große Verwunderung. Ob nun wohl der König sich darauf ganz gnädig gegen ihn bezeigt, hat jener doch bald Abschied genommen und sich aus seinen Diensten begeben.

748. Ein Ritter von Schönberg wird von den Hussiten gejagt.

(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan. 1847. S. 83.)

Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über Olbernhau und Sayda durch das Gebirge herunter nach Oederan zog, galt es besonders dem Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der Gefangenschaft entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg wohnte. Täglich wurde jetzt dieses Schloß 3 Wochen lang von den Hussiten gestürmt. Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe durch einen unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem Schlosse öffnete. Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine, auf dem ein Kreuz eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit gehaltenes Roß trug den Ritter in der dunkeln Nacht durch den Forst auf die nahe Straße nach Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten nach und hart vor Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten beinahe eingeholt. Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in der Morgendämmerung diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter, welcher ihm sein weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er vor den mit heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb des Thores aber verließen den Ritter die Kräfte; auf der Meißner Gasse stürzte er mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen. Auch diese Stelle ward mit einem Steine, den man später an die Stadtmauer gelehnt hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.

749. Hertha von der Planitz rettet die Kirche zu Oederan.

(Staberoh, Chron. der Stadt Oederan. 1847. S. 36.)

Im Bruderkriege wurde die Kirche zu Oederan von Herzog Wilhelms wilden, meist böhmischen Kriegern völlig ausgeraubt. Vom völligen Feuerruin wurde sie nur dadurch gerettet, daß, als die Räuber mit den Pechkränzen schon nach dem Gotteshause liefen, ein adeliges Fräulein, Hertha von der Planitz, in die Kirche eilte, das Marienbild vom Altare nahm und dieses dem Feldhauptmann Cuno von Witzleben, der zu Pferde vor der Kirchthüre hielt, mit den Worten zeigte: »Halt ein, du Gottloser! Diese Heilige wohnt in dieser Kirche, und wird dich bei ihrem Sohn verklagen. Ich trage sie zurück in ihr Heiligtum und werde mich selbst mit ihr verbrennen lassen!« Der Feldhauptmann ließ zwar die Pechkränze wieder wegtragen, doch nun die Thüre der Kirche erbrechen und diese ausrauben; jedoch befahl er, jenes heldenmütige Edelfräulein mit ihrem Marienbilde zu verschonen. Dies geschah 1447.

750. Die Zerstörung des Klösterleins »alte Zelle« im Zellwalde bei Nossen.

(Alfr. Moschkau, Geschichte des Benediktinerklosters St. Walpurgis im Zellwalde. 1874. S. 8. Saxonia I. S. 172.)

Das im Jahre 1540 als Wallfahrtskirche eingegangene Mönchsklösterlein »alte Zelle« im Zellwalde soll nach der Sage ein Nonnenkloster gewesen und erst im dreißigjährigen Kriege eingegangen sein. Als Banner Freiberg vergeblich belagert hatte und seinen Zug gegen den Zellwald nahm, soll ihm die Aebtissin einen Boten entgegengesandt und für die Schonung des Klosters versprochen haben, ihm den Weg von Freiberg bis hierher mit Silbergulden zu belegen. Banner aber habe geantwortet, er wolle sich das Geld schon selber holen. Endlich sei er gekommen, habe das Kloster ausgeplündert und die Gebäude dann niedergebrannt.

Eine Sage erzählt noch, daß dieses Nonnenkloster mit dem Mönchskloster Altzelle bei Nossen durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen sei. (Merkel und Engelhard, Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B. S. 117.)

751. Herzog Albrecht hält auf einer Silberstufe Tafel.

(Meltzer, Historia Schneebergensis. S. 672.)

In ganz Deutschland ist in keiner Zeche jemals mehr gediegen Silber gehauen worden, als in St. Georgen zu Schneeberg. Von dem Herzog Albrecht, dem teuren und hochberühmten Helden, wird gemeldet, daß er auf diesem St. Georg (1477) angefahren und darin auf einer verschrämten großen, gediegenen Silberstufe, woraus später 400 Centner Silber gewonnen wurden, wie auf einem Tische mit etlichen seiner Räte Tafel gehalten, auch unter andern diese nachdenklichen Worte gesagt habe: »Unser Kaiser Friedrich ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber doch, daß er jetzo keinen solchen stattlichen Tisch hat.«

In der Bergamtsstube auf dem Rathause zu Schneeberg wurde lange nachher noch der Sattel aufbewahrt, auf welchem Herzog Albrecht in den St. Georg und später auch Kurfürst Johann Friedrich auf dem Fürsten-Vertrag eingefahren war.

752. Der Kretscham und Fürstenbrunnen bei Neudorf an der Sehma.

(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgebirge. Dresden, 1847. S. 205.)

Neudorfs oberes Ende stößt an den Kretscham, welchen Namen der tiefere Teil des angrenzenden Ortes Rothensehma führt. Im engsten Sinne ist der Kretscham ein Gasthof mit Freigut, einer Mühle und vielen Vorrechten, auch zum Teil sehr altertümlicher Bauart. Nach einer Volkssage soll hier (und nicht am Fürstenberge bei Grünhain) des Prinzen Albert Errettung aus den Händen Kunzens von Kauffungen 1455 geschehen sein. Noch zeigt man im Westen, diesseits eines alten Marmorbruchs, den Fürstenbrunnen, und im Süden die Stätte des Kohlkrams, wo der mutige Köhler Schmidt, der Triller genannt, sich aufhielt, welcher später die Erlaubnis erhielt, hier an der böhmischen Straße den Kretscham (Gasthof) anzulegen.

753. Die Prinzenkleider in der Kirche zu Ebersdorf.

(Nach Berkenmeyer, Cur. Antiquarius S. 652 und W. Schäfer, Der Prinzenraub, S. 50; bei Gräße a. a. O. No. 528.)

Nachdem die beiden sächsischen Prinzen Ernst und Albert ihrem Räuber, dem Ritter Kunz von Kauffungen, durch Gottes Hülfe glücklich entronnen waren, machte der ganze Hof eine Wallfahrt nach der Ebersdorfer Kirche bei Chemnitz, und der Kurfürst ließ daselbst die Kleider der beiden jungen Herrlein, so sie bei ihrer Entführung angehabt, wie auch des Köhlers Schmidt, der sie errettet hatte, Kittel und Kappe aufhängen. Bei den Kleidern wurden folgende Verse angeschrieben:

Kuntz Kauffung der viel wilde Mann, Im Meißnerland ist kommen an, Wohl auf das Schloß zu Altenborg, Sehr frech und kühn ohne alle Sorg, Dem Fürsten allda seine Kind, Entführt hat listig und geschwind, Der Kleider noch sie hängen seht, Ein jeder der fürüber geht, Die dazumahl bald nach der That, Der Vater hergehänget hat.

Die gegenwärtig in der Pfarre von Ebersdorf aufbewahrten Kleider der Prinzen Ernst und Albert sind nur getreue Nachbildungen.

754. Von der Erbauung der Muldenbrücke zu Nossen.

(Alfred Moschkau in der Saxonia II. S. 71.)

Die Steinbrücke, die sich unterhalb des Schlosses Nossen über die Mulde wölbt, steht auf der Stelle einer uralten Furt. Noch Anfang vorigen Jahrhunderts mußte man, um von Meißen her in die Stadt zu gelangen, diese Furt passieren und es gehörte zu deren eifrigsten Frequentanten längere Zeit August der Starke, den die Liebe oft auf das nahe Rittergut Keseberg trieb. Da traf es sich denn einmal, als sein Sehnen groß und er dem Ziele so nahe war, daß er ratlos mit seinem Gefolge an der Mulde rasten mußte, weil der Strom geschwollen und es kein Vorwärts gab. Um nicht wieder in solche fatale Lage zu geraten, ordnete August der Starke sofort den Bau der heutigen Muldenbrücke an.

755. Kunigunde Mathesius von Oederan.

(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 123 etc.)

Im Jahre 1572 befand sich Kurfürst August mit seiner Gemahlin Anna auf der Augustusburg. Nach wenigen Tagen schon stellten sich bei der Kurfürstin Zeichen ein, welche eine schnelle Abreise bedingten. Sie wünschte sogleich fort und nach Freiberg geschafft zu werden, wohin ihre Frauen, das Nötige zu ordnen, sämtlich vorauseilten. Es war spät am Abend und eine finstere Herbstnacht, als August und Anna ganz allein diesen nachfolgten. Der kürzere Fürstenweg sollte sie schnell nach Freiberg führen. Allein am Tannichtholze war die Kraft der Kurfürstin am Ende. Der Kutscher wußte jedoch Bescheid und lenkte auf sanftem Feldwege sogleich nach Oederan ein. Hier lag alles nach tags vorher gefeiertem »Mariä Geburtsfeste« in tiefem Schlafe. Der schwerfällige Wagen bewegte sich langsam bis nach dem Obermarkte herauf, wo an der Ecke eines Hauses, des jetzt Oehme'schen, No. 108, noch ein Lichtlein durchs Fenster leuchtete. Dahin wünschte Anna so heimlich als möglich gebracht zu werden. Der Hauswirt Jakob Mathesius, seines Gewerbes ein Schlosser, war mit seiner Tochter Kunigunde eben von einem Kindtaufsschmause heimgekehrt und letztere vor dem Spiegel beschäftigt, ihren orientalischen Patenschmuck abzulegen, als ein leises aber freundliches Rufen sie vor die Thüre lockte. Zwei Worte reichten hin ihr zu sagen, wem und wie sie hier zu helfen habe, mit gewandtem Anstande führte sie die Landesmutter in ihr Schlafzimmer, rief die erfahrene Hausfrau herbei, ordnete die nötige Hausarznei und schwatzte die sich erholende Anna in den ihr so nötigen Schlaf, bei der das kluge Jüngferchen wie bei einer Mutter sorgliche Wache hielt, indeß der Landesvater in der Wohnstube sich von dem verblüfften Vater die Wahrheit sagen ließ.

Eine zweistündige Ruhe der gestärkten Fürstin ermutigte diese zu dem Wunsche, sogleich weiter zu reisen und den Gemahl herbeizurufen. Von der Gemahlin unterrichtet, was und wie viel sie dem Mädchen danke, fühlte der Kurfürst sich diesem verpflichtet und hielt der Bescheidenen die volle Börse hin. Mit edlem Stolz aber trat Kunigunde, den Reichtum abweisend, zurück und sagte: »Mir genügt an der ehrenvollen Gnade und dem Heil, das unserm Hause wiederfahren ist, und an der Aussicht«, dabei auf die Kurfürstin deutend, »für diese Gesegnete des Herrn bald vielleicht knieend diesen meinen Dank zu bringen!« »Sie hat Recht!« rief, sich erhebend, die Kurfürstin, drängte den Gemahl mit seinem Golde zurück und schloß das edle Mädchen in ihre Arme, den zweideutigen Sinn ihrer Worte recht gut fassend. »An der Wiege meines Kindes wirst Du diesen Dank gen Himmel senden, und dahin mich sogleich begleiten!« Schneller als ihr Entschluß, dieser hohen Gnade und dem gütigen Wunsche zu folgen, waren die Reisekleider der entzückten Kunigunde herbeigeholt und nach wenigen Minuten fuhr sie mit ihren erlauchten Gästen zum Freiberger Thore hinaus, hinab nach Dresden, wo nach 4 Wochen die Überglückliche denselben orientalischen Patenschmuck am Taufpult der neugeborenen Prinzessin trug, welchen sie einst getragen hatte, als ihre hohe Gevatterin vor die älterliche Wohnung geführt wurde.

Die Kurfürstin verheiratete später diese Kunigunde mit einem Freiherrn von Voppelius.

756. Maximilian II. im Tharander Walde in Lebensgefahr.

(Merkels Erdbeschr. von Kursachsen, bearbeitet von Engelhardt, 2. B., S. 105.)

Als Kaiser Maximilian II. im Jahre 1648, da er noch Erzherzog war, den Kurfürsten August von Sachsen besuchte, ward von letzterem in dem großen Tharander oder Grillenburger Walde eine glänzende Jagd veranstaltet. Auf dieser Jagd kam der Erzherzog in eine zweifache Lebensgefahr. Denn ehe er sichs versah, gerieth er mit seinem unbändigen Rosse an einen steilen Felsenhang, wo nur noch ein Schritt zwischen Leben und Tod war, und als er dann, glücklich der Gefahr entgangen, wieder umkehrte, um den Jagdtroß zu erreichen, verirrte er sich beim Sinken des Tages im Waldesdickicht, und er mußte endlich froh sein, daß er die Strohhütte eines Waldhirten erreichte, in welcher er übernachten wollte. Den Hirten aber verblendeten die reichen Kleider des erlauchten Gastes, so daß er den Vorsatz faßte, diesen während seines Schlafes zu ermorden. Doch Maximilians Wachsamkeit und Mut vereitelten diesen Plan. Unterdeß war auch der Jagdtroß, welcher den Fürsten suchte, herbeigekommen, und als die Jäger erfuhren, in welcher Gefahr Maximilian geschwebt hatte, schleppten sie den Hirten mit fort. Derselbe wurde sehr bald hingerichtet, seine Waldhütte aber wurde verbrannt.

757. Die Sühne des Ritters Conrad von Theler.

(Ed. Gottwald in den Mitteilungen des K. S. Vereins für Erforschung und Erhaltung vaterländischer Altertümer, 13. Heft, Dresden, 1863, S. 52.)

Über das Geschlecht der Edlen von Theler, sowie über deren reiche Silberzechen im Thale der wilden Weißeritz sind gar manche Sagen dem Anscheine nach seit Jahrhunderten im Munde des Volkes, und vorzugsweise die Sage vom Ritter Conrad von Theler, welcher seinen Hauspfaffen am Sonntage Oculi 1332 in der Sakristei der Burgkirche erstochen haben soll, weil dieser ihn von der Kanzel herab verflucht und von dem reichen Bergwerkssegen immer zu viel für die Kirche verlangt habe. Nach jener verbrecherischen That sei Conrad nach Jerusalem gezogen, um dort am heiligen Grabe Buße zu thun, und habe, als er am 5. Juli 1334 zurückgekehrt sei, von Höckendorf an sieben Bet- oder Marter-Säulen setzen lassen, von welchen gegenwärtig noch drei vorhanden sind, deren erste nahe am neuen Höckendorfer Kirchhofe steht. Auch habe derselbe den wertvollen Altarschrank bauen lassen, der gegenwärtig noch die dortige Kirche schmückt, und dessen reiche Vergoldung aus dem Goldbergwerke gewonnen sei, welches Conrad in der Höckendorfer Heide besessen.

Die Höckendorfer Kirchennachrichten vom Jahre 1846 bringen hierüber Conrads von Theler eigene Worte, welche einer Urkunde entnommen sein sollen. Sie heißen: »Was ich mitgebracht hatte, das wollte der Pfaff hineinschlucken, welches mir aber nicht anstund; weil nun das Verfluchen auf der Cancel auf mich losging und er mich so sehr verfluchte, sagte ich zu ihm: was habt ihr mich und mein Haus zu verfluchen, da Christus ja auch für mich gestorben und wieder auferwecket von den Toden, zu sitzen zu der rechten Hand Gottes und vertritt uns.

Es war der Sonntag, an welchem das Evangelium: Jesus trieb die Teufel aus: Luc. am II. (am Sonntage Oculi) gepredigt wurde, Anno 1332, als ich den Pfaffen erstach und sogleich nach Jerusalem reiste, wo ich die heilige Stätte abmas, und als ich wieder nach Hause kam, ließ ich vom Dorfe Cunnersdorf an steinerne Capellen setzen, welche soviel auseinanderstanden, als unser Heiland mit dem schweren Kreuze gegangen ist, ehe er ausruhete, in jeder Capell stehen die sieben Buchstaben christus, welches Alles in unserem Herrn Jesu zu einem Gelübde gethan habe. Ich Cunrad Theler habe auch den 5. Juny 1334 den hohen Altar zu Höckendorf zu bauen angefangen, welcher den 6. October 1337 fertig worden ist, das Schnitzwerk ist aus Wien kommen und kostet 5000 Thaler und das Gold mit Vorhängen 24000 Thaler, und den 3. November ist selbiger durch einen Cardinal aus Rom geweihet worden.«

Diese Urkunde ist jedenfalls unecht, denn sowohl Moller in seiner Freiberger Chronik als auch König in seinem Adelslexikon, welche beide die Thelersche Reise nach Jerusalem mitteilen, erzählen nichts von einem Priestermorde, als der Veranlassung zu jener Wallfahrt. Vielmehr heißt es in dem angeführten Adelslexicon von Conrad Theler, daß derselbe gottesfürchtig, andächtig, im Glauben beständig und gegen die Kirche ehrerbietig gewesen sei. (Sachsengrün, 1860, S. 21.)

758. Der treue Rat von Freiberg.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Pros. Anhang, No. 8.)

Die Söhne Friedrichs des Streitbaren, Kurfürst Friedrich und Herzog Wilhelm, hatten über ihre Länder einen Teilungsvertrag geschlossen, nach welchem die Stadt Freiberg beiden zugleich angehörte. Als nun zwischen den beiden Brüdern der Krieg ausbrach, welcher gegen sechs Jahre währte, da war die arme Stadt oft in Kümmernis, denn zwei Herren, die sich befehden, durch Treuschwur zugleich unterthan zu sein, das ist gar ein schlimmes Ding.

Im Jahre 1446 kam Kurfürst Friedrich, vielleicht nur, um die Treue der Bürger zu erproben, mit starker Heeresmacht nach Freiberg, hielt auf dem Markte Lager mit seiner Ritterschaft und ließ durch einen Herold ausrufen, »daß der Rat und die Bürgschaft bei Verlust Gutes und Lebens ihm allein huldigen, seinen Bruder verschwören und wider denselben ihm zu Hülfe thun sollten.« – Da gingen die Herren des Rates zusammen und hielten voller Ängsten einen Rat, was zu beginnen sei und konnten nichts Erfreuliches ersinnen, denn entweder sie mußten den Treuschwur am Herzog Wilhelm brechen, oder die Stadt war der Zerstörung durch den Zorn des Kurfürsten Friedrich gewärtig. Also waren sie in großen Nöten, wählten aber dennoch das beste Teil. – Als der Herold zum dritten Male rief, gingen sie barhäuptig, je zwei und zwei, vom Rathause auf den Markt, jeder seinen Sterbekittel am Arme tragend, und traten vor den Kurfürsten, um den seine Ritter einen Kreis geschlossen hatten. Nikol Weller von Molsdorf, der Bürgermeister, aber nahm das Wort und sprach: »Wir und die ganze Stadt sind so bereitwillig als schuldig, Euch, unserm gnädigsten Herrn, untertänigst zu gehorsamen, und ist uns gegenwärtige Trennung unserer beiden Fürsten ein herzliches Leidwesen; aber weil wir dem Herzog Wilhelm, Eurem Bruder, mit gleichen Pflichten verhaftet und solcher von ihm noch nicht entlassen sind, also auch mit gutem Gewissen keinem Teil Schaden zufügen können, so bitten wir um Gotteswillen, Ihr wollet uns doch dabei lassen und zu keinem Widrigen zwingen. Wenn es nicht gegen den Bruder ginge, so wollten wir gern Leib, Ehre und Gut für Euch zusetzen; aber dafern Ihr, was Gott verhüte, in uns dringen wollt, so gedenken wir lieber zu sterben, als uns in solche Seelengefahr zu stürzen, und ich will gern der Erste sein und mir meinen alten, grauen Kopf abhauen lassen!« Durch diese Rede erweicht, warf der Kurfürst sein Roß herum, ritt zu Wellern, klopfte ihm auf die Achsel und sagte freundlich: »Nicht Kopf weg, Alter! nicht Kopf weg! wir bedürfen solcher ehrlicher Leute noch länger, die ihr Eid und Pflicht also in acht nehmen!« – Hierauf lobte er die Treue der Stadt und ermahnte die Ratsherren und Bürger, darinnen zu verharren und furchtlos zu sein, denn er stehe gern ab von seinem harten Begehren.

759. Erfindung des Spitzenklöppelns.

(Aug. Diezmann im Album fürs Erzgebirge, Leipzig, 1847, S. 133.)

Ziemlich allgemein setzt man die Erfindung des Spitzenklöppelns durch Barbara Uttman in das Jahr 1561, ohne einen haltbaren Grund dafür angeben zu können; wahrscheinlich war in jener Zeit die neue Kunst schon so weit vervollkommnet und erleichtert, daß sie von da an allgemeinen Eingang fand. Dies muß der Fall gewesen sein, denn als 1568 eine bösartige Krankheit in Annaberg herrschte, sollen allein in dieser Stadt gegen 800 Spitzenklöpplerinnen gestorben sein.

Barbara Uttmann war die Tochter des Fundgrübners Hans Heinrich von Elterlein und wurde im Jahre 1514 geboren. Schon frühzeitig zeichnete sie sich durch eine seltene Geschicklichkeit in allen weiblichen Arbeiten und namentlich in der Verfertigung von Spitzen mit der Nadel aus. Die Sage erzählt nun:

Ein junger Mann aus der damals berühmten Familie Uttman, welche durch den Bergbau große Schätze erlangt hatte, sah Barbara, verliebte sich in sie und wurde, als er ihr die Gefühle seines Herzens entdeckte, durch das Geständnis der Gegenliebe beglückt. Die Eltern der jungen Liebenden hatten gegen die Verbindung derselben nichts einzuwenden und die Zeit der Vermählung wurde festgesetzt. Die Männer trugen zu jener Zeit breite gestickte Hemdkragen und Barbara wünschte ihren Bräutigam am Hochzeitsfeste mit einem selbstgefertigten Spitzenkragen zu überraschen. Sie sann und grübelte deshalb noch eifriger als sonst über die neue Art der Spitzenbereitung, mit der sie sich schon lange beschäftigt hatte; sie versuchte wohl tausenderlei, steckte Nadeln fest, schlang um dieselben die Faden und endlich brachte sie auf diese Weise glücklich ein Gewebe zu Stande, dem sie mit der Nadel die letzte Vollendung gab. So soll die erste geklöppelte Spitze entstanden sein, welche der Bräutigam der Erfinderin, Christoph Uttman, an seinem Hochzeitstage als Halskragen trug.

Eine andere Sage erzählt, daß Barbara in der Kunst des Spitzenklöppelns von einer Magd unterrichtet wurde, die aus Brabant entflohen war und in dem Hause des Herrn von Elterlein eine Zuflucht gefunden hatte.

760. Christoph Schürer.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 45.)

Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, wie man den Kobalt nannte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn aus Westphalen und landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Anna's, der Tochter des Hüttenmeisters Rau, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen das Jawort ihres Vaters, so daß die Hochzeit auf das nächste Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, wären beinahe die Hoffnungen Schürers vernichtet worden. Bei seinen chemischen Forschungen war er nämlich auf den Gedanken geraten, den viel verrufenen Kobalt zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach im geheimen in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchimisterei und Schwarzkünstlerei gerieth. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem frühern Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse Neider gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer gewesen sei, und man seine Auslieferung forderte, gebot der Bergmeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Frohn, ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen, was er dem Bergmeister meldete. Diesen sowie den Hüttenmeister Rau und einige Geschworene trieb jetzt die Neugier mitzugehen. Die Thür ward aufgesprengt und mit freudefunkelnden Augen trat der Gesuchte den Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Frohn ihn griff und ihm die Handschellen anzwang! Wie erschrak er, als ihn die Bergherren mit Vorwürfen überhäuften und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer schalten. Da rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme: »Männer prüfen, ehe sie entscheiden! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollt ich gewinnen, und, Gott sei Dank, endlich ists gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Mit diesen Worten reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehls hin. Die Bergherrn staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne blaue Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen. Dies gelang auch dem wackeren Manne bald, und Schürer erhielt nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder, später aber Schmalte nannte, zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters glücklicher Eidam.

761. Dr. Luther vergilt einem Bergmanne zu Altenberg Böses mit Gutem.

(Meißner, Umständl. Nachrichten von Altenberg, S. 19. Darnach Gräße, Sagenschatz, No. 232.)

Im Jahre 1522 haben eine Menge Leute zu Altenberg ein hölzernes Bild, das wie Luther angezogen war, gemacht, dasselbe vor ein aus fingierten Richtern und Schöppen gebildetes Gericht geführt, es wegen Ketzerei verklagt und verurteilt, und dann mit großem Geschrei und Lärm auf den Geisingberg geführt und am Sonntag Lätare an einem aus 25 Fudern Holz bestehenden Feuer verbrannt, nachdem vorher ein gewisser Bergmann darüber den Stab gebrochen und das Urteil gesprochen hatte. Zwanzig Jahre nachher kommen zwei Bürger aus Altenberg zu Dr. M. Luther gen Wittenberg und bringen ihm einen schönen Handstein von rotgüldenem Erze, worauf sie derselbe zu Tische bittet. Da sagte der Eine, sein Kamerad habe sich einst schwer an ihm versündigt, indem er sein Bild wie Johann Huß zum Feuer verdammt, später habe er aber die Wahrheit seiner Lehre erkannt, und bitte nun, da ihm solches von Herzen leid sei, demütig um Gnade und Verzeihung seines thörichten Unverstandes. Dem Luther gefällt die Rede und er sagt, weil solches Feuer ihm und seiner Lehre nichts geschadet, solle es ihm im Namen des Herrn vergeben und vergessen sein. Wie nun dieser Handel ein gut und ehrliches Gelächter gab, spricht der Absolvierte: »O Herr Doktor, ich danke Ew. Ehrwürden, aber ich hab noch eine große Schuld auf mir, bitte, Ihr wollet mich auch davon absolvieren, denn ich armer Bergmann habe mich bei der Zeche verpufft und bin an die 500 Gulden schuldig.« Da sagt der Luther: »Ihr Bergleute, wenn Ihr am ärmsten seid, blüht Euer Glück, denn da haltet Ihr an und sehet selber zu Euern Zechen, und Not lehret Euch beten, zur Kirche gehen und nüchtern und mäßig sein, darum wisset Ihr selber nicht, wie reich Ihr seid. Ziehet heim und arbeitet treulich und handelt redlich und glaubt und hofft an den Allmächtigen, den rechten Erzschaffer im Namen seines Sohnes, der Silber und Gold ins Fisches Mund sprach (Matth. 17) und läßt immer Erz wachsen und giebts zu rechter Zeit denen, die in ihren Zechen anhalten und bei ihm im Gebet aushalten. Der reiche Gott wird mit Euch sein, auf seinen reichen Segen und milde Hand absolviere ich Euch von aller Eurer Schuld.« Ehe dieser Bergmann wieder zu Hause kommt, erhält er Botschaft unterwegs, man habe in seiner Zeche auf dem seligen Asar gut Erz angetroffen; da löst er Geld und giebt Ausbeute und zahlt alles ab und behält noch Überlauf.

762. Die vierzehn Nothelfer bei Gottleuba.

(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts in Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 242.)

Als die Hussiten im Jahre 1429 durch das Land Meißen zogen und alles mit Mord und Brand verwüsteten, kamen sie auch in das sächsische Hochland und zwar in die Nähe des in einem der tiefsten und schönsten Thäler Sachsens liegenden Städtchens Gottleuba. Schon brachten Flüchtige aus Liebstadt die Nachricht, daß das feindliche Heer im Anzuge sei, und um in die benachbarten Berge zu flüchten, schien die Zeit zu kurz, wenn es nicht möglich werde, dasselbe eine Zeitlang zu beschäftigen. Da rief der Bürgermeister rasch die ratlosen Bürger auf dem Markte zusammen, und forderte sie auf, freiwillig zurückzubleiben und sich den Hussiten entgegen zu werfen, auf daß Greise, Weiber und Kinder indeß Zeit zum Entrinnen gewinnen könnten. Obwohl sich aber fast alle Männer bereit erklärten, so wählte der tapfere Mann doch nur dreizehn Unverheiratete aus und zog mit ihnen, nachdem sie von den Ihrigen auf Nimmerwiedersehen Abschied genommen, den Feinden entgegen. Sie besetzten eine steile Bergspitze, bei welcher dieselben vorüber mußten, wenn sie zur Stadt wollten, und als ihnen die Hussiten einen Gesandten entgegenschickten, der sie zur Übergabe auffordern sollte, wiesen sie ihn mutig zurück. Nun rückten jene mit ihren ganzen Massen heran, um sie von ihrem Posten zu vertreiben, allein sie widerstanden männiglich, und erst nach Verlauf von drei Stunden, als keiner der Vierzehn mehr am Leben war, ward der Paß frei und die Feinde drangen über die Leichen der tapfern Bürger ins Thal herab; allein sie fanden niemanden mehr im Städtchen, denn jener Aufenthalt hatte alle gerettet. Die waldige Höhe aber, wo jene so wacker gestritten, heißt noch jetzt die vierzehn Nothelfer, obwohl manche diesen Namen von einer einst dort gestandenen Kapelle (die 12 Apostel, die Jungfrau Maria, Johannes der Täufer oder Joseph führen in katholischen Ländern den Namen der 14 Nothelfer) herleiten wollen, die übrigens recht gut zum Andenken an jene Begebenheit erst erbaut sein könnte, um so mehr, als jene 14 hier begraben sein sollen. Eine andere, südlich von der Stadt gelegene Anhöhe, welche jenen Bürgern als Ausguck gedient haben soll, heißt von derselben Begebenheit noch jetzt die »schnelle Gucke«.

Als die 14 Nothelfer galten anderwärts auch Jesus, die 12 Apostel und irgend ein Heiliger, welchen der Bischof bezeichnete. Diesen 14 Nothelfern war z. B. ein uraltes Wallfahrtskirchlein auf der kahlen Höhe bei Reichstädt geweiht; der Heilige war daselbst St. Nikolaus. (Monatsbeilage zur Weißeritzzeitung, 1884, No. 5.)

763. Harras der kühne Springer.

(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 327. Sachsens Kirchengalerie 8. B. S. 118.)

Zwischen Frankenberg und Lichtenwalde an der Zschopau befindet sich ein hoher Fels, der Haustein genannt. Am 28. Mai des Jahres 1499 ist der Ritter von Harras, Besitzer von Lichtenwalde – seine Familie besaß dasselbe bis 1561 – in einer Fehde von seinen Feinden in der Nähe desselben überfallen und so verfolgt worden, daß ihm kein anderer Weg zur Rettung übrig blieb, als mit seinem Rosse von der Spitze des hohen Felsens, der den Namen Haustein trägt, in den unten vorbeiströmenden Zschopaufluß zu springen. Dieser kühne Sprung von einer Höhe von mehr als 100 Ellen ist ihm auch geglückt, und da er eine Tiefe von 10 Ellen Wasser im Flusse getroffen, hat derselbe weder ihm, noch dem Rosse Schaden gebracht, sondern beide haben das gegenüberliegende Ufer glücklich erreicht und später im Schlosse zu Lichtenwalde Schutz gefunden. Der Ritter aber hat nach der Kapelle zu Ebersdorf und dem dort befindlichen Gnadenbilde eine Wallfahrt gemacht und zum Andenken daselbst ein großes silbernes Hufeisen hinterlassen, welches in der Kapelle aufgehangen, aber um 1529 gegen ein eisernes vertauscht worden ist. Dieses Hufeisen befindet sich an einem Balken in der Nähe des am mittleren Thore der Kirche zu Ebersdorf errichteten steinernen Standbildes eines Ritters Dietrich von Harras, der als der kühne Springer bezeichnet wird. Im Mai des Jahres 1801 ist am Rande der Zschopau, dem Haustein gegenüber, bei einer sehr alten Eiche ein Denkstein mit der Inschrift auf den beiden Hauptseiten: »Dem tapfern Springer, Ritter von Harras,« errichtet worden, auf dessen Nebenseiten ein Sporn und ein Hufeisen abgebildet wurden.

Bei den Brüdern Grimm (Deutsche Sagen, I. No. 332), welche Theodor Körners Nachlaß benutzten, lautet die Sage ganz einfach: Bei Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem Zschopauthal eine Stelle, genannt der Harrassprung, wo vor Zeiten ein Ritter, von seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter geritten sein soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der Held entkam glücklich auf das jenseitige Ufer.

764. Der Trompeterfelsen bei Seifersdorf.

(K. W. Clauß, Führer auf der Fahrt durch das Weißeritzthal. 1883. 2. Aufl. S. 12.)

Kurz vor der Haltestelle Seifersdorf zwischen Hainsberg und Dippoldiswalde befindet sich auf dem jenseitigen Weißeritzufer der Trompeterfelsen, an welchen sich eine Art Harrassage knüpft. Ein sächsischer Trompeter wird von Oelsa her von Feinden hart verfolgt und steht plötzlich auf einer Waldblöße vor dem Abgrunde. Den Tod vor und hinter sich sehend, sprengt er über den Abhang in die Weißeritz. Sein Pferd zerschellt, er aber kommt mit dem Leben davon, steigt auf die dem Felsen gegenüber liegende Höhe und bläst dort ein »Nun danket alle Gott.« Die erbitterten Verfolger sandten ihm Schüsse nach und eine Kugel streckte ihn nieder.

Andere erzählen, die Kugel sei ihm zwischen Hand und Mund durch die Trompete gefahren, dieselbe unbrauchbar machend. Die Trompete sei in das alte Messing gewandert, das Loch aber noch in einem Altertumsmuseum zu sehen.

765. Der Kärrner zu Stollberg.

(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O. No. 575.)

In der letzten Zeit vor dem 30jährigen Kriege lebte zu Stollberg eine Witwe mit ihrer Tochter in einem kleinen Häuschen am Ende der Stadt; das Häuschen war ihr von ihrem verstorbenen Ehemanne als einziges Erbe hinterlassen worden. Dem Hause gegenüber wohnte ein junger Mann, der seinen Unterhalt damit fand, auf den Dörfern mit verschiedenen Waren herumzuziehen, die er auf einem kleinen Wagen, welchen sein Hund zog, mit sich führte. Nun war der junge Mann längst der Tochter der Witwe gut gewesen und auch diese hatte ihn immer gern gesehen; da traf es sich, daß er gerade am heiligen Christabende mit ihr von seiner Liebe sprach und sie fragte, ob sie sein Weib werden wolle. Das Mädchen sagte freudig ja, und beide teilten der alten Mutter die frohe Neuigkeit mit und feierten so recht in Herzenslust den heiligen Abend. Allein plötzlich sprang der Kärrner auf und erklärte, er könne nicht länger bleiben, er müsse noch in das benachbarte, 1½ Stunde von der Stadt gelegene Wittendorf, das später durch den Krieg zur wüsten Mark ward, um dorthin bestellte Waren zu schaffen. Zwar bat ihn seine Braut, nur diesen Abend zu bleiben, es sei ihr so ängstlich zu Mute; allein der Kärrner lachte sie aus und meinte, es sei ja Mondenschein, er habe den Weg schon so viele male bei schlechterem Wetter und im Finstern gemacht, er werde ihn also auch heute nicht verfehlen. Er ließ sich nicht halten, sein Mädchen aber setzte sich traurig an den Spinnrocken und versuchte sich die Zeit mit Spinnen zu vertreiben. Aber in ihrer Herzensangst kamen ihr häßliche Bilder vor, die Spindel und das Garn schienen ihr blutig zu sein, und es war ihr, als spinne sie ihr Leichenhemde. Sie nahm also das Gesangbuch und die Bibel zur Hand, allein alles half nichts, es wollte keine Ruhe in ihr ängstlich schlagendes Herz einziehen. Endlich hörte sie die Glocke zur Frühmette läuten und sie eilte hinaus, um zu sehen, ob ihr Bräutigam zurückgekehrt sei; allein weder jetzt noch nach dem Schlusse der Mette ließ er sich sehen. Endlich hatte sie keine Ruhe mehr, sie bat einen ihr freundlich gesinnten Nachbar sie nach Wittendorf zu begleiten, um dort zu hören, ob ihrem Geliebten etwas zugestoßen sei. Als sie aber dort ankamen, hörten sie, derselbe sei zwar dagewesen, aber schon seit Mitternacht wieder fortgefahren, und sie konnten also nicht mehr zweifeln, daß ihm ein Unglück begegnet sei. Auf dem Rückwege verfolgten sie nun die Spur, welche der Kärrner mit seinem Wagen hinterlassen hatte, und dieselbe führte sie auch deutlich nach einer morastigen, aber grundlosen Stelle eines den Stollbergern unter dem Namen des Walkteiches bekannten Weihers, wo sie auf einmal aufhörte. Jetzt konnte die Arme nicht mehr an dem Schicksale ihres Bräutigams zweifeln, sie kehrte trostlos in das Städtchen zurück und sprach im halben Wahnsinn zu ihrer alten Mutter, in drei Monaten werde sie ihr Bräutigam zur Trauung abholen, bis dahin müsse sie sich ihr Hochzeitskleid spinnen. So spann sie denn emsig bis zum Osterfeste, und als die Mitternacht des Vorabends gekommen war, da dünkte es ihr, es poche jemand dreimal ans Fenster. Sie öffnete es und es schien ihr Bräutigam draußen zu stehen, zwar mit totenbleichem, aber himmlischfreundlichem Gesichte; er lud einen Myrthenkranz und Cypressenranken von seinem Wagen ab und verschwand. Kaum hatte sie ihrer bekümmerten Mutter von der Erscheinung erzählt, als sie auch schwer erkrankte, und es waren nicht 24 Stunden verronnen, da war das Mädchen entschlafen. Seit dieser Zeit sagt man aber, daß sich der Geist des Kärrners mit seinem Wagen und Hunde in den Gassen von Stollberg allnächtlich sehen lasse, und wo er vor einem Hause anhält und Kränze abladet, da wird jemand aus demselben drei Tage nachher begraben, und wenn jemand in der Stadt auf den Tod liegt, da sagt man: Dort hat der Kärrner abgeladen. Das Sumpfloch aber, worin er sein Grab fand, heißt noch heute das Kärrnerloch.

Aus den Akten über den Kärrner von Stollberg ergiebt sich folgendes: Er hieß Martin Schmidt aus Crottendorf und ertrank am 24. Dezember 1591 abends 6 Uhr im Ratsteiche, d. i. Walkteiche, zu Stollberg. Am 25. abends 4 Uhr ist er aufgefunden, durch den Scharfrichter herausgezogen, aufgehoben und »hinterm Städtlein an der Zwickschen Straße auf dem Scheidewege, am Viehweg nach Würschnitz zu« begraben worden. Solches ist vom Stollberger Schösser Lorenz Stuihler dem Beamten in Schwarzenberg, Seibold Werner, gemeldet und bei demselben, wahrscheinlich weil man in Zweifel war, ob der Mann ertrunken oder sich ertränkt hatte, angefragt worden, wie man sich dabei zu verhalten habe, da so ein Fall ihm weder bei seinen jetzigen, noch in seinen früheren Ämtern vorgekommen sei. Dieser hat darauf angeraten, sich darüber beim Amte Chemnitz, wo sich zweifelsohne solche Fälle schon zugetragen, im Vertrauen zu befragen. (Stollberger Anzeiger, 1882, No. 39.)

766. Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf.

(Dietrich und Textor, die romantischen Sagen des Erzgebirgs, I. 1822. S. 167 etc. Gräße, Sagenschatz etc. No. 478.)

Einst lebte in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf ein junger Bergmann, namens Oswald Barthel, des alten Bergmanns Michael Barthel Sohn, der von seinen Vorgesetzten so geschätzt war, daß ihm der reiche Obersteiger Baumwald seine einzige Tochter Anna verlobte. Nun sollte er im tiefen Stolln »Gutes Glück« im Sauberge anfahren, um einen Durchschlag zu machen, welches wegen des entgegenstehenden Wassers unter die gefährlichsten Arbeiten des Bergbaues gehört. Er und diejenigen seiner Kameraden, welche die Reihe hierzu traf, traten nun, nachdem sie zuvor mit ihrem Steiger gebeichtet und das heilige Abendmahl genommen, am Tage St. Katharinä im Jahre 1508 die Fahrt mit einem herzlichen Glückauf! an. Als sie an dem gefährlichen Punkte angekommen waren, ward die Arbeit sofort in rolliger, sehr gebrechlicher Bergart betrieben und das Einstürzen der Firste durch Zimmerung verhütet. Die Last war groß, die auf dieser Zimmerung ruhte, und als der Steiger, etwas zurückstehend, eben eine Anordnung treffen wollte, hörte er ein heftiges Krachen in der Firsten-Zimmerung und im nächsten Augenblick ein gleiches. »Brüder, rettet Euch!« rief er schnell, »es macht einen Bruch!« Diesem Rufe folgten alle in der größten Eile, nur Oswald, der jüngste und rascheste von allen blieb auf eine bis jetzt unbegreiflich gebliebene Weise zurück und wurde verschüttet. Zwar gab man sich die unsäglichste Mühe, den armen Oswald zu retten, und immer neue Arbeiter lösten die bereits ermatteten ab, aber vergebens, es brach immer mehr nach und der Unglückliche ward nicht wieder gefunden. Als nun aber die Braut des armen Bergmanns die furchtbare Kunde vernahm, sank sie zuerst in eine tiefe Ohnmacht, aus der sie nur wieder erwachte, um in eine tödliche Krankheit zu verfallen. Zwar besiegte ihre Jugendkraft dieselbe und sie ward dem Leben erhalten, allein als sie nach ihrer Genesung zum ersten male wieder das Gotteshaus betrat, da brachte sie am Altar der hochheiligen Mutter des Herrn das Gelübde, ihrem Oswald treu zu bleiben und ihr Leben lang Jungfrau zu bleiben; dann hing sie ihren Brautkranz mit eigner Hand unter den Totenkränzen in der Kirche auf und lebte in tiefster Stille, den Segen der Armen verdienend. – So gingen denn seit jenem Unglückstage viele Jahre dahin und zuletzt waren nur noch die jungfräuliche Braut, sowie drei Bergleute, Balthasar Thomas Kendler, Andreas Reiter der ältere, beide in Ehrenfriedersdorf, sowie Simon Löser, in Drehbach wohnhaft, von allen denen übrig, die damals das unglückliche Ereignis mit angesehen hatten. Da fügte es sich, daß in Brünlers Fdgr. am Sauberge ein Stolln bewältigt wurde, und als man in die siebente Lachter im rolligen Gebirge fortgerückt war, stieß man auf einen in der Erde liegenden menschlichen Körper, der noch in seinen unverwesten Kleidern dalag. Mit vieler Mühe machte man ihn von seiner drängenden Umgebung frei und schaffte ihn nach dem Tageschachte, da brach dieser harte Leichnam mitten auseinander und man konnte ihn also nur in zwei Stücken heraufwinden. Diese Begebenheit wurde sogleich dem damaligen Bergmeister Valentin Feige gemeldet, welcher den Geschwornen Thomas Langer rufen und die obengenannten Greise an Bergamtsstelle bescheiden ließ. Diese Männer sagten nun aus, daß sie sich noch wohl erinnerten, wie einst in der Zeit ihrer Jugend, vor 60 Jahren, ein junger Bergmann, namens Oswald Barthel, in der Gegend, wo der Leichnam jetzt gefunden worden, so verfallen sei, daß ihn niemand habe retten können. Und als man nun den Leichnam brachte, erkannten sie ihn als den Verschütteten. Dieses Wiederfinden geschah am 20. Sept. 1568, so daß der Verschüttete 60 Jahre 9 Wochen und 3 Tage in der Erde gelegen hatte, als man ihn wiederfand, worauf er am 26. desselbigen Monats mit einem feierlichen Leichenbegängnis wieder zur Erde bestattet wurde, welche ihn schon so lange umschlossen gehabt hatte. Es war ein Begräbnis, wie Ehrenfriedersdorf noch keins gesehen hatte. Der Leichenzug bestand aus Tausenden, die herbeigekommen waren, um dem so wunderbar Wiedergefundenen das letzte Geleite zu geben. Als die Leiche eingesenkt werden sollte, eilte auch die treugebliebene Braut herbei und sprach den Wunsch aus, ihrem Bräutigam bald folgen zu können, und nach wenigen Tagen ward ihre Hoffnung auch erfüllt. In der Gedächtnispredigt, welche der damalige Ortspfarrer M. Georg Raute hielt, sagte derselbe am Eingange, es sei eine wundersame Mär, daß er, der Pfarrer, der schon im 31. Jahre stehe, heute einer Leiche die Gedächtnispredigt halte, welche schon 30 Jahre vor seiner Geburt gestorben sei. Als Oswald verschüttet ward, herrschte in Ehrenfriedersdorf noch das Papsttum, als er begraben ward, hatte dasselbe schon längst der Reformation weichen müssen. Noch heute heißt aber die Hauptzusammenkunft der Bergknappschaft zu Ehrenfriedersdorf, die zugleich eine Begräbnis-Brüderschaft ist, und welche am Montag nach Ostern abgehalten wird, zum Andenken an obige Begebenheit die lange Schicht.

Nach einer andern Überlieferung, welche Dietrich erzählt, lebte von den einstigen Kameraden Oswalds, als man seine Leiche wieder auffand, nur noch einer, der alte Balthasar. Oswald aber wurde von der Verwesung noch unversehrt, in seinem Grubenkittel, lederner Bergkappe, desgleichen mit seinem Gezäh (Werkzeug), seiner Unschlitttasche und dem Zscherper wiedergefunden, ohne daß er beim Heraufwinden in zwei Stücke zerbrach. Als das Leichenbegängnis beendet war, wankte Oswalds Braut Anna, geleitet von dem Bergmeister und dem Pfarrer in ihre Wohnung zurück. Hier bat sie, daß man ihr den Brautkranz aus der Kirche wieder gebe, und ihre Bitte ward gewährt. Am nächsten Sonntagsmorgen genoß sie in der Kirche öffentlich das Abendmahl des Herrn, die längst vertrocknete Myrthenkrone im Silberhaar; dem alten Balthasar aber mußte man die heilige Spende zum Krankenlager bringen, denn ein Schlagfluß hatte ihn darniedergeworfen und seine Auflösung war nahe. An diesem Sonntage noch ging mit der Himmelssonne auch der treuen Anna Lebenssonne unter, und um Mitternacht folgte ihr Balthasar nach. Es wurden diese beiden an einem Tage begraben. Oswald und Anna ruhen in einem Grabe, des treuen Freundes Balthasars Grab aber war nahe an Oswalds Seite, und tausende von Thränen weihten ihre stillen Ruhestätten.

767. Die Brautgabe aus der Kirche zu den vierzehn Nothelfern bei Reichstädt.

(Mitgeteilt durch Ludw. Lamer in der Monatsbeilage zur Weißeritz-Zeitung 1886. No. 5 etc.)

Ganz in der Nähe des Dorfes Reichstädt, 1½ Stunde von Dippoldiswalde gelegen, stand ehedem auf einer Anhöhe, die »Kahle Höhe« genannt, ganz einsam und verlassen ein uraltes Kirchlein, den »vierzehn Nothelfern« geweiht. Nach einer Urkunde vom Jahre 1320 war dasselbe eine überaus berühmte Wallfahrtskapelle, und zu ihr strömten jährlich viele Tausende, um ihre Anliegen und Gebete den vierzehn Nothelfern, nämlich Jesu, den zwölf Aposteln und dem heilgen Nikolaus vorzutragen. Durch die vielen, der Kirche gespendeten Geschenke wurde dieselbe sehr reich; als aber nach Beginn der Reformation die zahlreichen Wallfahrer ausblieben und im niedern Teile des Dorfes Reichstädt eine Kirche gebaut und daselbst der lutherische Gottesdienst eingeführt worden war, verschwand plötzlich auch der letzte Meßpriester der Kapelle und mit ihm das ganze aufgehäufte Vermögen derselben nebst den Heiligenbildern und Kirchengeräten. So verfiel nach und nach das Kirchlein und während des dreißigjährigen Krieges wurden auch Bänke, Betstühle und alles Holzwerk herausgerissen und verbrannt. In der Zeit nun, da das kleine Gotteshaus mit leerem Boden und leeren Wänden dastand, geschah folgendes: Bei dem reichen Bauer Wolf zu Oberreichstädt diente in den 1640er Jahren die Tochter einer armen Witwe aus Sadisdorf, namens Hanna. Durch ihren Fleiß, ihre Treue und Bescheidenheit machte sich dieselbe bei ihrer Herrschaft bald beliebt; noch mehr aber gefiel Hanna dem einzigen Sohne ihres Dienstherrn, einem mit ihr gleichaltrigen, blühenden Burschen mit Namen Christian. Allgemach zog die Liebe zu dem Mädchen in sein Herz, doch verriet er davon nichts, denn sein Vater war starrsinnig und unbeugsam und dabei dem Gelde so wohlgeneigt, daß er nie die Verbindung seines einzigen Sohnes mit einem armen Mädchen zugegeben hätte. Das wußte der Sohn aus manchen Äußerungen des Vaters. Ja eines Tages sagte ihm derselbe, daß er für ihn die Tochter eines reichen Bauern zur Frau bestimmt habe, die ihm sogleich 2000 Thaler als Heiratsgut mitbringen werde. Doch Christian weigerte sich, dieses Mädchen heimzuführen, da dasselbe träge, zänkisch und roh sei. Erzürnt drohte ihm darauf der Vater, daß er nie seine Einwilligung zu einer andern Verbindung geben werde, es sei denn, daß ihm die Braut ebenfalls 2000 Thaler Mitgift zuführe. Da Hanna diese Worte ebenfalls, von beiden unbemerkt, gehört hatte, war ihr Herz traurig, denn auch sie liebte Christian heimlich von ganzem Herzen. Sie nahm sich alsobald vor, das Haus, in welchem sie so glücklich gewesen war, zu verlassen. Aber als Christian ihren Kummer sah und in sie drang, ihm zu sagen, was ihr fehle, weinte sie heftig und beide gestanden sich ihre gegenseitige Liebe. Da sagte Christian, daß er sich vor der Drohung seines Vaters nicht fürchte und er bat Hanna, noch zu bleiben, da ja Gott alles noch zum Besten lenken werde.

Bald darauf wurde der Vater Wolf bedenklich krank und auf seinem Lager ließ er sein Testament mit der ausdrücklichen Bestimmung anfertigen, daß sein Sohn Christian nach seinem Ableben nur dann als Erbe der Besitzung zu betrachten sei, wenn derselbe eine Frau mit 2000 Thalern Mitgift eheliche; sei dies jedoch in vier Jahren nach des Testators Ableben nicht erfolgt, so trete der älteste Sohn seines Bruders als rechtmäßiger Erbe ein. Der Vater hatte also sein früher ausgesprochenes Wort nicht vergessen.

Hannas Mutter zu Sadisdorf war während der Zeit ebenfalls erkrankt. An einem rauhen Sonntage des Herbstes 1644 ging daher Hanna nach Hause, um nach ihrer Mutter zu sehen. Die Stunden vergingen schnell, und als es Mitternacht schlug, machte sie sich wieder auf den Rückweg. Sie mußte dabei an der Kirche zu den vierzehn Nothelfern vorüber. Da vernahmen ihre Ohren plötzlich schwere Tritte hinter sich, und als sie sich umblickte, gewahrte sie zwei schwedische Soldaten, welche ihr eilig folgten. Sie lief so schnell, als sie nur konnte, und als sie an dem Kirchlein anlangte, waren die Verfolger dicht hinter ihr. In ihrer Todesangst riß sie an der Thüre des Kirchleins und dieselbe gab glücklich nach, da sie wunderbarer Weise nicht verschlossen war. Schnell schlüpfte sie hinein und schlug mit kräftigem Stoße die Thüre wieder ins Schloß zurück. Es war die höchste Zeit gewesen. Draußen tobten die Soldaten und versuchten die Thüre zu sprengen, Hanna aber sah sich vergeblich in der leeren Kirche um, um irgend ein Versteck zu finden. Nur hinter dem Gemäuer, wo sonst der Altar gestanden hatte, bemerkte sie ein geräumiges Loch, das sie zwar nicht völlig, aber doch teilweise aufnehmen konnte. Emsig arbeitete sie, durch Auswerfen des Schuttes das Versteck zu erweitern. Hierbei wurden ihre Gedanken plötzlich auf einen ganz besonderen Gegenstand gerichtet, und sie vergaß wenigstem auf Augenblicke die Gefahr, in der sie sich befand. Zwischen ihren Fingern fühlte sie nämlich unerwartet ein Geldstück von der Größe eines Dukatens; ob es wirklich ein solcher sei, konnte sie freilich wegen der Finsternis, die sie umgab, nicht bestimmen, doch unterschied sie mit den Fingern recht deutlich ein Gepräge. Mit Eifer suchte sie nun weiter und fand dann nach und nach eine solche Menge, daß sie das Gewicht derselben in ihrer Schürze fühlte. Waren es wirklich Dukaten, so hatte ihr Gott geholfen und sie war ihres Kummers und ihrer Sorgen enthoben. Draußen vor der Kirche war es unterdeß auch still geworden, und nachdem Hanna noch lange gelauscht und annehmen konnte, daß sich ihre Verfolger wieder entfernt hatten, versuchte sie die Thüre zu öffnen. Mit der größten Anstrengung gelang ihr dies endlich und sie trat hinaus. Die Soldaten waren nirgends mehr zu sehen, und glücklich gelangte das Mädchen in das Haus ihres Dienstherrn, wo sie sich erschöpft niederlegte. Am Morgen, so bald es dämmerte, sah sie sich die Geldstücke an, und richtig, es waren lauter Dukaten, deren sie zusammen 820 Stück zählte. Da sie dieselben alsobald dem aus seiner Kammer tretenden Christian zeigte und ihm erzählte, wie sie zu diesem Schatze gekommen sei, der ja mehr betrug als 2000 Thaler, staunte derselbe zunächst, dann aber brach er in laute Freudenrufe aus. Jetzt war das Hindernis, welches ihrer Vereinigung entgegenstand, plötzlich und auf so wunderbare Weise gehoben. In ihren besten Gewändern betraten beide bald darauf das Gemach des Vaters Wolf, der noch an das Bett gefesselt war. Hier bat Christian um seinen Segen zur ehelichen Verbindung mit Hanna, die nun mehr als 2000 Thaler Mitgift besäße. Dabei legte das Mädchen die Dukaten in einem Tuche auf das Bett. Erst wußte der Vater nicht, was er dazu sagen sollte, als aber Hanna den nötigen Aufschluß gegeben hatte, ging eine merkliche Veränderung in seinem Innern vor. Nach langem Sinnen erfaßte er endlich die Hände des jungen Paares, segnete es und sagte: »Ich war hart gegen euch, aber Gott wußte ein Mittel, durch welches meine Härte und mein Starrsinn gebrochen worden ist.« Auch die Mutter trat nun tief bewegt hinzu und segnete das Paar; sie hatte ja oft gewünscht, daß Hanna ihre Schwiegertochter werden möchte. Der Sohn übernahm das Gut des Vaters und bald wurde eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Damit zog wieder Friede und Glück in der Familie ein. Noch heute soll das Wolfsche Geschlecht in mehreren Zweigen in Reichstädt fortleben.

768. Das steinerne Herz im Schwarzwasser.

(Nach der metr. Bearbeitung im Glückauf, 1. Jahrg. S. 60.)

Im Schwarzwasserthale lag einst eine Zeche, »Trau auf Gott« genannt. Als der Besitzer derselben seinen Knappen versprach, daß derjenige von ihnen, welcher zuerst eine reiche Silberader finden und dieselbe anhauen werde, die Hälfte der Ausbeute erhalten solle, da regten sich mit verdoppeltem Eifer die Hände der fleißigen Knappen. Aber manche Schicht wurde verfahren und es zeigte sich doch immer nur taubes Gestein, so daß endlich Unmut an der Stelle der Hoffnung in den Herzen platzgriff. Ein Knappe war es endlich nur noch, welcher in der Grube fortarbeitete; er gönnte sich kaum die nötige Ruhe, so daß er auch in den Nachtstunden seine Schicht verfuhr. Da geschah es einmal um Mitternacht, als er bekümmerten Herzens ein Gebet zum Himmel sendete, daß ihm der Berggeist im hellen Lichte erschien und einen reichen Gang zeigte, aus dem bald das reichste Erz brach. Froh eilte mit Tagesanbruch der Knappe zu seinem Herrn und verkündigte ihm das große Glück. Beide stiegen in den Schacht hinab, wo ihnen das Silbererz entgegenleuchtete. Als aber der Knappe den Herrn an sein Versprechen erinnerte und dabei auf die Not der Seinen hinwies, die jetzt gehoben sei, stand der Eigner schweigend und überdachte, wie viel Reichtum er verschenken müsse, wenn er sein Versprechen halten wollte. Die Habsucht verhärtete sein Herz und er beschloß, den unbequemen Mahner heimlich aus dem Wege zu schaffen. Aus der Grube tönte jähes Angstgeschrei hinauf, dann war es still. Der Knappe fuhr nicht mehr hinauf zum Tageslichte und sein Weib und seine Kinder mußten, da ihnen der Ernährer so plötzlich genommen war, betteln gehen. Die Grube »Trau auf Gott« aber blieb von Stund an verlassen, denn der Berggeist nahm wieder, was er so reichlich geboten hatte. Der Grubenherr fand die verdiente Strafe, denn er verfiel den höllischen Mächten. Sein von Reue gequältes Herz jedoch wuchs zum riesengroßen Steine, der heute noch als »steinernes Herz« in den Fluten des Schwarzwassers liegt.

»Eidbruch und die Sucht nach Erz Räumt dem Bösen Wohnung ein, Macht das Menschenherz zu Stein.«

769. Wie Meerane ehemals in üblem Rufe gestanden hat.

(Leopold, Chronik und Beschr. der Stadt Meerane. S. 63.)

Eine gedruckte Nachricht von 1788 erzählt: Da das Städtlein Meerane dreierlei Gerichte hatte, so kam es, daß zu Anfange des 18. Jahrhunderts dieser Ort in einem fast bösen Geschrei war, weil sich fremd liederlich Gesindel da aufgehalten, so bei Visitationen leicht aus einem Gerichte oder Amtssprengel ins andere entwischen können; daher entstund in dieser Gegend ein Sprichwort, daß, wenn man einen schimpfen wollte, man ihn einen Meeraner genannt. Nachher ist dieses Geschrei durch gute Ordnung der Obrigkeit und redliche Einwohner völlig unterdrückt worden. Es geschah, daß der dortige Pastor M. Sigismund Stolze einstmals auf die Leipziger Messe reiste. Als er mit dem Wagen unter's Thor zu Leipzig kam, wurde er gefragt, woher er käme und wer er wäre. Als er es beantwortet: der Pastor von Meerane! mußte er wieder umkehren, weil man von Meerane niemanden einlassen durfte. Der gute Mann kehrte mit der Kutsche wieder um und fuhr unter einem andern Namen zu einem andern Thore hinein. Bei seiner Heimkunft brachte er dies mit Thränen auf der Kanzel vor, ließ auch nicht eher nach, bis seine berüchtigte Gemeinde ein besseres Leben zu führen anfing.

770. Die Entdeckung der Topase des Schneckensteins.

(Merkels u. Engelhardts Erdbeschreibung v. Kursachsen, 3. B. S. 140. 143. Joh. Gottlieb Kern v. Schneckensteine. Prag 1776. S. 5.)

Eine Stunde von Tannebergsthal über Auerbach liegt im Walde der Topasfelsen Schneckenstein, der diesen Namen von den vielen Schnecken, welche an seinem hier und da feuchten Fuße sich aufzuhalten pflegten, erhalten haben soll. Es wird erzählt, daß er erst durch einen Tuchmacher aus Auerbach, namens Kraut, seit 1727 allgemein bekannt und seitdem auch fleißig benutzt worden sei. Jener Kraut, welcher ein eigener seltsamer Mensch und ein etwas lockerer Mann, der nicht im besten Rufe stand, genannt wird, soll durch Holzhauer oder Kohlenbrenner auf den harten und schimmernden Stein aufmerksam geworden sein, und er soll darauf heimlich Topase, die er schleifen ließ, und die er für hohe Preise unter dem Namen von Schneckensteinen oder Königskronen ins Ausland schaffte, gebrochen haben. Als er merkte, daß man seinem Schleichhandel auf die Spur kam, machte er seine Entdeckung dem Kurfürsten August III. bekannt, der den Felsen dem Herrn von Trützschler, welchem Grund und Boden gehörte, abkaufte und später einer Gewerkschaft überließ.

771. Das Paradies zu Zwickau.

(Nach Ziehnerts poetischer Bearbeitung bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 607.)

In Zwickau, am rechten Ufer der Mulde, an der Straße, die von der Stadt nach Chemnitz führt, befindet sich noch heute ein Gasthof, zum Paradies genannt, der ehedem aber das Ochsenhaus oder der Ratsweinkeller hieß und seinen jetzigen Namen von seiner schönen Lage erhalten haben soll. Nach einer Sage rührt derselbe aber von folgender, freilich unverbürgter Begebenheit her: Als Luther einst zu Zwickau war und seine Predigten einen solchen Eindruck auf das Volk machten, das dasselbe das Kloster oder den Grünhainer Hof stürmte, lockten die erbitterten Mönche Luthern eines Abends zu einem angeblichen Kranken in eine entlegene Straße, um ihn zu ermorden. Sie sendeten nämlich ein Weib in Luthers Haus, welches daselbst weinend aussagte, ihr Mann sei zum Tode krank und verlange vor seinem Ende noch einmal den frommen Herrn zu sehen. Auf solche Bitten ging Luther mit ihr und sie führte ihn durchs Tränkthor. Plötzlich öffnete sich ein Haus, das Weib entsprang und aus dem Hause stürzte voller Wut der Mönche Troß. Jedoch gelang es dem großen Reformator, sich ihren Händen zu entreißen und in ein offenstehendes Haus zu flüchten, dessen Thor er eilig durch den vorgeschobenen Riegel verschloß. Da zogen sich die Mönche still zurück; Luther aber sprach mit freudigem Blicke zum Wirte des Hauses, der ihn nach dem Grunde seiner Flucht fragte: »Die Kuttenträger lechzten lange nach meinem Blute; aber Gott sei Dank, der mich dieses Haus in meiner Bedrängnis finden ließ, dasselbe ist mir zum wahren Paradiese geworden!« Der Wirt gab ihm darauf zwei Knechte mit, die ihn sicher nach seiner Wohnung geleiteten. Das Haus, in welchem Luther damals Schutz fand, wird aber noch heute das Paradies genannt.

772. Der Leichnam des Grafen Joachim Andreas Schlick.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 33.)

Als man im Jahre 1769 auf der Ostseite der durch den Brand von 1873 zerstörten schönen Joachimsthaler Decanatkirche eine neue Sakristei baute, an deren Stelle heutzutage der prachtvolle Hochaltar steht, entdeckte man in einer Tiefe von ungefähr fünf Ellen ein altes Gewölbe. In demselben befand sich ein Doppelsarg, in welchem »ein in purpurrotem Sammt gekleideter, verwester großer Körper ohne Kopf« ruhte.

An diesen Fund knüpft sich die Sage, daß dies der Leichnam des Grafen Joachim Andreas Schlick, Oberstlandrichters von Böhmen, gewesen sei, der am 21. Juni 1621 wegen Teilnahme am böhmischen Aufstande am Altstädter Ringe zu Prag das Blutgerüst besteigen mußte und enthauptet wurde. Der Kopf des Hingerichteten ward am »Bruckthor« aufgestellt, während dessen Rumpf sechs verkappte Personen entfernten.

773. Wie Bernsbach seine Waldungen verlor.

(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. II. 1748. S. 29.)

Die Wälder um Bernsbach sind einst unbedachtsamer Weise der Gemeinde verloren gegangen. Denn dem Verlaut nach soll zu Joh. Georgs I. Zeiten eine Revision gekommen sein, und da die Bernsbacher gleichfalls gefragt worden, ob sie Grundstücke hätten, so noch nicht zinsbar, sollen sie geantwortet haben, es wäre Refier und wilder Wald genug, was ihnen der Quark sollte, sie könnten das Holz so nicht tilgen. Worauf die Kommission gefragt, ob sie es denn nicht haben wollten? Darauf sie gesagt, das Holz wüchse ihnen so in die Fenster hinein; wenn es der Kurfürst besser zu gebrauchen wüßte, möchte er es hinnehmen, sie wüßten damit nichts anzufangen. Darauf hätten sie sich ordentlich losgesagt, und ist dies Holz also hernach eingezogen worden, und hat jetzt dieses ganze Dorf nicht eine Hand breit an Refieren und Holz.

774. Aus welchem Grunde der Pfarrherr zu Reinsdorf Getreidezins erhält.

(Schmidt, Chronica Cygnea. II. 1656. S. 131.)

Im Jahre 1267 ward vom Papste Urban IV. das Fronleichnamsfest angeordnet, wobei die Geistlichkeit die Fluren der betreffenden Gemeinden zu umgehen hatte. Weil aber die Pfaffen in Zwickau nicht alle Felder und Fluren an diesem Tage umgehen konnten, haben sie ein gewisses Teil auf dem Berge, der Stadt gegen Morgen gelegen, den Pfaffen zu Reinsdorf zu umziehen übergeben. Und daher ists gekommen, daß die Besitzer dieser Felder dem Pfarrherrn zu Reinsdorf noch jährlich ein gewisses an Getreide zinsen müssen.

775. Warum in Zwickau kein Kürschner zum Ratsstand gezogen wurde.

(Tob. Schmidt, Chron. Cygnea. II. 1656. S. 181.)

Im Jahre 1403 ist in Zwickau ein so großes Feuer ausgebrochen, daß die ganze Stadt ausgebrannt, also daß man auf dem Markt zu allen vier Thoren hat hinaussehen können. Dieses Feuer ist bei einem Kürschner in der Scheergasse ausgekommen, und sind dem Rat damals die wichtigsten Urkunden mit verbrannt. Es ist dann die gemeine Sage gegangen, daß von der Zeit an kein Kürschner mehr zum Ratstand gezogen worden sei.

776. Ein altes Recht der Töpfer von Dippoldiswalde.

(Mündlich.)

Dresden war einmal von der Pest heimgesucht, so daß alle Umwohnenden die Stadt mieden und die Märkte unbesucht blieben. Eine Ausnahme davon aber machten, wie erzählt wird, die Schachtelmacher von Seiffen und die Töpfer von Dippoldiswalde. Dieselben besuchten auch während der Zeit, da die Krankheit viele Einwohner hinwegraffte, die Märkte der Stadt und boten ihre Waren feil. Daher erhielten insbesondere die Töpfer von Dippoldiswalde das Recht, auch fernerhin frei und ungehindert diese Märkte besuchen zu dürfen. Später wurde ihnen solches Privilegium von den Kurfürsten wiederholt und unter anderem auch von August dem Starken bestätigt, jedoch mit dem Zusatze, daß jeder Meister nur einen Korb Waren mitbringen und nur »einen Sonnenschein lang« (d. h. nur einen Tag lang) verkaufen dürfe.

777. Warum die Griesbacher Gemeinde keinen eigenen Pfarrer hat.

(Mitgeteilt vom Lehrer Krauß aus Schneeberg.)

Das Dorf Griesbach bei Schneeberg hat wohl eine kleine Kirche, aber keinen eigenen Pfarrer; das Pfarramt zu Griesbach ist nämlich dem Diakonus von Schneeberg übertragen. Vom Volke wird nun erzählt, daß einst auch genanntes Dorf seinen eigenen Pfarrer gehabt habe. Der letzte derselben soll eines Tages mit mehreren Gliedern seiner Gemeinde nach dem nahen Lindenau gegangen sein und dort sich in dem Biere etwas gütlich gethan haben. Auf dem Heimwege entstand ein Streit, der immer hitziger wurde und damit endete, daß der allein als Partei auf einer Seite stehende Pfarrer erschlagen wurde. Dies geschah in dem Walde zwischen Griesbach und Lindenau. Der Körper des Erschlagenen aber wurde in dem Walde verborgen und noch heute soll sich die Gestalt dieses Pfarrers zu manchen Zeiten daselbst sehen lassen. Die Griesbacher Gemeinde hat aber seitdem keinen eigenen Pfarrer mehr erhalten.

Nach der Kirchengalerie von Sachsen (8. B. S. 132.) ist die Griesbacher Kirche, ehe das dortige Pfarramt von Schneeberg aus verwaltet wurde, stets ein Filial von Neustädtel gewesen; sie hatte also niemals einen eigenen Pfarrer. Zu Beschützern hatte sie St. Georg und St. Martin. Am Tage des heilg. Georg stand die Bildsäule desselben zu Pferde vor der Kirchthüre und bei derselben wurden Almosen für Arme gesammelt. Am St. Märtens-Tage aber saß der heil. Martin hoch zu Roß vor dem Kirchthore, und die leichtgläubigen Bauernweiber brachten ihm, als einem besonderen Schutzpatrone des Viehes, ansehnliche Opfer an Geld und andern Dingen. (Kirchengalerie a. a. O.) Der heilige Martin trat bei der Gründung von Martinskirchen durch die deutschen Heidenapostel als Schimmelreiter an die Stelle Wuotans.

778. Wie das Schnorrsche Chor in der St. Wolfgangs-Kirche zu Schneeberg eine Thür von außen erhielt.

(Kirchengalerie Sachsens, 8. B. S. 165.)

Nahe an der äußern Thüre zur Sakristei der Schneeberger St. Wolfgangskirche führt auch eine schwarze eiserne Thüre nach dem Chor der Schnorrschen Familie. Durch diese Thüre sind früher oft Diebe in die Kirche eingebrochen, und so oft dies geschah, wurde die Thüre fester und fester gemacht; jetzt hält man sie für unüberwindlich.

Über ihre Entstehung wird folgendes erzählt:

Der reiche Veit Schnorr von Carlsfeld, welcher um das Ende des vorigen Jahrhunderts in Schneeberg lebte, wollte nicht gern durch die ganze Kirche wandern und dann im Angesichte aller Kirchleute die damals nur von innen auf sein Chor führende Thüre aufschließen. Aber obschon er oft um die Erlaubnis bat, eine Thür von außen auf seine Kosten durchbrechen zu lassen, wurde ihm dies von dem Rate doch nicht gestattet. Da wurde er endlich still und man hielt die Angelegenheit für erledigt. Unter dem Vorwande, die Herren vom Rate, welche ihm wegen seiner dringlichen Gesuche doch am Ende etwas böse gesinnt sein könnten, wieder mit sich auszusöhnen, lud er sie alle zu sich nach Carlsfeld zu einem dreitägigen Feste ein. Wer geladen war und kommen konnte, fand sich ein. Man aß und trank nach Herzenslust und voller Dank gegen den gastfreien Schnorr zog man endlich ab. Wer ihm irgend einen Dienst für die Zukunft anbieten konnte, that dies; alles, wenn es sonst nur ginge, sollte für ihn geschehen, nur freilich mit dem Eingange, das wisse er, ging es nicht. Schnorr entschuldigte nochmals seine Zudringlichkeit, und versöhnten Herzens gingen sie auseinander. Da erfuhr man es am andern Tage, der Herr Wirt habe sich während des gegebenen Festes Maurer bestellt und diese hätten eine Thüre in drei Tagen durchgebrochen und fertig gemacht. Was konnte man thun? Die Thüre blieb bis auf den heutigen Tag.

779. Der erste Klöppel in Annaberg.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang. No. 24.)

Als man im Jahre 1512 den Galgen vor der Stadt Annaberg aufbaute, kam einer, namens Klingensporn, gewandert und betrachtete den Galgen und sagte im Vorübergehen zu dem Baumeister, den die Chronik den dicken Michel nennt, lachend: »Ei, ihr baut da eine schöne Glocke! Nun, ich will gerne sehen, wer der erste Klöppel darin sein wird!« Nicht lange darauf fing man einen Dieb, und wer war's? Klingensporn. Er ward zum Strange verurteilt und hing nach wenig Tagen als der erste Klöppel in der großen steinernen Glocke vor der Stadt. Seinen Tod aber haben die Alten angesehen für ein göttliches Warnungszeichen, daß man über ernste Dinge nicht mutwillig scherzen solle.

780. Das Geschwistergrab in der Kirche zu Annaberg.

(Ziehnert a. a. O. Anhang No. 25.)

Am 27. April 1604 brach in Annaberg eine Feuersbrunst aus, welche, vom Sturme rasch verbreitet, die Stadt bis auf sieben Häuser verzehrte. Nun wohnte aber am Markte in dem Hause, welches jetzt das Museum heißt, ein Geschwisterpaar, Johann und Benigna Biener. Der Bruder krankte seit längerer Zeit am gräßlichsten Wahnsinn, so daß er mit Ketten an die Wand gefesselt werden mußte. Als nun der Markt bereits in vollen Flammen stand, da suchte Benigna in Todesangst nach dem Schlüssel, um ihrem Bruder die Ketten abzunehmen und ihn fortzuführen, aber der Schlüssel war nicht zu finden; sie suchte die Ketten zu zerschlagen, aber das Eisen trotzte der schwachen Mädchenhand. Schon schlug die Lohe zu den Fenstern und der Thüre herein, die treue Benigna ließ nicht von ihrem Bruder. Die Decke brach nieder und unter dem nachstürzenden Schutt und Gebälke lagen die beiden Geschwister begraben. Am dritten Tage darauf zog man ihre verschrumpften und halbverbrannten Leichen unter den Trümmern hervor. Sie hielten sich noch fest umarmt, wie der schreckliche Tod sie übereilt hatte. War vielleicht dem Wahnsinnigen durch die Todesangst ein lichter Augenblick gekommen?

Am 13. Mai wurden die beiden Leichen in der ebenfalls ausgebrannten Annenkirche unter großem Zulauf beerdigt. Ihr gemeinsames Grab zeigt man noch jetzt.

781. Das Blutopfer des Baumeisters der Kirche zu St. Jacob in Chemnitz.

(Richter, Chron. v. Chemnitz I., 1767, S. 169.)

Der Ort, wo die Kirche zu St. Jacob in Chemnitz stehet, soll ehedem sehr sumpfig und morastig gewesen sein, daher die Kirche auf der einen Seite, gleichwie auch der Turm, auf eingerammelten Pfählen steht. Der Baumeister, welcher zuerst diese Kirche erbaut, soll, nachdem er mit dem ganzen Bau fertig gewesen, sich von oben herabgestürzt und also den Bau mit seinem Blute versiegelt haben.

Auch wird erzählt, daß der Kaiser Otto I., unter welchem die anfängliche, viel kleinere Kirche erbaut wurde, den ersten Grundstein, nebst einer Münze mit dem Bildnisse St. Jacobs darunter, legte. Er schenkte auch der Kirche das Bildnis der heiligen Maria; dasselbe soll viel Zeichen und Wunder gethan haben, weshalb nicht weniger Zulauf von Wallfahrern dahin gewesen, als nach Aachen oder St. Compostell in Spanien.

782. Die Zipperleinkur in Annaberg.

(Ziehnert a. a. O. Anhang. No. 27.)

Schriftlich und mündlich hat sich folgende seltsame Geschichte in Annaberg erhalten. Im Jahre 1572 nämlich ließ ein Ratsherr, welcher schon seit vielen Jahren mit dem heftigsten Zipperlein beladen war, sein Haus pflastern und stand dabei und sahe zu. Der Pflasterer war gerade bemüht, das Pflaster mit dem Rammel eben und fest zu schlagen. Im Gespräche aber mit dem Ratsherrn hatte er auf seinen Rammel nicht wohl acht und traf damit heftig den Fuß des Ratsherrn. Dieser schrie zwar laut vor Schmerz, ward aber bald gar froh darüber, denn das Zipperlein war aus seinem Fuße verschwunden und ist auch bis an seinen Tod nicht wiedergekehrt.

In Zwickau ward auch einem vom Zipperlein geholfen dadurch, daß ein geladenes Gewehr, welches der Kranke auf dem Schoße liegen hatte, unversehens los ging.

783. Der Blutfleck auf dem Pfarrhofe zu Elterlein.

(Mündlich, z. T. Einige Nachrichten zur Elterleiner Geschichte vom Pfarrer Christoph Schreiter. Manuskr.)

Auf dem Pfarrhof zu Elterlein zeigt man eine Stelle, welche nach jedem Regen rot wird. Hier soll im Jahre 1518 der Bergmeister Hans Hünerkopf den frevelnden und grobscherzenden Kaplan Moritz von Annaberg erstochen haben, »weil er seiner Henne (d. h. des Bergmeisters Frau) nachgegangen war.«

Die oben genannte Thatsache findet sich auch in Meyers Geschichte des Annen-Tempels zu Annaberg, S. 128 und bei Chr. Friedr. Haupt, die gelehrten Elterleiner, 1739.

Die Hünerkopfe werden »uralt adelige Bergherren« genannt, welche »ein ihrem Namen gleiches Wappen« führten. Nach der Familie soll noch ein Feld bei Elterlein seinen Namen haben. In der Elterleiner Kirche aber fand man eine Messingtafel mit dem Hünerkopfschen Wappen und folgender Inschrift: »Anno 1533 ist verschieden der Erbare Hans Hünerkopf von Adorf, allhier begraben, dem Gott gnädig sey.« Dieser Hans Hünerkopf war bereit um das Jahr 1516 der Herren von Schönburg geschworener Bergmeister an dem damaligen Bergamte Elterlein.

Der nach jedem Regen sichtbare braunrote Fleck auf dem Pfarrhofe zu Elterlein rührt von einer zur Familie der Chroococcaceen gehörige Alge her.

784. Die Bäuerin in Frohnau.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang No. 28.)

In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts, als das Berggebäude »himmlisches Heer« bei Kunnersdorf noch 1400 Flgr. vierteljährliche Ausbeute für den Kux gab, baute auch eine Bäuerin in Frohnau als Gewerkin an jenem Gebäude mit und ward dadurch in kurzer Zeit sehr reich, wußte aber nicht im Glücke mäßig zu sein und trieb allerlei Unfug der Verschwendung. So z. B. badete sie sich täglich in dem teuersten Weine, den sie aufzutreiben wußte, und um nun denselben nicht umkommen zu lassen, so gab sie ihn, mit Semmelbrocken vermischt, den Armen als Kaltschale zu trinken. Diese wußten nicht, was die Bäuerin erst mit dem Weine gemacht hatte, aßen mit vieler Lust und dankten der reichen Geberin viel tausend Mal für die köstliche Erquickung. Aber als sie die Badegeschichte erfuhren, da ekelte sie und warfen der übermütigen Bäuerin die Fenster ein und sangen Spottlieder auf sie, so daß sie sich nicht mehr öffentlich sehen lassen durfte. Übrigens muß sie auch noch andere recht unziemliche Dinge verübt haben, denn der Klerus war darüber so erzürnt, daß er Gott öffentlich bat, den Bergsegen zu vermindern.

Ein Andenken an diese Bäuerin ist das Berggebäude »die Bäuerin« am Schottenberge, welches sie aufgenommen haben soll.

785. Die beiden Brüder zu Frohnau.

(Hering, Gesch. d. Sächs. Hochlandes. 1828. II. S. 42.)

Im Dorfe Frohnau bei Annaberg befanden sich im Jahre 1544 zwei Brüder, die zusammen ein Gut hatten, eines Sonntags im Wirtshause und hatten etwas zu viel getrunken. Nur um sie zu necken, raunt ihnen einer zu, es habe sich ein Dieb in ihr Feld geschlichen und raube dort die Früchte. Sie springen hastig auf, ergreifen ihre Schwerter und nahmen die Abrede, daß der eine von dieser, der andere von jener Seite das Feld durchsuchen solle, damit der Dieb nicht entwische. So schleichen sie denn heran und als einer den andern im Dunkel erblickt, stürzen sie in der Meinung, daß es der Dieb sei, auf einander los und einer erhält eine tödliche Wunde. Bei seinem Hülfsgeschrei erkennt ihn der Sieger als seinen Bruder, man eilt herbei und als der schwer Getroffene noch in derselben Nacht an seinen Wunden stirbt, ergreift der unglückliche Brudermörder die Flucht, und erhielt nur unter der Bedingung Verzeihung von dem Herzoge Moritz, daß er seinen Anteil an dem Gute an die Frau und Kinder des Erschlagenen abtrat. Der Fleck aber, wo jener Mord geschah, wird noch jetzt gezeigt.

786. Das Mönchskalb zu Freiberg.

(Moller, Theatr. Freibg. I. S. 213. II. S. 179. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 279.)

Den 29. Juni 1523 ist zu Freiberg im öffentlichen Kuttelhofe in einer geschlachteten Kuh, so einem Bauer zu Klein-Waltersdorf zugehörte, das sogenannte Mönchskalb gefunden worden. Dieses Kalb hat einen runden ungestalteten Kopf gehabt und oben darauf eine Platte wie ein Pfaffe, samt zwei großen Warzen wie kleine Hörner; mit dem Untermaule ist es einem Menschen, mit dem obern und der Nase einem Kalbe gleich, sonst aber ganz glatt am Leibe gewesen, es hat die Zunge lang aus dem Munde herausgestreckt; die Haut am Halse und Rücken herunter hat wie eine gewundene Mönchskutte ausgesehen, an den Seiten aber vorn und an den Beinen ist es voller Ritze und Schnitte gewesen, als wenn die Kutte zerhauen oder zerschnitten wäre. Solches Ungeheuer ist von Dr. M. Luther in seinen Schriften, wo es auch abgebildet wird, neben der Beschreibung des Papstesels, den man 1496 zu Rom gefangen, gedeutet worden, Melanchthon aber meinte, daß durch dieses Kalb die Verderbnis der lutherischen Lehre in fleischliche und verderbliche Meinungen, wie sie zu selbiger Zeit im Schwunge gewesen, angezeigt worden, inmaßen auch bald hierauf ein Schwein zu Halle in den Osterfeiertagen ein Ferklein geworfen, welches einem Pfaffen in Gestalt des damaligen Habits ganz ähnlich gesehen. Es hat aber gedachtes Mönchskalb die Autorität der Geistlichen, so dem Papste zugethan gewesen, sehr verringert, also daß auch die Bergleute ein besonderes schimpfliches Lied davon gedichtet und dasselbe den Mönchen und Pfaffen zu Spott und Hohn lange Zeit allhier gesungen mit Bezug darauf, daß der Fleischer mit Vorbedacht und Willen das Fleisch von der Kuh, in welcher man das besagte Mönchskalb gefunden, niemandem als den Canonicis, Mönchen und andern Geistlichen gelassen und solche dasselbe unbewußt verzehrt haben.

787. Die Abschiedstanne zwischen Mitweida und Gottesgab.

(Mitgeteilt von H. Weißflog aus Raschau.)

An der Waldstraße, welche von Mitweida nach Gottesgab führt, stand hart an der sächsischen Grenze eine starke Tanne; man sagt, daß sieben Mann dieselbe kaum hätten umspannen können. Jetzt sieht man von derselben nur einen Stumpf, da der morsche Baum abgebrannt und dadurch vernichtet worden ist. Diese Tanne hieß die »Abschiedstanne«, und man erzählt, daß einst an ihr Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen und der Schwedenkönig Gustav Adolf von einander Abschied genommen hätten. Ebenso knüpfte sich an den Baum folgende Sage: Ein Graf von Schwarzenberg kehrte unverhofft von einer Fehde zurück und traf in seinem Schlosse bei seiner Gemahlin einen für treu gehaltenen Freund als Buhlen an. Darüber ergrimmte er dermaßen, daß er beide binden ließ und mit sich tief in den Forst führte. Hier gebot er ihnen, von einander und von dem Leben Abschied zu nehmen; nachdem sie dies gethan hatten, fielen sie von seiner Hand. Dies aber soll an jener Tanne geschehen sein, welche davon den Namen Abschiedstanne erhielt.

788. Die Fichte auf dem Gottesacker in Annaberg.

(Nach G. Andrä, Chron. Nachr. von Annaberg. 1837. S. 67. Bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 504.)

Zu Frohnau bei Annaberg lebte einst ein ganz armer Mann, namens Georgi, der in den kümmerlichsten Umständen starb. Da nun sein einziger Sohn wegen seiner Armut die Begräbniskosten für denselben nicht aufbringen konnte, man also deshalb mit der Beerdigung anstand nahm, steckte er seinen Vater in einen Leinwandsack, legte denselben auf einen Schubkarren und beerdigte ihn auf dem hintern oder neuen Gottesacker in Annaberg mit den Worten: »Komm, alter Vater, komm! laß dich von mir begraben, dieweil die Menschen dich nicht hier begraben wollen.« Kurze Zeit nachher soll nun aus dessen Grab eine Fichte hervorgewachsen sein, die man heute noch sehen kann, und eine im Beinhaus ausgehängte Tafel vom Jahre 1737 deutet noch jetzt auf diese Begebenheit hin.

789. Die drei Eichen im Gründel bei Glauchau.

(Alb. Schiffner im Archiv für sächs. Gesch., 2. B. S. 169.)

Nächst dem Glauchauer Schlosse stehen an einem sehr anmutigen Spazierwege im sogenannten Gründel drei Eichen nahe beisammen. Diese sollen, wie erzählt wird, ein Gesamteigentum des Hauses Schönburg in der Maße bilden, daß ohne Einwilligung aller majorennen Glieder des Hauses keine derselben geschlagen werden darf.

790. Woher der Name Preißelbeere stammt.

(Lindner, Wanderungen durch die interess. Gegenden des sächs. Erzgebirgs. I. Heft. Annaberg, 1844. S. 43.)

Ober- und Unterjugel bei Johanngeorgenstadt sind älter als genannte Stadt, welche 1654 gegründet wurde; denn schon 1571 erhielt Sebastian Preisler die Konzession zur Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte Gabriel Löbel die Vergünstigung zur Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten. Dies waren die Anfänge von Ober- und Unterjugel. Im Volke aber hat sich die Sage erhalten, daß die jetzt allgemein bekannten Preißelbeeren ihren Namen von jenem Preisler empfingen, weil dieser sie erst in den Handel gebracht und genießbar zu machen gelehrt habe.

Der Name »Preißelbeere« führt uns auf die Wurzelbrossen, mhd. brozzen, d. h. brechen, hervorbrechen, hervorsprießen. Er würde also mit »sprießende Beere« oder »Sprießeln«, welche letztere Bezeichnung in der That für das Kraut gebraucht wird, zu deuten sein. Die Pflanze macht in den Waldungen, deren Boden sie mit frischem Grün bedeckt, den Eindruck des sprießenden.

(Graßmann, deutsche Pflanzennamen, S. 152.)

791. Was der Name Wismut bedeutet.

(Engelschall, Beschr. v. Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. 1723. S. 188.)

Es halten etliche dafür, weil Wismut seine Blüte und mancherlei Farben hat, und siehet weiß, braun, rot, gesprenglich durcheinander aus, so habens die alten Bergleute Wismut genannt, das blühe wie eine schöne Wiese, darauf allerlei farbige Blumen stehen. Albinus schreibt in seiner meißnischen Bergchronik, daß die Bergleute der Meinung seien, Silber bilde sich aus Wismut, wie man bei Halden gefunden, auf die man Wismut gestürzt und in denen man dann nach Jahren Silber gefunden habe. Sie nennen es auch des Silbererzes Mutter oder des Silbers Dach, da dasselbe öfters darunter liegt. Auch sprechen die Bergleute, sie kommen zu frühe, wenn sie Wismut finden, und bekennen, wenn diese Bergart länger im Bergfeuer gestanden hätte, so wäre gut Silber daraus geworden.

Der Name Wismut soll jedoch nach Koch aus dem Arabischen: wiss majaht, d. h. die Leichtigkeit des Storax oder was so leicht wie Storax schmilzt, abstammen. (Leunis, Synopsis d. Min. und Geogn., bearbeitet von Senft, I. S. 294.)

792. Woher die alte Bezeichnung »Schnieber« für Groschen stammt.

(Meltzer, Bergkläufftige Beschreibung der löbl. Bergk-Stadt Schneebergk. 1684. S. 163.)

Andreas Funk, welcher 30 Jahre auf dem Schneeberge das Münzmeisteramt bedienet, hat auf kurfürstlichen Befehl der Armut zu gute die ersten schneebergischen Groschen gemünzet. Denn weil man zuvor lauter Güldengroschen (d. i. Thaler) und »Oerter« gepräget, so ist ein solcher Lärm unter dem Volke gewesen, daß, wenn der Schichtmeister gelohnet, man lieber 22 Groschen kleine Münze für einen Thaler, als einen ganzen Güldengroschen genommen hat. Dabei ist noch zu gedenken, daß, weil der gemeine Mann solche Schneeberger Groschen nicht recht ausgesprochen, sondern nur Schneeber oder Schnieber genannt hat, von einigen Leuten, sonderlich um Zwickau, der Groschen ein Schnieber genannt wurde.

793. Redensarten.

a. Zwickau gehörte zum Vogtlande.

(Herzog, Chronik von Zwickau. I. 1839, S. 69.)

Es wird behauptet, daß Zwickau oder doch ein Teil seines Weichbildes ehedem zum Vogtlande gehört habe. Man hat nämlich ein altes Sprichwort: »Daß die Zwickauer im Meißnerlande sterben und im Vogtlande begraben werden,« und noch heutzutage hört man die Redensart: »Er wird ins Vogtland getragen,« d. i. er wird begraben.

Obschon Zwickau nahe an der Grenze des Vogtlandes lag, so hat es doch nie zu diesem selbst gehört. Es stand zwar als Reichsstadt ehedem unter den Reichsrichtern des Pleißnerlandes zu Altenburg, welche fast immer aus dem Geschlechte der Vögte genommen wurden, und später als markgräflich meißnische Stadt hatte Zwickau seine eigenen Untervögte, welche im Namen der Landesherren die Gerichtsbarkeit ausübten. Dies währte bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, da der Rat die Gerichte über die Stadt erlangte.

b. Der Kas is och dornoch.

(Mündlich.)

»Der Käse ist auch darnach,« d. h. der Gegenstand ist das Geld wert. Dies ist eine Redensart in Eibenstock, welche sich von folgender Begebenheit herschreibt: Der Besitzer des früheren Hammerwerkes Wolfsgrün, das nach Eibenstock eingepfarrt ist, schickte, wenn er mit den Seinigen bei dem dortigen Pfarrer zu kommunizieren gedachte, diesem durch einen seiner Arbeiter mit der Meldung zugleich auch einen Dukaten. Das war Herkommen. Herkommen war aber auch, daß der Arbeiter im Pfarrhause Bier, Brot, Butter und einen Käse vorgesetzt erhielt. Eines Tages, als der Bote seine Herrschaft wieder zur Kommunion anmeldete und den Dukaten abgeliefert hatte, war die Frau Pfarrerin nicht zu Hause. Der Pfarrer war in Verlegenheit; Bier, Brot und Butter konnte er schaffen, aber keinen Käse. Doch da besann er sich, daß er einen damals noch seltenen und teueren Limburger Käse hatte. Diesen holte er und setzte ihn dem Arbeiter vor. Der Arbeiter aß zum Schrecken des Pfarrers mehr davon, als er erwartet hatte, weshalb letzterer ihn fragte, ob ihm der Käse schmecke. Auf die Bejahung sah sich der Pfarrer zu der Bemerkung veranlaßt, daß der Käse auch teuer sei. Darauf folgte die trockene Entgegnung: »Der Kas ist och dornoch.« Der Arbeiter aß weiter. Endlich sprach der Pfarrer: »Ja, mein Lieber, ich muß nur noch bemerken, daß diese Art von Käse auch schädlich werden kann, wenn man zuviel davon ißt.« »Wenn das ist,« sprach der Bote, indem er das übrige Stück Käse einpackte, »da muß ich das Übrige meiner Frau mit nach Hause nehmen.«

Die Geschichte wurde ruchbar. Der Pfarrer ist jedenfalls sehr ausgelacht worden, und es hat sich bis zur Stunde die oben angeführte Redensart in Eibenstock erhalten.

c. Kein Hammerschmied stirbt, sondern er kommt von der Welt, man weiß nicht wie?

Eine sprichwörtliche Redensart in der Schwarzenberger Gegend lautet: »Kein Hammerschmied stirbt, sondern er kommt von der Welt, man weiß nicht wie?« Diese Redensart bezieht sich darauf, daß nicht mehr arbeitsfähige Hammerschmiede bettelnd von einem Hammerwerke zum andern zogen und daß deshalb selten einer in der Heimat starb. (Merkels Erdbeschreibung von Kursachsen. I. 1804, S. 161.)

d. Man könne die sächsischen Eisenhämmer so wenig aufhalten, als die schwedischen Truppen.

»Man könne die sächsischen Eisenhämmer so wenig aufhalten, als die schwedischen Truppen,« sagte ein schwedischer Quartiermeister, der 1712 im Hammerwerke Erla den großen Stabhammer im Niederfallen aufhalten wollte, dafür aber mit gelähmter Hand bezahlt ward. Der Quartiermeister hieß Schulze und stand beim Kavallerieregiment des Obersten Rosenstern. Die erzählte Begebenheit soll sich übrigens am 27. Juni 1707 zugetragen haben und die angeführten Worte wurden beim Rückmarsche der Schweden auf der Schiffbrücke zu Pirna gesprochen. (Peck, Beschreibung des Chursächsischen Erzgebirges, 1. B., S. 103.)

e. Vom Silbergehalt unscheinbarer Steine.

Von den Venetianern geht eine Rede, daß sie gesagt haben: In Meißen (dem meißnischen Erzgebirge) und dem Vogtlande wirft man einen Stein nach der Kuh, da doch der Stein mehr als die Kuh selber wert ist. (Meltzer, Beschreibung der Bergstadt Schneeberg, 1684. S. 54.)

f. Fägel schweiget seine Gäste.

Ein Fleischer zu Schneeberg, mit Namen Fägel, welcher auf der Badergasse wohnte, hatte seinen beiden Gästen, die in Streit geraten waren, Frieden geboten und deswegen auch zu dem Richter geschickt. Weil dieser sich aber etwas verzogen hatte und die Gäste sich nicht steuren lassen wollten, hat er sie beide erstochen, darauf die Flucht genommen und dem Richter Hans Kempfen, der ihm begegnet, auf Befragen geantwortet: »Ei, Herr Richter, es ist unnötig, daß Ihr Euch bemühet und hinunter gehet, ich habe sie allbereit gestillet, sie haben sich wohl müssen bedeuten lassen.« Daher ist, als der Richter hinunter gegangen und die jämmerliche That befunden, Fägel aber unterdeß des Landes entlaufen war, von ihm das Sprichwort entstanden: »Er hat sie geschweiget oder gestillet, wie Fägel seine Gäste.« (Meltzer, a. a. O., S. 1099.)

g. »Toffel, das gilt dir auch mit.«

Diese sprichwörtliche Rede, welche lange in Schneeberg im Gange war, ist durch ein Wort des Pastors Christoph Schindler entstanden. Derselbe gebrauchte es, wenn er Amtes halber etwas strafte und dabei sich selbst nicht heuchelte, falls er diesen Fehler an sich selbst gefunden hatte. Man wandte die Worte in der Folge an, wenn man sich selbst eines Fehlers schuldig fand. (Meltzer, a. a. O., S. 1100.)

h. »Der Narr ist aus dem Häusel gekommen.«

Dies pflegt von einem ausgelassenen Menschen gesagt zu werden. Die Redensart kann davon herkommen: Eine uralte Art der Beschimpfung ist es gewesen, wenn Diebe, die Feld- und Gartenfrüchte gestohlen, in das sogenannte Narrenhäusel gesteckt worden sind, wie solche sonderlich in den teuren Jahren 1771 und 1772 fast in allen gebirgischen Städten sind errichtet worden. Ein solches Haus stand noch im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts auf dem Markte zu Lößnitz; es sah wie ein Käfig aus und konnte herumgedreht werden. Personen, die da hineingesteckt wurden, hatten von den Gassenkindern, welche das Haus bald gedreht, bald mit Steinen und Kot den Gefangenen geworfen, allerlei Schmach zu erleiden. (Oesfeld, Hist. Beschreibung einiger merkwürdigen Städte im Erzgebirge, insonderheit der Hochgräflich Schönburg. freyen Bergstadt Lößnitz etc. 1776, S. 11.)

Auch in Leipzig gab es zwei solche Narrenhäuschen, das eine war bei den sogenannten Brotbänken am Naschmarkte und das andere an der Thomaskirche. Das erstere diente für Skandalmacher, Verläumder und losmäulige Frauen, während letzteres unter geistlicher Jurisdiktion stand und für diejenigen bestimmt war, welche als Flucher und Gotteslästerer bezichtigt waren. In Oschatz ist noch jetzt (?) im Winkel nächst den Stufen, die durch den vom Ratsarchive gebildeten Schwibbogen vom Markte zum Stadtkirchhofe führen, das von Eisengitter nach Art eines Käfigs gebildete Narrenhäuschen vorhanden. (Schäfer, Deutsche Städtewahrzeichen, 1. B., S. 54.)

i. Die Schlimmen von Öderan.

(Staberoh, Chronik von Öderan. 1847, S. 197–201.)

Im Jahre 1645 begann zwischen Öderan und dem Ritter Nikolaus von Schönberg auf Börnichen der Streit wegen des Hirtenfeldes. Letzterer verlangte das Grundstück, welches bereits seit Jahren von der Stadt bebaut worden war, zurück, unter dem Vorgeben, daß es zu den Fluren von Börnichen gehöre. In das Dunkel über diese Angelegenheit war kein Licht zu bringen, da die Urkunden in dem Kriege verbrannt, die alten Leute aber, welche Auskunft hätten geben können, an der Pest gestorben oder geflüchtet waren. Nachdem der Prozeß beinahe 4 Jahre geschwebt hatte, ging der Schafmeister vom Rittergute Börnichen, Caspar Witte, nach Böhmen, um für seinen Herrn 100 Stück Schafe zu kaufen, welche damals zu Tausenden für das ruinierte Böhmen aus Ungarn herauskamen. Der Schafmeister kam mit seinen Schöpsen glücklich bis auf die Eppendorfer Fluren, wo ihn eine Abteilung schwedischer Reiter anhielt und um 10 Schafe gegen Bezahlung bat. Doch der Schafmeister, rauh und trotzig wie sein Herr, und wohl wissend, daß die Schweden den Waffenstillstand achten mußten, verweigerte sie ihnen und trieb weiter. Allein die Schweden nahmen ihm nun die ganze Herde, schlugen ihn überdies und trieben die Schafe nach Öderan hinein, wo sie 50 Stück verkauften. Der geschlagene Schafmeister kam nun mit seinem Anhange nach der Stadt und verlangte seine Schafe zurück. Da er sie nicht erhielt, so brach er wenige Tage darauf des Nachts in Öderan ein und stahl die letzten noch übrig gebliebenen 20 Stück. Er wurde aber noch auf Öderaner Gebiet ertappt und nun als Schafdieb in Öderan gefangen gesetzt. Es war jetzt für ihn wenig Gnade zu hoffen, da der Kurfürst, ergrimmt über die überhand genommenen Räubereien, befohlen hatte, jeden Diebstahl mit dem Strange zu bestrafen. Der Prozeß wegen des streitigen Hirtenfeldes wurde unterdeß fortgeführt, bis gegen 1650 das Endurteil kam, welches lautete, »daß diejenige der streitenden Parteien das fragliche Hirtenfeld bei Öderan auf ewige Zeiten in Besitz haben sollte, welche zuerst ein Galgengericht darauf erbauen und solches auch zugleich mit einem Verbrecher bestätigen würde.« In einer und derselben Stunde wurde dieser Spruch in Öderan und Börnichen bekannt gemacht. Der Ritter von Schönberg sandte sogleich nach Meißen, einen Verbrecher dort abzuholen, wo solche Räuber und Mörder, die der Krieg erzeugt hatte, zu Dutzenden gefangen saßen und für Geld zu haben waren. Zugleich wurde ein Galgen zusammengezimmert und des Abends der Hof verschlossen, um ersteren am Morgen an Ort und Stelle aufzubauen.

In Öderan dagegen gab es weder Holz noch Zimmermann, ja kaum Axt und Säge. Teurung und Pest hatten die Bewohner bis auf 18 Bürger vermindert, welche an selbigem Tage eben erst aus dem Niederlande mit einigen Säcken Korn zur Aussaat sowie zur Speise heimgekehrt waren, denn die Not war in diesem Jahre noch schrecklich. Man lief ratlos zu einander und beriet, wo ein Galgengerüst herzunehmen sei, um das Feld zu behaupten. Am frühen Morgen des zweiten Tages, als eben der Ritter von Schönberg seinen Galgen nach dem Hirtenfelde abfahren lassen wollte, sah er mit Entsetzen durchs Fenster auf diesem Felde einen Galgen stehen und an demselben schon seinen Schafmeister aufgehenkt, dessen Urteil der Rechtsbeistand der Öderaner, mit Namen Matthesius, zugleich mit aus Dresden besorgt und in die Stadt gesendet hatte. »Seht, seht die Schlimmen von Öderan!« rief da der Ritter seinen Leuten zu, und befahl den Galgen wieder abzuladen. Daher die Redensart: »Die Schlimmen von Öderan!« Wie aber waren die Öderaner zu dem Galgen gekommen? Zwölf der Bürger hatten die Galgensäule auf dem Gahlenzer Berge aus dem alten Hochgericht ausgegraben, herübergetragen, aufgerichtet und den Schafdieb aufgehenkt. Der Ritter von Schönberg aber schloß noch an diesem Tage mit den Öderanern Frieden.

k. »Je, daß dich der Bär herze!«

(Curiosa Saxon. S. 47. Darnach Gräße, Sagenschatz, Nr. 494.)

Im Jahre 1631 hat eine Jungfer nicht weit von Hundshübel das Vieh von Waldhäusern auf die Weide getrieben, da sie sich dann hingesetzt und nach erzgebirgischer Art, um sich die Zeit zu vertreiben, geklöppelt. Ehe sie sich's nun versieht, kommt ein großer Bär hinter sie geschlichen, daß sie ganz ungemein erschrickt und nicht weiß, was sie machen soll. Der Bär thut ihr aber nichts, sondern beriecht sie und tatschet sie mit seinen Tatzen ganz sauber an, gleich als wüßte er, was für einen Respekt er dem Frauenzimmer schuldig sei. Da nun der zottige Bär sich ganz höflich gegen sie aufführt und sie herzen zu wollen Anstalt macht, entschließt sich das Mädchen kurz und läuft unter das Vieh. Dieses drängt sich zusammen und geht auf den Bären los, bis das Mädchen schreit und ihre Eltern nebst andern Waldleuten zu Hülfe ruft. Da nimmt der Bär reißaus, das Sprichwort aber ist nachgehends beständig geblieben und von jedermann, um eine Verwunderung auszudrücken, gebraucht worden: Je, daß dich der Bär herze!

l. Vom früheren Wohlleben in den Bergstädten.

Es ist eine gemeine Rede, daß man sagt: Wenn einer vom Himmel in ein gut Ort Landes fallen sollte, möchte er in die meißnischen Bergstädte sich wünschen. (Meltzer a. a. O. S. 866.) Eine Abänderung lautet: Wenn einer vom Himmel fiele, so könne er nicht besser, als auf Marienberg fallen.

m. Redensarten Herzog Georgs.

Herzog Georg pflegte von seinen Städten zu sagen: »Leipzig die beste, Chemnitz die feste, Freiberg die größte und Annaberg die liebste.« (Richter, Chron. d. St. Chemnitz I. S. 18.) Ebenso rührt von demselben Fürsten der Ausspruch über drei Berge in der Nähe Schneebergs her: »Der Gleßberg ist ein tauber Berg, der Mühlberg ein verschworner Berg, sehet mir auf den Schickenberg!« (Meltzer a. a. O. S. 922.) Außer dem angeführten Spruche von Freiberg lautet ein anderer: »Meißen wird ertrinken, Freiberg wird versinken, Dresden wird man zusammenkehren mit Besen.« (Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, 3. Heft, S. 281.)

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