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Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Vorbemerkung. (continued 3)

Reading edition

Der talentvolle Hertz hatte einige Stücke geschrieben und schrieb deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen, besonders in der Sparkasse und in der Debatte im „Polizeifreund“. In Svend Düring's Haus ist viel Schönes, besonders der schwärmerische Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kämpeweise die Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stück wenig zu bedeuten. Die Kinder leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen, sondern um Wehe über ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung ist schön und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen. Hertz hatte die Kämpeweisen fleißig studirt und viele Redensarten und Ausdrücke derselben in seiner gereimten Tragödie angebracht. Wilster sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: „Neuere Dichter haben zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die Anwendung des Reimes ausgedrückt. Am schönsten hat Oehlenschläger diese tragische Lyrik in der Königin Margarete behandelt, wo er die Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmaße der Kämpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Großen in Svend Düring's Haus ausgeführt“.

Aber obgleich nun die Anonymität damals von guter Wirkung gewesen war, so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm erworben hat, gerade außerordentlich viel durch seine Persönlichkeit. Die subjektiv-originelle Auffassung des Mährchenhaften war so ganz mit Andersen's Wesen verwachsen, daß er selbst richtig fühlte, die persönliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und häufige Reisen in ein persönliches Verhältniß zu seinen Lesern zu kommen und ihnen mündlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, daß es dadurch etwas an Naivetät und Humor gewann, den das gedruckte Wort nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich könnte man sagen, daß dies ebenso mit jedem Dichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat, gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung. Christian Winther und Paludan Müller schrieben auch unter eigenem Namen und machten dem Namen Ehre.

Die Kritik über „Sokrates“.

Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurück.

Was hatte mich veranlaßt, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich durch eigene Productivität originell zu zeigen, konnte es nicht sein; denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte, steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, daß etwas Selbstgemachtes hier ganz thöricht und geschmacklos gewesen wäre. Aber der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein Gedanke, mein Gefühl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das wurde mir erst recht möglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit meiner eigenen Kunst brachte; die Activität, die dabei meinen Geist in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand zu erfassen. Außerdem — eine historische Person muß so bestimmt und deutlich hervortreten, als möglich — gehört doch Dichtergeist dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener, dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein vortreffliches Gemälde sähe, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemüthszuständen bewegen ließe, ohne daß dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlöre. Ich wollte Kampf und Versöhnung zwischen dem ethischen und ästhetischen Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen. Und obgleich mein Stück nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit war (ich habe mich niemals für ein Stockgelehrten ausgegeben), so darf ich doch behaupten, daß hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie wirken sollte, so würde es vielleicht nicht so übel gewesen sein, das große Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) über ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so großen Einfluß auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.

Ich hatte doch die Genugthuung, daß ein Mann, der sich in dieser Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntniß der griechischen Literatur betraf, mit dem Besten messen konnte, mein Freund Bröndsted, Professor der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz, ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich in anerkennendster Weise aussprach, übersandte.

Ein großer Uebelstand für mich war der, daß mir, da mehrere meiner neuen Stücke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stücke aus demselben Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich außerdem ein schlechter Buchhändler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah. Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche Blätter überging. Max, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend gewesen war, sandte mir die Uebersetzung von Olaf dem Heiligen, den italienischen Räubern und Tordenskjold als Werke zurück, die meiner nicht würdig seien. Campe in Hamburg verlegte sie doch; er setzte aber bei dem Verlage gewiß zu. In den Blättern für literarische Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen über diese Stücke. Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tief ich als dramatischer Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, daß ich in einer Parenthese in meinem Tordenskjold Stahl in einer Terz ausfallen lasse, welche Tordenskjold parirt. Man sollte es nicht für möglich halten, daß eine solche Bêtise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in allgemeiner Achtung stand; aber es verhält sich doch so.

Um nun einiges Geld zu bekommen, übersetzte ich durcheinander all' die Stücke fürs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren zur italienischen Norma, dem deutschen Freischütz und dem englischen Oberon dänische Worte unter.

Frau Friederike Brun.

In diesem Jahre starb auch meine Freundin Frau Friederike Brun, mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem ausgezeichnetem Weib muß ich umständlicher sprechen. Sie war eine Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr. Münter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Münter nach dem Tode des Unglücklichen herausgab. Daß Struensee, als Gefangener, da er sich seinem Ende näherte, in dem Gespräch mit dem begabten, von Religion begeisterten, durch die Wissenschaft gründlich gebildeten Münter seine flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem irdischen aufhöre, ist ganz natürlich und wahrscheinlich. Es kann nicht geleugnet werden, daß zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr Glück machten, sich wirklich durch eine höhere Bildung auszeichneten, als die Dänen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock, Deutschlands großer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige Gesänge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem Prokanzler Cramer, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ältere Schlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine Landsleute mit dem dänischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach Bernstorff zeichnete sich der jüngere Schimmelmann als Liebling der Musen und als Mäcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich später mit Schimmelmann's Secretair Kirstein. Schiller schickte aus Dankbarkeit Schimmelmann (der während seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von Augustenburg für ihn gesorgt hatte) seine Tragödien, ehe sie gedruckt wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswürdige Friederike Münter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen, daß sie das dänische Gute ignorirt hätten. Schlegel war Holberg's eifriger Apostel und hat gewiß dazu beigetragen, daß Schröder dessen Stücke auf die deutsche Bühne brachte und selbst so meisterhaft darin spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Münter Blumen auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund. Aber es ist natürlich, daß ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und späteren Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre Ehe war merkwürdig. Es würde einem Lustspieldichter schwer werden, einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden, als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden Friederike Münter und dem fast ausschließlich mit Gelderwerb und Handelsspeculationen beschäftigten Constantin Brun. Er fing als armer Commis an, aber er war ein hübscher junger Mann und ein gewandter Kopf. Münter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte viele Handelsverhältnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hülfe kam er gleich in gute Handelsverhältnisse, die er mit seinem großen Erwerbgenie benutzte, so daß es nicht lange währte, bis er reich wurde. So habe ich ihn kennen gelernt; er äußerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott und sein Mißvergnügen über die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie er sie nannte. Es war nicht zu leugnen, daß sie etwas zu sentimental war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglücklicher Weise wurde sie von einer Taubheit heimgesucht, die in späteren Jahren zunahm. Aber diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann nicht schelten hören; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie würde weder alle einsichtsvollen Männer und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und Urtheilsfähigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermögen ihres Mannes die Mittel erlangt hätte, eine Reise nach der andern und besonders nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte, aber sie hörte es nicht. Eines schönen Tages stand ich neben ihm auf Sophienholm in Frederiksdal. „Ist das nun nicht ein herrlicher schöner Ort“? fragte er mich — „und doch will sie wieder aus dem Lande fort. Es ist rein um toll zu werden“. Aber das Beste dabei war, daß er sie, trotz all' des Lärmens, den er machte, doch thun ließ, was sie wollte, und es, trotz all' der Klagen über die vielen Ausgaben, doch seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz psychologisch merkwürdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhörnchen das Sammeln der Nüsse in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nämlich eine große Schublade voll Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stücke und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er hätte Nichts, und um es ihm zu beweisen, öffnete er seine Schatulle, zog alle Schubläden heraus und zeigte ihm, daß kein Geld darin sei.

Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswürdige Persönlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis zur Hütte, und es gab damals fast keine einzige männliche und weibliche Berühmtheit in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie und Verstand erfaßt hätte, und durch charakteristische lebendige Züge zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang angenehm zu machen; man hörte sie gern erzählen; und als ihre Taubheit zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhängenderen Vortrage, als im Gespräche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn außer ihren eigenen Töchtern und Nichten hielten sich auch zwei Töchter des in Paris verstorbenen Ministers Dreyer in ihrem Hause auf. Sie waren in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die älteste, Mariquita, war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der junge Ludwig Heiberg, den man im Scherz „l'enfant“ nannte, und der oft zu Bruns kam, seine erste Politur. Daß nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter, wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den sündigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die Augen, als die Vorzüge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr zusammen war. „Gott hat mir die Gnade erwiesen“, sagte sie einmal in einem Concert, „daß ich für Musik nicht taub bin“. — „Die Gnade hat Gott ihr nicht erwiesen“, sagte der Maler Christel Riepenhausen, der ein großer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert zusammen waren, das mit einem starken Chore anfing, fragte sie mich, nachdem der Chor gesungen war: „Geht's nicht bald an?“ Ich entschuldigte diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer Seite, die man mißverstand; sie meine, es würde ihren Freunden lieber sein und den eigenen Genuß nicht stören, wenn sie glaubten, daß auch ihre Freundin Theil daran nehmen könne. Man hielt sie auch für geizig, obgleich sie es nicht war. In der für Dänemark schlimmsten Finanzperiode reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann fand sich darein; daß er ihr aber Summen gegeben hätte, um Kunstwerke zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Künstler in Rom unzufrieden damit, daß sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr den berühmten Landschaftsmaler Reinhart, eine kräftige, derbe Gestalt. Er besaß ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr zu leihen. „Ja,“ rief er mit fast zürnender Donnerstimme, „Sie können es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und Sie sind reich.“ — „„Der gute Reinhart,““ sagte sie milde mit einem versöhnenden Lächeln.

Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und Bemerkungen nicht hören konnte, die man ihr machte, und sie war daher gewöhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurückkam, gab sie wöchentlich musikalische Soiréen, bei denen Ida mit ihrer anmuthigen Persönlichkeit und ihrer schönen Stimme die Hauptrolle spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gäste mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder höchstens einer Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einführen. Sie war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel. Der Concertmeister Schall, der es übernommen hatte, diese Concerte zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, daß man hier zu Lande daran gewöhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nächsten Concert führt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes Souper angerichtet war; aber — nur für ihn! Erst als er sich, wie Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau Brun einleuchtend, daß sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas mehr ins Große gehen müsse, und bei dem nächsten Concerte fehlte auch Nichts, um die Gäste sowohl körperlich, als geistig zu erquicken. Bei solchen Concerten saß sie zuweilen mit einem Stäbchen im Munde, das den Resonanzboden des Instruments berührte, wenn dasselbe von einem Virtuosen, z. B. als Moscheles da war, gespielt wurde. Siboni löste Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen Schultz Etwas von ihm vortragen ließ, so wurde das auch als etwas Lächerliches betrachtet, in das man sich finden müsse.

Ida war ein anmuthiges Mädchen, blendend weiß, schlank, wie eine Nymphe, mit einem ovalen, regelmäßigen, blondlockigen Kopfe und einem Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte, obgleich ihre blaßblauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter, der Maler, Professor Lund, brachte sie bewußt oder unbewußt auf den meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; für Poesie hatte Ida nicht viel Sinn, obgleich sie gern über das Lustige lachte, und wenn sie gleich schön sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt, schöne malerische Stellungen auszuführen, was sie freilich in dem Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame Händel-Schütz mit ihrem schwerfälligen Körper, nachdem sie schon fast verblüht war.

Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel ich weiß, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur, sondern etwas undinenmäßig kalt. Da kam der österreichische Minister Graf Bombelles. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hübsch, sondern bleich und sehr pockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede war, daß er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte. Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als Frau Brun's alten Freund dort, und das störte mir den Genuß ihrer Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, daß er, wenn Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wäre nicht zu Hause, und ebenso umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine bewaffnete Neutralität gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider feindlichen Mächte sein müsse; und ich glaube auch, daß Baggesen sich darein fand; denn sie klagte später nur über mich, der ich fortblieb, sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.

Angenehme Ueberraschungen.

Mehrere angenehme Ueberraschungen wurden mir in den Jahren 1838 und 39 bereitet. Man wird sich erinnern, daß der Bischof Münter, mir, als ich Ritter vom Nordsternorden geworden war, sagte: „Der König kann es nicht leiden“! und ich hatte später Ursache, ihm zu glauben; denn drei Mal war ich von der Universitätsdirection meiner Anciennetät als Professor zufolge zum Etatsrath vorgeschlagen, ohne daß ich es wurde; und ich weiß, daß alle Betreffenden sich darüber wunderten. Vielleicht hat der selige König geglaubt, daß ich selbst mich um jenen Orden bemüht habe. Die Wunde des verlorenen Norwegens war noch nicht geheilt — und die Unzufriedenheit des Königs läßt sich menschlich erklären. Aber sein gutes Herz gestattete ihm doch nicht lange dem Unschuldigen zu grollen.

Im Jahre 1838 wohnten die königlichen Herrschaften nicht auf Friedrichsberg; das Schloß stand leer, und ich bekam so große Lust, wieder einmal dort zu wohnen, daß ich dem Triebe nicht widerstehen konnte, meinen Wunsch gegen den Oberhofmarschall auszusprechen. Er trug dieses darauf dem Könige vor und brachte mir die angenehme Nachricht, die ich gar nicht erwartet hatte, daß der König es gleich erlaubt und gesagt hätte: er könne ganz gut begreifen, daß ich wünschte, wieder einmal da zu wohnen, wo ich meine Kindheit verlebt, und wo er mich gekannt hätte, als ich nicht größer, als so war! Hier machte er mit der Hand eine Bewegung nach der Erde zu. — Ich zog also mit meiner lieben Marie hinaus und lebte in schönen Jugenderinnerungen mit dem theuren Kinde, das mich (was ich damals noch nicht wußte) bald verlassen sollte; ich ging, von vergangener Zeit träumend, umher und besuchte täglich die Portraits meiner ältesten Geliebten in den königlichen Zimmern. Die Vergangenheit stand wieder so klar vor mir, daß ich Lust bekam, mein Leben ausführlicher und vollständiger, als das erste Mal zu schreiben, und ich begann die gegenwärtige Ausgabe. Damals vollendete ich nur die Periode meiner Kindheit. Manche Stelle zeugt von diesem meinen letzten Aufenthalte auf dem Schlosse, z. B. die genaue Beschreibung und das Urtheil über das große Gemälde von Rubens, das, von Lorenzen copirt, in dem Zimmer der Königin hing. Täglich ging ich mit meiner Maria im Garten und im Südfelde spazieren, wie ich es gethan hatte, als sie klein war. In diesem Sommer schrieb ich auch die Tragödie: „Knud der Große“.

In unserer ländlichen Einsamkeit wurden wir durch die freudige Nachricht überrascht, daß Thorwaldsen nach Dänemark komme, um sein übriges Leben bei uns zuzubringen.

Sein Empfang ist eine historische Scene, deren Schilderung nicht in ein idyllisches Gemälde gehört. Ich war auch auf der Rhede in einem Boote, um ihn zu begrüßen, was mir wegen des großen Schwarmes von Fahrzeugen doch nicht glückte; aber ich sah ihn ziemlich fern in dem Königsboote sitzen, und entdeckte da bereits, daß sein Haar, welches früher (nach seinem eigenen lustigen Ausdrucke) gepudert gewesen, nun schneeweiß geworden war.

In diesem Jahre ernannte mich König Friedrich VI., ohne einen Vorschlag von Seiten der Universität, als ich es am wenigsten erwartete, zum Etatsrath.

Im Jahre 1839 fiel es meinem Freunde Bournonville ein, meinen Aladdin zur Aufführung auf dem Theater einzurichten. Mit dem ihm eigenen Geschmacke wählte er die Musiknummern, componirte schöne Tänze zu den Feenscenen und Aufzügen und tanzte selbst vortrefflich darin. Ich hatte ihm und Overskou die Vollmacht gegeben, das Stück nach Gutdünken zu kürzen und zusammenzuziehen. So wurde es wiederholt mit vielem Beifall gegeben und verschaffte mir eine so reiche Einnahme, daß ich eine Freude genießen konnte, die mir in meinem ganzen Ehestandsleben nur ein einziges Mal, vor 22 Jahren, zu Theil geworden war, und an der ich jetzt auf dem Schlosse Geschmack gefunden hatte: einen Sommer mit meiner ganzen Familie auf dem Lande zuzubringen.

Tod Friedrich des Sechsten.

Gegen Ende dieses Jahres starb auch König Friedrich VI. Ich schrieb als Universitätsprogramm ein Gedicht über ihn, und es wurde mir übertragen, die Trauercantate zu verfassen, welche bei seiner Beisetzung in der Roeskilder Domkirche aufgeführt wurde. Ich war mit dort, und bei einer schneidenden Kälte bei dem Probst Hertz einquartirt, wo ich diese Nacht dem lieben Gott für Etwas dankte, das ich sonst verabscheute, nämlich für ein paar warme Federkissen. Mit meiner Cantate, zu der Weyse die Musik geschrieben hatte, war ich selbst nicht recht zufrieden. Im Programm hatte ich das ganze preiswürdige Leben Friedrich's VI. in naiven Knüttelversen besprochen; aber sein Tod versetzte mich nicht in eine höhere Begeisterung. Auch die alte Einrichtung von Solo, Duett, Recitativ und Chor genirte mich. Später schrieb Heiberg eine Cantate für die Universität, welche besser war, als die meinige; Weyse's Musik war auch besser, besonders fand sich ein Duett von unvergleichlicher Schönheit darin.

Brief des Kronprinzen Oskar.

Im Jahre 1840 zeigte Tegnér mir in einem sehr freundschaftlichen Briefe an, daß mir König Karl Johann das Großkreuz des Nordsternordens ertheilt habe, und ich erhielt auch bald das Diplom. Zu gleicher Zeit sandte der Kronprinz mir eine goldene Medaille mit seinem Brustbilde und der Inschrift: Memoriae pignus, nebst folgenden Zeilen:

„Herr Etatsrath Oehlenschläger! Durch mehrfache wichtige Geschäfte abgehalten, sah ich mich länger, als ich wollte und wünschte, der Freude beraubt, Ihnen meine Dankbarkeit für das schmeichelhafte Gedicht zu bezeugen, das Sie mir letzthin, von Ihren ins Deutsche übertragenen Arbeiten begleitet, zugeeignet haben“.

„Mehrere unter diesen sind mir zwar alte und liebe Bekannte, aber als Geschenk des Verfassers haben sie für mich einen neuen und erhöhten Werth. Ueber das schöne Gedicht darf zwar Der, welcher der Gegenstand desselben ist, nicht urtheilen, aber ich kann es mir doch nicht versagen, Ihnen, Herr Etatsrath, meinen Dank für die freundschaftliche Gesinnung auszusprechen, die sich darin zeigt, und die ich mit derselben Aufrichtigkeit, wenn auch in einfacheren Worten, erwidere. Das Andenken an unsere Begegnung in Christiania bereitet mir stets Freude, und ich rief es mir aufs Neue ins Gedächtniß zurück, als Ihr Sohn mich besuchte. Ich hoffe, daß er meine Grüße bestellt hat, und daß Sie, Herr Etatsrath, bald Ihr Versprechen, Ihre schwedischen Freunde zu besuchen, erfüllen werden. Indem ich mit Freude diese Gelegenheit benutze, Sie meiner Freundschaft und Hochachtung zu versichern, bitte ich Sie, die beifolgende Medaille anzunehmen, welche, wie ich hoffe, Sie an Denjenigen erinnern wird, der, wie ich, Ihren Geist und Ihre Eigenschaften, Herr Etatsrath, so hochschätzt.

Stockholm, den 8. Mai 1840.

Oskar“.

König Christian der Achte.

In diesem Sommer wurde König Christian VIII. und Königin Karolina Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrönt. Die Ritter vom Elephantenorden und die Großkreuze des Dannebrog waren in purpurrothen und citrongelben Sammetmänteln, weißen Seidentricots und großen Federhüten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen ungewohnten Tracht eigenthümlich aus.

Der König machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine Tischcantate zum Krönungsfeste gedichtet, die, von Fröhlich componirt, bei Tafel aufgeführt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und herging, um zu sehen, wie die Majestäten von den Staatsministern bedient wurden, kümmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saßen am andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lärmte, und ich glaube, daß Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die Cantate gehört hat. Ich war selbst im Saale, hörte sie aber nicht.

Zusammenleben mit Thorwaldsen.

Steffens war auch zugegen. Der König hatte ihn mit seiner Familie nach Dänemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den Baron Stampe auf Nysöe. Schon früher war ich einige Male mit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends, wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als wenn er eine bedeutende Summe für seine Arbeiten bekommen hatte), mußte ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen, und dann war er ein aufmerksamer Zuhörer. Er liebte überhaupt das Schauspiel sehr; in Kopenhagen saßen wir fast jeden Abend im Theater neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rührenden Stellen rannen ihm die Thränen an den Wangen herab. Er hatte oft davon gesprochen, meine Büste zu modelliren; aber es verzögerte sich immer und ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe kurzen Prozeß damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem Stift darin, ließ ein Gefäß mit nassem Ton heraufbringen, formte mit ihren eigenen Händen einen großen Klumpen davon mit einem Hals wie an einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h. meine Büste. Den nächsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten, und entschuldigte sich damit, daß er nicht recht aufgelegt sei. Als ich dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich fand es sehr natürlich, daß er lieber an einem Taufengel als an einem getauften Poeten arbeiten wollte.

Den nächsten Tag dagegen war er fleißig an der Büste beschäftigt und machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhältniß zu meinem alten Freunde war ganz wunderlicher Art. Er übersprang ganz die 37 Jahre, die wir getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem Schüler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir im Südfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen wieder heraufzubeschwören. In diesen Gefühlen sympathisirten wir brüderlich. Seine Frau war auch hier; die schöne Hanna Reichardt hatte sich außerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine Tochter Klärchen hatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. — In diesem Jahre feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem Doctor Wollert Konow aus Norwegen.

Tod meiner Frau.

Im Jahre 1841 dichtete ich Dina. Ich las meiner Frau und meinen Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon war, daß sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hörte sie stets mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem fünften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon vorlesen. Das Letzte, was sie hörte, war Eleonore Christine's Monolog, wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschließt, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da füllten sich Christiane's große blaue Augen, die trotz aller Schwäche noch nicht den Stempel ihrer frühern Schönheit verloren hatten, mit Thränen. Und das war der Abschied dieser edlen Seele vom Dichter und Gatten, denn später ergriff die Lähmung und das Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfänglich für zarte, rührende Eindrücke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes Zucken des Mundes und der Augenliden ließ einen apoplectischen Anfall befürchten. Das würde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem Tode zugeführt haben. Nun endigte gutmüthige Dienstfertigkeit, die ein Charakterzug bei ihr war, plötzlich ihr Leben. Eine arme Frau, die im Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betäubung, kannte mich kaum und als ich mit unterdrücktem Gefühl ihr Lebewohl sagte, machte sie eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging untröstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Hütte mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und über meine Einsamkeit trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich früher von einer edeln Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das er in der Friedrichsberger Allee besaß, bis ich andere Zimmer finden würde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte.

In dieser Trauer kam Bröndsted zu mir und fragte mich mit seiner gewöhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst leisten könne? „Ja,“ antwortete ich, „das kannst Du. In diesem Hause kann ich nur einige Tage bleiben; ich weiß, daß das Schloßverwalterhaus leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte, manchen Sommer, und es würde mir Trost gewähren, wenn ich die Erlaubniß erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrübt und niedergeschlagen, als daß ich zum König gehen und ihn darum bitten könnte. Willst Du es für mich thun“? — „„Ja, mit größtem Vergnügen!““ — Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief, den der König mir geschrieben hatte, in welchem stand, daß es Sr. Majestät freue, meine Trauer lindern zu können, und daß er gleich Befehl gegeben habe, daß das Schloßverwalterhaus mir für diesen Sommer eingeräumt werde. Dafür hatte ich nun meinen guten Bröndsted zu danken, wenigstens dafür, daß es so schnell geschah; denn mir selbst wäre es in meiner Gemüthsbewegung unmöglich gewesen zum Könige zu gehen.

Meine Tochter zieht nach Norwegen.

Ich zog nun mit meinen Söhnen in das Schloßverwalterhaus. Mein Schwiegersohn Konow und meine Tochter wohnten in der Stadt. Er hatte erst die Absicht gehabt, sich ein Gut in Dänemark zu kaufen. Aber da er keins fand, was ihm convenirte, und da wohl auch der freiheitsliebende Norweger sich nicht dazu entschließen konnte, Unterthan eines souverainen Königs zu werden (damals zeigte sich viel Gährung und Opposition hier im Lande), so beschloß er ein schönes Gut, Steen, zwei Meilen von seiner Vaterstadt Bergen, zu kaufen. Nun sollte ich also auch, wenngleich, gottlob nicht für stets, meine Maria verlieren.

Die traurigen, stillen Vormittage in der ersten Zeit nach Christiane's Tod (mich trennte nur ein breiter Platz von dem Kirchhofe auf dem sie begraben war) brachte ich damit zu, alle ihre Briefe zu lesen, wodurch ich mich gleichsam in meine erste Jugend zurückversetzte und das entschwundene Leben noch ein Mal mit ihr durchlebte. Ich miethete Zimmer für den Winter, besuchte die lieben Neuvermählten, und ihre Nähe erquickte mich sehr, bis die Abschiedsstunde kam, wo ich meine schmerzlichen Gefühle bemeistern mußte. Die Trauer wurde durch den tröstlichen Gedanken gemindert, daß ich sie, unserer Verabredung gemäß, bald in Norwegen besuchen würde.

Bevor sie aber abreisten, versuchte eine Zahl der begabtesten und gebildetsten jungen Männer des Vaterlandes, mich dadurch zu trösten, daß sie mir einen neuen ehrenvollen Beweis ihrer Achtung gaben. Ich erhielt folgenden Brief:

„Der Studentenverein an Adam Oehlenschläger!

Sie vollenden heute das 62. Jahr ihres Lebens, welches dem Dienste der Musen geheiligt war, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit ihrem Namen Unsterblichkeit verleihen wird. Gegen diese muß eine wenn auch noch so kräftig ausgesprochene Anerkennung eines kleinen Kreises der Gegenwart einem Nichts gleich sein; aber eine Gesellschaft junger Musensöhne, welche Sie in einer Reihe von Jahren mit Freuden unter sich gesehen hat, fühlt die Pflicht auszusprechen, daß sie es für eine Ehre für die Gesellschaft hält, Sie zu deren Mitgliedern zu zählen. Der Studentenverein bittet Sie daher, den Platz als Ehrenmitglied der Gesellschaft anzunehmen, und indem wir, die Vorsteher des Vereins, Ihnen dies, laut uns gegebenem Auftrage, mittheilen, konnten wir dem Drange nicht widerstehen, Ihnen persönlich unsere Freude darüber auszusprechen, daß uns die Ehre zu Theil geworden ist, diese Handlung der Gerechtigkeit gegen den ersten Dichter unseres Vaterlandes zu vollziehen.

Das Seniorat des Studentenvereins am 14. Nov. 1841“.

Diese Huldigung war früher nur Rahbek und Thorwaldsen zu Theil geworden, und es fand in Folge derselben ein schönes Fest Statt.

In demselben Jahre wurde ich Commandeur des Dannebrogordens. Kurz darauf ward ich auch Mitglied der niederländischen Gesellschaft der Wissenschaften, und erhielt die große goldene Medaille der schwedischen Akademie für Geist und Geschmack (för Snille och Smak).

Gnade des Königs.

Der König hatte mir erlaubt, „diesen Sommer“ im Schloßverwalterhause zu wohnen. Ich wünschte nun sehr, daß diese Erlaubniß auf mehrere Sommer ausgedehnt werden möchte. Als ich ihm für seine Güte dankte, fragte er, ob nicht auch ein Garten dabei sei, und ob ich diesen pflege? Dies gab mir die beste Gelegenheit, meine Bitte anzubringen. Ich antwortete, daß ich ihn sehr gern pflegen würde, wenn ich hoffen könnte, in der Zukunft auch die Früchte zu ernten. Der König antwortete: „Wenn es möglich sei, sollte ich die Erlaubniß erhalten, dort wohnen zu bleiben“, und als ich in dem muntern Tone, in dem er mich gern sprechen hörte, antwortete: „für Ew. Majestät ist sehr Viel möglich“, erlaubte er mir die Wohnung zu behalten. Ungefähr um dieselbe Zeit starb die Conferenzräthin Jessen, welche nach dem Tode ihres Mannes auf dem im Friedrichsberger Garten, von üppigen Gebüschen und Bäumen verborgen gelegenen Fasanenhofe wohnen geblieben war. Der Oberhofmarschall Levetzau, den ich von Jugend auf kannte, und der stets freundlich mit mir gewesen war, erzählte mir, daß der König mir erlaubt habe, zu wohnen, wo ich es selbst am liebsten wünschte: entweder im Schloßverwalterhause oder auf dem Fasanenhofe. Als ein Freund des Alten, an das sich viele liebe Erinnerungen knüpften, zog ich es zuerst vor, da zu bleiben, wo ich war; als mir aber der Marschall lächelnd rieth, erst den Fasanenhof anzusehen, that ich es und schwankte nicht länger.

Tod Wullf's und Bröndsted's.

In dieser Zeit traten kurz nach einander zwei traurige Todesfälle ein, welche mir zwei meiner besten Freunde raubten. Zuerst starb plötzlich mein lieber Peter Wullf. Ich hatte ihn im Jahre 1814 als Capitain und Lehrer der Seecadetten kennen gelernt. Unsere Freundschaft wurde in der Baggesen'schen Periode geknüpft, in welcher Wulff sich uns warm angeschlossen hatte.

Er schrieb schöne Gedichte, und setzte die Foersom'sche Uebersetzung des Shakespeare zwar nicht mit der Virtuosität Foersom's, aber doch lobenswerth fort. Jetzt war er Contreadmiral und Generaladjutant. Seine gute Frau hatte er einige Jahre vorher verloren. In dem liebenswürdigen Kreise seiner Familie verlebte ich viel heitere Tage. Weyse war auch ein Freund des Hauses und erquickte uns oft durch seine schönen Phantasieen am Fortepiano.

Der gute Wulff litt zuweilen an einem leichten Podagra, war aber niemals eigentlich krank. Eines Abends im Theater fühlte er sich nicht recht wohl, ging hinaus, nahm eine Droschke, um nach Hause zu fahren, und ehe er nach der Cadetten-Akademie kam, — war er todt!

Tod Bröndsted's.

Im folgenden Jahre hatte mein lieber Bröndsted ein ähnliches Schicksal. Von Natur war er riesenstark und genoß einer vortrefflichen Gesundheit. Aber er war vollblütig und bedurfte der Bewegung. Da er nun viel saß und nach alter Gewohnheit immer lange zögerte ehe er sich in Bewegung setzte, so beeilte er sich dann um so mehr zu Pferde, denn er ritt lieber, als er ging. Ein paar Jahre wohnte er des Sommers auf Friedrichsberg, wo ich ihn und seine liebenswürdigen Töchter Friederike und Marie häufig besuchte. Die armen Mädchen gingen oft des Abends um sieben, halb acht Uhr auf die Landstraße, um nach ihrem Vater zu sehen, der noch nicht zum Mittagsessen gekommen war. Wenn sie ihn dann in weiter Ferne herangalopiren sahen, freuten sie sich. Leider sollte diese Freude bald in Trauer verwandelt werden.

In Kopenhagen wollte er eines Tags zu einem der Thore hinaus reiten. Auf der Esplanade begegnete ihm der Etatsrath, späterer Minister Bang. Sie hielten an und sprachen mit einander. Das Gespräch war zu Ende und Bröndsted wollte weiter reiten, als er, gutmüthig und höflich wie er stets war, den unglücklichen Einfall bekam, Bang für eine Abhandlung zu danken, die dieser kurz zuvor geschrieben hatte. Rasch und kühn warf er das Pferd herum; aber bei dieser Bewegung fiel er ab. Er war zwar an das Reiten gewöhnt; aber da er kurz und untersetzt war, konnte er sich nicht fest genug halten. Er bekam einen fürchterlichen Schlag, wobei er wohl merkte, daß Etwas in seinem Körper zerbrach. Er hatte noch so viel Kraft, daß er sich mit Hülfe eines Andern nach dem nahe gelegenen Friedrichshospital schleppen konnte. In den ersten Tagen schien es, als ob die Gefahr nicht sehr groß sei; nun aber schwoll der Körper auf, und er starb glücklicherweise plötzlich, wobei er von heftigen Schmerzen verschont blieb. Das Becken war ihm gebrochen! und doch hatte er Muskelkraft und Körperstärke genug gehabt, um von der Esplanade nach dem Hospital zu gehen. Armer Bröndsted! wie viele Gefahren hast Du in Deinem Leben besiegt! auf Felsen und Bergen in der dunkeln Nacht bist Du an tiefen Abhängen vorübergeritten — und es hatte Dich Nichts betroffen! Und nun solltest Du an einem schönen, stillen, hellen Tage unter den freundlichen Bäumen in einer schönen Allee der Hauptstadt Deines Vaterlandes stürzen!

Die Aufführung von Dina.

Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgeführt und machte vorzüglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glück. Das Stück wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, „daß ich der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als zu gut gezeichnet hätte; daß sie eine niedere Verbrecherin sei“. Aber Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stücke gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet. Daß ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten sei, können nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person. Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglückt ist, aus einem groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein Gewinn für die Poesie und kein Verlust für die Geschichte. Die strenge historische Wahrheit würde bei den meisten Stoffen die Dichterschönheit unmöglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatsächlich seinen Sohn ohne Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in einem Schweinestalle; Palnatoke erschoß den Harald Blauzahn von hinten in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung saß; Hagbarth schlich sich nach der Kämpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr, als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet? Sophokles sagte zum Euripides: „Du zeichnest Deine Helden, wie sie sind, ich wie sie sein sollten“. „Aber“, wird man sagen, „Du hast Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt“. Das habe ich nicht gethan. Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb — ein ewiges Geheimniß. — Dies genügte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv, welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als möglich moderirt. Es ist nur ein flüchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von der tragischen Nemesis festgehalten. Die Möglichkeit eines solchen Gedankens lag nicht außerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen glänzenden großen Eigenschaften herrschsüchtig und rachgierig; und wenn gleich die Humanität gebot, seine Schandsäule niederzureißen, so wird doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen können, daß zu großer Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum Landesverrath getrieben haben.

Ole Bull.

Im Juni reiste ich mit meinem jüngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen. Als Reisegefährte folgte uns der Violinist Ole Bull, der durch sein seltenes Talent einen nicht nur europäischen, sondern einen Weltruhm erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen großen Künstler zu bewundern, aber auch mich über ihn zu wundern. Sein Leben ist merkwürdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris kam, und von der äußersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehört, anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald ein erkleckliches Vermögen erwarb. Seine musikalischen Leistungen waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthümliche Mischung von liebenswürdiger kindlicher Gutmüthigkeit und Milde, die oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten die schönsten, schmelzendsten Töne und genialsten Phantasien mit einem plötzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob Bull ein Vergnügen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und dieselben Zuhörer, die er soeben noch entzückte, durch eine Bizarrerie zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns ein schönes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke, wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darüber hinfährt und es wieder verwischt. Doch muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir hörten manch' herrliches Stück, das nicht auf diese Weise abgebrochen wurde; und es ist höchst wahrscheinlich, daß diese Manier ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen Töne einer zu heftigen Persönlichkeit. Ich sage, daß er ebenso in seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der Kindlichkeit, die dem kräftigen, schönen, jungen Norweger so gut stand, war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.

Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mißfallen hatte, weil er zu übertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie liebenswürdige Art, die Versöhnung herbeizuführen, und den Verstimmten zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In Christiania, wo seine kleine hübsche Frau wohnte, die sich als Pariserin nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm, und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen wollte. Er war außerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen gegossen, und es ist wohl möglich, daß es seine allzu große Körperkraft war, die zuweilen ungeduldig die milden Töne unterbrach, während er mit dem Haupte schüttelte, daß ihm die Haare in die schönen braunen Augen fielen. Ein Beweis für seine Gutmüthigkeit ist, daß er mir seinen besten Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen mit drei Rädern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefährlich dies sei, wählte er einen großen Wagen, der nicht ordentlich die Spur hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen hätte. Als er vor dem Könige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI. ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: „Von den norwegischen Felsen, Ew. Majestät!“ Der König, der an solche poetische Redensarten nicht gewöhnt war, und den Namen eines Menschen erwartet hatte, setzte das Gespräch nicht weiter fort.

Norwegische Bekanntschaften.

In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gönner. Der Einzige, den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, war Sverdrup, der an Augenschwäche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten begrüßten mich eines Abends im Hôtel du Nord mit einem Ständchen. Ich machte die Bekanntschaft Schweigaard's, eines der brillantesten Köpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen verband, Dahl kam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine gute Frau erquickte uns unter Andern mit schöner italienischer Musik. Collets empfing mich mit unveränderter Herzlichkeit. Auch meinen alten Reisekamerad Krog sah ich wieder, und lernte seinen Vater, den Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in Schweden gewesen war.

Der Statthalter Baron Lövenskjold erwies mir viel Freundlichkeit und Ehre. Am Namenstage des Königs waren wir bei ihm zu Tisch, und bei dem dritten Toast bat er mich, Dänemark Norwegens brüderlichen Gruß zu bringen. Fünf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dänemark; der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog für die Sache unsers Vaterlands zu kämpfen. Seine ehrliche, derbe, herzliche Freundlichkeit rührte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines Tages herein und sagte: „Herr! draußen steht ein Soldat, der mit Ihnen zu sprechen wünscht.“ Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und Säbel, der ehrerbietig an den Czako faßte. Es war Lövenskjold, der in den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet und Dannebrogsmann geworden war, besuchte er uns wieder; wir hatten die Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor meiner Seele als ein schönes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden, die mit ihrem Bruderherzen für uns stritten, und ihr Blut für uns wagten und vergossen.

Reise nach Bergen.

Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser Freund Holger Collet aufgeschrieben; und da der Staatsrath Sibbern einen Tag vorher eine weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde für uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und obgleich wir eilten, so mußten wir doch an ein paar Orten doppelt bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der Weg führt größtentheils an Abgründen entlang, doch ereignen sich selten Unglücksfälle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die italienischen Esel daran gewöhnt, die Felsen auf und ab zu klettern. Zwei Dinge gehören zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefährlicher; hatte aber auch wieder den Vortheil, daß sie beim Regen zugemacht werden, und daß man mehr darin mit sich führen konnte. Im Anfange erschien mir die Nähe des Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewöhnt sich an Alles und es währte nicht lange, so ließ ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher eine Karre mit einem Pferde herabgestürzt war, machte keinen Eindruck auf mich.

Wir machten unsere Reise in vier bis fünf Tagen. Ich will hier nicht all' die Ruhepunkte aufzählen, sondern nur einiges Charakteristischen, dessen ich mich entsinne, Erwähnung thun. Am ersten Abend kamen wir in ein Haus, wo der Wirth und die Wirthin, obgleich Bauersleute, meine Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mühe gaben, uns nach besten Kräften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglücklicherweise aber konnte ich Nichts davon genießen; denn es ist mir stets zuwider gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das Gefühl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht Mitmenschen, so doch Mitgeschöpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug versöhnt sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch ästhetischer Sinn mit den Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den braven Leuten nicht zu mißfallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun wollten.

Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das störte mich aber doch nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit Ausnahme einiger großen Thäler aus lauter Felsen, zwischen deren Spalten die Flüsse dahinströmen. Zwischen dem Fluß auf der einen Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich und dem Flusse. Das ist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind größtentheils die unglücklichen einzelnen Nachtfröste schuld. Eine einzige Nacht kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstören. Was Norwegen besonders fehlt, ist Erde. Steine können nicht zu Brot werden, und Norwegen besteht größtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht die gegen Süden gewandten Bergabhänge hinreichend mit fruchtbarer Erde bedecken könnte, so würde Norwegen ein Paradies werden; denn das Klima auf der Süd- und auf der Nordseite des Berges ist durchaus verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor Stürmen schützen und die Sonnenwärme verstärken, indem sie die Strahlen zurückwerfen, würde fruchtbare Erde den Fleiß des Landmannes durch die reichste Ernte belohnen.

Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche vorwärts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns in großen Haufen, darunter war auch ein baumstarker großer Bauer mit finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken näherte. Glücklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte, sonst wäre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen. Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir unfreundlich zeigte.

Wir näherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aßen wir einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem Rücken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.

Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manöver gewesen war. Die Soldaten mußten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen Raum von genügender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und exerciren konnten.

Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem Schiff ins Boot steigen sollte, mußte ich, als ich mein geliebtes Kind wiedersah, meine Gefühle unterdrücken, um nicht ins Wasser zu fallen. In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nach Steen.

Aufenthalt bei meiner Tochter.

Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thore das Kindermädchen mit dem kleinen Harald, der seinen Großvater an der Grenze empfangen sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem traulich und schön eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs glückliche Wochen im Schooße meiner Familie. Meine Maria spielte mir täglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor, die ich stets so gern hörte, und ich ging daran, meine Tragödie „Erik Glipping“ zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte. In Bergen besuchte ich den herrlichen Christie, der Stiftsamtmann gewesen, Staatsminister hätte werden können, sich aber mit dem Amte eines Zollinspectors begnügte, und einer der Begründer der norwegischen Constitution war.

Es währte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmännern Hagerup und Christie, dem Amtmann Schütz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und in des Prinzen Oskar Loge hinaufgeführt. Ungefähr fünfhundert Personen empfingen mich mit einem Liede und einem schönen Prologe von meinem alten Freunde, dem Oberlehrer Lyder Sagen. Später war Souper und Ball für über hundert Personen. Ich sprach meinen Dank für diese Ehre in einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten ihre Zuneigung.

Je mehr sich die Abreise näherte, desto schwerer athmeten Maria und ich, und manche Thränen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht mehr verbergen ließen. Wir hatten Beide versucht unser Gefühl zu unterdrücken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wußten wohl, was wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns bevorstand, erschütterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt und las; als ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nähtische still weinend. Ich fragte sie besorgt um die Ursache? „Du gehst von mir weg und liest,“ sagte sie, „während ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn uns mehr als eine Thür trennt.“ In solchen Zügen äußerte sich ihr schönes Herz.

In ein paar Bäume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte eingeschnitten; gleich vornan in einen: „Lebe wohl!“ und weiter unten am Strande: „Auf Wiedersehn!“ Nun schnitten wir auch unsere Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit größter Bescheidenheit nur wenig von Dem genießen, was man ihnen anbietet, und mit größter Freude allen nur möglichen Nutzen im Hause thun, während sie sich an die Familie anschließen. Freilich haben sie etwas Wunderliches an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre innige Gutmüthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen im Onkel Jahn. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleiße seiner Brüder, wodurch diese reiche Männer wurden, Theil zu nehmen, führte er ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schloß sich später als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzählt ihnen Märchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor, und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nähme. Aber er kann auch schmieden, zimmern und dem Hauswesen nützen.

Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hübsch, daß er Lust bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber später Jemand sagte, daß sein Name nicht dahin paße, wollte er ihn durchaus wieder wegschneiden, und es kostete viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er denselben stehen ließ.

So riß ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns zu trösten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald nach Dänemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte, denn Harald kam mit noch zwei Brüdern.

Rückreise nach Kopenhagen.

Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kümmerte sich aber das Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Küste hinüber, als ich an Steen vorüber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu können, und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten würde die Wunde nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorübersegeln betrachtete ich die große, schöne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt. Auch Norwegen hat in früheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belästigten lange die Bergener Bürger. Die alten Heldenkönige, die hier gestrahlt hatten, wurden vergessen, selbst ihre Grabmäler in den Kirchen sind zerstört, und keiner wußte, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen traurigen Eindruck; doch würden die der Stadt zunächst gelegenen nicht so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschützt worden wären, das die hervorsproßenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt. Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte sich das Grüne ein gutes Stück den Berg empor.

Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichen Rosenkilde auf das Schiff geführt. Diesen vortrefflichen Schauspieler, ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich auch im „Fest der Freunde“ als ein guter Dichter bewährt hat, kannte ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Möller in der Weststraße aß. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von Drontheim. Das Wetter war so schön und ruhig, daß wir auf dem Verdecke Karten spielen konnten. Eine große Anzahl norwegischer Matrosen wurden auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen Soldaten. Des Abends legten sie sich bis früh auf dem Decke zur Ruhe, und wenn wir Andern, die wir später zu Bette gingen, über das Verdeck gehen wollten, mußten wir über die schlafenden Matrosen wegschreiten. Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht fürchtete, daß sie Aufruhr machen könnten? „Davor bin ich von moralischer Seite sicher,“ sagte er. — „„Genügt das?““ fragte ich. — Er zeigte auf fünf bis sechs Männer, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: „Auf diese kann ich mich in jedem Falle verlassen.“

Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzähligen Scheeren und Bänken in der Nähe kleiner Felseninseln dahin fahren muß. Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir näherten uns einmal zwei solchen Straßen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch diese letztere mußten wir fahren, denn in der andern wären wir auf den Grund gelaufen.

In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dänemark; sie hatten gerade ein Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jüngling besuchte er Norwegen wieder; indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.

Thorwaldsen.

Im Jahre 1844 verlor Dänemark seinen Thorwaldsen. Er war ein paar Jahre vorher wieder in Italien gewesen. Sein Herz schwebte zwischen Süden und Norden. In Italien hatte er sein Leben von der ersten Jugend an bis zum Alter zugebracht. Dort hatte er sein Genie entwickelt, dort war er groß und weltberühmt geworden. Aber obgleich er Italien liebte, und die griechischen Werke ihm heilige Götterbilder für Studium und Kunst wurden, so brachte er nach Rom doch eine so stark nordische Persönlichkeit mit, daß weder Zeit noch Raum ihr Gepräge verwischen konnten, und wenn er uns besuchte, so war er in Wort und That, als ob er nie fern gewesen wäre. Thorwaldsen hatte, wie die meisten Künstler seiner Zeit, keine wissenschaftliche Erziehung gehabt. Sprachen waren nicht seine Sache; selbst seine eigne Muttersprache redete er schlecht; aber er war ein unvergleichlicher Meister in der Fingersprache. Wenn eine Sprache so vortrefflich ist, daß man in derselben das Höchste und Beste ausdrücken kann, und wenn man dies thut, so ist man beredt, selbst wenn man auch stumm wäre. Die Sprache selbst ist nur ein sinnliches Mittel um die Gedanken des Geistes und die Gefühle der Seele auszudrücken; unzählige Menschen schreien und grunzen, trotz ihrer Sprache, wie die Thiere, zwitschern wie die Vögel, schwatzen wie Staarmätze und Papageien. Wenn Mozart und Thorwaldsen die höchste Intelligenz in Tönen und Bildern ausdrücken, so hat weder die tiefsinnige noch die flache Metaphysik Recht, ihre Ideen undeutlich und dunkel zu nennen, weil sie dieselben nicht in Begriffe aufzulösen verstehen. Diese Begriffsauflöserei, diese bornirte Logik hat oft durch triviale Spitzfindigkeit die Begeisterung vernichtet, den Eindruck geschwächt und der Flachheit einen breiten Weg geöffnet, um den guten Geschmack durch Sophismen und Wortklauberei zu verderben. Die gesunde Logik, die wahre Philosophie steht in dem innigsten Verhältnisse zu Kunst und Genie, wie Minerva zu den Musen; wir sprechen hier nur von dem Misbrauche, der sich am Häufigsten findet. Auf eine naive, aber gerade richtige Weise entwickelte sich Thorwaldsen's Kunst, stets auf dem praktischen Wege. — Man erzählt sich eine hübsche Geschichte, wie ein Deutscher, der sich seinen Kunstgeschmack durch Theorien und Abstractionen gebildet, zu ihm kam, kurz bevor er nach Rom reiste und als er eben ein paar Figuren componirt hatte, die für sein Alter merkwürdig schön waren. Der Fremde wollte wissen, welchen Weg er gegangen sei, welche Werke er studirt habe, um zum Ziele zu gelangen. Thorwaldsen, der all' das gelehrte Geschwätz nicht verstand, starrte ihn lange verblüfft an und sagte endlich: „Ach so! Sie wollen wissen, wie ich die Statue gemacht habe?“ — „„Ja, das möchte ich gern wissen!““ — „Das will ich Ihnen sagen,“ antwortete Thorwaldsen, der sich alle Mühe gab, recht deutlich zu sein, damit der Fremde ihn verstehen könne; — „ich nahm ein Bret, bohrte ein Loch hinein, steckte dann eine Stange in das Loch, nahm feuchten Thon, den ich um die Stange legte — und dann machte ich sie!“ Welch unbewußte herrliche Satire liegt in dieser scheinbaren Einfalt!

Aber Thorwaldsen wurde, als er nach Rom kam, ein gelehrter Grieche, denn er studirte die griechische Bildhauerkunst mit einer Tiefe und Gründlichkeit, von der kein griechischer Philolog eine Ahnung hatte. Canova war sein großer Vorgänger; ihm, dem Italiener und Römer, dem klugen Weltmanne, war es viel leichter als Thorwaldsen geworden, sich berühmt zu machen. Seine prächtigen Ateliers lockten die reiche beau monde herbei; lange Zeit standen Thorwaldsen's Meisterwerke unter elenden Bretterschuppen; er selbst war unordentlich gekleidet, sprach die fremden Sprachen schlecht — und war ein Däne! Was konnte man aus Dänemark erwarten? Aber echte Kenner ließen sich doch nicht durch den Schein blenden. Der reiche Engländer Hope bestellte eine Marmorstatue seines Jason, dessen Thonmodell er, in seiner Verzweiflung, im Begriff war in Stücke zu schlagen, als er nach Hause reisen wollte, weil er keinen Käufer fand. Und nun währte es nicht lange, so überstrahlte er in den Augen wahrer Kunstkenner Canova. Aber man darf doch nicht vergessen, daß Canova der Erste war, der den schönen, guten Geschmack zurückbrachte. War er etwas zu kokett und sinnlich in seinen Werken, so war die Thorwaldsen'sche Keuschheit vielleicht zuweilen etwas zu kalt, und daß Jener der Vorgänger gewesen, darf man nie vergessen! Voß's Louise steht an poetischem Werthe unter Göthe's Hermann und Dorothea; aber Göthe hätte Hermann und Dorothea schwerlich gedichtet, wenn Voß nicht vorher seine Louise geschrieben hätte. Während Thorwaldsen lebte und wirkte, besaß er am Ende seiner Laufbahn eine unbegrenzte Celebrität und Autorität. Später hat man in Deutschland auch angefangen, ihn zu bekritteln. Er könne sich nur in das Griechische versetzen; nicht die Kunst in die Gegenwart hinüberführen; trotz der göttlichen Apostel und des Taufengels war er nicht christlich genug; eigentlich sei er ganz besonders groß nur im Basrelief u. s. w. — Mir that es nur leid, daß er nicht die Götter des Nordens verherrlichte, da er doch aus Island stammte. Aber es ist gut, daß auch der Zukunft etwas zu thun übrig bleibt und vielleicht setzt Jerichau fort, was Freund und Bissen so gut begonnen haben.

Auf Nysöe bei Baron Stampe war ich oft mit ihm zusammen. Die Baronesse hatte ihm ein hübsches Atelier im Garten bauen lassen, und da vollendete er, im letzten Sommer, den er dort zubrachte, seine eigene Statue. Wie ein echter Baulundur steht er mit Hammer und Meißel da. Den letzten Winter und den letzten Tag seines Lebens war ich auch bei Stampe in Kopenhagen mit ihm zusammen. Er aß und trank gut, befand sich vollkommen wohl, saß mit mir auf dem Sopha und scherzte nach Tische beim Kaffee. Es stand ein Korb mit Visitenkarten auf dem Tische, in dem wir herumwühlten. „In alten Tagen“, sagte Thorwaldsen, „hatte man solche Visitenkarten nicht; da schrieb man die Namen auf wirkliche Karten.“ Einmal hatte sich eine Familie ein ganzes Spiel solcher Visitenkarten gesammelt, mit denen sie des Abends wieder spielten, wenn sie keine andern Karten hatten. „Ich kann nicht stechen“! sagte der Eine bei einer Partie. „„So gieb schlechtes Zeug zu““! sagte sein Aide, und da warf er den „Herzog von Württemberg“ drauf. Während dessen wühlte ich im Korbe umher, und fand eine Karte, auf der ein Name so klein gedruckt war, daß man ihn kaum lesen konnte; sie war aber wieder von einem Anderen benutzt worden, der seinen Namen sehr groß auf die Rückseite geschrieben hatte. „Hier ist eine Karte“, sagte ich, indem ich sie Thorwaldsen hinreichte, „die man recht gut gebrauchen könnte, wenn man Trumpf zugeben wollte“. Er sah auf den kleingedruckten Namen, konnte ihn aber nicht lesen. „Kehre sie um“! sagte ich. Er that es und las: „Thorwaldsen“. So scherzten wir mit einander. Aber plötzlich sagte er ganz ernst: „„Oehlenschläger! den kleinen Genius der Poesie, den ich gemacht habe, habe ich zu einer Medaille für Dich bestimmt““. — „O, mein guter Thorwaldsen“! sagte ich nun in ganz anderm Tone; „das ist zu viel“! — „„Nein, das ist es nicht““, entgegnete er, indem er sich erhob. Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Wir gingen nach Hause; er wollte ins Theater, und es war ein Zufall, daß ich ihn nicht begleitete. Im Schauspielhause starb er; als eine schöne Symphonie gespielt war, sank sein Haupt herab, und er gab den Geist auf, — ohne Angst, ohne Schmerzen und Krankenlager, wie er es gewünscht hatte.

Im täglichen Umgange war Thorwaldsen mild und freundlich; doch konnte er auch verdrießlich sein; gegen mich war er es aber nie. Einige beschuldigten ihn des Geizes, und wer ihn nur aus einzelnen Zügen kannte, mochte vielleicht Grund dazu haben; aber man kann den Mann nicht geizig nennen, der oft für hohen Preis so viele Arbeiten von andern Künstlern kaufte, um diese zu unterstützen; ja sogar zuweilen mittelmäßige Werke (was seine Gemäldesammlung zeigt) nur um den Bedürftigen zu helfen. Dagegen liebte Thorwaldsen nicht die täglichen Ausgaben. Eine arme Jugend hatte ihn daran gewöhnt, sich Vieles zu versagen, ohne es zu vermissen, und später, als Alle darin wetteiferten, ihm Aufmerksamkeit zu erweisen, gewöhnte er sich zuletzt so daran, daß es ihm gar nicht einfiel, sie zu vergelten. Er liebte es nicht, Bedienten Trinkgelder zu geben, und es circuliren in Bezug darauf manche lustige Anekdoten. Er las nicht viel, ja man kann fast sagen, gar nichts, denn es kostete ihm Anstrengung. Im täglichen Verkehre hatte er Italienisch und Deutsch gelernt, sprach es aber mit dem schlechtesten Accent aus. Wenn er etwas componiren wollte, so las er ein paar Seiten in Voß's Homer oder benutzte höchstens eine Mythologie. Bei Stampe mußte ich ihm oft aus Holberg's Comödien und meinen Werken vorlesen. Man pflegte seine außerordentliche Bescheidenheit zu rühmen. Da er stets als ein unerreichbarer Meister betrachtet wurde, der nicht den geringsten Tadel verdiene, so ist es natürlich, daß er dieser Bewunderung mit einer gewissen schüchternen Verschämtheit begegnete. Das Genie kommt von Gott, und wenn das Werk gelungen ist, so steht der Meister mit einer kindlichen Naivetät da, die wohl auch Bescheidenheit genannt werden kann. Aber Thorwaldsen war so klar in seiner Kunst, daß er sehr wohl wußte, was er sei. Gegen Canova war er streng. „Sieh“, sagte er einmal in Rom zu mir, als wir das Atelier des großen Italieners besuchten — „der Riese da steht so schlecht auf seinen Füßen, daß er umfällt, wenn ich ihn mit dem Finger berühre. — Diese Gewänder sind Kohlblätter! — Da haut ein Fechter auf den andern ein, während dieser auf der Erde liegt; ein Straßenjunge würde doch warten bis er aufgestanden ist“. — Einmal saß er mit einem andern tüchtigen Bildhauer bei der Flasche. Sie hatten Beide etwas tief ins Glas geschaut. „Hör' 'mal, Thorwaldsen“! sagte der Andere nun munter, „Du bist ein großer Künstler, ein außerordentliches Genie; aber verzeih, daß ich Dir's sage — in Marmor kannst Du eigentlich doch nicht hauen“. — „„Sieh““, antwortete Thorwaldsen, „„wenn Du mir beide Hände auf den Rücken bindest und ich den Marmor mit meinen Zähnen nicht besser beiße, als Du ihn hauen kannst, so sollst Du mich einen Pfuscher nennen““! — Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß Thorwaldsen mit dem reichen Genie und der großen Erfindungsgabe lieber seine Gestalten in Thon modellirte, was dann doch das eigentliche Kunstwerk war, als eine Copie davon in Marmor zu hauen, was eine beschwerliche und fast ängstliche Arbeit ist; denn theils kann man unerwartet auf blaue Adern im Marmorblock stoßen, theils kann ein einziger Fehlschlag die Statue verderben. Aber da die Marmorstatue für die Ewigkeit ist, so muß der Künstler sich darein finden, und das that Thorwaldsen auch, und er konnte den Marmor bis zur höchsten Vollendung bearbeiten, obgleich er in einzelnen Werken, bei denen die Idee die Hauptsache ist, das Rasche und Kühne dem Glatten und Gezierten vorzog.

Von Dem, was rings um ihn vorging, wußte er nicht immer Bescheid. Als man ihm bei seiner Ankunft die Pferde vom Wagen spannte und ihn nach Charlottenburg zog, wußte er nichts davon, bis man es ihm später erzählte.

Von seinem fürstlichen Begräbnisse, zu dem ich eine Cantate geschrieben hatte, die mit Gläser's Musik in der Frauenkirche aufgeführt wurde, spreche ich nicht. Dies ist ein Akt, der der Geschichte angehört und nie vergessen wird. Das Volk geleitete ihn; sein König kam der Procession in der Kirche entgegen. Dänemark trauerte, freute sich aber in seinem Schmerz über den großen Künstler, der nie sterben konnte. Später schrieb ich ein Gedicht: „Das letzte Lebewohl“, das König Christian mich bat, an seiner Tafel vorzulesen, wo die Mitglieder der Akademie der Künste versammelt waren. Alle Lakaien und Diener mußten hinausgehen. Der Oberhofmarschall holte selbst den alten Rheinwein, mit dem, nach alter Väter Weise, ein prächtiges Trinkhorn gefüllt wurde; und während das Horn, nachdem zuerst der König daraus getrunken hatte, von Mund zu Mund ging, las der Skalde das Gedicht vor.

In demselben Jahre wurde ich Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Ich glaube, daß dies damals ganz besonders aus Pietät für Thorwaldsen geschah, da man wußte, daß es sein Wunsch und Wille gewesen sei. Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen wurde ich nie. So viel ich merken konnte, kam dies daher, weil man fürchtete, daß ich nicht einstimmig gewählt werden möchte und glaubte, daß es mir auf andere Weise nicht Freude bereiten würde.

Reise ins Ausland.

In diesem Jahre verkaufte ich das Verlagsrecht meiner Werke auf zehn Jahre an den Universitätsbuchhändler Höst, und sah mich dadurch in den Stand gesetzt, wieder mit meinem jüngsten Sohne William eine Reise ins Ausland zu machen. Auf dieser Reise schrieb ich meinen andern Kindern Briefe, aus welchen ich Bruchstücke mittheilen werde, um die charakteristischen Züge zu bewahren und dem Leser den frischen Eindruck der Reise zu verschaffen, wie er damals, ungestört und ungeschwächt durch spätere Ereignisse, auf mich einwirkte.

Berlin.

Berlin, den 9. Mai 1844.

Beim herrlichsten Wetter kamen wir um zwölf Uhr des nächsten Morgens nach unserer Abfahrt aus Kopenhagen, in Stettin an. Hier nun sahen wir das Mirakel, denn so kann man es wohl nennen, wenn man zum ersten Mal auf der Eisenbahn fährt. Es war mir wie Aladdin zu Muthe, als er vom Geist des Ringes durch die Luft geführt wurde — nur ging es viel bequemer und nicht so gewaltig auf und ab. Freilich sah ich nicht so viel wie Aladdin, erstens weil die Wände des Wagens mich daran verhinderten, und zweitens, weil auch nichts zu sehen war. Berlin liegt, wie Palmyra, in einer Wüste — damit seine schönen Paläste und Gebäude nicht durch die Natur verdunkelt würden. Wie möchten sie sich z. B. neben den Felsen Thelemarkens ausnehmen? Zwischen den Sandkörnern der Mark-Brandenburg aber sind sie wahre Riesen.

Am zweiten Tage meiner Reise saß ich bereits hier in Berlin und trank Thee. Am folgenden Tage (den 2. Mai) gingen wir zu Steffens, wo es von Fremden wimmelte, da — sein Geburtstag war. Ich sagte natürlich gleich, daß ich auch von Kopenhagen gekommen sei, um ihm zu gratuliren. Von dort ging ich zu Tieck, den ich zwar recht wohl, aber doch tief zusammengeknickt, und die Gräfin Finkenstein neben ihm mit einem grünen Schirm vor den Augen fand. Er erkannte mich nicht gleich, freute sich aber dann sehr und lud mich zu Tisch ein, wobei wir Steffens' Geburtstag feierten. — Am Sonntag fuhren wir auf der Eisenbahn nach Potsdam, um dem Baron Humboldt den Brief unsers Königs zu überreichen. Humboldt empfing mich sehr freundlich und ging gleich zu seinem Könige hinauf, um ihm zu sagen, daß ich anwesend, und einen Augenblick darauf kam er zurück, um mich zu ihm zu führen und mir zu sagen, daß ich zur Tafel geladen sei. Der König empfing mich mit großer Freundlichkeit, und ich sprach über Vieles mit ihm. — Humboldt fuhr mit uns, wie der König es bestimmt hatte, nach Sanssouci, und zeigte uns die Reliquien Friedrich's des Großen. — Nach der Tafel sprach ich mit der Königin, die sehr liebenswürdig ist, mit dem Prinzen Wilhelm und dessen Gemahlin. Als der König hörte, daß ich Dina mitgebracht hätte, lud er mich ein, es Dienstag Abend vorzulesen. Am bestimmten Tage fuhr ich Vormittags nach Potsdam. Steffens sollte beim Könige speisen. Nach der Tafel erzählte er, daß ich auch hatte dort sein sollen, daß es aber vergessen worden sei. Der König hatte Steffens zu meiner Vorlesung eingeladen. Dem König und der Königin gefiel das Stück, und er äußerte oft seinen lebhaften Beifall während des Vorlesens. Als wir gehen wollten — es war eine ziemlich große Gesellschaft — rief er mit lauter Stimme: „Baron Humboldt! Sorgen Sie als Ordenskanzler dafür, daß der Orden pour le merite, den Thorwaldsen getragen hat, Oehlenschläger gegeben werde! Es wird mich freuen, wenn er gerade diesen trägt“! Ihr könnt Euch meine Gefühle bei dieser großen Ehrenbezeugung vorstellen — die um so größer durch die Worte des Königs und seinen Wunsch wurden, daß ich Thorwaldsen's Orden erben solle. Ich dankte ihm mit gerührtem Herzen. Am Abend war es zu spät nach Berlin zu kommen, Steffens und ich blieben deshalb im Gasthof zum Einsiedler, wo wir, wie in alten Tagen — in demselben Zimmer zusammen schliefen, und dann am nächsten Morgen nach Berlin fuhren. — —

Dresden.

Dresden, den 27. Mai.

— — Wir waren oft bei Tieck; in einer großen Gesellschaft zu Ehren des 81jährigen Bildhauer Schadow im Wintergarten, einem herrlichen Gebäude, wo es aber besonders schön im Winter sein muß, wenn man von Blumen umgeben ist; jetzt steht der Frühling selbst in all seiner Pracht und beschämt die schönste Kunst. — Bei dem Könige waren wir zum dritten Male in Potsdam zu Mittag. Er bat mich freundlich, bald wieder zu kommen. Es rührte mich innig, von dem alten, großen Humboldt zu scheiden, der sich wie ein Vater gegen mich bewiesen, und dessen Herz ich gewonnen habe. Die Prinzessin Wilhelm kam uns gleichfalls sehr liebevoll entgegen, sie bat mich, Etwas in ihr Stammbuch zu schreiben und ich schrieb nach Goethe's Gedicht im Wilhelm Meister Folgendes hinein:

Was hör' ich draußen vor dem Thor, Was in der Ferne schallen? Laßt den Gesang zu unserm Ohr Im Saale widerhallen! Der König sprach's; der Kanzler kam, In Schutz er selbst den Sänger nahm; Der Kanzler war ein Weiser. Gegrüßet seid, ihr edeln Herrn! Gegrüßt ihr schönen Damen! Welch reicher Himmel, Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen! Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit, Lies dein Gedicht! Hier ist nicht Zeit Sich staunend zu ergötzen. Laut sein Gedicht der Sänger las, Will Beifall gern gewinnen; Der König ihm zur Seite saß, Nah saßen die Fürstinnen. Der König, dem es wohl gefiel, Ließ ihm zu Ehren für sein Spiel Ein goldnes Kleinod reichen. Und warum sollt' ich wünschen nicht Den Lohn der Dichterblüthe? Nicht blos wer eine Lanze bricht Genießt des Königs Güte. Der Kanzler braucht nicht meinen Schmuck, Er hat der Herrlichkeit genug: Es freut ihn meine Freude. Gerührt leer' ich den Becher aus Und wünsch Euch mit Entzücken: Das ganze königliche Haus Gott mög' es hoch beglücken! Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich Und danket Gott so warm, als ich Für Eure Güt' Euch danke!

Bei Tieck hörten wir „Ritter Blaubart“, „Fortunat“, „der Kaufmann von Venedig“, „der Däumling“ und Aeschylos' „Eumeniden“ vorlesen. Der Theaterdirector, Herr von Küstner, nahm eigenhändig eine Abschrift von „Dina“; wir verließen Berlin und gelangten am Pfingstabend in Dresden an, wo wir jetzt in Stadt Rom, der lieben Gemäldegalerie gegenüber wohnen, und wo ich nun wieder andachtvoll vor Raphael's und Correggio's ewigen Meisterwerken gestanden. Ich besuchte sogleich den Theaterchef, Geheimrath von Lüttichau, bei welchem wir Shakespeare's Uebersetzer, den Grafen Wolf Baudissin, trafen.

Dresden, den 12. Juni.

Es giebt zwei Arten Briefe zu schreiben. Die eine, wenn der Brief sofort abgehen muß — und dann wird die Erzählung eigentlich nur das Gerippe der Reise; die andere, wenn man sich Zeit nehmen kann, und alsdann kann man — um bei dem Gleichnisse zu bleiben — dem Gerippe Muskeln, Adern, Nerven und Haut anlegen, und — wenn man selbst etwas Athem in seinen geistigen Lungen hat — auch der Nase des Reisegerippes einen lebendigen Geist einhauchen. Da ich nun heute Vormittag Zeit habe, — denn ich werde nicht, wie sonst um ein Uhr, sondern um drei Uhr speisen, weil ich von dem Prinzen Johann im Pirna'schen Garten zu Mittag eingeladen bin, — so will ich etwas mit Euch plaudern, meine lieben Kinder.

Es geht in der Natur, wie in der Kunst; sie wirkt am stärksten durch die Contraste; so z. B. kann man sich nichts Verschiedenartigeres denken, als Preußen und Sachsen. In Mark Brandenburg — namentlich um Berlin — ist weiter nichts als Sand, Wasser, die Linden und der Thiergarten — in Sachsen die schönste Natur, die man sich denken kann. Wir waren letzthin in Tharand, in einem anmuthigen, engen Thale, von steilen Gebirgen umgeben, mit der üppigsten Vegetation. Dort saßen wir an der Sonnenseite vor dem Hause und aßen zu Mittag. Was aber Häuser, Paläste, Einrichtungen und Militair betrifft, steht Preußen weit über Sachsen. Man muß die herrliche Haltung, den schönen Wuchs, das stolze, kriegerische Aussehen bei den Nachkommen Friedrich's II. und Blücher's bewundern. — Hier in Sachsen sehen die Soldaten erbärmlich aus! Gestern, als es regnete, und ich mit aufgespanntem Regenschirme dahineilte, hätte ich beinahe einer kleinen Schildwache in einem grauen Kittel, die ich fast gar nicht gesehen hatte, die Mütze vom Kopfe gestoßen; ich griff an den Hut und bat um Vergebung.

Letzthin sahen wir den Sommernachtstraum, den Lüttichau, glaube ich, die Artigkeit hatte, meinetwegen aufführen zu lassen. Felix Mendelsohn's Musik ist unvergleichlich — die Decorationen sind prachtvoll und das Spiel im Ganzen genommen, recht gut. Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden; aber die Leute wissen nicht recht, was sie zu diesen alten Späßen und Schwänken sagen sollen, und dieselben, welche die Schauspieler in Töpfer's und Raupach's Stücken hervorrufen, schämen sich — mit gutem Grunde — Shakespeare zu applaudiren.

Wir haben jetzt auch Antigone hier gesehen und das Stück hat mich außerordentlich erfreut, mehr als der Sommernachtstraum. Das Theater war ganz im griechischen Style eingerichtet. Auf einer großen Erhöhung stand der Palast mit seiner Vorhalle; von hier aus führten Stufen zu einem Platze mit dem Altar und zu diesem hin bewegte sich der Chor von einer noch niedrigern Stelle aus. Das Licht kam von oben; eine bewegliche Wand von unten anstatt des Vorhanges. Architektur und Trachten ausgezeichnet. Fräulein Beyer als Antigone edel und rührend; etwas mehr Kraft hätte man wünschen können. Es machte auf mich einen tiefen Eindruck, dieses drittehalbtausend Jahre alte Meisterwerk zu sehen. Die Musik von Mendelssohn ist unvergleichlich. Was der Chor singt, kann man allerdings nicht verstehen, wenn man es nicht liest, wenn einem aber die Situation und der Hauptgedanke bekannt ist, drückt die Musik Alles bis zur Vollkommenheit aus.

Wir haben die Bekanntschaft eines großen Theiles der vornehmsten und gebildetsten Damen Dresdens gemacht, die Prinzessinnen von Holstein, die Fürstin Löwenstein, Generalin von der Decken, Gräfin Lynar, Frau Förster, und man muß jeden Abend nach dem Theater in der Gesellschaft erscheinen. Wir haben einen schönen Abend beim Hofrath Winkler verbracht. Auch bei einer Gräfin Eggloffstein sind wir eingeladen gewesen, die ungeachtet ihrer vornehmen Verhältnisse — sie war lange Zeit Hofdame — sich der Malerkunst ganz hingegeben und schöne Sachen ausgeführt hat. Sie bat mich, für ihr Album mich zeichnen zu dürfen. Den vortrefflichen Maler Hübner und das anmuthige Fräulein Beyer haben wir auch besucht.

Ein sehr liebenswürdiger, dienstwilliger Mann Namens Kraukling, Director des Museum, lange Jahre Herausgeber der Morgenzeitung, ein guter Freund von Tieck, hat mir einen Verleger für meinen Oervarodd und meine deutsche Uebersetzung von Wessel's „Liebe ohne Strümpfe“ verschafft. — Uebermorgen früh reisen wir mit dem Dampfschiffe nach Teplitz und von dort über Prag nach Wien.

Prag.

Wien, den 23. Juni.

— — Prag, diese große schöne Stadt kennt Ihr ja Alle; und wenn der liebe Gott sie nicht kennt, so thut es doch der heilige Nepomuk. Derselbe wird hier in seinem silbernen Sarge im Dome eifriger angebetet, als unser Herr Gott in den meisten andern Ländern.

Wir besuchten alle mögliche Kirchen, die sich durch Schönheit, Pracht und Größe auszeichneten, bis auf die Judenkirche, welche wie ein Schweinestall aussah; aber es ist ein antiker, merkwürdiger Schweinestall; er soll seine vierzehnhundert Jahre alt sein. Er müßte eigentlich in einem Museum für Alterthümer aufgestellt werden. Der König von Preußen ist ja mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er für Brandenburg die alte norwegische Kirche gekauft hat; und Brandenburg kann sie nöthig haben, denn die Religion drückt es nicht.

Wir waren auch in Mönchs- und Nonnenklöstern. Wir sahen eine Menge von kostbaren Monstranzen, die von einem Riesenmönche vorgezeigt wurden, der demjenigen in Walter Scott's Roman glich. Einige Spitzbuben hatten vor wenigen Monaten versucht, die Mönche todtzuschlagen, um die Kirchenjuwelen zu rauben; deshalb stand nun dieser mit seiner körperlichen Kraft vor dem Eingange als Schutz.

Wir sahen auch Wallenstein's Palast, Graf Nostiz' schöne Gemäldegalerie, und im Theater den Freischütz. In der Theinkirche erblickten wir auch unsern guten alten ehrlichen Tycho de Brahe, er lehnte sich in voller Rüstung und mit Metallschienen — nicht allein um die Nase[1] — an einen braunen Leichenstein, der in die Säule festgemauert war.

Auf unseren Wanderungen hörten wir die Harfenistinnen schöne böhmische Volkslieder singen — das heißt Melodien, denn vom Texte verstand ich natürlicherweise kein Wort.

Weil wir von Sprachen reden, muß ich auch eine Anekdote aus Prag erzählen, die uns in dem Prämonstratenserkloster passirte, während uns der Guardian oder was er sonst war, umherführte. Als er hörte, daß ich Professor sei, betrachtete er mich auch als einen Gelehrten und bat mich inständig, ihm zu sagen, in welcher Sprache ein Buch der Bibliothek geschrieben, über welches ihn noch Keiner hätte belehren können. Ich stand wie auf Kohlen; denn obgleich ich, wie Holberg's Jeppe „lange Jahre bei der Malice gestanden und meine Sprachen gelernt habe“, so war ich doch in Zweifel, ob meine Gelehrsamkeit sich soweit erstreckte, daß ich ihm sagen konnte, was kein Anderer wußte. Genug, das Buch wurde hervorgeholt, und denkt Euch einmal, es war Dänisch, eine alte Uebersetzung eines französischen Schäfergedichts. Jetzt werdet Ihr wohl begreifen, daß ich meine ungeheure Erudition in den glänzendsten Farben spielen ließ, so daß der Guardian über meine Gelehrsamkeit Augen und Ohren aufsperrte.

Endlich sind wir jetzt in Wien und wohnen „Zum Erzherzog Karl“. Wir haben unsern Minister Löwenstern besucht. Herr von Holbein hat, ohne noch das Stück zu kennen, „Dina“ hier zur Aufführung angenommen. Alles würde jetzt hier gut und angenehm sein, wenn nicht die Hitze uns den Genuß verdürbe; sie hindert uns aber, den größten Theil des Tages zu benutzen. Alles, was vornehm ist, rüstet sich zur Abreise oder ist schon abgereist. Aber Fürst Metternich ist doch noch hier und Löwenstern hat mir versprochen, mich zu ihm zu führen. Im Burgtheater sah ich den ersten Abend „Die beiden Klingsberge“, von Kotzebue, eines seiner besten Stücke, ganz vorzüglich gespielt, besonders von Laroche. Ich glaube, daß es auf die Länge — aller Flausen ungeachtet — mehr Freude gewähren wird, den lustigen Kotzebue als den trockenen Scribe zu sehen. Gestern Abend sahen wir drei Akte von Don Carlos. Laroche war als König Philipp, — der bestgezeichnete Charakter des Stückes, — wieder sehr gut; Posa — der schon aus Schiller's Hand zu modern und subjectiv hervorgegangen ist, — wurde von einem Schreier verdorben. Dieses Stück hat in seinem Sujet und in allen den linkischen „Liebesgeschichten“ für mich immer etwas Unangenehmes gehabt, wenn es auch große Schönheiten besitzt; für die Bühne ist es von Anfang an nicht bestimmt, und es verliert durch das Zuschneiden.

Wien.

Wien, den 1. Juli.

Jetzt bin ich acht Tage in dem deutschen Paris gewesen, und konnte gern, was mich betrifft, weiter reisen, aber William ist solider und wünscht eine längere Bekanntschaft mit der Herrlichkeit dieser Welt. Der Grund, warum ich mich hier nicht angezogen fühle, ist theils, daß das Burgtheater geschlossen wird, und dann, daß es hier so fürchterlich heiß und so entsetzlich theuer ist, besonders das Fahren, und zu Fuße kann ich in dieser drückenden Hitze nicht weit gehen. Die Folgen hiervon sind, daß ich ganze Vormittage auf meinem Zimmer geblieben, nachdem ich alle möglichen Manövers mit Oeffnen der Fenster und Thüren, Herablassen der Rouleaux, Wasser- und Eau de Colognebesprengungen auf dem Fußboden versucht habe — und Bücher aus der Leihbibliothek gelesen. „Das haben wir nun zwar Alles besser und bequemer zu Hause“. Aber Ihr müßt Euch doch auch nicht vorstellen, daß ich — wie der selige Professor Mynster in seiner Jugend — acht Tage im Bette hier in Wien gelegen habe, um Jean Paul zu lesen. Ich bin trotz Allem viel umhergestreift. Als ein Beispiel der hiesigen Preise will ich nur anführen, daß wir bis jetzt für zwei Tassen Thee mit Butter und Brod fast zwei Thaler Dänisch bezahlt haben; jetzt trinken wir Bier. Deutschland ist ein Bierland und selbst in den Weingegenden hat das Bier dermaßen um sich gegriffen, daß man fast keinen Wein trinkt. Das Bier ist in unsern Tagen Mode geworden, es drückt die Begeisterung und den Geschmack der Zeit aus; es ist die Hyppokrene des Tages.

Wien, den 4. Juli.

Ich bin zu Mittag bei dem Fürsten Metternich gewesen; der Ton bei dem Mittagstische war munterer und ungenirter als am Abende. Die Fürstin war sehr freundlich. Vor Tische zeigte sie mir einen Papagei aus Neuholland, dessen Brust mit hellen rosenrothen Federn bedeckt war und der allerlei Künste machen konnte: wie todt auf dem Tische liegen, mit dem Schnabel an ihrer Hand hängen, schaukeln wenn sie ihn bei den Füßen faßte. Sie ist eine sehr schöne Frau — die vierte des Fürsten Metternich — und dieses Exercitium mit dem Vogel hätte ein treffliches Genrebild abgegeben. Nach Tische spazierten wir im Garten, der Fürst war sehr freundlich und mild, aber zu einem eigentlichen Gespräche zwischen uns kam es nicht. Ich erzählte von Norwegen, und brachte auch ein paar Anekdoten, die ihn ergötzten. Im Garten stießen wir auf eine Hecke, hinter welcher sich ein Stück Land befand, wo große Haufen Erde als Gebirge, große Steine als Felsen umherlagen, und auch ein kleiner See mit seinem Kanale gegraben war. Hier spielten seine Kinder, und fuhren Erde in Schubkarren, und der Gärtner half ihnen eine kleine Welt schaffen. Es war mir ein sonderbares Gefühl, den großen Politiker, der so viel Einfluß in Europa hat, in dieser kleinen Kinderwelt zu betrachten, wie er dem Gärtner sehr anempfahl: „Sie müssen ihnen da noch einen Wasserfall machen! Einen Wasserfall müssen sie durchaus noch haben“. Er wird jetzt alt; aber er hat ein herrliches, bedeutsames Gesicht; man sieht, daß er sehr schön gewesen. Er legte seine Hand ganz freundlich auf meine Schulter und lächelte, wenn ich dies oder jenes erzählte.

Den 12. Juli.

Wir sind bei dem Grafen Dietrichstein gewesen. Wir trafen die Familie desselben allein und unter derselben den Fürsten Dietrichstein, einen alten, freundlichen, weißhaarigen Mann. Den gelehrten Orientalisten Baron Hammer besuchten wir auch. Ich las ihm meine „Dina“ vor. Er hatte vor Kurzem seine Frau verloren und war sehr betrübt. „Es ist der erste frohe Tag, den unser Vater seit dem Tode der Mutter gehabt“, sagte der Sohn. Auch den Dichter Grillparzer habe ich getroffen, eine liebenswürdige Persönlichkeit, und bei dem Erzherzog Karl war ich in Baden zur Tafel geladen. Er und die Prinzessin waren höchst liebenswürdig und einfach. Ich saß neben dem Prinzen und wir sprachen unaufhörlich während der Mahlzeit. Als er hörte, daß ich einen Sohn bei mir hätte, sagte er: „Ach warum haben Sie ihn nicht mit hieher gebracht“. Er wohnt in einem Feenpalaste; in einem Paradiese. — Ein tüchtiger Maler, Namens Ammerling hat mich gemalt; ich habe ihm nur zweimal gesessen. In Blunck's Atelier freuten wir uns über seine geniale Darstellung der allegorischen Bilder: die vier Menschenalter, — vielleicht etwas zu allegorisch. Italienische und deutsche Opern haben wir gehört, wo Madame Heinefetter aus voller Kehle schrie. Letzthin hatten wir eines Nachmittags einen hohen Berg erstiegen; man forderte, ich sollte die Aussicht über Wien bewundern. Ich wischte den Schweiß von meiner Stirn und seufzte: „Ja hier ist es in der That allerliebst“. Mir fallen bei dergleichen Veranlassungen immer die Worte des Evangeliums ein: „Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg, und wies ihm alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick.“

Heute Abend bin ich zu einer Gesellschaft eingeladen, die mir vor dem Abschiede noch eine Ehre zu erweisen wünscht.

Den 13. Juli.

Die Ehre war allerdings so groß wie möglich. Ein großer Saal und zwei Zimmer waren voll von Gästen. Der Schauspieler Anschütz, der mir gegenüber saß, recitirte mit lauter Stimme fünf bis sechs schöne Gedichte an mich und ebenso viele Male wurde meine Gesundheit ausgebracht und von lautem Beifallsrufe begleitet. Der Dichter Grillparzer, der neben mir saß, überreichte mir einen Lorbeerkranz, und mein freundlicher Bewunderer — ich kann sagen, mein wahrer Freund — Graf Dietrichstein, saß an meiner andern Seite. Das Bild von mir, das Ammerling gemalt hat, war im Saale aufgestellt. Kurz, mir wurde alle mögliche Ehre erwiesen. — Gott segne Euch Alle, meine Freunde! — Morgen früh werden wir abreisen. Heute packen wir ein, machen einige Abschiedsvisiten, und dann — lebe wohl Wien, für diesmal und wahrscheinlich für ewig.

Gedicht von Anschütz.

Anschütz selbst hatte zu dem oben erwähnten Feste folgenden Trinkspruch gedichtet:

Ein Mann, der aufgeblüht im rauhen Norden, Und dort zum Götterlieblinge geworden, Griff jüngst zum Wanderstabe und beschloß Für kurze Zeit die Heimath zu vertauschen Mit fremden Land, um frei und fessellos Des Nachbarvolkes Treiben zu belauschen. Gedacht, und rasch gethan. Und siehe da! Kaum, daß er sich im Nachbarlande sah, Umströmt' ihn Jung und Alt, drückt ihm die Hand Denn wer vergäß' ihn, der ihn je gekannt! Bei seinem anspruchslos-bescheidnen Willen Kann er die innere Größe nicht verhüllen. Und wie die Glorie aus Allegri's Nacht Zur Glorie der Unsterblichkeit ihm ward, So strahlet um sein Haupt in Götterpracht Die Wunderlampe Aladin's ihr Licht. Hrolf, Krak, Correggio, Palnatoke's Fahrt, Stärkodder, Hakon Jarl — wer nennt die Namen Die er in einen Kranz zusammenflicht, Und die durch ihn Unsterblichkeit bekamen! Und nicht genug, daß ein unsterblich Leben Ihm sein Genie im Vaterland gegeben, In fremder Zunge trug er's übers Meer Zu uns, zu den Beneidenswerthen her, Und kann's ihn wundern, daß im Flammentriebe Der Freundschaft, sich ein Volk ihm zugewendet, Dem er die gleichgetheilte Bruderliebe Wie seinem eigenen Vaterland gespendet? Ist uns nicht diese Liebe doppelt Pflicht Um etwas ihm den Kummer zu versüßen, Der jüngst ihn traf mit lastendem Gewicht? Er sah des Freundes Aug' im Tod sich schließen, Den unter Tausenden er sich erwählt, Weil er ihn gleich gestimmt fand, gleich beseelt, Und Hand in Hand mit ihm am fernen Nord Der Kunst eröffnet einen Friedensport. Denn wie das Himmelsbild der Dioskuren Auf offnem Meer des Schiffers Leitstern ist, Durch Well' und Sturm ihn tragend, also fuhren Die beiden an dem Himmel zweier Künste Als Leiter hin, von Staunenden begrüßt, Die auf dem Meer durch feuchte Nebeldünste Umsonst dem Zwillingspaare nachgestrebt. Der Eine ist der Heimath zugeschwebt, Und nur der heiße Wunsch bleibt uns zurück, Daß spät sie einst vereine das Geschick. Drum Alle, die mein Auge sieht vereint, Die ein Gedanke zu begeistern scheint, Zum Becher greift! mit durstig langen Zügen Leert bis zum Grunde ihn, reiht Euch mir an, Ein Losungswort mag jede Brust durchfliegen: „Ein Lebehoch dem nordisch-deutschen Mann!“

Gedicht von Frankl.

Von den übrigen bei dieser Gelegenheit gesprochenen Gedichten, möge hier folgendes von Ludwig Aug. Frankl Platz finden:

Bei Enthüllung des Bildes von Ammerling.

Ein Bild entroll' ich Euch aus hohem Norden; Es harrt das Volk im alten Dom zu Lund — Lautlos ist's in den Hallen rings geworden; Erwartungsvolle Feier giebt sich kund. Ein Priesterskalde tritt jetzt zum Altare Dort kniet ein Mann mit bleichem Angesicht, Und drückt ihm einen Lorber in die Haare, Den Einzler Gunst nicht, den sein Volk ihm flicht. Und lauter Jubel schallt und freud'ges Rufen Und der gekrönte Dichterkönig hebt Sich fromm erschüttert von des Altars Stufen, Von seines Geistes Majestät belebt. Heil, wo der Dichter nicht im Leben einsam Ein unverstandner Fremdling, ein Komet, Wenn, was er fühlt, ein Blitz plötzlich gemeinsam, Elektrisch durch die Herzen Aller geht! Gern kehrt der Genius in eine Brust ein, Die stark empfindet, was in Vielen lebt, Heil, wo das Lied, das tönende Bewußtsein Von einem Volk, sich als Choral erhebt. Die eigne Lust, das eigene Zerwürfniß Klingt schön zu eines edlen Dichters Harf' — Ihr wißt, dort wird das Lied nicht zum Bedürfniß, Wo's nicht des Volkes Sinn dolmetschen darf. Seht hier den Mann, sein edles Haupt beglückte Im nordisch alten Dom der grüne Kranz. In diesem schönen Dichterkreise schmückte Symbolisch sich ein Volk mit eignem Glanz. Genügt es ihm, daß er ein Volk bezwungen? Als er die schöne Kraft in sich gewahrt. Da sang er frisch und klangvoll in zwei Zungen, Der erste Doppelzüngler edler Art. Noch glänzt sein Auge hell und jugendprächtig, Aladdin's Lampe hat es sanft verklärt, Noch regt in ihm die Schöpferkraft sich mächtig; Solch schönes Leben ist des Lebens werth. Wie jenes Meisters, auch entstammt dem Norden, Der andere von dem Dioskurenpaar Dem lebend schon Unsterblichkeit geworden, Der ein Homer in Marmor war. Leb wohl! Froh wirst Du in der Heimath leben Es trägt Dein Schiff auch eines Cäsar's Glück, Uns bleibt, wenn fernhin seine Segel schwanden, Erinn'rung und Dein edles Bild zurück.

Der Dichter Grillparzer schrieb in des dänischen Dichters Stammbuch:

Was frag' ich viel um Nord und Süd, Streng abgetheilt nach Grenzen und Revieren, Wenn so wie Du der Norden glüht, Des Südens Dichter aber frieren.

Baron Hammer schrieb:

Dich grüßten als Skalden aus Oesterreichs Halden Die Sänger in jubelndem Chor; Als Orientalen zum andertmalen Begrüßt Dich der Hammer des Thor. Da jene als Riesen des Liedes Dich priesen Zweizüngig im edelsten Sinn, Grüß' ich Dich Waräger als feurigen Träger Der Lampe des Aladdin.

Ischl. Salzburg. Mozart's Standbild.

München, den 27. Juli.

Die Tour nach Linz auf der Donau war sehr schön. Durch reizende Gegenden gelangten wir nach Ischl, einem ganz modernen, aber auch sehr schönen Badeorte, der jetzt ein Sammelplatz der vornehmen Welt ist. Fürst Metternich war auch hier angelangt. Man sagte mir im Wirthshause, daß sein Bediente zweimal da gewesen sei und nach mir gefragt habe. Es regnete und ich ließ mich — das erste und vielleicht das letzte Mal in meinem Leben — in einer Portechaise nach seiner Villa tragen, aber — er war nicht zu Hause und das war recht gut; denn ich glaube, daß wir Beide niemals in ein ordentliches Gespräch gekommen wären, da unsere Naturen und Ansichten gar zu verschieden sind. Von hier gingen wir nach Salzburg. Man kann aber nicht immer gutes Wetter beanspruchen, jetzt wurde es regnerisch, und der Nebel hing an den Bergen, welches uns im Genusse der schönen Fernsichten sehr beeinträchtigte — doch klärte sich der Himmel gegen Abend auf. Am nächsten Morgen in Salzburg regnete es wieder. Wir wohnten — wie in Wien — im „Erzherzog Karl“ am Markte. Ich blickte aus dem Fenster und wurde eine große herrliche Broncestatue gewahr. Denkt Euch meine Gefühle, als ich die Entdeckung machte: dieses königliche Denkmal sei — Mozart! Zwar wußte ich, daß man ihm ein solches errichtet hatte, aber ich glaubte es nicht so groß und kostbar. Also hier stand er herrlich — von Schwanthaler — und ich blickte in dasselbe offne, freundliche, kräftige, sanguinisch-gefühlvolle Antlitz, umgeben von den vollen zurückgestrichenen Haaren, das wir so viele Jahre auf dem kleinen Kupferstiche bewunderten, den ich von unserm seligen Vater geerbt; ich sah ihn wieder, wie er über dem alten Pianoforte meiner seligen Schwester Sophie hing; demselben, an dem die selige Lotte und meine — Gott sei gedankt! — frische und gesunde Marie, während zehn Jahre sich übten. Von dem liebevollsten Gefühle getrieben, ergriff ich die Feder, und vermochte es aber nur schwach in folgenden Zeilen auszudrücken:

Notes in this chapter

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