← Table of contents
Psychologische Typen

VIII Das Typenproblem in der modernen Philosophie.

Reading edition

VIII. Das Typenproblem in der modernen Philosophie.

1. Die James’schen Typen.

Auch in der neuern pragmatischen Philosophie ist die Existenz zweier Typen entdeckt worden, und zwar von William James.[278] Er sagt: „Die Geschichte der Philosophie ist in hohem Masse ein Zusammenstoss von gewissen menschlichen Temperamenten (charakterologischen Dispositionen)“.[279] „Von was für einem Temperament ein berufsmässiger Philosoph auch immer sein mag, er versucht jedenfalls, wenn er philosophiert, die Tatsache seines Temperamentes zu denken. Jedoch bildet sein Temperament ein stärkeres Vorurteil, als irgend eine seiner mehr objektiven Prämissen. Es gibt seiner Beweisführung in dieser oder jener Richtung Gewicht, indem es je nachdem zu einer sentimentalern oder kühlern Weltanschauung führt, ebenso gut wie eine Tatsache oder ein Prinzip. Er vertraut seinem Temperament. Er wünscht sich eine Welt, die zu seinem Temperament passt, und er glaubt an jede Darstellung der Welt, die zu ihm passt. Menschen eines andern Temperamentes empfindet er als nicht richtig abgestimmt auf den wirklichen Charakter der Welt, und im Grunde genommen betrachtet er sie als inkompetent und als keine eigentlichen Philosophen, wenn sie ihn an dialektischer Geschicklichkeit auch weit übertreffen mögen. Aber in der öffentlichen Diskussion kann er, bloss aus Gründen seines Temperamentes, keinen Anspruch erheben auf besondere Auszeichnung oder Autorität. Daher stammt ein gewisser Mangel an Ernsthaftigkeit in der philosophischen Diskussion: die bedeutendste aller unserer Prämissen wird nie erwähnt.“[280]

James geht darauf über zur Charakterisierung der zwei Temperamente: So wie es im Gebiete der Sitten und Lebensgewohnheiten konventionelle und ungezwungen sich gebende Menschen, in politischer Hinsicht Autoritätgläubige und Anarchisten, in der schönen Literatur Akademiker und Realisten, in der Kunst Klassiker und Romantiker sich unterscheiden lassen, so fänden sich auch, wie James meint, in der Philosophie zwei Typen, nämlich der „Rationalist“ und der „Empiriker“. Der Rationalist ist der „Anbeter abstrakter und ewiger Prinzipien“. Der Empiriker ist der „Liebhaber der Tatsachen in ihrer ganzen ungehobelten Mannigfaltigkeit“.[281] Obschon niemand weder der Tatsachen noch der Prinzipien entraten kann, so kommen doch ganz verschiedene Gesichtspunkte heraus, je nach dem das Gewicht auf die eine oder andere Seite verschoben wird. „Rationalismus“ stellt James als Synonym zu „Intellektualismus“ und „Empirismus“ zu „Sensualismus“. Obwohl diese Angleichung m. E. nicht stichhaltig ist, so wollen wir doch zunächst, eine Kritik vorbehaltend, dem James’schen Gedankengang weiter folgen. Nach seiner Ansicht verbindet sich mit dem Intellektualismus eine idealistische und optimistische Tendenz, während der Empirismus zum Materialismus und zu einem bloss bedingten und unsichern Optimismus neigt. Der Rationalismus (Intellektualismus) ist immer monistisch. Er beginnt mit dem Ganzen und Universellen und vereinigt die Dinge. Der Empirismus dagegen beginnt mit dem Teil und macht das Ganze zu einer Sammlung. Er liesse sich als pluralistisch bezeichnen. Der Rationalist ist ein Gefühlsmensch, der Empiriker ein hartköpfiges Wesen. Ersterer neigt natürlicherweise zur Überzeugung der Willensfreiheit, letzterer zum Fatalismus. Der Rationalist ist leicht dogmatisch in seinen Konstatierungen, der Empiriker dagegen skeptischer.[282] James bezeichnet den Rationalisten als tender-minded (mit zartem oder delikatem Geiste) und den Empiriker als tough-minded (mit zähem Geiste). Damit versucht er offenbar die eigentümliche Beschaffenheit der beiden Mentalitäten zu bezeichnen. Wir werden im weitern Verlauf Gelegenheit nehmen, diese Charakterisierung noch näher zu untersuchen. Interessant ist, was James sagt über die Vorurteile, welche die beiden Typen gegeneinander hegen. „Sie haben eine geringe Meinung von einander.[283] Ihr typischer Gegensatz hat zu allen Zeiten in der Philosophie eine Rolle gespielt, so auch heute. Der Tough-minded beurteilt den Tender-minded als sentimental, der Tender-minded dagegen nennt den andern unfein, stumpf oder brutal. Der eine hält den andern für inferior.“

James stellt die Qualitäten der beiden Typen in folgende zwei Kolonnen nebeneinander:

Tender-minded:

Tough-minded:

Rationalistisch (folgt Prinzipien)

Empiristisch (folgt Tatsachen)

intellektualistisch

sensualistisch

idealistisch

materialistisch

optimistisch

pessimistisch

religiös

irreligiös

indeterministisch

deterministisch, fatalistisch

monistisch

pluralistisch

dogmatisch

skeptisch.

Diese Zusammenstellung berührt verschiedene Probleme, denen wir schon im Kapitel über Nominalismus und Realismus begegnet sind. Der Tender-minded hat gewisse Züge mit dem Realisten, und der Tough-minded mit dem Nominalisten gemeinsam. Wie ich oben erörtert habe, entspricht der Realismus dem Introversionsprinzip und der Nominalismus dem Extraversionsprinzip. Unzweifelhaft gehört auch der Universalienstreit an erster Stelle unter jene historischen Temperamentgegensätze in der Philosophie, auf welche James anspielt. Diese Beziehungen legen es nahe, beim Tender-minded an den Introvertierten und beim Tough-minded an den Extravertierten zu denken. Es bleibt aber noch näher zu untersuchen, ob diese Beziehung zu Recht besteht oder nicht.

Es ist meiner — allerdings beschränkten — Kenntnis der James’sehen Schriften nicht gelungen, nähere Definitionen oder Beschreibungen der beiden Typen aufzufinden, obschon er mehrfach von diesen beiden Arten des Denkens spricht, und sie etwa auch als „thin“ und „thick“ bezeichnet. Flournoy[284] erläutert „thin“ als „mince, ténu, maigre, chétif“ und „thick“ als „épais, solide, massif, cossu“. James gebraucht für den Tender-minded auch einmal den Ausdruck „soft-headed“, also wörtlich „mit weichem Kopfe“. „Soft“ ist wie „tender“ weich, zart, mild, sanft, leise, also etwas schwach, gedämpft, von geringer Kraft im Gegensatz zu „thick“ und „tough“, welche widerstandsfähige, solide, schwer zu verändernde Qualitäten sind, die an die Natur des Stoffes erinnern. Flournoy erläutert dementsprechend die beiden Arten des Denkens folgendermassen: „C’est l’opposition entre la façon de penser abstractionniste — c’est-à-dire purement logique et dialectique, si chère aux philosophes, mais qui n’inspire à James aucune confiance. et qui lui paraît fragile, creuse, „chétive“, parceque trop sevrée du contact des choses particulières — et la façon de penser concrète, laquelle se nourrit de faits d’expérience et ne quitte jamais la région terre à terre, mais solide, des écailles de tortues ou autres données positives“.[285] Man darf aus diesem Kommentar allerdings nicht den Schluss ziehen, dass James nun einseitig dem concreten Denken beifalle. Er würdigt beide Standpunkte: „Facts are good, of course — give us lots of facts. Principles are good — give us plenty of principles.“ Eine Tatsache ist bekanntlich nie nur so, wie sie an sich ist, sondern auch so, wie wir sie anschauen. Wenn nun James das concrete Denken als „thick“ oder „tough“ bezeichnet, so beweist er damit, dass diese Art Denken für ihn etwas Substantielles, Widerstandsfähiges hat, während das abstrakte Denken ihm als etwas Schwaches, Dünnes und Blasses vorkommt, vielleicht sogar, wenn wir mit Flournoy interpretieren, als etwas Kränkliches und Hinfälliges. Eine solche Auffassung ist natürlich nur möglich, wenn man die Substantialität a priori mit der concreten Tatsache verknüpft hat, was eben, wie gesagt, eine Angelegenheit des Temperamentes ist. Wenn der „empirische“ Denker seinem concreten Denken eine widerstandsfähige Substantialität zuschreibt, so ist das vom abstrakten Standpunkt aus gesehen, eine Selbsttäuschung, denn die Substantialität, die „Härte“ kommt der äussern Tatsache zu, nicht aber dem „empirischen“ Denken. Letzteres erweist sich sogar als besonders schwach und hinfällig, indem es sich gegenüber der äussern Tatsache so wenig zu behaupten weiss, dass es immer von den sinnlich gegebenen Tatsachen abhängt, ihnen nachläuft und sich infolgedessen kaum über eine bloss klassifizierende oder darstellende Tätigkeit erheben kann. Vom Standpunkt des Denkens aus ist also das concrete Denken etwas sehr Schwächliches und Unselbständiges, weil es nicht in sich selber seine Festigkeit hat, sondern in den äussern Tatsachen, welche dem Denken an bedingendem Werte übergeordnet sind. Dieses Denken ist also charakterisiert durch eine Abfolge sinnlich gebundener Vorstellungen, die weniger durch eine innere Denktätigkeit, als vielmehr durch den Wechsel der Sinneswahrnehmungen in Bewegung gesetzt werden. Eine durch sinnliche Wahrnehmungen bedingte Abfolge concreter Vorstellungen ist also nicht gerade das, was der Abstrakte als Denken bezeichnen würde, sondern bestenfalls eine passive Apperception. Das Temperament, welches das concrete Denken vorzieht und ihm Substantialität zubilligt, ist daher gekennzeichnet durch ein Vorwiegen der sinnlich bedingten Vorstellung gegenüber der aktiven Apperceptionstätigkeit, die einer subjektiven Willenshandlung entspringt und sinnlich vermittelte Vorstellungen gemäss den Absichten einer Idee anordnen will, d. h. kürzer gesagt: diesem Temperament liegt es mehr am Objekt; das Objekt wird eingefühlt, es benimmt sich quasi selbständig in der Vorstellungswelt des Subjektes und zieht die Auffassung nach sich. Dieses Temperament ist also extravertierend. Das Denken des Extravertierten ist concretistisch. Seine Festigkeit liegt nicht in ihm, sondern gewissermassen ausser ihm in den eingefühlten Tatsachen, von woher auch die James’sche Qualifizierung als „tough“ stammt. Wer immer sich auf die Seite des concreten Denkens stellt, d. h. auf die Seite von Tatsachenvorstellungen, dem kommt die Abstraktion als etwas Schwaches und Hinfälliges vor, denn er misst sie an der Festigkeit der concreten, sinnlich gegebenen Tatsache. Wer aber auf der Seite der Abstraktion steht, dem ist nicht die sinnlich gebundene Vorstellung das Ausschlaggebende, sondern die abstrakte Idee. Die Idee ist, nach der landläufigen Auffassung nichts anderes als eine Abstraktion einer Summe von Erfahrungen. Man stellt sich dabei gerne den menschlichen Geist als eine anfängliche tabula rasa vor, die sich erst deckt durch die Wahrnehmung und Erfahrung von Welt und Leben. Von diesem Standpunkt aus, der der Standpunkt unserer empirischen Wissenschaftlichkeit im weitesten Sinne ist, kann die Idee auch gar nichts anderes sein, als eine epiphänomenale, aposteriorische Abstraktion aus Erfahrungen, daher schwächer und blässer als diese. Wir wissen aber, dass der Geist nicht tabula rasa sein kann, denn die Kritik unserer Denkprinzipien zeigt uns, dass gewisse Kategorien unseres Denkens a priori, d. h. vor aller Erfahrung gegeben sind und zugleich mit dem ersten Denkakt auftreten, ja sogar dessen präformierte Bedingungen sind. Was aber Kant für das logische Denken nachgewiesen hat, gilt für die Psyche in noch viel weiterm Umfang. Die Psyche ist so wenig wie der Geist (das Gebiet des Denkens) tabula rasa zu Beginn. Gewiss fehlen die concreten Inhalte, aber die Inhaltsmöglichkeiten sind durch die vererbte und präformierte funktionelle Disposition a priori gegeben. Sie ist nichts anderes als das Ergebnis der Funktionsweisen der Gehirne der Ahnenreihe, ein Niederschlag der Anpassungsversuche und Erfahrungen der phylogenetischen Reihe. Das neu entstandene Gehirn oder Funktionssystem ist also ein altes, für ganz bestimmte Zwecke hergerichtetes Instrument, das nicht nur passiv appercipiert, sondern auch aus sich heraus aktiv die Erfahrungen ordnet und zu gewissen Schlüssen oder Urteilen zwingt. Diese Anordnungen geschehen nun nicht etwa zufällig oder willkürlich, sondern sie folgen streng präformierten Bedingungen, die nicht als Anschauungsinhalte durch Erfahrung vermittelt werden, sondern Bedingungen der Anschauung a priori sind. Es sind Ideen ante rem, Formbedingungen, a priori gezogene Grundlinien, die dem Stoffe der Erfahrung eine bestimmte Gestaltung anweisen, sodass man sie, wie sie auch Platon aufgefasst hat, als Bilder denken kann, gewissermassen als Schemata oder anererbte Funktionsmöglichkeiten, welche aber andere Möglichkeiten ausschliessen oder zum mindesten in hohem Masse beschränken. Daher kommt es, dass selbst die freieste Geistesbetätigung, die Phantasie, nie ins Grenzenlose schweifen kann (obschon es der Dichter so empfinden mag), sondern gebunden bleibt an präformierte Möglichkeiten, an Urbilder oder urtümliche Bilder. Die Märchenerzählungen der entlegensten Völker zeigen in der Ähnlichkeit ihrer Motive diese Gebundenheit an gewisse Urbilder. Selbst die Bilder, die wissenschaftlichen Theorien zu Grunde liegen, zeigen diese Beschränkung, z. B. der Äther, die Energie, ihre Verwandlungen und ihre Konstanz, die Atomtheorie, die Affinität, usw.

Wie nun im Geiste des concret Denkenden die sinnlich gegebene Vorstellung vorwiegt und Richtung gibt, so überwiegt im Geiste des abstrakt Denkenden das inhaltlose und daher nicht vorstellbare Urbild. Es bleibt relativ untätig, solange das Objekt eingefühlt und dadurch zum bedingenden Faktor des Denkens erhoben wird. Wird aber das Objekt nicht eingefühlt und damit seiner Präponderanz im geistigen Prozess beraubt, so wendet sich die ihm versagte Energie ins Subjekt zurück. Das Subjekt wird unbewusst eingefühlt und dadurch werden die in ihm schlummernden präformierten Bilder geweckt, infolgedessen treten sie als wirkende Faktoren im Geistesprozesse auf, allerdings in unvorstellbarer Form, gewissermassen als unsichtbare Regisseure, hinter den Kulissen. Da sie bloss aktivierte Funktionsmöglichkeiten sind, sind sie ohne Inhalt, darum unvorstellbar, und deshalb streben sie nach Erfüllung. Sie ziehen den Erfahrungsstoff in ihre Form und stellen nicht die Tatsachen dar, sondern sich selber in den Tatsachen. Sie bekleiden sich gewissermassen mit Tatsachen. Sie sind daher nicht ein bekannter Ausgangspunkt, wie die empirische Tatsache im concreten Denken, sondern sie werden erst erfahrbar durch die unbewusste Gestaltung des Erfahrungsstoffes. Auch der Empiriker kann seinen Erfahrungsstoff gliedern und formen, jedoch formt er ihn möglichst nach einem concreten Begriffe, den er auf Grund vorhergegangener Erfahrungen gebildet hat.

Der Abstrahierende dagegen formt nach einer unbewussten Vorlage und erfährt erst a posteriori aus der von ihm gestalteten Erscheinung die Idee, nach der er geformt hat. Der Empiriker, gemäss seiner Psychologie, ist immer geneigt, anzunehmen, der Abstrahierende gestalte den Erfahrungsstoff willkürlich nach gewissen blassen, schwachen und unzulänglichen Voraussetzungen, denn er bemisst den geistigen Prozess des Abstrahierenden nach seinem eigenen modus procedendi. Die eigentliche Prämisse, die Idee oder das Urbild, ist aber dem Abstrahierenden genau so unbekannt, wie dem Empiriker die Theorie, die er dann nachträglich nach so und so viel Experimenten aus der Erfahrung heraus bilden wird. Wie ich in einem frühern Kapitel erläutert habe, sieht der eine das individuelle Objekt und interessiert sich für sein individuelles Verhalten, der andere aber sieht in erster Linie die Ähnlichkeitsbeziehungen der Objekte unter sich und setzt sich über die Individualität der Tatsache hinweg, weil ihm das Verbindende, das Einheitliche in der Zersplitterung der Mannigfaltigkeit angenehmer und beruhigender ist. Für den Erstern aber ist die Ähnlichkeitsbeziehung geradezu etwas Lästiges und Störendes, das ihn unter Umständen sogar hindert, sich der Erkenntnis der Eigenartigkeit des Objektes zu bemächtigen. Je weiter er sich in das einzelne Objekt einfühlt, desto mehr erkennt er seine Eigenart und desto mehr verschwindet ihm die Wirklichkeit einer Ähnlichkeitsbeziehung mit einem andern Objekt. Wenn er sich aber auch in das andere Objekt einzufühlen weiss, so ist er im Stande, die Ähnlichkeit der beiden Objekte in viel höherm Masse zu empfinden und zu erfassen, als der, der sie bloss von aussen zu allererst ersah. Der concret Denkende kann wegen der Tatsache, dass er zuerst das eine Objekt, dann ein anderes einfühlt, nur sehr langsam zur Erkenntnis der verbindenden Ähnlichkeiten kommen, weshalb sein Denken als zähflüssig erscheint. Leichtflüssig ist aber seine Einfühlung. Der Abstrahierende aber erfasst rasch die Ähnlichkeit, ersetzt die individuellen Objekte durch generelle Merkmale und formt diesen Erfahrungsstoff durch seine eigene innere Denktätigkeit, die aber genau so stark beeinflusst ist durch das „schattenhafte“ Urbild, wie das concrete Denken durch das Objekt. Je grösser der Einfluss des Objektes auf das Denken ist, desto mehr prägt es seine Züge dem Denkbild auf. Je weniger aber das Objekt im Geiste wirkt, desto stärker drückt die apriorische Idee der Erfahrung ihr Siegel auf. Durch die übermässige Bedeutung des empirischen Objektes entsteht dann in der Wissenschaft eine gewisse Art von Spezialistentheorie, welche z. B. in der Psychiatrie als jene bekannte „Hirnmythologie“ auftritt, wo ein grösseres Erfahrungsgebiet aus Prinzipien zu erklären versucht wird, die trefflich sind für die Erklärung von gewissen engbegrenzten Tatsachenkomplexen, aber gänzlich unzulänglich für jede andere Verwendung. Umgekehrt aber erzeugt das abstrakte Denken, das sich der Einzeltatsache nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit einer andern annimmt, eine universale Hypothese, die zwar die Idee mehr oder weniger rein zur Darstellung bringt, aber mit dem Wesen der concreten Tatsachen ebenso wenig oder ebensoviel zu tun hat, wie ein Mythus. In ihrer extremen Form erzeugen also beide Denkformen Mythologie, die eine drückt sich concret aus mit Zellen, Atomen, Schwingungen und dergleichen mehr, die andere aber mit „ewigen“ Ideen. Der extreme Empirismus hat wenigstens den Vorteil, Tatsachen möglichst rein zur Darstellung zu bringen. Der extreme Ideologismus aber hat den Vorteil, die apriorischen Formen, die Ideen oder Urbilder in möglichster Reinheit widerzuspiegeln. Die theoretischen Resultate des Erstern erschöpfen sich mit ihrem Erfahrungsstoff, die praktischen Resultate des Letztern beschränken sich auf die Darstellung der psychologischen Idee. Da unser gegenwärtiger wissenschaftlicher Geist einseitig concret-empirisch eingestellt ist, so weiss er die Tat dessen, der die Idee darstellt, nicht zu schätzen, denn Tatsachen stehen ihm höher als die Kenntnis der Urformen, in denen der menschliche Verstand sie begreift. Die Schwenkung nach der Seite des Concretismus ist, wie bekannt, eine relativ junge Erwerbung, die aus der Aufklärungsepoche stammt. Die Erfolge dieser Entwicklung sind staunenswert, aber sie haben zu einer Häufung des empirischen Stoffes geführt, deren Unabsehbarkeit allmählich mehr Verwirrung als Klarheit stiftet. Sie führt notgedrungen zu einem wissenschaftlichen Separatismus und damit zur Spezialistenmythologie, welche den Tod der Universalität bedeutet. Das Überwiegen des Empirismus aber ist nicht nur eine Erdrückung des aktiven Denkens, sondern auch eine Gefahr für die Theoriebildung innerhalb einer Disziplin. Die Abwesenheit allgemeiner Gesichtspunkte aber begünstigt die mythische Theoriebildung, ebenso sehr wie es die Abwesenheit empirischer Gesichtspunkte tut.

Ich bin darum der Ansicht, dass die James’sche Terminologie von Tender-minded und Tough-minded nur einseitig anschaulich ist und, im Grunde genommen, ein gewisses Präjudicium enthält. Es dürfte aber aus dieser Erörterung klar geworden sein, dass die James’sche Typisierung dieselben Typen behandelt, die ich als Introvertiert und Extravertiert bezeichnet habe.

2. Die charakteristischen Gegensatzpaare der James’schen Typen.

a) Das erste Gegensatzpaar, welches James als unterscheidendes Merkmal der Typen anführt, ist der Rationalismus versus Empirismus.

Ich habe, wie der Leser bemerkt haben wird, mich bereits im Vorigen zu diesem Gegensatz ausgesprochen und dabei den Gegensatz als Ideologismus versus Empirismus gefasst. Ich habe den Ausdruck „Rationalismus“ vermieden, weil das concrete, empirische Denken ebenso „rational“ ist, wie das aktive, ideologische Denken. Die ratio regiert beide Formen. Und zudem gibt es nicht nur einen logischen Rationalismus, sondern auch einen Gefühlsrationalismus, indem nämlich der Rationalismus überhaupt eine allgemeine psychologische Einstellung auf Vernünftigkeit des Denkens und Fühlens ist. Ich befinde mich mit dieser Auffassung des Begriffes „Rationalismus“ in einem bewussten Gegensatz zu der historisch-philosophischen Auffassung, welche „rationalistisch“ im Sinne von „ideologisch“ gebraucht, resp. Rationalismus als Primat der Idee auffasst. Bei den neuern Philosophen hat die ratio allerdings den rein ideellen Charakter abgestreift und wird gerne als ein Vermögen, Trieb, Wollen sogar als ein Gefühl, oder als eine Methode bezeichnet. Jedenfalls ist sie — psychologisch betrachtet — eine gewisse Einstellung, die, wie Lipps sagt, vom „Objektivitätsgefühl“ geleitet ist. Bei Baldwin[286] ist sie das „constitutive, regulative Prinzip des Geistes“. Herbart erklärt die Vernunft als „Vermögen der Überlegung“.[287] Schopenhauer sagt von der Vernunft, dass sie nur eine Funktion habe, nämlich „die Bildung des Begriffes; und aus dieser einzigen erklären sich sehr leicht und ganz und gar von selbst alle jene oben angeführten Erscheinungen, die das Leben des Menschen von dem des Tieres unterscheiden, und auf die Anwendung oder Nichtanwendung jener Funktion deutet schlechthin alles, was man überall und jederzeit vernünftig oder unvernünftig genannt hat“.[288] Die „oben angeführten Erscheinungen“ beziehen sich auf gewisse Äusserungen der Vernunft, die Schopenhauer beispielsweise zusammengestellt hat, nämlich „die Beherrschung der Affekte und Leidenschaften, die Fähigkeit, Schlüsse zu machen und allgemeine Prinzipien“, „das übereinstimmende Handeln mehrerer Individuen“, „die Zivilisation, der Staat; ferner die Wissenschaft, das Aufbewahren früherer Erfahrung“, etc. Wenn für Schopenhauer die Vernunft die Funktion der Begriffsbildung hat, so hat sie demnach den Charakter derjenigen Einstellung des psychischen Apparates, welche geeignet ist, durch Denktätigkeit Begriffe zu bilden. Ganz in diesem Sinne einer Einstellung fasst auch Jerusalem[289] die Vernunft auf, nämlich als eine Willensdisposition, die uns befähigt, bei unsern Entscheidungen vom Verstande Gebrauch zu machen und die Leidenschaften zu beherrschen.

Vernunft ist also die Fähigkeit, vernünftig zu sein, eine bestimmte Einstellung, welche ein Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven Werten ermöglicht. Diese „objektiven“ Werte ergeben sich vom Standpunkt des Empirismus aus durch die Erfahrung, von dem des Ideologismus aus aber durch einen aktiven Bewertungsakt der Vernunft, welche dann in Kant’schem Sinne ein „Vermögen“ wäre, „nach Grundsätzen zu urteilen und zu handeln“. Denn die Vernunft ist bei Kant die Quelle der Idee, welche ein „Vernunftbegriff“ ist, „dessen Gegenstand gar nicht in der Erfahrung kann angetroffen werden“, und welche das „Urbild des Gebrauchs des Verstandes — als regulatives Prinzip zum Behuf des durchgängigen Zusammenhanges unseres empirischen Verstandesgebrauches“ enthält.[290] Diese Anschauung ist echt introvertiert. Ihr gegenüber steht die empiristische Anschauung Wundts, wonach die Vernunft zu den komplexen intellektuellen Funktionen gehört, welche mit ihren „Vorstufen, die ihnen die unerlässlichen sinnlichen Substrate liefern, in einen allgemeinen Ausdruck“ zusammengefasst werden. „Dass nun dieser Begriff des „Intellektuellen“ ein Überlebnis der Vermögenspsychologie ist, das womöglich noch mehr als die alten Begriffe Gedächtnis, Verstand, Phantasie usw. unter der Vermengung mit logischen Gesichtspunkten leidet, die ausserhalb der Psychologie liegen, und dass er umso unbestimmter und zugleich willkürlicher wird, je mannigfaltigere psychische Inhalte er umfasst, ist einleuchtend.“ „Gibt es für den Standpunkt der wissenschaftlichen Psychologie kein Gedächtnis, keinen Verstand und keine Phantasie, sondern eben nur gewisse elementare psychische Vorgänge und ihre Zusammenhänge, die man in ziemlich willkürlicher Unterscheidung unter jenen Namen zusammenfasst, so gibt es natürlich noch weniger eine „Intelligenz“ oder „intellektuelle Funktionen“ als einen einheitlichen, irgend einem fest abzugrenzenden Tatbestand entsprechenden Begriff. Dennoch bleiben gewisse Fälle, wo es nützlich ist, sich, wenn auch in einem durch die psychologische Betrachtungsweise veränderten Sinne, jener Begriffe aus dem alten Inventar der Vermögenspsychologie zu bedienen. Diese Fälle ergeben sich da, wo uns komplexe, aus sehr verschiedenen Bestandteilen gemischte Phänomene entgegentreten, die wegen der Regelmässigkeit ihrer Verbindung vor allem auch aus praktischen Gründen eine Berücksichtigung erheischen, oder wo uns das individuelle Bewusstsein bestimmte Richtungen der Anlage und Bildung darbietet, und wo nun die Regelmässigkeit der Verbindung wiederum zur Analyse solcher komplexer geistiger Anlagen herausfordert. In allen diesen Fällen ist es aber natürlich die Aufgabe der psychologischen Untersuchung, nicht bei den so gebildeten Generalbegriffen stehen zu bleiben, sondern sie womöglich auf ihre einfachen Faktoren zurückzuführen.“[291] Diese Anschauung ist echt extravertiert. Ich habe die besonders charakteristischen Stellen durch Sperrdruck hervorgehoben. Während für den introvertierten Standpunkt die „Generalbegriffe“ wie Vernunft, Intellekt, etc. „Vermögen“, d. h. einfache Grundfunktionen sind, welche die Mannigfaltigkeit der von ihnen geleiteten psychischen Prozesse in einheitlichem Sinne zusammenfassen, so sind sie für den extravertierten, empiristischen Standpunkt nichts als sekundäre, abgeleitete Begriffe, Komplikationen der Elementarvorgänge, auf welch letztere von dieser Ansicht der Wertakzent verlegt wird. Wohl lassen sich, nach diesem Standpunkt, solche Begriffe nicht umgehen, aber man sollte sie im Prinzip immer auf „ihre einfachen Faktoren zurückführen.“ Es ist selbstverständlich, dass der empiristische Standpunkt gar nicht anders denken kann als reduktiv in Bezug auf allgemeine Begriffe, denn für ihn sind Begriffe immer nur aus Erfahrung Abgeleitetes. Er kennt überhaupt keine „Vernunftbegriffe“, Ideen a priori, weil sein Denken passiv apperceptiv auf die sinnlich bedingte Erfahrung eingestellt ist. Infolge dieser Einstellung ist immer das Objekt betont, es ist gewissermassen handelnd, und nötigt zu Erkenntnissen und komplizierten Vernunftschlüssen, und diese erfordern die Existenz allgemeiner Begriffe, die aber nur dazu dienen, gewisse Gruppen von Phänomenen unter einem Collektivum zu begreifen. So ist der Allgemeinbegriff natürlicherweise nichts als eine sekundäre Grösse, die eigentlich, ausser in der Sprache, nicht existiert. Die Wissenschaft kann daher der Vernunft, der Phantasie etc. kein Recht auf Sonderexistenz einräumen, insoferne sie der Ansicht ist, dass nur das wirklich existiere, was als sinnlich gegebene Tatsache, als „elementarer Faktor“ vorhanden ist. Wenn aber das Denken, wie es beim Introvertierten der Fall ist, aktiv apperceptiv eingestellt ist, so hat die Vernunft, der Intellekt, die Phantasie etc. den Wert einer Grundfunktion, eines Vermögens, d. h. eines Könnens oder Tuns von innen heraus, weil für diesen Standpunkt der Wertakzent auf dem Begriffe ruht und nicht auf den vom Begriffe gedeckten und zusammengefassten Elementarvorgängen. Dieses Denken ist von Hause aus synthetisch. Es ordnet nach dem Schema des Begriffes an und benützt den Erfahrungsstoff, um seine Ideen zu erfüllen. Der Begriff tritt als Aktivum auf und zwar aus eigener innerer Kraft, welche den Erfahrungsstoff gestaltend ergreift. Der Extravertierte vermutet als Quelle dieser Kraft einerseits blosse Willkür, andererseits vorschnelle Generalisierung beschränkter Erfahrungen. Der Introvertierte, der seiner eigenen Denkpsychologie unbewusst ist und vielleicht sogar den modegemässen Empirismus selber als Richtschnur adoptiert hat, verteidigt sich erfolglos gegen diesen Vorwurf. Der Vorwurf ist aber nichts anderes als eine Projektion der extravertierten Psychologie. Der aktive Denktypus bezieht nämlich die Energie seiner Denktätigkeit weder aus der Willkür noch aus der Erfahrung, sondern aus der Idee, d. h. aus der angebornen funktionellen Form, welche durch seine introvertierte Einstellung aktiviert ist. Diese Quelle ist ihm unbewusst, weil er die Idee wegen ihrer apriorischen Inhaltlosigkeit erst in der Gestaltung a posteriori erkennen kann, nämlich in der Form, welche der durch das Denken bearbeitete Erfahrungsstoff annimmt. Dem Extravertierten aber ist das Objekt und der Elementarvorgang darum wichtig und unerlässlich, weil er unbewusst die Idee in das Objekt projiziert hat und er nur durch die empirische Sammlung und Vergleichung zum Begriffe und damit zur Idee aufsteigen kann. Die beiden Denkrichtungen sind einander merkwürdig entgegengesetzt: Der Eine gestaltet aus seiner unbewussten Idee heraus den Stoff und gelangt so zur Erfahrung; der Andere lässt sich vom Stoffe, der seine unbewusste Ideenprojektion enthält, leiten und gelangt so zur Idee. Dieser Einstellungsgegensatz hat etwas Irritierendes an sich, und deshalb ist er es auch, der im Grunde genommen die hitzigsten und erfolglosesten wissenschaftlichen Diskussionen verursacht.

Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung meine Ansicht genügend belegt, dass die ratio und ihre einseitige Erhebung zum Prinzip, eben der Rationalismus, dem Empirismus ebenso sehr eignen, wie dem Ideologismus. Statt von Ideologismus zu sprechen, könnte ich auch das Wort „Idealismus“ anwenden. Dieser Verwendung steht aber sein Gegensatz zu „Materialismus“ entgegen, und ich könnte als Gegensatz zu „materialistisch“ nicht „ideologisch“ sagen, da der Materialist, wie die Geschichte der Philosophie zeigt, oft ebenso gut ein Ideolog sein kann, nämlich dann, wenn er kein Empiriker ist, sondern von der allgemeinen Idee der Materie aus aktiv denkt.

b) Das zweite Gegensatzpaar, das James aufstellt, ist Intellektualismus versus Sensualismus (Sensationalism).

Sensualismus ist der Ausdruck, der das Wesen des extremen Empirismus kennzeichnet. Er behauptet die Sinneserfahrung als einzige und ausschließliche Quelle der Erkenntnis. Die sensualistische Einstellung ist ganz nach dem durch die Sinne gegebenen Objekt orientiert, also nach aussen. Offenbar meint James einen intellektuellen und nicht einen ästhetischen Sensualismus, aber eben darum scheint „Intellektualismus“ nicht gerade der dazu passende Gegensatz zu sein. Psychologisch ist der Intellektualismus eine Einstellung, welche sich dadurch kennzeichnet, dass sie dem Intellekt den bedingenden Hauptwert gibt, also dem Erkennen auf der begrifflichen Stufe. Ich kann mit dieser Einstellung auch ein Sensualist sein, nämlich dann, wenn ich mein Denken mit concreten Begriffen beschäftige, die allesamt aus der sinnlichen Erfahrung stammen. Daher kann auch der Empiriker intellektuell sein. Philosophisch wird Intellektualismus etwa promiscuë mit Rationalismus gebraucht, daher man wiederum Ideologismus als den Gegensatz zu Sensualismus nennen müsste, insofern ja auch Sensualismus in seinem Wesen nur ein extremer Empirismus ist.

c) Das dritte James’sche Gegensatzpaar ist Idealismus versus Materialismus.

Man hätte schon beim Sensualismus die Vermutung hegen können, dass James damit nicht bloss einen gesteigerten Empirismus, d. h. also einen intellektuellen Sensualismus meint, sondern mit dem Ausdruck „sensationalistic“ vielleicht auch das eigentlich Empfindungsmässige abgesehen von allem Intellekt hervorheben wollte. Mit Empfindungsmässigem meine ich die eigentliche Sinnlichkeit, allerdings nicht in vulgärem Sinne als voluptas, sondern als eine psychologische Einstellung, bei welcher weniger das eingefühlte Objekt, als vielmehr die blosse Tatsache der Sinneserregung und -empfindung die orientierende und determinierende Grösse ist. Diese Einstellung kann auch als eine reflektorische bezeichnet werden, indem die ganze Mentalität von der Sinnesempfindung abhängt und auch in ihr gipfelt. Das Objekt wird weder abstrakt erkannt noch eingefühlt, sondern wirkt durch seine natürliche Existenzform, und das Subjekt orientiert sich ausschließlich an den durch den Kontakt mit dem Objekt erregten Sinnesempfindungen. Diese Einstellung entspräche einer primitiven Mentalität. Ihr zugehöriger Gegensatz ist die intuitive Einstellung, welche charakterisiert ist durch ein empfindungsmässiges Erfassen, welches weder intellektuell noch gefühlsmässig ist, sondern beides zugleich in ungesonderter Mischung. Wie das sinnliche Objekt in der Wahrnehmung erscheint, so erscheint auch der psychische Inhalt in der Intuition, also quasi illusionär oder halluzinatorisch.

Dass James den Tough-minded sowohl als „sensationalistic“ wie auch als „materialistic“ bezeichnet (und weiter unten noch als „irreligious“) lässt den Zweifel aufkommen, ob er wohl mit seiner Typisierung denselben Typengegensatz im Auge habe, wie ich. Materialismus wird vulgär ja stets verstanden als eine Einstellung, die sich nach „materiellen“ Werten orientiert, also als eine Art von moralischem Sensualismus. Die James’sche Charakterisierung ergäbe also ein sehr ungünstiges Gemälde, wenn wir diesen Ausdrücken ihre vulgäre Bedeutung unterschieben wollten. Dies läge gewiss nicht im Sinne von James, dessen oben zitierte Worte über die Typen ein Missverständnis nach dieser Richtung verhindern wollen. Man dürfte also nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass James hauptsächlich die philosophische Bedeutung der in Frage stehenden Ausdrücke im Auge hatte. Dann heisst Materialismus eine Einstellung, welche sich allerdings nach materiellen Werten orientiert, aber nicht nach „sinnlichen“, sondern nach Tatsachenwerten; wobei mit „Tatsache“ etwas Äusseres und sozusagen Stoffliches gemeint ist. Der Gegensatz dazu ist „Idealismus“, im philosophischen Sinne einer Hauptbewertung der Idee. Ein moralischer Idealismus kann damit nicht gemeint sein, sonst müssten wir auch, entgegen der Absicht von James, annehmen, dass mit Materialismus ein moralischer Sensualismus gemeint sei. Wenn wir also annehmen, dass er mit Materialismus eine Einstellung meint, die den orientierenden Hauptwert auf die reale Tatsächlichkeit legt, so gelangen wir wieder dazu, auch in diesem Attribut eine extravertierte Eigentümlichkeit aufzufinden, womit unsere anfänglichen Zweifel sich zerstreuen. Dass der philosophische Idealismus dem introvertierten Ideologismus entspricht, haben wir bereits gesehen. Ein moralischer Idealismus wäre aber keineswegs charakteristisch für den Introvertierten, denn auch der Materialist kann moralisch idealistisch sein.

d) Das vierte Gegensatzpaar ist Optimismus versus Pessimismus.

Ich hege grosse Zweifel, ob dieser bekannte Gegensatz, nach dem sich menschliche Temperamente unterscheiden lassen, ohne weiteres auf die James’schen Typen verwendet werden darf. Ist z. B. der Empirismus Darwins auch pessimistisch? Gewiss ist er es für einen, der eine ideologistische Weltanschauung hat und den andern Typus Mensch durch die Brille einer unbewussten Gefühlsprojektion sieht. Der Empiriker selber braucht aber deshalb keineswegs seine Ansicht als pessimistisch aufzufassen. Oder ist z. B. der Denker Schopenhauer, dessen Weltanschauung rein ideologistisch ist (genau wie der reine Ideologismus der Upanishads), der James’schen Typisierung entsprechend, etwa optimistisch? Kant selber, ein sehr reiner introvertierter Typus, steht jenseits von Optimismus und Pessimismus, so gut wie die grossen Empiriker. Es scheint mir daher, dass dieser Gegensatz auch mit den James’schen Typen nichts zu tun hat. So gut wie es optimistische Introvertierte gibt, gibt es auch optimistische Extravertierte und vice-versa. Es wäre aber sehr leicht möglich, dass James dieser Irrtum unterlaufen ist auf Grund der vorhin angedeuteten subjektiven Projektion. Eine materialistische oder rein empiristische oder positivistische Weltanschauung erscheint dem Standpunkt des Ideologismus als schlechthin trostlos. Er muss sie also als pessimistisch empfinden. Wer aber an den Gott „Materie“ glaubt, dem erscheint die materialistische Anschauung als optimistisch. Durch die materialistische Auffassung wird nämlich dem Ideologismus der Lebensnerv durchschnitten, denn seine Hauptkraft, das aktive Appercipieren und das Verwirklichen der Urbilder, wird dadurch lahmgelegt. Darum muss ihm eine solche Ansicht als durchaus pessimistisch erscheinen, denn sie beraubt ihn jeglicher Hoffnung, die ewige Idee je wieder in der Erscheinung verwirklicht zu erblicken. Eine Welt realer Tatsachen bedeutet für ihn Exil und dauernde Heimatlosigkeit. Wenn also James die materialistische Ansicht parallel setzt mit Pessimismus, so dürfte dieser Umstand darauf hinweisen, dass er persönlich zur ideologistischen Seite gehört — eine Annahme, die unschwer durch viele andere Züge aus dem Leben dieses Philosophen erhärtet werden könnte. Dieser Umstand dürfte auch erklären, warum der Tough-minded die drei etwas verdächtigen Epitheta: sensualistisch, materialistisch, irreligiös abbekommen hat. Auf denselben Umstand weist auch jene Stelle in „Pragmatism“ hin, wo James die gegenseitige Abneigung der Typen einem Zusammentreffen von Bostoner Touristen mit der Bevölkerung von Cripple Creek[292] vergleicht. Dieser Vergleich ist für den andern Typus wenig schmeichelhaft und lässt auf eine gefühlsmässige Abneigung schliessen, gegen die auch ein starker Wille zur Gerechtigkeit nicht ganz aufkommt. Dieses kleine „document humain“ scheint mir aber gerade ein kostbarer Beweis zu sein für die Tatsache der irritierenden Verschiedenheit der beiden Typen. Es mag vielleicht kleinlich erscheinen, wenn ich gerade auf solche Gefühlsinkompatibilitäten einen gewissen Nachdruck lege. Aber ich habe mich durch vielfache Erfahrungen davon überzeugt, dass gerade solche im Bewusstseinshintergrund gehaltene Gefühle gelegentlich auch das schönste Raisonnement in ungünstiger Weise beeinflussen und die Verständigung hintertreiben. Man kann sich ja leicht denken, dass auch die Bevölkerung von Cripple Creek den Bostoner Touristen mit besondern Augen ansieht.

e) Das fünfte Gegensatzpaar ist Religiosität versus Irreligiosität.

Die Gültigkeit dieses Gegensatzes für die James’sche Typenpsychologie hängt natürlich wesentlich ab von der Definition, die er der Religiosität gibt. Wenn er das Wesen der Religiosität ganz vom ideologistischen Standpunkt auffasst als eine Einstellung, bei welcher die religiöse Idee eine dominierende Rolle spielt (im Gegensatz zum Gefühl), dann hat er gewiss recht, den Tough-minded auch als irreligiös zu bezeichnen. Aber James denkt zu weit und zu menschlich, als dass er nicht sähe, dass die religiöse Einstellung auch durch das religiöse Gefühl determiniert sein kann. Sagt er doch selber: „Unsere Ehrerbietung vor Tatsachen hat nicht alle Religiosität in uns neutralisiert. Aber diese Ehrerbietung ist in sich selber sozusagen religiös. Unsere wissenschaftliche Einstellung ist fromm (our scientific temper is devout)“.[293] Den Mangel an Ehrfurcht vor „ewigen“ Ideen ersetzt der Empiriker durch einen sozusagen religiösen Glauben an die reale Tatsache. Wenn jemand seine Einstellung orientiert an der Idee Gottes, so ist es psychologisch dasselbe, wie wenn er es an der Idee des Stoffes täte oder wie wenn er die realen Tatsachen zum determinierenden Faktor seiner Einstellung erhöbe. Insofern diese Orientierung nur unbedingt geschieht, verdient sie das Epitheton „religiös“. Von einem hohen Standpunkt aus ist aber die reale Tatsache ebenso sehr wert, ein unbedingter Faktor zu sein, wie die Idee, das Urbild, das der Zusammenprall des Menschen und seiner innern Bedingungen mit den harten Tatsachen der äussern Wirklichkeit seit Myriaden Jahren geschaffen hat. Die unbedingte Hingebung an die realen Tatsachen kann jedenfalls vom psychologischen Standpunkt aus nie als irreligiös bezeichnet werden. Der tough-minded hat eben seine empiristische Religion, wie der tender-minded seine ideologistische Religion hat. Es ist nun allerdings auch eine Tatsache unserer gegenwärtigen Kulturepoche, dass die Wissenschaft vom Objekt und die Religion vom Subjekt, d. h. vom Ideologismus beherrscht wird, denn irgend wohin musste sich die aus sich selber wirkende Idee doch flüchten, nachdem sie in der Wissenschaft ihren Platz dem Objekt hatte räumen müssen. Wenn die Religion in dieser Weise als gegenwärtige Kulturerscheinung verstanden wird, dann hat James recht, den Empiriker als irreligiös zu bezeichnen, aber auch nur so weit. Da die Philosophen nicht unbedingt eine ganz abgesonderte Menschenklasse sind, so werden sich ihre Typen auch weit über den Bezirk des philosophierenden Menschen in die allgemeine Menschheit hinaus erstrecken, vielleicht soweit als die kultivierte Menschheit überhaupt reicht. Aus diesem allgemeinen Grunde schon verböte es sich, die eine Hälfte der Kulturmenschheit als irreligiös zu bezeichnen. Wir wissen ja aus der Psychologie des Primitiven, dass die religiöse Funktion schlechthin zum Bestande der Psyche gehört und stets und überall vorhanden ist, so undifferenziert sie auch sein mag.

Wenn wir die vorhin angedeutete Beschränktheit des Begriffes „Religion“ bei James nicht annehmen, dann muss es sich wieder um eine gefühlsmässige Entgleisung handeln, die, wie wir sahen, sich nur allzu leicht ereignet.

f) Das sechste Gegensatzpaar ist Indeterminismus versus Determinismus.

Dieser Gegensatz ist psychologisch interessant. Es ist selbstverständlich, dass der Empirismus causal denkt, womit der notwendige Zusammenhang von Ursache und Wirkung axiomatisch angenommen ist. Die empiristische Einstellung wird orientiert durch das eingefühlte Objekt, sie wird gewissermassen von der äussern Tatsache „bewirkt“ mit dem Gefühl der Notwendigkeit einer aus einer Ursache erfolgenden Wirkung. Es ist ganz natürlich, dass sich dieser Einstellung der Eindruck der Unabänderlichkeit der Kausalzusammenhänge psychologisch aufdrängt. Die Identifikation der innern psychischen Vorgänge mit dem Ablauf äusserer Tatsachen ist schon aus dem Grunde gegeben, dass unbewusst im Einfühlungsakt eine beträchtliche Summe der eigenen Aktivität, des eigenen Lebens dem Objekt verliehen wird. Dadurch wird das Subjekt dem Objekt assimiliert, obschon der Einfühlende das Objekt zu assimilieren glaubt. Wenn aber auf dem Objekt ein starker Wertakzent liegt, so besitzt damit das Objekt eine Bedeutung, welche auch ihrerseits das Subjekt beeinflusst und es zu einer Dissimilation von sich selber zwingt. Die menschliche Psychologie ist bekanntlich chamäleonartig, das erfährt der praktische Psycholog alltäglich. Wo immer das Objekt überwiegt, finden im Subjekt Angleichungen an die Natur des Objektes statt. So spielt z. B. die Identifikation mit dem geliebten Objekt in der analytischen Therapie keine geringe Rolle. Die Psychologie der Primitiven vollends gibt uns eine Menge von Beispielen der Dissimilation zu Gunsten des Objektes, z B. die häufige Angleichung an das Totemtier oder an die Ahnengeister. Die Stigmatisierung der mittelalterlichen bis neuzeitlichen Heiligen gehört ebenfalls hieher. In der „imitatio Christi“ ist die Dissimilation sogar zum Prinzip erhoben. Bei dieser unzweifelhaften Anlage der menschlichen Psyche zur Dissimilation ist das Herübernehmen der objektiven Kausalzusammenhänge ins Subjekt psychologisch leicht verständlich. Die Psyche kommt dadurch, wie gesagt, unter den Eindruck der alleinigen Gültigkeit des Kausalprinzips, und es bedarf schon des ganzen erkenntnistheoretischen Rüstzeuges, um sich der Übermacht dieses Eindruckes zu erwehren. Erschwerend kommt dabei in Betracht, dass die empiristische Einstellung mit ihrem ganzen Wesen uns hindert, an die innere Freiheit zu glauben. Denn jeder Beweis, ja jede Beweismöglichkeit fehlt uns. Was will jenes blasse, undeutliche Gefühl der Freiheit besagen gegenüber der erdrückenden Masse objektiver Beweise des Gegenteils? Der Determinismus des Empirikers ist daher sozusagen unvermeidlich, vorausgesetzt, dass der Empiriker soweit denkt und es nicht vorzieht — wie das nicht selten geschieht — zwei Schubfächer zu besitzen, das eine für die Wissenschaft und das andere für die von den Eltern und der Societät überkommene Religion. Wie wir sahen, besteht das Wesen des Ideologismus auf einer unbewussten Aktivierung der Idee. Diese Aktivierung kann auf einer nachträglichen, im Leben erworbenen Abneigung gegen die Einfühlung beruhen, kann aber auch von Geburt an existieren als eine a priori von Natur geschaffene und begünstigte Einstellung. (Ich habe in meiner praktischen Erfahrung mehrfach solche Fälle gesehen.) In diesem letztern Falle ist die Idee a priori aktiv, ohne aber, ihrer Leere und Unvorstellbarkeit wegen, dem Bewusstsein gegeben zu sein. Sie ist als überwiegende innere, aber unvorstellbare Tatsache den „objektiven“ äussern Tatsachen übergeordnet, und gibt wenigstens das Gefühl ihrer Unabhängigkeit und Freiheit an das Subjekt ab, das sich infolge seiner innern Angleichung an die Idee dem Objekt gegenüber als unabhängig und frei empfindet. Wenn die Idee der orientierende Hauptfaktor ist, so assimiliert sie sich das Subjekt ebensowohl, wie das Subjekt versucht, durch die Gestaltung des Erfahrungsstoffes sich die Idee zu assimilieren. Es findet also genau wie bei der obenbesprochenen Objekteinstellung eine Dissimilation des Subjektes von sich selber statt, aber in umgekehrtem Sinne, d. h. in diesem Fall zu Gunsten der Idee. Das anererbte Urbild ist eine alle Zeiten überdauernde, allen Erscheinungswechseln übergeordnete Grösse, die vor aller und über aller individueller Erfahrung steht. Der Idee kommt daher eine besondere Macht zu. Wenn sie aktiviert ist, so überträgt sie ein ausgesprochenes Machtgefühl ins Subjekt, indem sie sich mittelst der innern unbewussten Einfühlung das Subjekt assimiliert. Daraus entspringt im Subjekt das Gefühl der Macht, der Unabhängigkeit, der Freiheit und der Ewigkeit. (Vergl. dazu Kants Postulate von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.) Wenn das Subjekt die freie Tätigkeit seiner über die reale Tatsache erhabenen Idee empfindet, so drängt sich ihm natürlicherweise der Gedanke der Freiheit auf. Wenn sein Ideologismus rein ist, so muss es sogar zu einer indeterministischen Überzeugung gelangen.

Der hier besprochene Gegensatz ist in hohem Masse charakteristisch für unsere Typen. Der Extravertierte ist gekennzeichnet durch sein Streben nach dem Objekt, durch die Einfühlung in und die Identifikation mit dem Objekt, und seine gewollte Abhängigkeit vom Objekt. Er ist durch das Objekt ebenso sehr beeinflusst, wie er es zu assimilieren strebt. Der Introvertierte dagegen ist gekennzeichnet durch seine anscheinende Selbstbehauptung gegenüber dem Objekt. Er sträubt sich gegen jede Abhängigkeit vom Objekt, er weist die Beeinflussung durch das Objekt ab, ja er empfindet gelegentlich sogar Furcht davor. Umsomehr aber hängt er ab von der Idee, welche ihn vor äusserer Abhängigkeit beschützt und ihm das Gefühl der innern Freiheit gibt, dafür aber auch eine ausgesprochene Machtpsychologie.

g) Der siebente Gegensatz ist Monismus versus Pluralismus.

Es ist nach dem Obengesagten ohne weiteres verständlich, dass die Einstellung, die durch die Idee orientiert ist, nach dem Monismus tendiert. Die Idee hat immer hierarchischen Charakter, sei sie nun gewonnen durch Abstraktion aus Vorstellungen und concreten Begriffen, oder sei sie a priori als unbewusste Form existierend. Im erstem Fall ist sie der höchste Punkt des Gebäudes, der gewissermassen alles, was unter ihm liegt, abschliesst und damit umfasst, im letztern Fall ist sie der unbewusste Gesetzgeber, der die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Denkens reguliert. Beide Male hat die Idee beherrschende Eigenschaft. Obschon eine Mehrzahl von Ideen vorhanden ist, so hat doch jeweils eine Idee für kürzere oder längere Zeit die Oberhand und konstelliert monarchisch die Grosszahl der psychischen Elemente. Umgekehrt ist es ebenso klar, dass die Einstellung, die sich nach dem Objekte orientiert, immer zu einer Mehrzahl von Prinzipien (Pluralismus) neigt, denn die Mannigfaltigkeit der Objekteigenschaften zwingt auch zu einer Mehrzahl von Begriffen und Prinzipien, ohne welche eine Erklärung sich dem Wesen des Objektes nicht anpassen kann.

Die monistische Tendenz gehört zur Introversionseinstellung, die pluralistische Tendenz zur Extraversionseinstellung.

h) Der achte Gegensatz ist Dogmatismus versus Skeptizismus.

Es ist auch in diesem Falle leicht einzusehen, dass der Dogmatismus in erster Linie der Einstellung, die der Idee folgt, anhaftet, obschon die unbewusste Verwirklichung der Idee nicht eo ipso Dogmatismus ist. Gleichwohl macht die Art und Weise, wie sich eine unbewusste Idee sozusagen gewaltsam verwirklicht, auf Aussenstehende den Eindruck, als ob der nach Ideen Denkende von einem Dogma ausginge, in dessen starre Schranken der Erfahrungsstoff gepresst wird. Die Einstellung, die sich nach dem Objekt richtet, erscheint selbstverständlich in Bezug auf alle Ideen a priori als skeptisch, denn sie will in erster Linie das Objekt und die Erfahrung zum Worte kommen lassen, unbekümmert um allgemeine Ideen. Der Skeptizismus ist in diesem Sinne sogar eine unerlässliche Vorbedingung aller Empirie.

Auch dieses Gegensatzpaar bestätigt die wesentliche Ähnlichkeit der James’schen Typen mit den meinigen.

3. Zur Kritik der James’schen Auffassung.

Wenn ich die James’sche Auffassung kritisiere, so muss ich vor allem hervorheben, dass sie sich fast ausschliesslich mit den Denkqualitäten der Typen beschäftigt. In einem philosophischen Werke ist dies wohl kaum anders zu erwarten. Diese durch den Rahmen bedingte Einseitigkeit gibt aber leicht Anlass zu Verwirrung. Es ist nämlich nicht schwer, diese oder jene Eigenschaften oder sogar einige davon am entgegengesetzten Typus nachzuweisen. Z. B. gibt es Empiriker, die dogmatisch, religiös, idealistisch, intellektualistisch und rationalistisch sind, und umgekehrt gibt es Ideologen, die materialistisch, pessimistisch, deterministisch, und irreligiös sind. Wenn man schon darauf hinweisen kann, dass diese Ausdrücke sehr komplexe Tatbestände bezeichnen, wobei noch sehr verschiedene Nuancen in Frage kommen, so ist damit der Möglichkeit der Verwirrung doch nicht abgeholfen. Die James’schen Ausdrücke sind einzeln genommen zu weit und geben nur in ihrer Gesamtheit ein ungefähres Bild des typischen Gegensatzes, ohne ihn damit aber auf eine einfache Formel zu bringen. Im ganzen sind die James’schen Typen eine wertvolle Ergänzung des Typen-Bildes, das wir aus den übrigen Quellen gewonnen haben. James gebührt das grosse Verdienst, zum ersten Male mit einer gewissen Ausführlichkeit auf die ausserordentliche Bedeutung der Temperamente für die Gestaltung des philosophischen Denkens hingewiesen zu haben. Seine pragmatische Auffassung will die Gegensätze der durch Temperamentunterschied bedingten philosophischen Anschauungen vereinigen. Bekanntlich ist der Pragmatismus eine aus der englischen Philosophie (F. C. S. Schiller) stammende, weit verbreitete philosophische Strömung, welche der „Wahrheit“ einen auf ihre praktische Wirksamkeit und Nützlichkeit beschränkten Wert zuerkennt, unter Umständen unbekümmert um ihre Anfechtbarkeit von diesem oder jenem Standpunkt aus. Es ist nun bezeichnend, dass James seine Darstellung dieser philosophischen Ansicht gerade mit dem Typengegensatz einleitet und damit die Notwendigkeit einer pragmatischen Anschauung sozusagen begründet. Damit wiederholt sich jenes Schauspiel, das uns das frühe Mittelalter schon dargeboten hat. Der damalige Gegensatz lautete: Nominalismus versus Realismus, und es war Abälard, welcher im Sermonismus oder Conceptualismus eine Vereinigung suchte. Da aber der damaligen Auffassung der psychologische Gesichtspunkt völlig abging, so fiel auch sein Lösungsversuch dementsprechend einseitig logisch-intellektualistisch aus. James greift tiefer, er fasst den Gegensatz psychologisch auf und versucht dementsprechend eine pragmatische Lösung. Man darf sich hinsichtlich des Wertes dieser Lösung allerdings keinen Illusionen hingeben: der Pragmatismus ist nur ein Notbehelf, der solange Anspruch auf Gültigkeit erheben darf, als ausser den durch Temperament gefärbten Erkenntnismöglichkeiten des Intellektes keine andern Quellen aufgeschlossen sind, welche der philosophischen Anschauungsbildung neue Elemente hinzufügen könnten. Bergson hat uns allerdings auf die Intuition und auf die Möglichkeit einer „intuitiven Methode“ hingewiesen. Aber es ist, wie bekannt, beim blossen Hinweis geblieben. Ein Nachweis der Methode fehlt und wird auch so leicht nicht zu erbringen sein, obschon Bergson auf seine Begriffe des „élan vital“ und der „durée créatrice“ als Resultate der Intuition hinweisen darf. Abgesehen von dieser intuitiv erfassten Grundanschauung, die ihre psychologische Berechtigung von der Tatsache herleitet, dass sie schon dem Altertum, speziell dem Neuplatonismus, eine durchaus geläufige Anschauungskombination war, ist die Bergsonsche Methode intellektualistisch und nicht intuitiv. In unvergleichlich höherm Masse hat Nietzsche die intuitive Quelle genützt und sich damit vom blossen Intellekt in seiner philosophischen Anschauungsbildung befreit, allerdings in einer Art und Weise und in einem solchen Grade, dass sein Intuitionismus die Grenzen einer philosophischen Weltanschauung bei weitem überschritt, und zu einer künstlerischen Tat führte, die eine der philosophischen Kritik gutenteils unzugängliche Grösse darstellt. Ich meine damit natürlich den „Zarathustra“ und nicht die philosophischen Aphorismensammlungen, welche einer in erster Linie psychologischen Kritik zugänglich sind, und zwar um ihrer vorwiegend intellektualistischen Methode willen. Wenn man also von einer „intuitiven Methode“ überhaupt sprechen darf, so hat meines Erachtens Nietzsches „Zarathustra“ dafür das beste Exempel gegeben und zugleich die Möglichkeit nichtintellektualistischer und doch philosophischer Problemerfassung schlagend dargetan. Als Vorläufer des Nietzscheschen Intuitionismus erscheinen mir Schopenhauer und Hegel, ersterer wegen der seine Anschauung ausschlaggebend beeinflussenden Gefühlsintuition, letzterer wegen der seinem System zu Grunde liegenden ideellen Intuition. Bei diesen beiden Vorläufern stand — wenn dieser Ausdruck mir gestattet ist — die Intuition unterhalb des Intellektes, bei Nietzsche jedoch oberhalb.

Der Gegensatz der beiden „Wahrheiten“ erfordert zunächst eine pragmatische Einstellung, wenn man überhaupt dem andern Standpunkt gerecht werden will. So unerlässlich die pragmatische Methode ist, so setzt sie doch zuviel Resignation voraus und so verbindet sie sich fast unausweichlich mit einem Mangel an schöpferischer Gestaltung. Die Lösung des Konfliktes der Gegensätze aber erfolgt weder durch logisch-intellektualistische Kompromissbildung wie im Conceptualismus, noch durch pragmatische Bemessung des praktischen Wertes logisch unvereinbarer Anschauungen, sondern einzig und allein in der positiven Schöpfung oder Tat, welche die Gegensätze als nötige Elemente der Koordination in sich aufnimmt, so wie eine koordinierte Muskelbewegung immer auch die Innervation der Antagonisten in sich begreift. Der Pragmatismus kann darum nichts anderes sein, als eine Übergangseinstellung, welche der schöpferischen Tat den Weg bereiten soll durch die Beseitigung von Vorurteilen. Den neuen Weg, den der Pragmatismus vorbereitet, und auf den Bergson hinweist, hat, wie es mir scheint, die deutsche — allerdings nicht akademische — Philosophie bereits beschritten: es ist Nietzsche, der mit der ihm eigenen Gewaltsamkeit diese verschlossene Türe aufgebrochen hat. Seine Tat führt über das Unbefriedigende der pragmatischen Lösung hinaus und zwar ebenso gründlich, wie die pragmatische Anerkennung des Lebenswertes einer Wahrheit die trockene Einseitigkeit des unbewussten Conceptualismus der nachabälardschen Philosophie überwunden — und noch zu überwinden hat.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings