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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Vorbemerkung.

Reading edition

Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der Erinnerungen vorauszuschicken.

Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten, Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden, daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.

Kopenhagen, im März 1851.

Johannes Oehlenschläger.

Literarische Fehde.

Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht; ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte meines Glückes auf.

Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel, die Zauberharfe, geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus „Holger Danske“ und „Erik dem Guten“ hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer Dichtung eignete; nun da er „Ludlam's Höhle“ und „die Räuberburg“ als die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke; und wenn man es ihm ästethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man — was man auch Kuhlau's Genie schuldete — das Auspfeifen unterlassen hätte; um so mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt, weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.

Todesfälle.

Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach irre. „Gott segne Dich, meine gute Schwester,“ sagte ich beim Abschiede. „Ja,“ sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, „das wäre nicht so übel!“ — Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H. Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnung verloren sei. Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt. Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die Knie und rief weinend: „Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!“ Eine Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem Augenblicke entschlummert.

Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde, Ole Hieronymus Mynster und Michael Rosing. Rosing war viele Jahre hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten, gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte, sagte er beim Eintreten: „Guten Tag, mein Sohn!“ wenn ich aber zu lange fort blieb, sagte er: „Guten Tag, Herr Professor!“ Bei seiner Beerdigung begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer letzten Ruhestätte.

Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte sich überhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten. Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: „Der gute Mynster schläft!“ sagte ich leise, „komm, William, willst Du ihn sehen?“ — Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße fragte William: „Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?“ Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.

Der kleine Hirtenknabe.

Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödie die Blutbrüder, schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher Hakon und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für den Sommer zu überlassen, schrieb ich den kleinen Hirtenknaben, ließ ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das Paket. — Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte, mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. — In demselben Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.

Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen Generalin Hegermann-Lindenkrone, vielleicht das poetischeste weibliche Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.

Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel Robinson in England. Ich hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied, welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt findet.

Die Götter des Nordens.

Die Götter des Nordens, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819 gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre 1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.

Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode, und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.

Tordenskjold. Erik und Abel.

Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel Tordenskjold und die Tragödie Erik und Abel. — Tordenskjold wurde angenommen und honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: „daß dieses Stück nicht aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.“ Die Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter, als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten, aber Friedrich IV. nicht. Außerdem sang er im Stücke. Mir wäre Nichts leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nicht deßhalb das Stück verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge: Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.

„Hättest du Ihnen wenigstens Namen als species gegeben,“ sagte Rahbek, „so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das konnte man nicht leiden.“ Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen, wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.

Tod Thaarup's.

Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. — Als ich das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: „Wenn die Deutschen ihn nur nicht verderben!“ Heger las ihm als Antwort Etwas aus meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: „Laß ihn nur gehen! er wird sich schon hüten!“ — Ich hatte stets den Dichter des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus vollem Herzen:

So lang noch Fischerdörfer stehn Am dän'schen Strand beim Meerestang, So lang noch Wellen rauschend gehn, Stirbt, Ewald, nimmer dein Gesang. Doch, Thaarup! auch dein Bildniß lebt, Dein Lied klingt immer frisch und neu, So lang noch wer die Sense hebt, Und mäht das reiche, duft'ge Heu. Und weht die Fahne stolz und frei, Das weiße Kreuz auf rothem Grund, So denkt, der Dän' des Lieds dabei Das ihr zu Ehren sang dein Mund.

Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente Fräulein Brenöe und Herrn Nielsen auf dem Theater. Foersom war vor drei Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als Liebhaber und die Liebhaberin. — Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und Fräulein Brenöe aus. — Nielsen trat als Axel auf, zeigte was wir von ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich bald in großem Umfange.

Erik und Abel.

Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch (1821). Feindliche Brüder tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff, an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von Racine's frères ennemis sagt: Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet; tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc. — so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende Gewissen. Der bloße Haß kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert und rührt.

Ich falle durch.

In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. — Das zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit. Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. — Als ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt hatte, sagte er: „Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem zweiten und dritten Acte!“

In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.

Holberg's Jubelfest.

Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100 Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser Dichter Holberg war derselbe Professor Holberg, der Dänemark seine historischen Werke geschenkt hatte; und dieser Professor Holberg war derselbe Baron Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug, sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus nicht sonderlich groß. Die Damen können Holberg nicht leiden, weil er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß auf die Männer. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht, und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans gehalten wird.

Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen Dichter zu begeistern.

Robinson in England.

Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte, schien es mir, daß es einmal Zeit sei, Robinson in England spielen zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine Satyre, die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden, und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.

Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O. H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief darüber:

„ Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing, das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie gehabt haben.

Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödie gut ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson, außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die Gärtner es nennen, strafen, d. h. etwas beschneiden. — Ich muß übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise über Kunst gehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub ein lucianischer Dialog über sogenannte Kritik, oder ein lehrreicher Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt. Also — „Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être quelque-chose de mieux!“

Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.

Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und geschätzt. Unser witziger komischer Rosenkilde erwarb sich als Peter reichen Applaus.

Aber — es war ganz richtig — die Theescene konnte man nicht leiden, und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung, welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko, ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke, welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums) abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden, wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen, von denen man glaubt, daß sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an, welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt, die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es: „A la porte!“ und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.

So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der Vorstellung von Robinson in England gepfiffen, während ein stürmischer Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden, bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren. Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.

Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm großen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm den Verlag.

Die Inseln im Südmeer.

Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch Albertus Julius ganz frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß die Inseln im Südmeer nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von gemeinsamem Interesse. — Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter. In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken. Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen; glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.

Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig. Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können. Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen geschehen.

Brief an Walter Scott.

Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte, da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn bewunderte und liebte.

„Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte, wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können. Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen, launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich — wie in Allem — Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.“

„In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu legen.“

Walter Scott.

Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die Gedichte, wie die Romane sandte.

Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen, die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte, zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte, daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte, schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission übernommen hatte: „Mr. Cadel says, no German Work has ever stood the expence of translating; and we know how very small that is. In short, I had the mortification to see, that he is not in humour with the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any thing in my power, to make the British public acquainted with Mr. Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter does not miscarry for lack of zeal on my part.“

Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren, aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt sicherlich messen können.

Johann Ludwig Heiberg.

Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne reichlich mit ihren Werken.

Ludwig Heiberg hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg, aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich das Kunstkindliche im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.

Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction von wenigen unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken wollte.

Als Heiberg diese Stücke: Don Juan und Töpfer Walter, drucken ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, „daß der kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe“. Aber hierin kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters selbst; es war die Kunst in der Kindheit, die etwas Naives in ihren gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie liest, durchaus nicht kindlich. Das erste: Don Juan, ist eine sehr gute freie Behandlung von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch nicht kindlich genannt werden. Der Töpfer Walter ist ohne Zweifel eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin, das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich (mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.

Ein paar Jahr später erschien Heiberg's Weihnachtsscherz und Neujahrsspiele, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen Composition eine Nachahmung von Tieck's „gestiefeltem Kater“, „Zerbino“ und der „verkehrten Welt“. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben, und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in der Ingemann'schen Blanca ist treffend. In einem Dialoge, der sich nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird, weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden, ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte, fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann. Bei dem Norweger Boye, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und schaffende Phantasie.

Zeuthen und Rahbek. Schrödersee.

In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der Zeuthen'schen Familie, welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend, als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt wurden. Sie waren beide mit dem reichen Knud Lyne verwandt, nach dem Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler, für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist, später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten; er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten. Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm. Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte, daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr Schrödersee. Obgleich ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier; an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand, soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das us und das von verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das deutsche „Von“, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660 erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand, so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man ihm gratulirte, antwortete er: „Er ist noch sehr jung!“ womit er meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König einmal mit ihm und sagte: „Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten Zeit so steif geworden zu sein“. „„Ew. Maj.““, antwortete Schrödersee, „„das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe““. — Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen Toast proponirte, „Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande befördert hatten“, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: „Der Toast gilt uns Beiden“!

Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim Christiansburger Schloß. „Wie befindet sich der Herr Kammerherr“? fragte ich. „„Ach was, schlecht geht's mir““, antwortete er; „„ich bin ein altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß““! Damit zeigte er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich. Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her, wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach: „Wir kamen mit Erik von Pommern hieher“. Bei dieser Begegnung auf der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und sagte: „Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt“! „„Nun““, antwortete ich, „„Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt haben““. „Ach“, seufzte er, „ich werde nie wieder soviel Plaisir haben“. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken, und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei Stockwerke hindurchstürzen sah. Sic transit gloria mundi!

Die Familie Zeuthen.

Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche einige Gleichheit mit der lange gestatteten lyrischen Unordnung in der Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein Zeitgemälde zu vervollständigen.

Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm, Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen. Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige, junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der Dämmerung noch beim Mittagstische — da hörten wir einen Wagen auf dem Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns — rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten einander die Hände, und ich dachte: „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde“.

Ich studire wieder Latein.

Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen, epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und Studium nicht gut von einander trennen konnte, so übersetzte ich diese Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull übersetzt hatte.

Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr Repp half mir ein Jahr lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt, in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten wetteifern konnte, obgleich ich — aus jenem Grunde — niemals kleine Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls, wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz, von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen, wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet hätten.

Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom Bischof Fogtmann der copia verborum wegen gelobt ward, die sich darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im Gedächtniß zur Hand.

Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen, und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich 1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch Nichts weiter herauskam.

Professorengesellschaften.

Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich an die Chronologie zu halten, der Professorengesellschaften erwähnen, die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen, geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde, nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten soll, so kann er auch mit Göthe sagen:

So gieb mir auch die Zeiten wieder, Da ich noch selbst im Werden war.

Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J. P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.

Siboni.

Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer Siboni. König Christian VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne, kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit raubte.

Musikalische Zustände.

Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.

Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen, eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s. w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als Palästrina sie rettete.

Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen, veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer darin auftreten zu lassen — zu einer solchen Trivialität konnte die italienische Kunst sich nicht herablassen — deshalb hatte stets ein Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah auch hier. Diese musikalische „Haupt- und Staatsaction“ hat mir, trotz aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie gefallen.

Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. „Ja,“ sagte er, „ich glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber doch mittelbar.“ „„Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!““ antwortete ich; „„ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere ausüben sollte.““ „Ja, ja!“ antwortete er und legte die Hand auf meine Schulter: „ich weiß, Sie sind ein braver Mann.“ Damit ging ich.

Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nicht La gazza ladra zu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt, aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.

Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen. Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich, kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab er sich nicht mehr damit ab; erst als Moscheles uns einmal besuchte, bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz abgewöhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber, gesagt haben: „Wenn ich sein Genie hätte, was würde aus mir geworden sein!“ Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der „Schlaftrunk“ als seine beste dramatische Composition zu betrachten; aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten, und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.

Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper, stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum, und mehr lebendige dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden, Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch nicht. Schall dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau sagte von ihm: „Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.“ Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur, endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt musikalisches Genie; seine erste Arbeit, „die Chinafahrer“ ist voller Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich; und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect, Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.

Die vortrefflichen französischen Singspiele hatte unser Theater von Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchen mit Glück aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität, Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht? Monsigny, Gretry, Daleyrac, Isouard, Mehul, Cherubini (ganz französisch in diesem Genre), Boyeldieu, sowie auch später Auber. Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der große Gluck, obgleich ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger, denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel und Oper, hatte sich die Opéra comique in Paris stets ausgezeichnet, und, was gute Schauspieler betraf, dem Théâtre français fast stets die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken, von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.

Der Wessel'sche Vers:

Die theuren Dänen will ich preisen, Wenn sie bescheiden sich erweisen, Die Tugend trifft sich selten an. Doch wenn sie gar zu weit getrieben, Daß Dänen alles Fremde lieben, Ich nenn' es keine Tugend dann, Denn er erniedrigt jeden Mann.

paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen den gebildeten Dänen (der größte Theil war vom Mittelstande), und zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern), gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen. Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst in Frankreich war die italienische Oper, wo das hohe Entrée den Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und die beau monde. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es, mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.

Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu erneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten zuläßt, und Madame Forconi war zu gleicher Zelt eine sehr gute Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.

Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.

Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt, indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo sie — was mich betrifft — wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr gekommen war.

Die Vaudevilles.

Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. Heiberg für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke waren alle Das, was die Franzosen Farcen nennen; aber meine Leser wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich, im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen Einfall (pointe) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen können, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb, war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet waren. So machte „König Salomon und Hutmacher Jürgen“, das in den Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: der Einzug, vom Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch Ryge's vortrefflichen Juden. In den „Aprilnarren“ stellte der herrliche Winslöw einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In „Der Recensent und das Thier“ und in „die Unzertrennlichen“ stand Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem unvergleichlichen Trop und Hummer da. In „Die Dänen in Paris“ und in „Kjöge's Hauskreuz“ bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche, dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug, ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen, war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken, sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie, ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu spielen, zeigte sich in dem „kleinen Schachspieler“; in „Gyda“ war sie die tragische, abgelebte Hexe, und in „Dina“ und „Gudrun“ das anmuthige, blühende, eigenthümliche Weib.

Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen, die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. — Aber diese Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein. Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch, oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum und Witz fehlte. Aber — mirabile dictu — doch sei ich ein wahres Genie und ein großer Dichter! — Also nur die Phantasie und das Gefühl sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.

Die Flucht aus dem Kloster.

Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war „Die Flucht aus dem Kloster.“ Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte das Meiste von den Tönen in Mozart's Cosi fan tutte mit menschlichem Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte, war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. Aber Cosi fan tutte ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien (eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.

Die Wäringer in Constantinopel.

Im Jahre 1826 schrieb ich die Wäringer in Constantinopel, in denen das herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie: Karl der Große fand auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges (jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel gemacht.

Von den Drillingsbrüdern von Damask, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen, daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen, durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen), und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.

In den Longobarden, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte, suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender ist.

Hrolf Krake.

Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht Hrolf Krake, der sich von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke, leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große, sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere, milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der Tragödie zu Schrecken und Mitleid.

Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der Pastor Jens Michael Hertz gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes befreites Israel heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von 23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer (freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen. Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten, war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich klassisches Epopöe war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national, als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr Secretair war, das Gedicht ein.

Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie, sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden, die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten, deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachform mußte ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung. In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden, indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war, und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.

Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.

Baggesen's Tod.

In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland. In den späteren Jahren nach meiner Erklärung an das Publikum hatte er aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall. Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen, und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen ihn gewesen wäre, so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an. Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden, daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier gesprochen wurde.

Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen Stehn wir bei dieses Festes trübem Glanz; Wer hat: „Als ich noch klein war“ je gesungen, Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz? Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen, Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht? Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen, Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht? Wer, dem die Liebe einst geflochten hätte Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht — Wer sang mit Baggesen nicht Henriette, Und von Lyciliens, von Selinens Macht? Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle, Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint: „Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle, Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?“ Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühen Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein: „Daß nirgends so die Rosen roth erblühen, Und daß die Dornen nirgends gar so klein?“ Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen, Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn; Die stumme Harfe trauert in den Hallen Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin. Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht. Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer, Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht. Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen. Es schweigt der Sturm — der Himmel strahlt im Glanz — Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen, So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.

Tod meines Vaters.

Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen Augen strahlten, seine rothen Wangen glühten wie bei einem Jüngling. Wir nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine größte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war versöhnlich, zuvorkommend, wohlthätig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner Gutmüthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn; aber als vernünftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte, ließ er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen überrumpelte ich sein Gefühl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern mit Spaziergängern auf dem Schloßberge und besonders gern mit Studenten; dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte. Das wußten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.

Vor manchem andern schönen Loos', Das aus der Götter reichem Schooß' Dem Menschen fällt, erheb' ich Eins, Das ist, verehrter Alter! Deins. Dir ward ein ewig wahres Gut: Die rege Lust, der leichte Muth, Und zu dem losen, heitern Scherz Der rechte Quell, das edle Herz! Der Jugend frischer Lebenssaft, Des Mannes starke, rasche Kraft, Dazu des Alters Ehrentracht: Der weißen Haare Silberpracht.

Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm gegangen sei, antwortete er: „Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.“ Der König kam einmal hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren folgten in geringem Abstande nach. „Guten Morgen, Oehlenschläger,“ rief der König, „sind viel Füchse im Südfelde?“ — „„Noch nicht, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke auf die Hofherren, „„aber sie werden gleich kommen.““ Das Gelächter, das Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte. — Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung sprach, sagte mein Vater: „Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da, groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.“ Mit ernster Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: „S' ist Oehlenschläger!“ Er meinte also, „dem man Etwas zu Gute halten muß.“ Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser scherzend: „Sind Sie nicht Holzverwalter?“ — „„Ja, Euer Majestät!““ — „Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?“ — „„Vielen Dank, Euer Majestät!““ antwortete mein Vater, indem er sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte. Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt, Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann, wo er im Lehnstuhle las: „Hast Du Aeltern?“ — „„Nein!““ — „Verwandte und Freunde?“ — „„Nein!““ — „Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches Leichenhemde will ich auch sorgen.“ Das Mädchen dankte sehr, konnte aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten, ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter zu spielen, „man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden würde.“ Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen, und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie zur anständigen Beerdigung brauchte.

Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und — sonderbar — ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der, obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach ehrende Worte an seiner Leiche.

Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen. Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. — Im nächsten Jahre in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen, in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben stand:

„Von des Großvaters Baum Caroline“.

Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.

Carsten Hauch.

Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund Carsten Hauch von seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel mir Die Hamadryade am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben — was übrigens unterblieb, — so wollte ich nicht widersprechen.

In Tiberius bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien und später besonders in Don Juan zuviel Grau in Grau gemalt sei.

Daß er in seinem babylonischen Thurmbau (in dem übrigens viel Aristophanisches ist) zu weit ging, muß mit der Heftigkeit entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankämpft.

Meine gesammelten Werke.

Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhändler Max in Breslau einen Brief, der mich auf angenehme Weise überraschte. Als deutscher Verfasser hatte ich in oft wechselnden Verhältnissen zu deutschen Buchhändlern gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber nichts, meinen Büchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der alte Brockhaus sagte, auf Löschpapier, ließ sie auf dem Boden liegen, ohne recht für den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen Blättern herunterreißen. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio ließ er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein ästhetisches Werk in Deutschland hat größeres Glück gemacht. Correggio wurde auf allen Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit mir geschlossen, hat gewiß mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens glaube ich, daß er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch der jüngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel hierfür mag dienen, daß mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge zurücksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht ganz allein übersetzt; ein Herr Voß in der deutschen Kanzlei hatte erst das Gedicht übersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der Sammlung gedruckt, die später bei Max erschien, und so las Brockhaus das Gedicht, wie er mir versicherte, mit großem Vergnügen. Aber er wagte nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung von Tegnér's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach der andern; — aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof nicht der Fall. Die Hauptursache war, daß Frithiof mit seiner sentimental-erotischen Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur wenige deutsche Männer Interesse für das Episch-Heroische in Helge.

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:

„Euer Wohlgeboren wollen mir vergönnen einige Zeilen an Sie richten zu dürfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen, vollständig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben es Zeit und Verhältnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, — indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal die Sonnen der Buchhändler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt“.

Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.

Camma Rahbek's Tod.

Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hügelhaus in jeder Beziehung ungestört. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreißig Jahren, wo ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich bei ihnen am Tische saß, schien es mir selbst so höchst wunderbar, daß ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Beständigkeit fassen wollte, sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf verschwand die schöne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekränkelt, und man gewöhnt sich endlich an so Etwas, daß man sich nicht mehr darüber beunruhigt, weil man immer hofft, daß es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schön beschrieben, daß ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.

Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch, wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: „Nein, Karl“! antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit. Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen Gedichten findet.

Rahbek's Tod.

Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.

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