IV Das Typenproblem in der Menschenkenntnis.
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IV. Das Typenproblem in der Menschenkenntnis.
1. Allgemeines über die Jordanschen Typen.
In der weitern chronologischen Verfolgung der Vorarbeiten zu der uns interessierenden Frage psychologischer Typen gelange ich jetzt zu einem kleinen, etwas seltsamen Werke, dessen Kenntnis ich meiner geschätzten Mitarbeiterin Dr. Constance E. Long in London verdanke: Furneaux Jordan. F. R. C. S. Character as seen in Body and Parentage. London 1896. Third ed.
Jordan beschreibt in seinem kleinen Buch von 126 Seiten in der Hauptsache zwei charakterologische Typen, deren Definition uns in mehr als einer Hinsicht interessiert, obschon — um es vorweg zu nehmen — der Autor im Grunde genommen nur zu einer Hälfte unsere Typen im Auge hat, zur andern Hälfte aber den Gesichtspunkt des intuitiven und des Empfindungstypus hereinbringt und ihn mit dem andern vermischt. Ich will zunächst dem Autor das Wort lassen und seine einleitende Definition wiedergeben. Er sagt p. 5: „Es gibt zwei fundamental verschiedene Charaktere, zwei deutliche Charaktertypen (mit einem dritten, mittlern): einen bei dem die Tendenz zur Aktivität stark, und die Tendenz zur Reflexion schwach ist, und einen andern, bei dem die Neigung zur Reflexion vorherrscht, während der Tätigkeitstrieb schwächer ist. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es unzählige Abstufungen: Es genügt aber, noch einen dritten Typus aufzuzeigen, bei dem die Kräfte der Reflexion und der Tat sich mehr oder weniger die Wage halten. In einer mittlern Klasse können auch jene Charaktere untergebracht werden, bei denen eine Neigung zur Exzentrizität besteht, oder wo andere, möglicherweise abnorme Tendenzen gegenüber den emotionalen und nicht-emotionalen Vorgängen überwiegen.“
Aus dieser Definition ist klar ersichtlich, dass Jordan der Reflexion, dem Denken, die Tätigkeit oder die Aktivität gegenüberstellt. Es ist durchaus verständlich, dass dem nicht tiefer forschenden Menschenbeobachter zunächst das reflektive Wesen im Gegensatz zum tätigen Wesen auffällt, und er daher geneigt ist, den beobachteten Gegensatz unter diesem Gesichtswinkel zu definieren. Aber schon die einfache Überlegung, dass das tätige Wesen nicht notwendigerweise bloss aus Impulsen hervorgeht, sondern auch dem Denken entspringen kann, lässt es als nötig erscheinen, die Definition etwas zu vertiefen. Jordan selbst kommt zu diesem Schluss, indem er pag. 6 ein weiteres Element in die Betrachtung einführt, das für uns von ganz besonderm Wert ist, nämlich das Gefühlselement. Er konstatiert nämlich, dass der aktive Typus weniger leidenschaftlich sei, während das reflektive Temperament sich durch Leidenschaftlichkeit auszeichne. Daher benennt Jordan seine Typen als „the less impassioned“ und „the more impassioned“. Das Element, das er in der einleitenden Definition überging, erhebt er also nachträglich zum ständigen Terminus. Was ihn aber von unserer Auffassung unterscheidet, ist die Tatsache, dass er den weniger „leidenschaftlichen“ Typus immer auch zugleich „aktiv“ sein lässt, und den andern „inaktiv“. Ich halte diese Vermischung für unglücklich, indem es höchst leidenschaftliche und tiefe Naturen gibt, die auch zugleich sehr tatkräftig und tätig sind, und umgekehrt wenig leidenschaftliche, oberflächliche Naturen, die sich keineswegs durch Aktivität, nicht einmal durch die niedere Form der Tätigkeit, die Geschäftigkeit, auszeichnen. Meines Erachtens hätte seine sonst wertvolle Auffassung bedeutend an Klarheit gewonnen, wenn er die an sich charakterologisch bedeutsame Bestimmung der Aktivität und Inaktivität als einen ganz andern Gesichtspunkt hätte ausser Betracht fallen lassen. Es wird aus den folgenden Ausführungen hervorgehen, dass Jordan mit dem „less impassioned and more active“ Typus den Extravertierten und mit dem „more impassioned and less active“ Typus den Introvertierten beschreibt. Beide können tätig oder untätig sein, ohne dabei ihren Typus zu verändern, weshalb meines Erachtens das Moment der Aktivität als ein Hauptcharakteristikum in Wegfall kommen sollte; als Bestimmung sekundärer Bedeutung spielt es aber immerhin insofern eine Rolle, als der Extravertierte, seiner Art entsprechend, in der Regel viel beweglicher, lebendiger und tätiger erscheint, als der Introvertierte. Diese Eigenschaft hängt aber ganz an der Phase, in der sich das Individuum momentan der Aussenwelt gegenüber befindet. Ein Introvertierter in einer extravertierten Phase erscheint aktiv, ein Extravertierter in einer introvertierten Phase erscheint passiv. Die Aktivität selber, als ein Grundzug des Charakters kann bisweilen introvertiert sein, d. h. sie richtet sich ganz nach innen und entfaltet eine rege Gedanken- oder Gefühlstätigkeit, während aussen tiefe Ruhe herrscht; bisweilen kann sie extravertiert sein, wo sie sich dann in bewegtem, lebendigem Handeln zeigt, während ein fester unbewegter Gedanke oder ein ebensolches Gefühl dahinter steht.
Bevor wir des Nähern auf die Jordanschen Ausführungen eintreten, muss ich zur Klarstellung der Begriffe noch einen Umstand hervorheben, der, wenn nicht berücksichtigt, Anlass zu Verwirrung geben könnte. Ich habe eingangs bemerkt, dass ich in frühern Publikationen den Introvertierten mit dem Denktypus und den Extravertierten mit dem Fühltypus identifiziert hätte. Es ist mir erst später, wie ich schon bemerkte, klar geworden, dass Introversion und Extraversion als allgemeine Grundeinstellungen von den Funktionstypen zu unterscheiden sind. Diese beiden Einstellungen sind auch am leichtesten zu erkennen, während es schon einer umfangreichen Erfahrung bedarf, um auch die Funktionstypen, zu unterscheiden. Es ist bisweilen ungemein schwierig, herauszufinden, welcher Funktion das Primat zukommt. Verführerisch wirkt die Tatsache, dass der Introvertierte naturgemäss einen reflektierenden und überlegenden Eindruck macht, infolge seiner abstrahierenden Einstellung. Man ist daher leicht geneigt, bei ihm deshalb das Primat des Denkens zu vermuten. Umgekehrt zeigt der Extravertierte natürlicherweise sehr viele unmittelbare Reaktionen, welche leicht ein Vorherrschen des Gefühlselementes vermuten lassen. Diese Vermutungen sind aber täuschend, indem der Extravertierte leicht auch ein Denktypus und der Introvertierte ein Fühltypus sein kann. Jordan beschreibt im allgemeinen bloss den Introvertierten und den Extravertierten. Wo er aber in die Einzelheiten geht, wird seine Beschreibung missverständlich, indem sich dort Züge verschiedener Funktionstypen mischen, die wegen ungenügender Durcharbeitung des Stoffes nicht auseinander gehalten sind. In den allgemeinen Zügen aber ist das Bild der introvertierten und der extravertierten Einstellung unmissverständlich herausgekommen, sodass das Wesen der beiden Grundeinstellungen völlig ersichtlich wird.
Die Charakterisierung der Typen von der Affektivität her erscheint mir als das eigentlich Bedeutungsvolle der Jordanschen Schrift. Wir sahen ja bereits, dass das „reflektive“ überlegende Wesen des Introvertierten durch ein unbewusstes archaïsches Trieb- und Empfindungsleben compensiert ist. Man könnte auch sagen, dass er eben deshalb introvertiert eingestellt sei, weil er über ein archaïsch-impulsives, leidenschaftliches Wesen sich zu der sichern Höhe der Abstraktion emporheben muss, um von dort aus die unbotmässigen, wildbewegten Affekte beherrschen zu können. Dieser Gesichtspunkt passt für viele Fälle gar nicht schlecht. Umgekehrt liesse sich auch sagen, dass das weniger tiefwurzelnde Affektleben des Extravertierten sich leichter zur Differenzierung und Domestikation eignet, als das archaïsche, unbewusste Denken und Fühlen, das Phantasieren, das einen gefährlichen Einfluss auf seine Persönlichkeit haben kann. Daher er ja immer der ist, der möglichst geschäftig und massenhaft zu leben und zu erleben sucht, um ja nicht zu sich und seinen bösen Gedanken und Gefühlen kommen zu müssen. Aus diesen leicht zu machenden Beobachtungen erklärt sich eine sonst als paradox anmutende Stelle bei Jordan p. 6, wo er sagt, dass beim „less impassioned“ (extravertierten) Temperament der Intellekt vorherrsche und einen ungewöhnlich grossen Anteil an der Formung des Lebens habe, während beim reflektiven Temperament es gerade die Affekte seien, welche die grössere Bedeutung beanspruchen.
Diese Auffassung scheint auf den ersten Blick meiner Behauptung, der „less impassioned“ Typus entspreche meinem extravertierten Typus, direkt ins Gesicht zu schlagen. Dem ist aber bei näherm Zusehen keineswegs so, indem das reflektive Wesen es wohl versucht, den unbotmässigen Affekten beizukommen, um in Wirklichkeit aber in höherm Masse von der Leidenschaft beeinflusst zu sein, als der, der seine am Objekt orientierten Wünsche zur bewussten Richtschnur seines Lebens genommen hat. Dieser letztere, der Extravertierte nämlich, versucht damit überall durchzukommen, muss es aber erleben, dass es seine subjektiven Gedanken und Gefühle sind, die ihm überall störend in den Weg treten. Er ist in höherm Masse durch seine psychische Innenwelt beeinflusst, als er es ahnt. Er selber kann es nicht sehen, aber eine aufmerksame Umgebung sieht die persönliche Absichtlichkeit seines Strebens. Daher es immer seine Grundregel sein muss, sich zu fragen: „Was will ich eigentlich? Was ist meine geheime Absicht?“ Der andere, der Introvertierte, mit seinen bewussten, ausgedachten Absichten übersieht immer das, was seine Umgebung nur allzu deutlich wahrnimmt, nämlich, dass seine Absichten eigentlich starken, aber absicht- und objektlosen Trieben dienen und in hohem Masse durch sie beeinflusst sind. Wer den Extravertierten beobachtet und beurteilt, ist geneigt, das zur Schau getragene Fühlen und Denken für einen dünnen Schleier zu halten, der die kalte und ausgeklügelte persönliche Absicht nur unvollständig verhüllt. Wer den Introvertierten zu verstehen sucht, wird leicht dem Gedanken verfallen, dass eine heftige Leidenschaft durch anscheinende Vernünftelei nur mühsam im Zaume gehalten werde.
Beide Urteile sind richtig und falsch. Das Urteil ist falsch, wenn der bewusste Standpunkt, das Bewusstsein überhaupt dem Unbewussten gegenüber stark und widerstandsfähig ist; richtig aber dann, wenn ein schwacher bewusster Standpunkt einem starken Unbewussten gegenüber steht und ihm gegebenenfalls weichen muss. In diesem letztern Falle bricht dann das hervor, was im Hintergrunde stand, bei dem einen die egoistische Absicht, beim andern aber die zügellose Leidenschaft, der elementare Affekt, der sich jeder Konsideration enthebt. Diese Überlegungen mögen zugleich erkennen lassen, wie Jordan beobachtet: er ist offenbar auf die Affektivität des Beobachteten eingestellt, daher seine Nomenklatur: „less emotional“ und „more impassioned“. Wenn er daher den Introvertierten von der Affektseite aus als den Leidenschaftlichen auffasst, den Extravertierten vom selben Standpunkt aus als den weniger Leidenschaftlichen, und sogar als den Intellektuellen, so beweist er damit eine eigentümliche Art der Erkenntnis, die man als intuitiv bezeichnen muss. Ich habe daher oben bereits darauf hingewiesen, dass Jordan den rationalen mit dem ästhetischen Gesichtspunkt vermische. Wenn er den Introvertierten als den Leidenschaftlichen, den Extravertierten aber als den Intellektuellen charakterisiert, so sieht er die beiden Typen offenbar von der unbewussten Seite her an, d. h. er nimmt sie wahr über sein Unbewusstes. Er beobachtet und erkennt intuitiv, was beim praktischen Menschenkenner mehr oder weniger immer der Fall sein dürfte. So richtig und so tief eine solche Auffassung gelegentlich sein mag, so unterliegt sie doch einer sehr wesentlichen Beschränkung: sie übersieht die tatsächliche Wirklichkeit des Beobachteten, indem sie immer nur aus seinem unbewussten Spiegelbild, anstatt aus seiner wirklichen Erscheinung urteilt. Dieser Urteilsfehler haftet der Intuition ganz allgemein an, weshalb die Vernunft seit jeher auf gespanntem Fusse mit ihr steht und ihr nur widerwillig ein Existenzrecht einräumt, obschon sie sich in gewissen Fällen von der objektiven Richtigkeit der Intuition überzeugen muss. So stimmen die Jordanschen Formulierungen im grossen und ganzen mit der Wirklichkeit, jedoch nicht mit der Wirklichkeit, als welche sie die rationalen Typen verstehen, sondern mit der ihnen unbewussten Wirklichkeit. Diese Verhältnisse sind natürlich wie nichts geeignet, die Beurteilung des Beobachteten zu verwirren und die Verständigung über das Beobachtete zu erschweren. Man streite sich daher in dieser Frage nie um die Nomenklatur, sondern halte sich ausschliesslich an die Tatsache der beobachtbaren, gegensätzlichen Verschiedenheit. Obschon ich mich, meiner Art entsprechend, gänzlich anders ausdrücke als Jordan, so stimmen wir doch in der Klassifikation des Beobachteten überein (mit gewissen Abweichungen).
Bevor ich dazu übergehe, die Jordansche Typisierung des Beobachtungsmateriales zu besprechen, möchte ich noch kurz auf den postulierten, dritten oder „intermediate“ Typus zurückkommen. Wie wir sahen, rubriziert Jordan darunter einesteils die ganz Balancierten, andernteils die Unbalancierten. Es wird nicht überflüssig sein, an dieser Stelle die Klassifikation der valentinianischen Schule nochmals in Erinnerung zu rufen: der hylische Mensch, der dem psychischen und dem pneumatischen untergeordnet ist. Der hylische Mensch entspricht seiner Definition nach dem Empfindungstypus, d. h. demjenigen Menschen, dessen dominierende Bestimmungen durch und in den Sinnen, in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind. Der Empfindungstypus hat weder ein differenziertes Denken, noch ein differenziertes Fühlen, aber seine Sinnlichkeit ist wohl entwickelt. Dies ist, wie bekannt auch beim Primitiven der Fall. Die triebmässige Sinnlichkeit des Primitiven hat aber ein Gegenstück, und das ist die Spontaneität des Psychischen. Das Geistige, die Gedanken erscheinen ihm sozusagen. Nicht er ist es, der sie macht oder erdenkt — dazu fehlen ihm die Fähigkeiten — sondern sie machen sich selbst und befallen ihn, ja erscheinen ihm sogar hallucinatorisch. Diese Mentalität ist als intuitiv zu bezeichnen, denn Intuition ist instinktmässige Wahrnehmung eines erscheinenden psychischen Inhaltes. Während in der Regel die psychologische Hauptfunktion des Primitiven die Sinnlichkeit ist, so ist die weniger hervortretende compensierende Funktion die Intuition. Auf höherer Stufe der Zivilisation, wo die einen das Denken und die andern das Fühlen mehr oder weniger differenziert haben, gibt es auch nicht wenige, welche die Intuition in höherm Masse entwickelt haben und als wesentlich bestimmende Funktion benützen. Daraus ergibt sich der intuitive Typus. Ich glaube daher, dass die Jordansche Mittelgruppe in den Empfindungs- und den Intuitionstypus aufzulösen ist.
2. Spezielle Darstellung und Kritik der Jordanschen Typen.
Was die allgemeine Erscheinung der beiden Typen betrifft, so hebt Jordan (p. 17) hervor, dass der weniger emotionale Typus viel mehr hervortretende oder markante Persönlichkeiten aufweise als der emotionale Typus. Diese Behauptung rührt davon her, dass Jordan den aktiven Typus Mensch mit dem weniger Emotionalen identifiziert, was meines Erachtens unzulässig ist. Abgesehen von diesem Irrtum ist es natürlich richtig, dass sich der weniger Emotionale oder Extravertierte, wie wir wohl sagen dürfen, durch sein Benehmen viel bemerkbarer macht als der Emotionale oder Introvertierte.
a) Die introvertierte Frau. (The more impassioned woman.) Jordan bespricht zunächst den Charakter der introvertierten Frau. Ich erwähne die Hauptpunkte seiner Beschreibung im Auszug (p. 17 ff.): „Ruhiges Benehmen, nicht leicht zu lesender Charakter, gelegentlich kritisch bis sarkastisch; wenn schon schlechte Launen bisweilen sehr merklich vorhanden sind, so ist sie doch weder launenhaft noch rastlos, noch tadelsüchtig, noch „censorious“ (das dem Sinne nach als „censorhaft“ wiedergegeben werden müsste), noch nörgelnd. Sie verbreitet Ruhe um sich, und sie ist unbewusst tröstend und heilend. Unter dieser Oberfläche schlummern aber Affekt und Leidenschaft. Ihre Gefühlsnatur gedeiht langsam zur Reife. Mit dem Alter gewinnt ihr Charakter an Reiz. Sie ist „sympathisch“, d. h. mitfühlend und miterlebend. Die schlechtesten weiblichen Charaktere finden sich in diesem Typus. Sie sind die grausamsten Stiefmütter. Sie sind zwar die liebevollsten Mütter und Gattinnen, aber ihre Leidenschaften und Affekte sind so stark, dass ihre Vernunft davon mitgerissen wird. Sie lieben zu viel, sie hassen aber auch zu viel. Die Eifersucht kann sie zum wilden Tier machen. Die Stiefkinder, wenn gehasst, können durch sie physisch zu Tode gemartert werden. Wo das Böse nicht Herr ist, da ist die Moralität selbst ein tiefes Gefühl, das seinen eigenen und unabhängigen Weg geht, der sich nicht immer konventionellen Ansichten anpasst. Dieser Weg wird nicht begangen aus Nachahmung oder Unterwerfung und keinesfalls um einer Belohnung willen, weder im Diesseits noch im Jenseits. In der intimen Beziehung allein entfaltet sie ihre Vorzüge und Nachteile; hier zeigt sie den Reichtum ihres Herzens, ihre Sorgen und Freuden, aber auch ihre Leidenschaften und Fehler, wie Unversöhnlichkeit, Eigensinn, Zorn, Eifersucht oder gar Zügellosigkeit. Sie ist dem Einfluss des Momentes unterworfen und wenig fähig an die Wohlfahrt der Abwesenden zu denken. Sie kann leicht andere vergessen und die Zeit dazu. Wenn sie affektiert ist, so beruht ihre Pose nicht auf Nachahmung, sondern sie zeigt eine Veränderung des Benehmens und der Sprache entsprechend veränderten Gedanken und Gefühlen. In gesellschaftlicher Hinsicht bleibt sie sich in den verschiedensten Umgebungen möglichst gleich. Im häuslichen wie im gesellschaftlichen Leben macht sie keine grossen Ansprüche und ist leicht zufrieden zu stellen. Sie gibt spontan ihre zustimmenden oder lobenden Urteile. Sie versteht es zu beruhigen oder aufzumuntern. Sie besitzt das Mitgefühl für alle Schwachen, seien es Zweifüssler oder Vierfüssler. „Sie erhebt sich zum Hohen und beugt sich zum Niedrigen, sie ist Schwester und Spielgefährte der ganzen Natur.“ Ihr Urteil ist milde und tolerant. Wenn sie liest, so sucht sie den innersten Gedanken und das tiefste Gefühl des Buches zu erfassen; sie misshandelt deshalb das Buch mit Bleistiftstrichen und Randbemerkungen und liest es noch einmal.“
Aus dieser Beschreibung ist unschwer der introvertierte Charakter zu erkennen. Die Beschreibung ist aber in einem gewissen Sinne einseitig, indem, sie hauptsächlich die Gefühlsseite in Betracht zieht, ohne gerade jenes Charakteristikum zu betonen, auf das ich einen besondern Wert lege, nämlich das bewusste Innenleben. Jordan erwähnt zwar, dass die introvertierte Frau „contemplative“ sei, ohne aber näher darauf einzugehen. Seine Beschreibung bestätigt aber, wie mir scheint, meine Ausführungen über die Art seines Beobachtens; er sieht hauptsächlich das durch Gefühle konstellierte äussere Benehmen und die Äusserungen der Leidenschaft, er geht aber nicht ein auf das Wesen des Bewusstseins dieses Typus. Er erwähnt daher nicht, dass das Innenleben eine ganz ausschlaggebende Rolle spielt für die bewusste Psychologie dieses Typus. Warum z. B. liest die introvertierte Frau aufmerksam? Weil sie vor allem das Verstehen und das Erfassen der Gedanken liebt. Warum ist sie ruhig und beruhigend? Weil sie in der Regel ihre Gefühle bei sich behält und sie in ihren Gedanken betätigt, statt sie den andern aufzuladen. Ihre unkonventionelle Moralität stützt sich auf tiefgehende Überlegung und innere überzeugende Gefühle. Der Reiz ihres ruhigen und verständigen Charakters beruht nicht bloss auf einer ruhigen Einstellung, sondern darauf, dass man vernünftig und zusammenhängend mit ihr reden kann, und dass sie im Stande ist, das Argument ihres Partners zu würdigen. Sie unterbricht ihn nicht mit impulsiven Äusserungen, sondern begleitet seine Meinungen mit ihren Gedanken und Gefühlen, die gleichwohl feststehen und nicht am gegnerischen Argument umfallen.
Dieser festen und wohl ausgebildeten Ordnung der bewussten seelischen Inhalte stemmt sich ein chaotisch-leidenschaftliches Affektleben entgegen, das der Introvertierten sehr oft, wenigstens in seinem persönlichen Aspekt bewusst ist, und das sie fürchtet, weil sie es kennt. Sie denkt über sich selber nach und ist darum nach aussen gleichmässig und kann anderes erkennen und anerkennen, ohne darüber mit Beifall oder Tadel herzufallen. Weil ihr Affektleben ihr diese guten Eigenschaften aber verdirbt, so lehnt sie ihre Triebe und Affekte möglichst ab, ohne aber ihrer Herr zu werden. So wie ihr Bewusstsein logisch und festgefügt ist, so ist ihr Affekt elementar, verworren und unbeherrschbar. Es fehlt ihm die eigentlich menschliche Note, es ist disproportioniert, irrational, es ist ein Naturphänomen, das menschliche Ordnung durchbricht. Es fehlt ihm jeglicher tastbare Hintergedanke, jede Absicht, darum ist es unter Umständen schlechthin destruktiv, ein Wildbach, der keine Zerstörung beabsichtigt und keine vermeidet, rücksichtslos und notwendig, nur seinem Gesetze gehorchend, ein Prozess, der sich selbst erfüllt. Ihre guten Eigenschaften rühren davon her, dass es dem Denken, einer toleranten oder wohlwollenden Auffassung, gelungen ist, einen Teil des Trieblebens zu beeinflussen und nachzuziehen, ohne aber das Ganze des Triebes ergreifen und umgestalten zu können. Die Affektivität der introvertierten Frau ist ihr weit weniger klar bewusst in seinem ganzen Umfang als ihre rationalen Gedanken und Gefühle. Sie ist unfähig, ihre ganze Affektivität zu umfassen, während sie verwendbare Auffassungen hat. Ihre Affektivität ist weit weniger beweglich als ihre geistigen Inhalte, sie ist gewissermassen zähflüssig, von bedeutender Inertie, daher schwer zu ändern, sie ist perseverierend, daher ihre unbewusste Stetigkeit und Gleichmässigkeit, daher aber auch ihr Eigensinn und ihre bisweilen unvernünftige Unbeeinflussbarkeit in Dingen, welche die Affektivität betreffen.
Diese Überlegungen können erklären, warum ein Urteil über die introvertierte Frau ausschliesslich von der Seite der Affektivität unvollständig und ungerecht ist im schlechten wie im guten Sinne. Wenn Jordan die schlechtesten weiblichen Charaktere unter den Introvertierten findet, so rührt dies meines Erachtens daher, dass er ein zu grosses Gewicht auf die Affektivität legt, wie wenn nur die Leidenschaft die Mutter des Bösen wäre. Man kann Kinder auch anders zu Tode quälen als bloss physisch. Und umgekehrt ist jener besondere Reichtum an Liebe bei introvertierten Frauen keineswegs immer ihr eigener Besitz, sondern sie sind öfters vielmehr davon besessen und können nicht wohl anders, bis einmal eine günstige Gelegenheit kommt, wo sie zum Erstaunen ihres Partners plötzlich eine unerwartete Kälte zeigen. Das Affektleben des Introvertierten überhaupt ist seine schwache Seite, es ist nicht unbedingt verlässlich. Er täuscht sich selber darüber, und andere täuschen und enttäuschen sich an ihm, wenn sie zu ausschliesslich auf seine Affektivität abstellen. Sein Geist ist verlässlicher, weil angepasster. Sein Affekt ist zu sehr ungebändigte Natur.
b) Die extravertierte Frau. (The less impassioned woman.) Wir gehen nunmehr über zu Jordans Schilderung der „less impassioned woman“. Ich muss auch hier alles ausscheiden, was der Autor in punkto Aktivität hineinmengt, denn diese Beimischung ist nur geeignet, den typischen Charakter weniger gut erkennen zu lassen. Wenn daher von einer gewissen Raschheit der Extravertierten die Rede ist, so ist damit nicht das Element des Tatkräftigen, Aktiven gemeint, sondern nur die Beweglichkeit aktiver Vorgänge. Jordan sagt von der extravertierten Frau[104]: „Eine gewisse Raschheit und ein gewisser Opportunismus, eher als Ausdauer und Konsequenz. Ihr Leben ist in der Regel von vielen kleinen Dingen ausgefüllt. Sie überbietet selbst Lord Beaconsfield, wenn er sagt, dass die unwichtigen Dinge nicht sehr unwichtig sind, und die wichtigen Dinge nicht sehr wichtig. Sie verweilt gerne — wie ihre Grossmutter tat, und wie ihre Enkel noch tun werden — bei der allgemeinen Verschlechterung der Menschen und Dinge. Sie ist überzeugt, dass nichts geriete, wenn sie nicht danach sähe. Öfters äusserst nützlich in sozialen Bewegungen. Energieverschwendung in häuslichem Reinemachen, ein ausschliesslicher Lebenszweck für viele. Öfters keine Ideen, keine Leidenschaften, keine Ruhe und keine Fehler. Ihre affektive Entwicklung ist früh vollendet. Sie ist mit 18 Jahren ebenso weise wie mit 48. Ihr geistiges Blickfeld ist weder tief noch weit, aber es ist von vornherein klar. Bei guter Begabung führende Stellung. In Gesellschaft zeigt sie gütige Gefühle, ist freigebig, gastfreundlich zu jedermann. Sie beurteilt jedermann, und vergisst, dass sie selbst beurteilt wird. Sie ist hilfreich. Keine tiefe Leidenschaft. Lieben ist für sie Vorziehen, Hass ist bloss Abneigung, Eifersucht bloss gekränkter Stolz. Ihr Enthusiasmus hält nicht an. Sie geniesst die Schönheit der Dichtkunst, weniger ihr Pathos. Ihr Glauben und ihr Unglauben ist mehr vollständig als stark. Sie hat keine richtigen Überzeugungen, aber auch keine bösen Ahnungen. Sie glaubt nicht, sondern nimmt an; sie ist nicht ungläubig, sondern sie weiss nicht. Sie forscht nicht nach und zweifelt nicht. In wichtigen Angelegenheiten überlässt sie sich der Autorität, in kleinern Dingen macht sie voreilige Schlüsse. In ihrer eigenen kleinen Welt ist alles so, wie es nicht sein sollte, in der grossen Welt ist alles recht. Sie wehrt sich instinktiv, Vernunftschlüsse in die Praxis umzusetzen. Zu Hause zeigt sie einen ganz andern Charakter als in der Gesellschaft. Die Eheschliessung ist stark beeinflusst durch Ehrgeiz, Lust zur Veränderung, oder Gehorsam gegenüber hergebrachter Gewohnheit, oder durch das Verlangen, das Leben auf eine „solide Basis“ zu stellen, oder um eine grössere Wirkungssphäre zu erreichen. Wenn ihr Mann zum „impassioned“ Typus gehört, so liebt er die Kinder mehr als sie. Im häuslichen Kreise kommt bei ihr alles Unerfreuliche zu Tage. Hier lässt sie sich in unzusammenhängenden Tadelsvoten gehen. Unmöglich, vorauszusehen, wann für einen Augenblick die Sonne herauskommt. Sie beobachtet und kritisiert sich nicht. Wenn man ihr das beständige Beurteilen und Tadeln einmal vorwirft, so ist sie erstaunt und beleidigt und versichert, dass sie doch nur das Beste wolle, „aber es gibt Leute, die nicht wissen, was für sie gut ist“. Die Art, wie sie ihrer Familie Gutes tun möchte, ist ganz verschieden von der, wie sie andern Leuten nützen möchte. Der Haushalt muss immer bereit sein, von der Welt gesehen zu werden. Die Gesellschaft muss unterstützt und gefördert werden. Auf die obern Klassen muss man Eindruck machen, die niedern müssen in Ordnung gehalten werden. Das eigene Haus ist ihr Winter, die Gesellschaft ihr Sommer. Die Verwandlung beginnt, sobald ein Besuch kommt. Keine Neigung zur Askese, ihre Respektabilität hat es nicht nötig. Liebe zum Wechsel, zur Bewegung und Erholung. Sie kann den Tag mit einem Gottesdienst anfangen und mit der komischen Oper beschliessen. Gesellschaftliche Beziehung ist ihr Genuss. Dort findet sie alles, Arbeit und Glück. Sie glaubt an die Gesellschaft, und die Gesellschaft glaubt an sie. Ihre Gefühle sind wenig durch Vorurteil beeinflusst und sie ist gewohnheitsmässig „anständig“. Sie imitiert gerne und wählt dazu die besten Modelle aus, gibt sich darüber aber keine Rechenschaft. Die Bücher, die sie liest, müssen Leben und handelnde Personen enthalten.“
Dieser wohlbekannte Typus Frau, den Jordan als „less impassioned“ bezeichnet, ist ohne Zweifel extravertiert. Darauf deutet das ganze Benehmen, das, um seiner Art willen, eben als extravertiert bezeichnet wird. Das beständige Beurteilen, das nie auf wirklicher Überlegung beruht, ist ein Extravertieren eines flüchtigen Eindruckes, das mit einem wirklichen Gedanken nichts zu tun hat. Ich erinnere mich an einen witzigen Aphorismus, den ich einmal irgendwo gelesen habe: „Denken ist so schwer — darum urteilen die Meisten“. Überlegung fordert vor allem Zeit, daher der, der überlegt, schon gar keine Gelegenheit zu beständiger Urteilsäusserung hat. Die Inkohärenz und Inkonsequenz des Urteils, seine Abhängigkeit von Tradition und Autorität zeigt die Abwesenheit eines selbständigen Überlegens an; ebenso deutet der Mangel an Selbstkritik und die Unselbständigkeit der Auffassung auf einen Defekt der Urteilsfunktion. Die Abwesenheit des geistigen Innenlebens bei diesem Typus kommt viel deutlicher zum Ausdruck als seine Anwesenheit beim introvertierten Typus in der oben vorangegangenen Schilderung. Man wäre nun leicht geneigt, nach dieser Schilderung auf einen ebenso grossen oder noch grössern Defekt der Affektivität zu schliessen, die offenkundig oberflächlich, ja seicht ist, fast unecht, denn die immer damit verbundene oder dahinter erkennbare Absicht macht das affektive Streben fast wertlos. Ich bin aber geneigt anzunehmen, dass der Autor hier ebenso unterschätzt, wie er im frühern Fall überschätzt. Trotz den gelegentlichen Anerkennungen von guten Eigenschaften kommt der Typus im ganzen doch recht schlecht weg. Ich glaube in diesem Fall an eine gewisse Voreingenommenheit des Autors. Es genügt ja meistens, dass man mit einigen oder einem Vertreter eines Typus schlechte Erfahrungen gemacht hat, um einem für jeden ähnlichen Fall den Geschmack zu nehmen. Man darf nicht vergessen, dass, wie die Verständigkeit der introvertierten Frau auf einer genauen Einpassung ihrer geistigen Inhalte in das allgemeine Denken beruht, so die Affektivität der extravertierten Frau eine gewisse Beweglichkeit und geringe Tiefe besitzt wegen ihrer Einpassung in das allgemeine Leben der menschlichen Gesellschaft. Es handelt sich in diesem Fall um eine sozial differenzierte Affektivität von nicht zu bestreitender Allgemeingültigkeit, die von der Schwere, Zähigkeit und Leidenschaftlichkeit des introvertierten Affektes sogar vorteilhaft absticht. Die differenzierte Affektivität hat das Chaotische des Pathos abgestreift und ist zu einer disponibeln Anpassungsfunktion geworden, allerdings auf Kosten des geistigen Innenlebens, das sich durch Abwesenheit bemerkbar macht. Nichtsdestoweniger aber ist es im Unbewussten vorhanden und zwar in einer der introvertierten Leidenschaft entsprechenden Form, nämlich in einem unentwickelten Zustand. Dieser Zustand ist charakterisiert durch Infantilismus und Archaïsmus. Aus dem Unbewussten gibt der unentwickelte Geist dem affektiven Streben Inhalte und geheime Motive mit, die nicht verfehlen, auf den kritischen Beobachter einen übeln Eindruck zu machen, während der Unkritische sie übersieht. Über dem unerfreulichen Eindruck, den die beständige Wahrnehmung schlecht verhüllter egoistischer Motive auf den Beschauer macht, vergisst man allzuleicht die Tatsächlichkeit und die angepasste Nützlichkeit der zur Schau getragenen Bestrebungen. Alles Leichte, Unverbindliche, Gemässigte, Harmlose, Oberflächliche des Lebens verschwände, wenn es keine differenzierten Affekte gäbe. Man würde entweder im immerwährenden Pathos oder in der gähnenden Leere verdrängter Leidenschaft ersticken. Wenn die soziale Funktion des Introvertierten hauptsächlich den Einzelnen wahrnimmt, so fördert der Extravertierte das Leben der Gesellschaft, die ebenfalls ein Anrecht auf Existenz hat. Dazu bedarf er der Extraversion, weil sie in erster Linie die Brücke zum Nächsten schlägt. Die Affektäusserung wirkt bekanntlich suggestiv, während das Geistige erst mittelbar, nach mühsamer Übersetzung, seine Wirksamkeit entfalten kann. Die zu der sozialen Funktion benötigten Affekte dürfen gar nicht tief sein, sonst erzeugen sie Leidenschaft beim Andern. Leidenschaft aber stört das Leben und Gedeihen der Societät. So ist auch der angepasste, differenzierte Geist des Introvertierten nicht tief, sondern mehr extensiv, und daher nicht störend und aufreizend, sondern vernünftig und beruhigend. Wie aber der Introvertierte störend wird durch die Heftigkeit seiner Leidenschaft, so wird der Extravertierte aufreizend durch sein halb unbewusstes Denken und Fühlen, das inkohärent und abgerissen oft in Form von takt- und schonungslosen Urteilen dem Mitmenschen appliziert wird. Wenn man die Gesamtheit solcher Urteile zusammensetzt und versucht, daraus synthetisch eine Psychologie zu konstruieren, so gelangt man zunächst zu einer ganz animalischen Grundauffassung, die an trostloser Wildheit, Roheit und Dummheit dem mörderischen Affektwesen des Introvertierten in keiner Weise nachsteht. Ich kann daher die Behauptung Jordans, dass die schlechtesten Charaktere unter den leidenschaftlichen introvertierten Naturen zu finden seien, nicht unterschreiben. Unter den Extravertierten gibt es ebenso viele und ebenso gründliche Schlechtigkeit. Wo die introvertierte Leidenschaftlichkeit in rohen Taten sich äussert, da begeht die Gemeinheit des unbewussten extravertierten Denkens und Fühlens Schandtaten an der Seele des Opfers. Ich weiss nicht, was schlimmer ist. Der Nachteil des erstern Falles ist, dass die Tat sichtbar ist, die Gesinnungsgemeinheit des letztern Falles aber verbirgt sich hinter dem Schleier eines akzeptabeln Benehmens. Ich möchte die soziale Fürsorglichkeit dieses Typus, seine aktive Anteilnahme am Wohlergehen des Andern hervorheben, ebenso auch seine ausgesprochene Tendenz, andern eine Freude zu bereiten. Diese Qualität hat der Introvertierte meist nur in der Phantasie. Die differenzierten Affekte haben den weitern Vorteil der Anmut, der schönen Form. Sie verbreiten eine ästhetische, wohltuende Atmosphäre, Es gibt überraschend viele Extravertierte, die eine Kunst (meistens Musik) üben, weniger, weil sie dazu besonders befähigt sind, als weil sie damit der Gesellschaftlichkeit dienen können. Auch die Tadelsucht hat nicht immer einen unangenehmen oder gar wertlosen Charakter. Sehr oft beschränkt sie sich auf eine angepasste erzieherische Tendenz, welche sehr viel Gutes stiftet. Ebenso ist die Abhängigkeit des Urteils nicht unter allen Umständen von Übel, sondern trägt vielmehr bei zur Unterdrückung von Extravaganzen und schädlichen Auswüchsen, die dem Leben und der Wohlfahrt der Societät keineswegs förderlich sind. Es wäre überhaupt ganz ungerechtfertigt, behaupten zu wollen, der eine Typus sei in irgend einer Hinsicht wertvoller als der andere. Die Typen ergänzen sich gegenseitig, und ihre Verschiedenheit ergibt gerade jenes Mass an Spannung, dessen das Individuum sowohl wie die Societät zur Erhaltung des Lebens bedarf.
c) Der extravertierte Mann. Vom extravertierten Manne sagt Jordan (p. 26 ff.): „Unberechenbar und unbestimmt in seiner Einstellung, Neigung zur Launenhaftigkeit, aufgeregtem Getue, Unzufriedenheit und Urteilerei, beurteilt alles und jedes in abfälliger Weise, ist aber immer mit sich selber zufrieden. Obschon sein Urteil oft falsch ist und seine Projekte scheitern, so hat er doch grenzenloses Vertrauen in sie. Wie Sydney Smith von einem berühmten Staatsmann seiner Zeit sagte: er war jeden Moment bereit, das Kommando der Kanalflotte zu übernehmen, oder ein Bein zu amputieren. Er hat eine bestimmte Formel für alles, was ihm vorkommt: entweder ist die Sache nicht wahr — oder man kennt sie schon längst. An seinem Himmel gibt es nicht Platz für zwei Sonnen. Gibt es aber ausser ihm noch eine, so ist er ein Märtyrer. Er ist frühreif. Er liebt das Verwalten, oft ist er der Gesellschaft äusserst nützlich. Wenn er in einer Wohltätigkeitskommission sitzt, so interessiert er sich ebenso sehr für die Auswahl einer Waschfrau wie für die Wahl des Vorsitzenden. In der Gesellschaft ist er ganz dabei mit allen Kräften. Mit Selbstvertrauen und Ausdauer führt er sich der Gesellschaft vor. Er ist immer darauf aus, Erfahrungen zu machen, weil Erfahrung ihm hilft. Er zieht es vor, der öffentlich bekannte Vorsitzende einer Kommission von drei Mitgliedern, statt der unbekannte Wohltäter eines ganzen Volkes zu sein. Mindere Begabung verhindert keineswegs seine Wichtigkeit. Ist er tätig? Er ist überzeugt, dass er energisch ist. Ist er geschwätzig? Er glaubt an sein Rednertalent. Er erzeugt selten neue Ideen oder eröffnet neue Pfade, aber er ist rasch bei der Hand, zu folgen, zu erfassen, anzuwenden und auszuführen. Er ist geneigt, sich an bereits bestehende und allgemein angenommene religiöse und politische Überzeugungen zu halten. Bei gewissen Gelegenheiten ist er geneigt mit Bewunderung die Kühnheit seiner ketzerischen Ideen zu betrachten. Nicht selten ist aber sein Ideal so hoch und stark, dass nichts die Bildung einer weiten und gerechten Lebensauffassung hindern kann. Sein Leben ist meistens gekennzeichnet durch Moralität, Wahrhaftigkeit und ideale Prinzipien, aber bisweilen führt ihn die Lust nach unmittelbarem Effekt in Schwierigkeiten. Wenn er in öffentlicher Versammlung zufälligerweise unbeschäftigt ist, d. h. nichts vorzuschlagen oder zu unterstützen oder zu beantragen oder zu opponieren hat, dann wird er doch aufstehen und wenigstens verlangen, dass man ein Fenster des Zuges wegen schliesse oder vielmehr, dass man eines öffne, um mehr Luft hereinzulassen. Denn er verlangt ebenso sehr Luft, wie Aufmerksamkeit. Immer geneigt, das zu tun, worum ihn niemand gebeten hat. Überzeugt, dass die Leute ihn so sehen, wie er wünscht, dass sie ihn sehen, nämlich als einen, der schlaflos auf seines Nächsten Wohl bedacht ist. Er verpflichtet sich andere, und kann infolgedessen doch nicht wohl ohne Belohnung von dannen gehen. Er vermag durch die Rede zu bewegen, ohne selbst bewegt zu sein. Er findet rasch die Wünsche und Meinungen der andern heraus. Er warnt vor drohendem Unheil, organisiert und unterhandelt geschickt mit Gegnern. Er hat immer Projekte und zeigt sensationelle Geschäftigkeit. Wenn irgend möglich, muss die Gesellschaft angenehm beeindruckt werden, und wenn das nicht möglich, so doch wenigstens in Erstaunen versetzt, und wenn auch das nicht verfängt, dann muss sie wenigstens beängstigt und erschüttert werden. Er ist ein Heiland von Beruf; als anerkannter Heiland gefällt er sich nicht übel. Wir können von uns aus ja nichts recht machen — aber wir können an ihn glauben, von ihm träumen, Gott für ihn danken und ihn bitten, uns anzureden. Er ist unglücklich in der Ruhe und kann nicht richtig ausruhen. Nach einem Tag voll Arbeit muss er einen prickelnden Abend haben in Theater, Konzert, Kirche, Bazar, Diner, Klub oder in allen zusammen. Hat er eine Versammlung versäumt, so stört er sie wenigstens mit einem ostentativen Entschuldigungstelegramm.“
Auch diese Beschreibung lässt den Typus wohl erkennen. Aber fast noch mehr als bei der Beschreibung der extravertierten Frau tritt, trotz einzelnen anerkennenden Feststellungen, das Moment einer karikierenden Entwertung hervor. Dies liegt zum Teil daran, dass diese Methode der Beschreibung dem extravertierten Wesen überhaupt nicht gerecht werden kann, indem es sozusagen unmöglich ist, mit intellektuellen Mitteln den spezifischen Wert des Extravertierten ins richtige Licht zu rücken, während dies beim Introvertierten viel leichter möglich ist, indem seine bewusste Vernünftigkeit und seine bewusste Motivation sich durch intellektuelle Mittel ausdrücken lassen, ebenso die Tatsache seiner Leidenschaft und die daraus erfliessenden Taten. Beim Extravertierten dagegen liegt der Hauptwert bei den Beziehungen zum Objekt. Einzig das Leben selbst scheint mir dem Extravertierten jenes Recht einzuräumen, das ihm die intellektuelle Kritik nicht geben kann. Das Leben allein zeigt seine Werte und anerkennt sie. Man kann zwar konstatieren, dass der Extravertierte sozial nützlich sei, dass er sich grosse Verdienste um den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft erwerbe usw. Aber eine Analyse seiner Mittel und seiner Motivationen wird immer ein negatives Resultat geben, denn der Hauptwert des Extravertierten liegt nicht in ihm selbst, sondern in der wechselseitigen Beziehung mit dem Objekt. Die Beziehung zum Objekt gehört zu jenen Imponderabilien, welche die intellektuelle Formulierung nie wird erfassen können.
Die intellektuelle Kritik kann es nicht unterlassen, analysierend vorzugehen und mittelst Angabe von Motivationen und Zwecken das Beobachtete zur völligen Deutlichkeit zu bringen. Daraus entsteht aber ein Bild, das für die Psychologie des Extravertierten so gut wie ein Zerrbild ist, und wer etwa glauben sollte, er fände die richtige Einstellung zu einem Extravertierten auf Grund einer solchen Beschreibung, der würde zu seinem Erstaunen sehen, dass die wirkliche Persönlichkeit ihrer Beschreibung spottet. Eine solch einseitige Auffassung verhindert die Anpassung an den Extravertierten durchaus. Um ihm gerecht zu werden, muss das Denken über ihn ganz ausgeschlossen werden, so wie auch der Extravertierte sich dem Introvertierten nur richtig anpassen kann, wenn er im Stande ist, seine geistigen Inhalte als solche zu nehmen, abgesehen von ihrer möglichen praktischen Verwendbarkeit. Die intellektuelle Analyse kann gar nichts anderes, als dem Extravertierten alle möglichen Hinter- und Nebengedanken, Zweckabsichten, und dergleichen mehr zuzuschieben, die in Wirklichkeit nicht eigentlich existieren, sondern höchstens als schattenhafte Effekte unbewusster Hintergründe mit einfliessen. Es ist ja gewiss so, dass der Extravertierte, wenn er sonst nichts zu sagen hat, doch wenigstens ein Fenster schliessen oder öffnen lässt. Doch wer hat es bemerkt? Wem ist es wesentlich aufgefallen? Doch nur einem, der sich Rechenschaft zu geben versucht über die möglichen Gründe und Absichten solchen Handelns, also einem, der reflektiert, zergliedert und rekonstruiert, während für alle andern dieser kleine Lärm in das allgemeine Lebensgeräusch überhaupt aufgeht, ohne dass sie irgend welchen Anlass fänden, darin dies oder jenes zu sehen. Aber eben in dieser Weise manifestiert sich die Psychologie des Extravertierten: sie gehört zu den Ereignissen des täglichen menschlichen Lebens und bedeutet nichts darüber und nichts darunter. Nur wer überlegt, sieht weiter und sieht schief — was das Leben anbelangt — richtig aber, was den unbewussten gedanklichen Hintergrund des Extravertierten anbetrifft. Er sieht nicht den positiven Menschen, sondern bloss seinen Schatten. Und der Schatten gibt dem Urteil recht zum Nachteil des bewussten positiven Menschen. Ich glaube, man tut, aus Gründen der Verständigung, gut daran, den Menschen von seinem Schatten, dem Unbewussten, zu trennen, sonst ist die Diskussion von einer Begriffsverwirrung sondergleichen bedroht. Man nimmt vieles am andern Menschen wahr, was nicht zu seiner bewussten Psychologie gehört, sondern aus seinem Unbewussten herausleuchtet, und lässt sich dadurch verführen, ihm als einem bewussten Ich die beobachtete Qualität auch zuzurechnen. Das Leben und das Schicksal tun auch so, aber der Psycholog, dem die Erkenntnis der Struktur der Psyche einerseits und die Ermöglichung einer bessern Verständigung der Menschen unter sich am Herzen liegt, sollte nicht so tun, sondern den bewussten Menschen vom unbewussten reinlich scheiden, denn nur über die Angleichung bewusster Standpunkte lässt sich Klarheit und Verständigung erreichen, niemals aber durch Reduktion auf die unbewussten Hintergründe, Nebenlichter und Viertelstöne.
d) Der introvertierte Mann. Vom Charakter des introvertierten Mannes (the more impassioned and reflective man) sagt Jordan[105]: „Seine Vergnügungen wechseln nicht von Stunde zu Stunde, seine Liebe zu einem Vergnügen ist genuiner Natur, er sucht das Vergnügen nicht aus blosser Rastlosigkeit. Wenn er in öffentlicher Stellung ist, so ist er dies auf Grund einer bestimmten Befähigung, oder er hat etwas im Sinn, das er ausführen möchte. Wenn seine Arbeit getan ist, so geht er gerne, er kann andere anerkennen und zöge es vor, seine Sache in der Hand eines Andern gedeihen zu sehen als in der eigenen zu Grunde zu gehen. Er überschätzt leicht die Verdienste seiner Mitarbeiter. Er ist und kann nie ein habitueller Schimpfer sein. Er entwickelt sich langsam, ist ein Zauderer, kein religiöser Führer, hat nie die Selbstsicherheit, derart zu wissen, was ein Irrtum ist, dass er dafür seinen Nächsten verbrennen könnte. Obschon es ihm nicht an Mut fehlt, so bringt er doch nicht soviel Überzeugung für seine eigene unfehlbare Wahrheit auf, dass er sich dafür verbrennen liesse. Bei bedeutender Begabung wird er von seiner Umgebung in den Vordergrund geschoben, während sich der andere Typus von selbst in Szene setzt.“
Es ist, wie mir scheint, bezeichnend, dass der Autor im Kapitel über den introvertierten Mann, um den es sich hier handelt, tatsächlich nicht mehr sagt, als ich hier auszugsweise angegeben habe. Am meisten wird eine Schilderung der Passion vermisst, um derentwillen er doch als „impassioned“ bezeichnet wird. Gewiss muss man in diagnostischen Mutmassungen vorsichtig sein — aber dieser Fall scheint zu der Annahme einzuladen, dass der Abschnitt über den introvertierten Mann wohl aus subjektiven Gründen so mager ausgefallen ist. Man hätte nach der ebenso eingehenden wie ungerechten Schilderung des extravertierten Typus eine ähnliche Gründlichkeit der Beschreibung auch für den introvertierten Typus erwartet. Warum ist sie ausgeblieben?
Setzen wir den Fall, Jordan sei selber auf der introvertierten Seite, so wäre es begreiflich, dass ihm eine ähnliche Beschreibung, wie er sie für seinen Gegentypus mit unbarmherziger Schärfe gibt, wohl kaum gelegen hätte. Ich möchte nicht sagen, wegen Mangels an Objektivität, sondern wegen Mangels an Kenntnis seines eigenen Schattens. Wie der Introvertierte seinem Gegentypus erscheint, das kann der Introvertierte unmöglich wissen oder erdenken, es sei denn, dass er es sich vom Extravertierten vorsagen liesse auf die Gefahr hin, dass er ihn zum Duell fordern müsste. Denn ebensowenig, wie der Extravertierte ohne weiteres gewillt ist, die oben gegebene Charakteristik als ein wohlwollendes und zutreffendes Bild seines Charakters anzunehmen, ist der Introvertierte geneigt, seine Charakteristik von einem extravertierten Beobachter und Kritiker zu empfangen. Sie wäre nämlich ebenso entwertend. Denn in derselben Weise, wie der Introvertierte den Extravertierten zu erfassen versucht und dabei gänzlich daneben gerät, so versucht der Extravertierte das geistige Innenleben des Andern vom Standpunkt der Äusserlichkeit zu verstehen und gerät ebenso gründlich daneben. Der Introvertierte macht immer den Fehler, das Handeln aus der subjektiven Psychologie des Extravertierten ableiten zu wollen, der Extravertierte aber kann das geistige Innenleben immer nur als eine Folge äusserer Umstände begreifen. Ein abstrakter Gedankengang muss für den Extravertierten eine Phantasie, eine Art Hirngespinnst sein, wenn eine objektive Beziehung nicht ersichtlich ist. Und tatsächlich sind introvertierte Gedankengespinnste oft nichts weiteres als solche. Jedenfalls wäre vom introvertierten Mann vieles zu sagen, und ein ebenso vollständiges wie ungünstiges Schattenbild zu geben, wie Jordan dies im frühern Abschnitt über den Extravertierten getan hat.
Von Wichtigkeit scheint mir die Bemerkung Jordans zu sein, dass das Vergnügen des Introvertierten „genuiner Natur“ sei. Das scheint überhaupt eine Eigentümlichkeit des introvertierten Gefühls zu sein: es ist genuin, es ist, weil es aus sich selber da ist, es wurzelt in der tiefern Natur des Menschen, es steigt gewissermassen als sein eigener Zweck aus sich selber empor; es will keinem andern Zwecke dienen, leiht sich auch keinem und begnügt sich damit, sich selbst zu erfüllen. Das hängt zusammen mit der Spontaneität des archaïschen und natürlichen Phänomens, das sich bis dahin noch nicht den Zweckabsichten der Zivilisation gebeugt hat. Zu Recht oder Unrecht, jedenfalls ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht, auf Zweckmässigkeit oder Unzweckmässigkeit, manifestiert sich der affektive Zustand, dem Subjekt aufgedrängt, auch gegen seinen Willen und seine Erwartung. Er hat nichts an sich, was auf gedachte Motivation schliessen liesse.
Auf die weitern Abschnitte des Buches von Jordan möchte ich hier nicht eintreten. Er zitiert historische Persönlichkeiten als Beispiele, wobei vielerlei schiefe Gesichtspunkte herauskommen, die auf dem bereits erwähnten Übelstande beruhen, dass der Autor das Kriterium des Aktiven und des Passiven hereinbringt und mit den andern Kriterien vermengt. Daraus ergibt sich öfters der Schluss, dass eine aktive Persönlichkeit auch zum leidenschaftslosen Typus gerechnet wird und umgekehrt eine leidenschaftliche Natur auch immer passiv sein sollte. Meine Ansicht sucht diesen Irrtum zu vermeiden, indem sie das Moment der Aktivität als Gesichtspunkt überhaupt ausscheidet.
Jordan gebührt aber das Verdienst, zum ersten Mal (meines Wissens!) eine relativ zutreffende Charakterschilderung der emotionalen Typen gegeben zu haben.