Vorbemerkung. (continued 4)
Reading edition
Mozart! stehst Du dort ein König, schön im Bronce, groß, An dem Ort, wo Du geboren, wo so klein Dein Loos? Als Du lebtest, Wen'ge kannten Dich, der oft verkannt; So verwechselt stets der Haufe Glas mit Diamant! Heiße Thränen muß ich weinen. Ach, nach Deinem Tod Bauten sie Dir diese Säule, Dankbarkeit gebot; Sie ließ Deinen Namen steigen aus dem trüben Dunst; Denn Natur ist ew'ge Schwester von der ew'gen Kunst. Mozart! mein geliebter Bruder! Ach — ein schwach Gedicht Weih' ich Dir. Mit Augen sah ich Dich im Leben nicht; Aber meine Ohren hörten, und mein Herz empfand! — Nord und Süd? Wir hatten beide doch ein Vaterland. Dank für Deine schönen Töne! Wie ein Zauber fällt Deiner Flöte Lieder in Aladdin's Zauberwelt. Melpomene hört' ich warnen in Erinnyenklang, Als den schönen frechen Sünder Höllenglut verschlang. Und die Lust des heitern Lebens, bunt und leicht und froh, Als zum Ideal erhoben Frankreichs Figaro, Hört' ich staunend — und der Liebe zarte Tändelei, Als Susanna Du, Zerlina, rufest hold herbei. Und wo Deine Lieder tönten, stark und süß und weich, Wolfgang Amadeus Mozart! kannten wir Dich gleich. O wie oft hast Du entzücket Nordens Dichterherz! Und nun steh' ich hier und weine vor dem kalten Erz. Freut Euch Oesterreich und Salzburg! Stolz wohl könnt Ihr sein, Weimar trägt nicht größre Namen auf dem Leichenstein. Wie in Mekka, in Medina treu der Pilger steht, Andachtsvoll neig' ich mich dankbar vor dem Tonprophet!
Auch Heydn liegt hier begraben. Es sind hier gleichfalls viele herrliche Denkmäler des Alterthums, unter andern eine in den Felsen gemauerte Höhle, die dem ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gehört hat. Der jähe Fels erstreckt sich bis an die Häuserreihe der Stadt. Aber ich will nicht in detaillirte Beschreibungen verfallen — das thun Andere viel besser als ich — aus bereits gedruckten Büchern. Auch will ich nicht Veranlassung nehmen, die Geschichte Becker's oder eines Andern abzuschreiben. Ihr sollt mich in meinen Briefskizzen ganz und gar so erblicken, wie ich alter poetischer Knabe in meinem fünfundsechzigsten Jahre zu guter Letzt durch Deutschland und Frankreich u. s. w. wandere. Wie ich auch immer mehr und mehr dieses hochweise Kritisiren hasse! Nein! wie ein Kind gehe ich wiederum jetzt hier in München und erstaune, freue mich und werde von den unsterblichen Kunstwerken hingerissen, welche die Welt und künftige Zeiten dem Kunstenthusiasmus eines Königs zu danken haben. Ich bin kein Kritikaster, wenn man mir auch einen Fehler an Sachen zeigen will, die ihre großen Schönheiten besitzen; einen solchen Fehler hinterher zu entdecken ist leicht; aber fast unmöglich ihm da zuvorzukommen, wo so viel Großes und Herrliches plötzlich, wie durch einen Zauberschlag entsteht. Ich lasse mich auch nicht auf bürgerliche, wenn auch gegründete Klagen über einseitige Richtungen ein, unter welchen das Ganze leidet. Gott weiß es, daß Keiner seinen Nächsten mehr als ich liebt; aber ich weiß auch, daß lange Zeiten verstrichen, in welchen das Spießbürgerthum auf Kosten der Kunst und alles höheren Geistigen blühete; wenn jetzt vielleicht hier das Umgekehrte der Fall ist, so thut es mir leid, aber wenn die Jetztzeit kein Wort mehr zu uns redet, weil sie verschwunden und vergessen sein wird, so stehen diese herrlichen Werke noch für die Ewigkeit da.
Die Kunst in München.
Wir haben die großen Maler Kaulbach und Heß in ihren Ateliers besucht, auch in Schwanthaler's Atelier sind wir gewesen. Er selbst war nach Italien gereist. Was soll ich sagen von diesen herrlichen steinernen, oft marmornen Gebäuden mit ihren Säulen, Fresken und Goldzierrathen, mit ihren Schätzen von Gemälden und Bildhauerarbeiten. Hier gäbe es ein ganzes Jahr für jeden Tag etwas zu sehen — und wir müssen Alles in wenigen Tagen durchfliegen. Kaulbach und Heß sind große Meister; sie sind Cornelius ebenbürtig. Schwanthaler steht in genialer Production gewiß nicht weit hinter Thorwaldsen. Die Pinakothek besitzt einen großen Reichthum vorzüglicher Gemälde; aber Verschiedenes, das man für Werke Correggio's, Leonardo da Vinci's u. A. ausgiebt, ist schwerlich von diesen Meistern. Ich wunderte mich, als man mir einige kindische Schmierereien von Cimabue und Giotto zeigte; aber Dr. Ernst Förster (Herausgeber des Cotta'schen Kunstblattes) versicherte mir später, es sei nicht von ihnen und zeigte mir Zeichnungen, die er in Italien nach ihnen gemacht hatte, welche ganz anders waren. Der Commissionsrath Waagen, den wir von Berlin und Dresden kannten, erzeigte uns große Freundschaft, begleitete uns täglich auf unsern Wanderungen, und wir haben einen Abend bei ihm verbracht, wo ich meine Dina vorlas. Gestern Abend waren wir bei Förster, dessen freundliche, geistreiche Frau eine Tochter Jean Paul's ist. Es freute mich von seiner Tochter die Worte zu hören: „Er achtete Sie nicht blos als Dichter — er liebte Sie.“ Ich habe die Bekanntschaft des berühmten Philologen Thiersch gemacht; er kam mir außerordentlich freundlich entgegen, und als ich unseren Madvig nannte, sagte er: „Der ist unser größte Lateiner.“ — Es kitzelte mich in die Seele hinein, dies zu hören. Unser kleines Dänemark besitzt doch auch Leute, von denen sich jeder in seiner Richtung auszeichnet. Letzthin kam ein alter Mann, um mich zu besuchen; blickte mich mit seinen großen Augen an, und sagte freundlich: „Kennen Sie mich nicht wieder?“ Ich mußte verneinen; er aber erwiderte: „Und ich kannte Sie sogleich — Sie haben sich in den achtundzwanzig Jahren gar nicht verändert“. Es war der Baron Hormayr, der jetzt bairischer Gesandter in Hamburg ist. Er machte mir ein Geschenk mit seinem letzten Werke.
Den 30. Juli.
Gestern hatte man mir zu Ehren eine kleine Stunde außerhalb der Stadt eine Gesellschaft eingeladen und ein Fest veranstaltet, das sehr schön und ehrend war. Ich saß auf derselben Stelle, wo Thorwaldsen bei einer ähnlichen Gelegenheit gesessen hatte. Ein Becher nach dem andern wurde auf dänische und deutsche Bruderschaft geleert und drei Gedichte an mich wurden recitirt.
Heute habe ich das Schloß gesehen. Es ist schön und königlich, und die Hände herrlicher Künstler haben auch für die Ehre deutscher Dichter Sorge getragen: Göthe's, Schiller's, Tieck's, Wieland's. In der That, die Namen Cornelius, Kaulbach, Heß, Schnorr, Schwanthaler sind große Namen und der macht sich selbst nur klein, der sie verkleinern will! — Heute Abend habe ich ein Stück von Töpfer gesehen: „Karl XII. Heimkehr“, das miserabel ging und in welchem Karl XII. von einer Person gespielt wurde, die wie ein altes zahnloses Weib aussah. Morgen reisen wir nach Augsburg, um von dort nach Nürnberg zu gehen.
Augsburg. Nürnberg.
Paris, den 25. August.
Wir verließen einander in München, das sich immer mehr und mehr seines Namens würdig macht, da das Mönchswesen strebt die Oberhand zu gewinnen. Der gute König Ludwig hat so sehr viele schöne katholische Kirchen gebaut, in welchen die großen Künstler Engel und Heilige in übernatürlicher Größe auf goldenem Grunde gemalt haben. Da die Theater jetzt fertig sind, wird er auch in diesen die alten Mysterien aufführen lassen, und deshalb mystificirt er das Volk; ich kann es sonst nicht begreifen; daß es persönliche Bigotterie sein sollte, glaube ich nicht, und politisch ist es auch nicht.
Wir zogen also nach Augsburg, wo wir einen Tag verweilten, von dort alsdann nach Nürnberg, das ich noch nicht auf irgend einer meiner Reisen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach dieser mittelalterlichen Stadt, ich gedachte daselbst einige Tage zu verweilen, wie früher in ihrer Schwesterstadt, Florenz, in Italien. Dort hatte ich nur mit Dante, Giotto, Brunelleschi, Benvenuto, Michel Angelo gelebt, hier wollte ich es nur mit Albrecht Dürer, Willibald Pirkheimer, Hans Sachs. Aber — der Mensch denkt, Gott lenkt. In Florenz stahl mir der Wirth einige Louisd'or; hier bekam ich einen unerwarteten Besuch von meinem alten, langweiligen Verwandten, den ich aber der Verwandtschaft wegen nicht die Thüre weisen konnte — mein guter, ehrwürdiger Herr Podagra. Ich war des Nachts im feuchten Wetter gereist und deshalb nahm Herr Podagra Veranlassung, mich mit seinem Besuche zu beehren, der eben so lange dauerte, als Gott brauchte um die Welt zu erschaffen, nämlich sechs volle Tage, während welcher ich im Wirthshause sitzen und mich langweilen mußte. Glücklicherweise war in Nürnberg doch eine Leihbibliothek. Ich las wiederum O'Meara's Buch über Napoleon, der auf Helena saß, von einem ärgeren Podagra heimgesucht, als das meinige war. — Nach sechstägigem Schiffbruche auf dieser Sandklippe wurde mein Schiff wieder flott, und ich nahm wieder den Wanderstab zur Hand. Ob nun aber das Podagra oder etwas Anderes mich grämlich gemacht hat, — genug, Nürnberg amüsirte mich lange nicht so sehr als das Spielzeug, das ich in meiner Kindheit von dort erhalten hatte. Zwar waren dort viele schöne alterthümliche Gebäude — der herrliche Brunnen auf dem Markte, eine große Menge Bilder aus der alten deutschen Schule; wir fuhren auch nach der Mäusefalle, wo Hans Sachs starb; aber — das kleinliche Philisterthum unserer Zeit, und besonders der Mangel an einer schönen Natur der Umgegend, machte mir den Aufenthalt bis auf einige herrliche Augenblicke unangenehm. Ich sehnte mich außerordentlich, wenigstens in einen schönen Garten hinaus. Unser Lohndiener versicherte uns, daß wir auf der Eisenbahn schnell einen herrlichen Ort erreichen würden — Fürth. Wir befolgten denn auch seinen Rath und kamen — wie soll ichs aber beschreiben? — an einen Ort, wo man unter einigen wenigen niederträchtigen Bäumen kaum einen Schatten von Schatten finde konnte; aber Bier gab es in Fülle. Ich war nahe daran, aus der Haut zu fahren, als ich, während William mit dem Lohndiener umherlief um die Unmerkwürdigkeiten des Ortes zu besehen, allein auf einem Stuhle dasaß mit meinem Seidel vor mir auf einem andern Stuhle (weil der Tisch über alle Beschreibung von Bier pichte) und meine Verzweiflung in Bier ertrank.
Frankfurt.
— — Frankfurt gehört nicht allein dem Mittelalter, sondern auch der jetzigen Zeit und da ich in der jetzigen Zeit lebe, so lebte ich auch etwas auf, als wir hier ankamen. Ich sah das noch schöne Haus, wo Goethe's Eltern gewohnt, und wo es ihm vom Anfange an so gut gegangen war. Nimmer konnte er sagen, daß er sein Brod mit Thränen aß und deshalb kannte er wohl auch nicht ganz „die himmlischen Mächte“, sondern gelangte nicht weiter als bis zu Jupiter, und bildete zuletzt sich selbst ein, er sei ein Jupiter. Aber mit kindlich treuem Gefühl für den großen Dichter betrat ich die Schwelle des Hauses und faßte den Griff der Thüre, den seine junge, kecke Hand so oft erfaßt und dachte: „wäre er immer doch ein frankfurter Doktor geblieben, statt eine weimar'sche Excellenz, so wäre er excellenter gewesen.“ Aber Gott segne ihn für all das Schöne, das er geschaffen und die Freude, die er mir und vielen Andern gewährt hat. Ich sah den alten Rathhaussaal u. s. w. und mein Genuß ward erhöhet, wenn ich dachte: auch diese Dinge haben Goethe's schöne junge Augen erblickt. Hier bekam er die ersten Ideen zu seinem Werther, Götz, Faust. Ich liebe ihn mehr, als ich oft selbst weiß: „O Neigung sage, wie hast du so tief im Herzen dich versteckt? wer hat dich, die verborgen schlief, geweckt? Ja Liebe, du wohl unsterblich bist!“ — Aber ich hätte auch verdient, daß er mich geliebt hätte — und es schmerzt mich bitter, jedes Mal, wenn ich diese Liebe vermisse. Jetzt wäre es doch vorbei gewesen! Und wo ich tiefe Sympathie finde, da finde ich auch Liebe in seinen Werken. — In der Bildergalerie fanden wir schöne Gemälde von Lessing, der seinem Namen Ehre macht. Auf dem Kirchhofe sahen wir Thorwaldsen's Basrelief in der Bethmann'schen Gruft. — Jetzt ging es also wieder nach Köln auf dem Rheine. Ja, gewiß ist er ein herrlicher schöner Strom und die Ruinen üben eine großartige Wirkung aus. Aber ich vermag nicht mehr die jugendliche Trauer über den Verlust jener Zeit zu theilen, ich kann nicht mit Friedrich Schlegel ausrufen:
Du freundlich ernste, starke Woge, Vaterland am lieben Rheine, Sieh' die Thränen muß ich weinen Weil das Alles nun verloren. Die Burgen, so die Ritter sich erkoren, Traurig aus dem Wasser ragen, Wo in schönen Vorzeitstagen Hohe Helden muthig lebten, Voll von Ruhm und Ehre strebten u. s. w.
Der Rhein.
Die meisten dieser Burgen waren Raubschlösser. Sie sind niemals schöner gewesen, als gerade jetzt. Die Raupe ist aus der Seidenlarve herausgetreten und jetzt kann das poetische Gefühl sich ein schönes Kleid daraus spinnen. — Das Dampfschiff gleitet mit großer Schnelligkeit dahin, besonders, wenn es mit dem Strome geht. Es ist doch eine herrliche Erfindung um von einem Orte zum andern zu gelangen. Allerdings Veranlassung zu Reiseabenteuern giebt sie nicht. Früher, wenn Reisende sich auf einem Schiffe oder einem Postwagen begegneten, war es fast, als wenn Robinsone sich auf einer Insel trafen; jetzt ist es, als wenn Fremde in einer Restauration, bei einem Billard, oder auf einer Promenade zusammentreffen. Aber — Der, welcher fremde Bekanntschaften sucht, findet sie dessenungeachtet; — und jetzt ist man auch nicht gezwungen, Bekanntschaften zu machen, sondern man kann, wenn man will, allein reisen, selbst mitten in dem großen Getümmel, etwas worauf ich für meinen Theil viel Werth lege.
Köln. Paris.
Und so gelangten wir in Köln an. — Welch ein wunderbares Werk ist doch der Dom! Ein echtes Bild der menschlichen Thätigkeit; das Höchste, das Herrlichste im Verein mit dem Unvollendeten, die schönste Kunst halbfertig. Dieser Chor, den der Ketzer Friedrich Wilhelm restauriren, wieder vergolden und malen ließ, ist über alle Beschreibung. Das Wunderbare hier ist nicht das Große, das Kühne; denn das finden wir auch an indischen und egyptischen Gebäuden, und in der römischen Baukunst ging die griechische Schönheit zum Heroisch-Riesenhaften über. Nein, es ist die echte — wie soll ich sie nennen — Humanität, die herab von diesen Säulen und Gewölben lächelt; in dieser Hoheit ist ein süßer himmlischer Friede, eine Sicherheit verborgen, wie in der Seele, wenn sie sich unschuldig und gut fühlt. Nicht die Schwärmerei oder geistige Trunkenheit des Mittelalters haben sie aufgeführt; diese Verhältnisse sind in einer hohen, rein menschlichen Seele entstanden. In dieser religiösen Erhebung ist Sittsamkeit und Tugend. Es ist sonderbar; aber es ist doch wahr! Deshalb ist auch all das Große hier so anmuthig; später, als der Chor fertig war, trieben die Mönche ihr Gaukelspiel. Es ergreift Einem ein sonderbares Gefühl, wenn man in der heiligen Dreikönigsgruft vor Gold, Silber und köstlichen Edelsteinen steht, wo Alles echt ist, nur nicht die heiligen drei Könige. Aber auf den alten Notenpulten liegen die ältesten Notenhefte, Pergamentfolianten. Sie rührten mich mehr, denn die heiligen drei Könige. — —
Paris.
Ueber Lüttich und Brüssel ging es nun nach Paris, aber sonderbar genug, nicht auf Eisenbahnen, sondern auf einer Diligence Tag und Nacht, und nun befanden wir uns denn in dieser merkwürdigen, großen Stadt, wo ich einige Jahre meiner schönsten Jugend verlebt und einige meiner besten Werke geschrieben habe. Wir stiegen im Hotel de Valois ab und begaben uns gleich des Abends in die große Oper, wo wir Robert le diable sahen und gute Sänger hörten. Am nächsten Tage aber hatte das abscheuliche Podagra sich wieder eingefunden, wahrscheinlich aus derselben Ursache wie letzthin, weil ich des Nachts im feuchten Wetter gereist war. Um es etwas besser zu bekommen, wechselten wir gleich das Logis und wohnen jetzt in Rue Richelieu Nro. 3. Hier bin ich nun wieder seit vier Tagen auf den Grund gerathen und zwar dem Theater français gegenüber. Nur zwanzig Schritte vom Eingange muß ich sitzen und sehen, wie die Leute sich auf der andern Seite der Straße in das Schauspielhaus drängen, weil die Rachel spielt. Aber heute befinde ich mich doch besser; die Sonne scheint, das Wetter scheint gut zu werden und es wird dann wohl auch bald mit mir gut werden, vielleicht heute noch.
Den 8. October.
Gestern beendete ich „Das Gespenst auf Herluf'sholm“. Und als das Manuscript fertig war, nahm ich es, wie gewöhnlich in die Hand und hielt es in die Höhe, indem ich bei mir selbst sagte: „Da ist wieder eine Arbeit fertig,“ Aber was geschah! Ich fing wie ein Kind zu weinen an und war betrübt, weil es jetzt fertig war und mich verlassen sollte. Ihr werdet sehen, daß es sehr national ist. Die Liebe zum Vaterlande und zu meinen Kindern ist die Ydun, die mich begeistert hat. Jean Paul sagt irgendwo, daß, wenn er einen Roman geschrieben, er oft so von der Heldin desselben eingenommen worden, daß es ihn zuletzt schmerzte, Abschied von ihr zu nehmen. Etwas Aehnliches habe ich oft gefühlt, und dieses Gefühl wird um so inniger im fremden Lande. Das Heimweh, das meine Jugend begleitete, fühle ich noch. Wenn dieses Gefühl, das der Grundton meiner Seele ist, immer die Oberhand gewänne, würde ich in eine krankhafte, schwache Sentimentalität verfallen; aber — da mein Geist kühn, munter und thätig ist, während meine Seele treu ihrer alten Liebe bleibt — so lebe ich auch noch immer fort, nehme an allem Schönen, Großen und Interessanten, das mir begegnet, Theil. Selbst an einem fröhlichen Mahl in guter Gesellschaft kann ich so vollständig Theil nehmen, wie ein sanguinischer Prälat — und Keiner würde mir ansehen, daß ich vielleicht am Morgen desselben Tages mit Abälard geweint, oder mit Dante die Augenbrauen melancholisch zusammengezogen. Kurz, es geht mir wie dem berühmten französischen Schauspieler Chenard, während der Revolutionszeit im Jakobinerklub. Gewiß, der Dichter muß diese Flexibilität mit dem Schauspieler theilen; sein Vortheil ist nur der, daß sie viel größer und mit mehr Selbstständigkeit verknüpft ist. Das heißt nicht Einseitigkeit, sondern Vielseitigkeit. Diese Vielseitigkeit verbietet ihm es ausschließlich mit irgend einer einzelnen Partei der Zeit zu halten, aber er hält es mit dem Guten bei ihnen Allen in Ewigkeit.
Bild von Paris. Charakter der Franzosen.
Aber, Ihr wollt ein Bild von Paris, so wie es vor meiner Seele steht? Hm — soll es vielleicht so sein wie Goethe's Schilderung des römischen Carnevals? Das ist unmöglich! Weshalb? Weil Goethe's Schilderung Original war, und ich, wenn ich ihm nachahmen wollte, nur eine Copie liefern würde. Doch halt — jetzt geht mir ein Licht auf. — Paris hat sehr hoch hervorragende Schornsteine und Brandmauern; welche in der Entfernung den Häusern ihre Schönheit rauben. Die unterste Etage ist ein fortlaufender, ungeheuer großer, schöner, kostbarer Galanterieladen. Dieser Galanterieladen ist größer als Kopenhagen und besteht nicht allein aus Galanteriewaaren, aus Juwelen, Porzellan, Shawls, Stoffen, sondern auch aus Stiefeln, Würsten, Schinken, ja selbst aus Brennholz und Steinkohlen; denn Alles ist hier galant und nett bis zu einem gewissen Grade, insoweit man von der Straße und dem Laden aus es zu sehen vermag. Die schönste Eleganz ist mit Sicherheit und Annehmlichkeit verbunden. Deshalb die hohen Schornsteine, damit die Kamine nicht rauchen und die Häuser nicht abbrennen. Paris ist und bleibt der Mittelpunkt europäischer Cultur und — Humanität. Ja, es unterliegt keinem Zweifel, daß hier die größte gesellschaftliche Humanität in Europa zu Hause ist. Guizot (zu dem ich eingeladen gewesen und der mir große Artigkeit und Freundlichkeit erwies) hat ein Buch geschrieben „Cours d'histoire moderne.“ In einem Abschnitte desselben histoire de la civilisation en France, vergleicht er die Engländer, Deutschen und Franzosen. Die Engländer lobt er des Reellen, die Deutschen des Ideellen, die Franzosen aber einer Vereinigung beider wegen, wodurch sie der englischen Plumpheit und der deutschen Spitzfindigkeit entgehen. Hierin hat er ohne Zweifel Recht; die Engländer sind tiefer, die Deutschen höher, als die Franzosen — aber wenn eine harmonische Verbindung der Kräfte (welcher die einseitige Virtuosität zum Opfer gebracht werden muß) das am meisten Menschliche ist — denn wir können nicht Alles besitzen — so herrscht auch die Humanität nirgends mehr, als unter dem französischen Volke. Das alte Gerede von der Leichtfertigkeit und Unzuverlässigkeit der Franzosen ist aus der Luft gegriffen. Die größte Tüchtigkeit und Ehrlichkeit findet sich bei Vielen, bei sehr Vielen. Es ist keine kalte Höflichkeit, die den Franzosen zur Artigkeit bewegt, es ist bon sens, es ist feines, edles Menschengefühl. Die Franzosen machen einander nicht sofort große Aufopferungen, aber wer thut das? Wo ist die deutsche, englische, nordische Tugend, die das thut? Dem ehrlichen Finder wird ein raisonables Douceur versprochen! Die Franzosen besitzen zwar ein selbstbehagliches — wenn man will — eitles Gefühl ihrer Vorzüge — aber sie sind gutmüthig und wirklich bescheiden; das ist mehr, als man von den Norddeutschen sagen kann, bei welchen Einbildung und Neid nicht selten vorkommen. Was den Franzosen besonders noch fehlt, ist die Kenntniß mehrerer Sprachen. Dies erkennen sie aber an. Sprachunterricht im Deutschen und Englischen verbreitet sich bei den Kindern, und man findet oft ältere Leute — ich habe mehrere getroffen, — die gut Deutsch sprechen. In einigen Abenden bin ich bei einem General Baron Pellatier eingeladen, dessen eine Tochter den größten Theil von Jean Paul's Hesperus übersetzt hat. Man spricht so viel von französischen Thorheiten in politischer Richtung, man urtheilt aber nach den Oppositionsparteien der Zeitungen. Wo finden sich solche Thorheiten nicht? Es giebt auch hier eine große Masse billiger, vernünftiger Leute, und was nun die französischen politischen Thorheiten betrifft, die geschehen sind, so wollen wir darüber nicht die Nase zu sehr rümpfen! Mit seinem Blute hat Frankreich politische Experimente für ganz Europa gemacht. — Europa hat Früchte davon geerntet, und es würde unedel sein, den Nutzen, den man gehabt hat, mit Verachtung zu vergelten. Selbst die gräßliche Schlächterwuth während der Schreckenszeit der Revolution wird als ein Wahrzeichen dastehen, und die Zukunft vor dergleichen Auftritten bewahren und retten. Die Humanität herrscht hier; alle die alten aristokratischen Knaben- und Bubenstreiche liegen wie zerknitterte Papierblumen in dem alten Galanterieladen Faubourg St. Germain, und nur dort vielleicht noch in einem gewissen Zirkel, wenn man allein ist, wird die alte Menuett getanzt. — Aber selbst der französische Adel im Allgemeinen ist gar nicht so aristokratisch. Ich habe Marquis' und Grafen gehört, wie sie untereinander mit diesen alten Formen Spott getrieben. Es ist jetzt in Paris ein allgemeiner Grundsatz, daß in der guten Gesellschaft nur Geist und Talent als hervorragende Eigenschaften zur Geltung gelangen dürfen. Und welche Freiheit hier! Man lebt, wie es Einem beliebt. Klatscherei und Kleinstädterei findet man hier nicht. Alle Pedanterie verschwindet. Ueber Tische spricht man offen, warm und ernst — auch munter und fröhlich — und spaßt und spottet nicht immer (der Grundton der gesellschaftlichen Conversation in Kopenhagen) weil man sich genirt, sein Inneres herauszukehren und die Vertraulichkeit fürchtet, entweder weil man einander nicht traut, oder weil man aller Uneinigkeit entgehen will.
Ihr glaubt wohl, daß ich mich jetzt so in die Franzosen vergafft, daß ich in ihnen nur Götter erblicke. O nein! die Mängel springen ebensosehr in die Augen. So findet man, ungeachtet all der anmuthigen, geschmackvollen Eleganz, die das Leben schmückt, es angenehmer und gemächlich macht, einen Mangel an höherer Kunst. In der Baukunst und Malerei stehen die Deutschen weit über den Franzosen. Wenn man von den Denkmälern Salzburgs, Münchens, ja selbst Lüttichs kommt — ärgert man sich in Paris an irgend einer Straßenecke eine plumpe steinerne Theaterdecoration mit der häßlichen Wand eines Hauses als Hintergrund zu finden, und dort Molière — ziemlich plump gemacht — über einem Springbrunnen sitzend! Wäre es doch immer noch Lafontaine, so wäre es wenigstens ein Calembourg gewesen. Aber von neueren Sachen hat Paris auch nicht viel in diesem Genre aufzuweisen, und das ältere leidet zu oft an dem Mangel, den eine sklavische Nachahmung der Griechen verursacht; so z. B. die Madeleinekirche. Pantheon ist ein großes, edles Gebäude; hier ruhen Voltaire und Rousseau; vor achtunddreißig Jahren sah ich ihre hölzernen Sarkophage (sie sollten Stein werden — aber sie sind noch nicht versteinert). In der Kuppel befindet sich ein sonderbares Frescobild von Gros, in welchem viel Schönes mit viel Bizarrem vereinigt ist. Die alten Frankenkönige und Königinnen sind gut, aber Ludwig XVIII. überreicht die Charte geschniegelt und frisirt. Das möchte noch sein, wenn nicht Ludwig XVI. gleichfalls frisirt und geputzt, und gekrönten Hauptes in den Wolken säße, in der Hand einen Palmzweig haltend und singend, wie ein Engel. Cuvier's plump gemachte Statue fand ich im Museum des botanischen Gartens unter lauter ausgestopften und unvernünftigen Bestien. Von den hiesigen Malern ist Horace Vernet ohne Zweifel Derjenige, der sich den großen deutschen Malern am meisten nähert. In der Galerie des Luxembourg sah ich ein Bild von ihm: Raphael mit seinen Jüngern und Michel Angelo, das vorzüglich ist.
Besuch bei Louis Philipp.
Paris, den 8. Februar 1845.
— — Da ich weder die Gewohnheit habe, mich selber hervorzudrängen, noch mich zurückzuziehen, wo es Gelegenheit giebt, ausgezeichnete Menschen kennen zu lernen, so hatte ich fast viertehalb Monate in Paris verbracht, ohne den vielgerühmten König Louis Philipp zu sehen, oder zu sprechen, der nach seinem Besuche in England sich einige Zeit in Eu aufhielt und später nach Saint-Cloud kam. Eines Tages trat unser Minister Herr von Kofs bei mir ein und erzählte, daß Seine Majestät den Wunsch geäußert hätte, mich zu sehen, daß er deshalb mich und William nach Saint-Cloud führen wollte. Herr von Kofs machte uns darauf aufmerksam, daß es eine Auszeichnung sei, sofort zu dem Abendzirkel des Königs zugezogen zu werden. Wir fuhren also am nächsten Abend um acht Uhr nach Saint-Cloud und gelangten auf einer schönen, geheitzten Treppe durch prächtige Zimmer in das Allerheiligste. Hier saß die edle alte Königin mit schneeweißen Haaren an einem großen Tische und legte ganz still für sich mit zwei Spiel Karten Cabala. Die Schwester des Königs, Madame Adelaide, legte auch Cabala mit wenigeren Karten, und die Herzogin von Nemours, sowie die Prinzessin von Joinville, waren mit Handarbeiten beschäftigt. Wir wurden der Königin vorgestellt, die sich sogleich nach dem Befinden unseres Königspaares erkundigte, und sich mit vieler Liebe dessen Aufenthaltes in Paris erinnerte. Darauf stellte uns Herr von Kofs Madame Adelaide vor. Kurz darauf kam ein etwas bejahrter, rascher, starker Mann mit weißem Barte und Haaren, die zu ergrauen begannen, munter und schnell herein. Er war ganz bürgerlich gekleidet, die Uhrkette in ein Knopfloch der Weste eingehängt. Sein Gesicht war frisch und gesund, freundlich und lebhaft. Er grüßte uns als seien wir alte Bekannte gewesen, und leitete sogleich ein Gespräch über Dänemark und Norwegen und seinen dortigen Aufenthalt ein. Er sei in Kopenhagen unter dem Namen „Möller“ gewesen, habe auf dem großen Markte gewohnt, Vahl und Suhm besucht, und sei überhaupt überall herumgewesen. Als ich die Bemerkung machte: „Majestät finden gewiß nicht, wie so viele Franzosen, die es nicht kennen, daß Dänemark ein schlechtes Land ist,“ sagte er: „Es ist ein schönes Land, besonders Fünen; es ist die schönste Insel, die man sich denken kann.“ Er lobte gleichfalls Seeland und Holstein; er erzählte, daß er ein Creditiv auf das Haus de Conink gehabt habe — dasselbe sei nicht groß gewesen. Als er mit einem Schiffer von Kopenhagen abreisen wollte, und keinen Paß hatte, bemerkte ihm dieser: „Sie sind gewiß ein junger Mensch, der dumme Streiche gemacht hat.“ In dieser Weise sprach er eine ganze Stunde freundlich mit uns. Des schönen Norwegens und seines Aufenthalts bei den braven kräftigen Leuten erinnerte er sich gleichfalls mit großem Interesse. Als er sich zurückzog, bat er uns, den nächsten Abend im Theater zu erscheinen. Wir verbeugten uns dankend, erschienen auch am nächsten Abend in der prächtigen Versammlung. In Saint-Cloud ist es bei dergleichen Vorstellungen so eingerichtet, daß die königliche Gesellschaft sich von den Gemächern in die erste Etage begiebt; das Uebrige ist dem Publikum eingeräumt. Aufgeführt wurde: „Schwank über Schwank“, ein Stück, das in meiner Jugend bei uns oft gespielt wurde. Der König liebt das Alte. Ein anderes, kleineres Stück, das gespielt wurde, war nicht viel werth. Der König, der mir auch hier sehr freundlich entgegentrat, erzählte mir, daß dieses Stück von dem Sohne eines seiner alten Schulkameraden geschrieben sei. Er ließ sich noch ferner mit mir in ein Gespräch ein, und als England und dessen große Macht im Laufe desselben genannt wurde, und ich England das moderne Karthago nannte, sagte er scherzend: „Aber wir wollen doch nicht sagen, wie jener Römer: delenda est; ich halte auf den Frieden.“ Da ich eine friedliche Haut bin, so konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: „Gott segne Ew. Majestät dafür“. Kurz darauf wurde der Hof nach Paris verlegt und es dauerte nicht lange, so wurde ich zur königlichen Tafel zu einem großen Diner eingeladen. Ich hatte vorher die Bekanntschaft der alten Marquise Dolomieu, Hofdame der Königin gemacht. Sie war die einzige, die ich kannte; sie nahm sich meiner sehr freundlich an und als wir zur Tafel gehen sollten, ergriff sie meinen Arm und machte sich selbst zu meiner Tischnachbarin. Es war eine außerordentlich reiche Tafel; der Tisch strahlte von Gold u. s. w. Wir saßen in dem großen Speisesaale, wo auch Napoleon gesessen hatte. Die Tafelmusik war schön und es rührte mich, als zuerst „O Richard, o mon roi! l'univers d'abandonne“ gespielt wurde — nach der Mahlzeit stand ich in einem Winkel im großen Saale, woselbst der Kaffee servirt wurde. Der König arbeitete sich durch die Menge zu mir heran, faßte mich bei der Hand und führte mich aus meinem Winkel ein gutes Stück nach der Mitte des Saales, wo er mich einem hohen, schönen Manne vorstellte und davon ging. Der große Mann erzählte mir auf Französisch, daß er alle meine deutschen Arbeiten kenne, und bat mich, ihn zu besuchen. Ich glaubte, es sei eine fürstliche Person von hier und sagte: „Ich würde die Ehre haben“. Ich war der Ansicht, daß er einige Straßen weiter wohne. Er verabschiedete sich freundlich von mir. Später sah ich, daß ein Hofmann ihn mit großer Ehrerbietung anredete. Aber noch ging mir kein Licht auf. Erst zwei Abende später, als ich in der Opéra comique in den Zwischenakten im Moniteur las, daß der König und die Königin von Belgien wieder abgereist waren, rief ich aus: „Hättest Du Dir nicht denken können, daß es ein König sein mußte, dem der König Dich vorstellte!“ Und ich hatte mit ihm gesprochen wie mit einer Privatperson; — Vous gesagt und nicht einmal Monseigneur. Aber jetzt muß ich doch über Belgien nach Hause zurückkehren, um ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours waren wir kurz darauf zum Konzert eingeladen. Er ist sehr freundlich und artig, ein schöner blonder, junger Mann, doch sieht er nicht so zutraulich aus, wie der Vater, wie Joinville und Aumale. Man sagt, daß er schüchtern und verlegen ist; er steht gewöhnlich mit gekreuzten Armen; seine Gemahlin ist eine Schönheit.
Besuch bei Ludwig Philipp.
Weil nun der König mir so viele Freundlichkeit erwiesen, hielt ich es auch für meine Pflicht, mich, wie es Sitte ist, in den ersten Tagen des Jahres aufs Schloß zu begeben und dort meinen Neujahrswunsch darzubringen. Gaimard kam und holte mich und William ab; er war in Uniform, William gleichfalls; aber ich hatte keine und Gaimard sagte: „Ich könnte schon in meinem schwarzen Frack erscheinen“. Aber was geschah? In dem Vorsaale wurde ich von einem Kammer- oder Hoffourir sehr artig angehalten, indem derselbe mich fragte, ob ich Deputirter sei? Als ich verneinte, zuckte er die Achseln und bedauerte, daß ich alsdann nicht vorgelassen werden könnte, da Alle in Uniform sein müßten. „Ich habe keine“, antwortete ich, und wollte bereits wieder umkehren. Gaimard, der ein gutmüthiger Kauz ist, begann den Lakaien auf der Treppe zu erzählen, daß ich ein großer Dichter, le Corneille de Danemarc sei. „Je'n suis sur“, antwortete einer der Lakaien, aber sie hätten doch keine Ordre, den dänischen Corneille einzulassen. Gaimard wollte durchaus erst mit einem Adjutanten reden; da dieser aber ebenfalls Nichts ausrichten konnte, entschlüpfte ich Gaimard und begab mich nach Hause. William begleitete mich, obgleich er hätte bleiben können, weil er in Galla war. Aber ich warf mich selbst in die äußerste Finsterniß, woselbst — wenn auch nicht Heulen, doch Zähneklappern war, denn es war kalt. Indessen hatte Gaimard die Hoffnung noch nicht aufgegeben; er sprach wiederholt mit einem Adjutanten, der es dem König berichtete, und dieser befahl sogleich, daß man mich einlassen sollte. Aber fort war ich.
Einige Tage später war wieder ein Hofball in Uniform, zu welchem wir eingeladen wurden. Obgleich nun der König mir erlaubt hatte, in schwarzem Fracke, wie ein Deputirter zu erscheinen, so wollte ich mich doch ein wenig putzen — denn ich hatte gehört, man könne sich ein habit de goût machen — da ich aber keinen Gout an Dem fand, was der Schneider forderte, um meinen neuen schwarzen Frack zu verderben, so miethete ich einen dreieckigen Hut, decorirte denselben mit der Danebrogs-Kokarde, miethete mir gleichfalls einen Hofdegen, und in diesem Anzuge begab ich mich aufs Schloß. Der Hoffourir wollte mir auf der Treppe nachsetzen, fragte aber doch erst William, der hinter mir in Scharlach ging: „Ist das der dänische Poet?“ und als er bejahte, zog er sich mit den Worten zurück: „Er darf hinein“. So stolzirte ich also in dem ungeheuren Gewimmel von Uniformen umher, und wäre für einen Deputirten gehalten worden, wenn nicht meine fremden Orten, die ich, um mir doch ein Relief zu geben, angelegt hatte, den Scharfsinn der Pariser in Verlegenheit gesetzt hätten; sie betrachteten mich verwundert und wußten nicht, welchem der fünf Sinne angehörend sie mich betrachten sollten, ob dem Gesicht, Geruch, Gehör, Gefühl oder Geschmack. Daß es der Geschmack sein sollte, begriffen sie, trotz meines habit de goût wohl nicht. — Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich es für meine Dichterpflicht hielt, dem König Ludwig Philipp, der mir so viele Achtung und Freundlichkeit erwiesen hatte, dieselbe nach Kräften ein wenig zu vergelten, d. h. ihm einige Verse zu widmen, worin ich ohne Schmeichelei und auch ohne Kriecherei sein Verhältniß zu meinem Vaterlande und zu mir poetisch aussprach. Ich schrieb also ein solches kleines Gedicht ohne Ueber- und Unterschrift, und nahm dasselbe mit mir, als ich zur Tafel beim Könige war. Während des Gesprächs mit ihm — wir standen allein in einer Nische — sagte ich: „Majestät, ich habe ein kleines Gedicht an Sie geschrieben“. — „Haben Sie es bei sich?“ „Ja, ich habe es in der Tasche“. — „Geben Sie es mir gleich; ich werde es in meinen Hut legen, so wird es Keiner gewahr werden“. Ich gab ihm die Verse. Sie waren in deutscher Sprache und lauten:
Vor Frankreichs König soll ich stehen, Er will den Dänendichter sehen, Den Pilger, seinem Schlosse nah; Sein Geist lebt nicht in engen Schranken, Er ist der erste Fürst der Franken, Der Dänemark und Norweg sah. Sonst fragte man nach Norden wenig, Er ist der erste Frankenkönig, Der unsre ferne Sprache kennt. Noch denkt er oft in heitern Stunden, Wie dort er Ruh und Trost gefunden, Als düster war sein Firmament. In Norweg, wo er oft gesessen In Hütten, wird er nicht vergessen; Ludwig Philipp! Man nennt Dich gern; Und zeiget aus dem stillen Thale Nach Deines Ruhmes breitem Strahle, Du funkelst jetzt als Abendstern! Kennst Deutschland, Deutschland kennt Dich wieder, Du hörtest seine besten Lieder, Wo Tell gelebt und Winkelried, So wagt sich auch getrost der Däne, Und reicht dem Herrscher an der Seine In deutscher Zung' ein kleines Lied. Der Skald des Winters, Sohn von Brage, Wünscht Ludwig — schöne Wintertage! Denn schön ist auch des Winters Fest: Trägt Frieden in dem weißen Schilde! Die Sonne scheint und macht ihn milde, Und tödtet jede Seuch' und Pest!
Einige Tage darauf hatte ich bei der Herzogin von Orleans, die ich bei den Hoffesten nicht gesehen hatte, eine Privataudienz. Sie kam mir sehr freundlich entgegen, redete mich gleich Deutsch an, sprach sehr anerkennend von meiner Dichterwirksamkeit und als ich fragte, ob Ihre Königliche Hoheit einige meiner Arbeiten kenne, sagte sie: „Ja, Alles was Deutsch geschrieben ist — die dänische Sprache verstehe ich leider nicht. Ich bin gerade jetzt bei einer Erzählung von Ihnen, welche ich mit großem Vergnügen lese, und ich erzähle sie meinem Sohne unter dem Lesen wieder“. Als sie nicht den sonderbaren, fremden Namen aussprechen konnte, fragte ich, ob es Oervarodd sei. „Ja, ja Oervarodd“, antwortete sie freundlich lächelnd. — Der kleine Graf von Paris wird, wie recht und billig ist, als künftiger König von Frankreich während seiner ersten Kinderjahre ganz Französisch erzogen. Die Mutter spricht nur Französisch mit ihm und jetzt übersetzt sie ihm den Oervarodd. Sie ist eine außerordentlich reizende, geistreiche Dame, und besitzt den edelsten Charakter. Als sie hörte, daß ich eine kleine dänische Tragödie hier geschrieben, und dieselbe bereits ins Deutsche übersetzt hätte, bat sie mich, ihr das Werk, wenn es gedruckt sei, zu senden. Sie erzählte mir, daß der König ihr mein kleines Gedicht an ihn gezeigt und daß es sie Alle sehr erfreut habe.
Die Brüder Rothschild.
Bei dem Diner beim Könige von Frankreich war ein kleiner Mann mit großen klugen Augen und einem Sterne auf der Brust zugegen. Er starrte mich mitunter an. Als der König mit mir gesprochen hatte, kam dieser Mann auf mich zu und fragte, ob ich ihn nicht besuchen wolle. Ich dankte verbindlichst und fragte, mit wem ich die Ehre zu sprechen hätte. „Rothschild“, sagte er. Welcher Zauber liegt nicht in diesem Namen! Als Klopstock seine Ode „die Gräber Rothschild's“ schrieb, dachte er gewiß nicht, daß dieser Mann in der Weise in der Geschichte strahlen sollte.
Als ich mich jetzt durch den Namen gewissermaßen in landsmannschaftlichen Beziehungen zu dem berühmten Hause fühlte, so nahm ich das Anerbieten an, und besuchte James Rothschild einige Tage später auf seinem Comptoir. Dort saß er vor dem einen, und sein um zwanzig Jahre älterer Bruder Salomon vor dem andern Pulte. Der Bruder hatte kaum zwei Worte mit mir gesprochen, so lud er mich auf zwei Tage später zu Mittag ein. James sandte einen Hausfreund, einen Advocaten Joël, zu seiner Frau, um zu erfragen, wenn es ihr genehm sei. Und es wurde dann sofort gleichfalls entschieden, daß ich andere zwei Tage später bei James sein sollte. Joël ist ein Schöngeist; ein Wiener, der bei den für mich in Wien arrangirten Festlichkeiten zugegen war. Salomon ist ein gutmüthiger Sonderling. Vor der Mahlzeit saßen wir und plauderten. „Ja“, sagte er auf Deutsch — bei ihm wurde heute nur Deutsch gesprochen, ungeachtet vierzehn Personen zugegen waren — „es ist gut genug, reich zu sein, es hat seine Annehmlichkeiten, seine großen Annehmlichkeiten, aber, glauben Sie mir, auch seine großen Lasten. Wir hätten ja, was uns selbst betrifft, nicht nöthig, die Geschäfte fortzuführen; da aber das Wohl so vieler Menschen davon abhängt, so fühlen wir, daß es eine moralische Pflicht ist. Ich arbeite viel und mein Bruder James reibt sich ganz auf; er arbeitet täglich von 8 bis 5 Uhr im Büreau.“ Als wir später von den Merkwürdigkeiten von Paris sprachen, sagte er: „Ich bin jetzt hier seit 1811 gewesen und habe noch gar keine Merkwürdigkeiten gesehen. Ich bin noch nie in Versailles gewesen“. Dagegen besitzt er selbst solche Feenpaläste in Paris, Frankfurt und Wien. Als wir gespeist hatten und die Uhr halb 9 geworden war, frug er bei dem Kaffee: „Was machen Sie jetzt, wenn Sie nach Hause kommen?“ — „„Ich lese etwas und trinke später eine Tasse Thee““. — „Das thue ich nicht,“ antwortete Salomon, „ich gehe zu Bett. Ich gehe jeden Abend um 8½ Uhr zu Bette und stehe um 4 Uhr auf“. — Seine Frau ist eine freundliche bejahrte Dame mit einem treuherzigen Gesichte. Man sagt von ihnen Allen, daß sie sehr wohlthätig sind. Bei James trafen wir Humboldt, der nach Paris gekommen ist. Hier wurde aber Französisch gesprochen. Eine Schriftstellerin, Madame Gerardin, war auch hier. Victor Hugo war eingeladen, hatte sich aber entschuldigt, weil er mit einer Rede viel zu thun hätte, die er in der französischen Akademie halten müsse. James' Frau ist eine anmuthige junge Dame von außerordentlicher Bildung und vielem Geschmacke und Liebe zur Poesie. Ich bin später bei ihr gewesen und habe ihr meine neue Tragödie vorgelesen. Einige Tage nach diesen Mittagsgesellschaften waren wir zum Ball bei Salomon. Es war ein ganz außergewöhnlich prachtvoller Ball. Die schönsten Zimmer mit andern kleinen Nebenzimmern verbunden, wie Corridors mit offenen Bogen. Ein großer Saal mit einer Tafel, prächtig erhellt von großen goldenen Armleuchtern, voll von Confituren und eingemachten Früchten zur beliebigen Auswahl der Gäste. Neben diesem Saale, gleichfalls unter Bogengängen, ein großer Conditorladen, in welchem mehrere Bediente standen und den Gästen alle Arten Eis, Limonade, Kuchen u. s. w. reichten. Aber dieses Alles war nur ein Vorspiel zu dem brillanten Souper, das die Gäste erwartete, das wir aber weder zu sehen, noch zu kosten bekamen, weil wir um ein Uhr nach Hause fuhren, vollkommen mit Dem zufrieden gestellt, was wir genossen hatten.
Villemain.
Gleich im Anfang unseres hiesigen Aufenthaltes führte uns Gaimard bei Arago und Villemain ein. Mit dem Ersteren hatte ich keinen weiteren Berührungspunkt. Wäre ich ein Komet gewesen, so hätte er mich ausgemessen und meine Wege kennen gelernt; jetzt war er so höflich einige Complimente an mich zu verschwenden und hiermit war meine Bahn zu ihm berechnet. Aber Villemain war ein Schöngeist und mit ihm hatte ich eine lange Unterredung, in welcher er sich sehr schön über fremde, besonders über englische Literatur aussprach. Es wollte mir eben nicht munden, daß er ein so großer Bewunderer Milton's sei; aber ungeachtet ich in seinen Aeußerungen viel Unrichtiges fand, waren sie doch ganz vernünftig. Er war sehr freundlich und sagte, er wolle mich bald in Gesellschaft mit andern Schöngeistern von Paris bei sich einladen. Es wurde übrigens nichts aus dieser Einladung. Einige Monate verstrichen; ich sprach ihn während dessen im Theater in der königlichen Loge, wir grüßten uns: „Ah, voila notre grand poëte chez le roi!“ sagte er freundlich, aber ließ sich nicht weiter mit mir ein. Kurz darauf erfuhr ich, daß er wahnsinnig geworden, der Arme! Man sagte, der Ministerposten habe ihn zu sehr angestrengt, er sei dazu nicht geschaffen, sondern hätte ein Gelehrter bleiben sollen. Er war früher, als ich, Professor der schönen Wissenschaften. Ich würde ebenfalls nicht zum Minister taugen; aber ich glaube auch, daß ich nie so verrückt werden könnte, es sein zu wollen.
Thierry. De Vigny.
Einen andern, ausgezeichneten, aber gleichfalls unglücklichen Gelehrten habe ich hier besucht: den berühmten Thierry, den Verfasser der Geschichte der Normannen. Thierry's Werk scheint mir nicht allein das beste geschichtliche Werk Frankreichs, sondern überhaupt des jetzigen Europas zu sein. Es verbindet mit geschichtlicher Genauigkeit und Quellenstudium die Wahrheit des Geistes, die Wärme des Herzens und die zu einem guten historischen Werke nothwendige poetische Einbildungskraft, Alles wiederum mit der kindlichen Naivetät verknüpft, die wir bei Herodot und Snorro bewundern. Welchen Gegensatz bilden hierzu nicht die trockenen, wenn auch gelehrten Werke Thiers' und Dahlmann's, in welchen der Grundton eine kalte Polemik ist. Thierry ist noch kein alter Mann, kaum fünfzig Jahre, wohlhabend, allgemein geehrt und geliebt, aber — er ist blind und epileptisch. An dem Abende, den ich bei ihm verbrachte, wurde er auf einem kleinen Stuhle in die Stube zu uns hereingefahren. Er drückte freundlich meine Hand und sprach ersichtlich gern mit mir über unsere alte Geschichte, während wir Thee und eine Art Kuchen genossen, die ihm ein guter Freund aus Mailand gesandt hatte.
Einen Dichter von Bedeutung, der mir hier freundlich entgegengekommen ist, muß ich nennen, es ist Graf Alfred de Vigny. Ich habe den größten Theil seiner Werke gelesen. Er schenkte mir ein Exemplar seiner Dramen und schrieb darein: Hommage de sympathie et de haute éstime de la part de l'auteur?
Victor Hugo.
— — Um jetzt wieder auf den großen Sieger, Victor — oder wie er der größern Deutlichkeit wegen auch genannt wird — Victor Hugo, Vicomte — zu kommen, so hatte ich, wie Ihr aus früheren Briefen wißt, zweimal versucht, sein Herz oder wenigstens sein Logis zu stürmen. Aber hier sitzt er eben so gut gegen Besuche gesichert, wie Reinecke Fuchs in seiner Burg Malepartus und läßt sich verleugnen, wenn es nicht gerade Sonntag Abend ist, an welchem er allen Lusthabenden Audienz giebt und sie zur Cour vorläßt. Außer diesen Festtagen ist es unmöglich, sich Eingang zu verschaffen, ungeachtet ein Schneider der einzige ist, der seine Festung vertheidigt. Dieser Schneider ist zugleich Thürhüter, und nimmt, auf seinem Tische hockend, mit großer Behendigkeit die Visitenkarten entgegen, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. Da er gar keine Notiz von mir nahm, so dachte ich „was ist es auch der Mühe werth, Victor Hugo mit Gewalt zu nehmen? Das wäre eine Sünde, er will am Liebsten ungestört sein, lassen wir ihn; Paris ist groß genug für uns Beide!“
So standen die Sachen, als es der Zufall wollte, daß ein anderer Poet, Deschamps, ganz untergeordneten Ranges, aber ein sehr liebenswürdiger freundlicher Mann, der Deutsch versteht und Romanzen von Goethe und Schiller übersetzt hat, — auch meine Muse kennt und liebt, — uns zu einer Soirée einlud. Hier waren viele Menschen. Deschamps kam auf mich zu und fragte mich, ob ich Victor Hugo's Bekanntschaft machen wollte? Ich glaubte, er meinte, daß wir ihn gemeinschaftlich besuchen sollten, und antwortete ganz trocken: „Nein!“ Später kam er noch einmal, ich sagte noch einmal „Nein“, und fügte hinzu, „ich bin zweimal vergebens dort gewesen“. Später erfuhr ich, daß Victor Hugo in der Gesellschaft zugegen sei. Aber ungeachtet ich mich weder kostbar mache, oder streng auf die Form sehe, wo ich mehr als bloße Form wähne, so fand ich es hier doch unpassend, mich Victor Hugo vorstellen zu lassen, da ich zweimal bei ihm gewesen war und nur seinen Schneider zu sprechen bekommen hatte. Indessen betrachtete ich doch aus der Ferne den großen Mann, wie er dort zwischen einigen ältern Damen saß, die ihm die Cour machten. Schön ist er nicht, häßlich auch nicht, in einem blühenden Lebensalter, frisch, fett, stark und gesund. Er sah gar nicht hochmüthig aus, eher etwas verlegen, wie Derjenige, dessen übermäßige Prätensionen mehr der Eitelkeit als dem Stolze entspringen. Endlich, als der Thee servirt wurde, und ich mich in dem andern Zimmer bei den Damen befand, sah ich Victor und Deschamps die Köpfe leise redend zusammenstecken und das Resultat hiervon war, daß Deschamps Victor Hugo zu mir führte und ihn mir vorstellte. Er sprach einige artige Worte, unter andern, daß die Franzosen „tort“ hätten, keine fremde Literatur zu kennen. Ich war ein wenig ungehalten, und antwortete: „Ja, das habt Ihr allerdings! Es wäre so dumm nicht, wenn Ihr Euch ein wenig um Eure Nachbarn bekümmertet“. Darauf wechselten wir mehrere artige Redensarten; zu einem ordentlichen Gespräche kam es aber nicht, und wir trennten uns, nachdem er mich wieder gebeten hatte, ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours traf ich ihn wieder und da ich nun das erste Mal mich expectorirt und ihm ein wenig imponirt hatte, trat ich ihm freundlich entgegen und versprach, ihn zu besuchen, aber weder hier noch später auf einem Balle beim König kam es zu einer längern Unterhaltung zwischen uns.
Jetzt beschloß ich also ihn zu besuchen. Er wohnt weit entfernt, an dem Bastillenplatze, ich fuhr in einem Fiaker dahin; sein Audienzzimmer ist groß; die Familie saß im Dämmerlichte und ein einladendes Steinkohlenfeuer flackerte im Kamine. Hier, eh noch andere Gäste kamen, sprachen wir denn endlich von Diesem und Jenem. Hier ist der englische Schauspieler Macready mit seiner Truppe angekommen, um Shakespeare'sche Stücke aufzuführen. Ich hatte ihn als Hamlet gesehen. Victor Hugo lobte ihn. Ich entgegnete freundlich: „Ich bitte um Verzeihung; aber ich kann nicht Ihrer Ansicht sein. Hamlet muß ein liebenswürdiger, junger Mann sein, voller Schwärmerei, Gefühl, Humanität — er muß das Herz einnehmen, muß natürlich sein u. s. w. Macready ist alt, häßlich, affectirt, convulsivisch“. — „Vous avez raison“, sagte Victor Hugo, ohne ferner seine Ansicht zu vertheidigen. Nun langten mehrere Gäste an, und damit war die Audienz zu Ende.
Es ist sonderbar mit diesen Franzosen; sie wissen gar nichts von uns Fremden, aber sie wünschen auch nichts von uns zu wissen; — sie fragen nur, wie wir in Paris uns „amüsiren“. Victor Hugo hat eine schöne Frau; zwei hübsche Söhne, und eine allerliebste Tochter. Er ließ sich nun in Conversation mit seinen Damen ein, und bekümmerte sich nicht mehr um mich, und ich gesellte mich zu einem Herrn Ehrenbaum, einem deutschen Doctor. Ich betrachtete das Zimmer, welches das Ansehen einer großen Rumpelkammer hatte, in dem eine Menge alte Möbel zusammengetragen waren, unter andern auch ein Thronhimmel aus den Zeiten Ludwig XIII. Ich hielt mich nicht lange auf, aber Victor war doch so höflich, mich bis zur Thüre zu geleiten. Ich hatte weder Nasses noch Trocknes genossen; doch jetzt bekam ich Nasses genug, denn der Regen goß in Strömen herab. Ich kannte die Straße nicht und verirrte mich. Mitten auf dem Bastillenplatze blieb ich endlich vor einem hohen, ungeheuern, schwarzen Gegenstande stehen. Es war der große Elephant, den Napoleon hier aufstellen ließ, der mir durch seine Gegenwart sagte, daß ich mich verirrt hatte, und gerade nach der entgegengesetzten Richtung gehen sollte. Hier fand ich aber endlich, wie eine gebadete Maus, einen elenden Fiaker, mit dem ich nach Hause fuhr. — Das war mir Alles ganz recht; was wollte ich dort? Ich habe viele von Victor Hugo's Werken wieder gelesen, obgleich ich bereits die Mehrzahl schon kannte. „Lucretia Borgia“, „Marion de Lorme“, „Le roi s'amusé“, „Marie Tudor“, „Ruiz Blas“, und ich befinde mich jetzt wieder mitten in seinem „Notre Dame de Paris“. Ich kann das Urtheil, das ich bereits früher über ihn ausgesprochen, nur wiederholen. Er ist ein Mann von Geist, von Feuer und Phantasie, und zweifelsohne derjenige der französischen Dichter, der das größte Talent besitzt. Aber er ist in einem hohen Grade bizarr und convulsivisch und alle seine Helden und Heldinnen sind tragische Carrikaturen. Die unglückliche Ansicht, das Moralische und Tugendhafte in der Poesie als etwas Bornirtes, Unpoetisches, ja fast Einfältiges und Dummes zu betrachten — hat sich auch seiner bemächtigt. Weil so viele Stümper und Heuchler früher diese Motive zu flauen Affectationen mißbrauchten — ist er und Consorten (denn diese Tendenz ist ja auch in germanischen und skandinavischen Ländern Mode) darauf gefallen, das Laster fast zu vergöttern. Er schildert das Laster ohne Abscheu und Verachtung, mit glänzenden Farben, und durch die Art und Weise, wie es dargestellt wird, spendet er ihm Achtung und Bewunderung, während das Gute und Edle bei Seite geschoben und wie etwas Veraltetes, das nicht mehr der Zeit angehört, fast verachtet wird! — Leider, wenn es so fortgeht, so werden wir bald — wieder Barbaren werden können. Barbaren? Nein, dazu fehlt uns die kräftige Naivetät und die entschuldigende Unwissenheit. — Wieder wie die Thiere? Nein, dazu sind wir leider zu klug, zu erfahren und kenntnißreich. — Aber spitzfindige Bestien und gebildete, feine Cannibalen, das könnten wir werden! Doch — es hat keine Noth! Auch unser Zeitalter besitzt eine große Masse Menschen mit gesundem Sinn und Herzen, welche diese genialen Knabenstreiche verachten. In Victor Hugo's Dramen und Romanen findet man kaum einen Menschen mit gesundem Sinn und von honettem Charakter. Die Composition seiner Bühnenstücke ist sehr schwach und unnatürlich. Wenn Einer etwas erfahren soll, das er eigentlich nicht erfahren dürfte, so legt er sich auf der Stelle hin und stellt sich als schliefe er. Je nach dem Bedürfniß des Stückes springen die Personen aus Schränken, Wänden, Mauern u. s. w. hervor. Da es unmöglich ist, mit einer Tragödie irgend eine Wirkung zu bezwecken, wenn man das Herz nicht rührt, so wird solches denn auch durch diese oder jene edle Eigenschaft bei den lasterhaften Personen hervorgebracht. Aber wie — z. B. — kann man Mitleid mit einer Lukrezia Borgia fühlen, weil diese Furie, dieser tragische Ausbund in ihren eigenen Sohn verliebt ist, und die Schuld seines Todes trägt. Und so ist es überall. Zuletzt wird dem Laster immer etwas Erhabenes und Edles beigegeben, das unser Mitleid erwecken soll. Weder Aeschylos, Sophokles, Shakespeare oder Schiller haben so gedacht. Selbst bei dem katholischen Calderon überholte seine gute Natur die schiefe Bildung — und, aller Vorurtheile, und alles Aberglaubens ungeachtet, schimmert das echt Humane bei ihm herrlich durch. Goethe neigte sich der Entschuldigung und der Idealisirung der Wollust in einigen seiner Werke zu. Eine gefallene Tugend — wo der Geist noch tugendhaft ist! — kann auch entschuldigt werden. Gretchen, Klärchen, die Bayadere sind schön und herrlich. Christus selbst entschuldigt die büßende Magdalena. Das ist aber etwas ganz Anderes, als Victor Hugo's Dirnen. Seine Dialoge sind übrigens geistreich und der Zwang des Reimes verhindert ihn nicht an einer natürlichen Diction. Es finden sich mehrere gute Scenen in seinen Werken, so z. B. König Ludwig, der Richelieu bis auf den Tod haßt und ihm doch blindlings gehorcht — wie der Vogel, der in den Rachen der zischenden Klapperschlange hinabfliegt. Victor Hugo ist interessant. Man langweilt sich nicht mit ihm. Aber — wenn man ihn gelesen, so hat man einen bittern Nachgeschmack, denn wodurch erweckt er besonders das Interesse? Durch das Grausenhafte! Seine Stücke sind meistentheils Hinrichtungsscenen. Man folgt ihm auf den Richtplatz. Er malt uns Alles aus: den Scharfrichter, das Beil, den Block, die Angst des Sünders, das Blut, das Grausen der Zuschauer; aber man schämt sich fast nach der Lectüre, bei einer solchen Hinrichtung zugegen gewesen zu sein, und wie Tiberius und Nero eine geistige Wollust in der Nervenerschütterung der Schrecken und in der Grausamkeit gefunden zu haben. Noch habe ich Victor Hugo's lyrische Gedichte zu lesen. Diese sollen edler, besser sein; die allgemeine Meinung hier ist, daß er eigentlich ein lyrischer Dichter ist. Es wird mich erfreuen, von ihm etwas Schönes zu lesen. Die Schönheit ist doch der Stoff aller Kunst; Tugend und Wahrheit wird als etwas veraltetes verworfen. Ist die Schönheit gleichfalls veraltet? — Dann wäre es dem Loke geglückt, Ydun mit den Aepfeln wieder in Jothunheim in Ketten zu schmieden, und so könnte ja die ganze Natur veralten und ins Grab steigen. Das genialste Werk Victor Hugo's ist doch ohne Zweifel, der ungeheuren Mißgestalten und Auswüchse ungeachtet, sein Notre Dame de Paris. Es ist kein Kunstwerk; es ist ein unordentliches Magazin von Studien, welche mehr denn zur Hälfte das Buch füllen, und die gemacht sind, während er dasselbe schrieb. Die Ideen über das Romantische, über die alte Baukunst des Mittelalters hat er, aus unzusammenhängenden Mittheilungen und Traditionen, doch aus Deutschland geholt und in seiner Weise zugestutzt. Seine Abhandlung über die Architektur ist bis auf wenig Einfälle eine übertriebene Phantasterei. Wenn man weiß, was in dieser Richtung geschehen ist, seitdem Goethe seine kleine Abhandlung über Straßburg schrieb, und was später Wackenroder, Tieck, die Schlegel, Künstler und Kunstkenner wie der Architekt Moller, die Gebrüder Boisserée, wie in München die ausübenden Künstler geleistet haben, so wird Victor Hugo's Gerede davon kindisch und unwissend. Höchst sonderbar ist auch die Herzlosigkeit, die sich überall in dem Werke zeigt, der totale Mangel an religiösem Gefühl, wenn er z. B. die alte herrliche Kirche Notre Dame betrachtet — die ihm doch zu dem Ganzen begeistert hat, und diese edle, würdige Gedenktafel der Kunst nicht allein mit seinem abscheulichen, einäugigen, buckligen, rothhaarigen, tauben, boshaften Quasimodo vergleicht, sondern diese Bestie, als den Genius der Kirche hinstellt und sagt: „A tel point que, pour ceux, qui savent que Quasimodo a existé, Notre Dame est aujourd'hui déserte, inanimée, morte. On sent, qui'l y a quelque chose de disparu. Ce corps immense est vide, c'est un squelette; l'esprit la quitté, on en voit la place, et voila tout. C'est comme un crane, ou il y a encore des trous pour les yeux; mais plus de regard.“
Eine solche Art des Fühlens und des Denkens findet man überall im Buche. Aber das Buch ist interessant, weil es gute Scenen, einige gute Charaktere besitzt, und weil es ein Bild des pariser Lebens der damaligen Zeit giebt. Seine Leser in dieser Weise zu unterhalten, indem er nämlich seinen Roman zu einer Zeitschilderung macht, in welcher das individuell Historische hervortritt, hatte Victor Hugo von Walter Scott gelernt. Aber wie weit schöner und besser malt nicht dieser! Bei Walter Scott tritt immer das Schöne, das Edle als die Hauptsache hervor. Victor Hugo schildert den Crapule; in seinen Dramen, in aristokratischer Weise, den vornehmen Crapule, der nur die Wollust und die großsprechende dumme Courage kennt, um unbedingt, Alles aufopfernd, seinem einzigen Abgotte, seinem Dalai-Lama, seinem Vitzli-Putzli — dem Point d'honneur zu huldigen. Hier in Notre Dame wimmelt es von Pöbel, von europäischen Cannibalen. Aber das historische Colorit und einige gute Erfindungen machen es amüsant zu lesen, so ist z. B. die Scene mit dem zerbrochenen Kruge vorzüglich. Die schönste aller Schilderungen Victor Hugo's findet sich gleichfalls in diesem Buche: „Esmeralda“, die einzige eigentlich anmuthige und unschuldige Schöpfung, die seiner Phantasie entsprungen. Sie giebt Veranlassung zu vielen schönen, echt poetischen Scenen. Wie diese seine anmuthige Schöpfung in menschlicher Weise entstanden ist und in dem wildesten Crapule leben und gedeihen kann, ist eine andere Frage. Wie sie schuh-, strumpf- und handschuhlos noch immer eine fast soignirte Schönheit bleiben kann — da sie doch keine Fee ist — darüber die Natur zu fragen, würde wenig nutzen; denn dieselbe leiht den Erfindungen Victor Hugo's nur flüchtige Züge. Wir könnten ebenso leicht fragen, wie dieser elende, bucklige Quasimodo so ungeheure Kräfte besitzen kann. Aber — Esmeralda ist voller Anmuth — und hatte Victor Hugo auch nur sie allein geschildert, so war er schon dadurch Dichter. Einzelne Scenen mit ihr sind sogar meisterhaft, z. B., wo Phöbus sie vom Thurme zu den vornehmen Damen ruft; auch ihr Tod ist schön.
Aber, du lieber Gott, ich bin ja in eine lange Abhandlung gerathen, die den Briefton ganz verläßt! Jedoch — derselbe berührt etwas, allen denkenden und fühlenden Menschen unserer Zeit sehr Wichtiges: Das — in höherer Bedeutung — Sittliche, das in der engsten Bezeichnung zum Guten und Frommen steht.
Ich erinnere mich noch bei dieser Gelegenheit einer Aeußerung des Königs Louis Philipp gegen mich, die Ihr nicht ohne Interesse lesen werdet. Er klagte gleichfalls, indem er von dem Zeitgeiste sprach über les moeurs et les théâtres, und zuckte dabei mit den Achseln. Ich machte die Bemerkung, daß es gewiß schlimm und gefährlich sei, die Laster und die Ausschweifungen nur von einer brillanten Seite zu schildern. „Ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen“, sagte der König, „die sich kürzlich hier ereignet hat. Ein junger Mann hatte eine Tante, die ihn sehr liebte. In einem schwachen Augenblicke vertraute sie ihm an, daß er in ihrem Testamente zum Universalerben eingesetzt sei. Kurz darauf stirbt die alte Tante; man findet, daß sie vergiftet ist, stellt eine Untersuchung an, und entdeckt, daß der junge Mann seine Wohlthäterin vergiftet hat. Er wird gefänglich eingezogen, zeigt aber — als die Thatsache hinlänglich erwiesen ist — nicht die geringste Trauer oder irgend eine Art von Gewissensbissen. In einem süßen menschenfreundlichen Tone betheuert er, die That vollbracht zu haben, um seiner Tante gefällig zu sein, weil sie alt und schwächlich, von den Krankheiten ihres Alters zu leiden hatte, und — weil sie doch so wie so baldigst hätte sterben müssen. Er hatte das Gift an einem Lamme versucht, das er gleichfalls sehr lieb hatte; dasselbe sei, wie später die Tante, ohne Schmerzen gestorben, und sie sei ihm also, aufrichtig gesprochen, noch obendrein verpflichtet, weil er ihr einen angenehmen, ruhigen und schmerzlosen Tod verschafft habe! Wie gefällt Ihnen das?“ fragte der alte König, nachdem er die Geschichte beendet hatte, und blickte mir dabei mit wahrem Menschengefühl ins Auge.
Ich nenne ihn alt, er ist auch alt; doch, weit entfernt schwach zu sein, ist er ein kräftiger Mann. Als ich ihm mit einer gewissen Eitelkeit erzählte, daß ich fünfundsechzig Jahre alt sei, rief er mit fröhlichem Stolze: „Aber ich bin einundsiebenzig.“
Spontini.
Eines Abends war ich in Gesellschaft bei dem reichen Instrumentenmacher Erard, woselbst sich, wie Jemand sehr witzig sagte, dreitausend Freunde versammelt hatten. Die Einladung zu diesem Balle hatten wir Spontini, dem Schwager Erard's, zu verdanken. Er ist ein Mann von wahren Verdiensten. „Die Vestalin“ ist ein Meisterstück, und „Ferdinand Cortez“ ist ausgezeichnete Musik. Er soll in seinem Vaterlande viel Gutes geübt haben, weshalb der Papst ihm den Grafentitel verlieh. Er war in Berlin Musikdirector und wollte — laut seines Contractes — nicht dem Theaterchef Graf Redern weichen. Hier verlief er sich durch die Behauptung, der König selbst vermöge nicht, sein ihm gegebenes Wort zurückzunehmen, wenn auch derselbe den Willen dazu habe. Spontini's Feinde verstanden diese Aeußerung in ein crimen laesae majestatis zu verdrehen. Es wurde eine Commission niedergesetzt, man sprach von neun Monat Gefängniß in Spandau. Darauf wurde die Sache vom König selbst niedergeschlagen. Spontini erhielt seinen Abschied und bekam seinen ganzen, bedeutenden Gehalt als lebenslängliche Pension; jetzt lebt er auf einem großen Fuße in Paris.
Madame Constant.
Ich habe bereits in früheren Briefen meiner treuen Freundin, Madame Constant, der Wittwe Benjamin's, gebornen Comtesse Hardenberg, Erwähnung gethan. Sie ist eine freundliche, gastfreie, alte Frau, die noch einen muntern Geist besitzt, aber in einer sonderbaren Weise ganz ihr Gedächtniß — vergessen hat! Doch kehrt dasselbe mitunter zurück. Aber — sonderbar genug! — ich wurde empfangen und wie ein alter Freund in die Familie aufgenommen; jedoch einmal während eines Gesprächs mit mir hatte sie ganz vergessen, daß wir einander vor achtunddreißig Jahren gekannt hatten, trotzdem dies gerade der Grund des liebevollen Empfanges war. Einst frug sie mich — obwohl, wie es der liebe Gott weiß, mein Französisch, bei weitem nicht klassisch ist, ob ich auch Deutsch spräche. Wir hatten schon sehr oft Deutsch mit einander geredet. Sie ist noch aus der alten, höflichen Schule, sogar dermaßen, daß sie ihre Katze Mademoiselle und ihren Bedienten Monsieur nennt. „Merci Monsieur“ sagt sie oft, wenn ihr derselbe einen Teller reicht. Doch dies Letztere könnte man vielleicht eher der neueren Gleichheit, als der alten Höflichkeit zuschreiben. Eine komische Anekdote gab hier in der Gesellschaft Veranlassung zu vielem Lachen. Die gute, alte Frau läßt ihren Gästen nicht allein einen guten Rothwein, sondern gewöhnlich auch ein Glas Champagner einschenken. Nun war ihr der Champagner ausgegangen, und sie schrieb deshalb an ihren Commissionair. Sie hatte schreiben wollen: Faites-moi un envoi, comme le dernier. Aber, da sie sehr distrait ist, schrieb sie: „Faites-moi un enfant, comme le dernier“. Dieser naive Wunsch einer Frau ihres Alters konnte nicht anders als das Zwergfell Derjenigen erschüttern, die den Brief gelesen hatten.
Gräfin Bourke.
Gestern (den 17) waren wir zu einem Fest bei der Gräfin Bourke. Vor einiger Zeit hatte ich bei ihr zu Mittag gespeist; doch die gestrige Einladung galt keiner Mahlzeit wo man ißt, sondern „wo man selbst gegessen wird“, wie Hamlet sagt — denn es war eine Einladung ihres Verwandten und Erben, des jungen Grafen Bourke, sie zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Sie war eine alte einundachtzigjährige Frau. Als wir in das Trauerhaus traten, verletzte uns der Mangel an Feierlichkeit. Es waren keine Trauergardinen, keine Trauermäntel zu erblicken und das Gefolge trat, in seinem gewöhnlichen, täglichen Anzuge auf die Straße, fast wie zu einem Judenbegräbniß, heran, Einige in blauen, Andere mit grauen Beinkleidern — Alle aber mit schwarzen Handschuhen angethan. Außen am Hause waren einige schwarze Teppiche mit silbernen Fransen aufgehängt, der Sarg stand im Thorwege, der in eine schwarze Trauerhalle verwandelt war. In dieser Weise begleiteten wir zu Fuße die selige Gräfin. Aber die schöne Magdalenenkirche war in der Nähe; hier fanden wir die Feierlichkeiten. Die Kirche war mit schwarzen Teppichen, mit dem Wappen der Verstorbenen geziert, und inmitten derselben, von unzähligen Wachskerzen umstellt, wurde der Sarg unter einen prächtigen Katafalk gestellt, der hoch in das Gewölbe hinaufragte. Schöne, alte Seelenmessen und Hymnen erklangen aus den kräftigen Baßstimmen der Mönche mit den Discanten der Knaben; es war dies keine moderne Kirchen-Theater-Musik. Hätten nur nicht die Pfaffen den Eindruck durch ihre Manövers verdorben. Bald verbeugten sie sich vor unserm lieben Herrgott nach rechts, nach links, bald schritten sie dorthin, bald dahin; dann mußten die Knaben mit Kerzen die Stufen bald hinab, bald hinan steigen. Mir kam es vor, als suchten sie den Herrgott und — als sei er nicht zu Hause und sie müßten warten, bis er käme. Endlich trug man den Sarg aus der Kirche auf den Leichenwagen, nachdem erst das ganze Gefolge ihn mit einem Weihwedel besprengt hatte. Es ist dies ein schönes Bild der persönlichen Theilnahme. Diese schuldet jeder Mensch dem andern an der hohen Pforte der Ewigkeit, und als solche bedienten William und ich, obgleich Protestanten, uns gleichfalls des Weihwassers. Des echten Weihwassers erblickte ich in der ganzen großen Versammlung nur zwei Tropfen, in den Augen des jungen Bourke, als der Sarg hinausgetragen wurde. Die Verewigte war ihm eine gute Tante gewesen: Grafentitel, Reichthum — Alles hatte er ihr zu verdanken.
Brüssel.
Kopenhagen, den 20. Mai 1845.
— — In einem meiner frühern Briefe habe ich erzählt, daß König Louis Philipp mich, als ich einmal bei ihm zur Tafel war, bei der Hand faßte und zu einem Manne führte, der sehr freundlich mit mir sprach, meine Schriften in der deutschen Ausgabe gelesen hatte, und mich bat, ihn zu besuchen. Ich kannte ihn nicht, aber später fand ich heraus, daß es der König von Belgien sein müsse. Die Reise ging also jetzt wieder über Brüssel. Ich war etwas unruhig über diese Einladung, weil ich es immer hinausgeschoben hatte, mich näher zu erkundigen, und jetzt, da es zum Treffen kam, nicht genau wußte, ob es auch wirklich der König sei, der mich eingeladen hatte. Ich studirte vorher Kupferstiche und Büsten — mitunter fand ich Aehnlichkeit mit dem hohen, großen Manne, der mich eingeladen hatte, mitunter nicht. Coopmans, unser Chargé d'affaires, kratzte sich auch hinterm Ohre, und sagte: es sei so nicht die Gewohnheit des Königs. Ich antwortete: dann erzeigen Sie mir die Güte, den König zu fragen, ob er es erlaubt, daß ich ihm meine Aufwartung mache, indem ich durch das Land reise. Dies fand Coopmans in der Ordnung; ich wurde zur Audienz angesagt. Es war ganz richtig. Der König sprach lange und freundlich mit mir. Einige Tage darauf wurde ich zur Tafel geladen, wo ich die Königin, die Tochter Louis Philipp's, sah — eine sehr gutmüthige, freundliche Dame — und am Tage darauf reiste ich ab[2].
Hamburg.
Jetzt bekam ich gleichfalls Lust, wenigstens ein Stück von Holland zu sehen, umsomehr, weil es weder mehr Mühe noch mehr Geld erforderte. Wir reisten über die alte Stadt Antwerpen nach Amsterdam, einer interessanten Stadt, die fast aus lauter Kanalstraßen und Alleen besteht. Ich war auch hier genöthigt, einige Tage zu bleiben, um das Dampfschiff, das nach Hamburg ging, zu erwarten. Die holländische Sprache gefiel mir; sie klang mir wie Englisch, ohne französische Beimischung. Endlich kam das Dampfschiff an, wir gingen an Bord und erreichten bald und glücklich Hamburg, das ich gar nicht wiedererkannte; wir stiegen in Streit's Hotel am Jungfernstieg ab. Ich besuchte den Theater-Director Cornet, der uns gleich Freibillets gab, aber bedauerte, daß wir uns diesen Abend mit seiner kleinen Loge auf der Bühne selbst begnügen müßten. Sämmtliche Billets des ungeheuern Theaters waren schon vergriffen, Jenny Lind sang die Norma. Dort saß ich nun und sah die liebliche nordische Jungfrau nach allen den französischen Talenten — aber sie hat auch Talent und ein gutes Spiel unterstützt ihre ausgezeichnete Stimme. Es schien mir, als sei Freia von Walhalla herabgestiegen, um einmal die südlichen Musen zu vertreiben. Als der erste Act aus war, hätte das ganze hamburgische Publikum mich beinahe an ihrer Hand zu sehen bekommen, denn ich lief auf sie zu, und ergriff ihre Hand in demselben Augenblick, als der Regisseur: „von der Bühne“ rief, denn sie sollte nach deutscher Sitte hervorgerufen werden. Sie wußte gar nicht, was es für ein Mann sei, der sie so vertraulich anredete und ihr in nordischer Sprache dankte; als sie mich aber erkannte, freute sie sich, und gedachte des Abends, den sie vor einigen Jahren bei mir verbracht hatte.
Die Schauspieler wollten durchaus Correggio vor mir spielen, und somit geboten mir Höflichkeit und Dankbarkeit, einige Tage länger als bestimmt war zu verweilen. Baison spielte die Titelrolle gut aber ein wenig zu sentimental. Bei dem Conferenzrath Donner auf Neumühl war ich zu Mittag eingeladen; er hat dort eine herrliche Villa an der Elbe mit Arbeiten von Thorwaldsen und Nissen geschmückt. Etatsrath Nagel, der in frühern Tagen Amanuensis bei Brandis war, gab uns ein prächtiges Frühstück und fuhr uns nach Blankenese. Weil ich von Brandis rede, muß ich eine Anekdote erzählen. Als er in den letzten Athemzügen lag, sagte er: „Der dumme Apotheker N. N. sagte immer die meisten Menschen stürben gegen Mitternacht; und nun kriegt der verfluchte Kerl auch Recht, was mich betrifft, denn ich werde auch ungefähr zwischen 11 und 12 sterben.“
Skandinavisches Studentenfest. Ein sonderbarer Traum.
Fasanenhof, den 5. Juli. 1845.
Meine liebe Maria!
— — Bei der großen Zusammenkunft der Studenten der drei nordischen Reiche, hatte mir das Comité vier Gäste, drei Schweden und einen Norweger, zugetheilt. Sie wohnten in der Stadt in meinen Zimmern; des Mittags kamen sie zu mir heraus und aßen mit mir zusammen, an den Tagen nämlich, an welchen keine öffentlichen Feste veranstaltet waren. Die Norweger und Schweden sind sehr beliebt, nicht allein bei den Studenten, sondern bei allen Einwohnern Kopenhagens. Eine so ungeheure Menschenmasse, wie die, welche sie vom Hafen aus nach der Universität begleitete, ist vielleicht noch nie in Kopenhagen gesehen worden. Viele Damen warfen Blumen auf die lieben norwegischen und schwedischen Gäste von den Fenstern herab. Ich bin überzeugt, daß die jungen Männer, von Achtung und Liebe für die Dänen erfüllt in ihre Heimath zurückgekehrt sind. Sie kamen auch im Zuge zu mir. Ich begrüßte sie in der großen Allee vor dem Fasanenhofe. Sie führten zwei Musikchöre mit sich, eins aus Upsala, eins aus Lund. Ein Docent Petterson aus Upsala hielt eine hübsche Rede an mich, und die Studenten sangen ein schönes Lied. Ich bezeigte ihnen meinen Dank, meine Freude darüber, daß der Funke nordischer Bruderliebe, den ich vielleicht durch meine Gedichte zu entzünden beigetragen, jetzt als eine Flamme in jeder nordischen Brust glühe. Ich sprach meine Freude darüber aus, daß mir so viele Ehre von einer so großen Versammlung in demselben Garten erzeigt werde, wo ich als Kind so lange Zeit einsam in meinen Träumereien umhergegangen sei. Ich bat sie, sie möchten, wenn sie einst wieder mit ihren Söhnen hierherkämen, und der Dichter-Greis nicht mehr sei, denselben sagen: „Hier schlug ein ehrliches, treues Herz für den brüderlichen Norden; in diesem sommerlichen Schatten besuchte ihn Ydun und lehrte ihn die Lieder, die noch leben, und durch welche er uns noch frisch und jugendkräftig grüßt.“ — —
Was soll ich Dir jetzt noch erzählen, was Du nicht bereits schon weißt? Ich wüßte nichts. Doch ja — ich habe diese Nacht einen wirklich kuriosen Traum gehabt, den will ich Dir, und zwar ohne alle dichterische Ausschmückung erzählen: „Es träumte mir, ich hatte ein schönes Miniaturbild für ein Taschenbuch gemalt. Alle Menschen sagten, wenn ich das herausgäbe, würde das Buch ganz vorzüglich gehen. Aber dann begegnete mir Winckler (ich war ihm gestern im wachen Zustande im Südfelde begegnet), er bat mich um das Bild — ich gab es ihm, und mußte später viel von meinen Freunden leiden, weil ich mich von einem solchen Schatze getrennt hatte. Aber dann setzte ich mich wieder ruhig hin und malte eine Daguerreotype so künstlich, daß, wenn man sie von einer Seite sah, war sie Maria mit dem Christuskinde, von der andern Seite stellte sie Christus am Kreuze dar. Dies fand man, sei noch besser, und versicherte mir, daß, wenn ich damit nach Paris ginge, würde ich mein Glück machen und großes Vermögen erwerben. Dies wollte ich denn auch; als ich aber erfuhr, daß Raphael zufällig in Kopenhagen sei, wollte ich ihm das Bild erst zeigen. Ich besuchte ihn und wunderte mich darüber, daß er einem vornehmen Manne hier ganz ähnlich sah. So sieht Raphael aus? dachte ich. Mit diesen Augen, diesem Blick hat er soviel Schönes und Herrliches gesehen und durchschaut! Ich zeigte Raphael meine Daguerreotype. Er wurde ganz roth im Gesicht und sagte: „„Etwas so Schönes habe ich noch nie hervorgebracht. Hätte ich es doch gemacht! Wenn das doch meine Arbeit wäre! Wollen Sie sie mir nicht schenken, ich könnte es dann für meine Arbeit ausgeben.““ — Ich war so geschmeichelt und so entzückt, als Raphael den Wunsch äußerte, mein Bild geschaffen zu haben, daß ich rief: „Ja herzlich gern“! und ihm das Bild gab, indem ich doch zugleich über seine moderne Frisur sann, und darüber, daß er ein so kurzes Hinterhaar hatte. Nun hatte ich auch diese Arbeit verschenkt, und mich selbst einer großen Einnahme beraubt, aber es war an Raphael. Ich trat später auf den Marktplatz hinaus, wo ich Raphael's Frau sah, auf einem Fleischerwagen sitzend, mit einer alten Kapuze auf dem Kopf; man sah deutlich, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen, sie glich Frau S. Sie hielt das Bild in der Hand und fuhr damit auf dem vollgeladenen Fleischerwagen nach Paris; die großen Fleischstücke im Wagen zeigten sich noch meinem wehmüthig nachblickenden Auge, nachdem das Bild verschwunden war.“
War das nicht ein kurioser Traum? Ich glaube die Veranlassung desselben ist das Gefühl, das mich in dieser Zeit beherrscht, wo ich vier Theaterstücke drucken lasse, ohne sie auf die Bühne bringen zu können.
Heute Morgen, ehe ich noch frühstückte, ging ich in den Garten, und schnitt Georginen und grüne Rosenblätter für Deine zwei Portraits. Das Bild von Gärtner hängt hier in meinem Arbeitszimmer, das andere in dem großen Gartenzimmer, Vaters Büste, welche auf dem Ofen steht, gegenüber. Ich steckte die Blumen über die Rahmen der lieben Bilder. Doch das muß ich Dir sagen, dieser Gruß galt nicht allein Deinem Geburtstage, er ist Dir den ganzen Sommer hindurch gebracht worden. Die Georginen halten sich länger frisch als die Rosen; sie tragen den Namen Deiner seligen Mutter, und wenn ich die Bilder mit ihnen schmücke, däucht es mir, als sei sie, ein seliger Engel, dabei und spräche den Segen des Himmels über ihr Kind. Ich sage dann oft wie Walborg: „Ich grüß' Dich, meine Liebe! Guten Morgen“!
Aber höre jetzt — ich sitze nicht allein hier — eine große schöne Person, mit Blumen angethan, steht im Winkel am Schreibtische, dort wo mein alter Lehnstuhl stand. Diese Person ist — ein neuer Lehnstuhl, der gerade ganz akurat vorgestern hier eintraf, so pünktlich, daß er (oder sie) an diesem Tage in meiner kleinen Stube paradiren und Deine eigene Person vorstellen konnte. Das ist fast mehr Sinn und Herz, als man von einem Lehnstuhl zu erwarten berechtigt ist. Aber beste Maria! was hast Du auch nicht auf seine Erziehung gewendet! Ein wenig streng bist Du gewesen, denn für jede schöne Blume, die er mir bringt, hast Du ihm unzählige Nadelstiche versetzt. Doch — diese Nadelstiche schmerzten ihn nicht, und mir thaten sie wohl; es sind keine Herzstiche, das versichere ich Dir. Das einzige Schlimme an diesem Lehnstuhle ist, daß ich es nicht über mein Herz gewinnen kann, darin zu sitzen; vom Anlehnen will ich nun gar nicht reden. William hat mir vorgeschlagen, den Stuhl mit einem Netze zu überziehen; darin hat er Recht. In einem Netze will ich Deine Liebe fangen, damit sie nicht davonflattere.
Literarische Wirksamkeit.
— — Ich habe in der letzten Zelt einige Romanzen geschrieben: „Tannhäuser im Venusberge“, „Götz von Berlichingen und der Schmied“, „Die zwei Räuber.“ — Ich denke zum Winter eine kleine Sammlung Poesien drucken zu lassen. Meine Schauspiele sind jetzt unter der Presse. „Das Gespenst auf Herlufsholm“ ist schon beendet und „Garrick“ wird es bald. Dem Theater etwas einsenden, thue ich kaum wieder. Ich habe es satt, mich dem Mäkeln und Kritteln zu unterziehen. „Sucht euch einen andern Knecht“! sagt Göthe im Vorspiel zu Faust. Ich habe jetzt diese Karten der weltlichen Eitelkeit so lange gespielt, habe so oft die Vorhand und Zwischenhand gehabt, und bin mit guten Karten in der Hand beet geworden; kann ich nicht in der Hinterhand sein — und meiner Sache gewiß — so passe ich. Die Welt will immer etwas Neues, und daß Adam Oehlenschläger Schauspiele und Verse schreiben kann, ist ja was Altes und Abgedroschenes. Indessen besucht mich meine Muse doch noch immer, hat mich ganz lieb, und findet mich auch nicht zu alt für ein Liebesabenteuer mit ihr.
Dina in Wien.
Kopenhagen, den 13. December 1845.
Ueber „Dina's“ Schicksal in Wien hat Castelli mir die Hiobspost gesandt, daß die Schauspieler gegen sie kabalisirten; aber vor einigen Tagen erhielt ich eine ganz entgegengesetzte Nachricht vom Director Holbein selbst. „Von einer Kabale — schreibt er — ist nicht nur keine Spur vorhanden, sondern vielmehr das Gegentheil. Mit Sorgfalt und Theilnahme für Gedicht und Dichter wird die Aufführung vorbereitet, und bald wird nichts dem schönen Kinde in den Weg treten.“ Da aber der religiöse Schluß, die Scene mit dem Mönch, in dem katholischen Wien nicht geduldet werden kann, so bat Holbein mich, eine „Schlußrede“ für Dina, ehe sie zum Tode geht, zu schreiben. Eine solche habe ich gedichtet und schreibe sie hier ab:
Die Stunde ruft, die Glocke schlägt. Die flücht'gen Gaukelbilder schwinden; Das arme Herz ist tief bewegt — Zum letztenmal — bald wird es Ruhe finden. Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott — Nicht ohne eigne Schuld — erlitten — Doch dank' ich für mein kurzes Leben Gott; Der harte Kampf ist ausgestritten. Was klag ich, daß die Freude wich, Daß eitle Hoffnung schnell verschwunden? Weit schöner ist die Ros' als ich, Und lebt nur ein'ge Morgenstunden. Der Greis — oft ohne Lebensglück — Ermattet sank, nach wiederholten Streben. Gesund und jung geb' ich Natur zurück, Die schöne Blüthe, die sie mir gegeben. Und dieses warme, volle Herz, — Im Tode wird es Glück erwerben — Es schwingt sich freudig himmelwärts — Ich weiß es, meine Seele kann nicht sterben.
Den 4. Februar 1846.
Dina ist nun aufgeführt, aber das Stück machte kein Glück. Ich verstehe es nicht, den guten Leuten einen echten Wienertrank zu brauen. — Ein wiener Recensent, Namens Andreas Schuhmacher, hat es seinen Landsleuten ganz gut gesagt. Er schreibt:
„Von den zahlreichen Meisterwerken Oehlenschläger's war es der einzige „Correggio“ den Wien von der Bühne herab genießbar fand, und in diesem Werke selbst war es das Künstlerleben, die bühnliche Einheit und Faßlichkeit, und die entschiedene Hinneigung zum sentimentalen Raisonnement, was es allgemeiner zugänglich machte, als die übrigen Dramen Oehlenschläger's sammt und sonders. Auf diesem Boden war Kotzebue den größten Dichtern überlegen, die sich ja glücklich preisen durften, wenn sie mit dieser prosaischesten aller Seelen den Theaterlorbeer theilen konnten. Soviel nur, um darzuthun, daß die eben vom Publikum ziemlich einstimmig abgelehnte Dina nicht schlechter zu sein braucht, als andere von ganz Deutschland bewunderte, von ganz Dänemark gefeierte Dichtungen dieses Meisters. „Hakon Jarl“, „Hagbarth und Signe“, „Axel und Walborg“ würden das gleiche Schicksal mit der Dina theilen, wenn es Jemandem einfiele, sie mit unsern Schauspielern vor unserm Publikum zu geben. Mag die Dina zergliedern, wer will; ein Dichter schrieb sie, das beweist jedes Blatt! u. s. w.“
Meine kleine Tragödie „Das Land gefunden und verschwunden“ hat mir die Theater-Direction selbst aufzuführen angeboten. Es ist kein Knall-Effectstück; für das Historische und Nationale hat man — aller skandinavischen Vereine ungeachtet — nicht viel Sinn. Ich erwarte keine große Wirkung, aber das Stück wird gelesen und mit Achtung selbst von den Stimmgebenden besprochen.
Amleth.
Den 19. April 1846.
Jetzt bin ich schon lange wieder flott. Ihr wißt, ich war diesen Winter eine Zeitlang auf dem Podagra-Riff auf den Grund gerathen. Es wäre nun sehr langweilig gewesen, wenn ich nicht ein Amüsement gefunden, daß auch Andere, wie ich wünsche, amüsiren wird. Ich habe noch einmal ein Herz gefaßt und eine heroisch-nordische Tragödie in 5 Akten geschrieben, um eine leere Stelle an der Wand meiner dramatisch-historischen Bildergalerie auszufüllen. Werde nicht bange, wenn Du das Blatt wendest und liesest: „Amleth.“ Es ist bei weitem nicht meine Absicht gewesen, mit dem unsterblichen Shakespeare zu wetteifern; unsere Trauerspiele unterscheiden sich nicht nur darin, daß er (wie von Tyboe sein von) sein H voran, und ich (wie Stygotius) das meinige hinterher setze — sondern die Stücke sind in Composition und Characteren ganz und gar verschieden, welches Ihr erfahren werdet, wenn Ihr nach Frederiksberg kommt und ich es Euch vorlese. Ich habe bereits die Freude, daß mehrere competente Richter meinen Amleth gutgeheißen haben.
Den 30. Aug. 1846.
Hier sitze ich nun wieder zu Hause auf Frederiksberg mit allen meinen lieben Erinnerungen und sage, wie die verwittwete Königin einst zu mir sagte: „Ich lebe in den Erinnerungen.“ Habe Dank, meine geliebte Maria, für all Deine Liebe! Noch gehe ich nur kleine Touren, die ersten längern werden den Bäumen im Garten und im Südfelde gelten, wo ich Deinen geliebten Namen finde. Küsse die süßen Knaben, meinen Harald, meinen Adam und meinen kleinen Wollert vom Großvater, und sage ihnen: ich käme bald! Ach Gott, die längste Zeit wird bald verstrichen sein.
Comique (wie Harald richtig sagt), oder Commäk (wie Adam sich freier ausspricht), liegt mir zu Füßen. „Parole d'honneur, ick hob' keen andern“! sagt der Jude in Heiberg's „König Salomon“ von seinem Schlafrock. Ein kleiner rother junger Hund, den mir v. d. Maase geschenkt hat, geht im Hofe umher und heult. Er soll Robin (Roy) heißen. Die Dienstboten nennen ihn Ruben und glauben, er sei nach einem Juden getauft. Leb wohl! Man scherzt oft mit einem schweren Herzen!
Erster Weihnachtstag 1846.
Um zuerst von einem nur geistigen Kinde zu reden — so wirst Du gelesen haben, daß Amleth Glück gemacht hat. Das Stück wurde an meinem 67. Geburtstag aufgeführt, und wenn auch an diesem Tage eine gewisse Pietät für den Vater auf das Kind überging, so erntete doch das Stück vielen Beifall und hat jedesmal ein volles Haus gegeben.
Am ersten Abend nach Aufführung des Stücks, als ich nach Hause gekommen war, brachte mir ein Lakai folgenden Brief vom Könige, der im Theater gewesen war.
„Herr Etatsrath Oehlenschläger! Sie haben mir durch Ihren Amleth einen großen Genuß bereitet. Ihr immer junger Dichter-Geist hat sich kräftig entfaltet und uns Alle begeistert; die Schönheit und Sinnigkeit des Gedichts haben uns zur Bewunderung hingerissen. Ich sehne mich nicht allein in meinem Namen, sondern auch im Auftrage der Königin Ihnen mündlich auszusprechen, was die dänische Dichtkunst Ihnen, dieses großen Vorbildes halber, schuldig ist, und wie sehr ich Sie, mein lieber Oehlenschläger, den Dichter, hochachte, der ich Ihnen heute viele frohe Lebensjahre wünsche.
Kopenhagen, 14. Nov. 1846.
Ihr wohlwollender Christian R.“
Vorlesungen.
Den 15. Februar 1847.
In diesem Jahre halte ich vor einem großen Auditorium Vorlesungen über meine eigenen Tragödien. Den ersten Abend entdeckte ich dort etwas, was ich in den 37 Jahren, wo ich an der Universität gelesen habe, noch nie wahrgenommen: nämlich eine Dame! Später kam noch eine. Am nächsten Abend waren deren fünf zugegen, dann zwölf, vierzehn. Ich erhielt nun einen sehr hübschen anonymen Brief, worin man mir sagte, daß mehre Damen mich zu hören wünschten, aber daß sie, obgleich man ihnen allerdings gesagt, daß meine Vorlesungen von Damen besucht würden, doch nicht recht wüßten, ob sie erscheinen dürften. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, denn hätte ich öffentlich gesagt: Kommen Sie nur! so wäre eine große Menge herbeigeströmt, zum Theil aus Neugierde. Ich schwieg also und dachte: Wenn sie wissen, daß bereits Damen da sind, so können sie ja ohne weitere Einladung kommen. Indessen wählte ich mir doch einen größeren Hörsaal, und hier stehe ich nun und lese vor einer bunten Reihe von Damen und Herren, die den Saal füllen.
Den 18. April 1847.
Meine Vorlesungen habe ich für diesen Winter geschlossen. Den letzten Tag fand ich in meinem Zimmer einen schönen Blumenkranz und ein schönes Gedicht von einer meiner (anonymen) Zuhörerinnen; ich nehme an von einer der anmuthigsten. Ich kenne keine von Ihnen, denn auf dem Katheder brauche ich keine Brille, und ohne solche vermag ich nicht weit zu sehen.
In dieser Zeit habe ich Amleth ins Deutsche übersetzt, was keine leichte Arbeit war, wenn man die Trimeter dem Genius der fremden Sprache entsprechend, mit Klang und Kraft wiedergeben wollte. Dahl in Christiania verlegt meine neuen deutschen dramatischen Gedichte, nämlich „Dina“, „Garrick in Frankreich“, „Das Land gefunden und verschwunden“ und „Amleth.“
Kiartan und Gudrun.
Frederiksberg, den 3. Juli 1847.
— — Weil wir von Tragödien reden, so darf ich nicht zu erzählen vergessen, daß meine neue Tragödie „Kiartan und Gudrun“ fix und fertig ist, und den Beifall der Kenner und Freunde gefunden hat. Es ist eine Liebes-Tragödie, aber von den frühern dieser Art darin verschieden, daß das Unglück nicht von Außen, sondern von Innen kommt.
Frau Heiberg wird eine vorzügliche Gudrun, einen heroischen, koketten, dämonischen Character spielen.
Das Sujet ist sehr frei behandelt, ganz nach eigener Erfindung. Es ist in Trimetern wie „Amleth“ und „Das Land gefunden und verschwunden“ geschrieben, und es spielt sowohl auf Island wie in Norwegen.
Bei Bing lasse ich von einigen alten Uebersetzungen: „Reinecke Fuchs“, „Götz von Berlichingen“ und Shakespeare's „Sommernachtstraum“ neue Auflagen besorgen. Reinecke Fuchs wird ganz umgearbeitet werden, denn es sind 40 Jahre her, daß ich ihn zuletzt Dänisch schrieb. Den „Sommernachtstraum“ dagegen vermag ich nicht zu verbessern.
Stockholm, den 13. Juli 1847.
Den Tag nach unserer Ankunft hier besuchten wir das Museum. Der alte Herr v. Röck, dessen Bekanntschaft ich vor 30 Jahren bei Frau v. Arnstein in Wien gemacht hatte, führte uns umher. Man gewinnt ihn lieb; er hat Sinn und Geschmack und große Liebe für das, was er vorzeigt; er ist auch nicht ohne einen gewissen naiven Humor. Die herrlichen Arbeiten von Sergel imponirten mir. Er war doch auch ein echter Bildhauer, größer als Wiedewelt und ging Canova und Thorwaldsen voraus. Fogelberg's kolossale nordischen Götterbilder haben zwar etwas Plumpes an sich, aber das Genie spricht aus ihnen.
Gestern (Sonntag) waren wir des Vormittags in der Ridder-Holms-Kirche, wo ich mit Ehrfurcht vor Gustav Adolph's Granit-Sarkophag stand und mit bewundernder Erinnerung und Neugierde das Loch im Hute Karl's XII. sah, und seine großen Stiefeln und die großen Schlüssel eroberter Festungen betrachtete.
Mittags waren wir zur Tafel bei Sr. Majestät. Nach der Mahlzeit überreichte ich ihm meine zwei neuen Tragödien nebst einem Gedichte, welches ich am Vormittage geschrieben hatte. Er dankte mir herzlich, drückte wiederholt meine Hand und er, sowie die Königin und die Prinzen, die höchst liebenswürdig sind, unterhielten sich eine Stunde lang mit mir.
Montag besuchten wir am Vormittage die Antiquitätensammlung, und am Mittage fuhren wir mit Beskow, der uns abholte, nach dem Thiergarten, wo Staatsminister Due uns eingeladen hatte. Unter anderm wurde Falerner Wein servirt, und hier nahm Due eine hübsche und schmeichelnde Veranlassung, mir ein Hoch im Weine des Horaz zu bringen. Den ganzen Nachmittag unterhielt ich mich mit Due, der ein charmanter Mann ohne allen Dünkel ist; er erzählte von der Reise, die er kürzlich mit seiner Frau und Tochter nach Afrika, nach Algier gemacht, wo sie sich köstlich amüsirt hatten.
Reise in Schweden.
Stockholm, den 26. Juli 1847.
Ich habe wenig Zeit, Dir zu schreiben, will aber doch in der größten Eile Dir das Wichtigste, was sich mit uns ereignet hat, erzählen. Beim Könige war ich noch einmal zum Abschied. Er war sehr gnädig, führte mich in seinen Zimmern umher, zeigte mir seine Gemälde, sein Schlafzimmer u. s. w. Sonntag gingen wir auf dem Dampfschiffe mit Beskow nach Gripsholm. Montag mit dem Dampfschiff nach Upsala. Ein Gutsbesitzer Troil hatte die dänische Flagge aufgezogen und salutirte (auf der Rückreise kam er selbst an Bord und begrüßte mich). Ueber das mir zu Ehren veranstaltete Fest in Upsala kannst Du in den Zeitungen lesen. Am nächsten Tage reisten wir von Upsala nach Danemora, wo Baron Tamm uns empfing, und uns die Gruben zeigte. Ein Bergmann, der aus der Grube heraufgewunden wurde, kam mit der Axt auf der Schulter und überreichte mir ein Gedicht, und während ich dasselbe las, feuerte man zwanzig Kanonenschüsse unten in der Grube ab; es dröhnte als wollte die Erde auseinanderspringen. Auf der Reise von Danemora waren wir auf Odins Hügel bei dem alten Upsala, traten auch in denselben, sahen eine Urne mit Asche und leerten einen Becher mit Meth.
Frederiksberg, den 16. Aug. 1847.
Die guten Schweden erwiesen mir, ebenso wie die guten Norweger, viele Ehre und Liebe bei meinem Aufenthalt in Schweden.
In den drei Wochen, die wir in Stockholm verbrachten, waren wir fast jeden Tag zu einem festlichen Diner. In der ersten großen Gesellschaft, die mir zu Ehren im Thiergarten veranstaltet wurde, saß ich zwischen dem alten Björnstjerna und dem Oberstatthalter Baron Sprengtporten. Als ein vortreffliches Lied von Beskow gesungen war, zeigte der alte Björnstjerna mit dem Finger auf eine der für mich ehrenvollsten Stellen und tippte eifrig darauf, und die Thränen standen ihm in den Augen, während er mich mit einem liebevollen Blick anlächelte. Ich erzähle dies, um der Herzlichkeit und Liebe Erwähnung zu thun, die stets mit der Ehre, die man mir erzeigte, verknüpft waren, und die mir theurer als diese Ehre selbst sind.
Es würde Dir viel Spaß gemacht haben, wenn Du bei dem Feste des Kunstvereins im botanischen Garten zugegen gewesen wärest; dort kamen die stockholmer Damen en masse mit Blumen, die sie mir zuwarfen, während ich wohl sechs-, siebenmal die Runde unter ihnen machen mußte; es war ein wirkliches Gewimmel, sie füllten den ganzen Garten. — —
Glaube nicht, meine liebe Maria, daß ich ein so eitler Mensch bin, dies höher anzuschlagen, als sich gebührt. Die große Menge läßt sich zu gewissen Zeiten von Denjenigen animiren, die das Wort führen und den Ton angeben. Ich erinnere mich sehr gut aus der Zeit, wo man mich verfolgte, wie eine große Menge junger Herren mich geringschätzte, ja fast verachtete, als sei ich schon verblüht; sie waren dazu von meinen Feinden und Neidern verleitet, welche kurze Zelt die Macht erhalten hatten, oder wenigstens das Wort führten. Dergleichen muß man für das nehmen, was es eben ist. Aber ein Gefühl, das nicht ganz ohne Realität war, glaube ich allerdings, theilten Alle. Alle glaubten, ich sei einer der ersten gewesen, der zu dem guten Verständniß zwischen beiden Nachbarländern beigetragen. Alle sagten sie mir das. Als wir zur Tafel beim Könige waren, und ich ihm nach der Mahlzeit das Gedicht überreichte, wovon ich bereits erzählt habe, machte es einen ersichtlichen Eindruck auf die ganze Königsfamilie, und die Königin sagte mit Thränen in den Augen zu William: „Ihrem Vater und Tegnér haben wir vor Allen für das gute Einverständniß zu danken.“ Als William meine Tuchnadel, die ein wenig entzwei gegangen war, zu einem Goldarbeiter trug, betheuerte ihm derselbe gerührt, daß er keinen Pfennig dafür nehme. Als ich der Tochter unserer Wirthin die Miethe zahlte, wollte sie mir durchaus weinend die Hand für all die Freude küssen, die ihr meine Gedichte bereitet hatten.
Im Thiergarten speisten wir einmal in Byström's Villa. Ein schönes Haus hat er sich dort ganz im italienischen Style erbaut und mit einem großen Theil seiner Arbeiten in der Hoffnung geschmückt, daß König Karl Johann, der ihn sehr ehrte und königlich bezahlte, es kaufen sollte. Unglücklicherweise starb der König 14 Tage zu früh, sonst wäre es geschehen. Aber Byström ist so reich, daß es ihn doch nicht ruinirt.
Meine Reise von Stockholm und Upsala nach Danemora will ich Dir nicht nochmals erzählen — wie Holberg's „Geert Westphaler“ die seinige von Hadersleben nach Kiel — die Zeitungen haben auch schon darüber berichtet. Nur das muß ich noch hinzufügen, daß das Dampfschiff, welches uns trug, mit Kanonen salutirte und daß von mehreren der Orte, an denen wir vorübersegelten, gleichfalls mit Kanonen salutirt und mit weißen, wehenden Tüchern gegrüßt wurde. In Upsala selbst hatten wir — wie billig — auch einen Besuch von Aukathor. Er schlug dem Verfasser von „Thors Drapa“ zu Ehren einige Fenster mit großem Hagel bei Böttiger ein, wo ich zu Mittag aß. Später, beim Feste, beleuchtete er durch seine Blitze die Gesichter der Redner und schlug die Pauken, daß es eine Lust war. Daß er ebenfalls in seinem freundlichen Eifer einige hundert Scheiben des Orangeriehauses zerschlug, muß man ihm zu Gute halten, es war Alles im gerechten Eifer, seinen Dichter zu ehren. Im Upsal-Hügel traf ich ihn nicht an, ich leerte aber zu Ehren seines Gedächtnisses einen Becher Meth. Auf der Rückreise besuchten wir Skogkloster, ein schönes, altes Schloß, bewohnt vom Grafen Brahe, einem Bruder des Brahe, der König Karl Johann's Augapfel war und aus Trauer um Diesen starb. Auch hier wurde bei unserer Ankunft mit Kanonen salutirt, die Gräfin und ihre Kinder standen am Ufer und bewillkommten uns. Der Graf war nicht zu Hause, kam aber gegen Mittag an; es war sein Geburtstag. Wir besahen das Schloß, das eine Menge historischer Merkwürdigkeiten besitzt; besonders hat Gustav Wrangel es mit vielem Raub aus dem dreißigjährigen Kriege bereichert. Doch hat er einen frommen Sinn und Gottesfurcht mit seinem Raube verknüpft, denn die Kanzel und die Altartafel in der Kirche hat er den Deutschen abgenommen. Aber Napoleon's Generale waren nicht besser und lebten doch in einer humaneren Zeit.
„Man kann des Guten auch zu viel genießen,“ und die Wahrheit dieses Spruches fühlte ich, als ich ungefähr einen ganzen Monat so viel Ehre und Wohlleben genossen hatte. Deshalb nahmen wir auch Abschied. Einen alten Bekannten besuchten wir: Herr v. Brinckmann, der früher schwedischer Minister in Berlin gewesen ist. Er lebt jetzt wie ein Student, inmitten seiner großen Büchersammlung, die er schon der Universität Upsala vermacht hat. Wir (Beskow, dessen Frau, William und ich) hatten versprochen, zum Thee zu kommen. Der Theetopf und die Tassen, einige Teller mit Früchten und Kuchen standen schon da, als wir ankamen, auf einem Tische ohne Tischtuch. Er selbst war in einen alten Rock gekleidet, aber die schönen Augen waren voll Feuer, und er redete mich als einen alten Freund auf Deutsch an (vor 40 Jahren hatten wir einander in Berlin gesehen). Er fragte uns lustig: „Ists nicht dumm, daß man bald sterben soll, weil man 83 Jahre alt ist?“
Kopenhagen, Sept. 1847.
Madame Schröder-Devrient ist jetzt hier und macht uns durch die Ueberreste einer ausgezeichneten Größe staunen. Ich besitze doch sonst ein wenig Phantasie, aber es kostet mir viel, mir das Alte jung, das Abgeblühte schön, das Sündhafte unschuldig, ein Frauenzimmer als Mann und Deutsch als Dänisch vorzustellen (unsere Sänger sangen nämlich dänisch, die Schröder-Devrient deutsch). Doch in der Norma erstaunte ich im zweiten und dritten Akt über ihr vorzügliches Spiel. Sie ist den Jüngeren ein gutes Vorbild.
Literarische Neuigkeiten.
Kopenhagen, den 13. Jan. 1848.
Kiartan und Gudrun ist noch nicht vom Stapel gelaufen. Es waren verschiedene andere Sachen, die Anciennetät hatten, wie z. B. „Zauberei.“ Dieses Stück soll von einem sehr tüchtigen juristischen Beamten geschrieben sein. Der Zauber ist deshalb vom juridischen Standpunkte, mit langwierigen Untersuchungen, Proceß und Richterspruch geschrieben, aber der poetische Zauber fehlt. Deshalb wohl wurde am ersten Abend geflötet. Später wurde das Stück ebenso übertrieben in den Zeitungen gelobt, und jetzt geht es seinen ruhigen Gang; das Gezänk hat dem Verleger eine nochmalige Auflage verschafft.
Von literarischen Neuigkeiten haben wir mehre erhalten. Das Beste ist ohne Zweifel Bournonville's „Mein Theater-Leben.“ Dieses Buch ist wirklich ein geniales Product, und vieles darin ist höchst interessant. Seine Schilderungen anderer Künstler, als: Frydendahl, Ryge, Talma, Demoiselle Mars, Friedr. Lemaitre u. s. w. sind ganz vorzüglich. Die Art und Weise, wie er seine Kunst bespricht, macht Vergnügen und ist belehrend. Die kleinen Poesien, die er als Anhang gegeben hat, sind gleichfalls hübsch.
Velhaven ist diesen Winter hier. Er ist ein Mann von vielem Geist und Feuer, er disputirt mit Talent und Beredtheit, — seine Poesien, elegische Betrachtungen des norwegischen Stilllebens sind oft anmuthig, aber zu monoton und zu wenig original.
Ich habe in dieser Zelt aufs Neue meinen Amleth ins Deutsche übertragen. Erst hatte ich ihn wie die dänische Tragödie in Trimetern geschrieben, ich bemerkte aber, daß er dadurch etwas Steifes und Gezwungenes erhalten und schrieb ihn jetzt in fünffüßigen Jamben um. Das ist so zu sagen zu meinem Privatvergnügen. Die Deutschen kümmern sich für den Augenblick nicht um unsere Literatur. Ich konnte in Deutschland (viel habe ich allerdings auch nicht darum sollicitirt) keinen Verleger finden; Dahl in Christiania verlegt die letzte Sammlung meiner ins Deutsche übersetzten Werke, wofür er natürlich nur ein geringes Honorar zahlen kann. Aber es amüsirt mich, und wenn auch kein einziger Deutscher lesen würde, was ich schreibe. Es wird schon eine bessere Zeit kommen. Auch Kiartan und Gudrun übersetze ich jetzt. Ein wenig Schriftstellerei muß ich als Morgenbeschäftigung treiben; immer lesen kann ich doch nicht. Zum Frühjahr, wenn wieder etwas belebende Wärme in die Luft kommt, und ich nach Frederiksberg ziehe, nehme ich wieder meine Lebens-Erinnerungen vor.
Tod Christian's VIII.
Den 22. Januar 1848.
Die Trauer, die das Land und mich durch den Tod des Königs getroffen, kennst Du bereits. Ich will nicht von dem Uebrigen reden, aber er war in 46 Jahren einer meiner aufmerksamsten und theilnehmendsten Zuhörer!
„Er gab mir Garten und Haus, Neigung, Muße, Vertrauen, Niemand brauch' ich zu danken als ihm, und Manches bedurft' ich, Der ich mich auf den Erwerb, schlecht als ein Dichter verstand.“
An seinem letzten Geburtstage war ich der Einzige, dem er seine königliche Gunst bezeigte[3]. An seinem letzten gesunden Lebenstag traf es sich so schön, daß ich ihn besuchte und ihm ein frohes Neujahr wünschte.
Er war nicht makellos — selbst die Sonne hat ihre Flecken — aber nach seinem Tode wird man ihm schon Recht widerfahren lassen. Friede sei mit ihm!
„O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du, Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.“
Vor drei Nächten hatte er die letzte schlaflose Nacht. Jetzt schläft er mit Hrolf Krake — und Alfred — und Hakon Adelstan!
Den 24. Januar 1848.
Das Oberhofmarschallamt hat mir antragen lassen, die Trauer-Cantate zu schreiben — ich habe sie bereits geschrieben. Sie geht vom Herzen und ich hoffe auch, sie wird zum Herzen gehen. Kapellmeister Gläser wird sie in Musik setzen.
„Schleswig-Holsteinische“ Unruhen.
Den 27. März 1848.
Hier im Lande traf uns der Tod Christian's VIII. und wir fühlen jetzt fast Alle, was wir an ihm verloren haben, wenn auch das Vaterland in froher Hoffnung auf Frederik VII. blickt. Wie es mit „Schleswig-Holstein“ werden wird, davon hat noch kein Mensch eine Ahnung, so verwickelt und unglücklich sind die Zustände. Durch die französischen Ereignisse werden sie wohl noch verwickelter werden. Daß in Frankreich in kurzer Zeit Unruhen ausbrechen würden, dazu waren die Zeichen bereits vor zwei Jahren da, als ich Paris besuchte. Alle bewunderten das Genie Ludwig Philipps; man räumte ihm auch persönliche Liebenswürdigkeit ein — man fand es natürlich, daß er mich für sich einnahm, aber man haßte fast überall seine Politik. Durch die totale Verwirrung und Ausleerung der Finanzen, durch die Bestechungen, die geduldet wurden, durch den ungesetzlichen Gebrauch der Macht erhielten ja die Franzosen das Recht Aufruhr zu machen. Ich hatte gerade den achten Band von Lamartine's „Girondisten“ beendigt, als die Revolution ausbrach. Ich hatte ihn aus diesem vorzüglichen Werke kennen lernen, und es freute mich zu erfahren, daß er und der herrliche Arago (ein eiserner Character) sich unter den Anführern befand. Aber ich hätte doch lieber gewünscht, daß sie, unter größerer Beschränkung als bisher, den kleinen Grafen von Paris zum Präsidenten ihrer Republik gewählt und ihm den Königstitel gelassen hätten. Ich fürchte, die große europäische Republik wird sich nicht halten können. Ueberhaupt hat die Königsmacht in vielen Richtungen etwas Schönes und Gutes, was bedeutende Männer und Talente lieben müssen. Die republikanische Gleichheit geht leicht zu weit, sodaß es zuletzt keinen Unterschied zwischen Verdienst und Nichtverdienste giebt, weil der Neid einen zu großen Spielraum erhält. Lamartine's Manifest hat auch seine schwachen Seiten, welche die englischen Blätter mit Recht hervorgehoben haben. Hier in Kopenhagen lächeln gewisse hohe Beamte über die französische Zusage den „Arbeitern Arbeit zu verschaffen,“ was sie für eine Unmöglichkeit halten; mir scheint es aber, daß wenn die Menschen arbeiten können und arbeiten wollen, und ohne Arbeit nicht leben können und dessenungeachtet keine Arbeit erhalten können, so haben die staatlichen Einrichtungen sie zu legitimen Räubern und Aufrührern gemacht.