Vorbemerkung. (continued 2)
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Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn fortwährend durch sein Perspectiv ansah: „Ja, das ist ganz gut, aber die Natur ist nicht Deutsch“. Daß Rahbek witzig war, und daß seine Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen bisweilen einen Rausch getrunken hatte. „Der Wein schmeckt mir eigentlich wie Essig“, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn der Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. — Rahbek fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner Bearbeitung von Der Todten Wiederkehr, seinem Marienhügel u. a. m. an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches. Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium lernen konnte, und selbst einmal gestand, „daß sie ihn zum Lieutenant à la Suite gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte“, trug er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden. Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. „Wo willst Du hin“? fragte ich — „„Ich will meine eigene Rolle spielen““. Es war die des Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf ihn gestichelt hätte.
Zur Charakteristik Rahbek's.
Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen, einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt, um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an; naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden, wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten, so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen. Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig, denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen. Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher, die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: „Mir fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein Bischen höher wird“.
Besuch in Schweden.
Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. — Eine solche Aufforderung war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.
Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf den Kirchthurm fiel.
In dem Bade Ramlöse bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen. Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen fuhren mit. Man hatte nicht den König Karl Johann zum Feste erwartet; er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof, aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir bahnte, und mich fragte: „ob ich Oehlenschläger sei!“ Ich antwortete: „„Ja.““ „Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.“ Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst eingeladen hätte.
Lund.
Wir reisten also nach Malmöe. Der gegen alle Dänen so freundliche und äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.
Später gingen wir mit dem Probst Gullander in die Kirche, die ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark; in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken, von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der Höflichkeit verbirgt.
Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause des verstorbenen Professors Lidbeck abstiegen, und wo der Adjunct Wieselgren mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion beizuwohnen. Professor Engeström führte mich darauf in die Bibliothek, in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten in einem Pavillon sich versammelt hatten. — Engeström sagte mir hier einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.
Darauf ging ich mit Engeström zu Professor Lindfors, der Kindtaufe hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte. Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen Juristen, der mir sagte: „Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem vorigen Jahrhundert.“ Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.
Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct der theologischen Facultät Thestrup an den Wagen trat und in einer begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum. Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt Mode war, ich ward hier so aufgenommen! — Aber ich wurde deshalb nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde hatte.
Der Dichter und die Eitelkeit.
Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht! das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß wir Dichter seien, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man, daß wir es bleiben werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter übersehen zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: „Wer sich, wie Adelung das Genie ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! — Aber das geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. Es glückt uns zuweilen,“ heißt es, — „und häufiger mißglückt es.“ „Wir sind große Kinder, die mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen; Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft, den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!“ — Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns begnügen lassen! — denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören. Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem Geburtstage durch ein Hoch.
Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken. In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden, das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden, zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. — Was nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ räumte er der Selbstliebe eine bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht; die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern; doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude, für seine Lieben aufopfern.
Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.
Zweite Fahrt nach Schweden.
Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe. Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen voll Krimskrams schrieb u. s. w. — Diese Scene wechselte mit einer durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend. Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten, brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand! — Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war, rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.
Ernste und heitere Eindrücke.
Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe, im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.
Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen. Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! —
Lund. Tegnér.
Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Fräulein Schoulz in dem alten Dom zu hören. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen Tempel! Eines der größten Denkmäler dänischer Geschichte. Absalon's, Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die älteste dänische Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu der heiligen Wölbung, unter welcher der Staub so vieler dänischer Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten Zauberer Finn die Säule umklammern, und oben in dem innern Chor stand der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Säule, seinen Rost in der Hand haltend. In dem äußern Chor der Kirche war eine Erhöhung mit reichen Blumengewinden und Kränzen zum heutigen Feste gebaut. Aber heute Abend benutzte sie das junge schwedische Fräulein, und schlug wie eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wölbung in die Abendröthe hinaus, zur Freude für die vielen Menschen, welche die Kirche anfüllten. Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnér wieder, der mich verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.
Wir aßen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu empfangen, das sich verstärkte, als wir unsern Dank und unsere Gefühle in einigen herzlichen Worten aussprachen.
Akademische Feierlichkeit.
Am nächsten Tage verkündete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme des ehrwürdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im Museum; die ganze gelehrte Welt aus den südlichen schwedischen Provinzen war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.
Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine, hübsche, weißgekleidete Mädchen mit herabhängenden Locken, welche Körbe mit Lorbeerkränzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise, die zu Magistern creirt werden sollten. — Nun bahnten die Pedelle, mit silbernen Sceptern in den Händen einer neuen Abtheilung den Weg, dessen erstes Paar war: Tegnér, der als Bischof in Wexiö für den abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr. königlichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging der Rector magnificus Engeström in rothem Sammtmantel und mit einem goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederström, neben dem man mir einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok, Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten paarweise.
Wir gingen Alle, außer dem Bischof und dem Rector, mit entblößtem Haupte in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mußte meinen Hut oft als Sonnenschirm über meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, während der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederströms zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen eingeflößt, und ich fand mich nicht getäuscht. Unsere Herzen kamen sich entgegen und ich merkte, daß es den edlen Kriegsmann erfreute, den dänischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Geläute der Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die, obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Kühlung erquickte.
Tegnér krönt mich als Dichter.
Tegnér hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. „Zum Doctor kann ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren,“ sagte er: „aber er wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als Dichter kröne“.
Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen, und zum Schluß den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare stand und sagte, erst zu Engeström und dann zu mir, mit lauter Stimme vor der Versammlung;
Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen. Nicht für mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle. Nordens Sängermonarch ist hier, der Adam der Skalden. Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist Göthe's. Wüßte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschäh es. Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge, Daß ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat. Hin sind die Zeiten der Trennung — im Reiche des Geistes, dem freien Sollten ja nimmer sie sein — und verschwisterte Lieder ertönen Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen. Drum beut Svea den Kranz Dir — ich sprech' im Namen von Svea: Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.
Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.
Alle lächelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, faßte mich aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit für all' die Güte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertönte wieder nach Verlauf von mehrern Hundert Jahren die dänische Sprache mit lauter Stimme von begeisterten Lippen.
Daß Tegnér sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hatte, zeigte der Ausfall, da seine schwedische Majestät einige Monate darauf mich mit dem Nordsternorden beehrte, und seine königliche Hoheit der Kronprinz seine Einwilligung dazu gab, daß die Universität Lund mir das philosophische Doctordiplom sandte.
Mittags nach der Promotion war große Studentengesellschaft in Lund, zu der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor in den Saal, um mir einen kühlen Platz zu suchen, aber es traf sich so, daß gerade die Ehrenplätze von der Sonne beschienen waren, und es gab dort keine Rouleaux. Das würde mir nun alle Freude gestört haben; aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche Hände ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung verursachte, um so mehr, als ich — nach Tegnér's Beispiel — gewagt hatte, mein Halstuch abzubinden.
Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musensöhne bei den Beinen und hoben mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.
Am Abend wagte ich mich, der fürchterlichen Hitze wegen, fast nicht auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die großen schattigen Bäume und ließ mich mit ein paar stillen, freundlichen Bürgern in ein Gespräch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in der Abendkühle zu erquicken.
Rückreise.
Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.
Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner Familie unvergeßlich bleiben wird.
Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all' die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige Freundlichkeit zu erweisen.
Der Bischof Münter. Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.
Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern, wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine Abhandlungen von den „Karthageniensern“ und „der Stellung des Weibes in den ersten christlichen Jahrhunderten“ mit vielem Interesse gelesen. Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt. Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele jener Zeit kennt? — Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet. Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's. Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande und ließ es in die Wände der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der neben ihm stand, eifrig zu: „Die Nische ist zu niedrig; die Pagode hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will“! „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete der Maurergeselle ganz ernst, „„das thut sie wohl nicht““. Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht, daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals, wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte, wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: „Oehlenschläger! soll hier ein Komma stehen, oder nicht“? „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete ich ernst: „„wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer Tochter im Halse steckt““. „O“, antwortete er ganz ruhig, „das wird sich schon wieder geben“. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: „Ew. Eminenz“! belohnte Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue und wie Bröndsted, stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht. Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber aus dem Zimmer ging, sagte: „Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende correspondirende Freund“! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. „Ich weiß nun, daß es Nichts werth ist“! rief er verzweifelt. „„So schicken Sie es doch uneröffnet zurück, Hochehrwürden““! Aber das konnte er nicht über's Herz bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen Louisd'or, und fand — eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: „Der König liebt das nicht“! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir geschrieben: „König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch erfüllt“.
Tod des Bischofs Münter.
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf, nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen. Seine edle Gattin — mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt — verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen zu besitzen; Freund nahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen. Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath: „Die Augen“, sagte er, „sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen Sie nur zu kopiren“. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von Frau Friederike Brun, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien. Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
Ein sonderbarer Besuch.
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen, was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er von Münter, als von einem alten Freunde: „ich muß Ihnen sagen“, fuhr er fort, „daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis übersetzt habe“. — Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch Theolog ist. „Münter ist auch Freimaurer“, fuhr er fort, „all seine Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl“. Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl. — Nun sprach er vom König Karl Johann, den er sehr lobte, und sagte: „Ich kenne ihn gut! Ich habe manches Glas mit ihm geleert“. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: „Hier in Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die Kirche, da lege ich die meinigen an“. „„Das können Sie auch sehr gut““, antwortete ich, und er fuhr fort: „Ich habe sie alle mit“! Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe, welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen. Nun wurde mir klar, daß es der Graf von Saltza sein müsse. Und der war es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
Schwedische Bekanntschaften.
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich Beskow kennen, der später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden zurückkomme. Tegnér trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen war. Früher hatte ich den noch blonderen Ling, Dichter und Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in der Darstellung gefunden zu haben. Geijer schenkte mir in späteren Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen, später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien, daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich seine Chronik des schwedischen Reiches las; philosophisch-dichterisch hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt, wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter, hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu componirt. Später besuchte mich Fryxell, und ich wurde sehr für diesen liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
Frederik Classon Horn.
Noch muß ich hier des unglücklichen Grafen Frederik Classon Horn erwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen, und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die Flöte und soll ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte, und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: „Das war, hol' mich der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher“, so konnte man doch die Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden, hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht, der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten Motiven getrieben wurden. — Als die Gefangenen im Correctionshause auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging, ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: „Ich bin“, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, „hol' mich der Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen“! — Ich beklagte oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank, hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen, aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl in der Seele sein, die sich verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: „Meine Thränen bei Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als diese Blätter“.
Mit Berzelius machte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater sei, sagte er: „Ja, ja, das ist nun sein Laboratorium“.
Kammerherr Ries. Anekdoten von Christian VII.
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde. Es war der Kammerherr Ries. Er war Christian VII. dienstthuender Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen. Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen; beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt haben würden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter, daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger. Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort „Absetzung“ ins Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: „Verrückter rex! mach' mich zum Kammerjunker“. — Bei dieser Gelegenheit will ich auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem Rücken, das er beim Kamine niederlegte. „Du, höre mal“! rief der König: „willst Du Kammerherr sein“? Auf die wiederholte Frage antwortete der Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. „Nichts ist leichter“! antwortete der König, „folge mir“! Es war gerade eine Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat in die Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: „Ich ernenne diesen Mann zu meinem Kammerherrn“. Der Marschall nahm später den Mann zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung, welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut kaufen wolle. — Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke. Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe! Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. — In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang. Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große Summen. Wenn er dann sagte: „Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben mich zu bezahlen, ich brauche Geld“, so antwortete der König schlau: „Sprecht mit dem Kronprinzen“!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt, gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn man ihm eines Tages erzählt haben würde: „Ries ist gefangen“! „Und“, sagte dieser, „hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte, so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt gethan haben, um mich zu retten“.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und Kraft, er hatte etwas „Bürger'sches“, und die Romanze glückte ihm am besten.
Commandeur Sölling.
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der mich oft besuchte, war Commandeur Sölling. Keiner leugnet, daß der dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war, wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson sagte: (Siehe: Southey, Life of Nelson): „Die Franzosen schlagen sich gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben, würden jene nicht eine einzige ertragen haben.“
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort, und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mußte es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. — Ein paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte, sagte er: „Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die Mittel nicht!“ Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. — In der Operette Peter's Hochzeit kommt ein schöner Seemannschor vor, der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war, sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt, und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern — was es auch war — aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: „Dürften wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?“ Da die Wiederholung gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken, und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. — Sölling hatte sich dadurch bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet wurden. Hier stiftete er die Bombenbüchse, eine Anstalt in der alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte. Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. „Ich zog den Rock aus, sagte er“ (dabei that er es), „warf mich auf die Erde“ (dieselbe Bewegung), „und sah durch die Spalte!“ (da legte er das Gesicht gegen meine Thür). „„Lieber Herr Commandeur!““ sagte ich: „„ich verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.““ „O, es ist nicht so gefährlich,“ sagte er, und sprang wieder auf.
Reise nach Leipzig. Dresden. Dr. Carus.
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni 1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen, wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den Fischer übersetzt und umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war. Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief, das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte höchlichst, und antwortete nur: „Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist, dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.“ Ich erinnerte mich meines Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: „Wenn Canova ein Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist“ und ich dachte: „Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.“ Ich konnte leicht einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte, da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
Zusammentreffen mit Tieck.
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit folgendem Gedicht:
„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder; Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus. Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder, Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus. Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert, Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist; Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert? Zog er in seinem Netz hinauf den Geist? Doch — wie die alten Bilder mich besuchen, Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück, Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen — Des Freund's Erinnerung mir treu zurück. Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen — Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt, „Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen Dieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt. Doch edler Tieck! wenn auch in ein'gen Dingen Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern: Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen Wir reiten nach dem Wunderlande gern. Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten In Sturm und Sommernacht vorher geritten: Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein. Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden, Es bringt mir lieben Gruß, Der Dichter aus dem Norden, Und seinen Bruderkuß. Er sprach: Warum denn richten? Da noch die Kraft gesund? Weit besser klingt das Dichten Von einem Sängermund. So darf der Dichter sprechen, Dem hold die Muse lacht; Er wird die Lorbeern brechen, Die sie ihm zugedacht. Dein freundliches Gemüthe Hat sich mir längst bewährt; Mit Deines Kindes Blüthe Bist Du zurückgekehrt. Sie spricht des Vaters Wahrheit, Sie lächelt seinen Blick; So bleibt denn Lieb' und Klarheit Der Zukunft auch zurück. Und neu mit Dir verbunden Reich ich die Freundes-Hand, Wie wir uns früh gefunden, Hast Du mich nie verkannt. Wir Sanges-Brüder wallten Durch manchen schönen Raum, Lebendig festzuhalten Des Lebens Wunder-Traum. Seh' ich einst Deine Auen? Kehrst Du zu unsern Gauen? Grüß ich Dich dorten, hie? Doch, wie sich's mag gestalten, Wir bleiben stets die Alten! Entfremdet sind wir nie!!“
Dein treuer Freund und Bruder Ludwig Tieck.
Burgstorph. Rumohr.
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte, nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen, die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft, und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen. Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit — er hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten — durch seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte, umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten, als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron Burgstorph, später den berühmten Rumohr, die beide reich waren, und eine Freude daran fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein, und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen, und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
Gräfin Finkenstein. Böttiger.
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor; aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen; auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden, obwohl ich nur selten las. Aber — ich merkte wohl, daß Tieck ein Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund Böttiger. Seit dem gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: „Sie sollen Tieck heute Abend hören! Sie Glücklicher“!
In mein Stammbuch schrieb er:
„Zweizüngig ward einst Ennius genannt Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt, Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen Mit aller Musen Gunst errungen. Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“
In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff, der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen, und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: „Da liegen Sie! Ich habe mich gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt“. Es war meine Deutsch geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
Berlin. Wilhelm von Humboldt.
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt, wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst. — Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei. Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: „Nein, gehen Sie nur! Sie werden schon vorgelassen“! Er meinte wohl, daß, obgleich der Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief: „Oehlenschläger“!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
Raczynski. Stieglitz.
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia. —
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen, sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache. Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte, hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke zurückschlug, sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in der Brust in ihrem Blute schwimmen.
Prometheus. Tordenskjold.
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei lateinische Reden, gab die Monatsschrift Prometheus heraus, wobei ich nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb ich die Tragödien Tordenskjold und Königin Margareta.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u. a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine ästethischen Abhandlungen in einem besondern Bande herauszugeben.
Meine Tochter Charlotte.
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. — Ich muß nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen. Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch; alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig, begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie. Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie sah den jungen Ludwig Phister, der gerade damals anfing sich auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne. Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und Siboni, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der kleinen Partie der Fanchon auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte, vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den Concertmeister Schall, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche müde und trat zurück.
Plan Norwegen zu besuchen.
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte. Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde. Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging, fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt, Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre 1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier: „Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären; doch Kalmeier macht eine Ausnahme“. — „„Ich wär nicht großmäulig““? fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: „„ich bin es gerade erst recht““!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder, Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden, der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die freundlichste Aufnahme.
In einem Gedichte, die Reise nach Norwegen, habe ich poetisch beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen Gedichten, andere unter den Romanzen.
Reise nach Norwegen.
In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine Freunde wurden, unter Anderen den Staatsrath Treschow, die Professoren Sverdrup und Schjelderup. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren Collegen an der Kopenhagener Universität gewesen. Treschow war mir früh dadurch merkwürdig, daß er bereits Rosing's Rector gewesen war, als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen Oskar meine Aufwartung, um ihm für die Gnade zu danken, die er mir erwiesen hatte. Der schöne junge Fürst kam mir freundlich entgegen, und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und Hakon Jarl sollte aufgeführt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte, ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thür stehen zu sehen; sie erzählten mir, daß der Prinz mich im Hôtel mit seinem Wagen erwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere, der ohnehin zurückkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen zu sagen, daß ich seine Einladung mißverstanden hätte, mich aber jetzt schäme wieder durch die Stadt zurückzugehen. Der Prinz lachte und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie gewöhnlich, da es ihm an Unterstützung bei seinen Mitspielern fehlte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprächs während des Schauspiels, daß der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine isländischen Sagen trotz Einem kannte.
Ehrenvolle Aufnahme.
Ein paar Tage darauf kamen die Professoren Sverdrup, Hersleb und Hansteen zu mir ins Hôtel du Nord, um als Deputation der Universität, der Männer des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit Ausnahme der historisch merkwürdigen Gedichte, alle diejenigen zu überspringen, welche mich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten ehrten; deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schönes Lied aus. Was ich aber nicht über mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser seltene, schöne, kräftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet, einer der ersten Staatsbürger des Landes, der in der Katastrophe von 1814 großen Einfluß auf König Christian gehabt, und ihn unter Anderm dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krönung reiste, keinen Anspruch auf die Souverainetät zu machen; — dieser Mann ehrte mich bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die Ordensdecoration eines Fürsten, und sie deshalb nicht entbehren möchte. Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.
„In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch große und seltene Dichtergaben, und als Lehrer und Meister seiner und aller künftigen Zeiten dazustehen, ist groß und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem frommen und tiefen Gemüthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von dem hohen Werthe des großen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Männer und Jünglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung vor dem Dichter Adam Oehlenschläger an den Tag legen möchten, der uns zuerst die großen, geistigen Schätze kennen lehrte, welche unsere Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath unserm Blicke eine neue und große Welt der Poesie, der Wissenschaft und Kunst öffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute, mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den kräftigsten, anmuthigsten und schmelzendsten Tönen sang, was unsere Vorfahren geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter, den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Väter“!
Festmahl.
Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen, norwegischen Liede aus älterer Zeit begleiten zu können, das Keiner der Anwesenden, außer mir, auswendig wußte, weshalb ich es auch vor der ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche Volkslied Nordahl Bruun's: „Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.“. Ein schöneres giebt es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und Einar Tambeskjälver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern Gesänge stehen weit unter jenem.
In Opslo besuchte ich den ehrwürdigen Bischof Sörensen. Seinen Fenstern gerade gegenüber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war unglücklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, daß ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.
In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie früher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen. Ich glaubte sie wären krank, hörte aber zu meiner Beruhigung, daß sie nur betrunken seien.
Reise in das Innere Norwegens.
Ich beschloß eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins Christianiastift zu machen. Mein Freund, der Buchhändler Dahl, der mir stets die größte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit an), übernahm, als Reisegefährte, die nothwendigen Geschäfte.
Ich sah zuerst den herrlichen Krogklev, der zwar nicht zu den wilden, großen Gebirgsgegenden gehört, welche sich im Stift Bergen, besonders in Telemarken finden; aber er ist schön und malerisch, man kann leicht von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor den wilden Berggegenden das voraus, daß er eine hohe, kühne Natur mit ruhiger Thalschönheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von der tapfern Anna Kolbjörnsen verherrlicht ist.
Die Ströme und Wasserfälle, Ringerike und Modun, die zwei Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schöne norwegische Bauermädchen in der Hütte, Sct. Olaf's alte Sage, die man überall hört, wo ein Felsstück seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube hinab, wo ich vor Müdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wäre, mein Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; — das Alles findet sich zugleich mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: „Die Reise nach Norwegen“ besungen.
Ein Brief des Kronprinzen Oskar.
Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem königlichen Gönner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr. Majestät wird gewiß nicht zürnen oder es ungnädig aufnehmen, daß ich den Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu veröffentlichen, und die Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Fürst zu einem Künstler sprach.
Stockholm, den 28. Februar 1830.
„Herr Professor Oehlenschläger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir übersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schöne Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zähle ich auch die Befriedigung, einen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, dessen allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so viele Genüsse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten, Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, muß Sie überzeugen, daß wir mit Freuden den Sänger Helge's und der Götter des Nordens bei uns sehen würden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere, uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mündlich in Norwegen äußerte, daß Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstände es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.
Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.
Oskar“.
Veränderungen in meinem häuslichen Leben.
In diesem Jahre starb mein Freund, der Bischof Peter Erasmus Müller, der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mußte seinen Amtsantritt mit dem traurigen Geschäfte beginnen, einen seiner ältesten Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war nicht anders möglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen sollte, die ich früher inne hatte. Ich zog also nach der Weststraße, wo es lange nicht so schön war. Aber ich wollte gern in der Nähe des Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu können, wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststraße bot mir überhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fünf Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben; dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.
Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine Charlotte folgte ihnen.
Tod meiner Tochter Charlotte.
Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel davon erzählen, und besonders Daphne beschäftigte ihre Phantasie. Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen Freund gebeten hatte: „Sage mir einen großen Gedanken“! Nun flüsterte sie mir freundlich zu: „Sage mir einen Trost“! Ach, ich konnte in diesem Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas Himmlisches darin.
Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn, die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte. Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:
Das arme Herz hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur wo es nicht mehr schlägt.
Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine Einseitigkeit gegeben hätte, die ihn unfähig gemacht haben würde, als echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen. Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen, krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist. Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren. Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der Philosophie, der Religion, der Poesie und also — wenn es ihnen glückte — aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.
Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen, oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt hatte): „Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr“!
Besuch beim Prinzen Christian.
Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.
Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.
Eines Morgens — ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen Morgenstunden gewesen — erschreckte mich der Lakai, als ich noch in Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: „Se. königl. Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu ihm herunterkommen mögen“. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam, sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging, und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß war, sagte er: „Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit besehen“. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. „Es war draußen heiß“, sagte er lächelnd. — „„Hier ists freilich besser, Ew. königliche Hoheit““! antwortete ich.
Er vereinigte in Odensee das Wesen des Fürsten mit der bequemen Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die Gäste zur Tafel gezogen, und Alles war königlich. Aber am Abend hatte er es so eingerichtet, daß bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn Etatsrath Holten, Soirée war. Hierher kam er dann selbst als Gast im schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stände eingeladen: Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Bürger aus der Stadt. Wenn ich das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern bürgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.
Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: „Wo ist Oehlenschläger“? — „„Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre““! — „Spielen Sie l'Hombre“, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, „dann sollten Sie doch eigentlich mit uns spielen“. — „„Nein““, antwortete ich, „„Ew. königl. Hoheit spielen nicht mein Spiel; ich spiele nie höher, als vier Points zu einem Schilling““.
Der Herzog von Augustenburg.
Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee. Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glück gemacht, indem er den König auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an der Kopenhagener Universität anzustellen. Kein Wunder, daß ich dem Sohne dankbar entgegen kam. — Er bat mich, ihn einmal zu besuchen, und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider später geschehen ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch sehr artig und zuvorkommend. Schön war er auch und von der Natur reich begabt. Obgleich man stets merkte, daß er sich als eine fürstliche Person fühle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm und seiner Umgebung stets auf eine natürliche Weise aufrechterhalten wurde. Prinz Christian war ein fleißiger Beobachter alles Dessen, was geschah; er hörte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte, das Schöne rührte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen. Der Herzog hatte diese Aufmerksamkeit für Andere nicht; er war stets eifrig mit seinen eigenen Ideen beschäftigt, und seine Conversation bestand eigentlich darin, daß er diese mit einem festen Glauben an ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagie à la Friedrich Wilhelm I., wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war nicht die Rede. Als ich sagte, daß ich zum Prinzen und der Prinzessin heruntergehen müsse, um Helge vorzulesen, antwortete er: „O das eilt nicht; Sie können noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle seine zwölf Zwiebacke verzehrt haben wird“. Ich dachte: Zwölf kleine Zwiebacke sind kein großes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht aus. Mittags bei Tische, gewöhnlich, wenn der Herzog nach Art der englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und es ging oft so weit, daß ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als wir uns eines Morgens, wie gewöhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs in ihren hübschen Ständen besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Nun sind wir in unserm Elemente“!
Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich habe später oft hieran gedacht, und mich darüber gewundert. Ich wußte, daß der Herzog sich nicht viel um Poesie kümmere; ich glaube er hat nur wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! — Aber ich fühlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswürdig war und reizende Kinder hatte. Das gespannte Verhältniß zwischen Prinz Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zählte die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.
Güte des Prinzen Christian.
Als Prinz Christian und die Prinzessin auch nach Seeland zurückkamen, war ich eines Tages bei ihnen auf Sorgenfrei zu Tafel. Nach der Mahlzeit sagte mir der Marschall, daß Ihre königlichen Hoheiten mit mir im Gemache der Prinzessin sprechen wollten. Auf dem Wege dorthin begegnete ich dem Prinzen, der ein großes Gemälde trug. Es war ein Bild von Södring, Axel und Valborg's Grab, das ein junges Bauernpaar mit Rosen bekränzt. Der Prinz stellte es vor mir auf, zog ein Blatt Papier hervor und las, augenscheinlich bewegt, ein von ihm selbst verfaßtes Gedicht vor, welches in Uebersetzung lautet:
Du schauest hier schön Valborg's Grab, Mit Blüthenkränzen reich geschmückt; Das Brautpaar ihr die Kränze gab In Liebeslust so hoch beglückt. So steigt Vergangenheit hernieder Und strahlt uns durch die Liebe wieder. Doch, wer hat Worte ihr gegeben? Wer führte sie von Norge's Felsenland, Wo sich die Eschenbäume hoch erheben Zu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand? Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du? Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu. Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben, Wenn die Begeisterung in des Künstlers Hand Durch Farbengluth ein neues Sein gegeben Dem, was im hohen Dichtergeist entstand. Nimm es vom Freunde als ein Angedenken, Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!
Dem Dichter Adam Oehlenschläger gewidmet von
Christian Frederik.
Dieses Gedicht überreichte mir der gute Fürst, nachdem er es mir vorgelesen hatte, umarmte und küßte mich, und die Prinzessin reichte mir freundlich die Hand.
Tod Karl Heger's.
Kaum saß ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glücks wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, daß mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, plötzlich gestorben sei. Ich habe in einem Gedichte über ihn Alles gesagt, was ich von diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooße dasitzen. So war er sanft hinübergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe neben Camma und Rahbek beerdigt.
Die Kritik über Sokrates.
Mein Sokrates sollte nun aufgeführt werden. Ich war überzeugt, daß Ryge diese Rolle vortrefflich spielen würde, und er soll es auch gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stück wurde nur zweimal aufgeführt, es machte kein Glück. Der ganze damals herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand öffentlich mir zur Seite, außer Wilster in Soröe. In der Monatsschrift für Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntniß, Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz der Zugeständnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Gepräge des Philologen und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden wurde, daß das Stück seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem sorgfältigen Studium verdanke, so genügte es doch nicht, weil es nicht das Product vieljähriger gründlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich Dies und Jenes den Ideen und Gefühlen der Gegenwart fügte. Danach durfte ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem Standpunkte aus betrachtet, müßten all' meine nordischen Heldendramen verworfen werden. Meine Fähigkeiten wurden auch darin besprochen, und — nach der damals gebräuchlichen Weise — nannte man mein allzusehr überwiegendes Gefühl für das Gute „die Wollust des Guten“, und tadelte es als zu einseitig für echt dichterische Compositionen, wenngleich es persönlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele „die Wolken“ eine jugendliche Unbesonnenheit nennen ließ. Was noch mehr dazu beitrug, die Leser gegen mein Stück zu stimmen, war eine deutsche Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien, und in der er bewies, daß Sokrates wirklich ein Empörer gewesen, und ihm also kein Unrecht geschehen sei.
Der Geschmack damaliger Zeit.
Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn gelange, so will ich hieran einen Ueberblick über den Geschmack knüpfen, der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekämpfte. Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Göthe, Tieck — die romantische Schule — gegen das Rührende in der Poesie als gegen etwas Schwaches und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang später hatten sich phantastische Convulsionen in Werner's, Müllner's, Grillparzer's und den französischen Stücken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleid zu läutern, sondern vorzüglich durch brillante Schilderungen bewunderter Laster gespannt und nervenerschüttert zu werden. Von der andern Seite schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glänzende Talente mit außerordentlicher Sprachfertigkeit verdrängt zu werden. An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter. Aber drücken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung in allen Werken seiner hinreißenden Beredtsamkeit aus? Schöne, tiefe Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung findet sich gewiß darin; aber stets hört man den englischen Lord, der, während er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle Andere und alle bürgerlichen Verhältnisse herabblickt. Es ist der blasirte Jüngling, der die Sinnengluth hinreißend, nie aber die wahre Liebe schildert, und schließlich von den Frauen sagt: „Wenn sie einen Spiegel und ein Zuckerplätzchen haben, so sind sie zufrieden“. Byron ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz Englands, den göttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pöbeldichter. Daß aber Byron bei seiner Jugend und Schönheit (bis auf den Klumpfuß), seinem Genie, seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persönlichen Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung für die griechische Sache, welche damals Europa's höchstes Interesse weckte, eine glänzende Epoche machen mußte, ist ganz natürlich, und ich mißgönne ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr ist, doch verdient. Der unglückliche Klumpfuß hat gewiß nicht wenig zu dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablässig peinigte und sein Leben verkürzte.
In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das gemein, daß der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzügliche Künstler in der Behandlung der Sprache waren. Platen hat ebenso wie Byron einige schöne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war kälter und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte Versformen, wie in Marmorsarkophage.
Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter war, äußerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit, vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie damals Mode war. Dies waren Börne und Heine. Ihr Adel war älter, als der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.
Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme des treuen Herzens, des männlichen Charakters, des wahren Ernstes und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was übrigens Phantasie, augenblickliches Gefühl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann, darin excellirte er und riß die Jugend hin. Seine Phantasie und sein Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist, trotz all' seiner Kühnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewußt den Ton von Göthe's jüngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewiß viel mehr Herz zeigt. Rückert florirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange in seinen Treibhäusern aufhalten, in denen mir die Blumen über den Kopf wuchsen.
Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht. Heiberg's Vaudevillen gehörten zur Tagesordnung. Als Professor der dänischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie herausgegeben, in der er besonders Rücksicht auf meine Götter des Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich übersetzt hatte; aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer geworden, und da meine Werke nicht den Hegel'schen Bedingungen genügten, so schätzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete aber alles Andere mit Ausnahme der ältesten Arbeiten als mißglückt. Das thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte, von dem Mißglückten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt; nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser auf den wahren Oehlenschläger, als der arme Geist, der nach seinem Tode spukte.
So stand ich also allein da. Hauch, der auch lange leiden mußte, weil er zu meiner Schule gehörte, richtete sich etwas nach der Zeit, und vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser Namenlosigkeit großen Vortheil. So galt Overskou's Comödie „Oststraße und Weststraße“ als ein Meisterstück, dem nichts gleiche, bis man den Verfasser kannte; später hatte das wirklich gute Stück Mühe genug, sich zu halten. Hertz's „Gespensterbriefe“, die auch anonym erschienen, machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der Geschmack, für den sie kämpften, berührte eigentlich nur die Form; und als Form wurde wieder hauptsächlich die schöne Sprachform angesehen. Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichere Form des Stoffes, kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und gewissermaßen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten Geschmack wieder herzustellen, war — merkwürdiger Weise — der selige Baggesen! Und was noch merkwürdiger war, viele gebildete und verständige Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemißbilligt hatten, nahmen dies für gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's Fahne.