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Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Lustreise ins Morgenland.

Reading edition

Unternommen und geschildert

von

Dr. Titus Tobler.

Zweiter Theil.

Zürich,

bei Orell, Füßli und Compagnie.

1839.

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite

Reise nach Jerusalem 1.

Einige geographische Bemerkungen über Syrien 13.

Einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien 15.

Gaza 28.

Fortsetzung der Reise nach Jerusalem 30.

Ende der Reise dahin 38.

Jerusalem.

Oertliche und klimatische Verhältnisse 46.

Gesundheitszustand und Bevölkerung 52.

Bauart der Stadt 53.

Die Kirche des Christusgrabes 56.

Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem? 63.

Die Gräber der Könige 69.

Die Grabhöhle der Maria 71.

Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen 72.

Der Brunnen Siloah 73.

Die Felsanhöhe Zion 75.

Der Oelberg 79.

Die übrigen Merkwürdigkeiten 81.

Physiologischer Karakter der Einwohner 82.

Sitten und Gebräuche 83.

Die Tracht 84.

Das Kriegsvolk 87.

Die Pilger 94.

Der Geist der Christen 97.

Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche 99.

Der alte deutsche Pater und die große Apotheke 102.

Meine Zelle im Kloster des Erlösers 104.

Der Führer um und in Jerusalem 106.

Rückblick auf Jerusalem 108.

Ausflug nach Bethlehem 110.

Die Beschiffung des Lothssees 115.

Nach Jaffa am Mittelmeere 116.

Jaffa.

Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung 121.

Jaffa, wie es ehemals war 123.

Die Tageslänge 125.

Witterungsbeschaffenheit 127.

Der Meeressturm und der Schiffbruch 128.

Gesundheitszustand 132.

Auf dem Hospizdache 136.

Das Bauernhäuschen 138.

Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth 145.

Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich 147.

Der Jaffaner 149.

Die Pilger 150.

Die arabische Knabenschule der Lateiner 152.

Der Gruß 156.

Die Brautwerbung und die Hochzeit 159.

Die Wöchnerin und das Kind 167.

Wiegenlied und Kinderjucks 170.

Die Verehrung der Todten 173.

Die Rekruten oder die Konskribirten 176.

Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstage 1836 179.

Ibrahim-Pascha 184.

Kleine Petschaften oder Siegel 186.

Der Hakim 187.

Die Fleischbank 189.

Der Zuckerrohrmarkt 191.

Der Tabakschneider 193.

Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität 196.

Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer 197.

Der Baumwollereiniger und Schilfdeckenweber 199.

Der wandernde Schiffer und Kinderspiele 201.

Spiel der älteren Leute 202.

Meine Lebensart 205.

Ich lese die Bibel 209.

Ein Pater sagt, ich werde des Teufels 210.

Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei 212.

Der Konsul Damiani; mein Besuch in seinem Hause 217.

Vorbereitung zur Abreise 222.

Nach Rhodos 226.

Rhodos.

Lage, Himmel, Volkszahl 236.

Die Stadt Rhodos 238.

Das Leichenfeld 241.

Die Bewohner; das lateinische Hospiz; Knabenspiel; große Hähne 243.

Der Abend im Schiffsraume 247.

Spaziergang gegen Trianda 248.

Nach Konstantinopel, Triest und heim 251.

Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem 256.

Schlußbetrachtungen 267.

Reise nach Jerusalem.

Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus; Schattenriß des Reisegesellschafters.

Dinstags gegen Abend des 24. Wintermonates, als am zwölften so heiß ersehnten Kontumaztage, brachen wir fröhlich auf. Die wiedererlangte Freiheit schmeckte süßer, als Honigseim. Mein hochbuckeliger Kontumazist schien Eile zu haben. Kaum wollte ich auf ihn steigen, so stand er auf. Ich konnte mich nicht mehr halten und purzelte, das Rad schlagend, hinunter. Die Freude meines türkischen Nachbars, welcher dem Gepurzel zusah, dauerte jedoch nicht lange; gleich saß ich auf dem Dromedar fest und wir trabten von dannen. Echt morgenländisch bewirthete uns der Quarantänedirektor, dessen Einladung in seine Wohnung wir mit Geneigtheit entsprachen. Beim Anblicke der vielen Trachten, die sich am Abendmahle folgten, hätte man nicht glauben sollen, daß so viel Ueppigkeit an einem Orte anzutreffen wäre, wo uns an den ersten Tagen die Lebensmittel zum Theile mangelten. Da weder Messer, noch Gabel vorgelegt wurden, so mußten wir zum Gerichte die Finger orientalisiren. Dieser patriarchalische Gebrauch ist wirklich sehr bequem; nur wollte mir der Sitz auf dem Boden am kleinen, niedrigen, runden Tische nicht behagen.

Ich könnte die Wonne nicht beschreiben, welche im Hause des Pharmazisten mich, als Freigelassenen aus dem Zelte, beseelte. Ganz komfortable fand ich das Gebäude mit einem einzigen Zimmer, mit blinden Wänden, mit dem Boden von Erde, mit dem Dache von Palmstämmen, von Reisern und Laub. Wieder einmal ordentlich stehen und herumgehen zu können, ohne immer mit dem Kopfe karamboliren zu müssen, war ein unaussprechliches Vergnügen. Nicht mehr plagte die Furcht vor den Thränen des Himmels.

El-Arysch, das Dorf selbst, liegt etwa eine halbe Stunde südöstlich von der Quarantäne. Von Aloe, Datteln und indischen Feigen umkränzt, lacht es so traulich aus der Wüste entgegen. Eben blühten die Bohnen und Alles athmete den Frühling. Der Ort, obwohl nicht groß, hat einen Bassar. Ueber den Thüren der Häuser stehen als Verzierungen Kameelschädel. Die Bevölkerung besteht größtentheils aus Weißen, und gerne begegnet man dieser Menschenfarbe wieder, wenn man eine Zeitlang fast lauter Halbschwarze gesehen hat.

Am Abende zeigte ich dem Pharmazisten einen Theil meiner wenigen, aus Kairo mitgebrachten Alterthümer. Eine aus Stein gehauene Figur faßte eben ein Araber recht ins Auge, als er bemerkte, daß er auch schon Steine auf dem Wege gesehen, aber keine Lust gehabt hätte, sie mitzunehmen. Weil ich nicht arabisch konnte, so hielt mich ein arabischer Jüngling für erzdumm und verglich mich einem Kameele, welches auch nicht reden könne. Während wir schon in unsern Betten ruhten, wurden von arabischen Jünglingen einige Tänze aufgeführt.

Den 25.

Vor Tagesanbruch rief der Pharmazist seine jungen Burschen herein, um die Pfeifen anzünden und einen schwarzen Kaffee bereiten zu lassen. Sie brachten die glühende Kohle in der Zange auf die gestopfte Pfeife, und wir rauchten; sie trugen den heißen Kaffee herbei, und wir tranken. Unser Gastwirth hat die morgenländischen Sitten aufs gutherzigste eingeschlürft, und oft pries er sie als echter Lebemann.

Der Hauptmann und ich ritten mit drei Dromedaren weg. Auch dieser Theil der Wüste war hie und da mit Gewächsen bedeckt. Auf dem Wege erblickten wir dann und wann eine Kameel-, Schaf- oder Ziegenherde. Mittags gelangten wir zu einer Post, um welche ein zahlreiches Volk Hühner wimmelte. Vor derselben erinnerte eine Strecke Salzboden an die Gegend von Choanat. Bei der Post, wo wir nur kurz anhielten, begann angebautes Feld inmitten wüster Ländereien zu meinem Entzücken; es übersiedelte mich wieder nach Europa. Entbehrungen haben doch das Gute, daß sie meistens mit erhöhtem Genusse enden.

In Egypten streift keine Ackerfurche durch Hügelabhänge. Neu waren mir wieder die durchfurchten Abdachungen. Ein Kameel zog an zwei Stricken mit den Schulterblättern den Pflug, welcher nur kleine, etwa vier bis fünf Zoll von einander entfernte Gräben aufwühlte. Dem Ackerfelde folgten Triften, worauf viele Schafe und Ziegen unter der Hut von Mädchen weideten. Die Erde hatte ein anderes Kleid an. Die unermüdlichen Vögel sangen ohne Unterlaß.

Der Weg strich gegen Nordost. Als ich einmal das Meer wahrnahm, lag es gegen Abend. Es stieg in mir der Gedanke auf, daß ich nicht mehr in Egypten, nicht mehr in Afrika, sondern in Asien sei. Dieser Gedanke versetzte meine Seele in angenehme Schwingung. Ich durfte wohl die Grenze des asiatischen Bodens nicht überschreiten, ohne lebhafte Begeisterung für die folgenreichen Thaten seiner längst entschwundenen, ehrwürdigen Bewohner, welche jetzt noch bei uns zum Vorbilde genommen werden. Staunend senkte sich mein Blick auf den alten Welttheil, das Geburtsland von Christus aus Nazareth, das Stromgebiet religiöser Grundansichten, welche mir schon in früher Jugend am fernen Alpengebirge Europens eingeflößt wurden. Ich möchte meine Gedanken und meine Gefühle beim Betreten Asiens nicht näher bezeichnen, aus Besorgniß, daß man sie als unzeitige Ergüsse mißdeuten könnte. Statt alles Mehreren werfe ich bloß die schlichte Frage auf: Kann ein Unterrichteter ohne eine Regung des Geistes und ohne eine Bewegung des Gemüthes den Boden dieses Welttheils berühren? Ich erinnere mich noch der Kinderjahre, in denen ich mir das biblische Asien, die Gegend meiner Sehnsucht, als die Hälfte des Weges in die Ewigkeit vorstellte. Die Träumereien der Jugend verdienen keinesweges die Verachtung, die ihnen gemeiniglich widerfährt; sie haben allerdings nicht selten Bedeutung und Werth; sie sind ein trüber Waldbach, der nur durch die Seihe der reiferen Jahre fließen darf, um klar und genießbar zu werden.

Rafa, Raphia bei den Alten, ist fast ganz vergangen. Eine halb in die Erde gestürzte Säule trauert am Wege in Gesellschaft von zwei aufrecht stehenden. Jene soll die Grenzsäule zwischen Asien und Afrika sein.

Wir kamen diesen Nachmittag neuerdings in die Wüste und über mehrere Sandhügel. — Einmal verlor ich den Hauptmann und unsern neuen Führer, einen Mohren, völlig aus den Augen. Auf einem Scheidewege fiel die Wahl mir schwer. Ich schlug den linken Weg ein, ungeachtet ich dazu den Dromedar, der gerade vorwärts wollte, nur mit Mühe bewegen konnte. Kaum aber war eine Anhöhe erstiegen, so verschwand der Weg und ringsum verdüsterte die Wüste den Ausblick. Ich wendete mich wiederum rechts, der Dromedar fand richtig den Weg und bald verkündigte fleißigerer Bodenbau die Nähe einer Ortschaft. Wir waren schon im Städtchen Kan-Yunos.

Yunos, Jenisus der Alten, ist in Feigen-, Dattel- und Oelbäume gebettet. Im lebhaften Bassar lächelten den Wüsteentronnenen die Dinge an, welche so verschiedene Bedürfnisse beschwichtigen. Erinnerungen an mein Heimathland wurden beim Anblicke grüner Wiesen, des Viehes und der weißen Bevölkerung aufgefrischt; sogar die Breter, als eine Seltenheit in Egypten, erregten meine Aufmerksamkeit. Die große Moschee, von sarazenischem Geschmacke, erhielt sich in gutem Zustande.

Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer, mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.

Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus, und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.

Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwar fest ein, aber nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein, und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.

Den 26.

Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten, wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla, zwischen Anthedon und Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.

Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es war Gaza, die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, des Samson, welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat. Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen verlebt hatten.

Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel. Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach. Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen. Hier trat er in Kriegsdienst unter dem Feldherrn Abraham (Ibrahim-Pascha) als Kavallerieinstruktor.

Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seine eigenen Zwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen, damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen. Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser aus, als dieser Rittmeister.

Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte, mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatte er natürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.

Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb, und am Ende lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.

Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem Rocke.

Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigen höhern Bildung und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen, bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.

Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.

Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst

Einige geographische Bemerkungen über Syrien.

Das eigentliche Syrien gränzt im Norden an Kleinasien, im Westen ans Mittelmeer, im Süden an Egypten und im Osten an Arabien, also, daß es mit letzterem umfangsreichen Lande gleichsam eine große Insel bildet, welche vom mittelländischen und rothen Meere, dem Ozean, dem persischen Meerbusen und dem Euphrat umspült wird.

Syrien sticht mehr oder minder schroff ab gegen das Egyptenland, nehme man die Einwohner, den Himmelsstrich oder das Erdreich in Anschlag. Egypten hat einen flachen Boden, der ein Thal mit einem der größten Ströme unseres Erdenrundes vorstellt; Syrien dagegen wird von einer Menge Thäler durchschnitten, woneben Hügel und Berge, am Maßstabe fünf Sechstheile, sich erheben. Eine Gebirgskette zieht durch ganz Syrien, Schritt für Schritt mit der Küste des Mittelmeeres, nur einige Wegstunden davon. Der Libanon (der Weiße) und ihm gegenüber der Antilibanon, der Thabor und der Karmel, der Oelberg und der Hebron, wem sind diese Kuppen des Gebirges nicht bekannt? Der Orontes und der Jordan (el-Arden), die Hauptflüsse Syriens, entspringen auf dem Antilibanon. Denn der und der Libanon schürzen den Knoten des ganzen Gebirges. Von da fließt der Orontes gegen Mitternacht; ihm zur Linken Berg an Berg, zur Rechten theilweise Arabien. So wälzt er seine Gewässer über siebenzig Wegstunden fort und schüttet es in die See, nahe an der Bucht von Antiochien. Der Jordan entquillt keine zwanzig Wegstunden vom Orontes, richtet sich von Mitternacht gegen Mittag und verliert sich im todten Meere oder asphaltischen See (Birket-Luth), welcher von den Jordanquellen bei vierzig Wegstunden abliegt.

In manchen Gegenden von Syrien regnet es ungefähr wie in heißern Gegenden Europas. Das Klima ist im Ganzen sehr gesund. Viele Lagen des Landes sind reizend. In Menge gibt es Berge und Thäler mit zahlreichen Weiden, worauf große Viehherden sich nähren. Man sieht Bäume gar verschiedener Art, vor allem viel Oelbäume. Die christlichen Dorfbewohner, auch die Drusen bereiten vorzüglichen Wein.

Die ganze Statthalterei zerfällt in vier Paschalik: dasjenige von Tripolis und Akre, Aleppo und Damaskus. Zu letzterem gehört das alte heilige Land. Alle Paschalik wurden im Jahre 1833 von Ibrahim-Pascha, dem Stiefsohne des Vizekönigs von Egypten, erobert und demzufolge vom türkischen Kaiser demselben abgetreten.

Haleb und Damask übertreffen an Größe und Wichtigkeit weit alle übrigen Städte Syriens. Am Mittelmeere ist Beirut (Berytus) noch am wichtigsten mit seinem ziemlich sichern und geräumigen Hafen, in den europäische Kauffahrer nicht sehr selten einlaufen.

Beinahe von allen Kriegen des elften, zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, als den blutigen Begleitern der Kreuzzüge, wurde Syrien heimgesucht; am drückendsten die drei Städte Jaffa und Akre und Damaskus. Bis auf den heutigen Tag sind die Spuren von den Waffen und dem Aufenthalte der alten Kreuzfahrer, welcher Jahrhunderte lang dauerte, nicht verwischt.

Nun einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien.

I. Der Mohammetanismus heißt auch Islamismus, nach dem arabischen Worte Islam, welches Ergebenheit in Gott bedeutet. Vom berühmten Mohammet gestiftet, begann er in Arabien gegen das Jahr 611 der christlichen Zeitrechnung. Wie damals das Juden- und Christenthum unter den Arabern große Fortschritte machte und der Stamm, dem Mohammet angehörte, der Abkunft von Abraham und Ismael sich rühmte, so glaubte der neue Prediger beiden Religionen einige Grundansichten abborgen zu dürfen, um sie in diejenige Religion überzutragen, welche er zu stiften im Begriffe war. Er nahm das alte und neue Testament großentheils an, indem er Moses, David und Jesus als Gesandte Gottes anerkannte. Er aber ging von der Ansicht aus, daß ihre Lehren mit der Zeit verderbt worden seien, und behielt sich darum vor, der wahren Verehrung des höchsten Wesens auf dem ganzen Erdkreise Bahn zu brechen.

Die Hauptglaubenslehren des Islams sind: Es ist nur ein Gott (Allah uhu) und außer Gott ist kein Gott, und Mohammet ist sein Prophet (Nabi). Es gibt böse und gute Engel. Jene verfolgen unablässig den Menschen, damit er Böses thue; diese sind von Gott beauftragt, ihn auf dem Wege der Versuchung im Guten zu unterstützen. Das Schicksal eines Jeglichen, das Gute, wie das Böse, ist vorausbestimmt und erfolgt unabänderlich, was man Fatalismus heißt. Die Seele ist unsterblich, und am jüngsten Gerichte wird Jeder den Lohn nach seinen Werken empfangen. Unter dem heißen Himmel gleichsam glühend, suchen die Moslim ihr größtes Gut in den sinnlichen Vergnügungen und glauben auch, daß die Auserwählten des Himmels inmitten frischer Gebüsche, am Gestade lauterer Bäche, am Rande reicher Brunnquellen ruhen, umgeben von den verführerischen Huris mit ihren schönen, immerdar jugendlichen Augen, umkoset von jenen Jungfrauen, welche nichts zu thun haben, als den Seligen Genuß zu verschaffen.

Die Hauptsittenlehren sind überhaupt Ehrerbietung, Vertrauen und Gehorsam gegen Gott, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit und Mildthätigkeit gegen die Menschen und Gehorsam der Kinder gegen die Aeltern. Insbesondere aber wird den Gläubigen vorgeschrieben: 1) Die Reinlichkeit, zumal durch die Waschungen. 2) Das Gebet. Es wird im Tage fünfmal verrichtet, allein oder mit Andern und wo? ist freigestellt; nur am Freitage muß es in der Moschee oder in Versammlung geschehen. Obgleich dieser Tag der eigentlich Gott geweihete Tag ist, so können dennoch die Gläubigen an demselben die Zeit vor und nach dem Gottesdienste mit Arbeiten zubringen, welche jeder Stand und Beruf erfordert. Lediglich zwei Feste verlangen gänzliche Ruhe der Arbeit, nämlich das große und kleine Bairam. 3) Das Fasten durch einen Monat (Ramasan), während dessen man die ganze Tageszeit hindurch weder Speisen, noch Getränke zu sich nehmen, selbst nicht Tabak rauchen darf. 4) Das Entrichten des Zehnten. 5) Die Wallfahrt nach dem Heiligthume zu Mekka, welche jeder freie Mohammetaner wenigstens einmal in seinem Leben unternehmen soll, insofern seine Gesundheit es zuläßt.

Das Beispiel der alten Araber und Ismaels, des Sohnes Abrahams, befolgend, verrichten die Mohammetaner die Beschneidung. Sie unterscheiden nach Moses die unreinen Thiere. Der Islam verbietet den Genuß des Weins und jedes andern berauschenden Getränkes. Hingegen gestattet er dem Manne zur nämlichen Zeit vier Weiber und daneben so viel Beischläferinnen (Sklavinnen), als er halten will oder kann.

Die Lehren und Vorschriften der Moslim stehen geschrieben in einem Buche, welches man nach dem Arabischen el-Koran nennt. Die Anhänger geben vor, daß die verschiedenen Abschnitte dieses Buches von Zeit zu Zeit Mohammet, ihrem Propheten, von dem Erzengel Gabriel geoffenbaret worden seien. Ausgenommen die Lehrsätze des Glaubens, handelt der Koran auch von der Sittenlehre, von der Ehe, von der Scheidung, der Nachfolge. Mit einem Worte, er vertritt, in dem religiösen Gewande, mehr oder minder ein Zivil- und Kriminalgesetzbuch. Da er arabisch abgefaßt ist, so wurde diese Sprache die heilige der Perser, Türken und anderer mohammetanischer Völker, welche sämmtlich darin übereinstimmen, daß sie ihre Zeitrechnung mit der im Jahre Christi 622 erfolgten Flucht Mohammets von Mekka nach Medina beginnen. Diese Zeitrechnung nennen sie Hedschra, was Auswanderung oder Flucht bedeutet. Das Jahr der Mohammetaner ist übrigens ein Mondenjahr, das heißt, es zählt elf Tage weniger, als das unsrige.

Unter den Mohammetanern gibt es ebenfalls Leute, welche ein frommes Leben in der Zurückgezogenheit wählen. Diese Art von Mönchen wird mit einem Namen belegt, welcher einen Dürftigen bezeichnet; im Arabischen Fakir, im Türkischen und Persischen Derwisch. Diejenigen, welche sich einem beschaulichen Leben überlassen, tragen den Namen Ssûfi. Die mohammetanischen Mönche bilden verschiedene Orden, deren Alter auf die ersten Khalife zurückreicht. Die meisten Brüder, wie sie sich gegenseitig nennen, haben ein strenges Noviziat und lange Prüfungen zu bestehen, bevor sie in den Orden aufgenommen werden. Viele leben gemeinsam in einem Kloster; Andere führen ein Einsiedlerleben; noch Andere lassen sich in einer Gegend nieder, oder ziehen Land auf Land ab. Allen steht es frei, ihren Stand zu ändern und das Leben so einzurichten, wie es ihnen am beßten gefällt. Die meisten Brüder, welche einem beschaulichen Leben sich ergeben, befleißen sich einer Weltüberwindung, die man nicht weiter treiben könnte, und beträchtlich ist die Anzahl Bücher, worin ihre Hirngespinste verzeichnet sind. Die anderen Brüder dagegen, welche die Welt lieben, leben zügellos, und man vermag nichts so Ausschweifendes auszusprechen, das von ihnen nicht begangen würde. Solche heißen Kalendris und Santone.

Die mohammetanische Kirche war zu allen Zeiten in viele Sekten gespalten, welche, nicht besser, als die Christen gegen einander, sich grausam bekriegten. Der Krieg hob gleich nach dem Ableben Mohammets das Haupt empor. Der Prophet vergaß, seinen Neffen und den Gemahl seiner eigenen Tochter Fatima, mit Namen Ali, zu seinem Nachfolger zu erklären. Als daher die Anhänger Mohammets das Khalifat nach einander Abubeker, Omar und Othman übertrugen, gab es damals Rechtgläubige, welche wider die Ungerechtigkeit Lärm schlugen und sich weigerten, einen andern für einen gesetzlichen Fürsten anzuerkennen, als Ali. Wie dann später dieser zum Khalifen erhoben ward, warfen sich viele von den Widersachern gegen ihn auf, und der Bürgerkrieg tränkte mit Blut alle Gegenden, in welchen das neue Gesetz Eingang fand. Dies ist der Ursprung der beiden Hauptsekten, in welche heute noch die Anhänger Mohammets zerfallen, und welche von diesen durch die Namen Sunniten und Schiiten unterschieden werden.

II. Das Judenthum zählt eine große Anzahl von Gläubigen fast im ganzen Morgenlande, vorzüglich aber in Syrien, wo viele von ihnen heilig gehaltene Denkmäler angetroffen werden. Diese Religion nimmt keine andere Offenbarung an, als die Jehovas durch Moses und die Propheten für das auserwählte Volk. Die Juden, oder, wie man sie auch heißt, die Hebräer oder Israeliten betrachten in Gott nur eine Person. Ihre heiligen Bücher sind das alte Testament, zum größten Theile in hebräischer Sprache geschrieben. Sie erwarten die Ankunft eines Messias, welcher für die Gläubigen ein großes Reich gründen soll. Sie nehmen die Beschneidung vor, haben viel Zeremonien und heiligen den Sabbath. Als sie Judäa im Besitze hatten, standen ihnen Opferpriester vor, genannt Leviten nach dem Stamme Levi. Statt derselben lehren nun Meister in der Schrift, unter dem Namen Rabbiner, in den Synagogen oder in den jüdischen Tempeln das Gesetz. Auch diese Religion zählt ihre Spaltungsgläubigen. Am meisten geltend machten sich die Talmudisten und Rabbinisten, letztere so geheißen wegen ihrer Achtung für die Lehren der Rabbiner, erstere wegen ihrer Verehrung des Talmud, eines Buches, das viel gute, mitunter aber auch wenig gesunde Dinge enthält.

III. Mitten unter Mohammetanern und Maroniten leben die Drusen auf den Bergen Libanon und Antilibanon. Sie machen aus ihrem Glaubensbekenntnisse, einem bunten Gemische christlicher und mohammetanischer Religionsvorschriften, ein großes Geheimniß. Sie hassen die Mohammetaner, bekennen sich aber äußerlich doch zum Islam. Sie wollen die Nachkommen jener Christen sein, welche in den ersten Zeiten des Nazarenismus über den Jordan sich zurückgezogen hatten. Die Akal sind eine Art Priester; selbst Weiber werden in den Orden der Akal aufgenommen. Dieselben stehen dem Gottesdienste in den Kapellen oder Khalue vor. Die Kinder werden bei den Drusen nicht beschnitten. Gastfreundlichkeit wird an dieser Völkerschaft vor Allem gepriesen.

IV. Unter den eigentlichen Christen versteht man solche, welche, ohne an die Lehren Moses und der Propheten sich ausschließlich und streng zu binden, an die Offenbarung im neuen Testamente, an Christus, an die Vergebung der Sünden und an die Auferstehung des Fleisches glauben. Sie nehmen die Taufe vor und feiern den Sonntag. Von so vielen Glaubensbekenntnissen, in die sich die Christen theilen, nimmt man in Syrien neun wahr, welche sämmtlich einige Priester in Jerusalem und zum Theil im großen Tempel des Christus-Grabes unterhalten.

1. Die griechische oder morgenländische Kirche. Die Hauptunterschiede derselben von der römisch-katholischen Kirche betreffen die hierarchische Selbstständigkeit außer der Linie der päpstlichen Oberherrschaft, die Lehre, wonach der heilige Geist nur vom Vater ausgeht, das Abendmahl unter zwei Gestalten und die Priesterehe. Die Griechen haben sieben Sakramente, welche sie Geheimnisse nennen; allein sie verknüpfen damit nicht den gleichen Begriff, wie die Lateiner. Sie betrachten nur zwei als von Gott eingesetzt, nämlich die Taufe und das Abendmahl. Die übrigen fünf Sakramente halten sie für Anordnungen der Kirche. Sie verrichten die Firmelung zugleich mit der Taufe, welche letztere in einer dreimaligen Eintauchung des ganzen Körpers in Wasser besteht. Sie verwerfen die Unauflöslichkeit der Ehe, z. B. bei Ehebruch, und sie verbieten das Heirathen zum vierten Male. Sie unterwerfen sich den strengsten und den härtesten Bußübungen. Sie halten an den Beschlüssen der ersten und zweiten nizänischen, der ersten, zweiten und dritten konstantinopolitanischen, der ephesischen und chalcedonischen ökumenischen (allgemeinen) Kirchenversammlung. Der ökumenische Patriarch in Konstantinopel gilt als das Oberhaupt der nicht-russischen Kirche.

2. Die armenische Kirche, welcher beinahe alle Armenier angehören. Diese Christen begehen wenig Feste, und verwerfen die Verehrung der Heiligen. Sie haben etliche Patriarchen. Der erste unter ihnen führt den Titel: Katholikos, und hat seinen Sitz in Etschmiazim bei Eriwan. Ihre Abweichungen von der lateinischen Kirche stimmen mit denen der griechischen ungefähr überein. Viele Armenier traten in den Schooß der römischen Kirche.

3. Die Kopten, die auch unter dem Namen der Christen von Egypten, Nubien und Habesch bekannt sind. Diese Monophysiten haben die Verehrung der Bilder angenommen, und zwei Sonderbarkeiten zeichnete sie aus: Sie behielten, obschon sie die Taufe einführten, die Beschneidung bei, welche indeß mehr als angeerbte alte Volkssitte, denn als religiöse Zeremonie angesehen werden darf; sie heiligen den Sonntag und einen Theil des Sabbaths. Ihr Patriarch, ziemlich arm, hat seinen Sitz in Kairo, den Titel: Patriarch von Alexandrien und Jerusalem, und er bestellt für Habesch einen Generalverweser, welcher Abunak heißt.

4. Die Kirche der Maroniten, genannt nach Maron, ihrem Stifter, der im fünften Jahrhunderte lebte, und welcher der Kirche eine eigene Verfassung gab. Die meisten Maroniten halten sich am Berge Libanon und in Zypern auf. Sie unterwerfen sich den Beschlüssen der vier ersten ökumenischen Kirchenversammlungen, und erkennen in Christus eine Person und zwei Naturen. Allein als Monotheleten lassen sie diesen zwei Naturen nur einen Willen zu. Ein großer Theil dieser Glaubensbekenner schloß sich den Lateinern an, hielt jedoch beinahe an allen Gebräuchen der morgenländischen Kirche fest. Diesen Maroniten wird das Oberhaupt von Rom gegeben. Es führt den Titel: Patriarch von Antiochien, und wohnt im Kloster auf dem Libanon.

5. Die chaldäische (syrische) oder Nestorianische Kirche. Ihre Anhänger verwerfen die Beschlüsse der dritten, zu Ephesus gehaltenen ökumenischen Kirchenversammlung, wo ihre Lehre verdammt wurde. Sie nehmen in Christus zwei Personen an, und weigern sich, Marien, der Gattin Josefs, den Namen Gottesgebärerin zu verleihen. Sie verabscheuen die Verehrung der Bilder. Seit dem Jahr 1599 vereinigten sich viele Nestorianer mit den römischen Katholiken, unter Vorbehalt der Priesterehe und des Abendmahls in zwei Gestalten.

6. Die Kirche der Eutychianer oder Monophysiten heißt nur die drei ersten ökumenischen Kirchenversammlungen gut, und nimmt in Christus einzig die Mensch gewordene göttliche Natur an. Deswegen wird das Zeichen mit einem Finger gemacht.

7. Die Jakobiten. Sie nennen sich also nach Jakob Baradai, einem syrischen Mönche des sechsten Jahrhunderts, welcher in der Absicht Syrien und Mesopotamien durchzog, um die Monophysiten in eine Kirche zu vereinigen. Er brachte sie in der That unter eine kirchliche Oberherrschaft. Sie stehen unter zwei Patriarchen, unter dem syrischen zu Diarbeker oder Aleppo und unter dem mesopotamischen im Kloster Saphran bei Medin. Die Jakobiten haben mit den koptischen Christen die Gewohnheit der Beschneidung gemein, verehren die Bilder, und die meisten traten zur lateinischen Kirche über, indem sie jedoch einigen eigenthümlichen kirchlichen Gebräuchen forthuldigten.

8. Die alte abendländische, die lateinische oder römisch-katholische Kirche. Alle Welt weiß, daß sie den römischen Papst als Statthalter Jesu Christi und ihr Oberhaupt anerkennt, welchem die meisten Lateiner die Eigenschaft der Unfehlbarkeit in Glaubenssachen ausschließlich zutrauen. Die Römischen haben sieben von Gott eingesetzte Sakramente; sie verrichten die Taufe durch Begießung mit Wasser; sie nehmen beim Abendmahle die Verwandlung an; sie halten Ohrenbeichte, verehren Heilige, glauben an ein Fegfeuer, thun Werke der Buße, empfangen Ablaß der Sünden, die Mönche werden durch Gelübde gebunden, die Priester müssen im ledigen Stande leben. Die Kirchenversammlungen sind unfehlbar, nicht bloß die allgemeinen, welche vor der Trennung der morgenländischen und abendländischen Kirche gehalten wurden, mit Ausnahme des Concilium Trullanum oder Quinisextum, sondern auch viele andere. Die letzte Kirchenversammlung war in Trient vom Jahre 1545 bis 1563.

9. Man darf sich nicht wundern, daß die abendländischen Christen ohne ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, nämlich die Protestanten, welche für die Bekehrung der Heiden eine rastlose Thätigkeit entwickeln, auch Geistliche aufweisen können, die, aus Religionsabsichten, in Jerusalem festen Sitz genommen haben.

Die Mannigfaltigkeit der Religionsbekenntnisse fordert zur ernstesten Betrachtung auf. Es ehren bis auf diesen Tag die Menschen Gott auf ihre verschiedenen Weisen, trotz des Glaubenszwanges, trotz der Bannflüche, trotz der Blutströme. Dem überstrengen Vater entläuft der Sohn im Augenblicke seiner Ermannung. Die Sadduzäer, die abendländischen Christen, die Protestanten waren nicht aus sich selbst erzeugt, sondern sie hatten ihre rechtmäßigen Erzeuger in dem Pharisäismus, in der morgenländischen Kirche, in dem römischen Papstthume. Wir feiern die Männer, welche Duldsamkeit predigen. Wie todt muß die Wahrheit der Geschichte sein. Die Duldsamkeit sollte sich wohl von selbst verstehen.

So viel als einleitende Bemerkungen.

Gaza.

Gaza, sprich Gâsa, liegt reizend auf einer kleinen Anhöhe, drei Viertelstunden vom Meere (vom alten Hafen Majumas). Gegen Aufgang stellt sich der Hebron. Bäume, Fruchtfelder und Wiesen wechseln in der Umgegend, um das Auge zu ergötzen. Eben sah ich die Kühe im Grünen friedlich weiden. Die Stadt ist nicht groß, und enthält, nach den Versicherungen des Militärarztes daselbst, Dr. Tarabra, eines durchaus kenntnißreichen und einsichtsvollen Mannes, sechs- bis siebentausend Einwohner. Die Gassen sind schmal, krumm, uneben, ungepflastert; die einen Häuser haben platte, andere dagegen kuppelförmige Dächer. Die Moschee, einst eine griechische Kirche, ist groß und schön. Man findet viele alte Ruinen, z. B. Säulen mit Knäufen, und Nachgrabungen müßten Schätze aufdecken.

Die Bevölkerung ist weiß; viele Männer zeichnen sich durch Schönheit aus; das verschleierte Antlitz der Frauenspersonen entzieht sich der Beurtheilung; die Kinder sind blaß oder gelblich. Die Bassar durchrauschet viel Leben. Unweit von denselben erblickte ich wieder die Zelte unsers Kontumaznachbars Mustafa-Bei und in ihren Sternen viel Freundlichkeit.

Ich hatte eine Empfehlung an den Dr. Tarabra, welcher mich sehr gastfreundlich aufnahm und behandelte. Ich verdanke ihm, außer den Mittheilungen über die Größe der Bevölkerung, noch andere, welchen ich hier zum Theile einen Platz anweisen werde. Die arabischen Weiber empfangen in Gaza sehr leicht; sie gebären ohne Hebammen, selten aber fünf bis sechs Male. Als die Pest ihre Verheerungen anrichtete, mußte Tarabra, in der Eigenschaft eines Physikus der Provinz, alle Todesfälle bewahrheiten, und da fand er das Verhältniß der gestorbenen Kinder zu den gestorbenen Erwachsenen wie 5 zu 1. Dieses Verhältniß beweiset eine schreckliche Sterblichkeit der Kinder, selbst wenn sich dasselbe wie 3 zu 1 umwendet. Am meisten klagte Tarabra über die griechischen Weiber. Durch ihr unsinnig strenges Fasten, welches sich beinahe einzig auf schlecht gekochte Linsen und Oliven beschränke, bedingen sie die Absonderung einer schlechten Milch, welche den Säugling bisweilen nicht zu ernähren vermöge. Er sah sich bewogen, den griechischen Bischof deshalb um Dispensen anzugehen. Die Bewohner von Gaza leiden vorzugsweise an Rheumatismen und Katarrh (nicht aber an Lungenkatarrh). Oft verschlimmern sie letztere Krankheit durch die landesüblichen Bäder. Auch kommt der Scharbock nicht selten vor. Die Araber werfen sich am liebsten in die Arme unwissender Menschen. Eine große Plage anderer Länder, nämlich die Lungenschwindsucht, geißelt die Einwohner von Gaza sehr selten, und hier dürfte vielleicht der Schwindsüchtige mehr Linderung hoffen, als in dem gepriesenen Nizza.

Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.

Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere; verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.

Den 27. Wintermonat.

Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu verlassen.

In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen Unterlassungsfehler begangen haben.

Dr. Tarabra hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten. Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich — die Geduld. Ich krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei Tarabra meine Klage vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten. Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen, oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.

Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.

Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die Früchte hervorbringt.

Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel, welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.

Der Kalkstein senkt sich von Südwest nach Nordost, und guckt mit seinen Höckern hie und da hervor. Die Erde ist fahl bis gegen Ramle, wo sie röthlich zu werden beginnt.

Etwa an acht Dörfern auf der Ebene Sephelah kam ich vorüber. Wie nahe ich an den alten Ortschaften Askolon, Astod, Gath, Jabueh und Ekron vorüberritt, vermag ich freilich nicht zu bestimmen. So viel ist gewiß, daß kein fließender Bach, weder der Eschkol (Traubenbach), noch der Jarkon, überschritten wurde, und die gerühmten Weinpflanzungen entgingen meinem Auge. Die Häuser Sephelahs stehen alle städteartig beisammen. Weil sie niedrig und die Dächer bauchig oder gewölbt sind, so erkennt man von der Ferne ein Dorf mit einiger Schwierigkeit; anders verhält es sich, wenn der Giebel hoch aufragt. Das palästinische Dorf sieht häßlich aus. Die Häuser sind von unbearbeiteten Steinen aufgeführt, die Dächer derselben sehr dick, mit einer feuerfesten Rinde von Erde, so daß sich darauf hie und da ein geschlossenes Grün ansetzt. Dieser Umstand vermehrt noch die Schwierigkeit, mit der man ein Dorf aus der Ferne erkennt.

Die Weiber auf dem Felde, deren Gesichter ich mit meinem Auge gleichsam erhaschen konnte, waren hübsch. Andern sah ich nur einen Streifen vom Antlitze, welches der Schleier in ein noch größeres Geheimniß verhüllte, als bei den Egypzierinnen.

Bis Ramle sind zwölf Kameelstunden. Das Thier mußte diesen Weg unaufhörlich gehen, ohne daß es Nahrung bekam. Selbst dem kleinen Esel ward kein besseres Loos zu Theil, und durch den größten Theil des Weges trug er den Führer. Die Thiere halten im Morgenlande mehr aus, als in Europa. Sind sie etwa in diesem Welttheile verwöhnt oder verzärtelt? Ich sah, erzählt Wesling, unter der heißen Sonne ziemlich locker angebundene Pferde der Beduinen mit zwei oder vier Loth Wasser für einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hinlänglich gelabt werden.

Zwei Männer zu Esel schloßen sich nicht weit von Gaza als Reisegefährten an. Bei einem Dorfe wollte einer von ihnen links auf einen kleinen Weg mich leiten, der mir ein verführerischer Feldweg zu sein schien. Ich sagte: Nein, ritt rechts davon, und man folgte mir auf dem wirklich richtigen Wege. Etwa drei Stunden von Ramle verließen mich diese Leute, und lenkten in ein Dorf, wohin sie auch mich locken wollten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, daß dieser Reisegefährten einer mir eine Mütze einhändigte, die ich verloren hatte. Es scheint der gute Eindruck noch nachgewirkt zu haben, den er dadurch bekommen mochte, daß ihm ein wenig Speisen aus meinem Vorrathe dargereicht wurden. Ich gab sie zwar nicht ihm selbst, sondern dem Treiber; allein die Araber haben es im Brauche, die Speisen Andern mitzutheilen, und dem Geber in aufrichtiger Gefälligkeit erkenntlich zu sein.

Ich hätte wohl ein ganzes Register von Klagen über meinen Treiber. Er war ein junger, unbärtiger Kerl, und wußte nicht einmal den Weg nach Ramle. Darum fragte er oft darnach; darum wollte er das Uebernachten in einem Dorfe erpochen. Die Sonne war untergegangen, und ich ritt mit diesem unwissenden Jungen. Gegen acht Uhr hörte ich das Gebell eines Hundes. Dasselbe gab mir die Gewißheit, daß ich von Hunden und — folglich auch von Leuten nicht mehr ferne sei. So unwillkommen das Hundegebell sonst, so willkommen war es mir dieses Mal.

Schon zeugte der Boden von fleißigerem Anbaue; die indischen Feigen begleiteten wie ein Geländer die breiter werdende Straße; nun schon entdeckte ich Licht; das Minaret glänzte in der frei- und festtäglichen Beleuchtung; es erscholl ein Chor von Hundegebell. Völlig verschwanden meine Zweifel über die Nähe der Stadt. Unser Weg aber kreuzte sich, und der unwissende Bursche fragte deutend mich um Weisung. Ich war entschlossen, nach der Gegend, wo die Hunde bellten, zu reiten, und winkte sogleich mit der Hand.

Noch sollte mir ein kleiner Unfall begegnen. Nahe schon am Orte meiner Bestimmung trank ich gerade in vollen Zügen das süße Glück, als ein niedriger Baumzweig mir ins Auge fuhr, daß ich im Augenblicke nichts, als einige Funken sah, und daß ich wund und blau wurde. Endlich bin ich in der Stadt Ramle.

Um den Umfang des Philisterlandes zu würdigen, darf ich nur daran erinnern, daß ich es an einem Tage in seiner Länge durchritt; die Breite desselben ist nur unbedeutend. Die Erzählung von den Kriegen, welche die Juden mit den Philistern führten, ist geeignet, die Vorstellung von der Größe des Philisterlandes irre zu leiten.

Müde, aber sehr müde, gleichsam wie zerschlagen stieg ich am Stadtthore ab. Man versicherte mich, daß man beim Reiten auf einem Kameele oder Dromedare ähnlichen Beschwerden ausgesetzt sei, wie auf dem Schiffe. Dies war bei mir wenigstens nicht der Fall, ohne daß ich die Aussage eines Deutschen bezweifeln möchte, welcher dieses Reiten glatterdings nicht ertragen konnte, und daher mit dem Reitthiere zu Fuß ging. Als ein gutes Vorbauungsmittel gegen die Beschwerden, welche das Reiten etwa verursachen könnte, empfiehlt man allgemein das feste Gürten des Unterleibes. Auch ich bediente mich dieses Mittels, das mir in der That sehr behagte.

Ich hatte Empfehlungen an zwei im Dienste des Vizekönigs stehende Franken. Wie sollte ich sie bei Nacht in den menschenleeren Gassen aufsuchen? Ich ließ an einem Hause derb anklopfen. Die Stille in demselben verkündigte die Ruhe aller Hausgenossen. Doch man ließ vom Klopfen nicht ab. Zum Glücke endlich öffnete ein halb gekleideter Mann die Thüre. Er wußte die Wohnungen der bezeichneten Franken. Der Antheil nehmende, gute Mann war bald beredet, mir jene zu zeigen. Leider verfehlte ich die Franken, die sich in Akre befanden. Mir blieb nichts übrig, als in dem lateinischen Hospizium der Spanier, die man mir eben nicht zu ihrem Vortheile schilderte, Herberge zu nehmen.

Dieser Tag war ein unsriger Sommertag. Die Wolken, durch welche die Strahlen der Sonne in Strähnen brachen, arbeiteten an einem Schauer, und der Regen drohte bei der schwülen Witterung. Tags lärmten in großer Menge die Thiere der Luft, die Vögel, und Nachts die Thiere der Erde, die Insekten. Alles, was da lebt auf und über der Erde, singt Tag und Nacht das Hochzeitlied, zur Freude der Menschen.

Ach, wie war ich bei meiner Müdigkeit froh, in einer fränkischen Herberge ausruhen zu können. Von den Patres freundlich begrüßt, ward ich ins Refektorium eingeladen. Sie setzten mir Eier, Fische, Käse, Brot und Wein vor, und ich sättigte mich mit Wohlgefallen.

Den 28.

Ueber Nacht rollte Sommerdonner.

Ich wollte nach Jerusalem abreisen; allein da der Eseltreiber noch durch das Beladen der Esel mit Fischen (vom Hospizium, welches mir es verheimlichte) mich zum Warten nöthigte, und da ich unter solchen Umständen nicht glauben durfte, daß ich noch bei Tageszeit in Jerusalem anlangen würde, so blieb ich, obwohl sehr ungerne, zurück. Bereits nämlich verließ ich das Hospizium. Ich stand schon am Orte, wo die Esel beladen wurden; das Felleisen war schon aufgepackt. Ich drängte auf schnelle Abreise. Es half nichts, indem der Muchero (Eseltreiber) wähnen mochte, daß ich weder selbst das Felleisen forttragen, noch bei der schwachen Morgendämmerung das Hospiz finden werde. Der Mann aber thäte sich verrechnen. Ich hob das Felleisen auf die Schulter und trug es ins Hospiz.

Rama, Ramla oder Ramle, ungewiß das Arimathia der Bibel, ist weder hübsch, noch groß, aber in einer sehr fruchtbaren Gegend und unter einem milden Himmel. Auch hier liegen Ueberbleibsel von Alterthümern, z. B. Säulen, herum. Von der Stadt aus eröffnet sich eine köstliche Aussicht ins Gebirge Juda bis zum Ephraim.

Der Bassar ist unansehnlich. Ich konnte der Anlockung nicht widerstehen, Brot und einige Früchte zu kaufen, die ich mit Lust verzehrte.

Zum Zeitvertreibe besuchte ich das griechische Kloster, welches ebenfalls Pilger beherbergt. Der Erzpriester empfing mich mit vieler Freundlichkeit, verstand aber keine der fränkischen Sprachen, und so mußten wir uns begnügen, einander anzuschauen, was doch unstreitig viel bequemer ist, als eine auf Nadeln setzende Anrede von Komplimenten zu halten.

Ende der Reise nach Jerusalem.

Uebereinkunft unter den Augen der reverendissimi patres; Abreise um vier Uhr Morgens; Trümmerchroniken; St. Jeremias und sein Brunnen; Terebinthenthal; Einförmigkeit des Judagebirges; si mira Gerusalemme; im Neuhause abgestiegen; vortrefflicher Wein; vor Freude fast Leid am Moriah.

Sonntags den 29. Wintermonat.

Ich habe mich einen Abend vorher mit dem asiatischen Eseltreiber des Hospiziums unter den Augen der Mönche abgefunden. Heute griff man der gestrigen Vergeßlichkeit damit unter die Arme, daß man mein Gepäcke ohne größere Bezahlung nicht mitnehmen wollte. Mit dem Hospizium war kein Streit anzufangen. Froh, von nicht sehr würdigen Vätern mich einmal entfernen zu können, gab ich nach, obgleich ich über das Vorgefallene ein wenig schmollte. Weit mehr ärgerte mich, daß der roth- und triefäugige Knecht des Hospiz mir die Flasche voll Rhum zerschlug oder zerbrechen ließ.

Etwa um vier Uhr in der Frühe reiste ich einzig in Begleit eines jungen Menschen ab. Ich durchritt eine Ebene, welche die Nacht mir verbarg. Beim Grauen des Tages erreichte ich den Anfang des Gebirges von Juda. Auf einem Hügel hart am Wege stand ein Dörfchen. Nun schlängelte sich der Weg gegen Morgen durch ein Thal, dessen Hügel allmälig zu Bergen sich aufthürmten. Der Paß ist nur eine kurze Strecke enge. Hie und da unterbrechen den Boden Bäume und der Pflug. Ueberdies wird die Gegend durch die lärmenden Hirten belebt. Bevor man den Scheitel des nächsten Berges gewinnt, wo eine schöne Fernsicht bis auf das Mittelmeer sich aufschließt, erblickt man rechter Hand, auf einem Hügel, vom Wege unfern ein Dorf inmitten von Oelbäumen. Dort mag die Hälfte des Weges von Ramle bis Jerusalem sein. Von dem Scheitel jenes Berges läuft der Weg zuerst ziemlich eben, dann hinunter und hinauf. Jetzt hinuntersteigend, kommt man an dem Dorfe St. Jeremias vorüber, welches an die nördliche Abdachung eines Berges gebaut ist. Den heitern Blick desselben erwiedern mit einem ernsten und finstern einige Ruinen daneben, welche wohl aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen. Diese, wie andere Trümmer an verschiedenen Stellen im Gesichtskreise auf der Bergreise sprechen wie Chroniken. In Jeremias ist das jüdische Gebirge milde; der Feigenbaum trug noch die Blätter, während die Kälte sie in höhern Gegenden gepflückt hat.

Gelangt man von St. Jeremias ins Thal, so zieht rechterseits ein Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es liegen jetzt noch Stücke einer Marmorsäule herum. Sie war vielleicht ein Bestandtheil der Verzierung eines Brunnentempels. Weiter beginnt das Weinland. Die Rebe steht da stämmig wie ein Baum, ohne Stütze, ohne Band. Der Blätter gelbe Farbe feierte den Herbst. Auch anderwärts am Wege nach Jerusalem trifft man Weinfeld.

Ich bestieg dann eine Bergspitze mit malerischer Aussicht — auf den wenigstens anderthalb Stunden offen liegenden Weg. Darauf kam ich in eine tiefe Thalschlucht, ins Terebinthenthal, ehe ich aber sie erreichte, an einem Brunnen vorüber, auf dem eine arabische Inschrift steht. Die Sitte der alten Morgenländer befolgend, errichten die Mohammetaner über den Quellen kleine Tempel. In der Thalschlucht selbst, welche von dem Laub der Feigen- und Zitronenbäume beschattet wird, weilt das Auge des Wanderers auf einem ziemlich freundlichen kleinen Dorfe. Von dem Bollwerk einer Ruine herunter redete mich ein Mann an, der vielleicht mich gastlich einladen wollte.

Jetzt ging es auf die letzte Bergkuppe, fast oben neben einer langen Reihe von Kameelen langsamen Schrittes gegen Sonnenuntergang.

Der Weg auf dem Juda ist zwar ein wenig schmal, doch schwierig nirgends, vielmehr überall deutlich, fest ausgetreten, in Summa fürtrefflich für den, welcher die schweizerischen Berge bereiset hat. Neben diesem Wege erhebt sich das Land hier und da stufenförmig, gleich Weingärten, was unzweifelhaft läßt, daß der Anbau des Bodens einst weit mehr geblühet hatte. Gleich am Eingange ins Gebirge erkennt man ohne Mühe die Vierecke der Felder, nunmehr voll kleineren Steingerölles. Auf Geschiebe stößt man im Gebirge ungemein häufig, und der Hauptzug desselben ist Kahlheit. Zwischen den Steinen und Felsen gedeihen wohl gewürzhafte Kräuter, grüne Gebüsche, lachende Bäume; allein diese sind unvermögend, die Gegend im Ganzen lieblich und freundlich zu kleiden. Im Uebrigen verdient der Juda wirklich den Namen eines Gebirges, selbst nach dem Wörterbuche des Hochländers; nur mangeln höhere Berge, die einen majestätischen Eindruck machen. Meist sind die jüdischen abgerundet, und böschen sich gleichmäßig. Kein Bach wälzte sich rauschend bergab durch die Schluchten und Thäler; nirgends tosete der Berggeist in wildem Schaum über einen Felsabsturz; ich konnte im Terebinthenthale höchstens über eine Brücke setzen, welche über einen trockenen Bach sich wölbte.

Auf dem Wege über das Gebirge begegneten mir nicht selten Leute, darunter unverschleierte, aber eben nicht schöne Frauen und Mädchen, auch ein Weib auf einem Kameele. Mein Hut vor Allem schien sie zu befremden. Einigen las man auf ihren Gesichtern: Ach wäre nur die Polizei nicht so strenge, wie gerne wollte ich diesen Menschen ausplündern. Möchten die leidenschaftlichsten Gegner einen Mehemet-Ali und Ibrahim-Pascha nur als Urheber zahlloser Ungerechtigkeiten und Verbrechen auslästern, so viel Unparteilichkeit werden auch sie besitzen, um diesen Männern nachzurühmen, daß unter ihrem mächtigen Arme die Abendländer eines unschätzbaren Gutes, nämlich öffentlicher Sicherheit, sich erfreuen.

Wie ich auf dem letzten Bergscheitel stand, entschwebte mir der Gedanke, daß ich von der Tochter Zions nicht mehr ferne sein könne. Ich durfte eine kurze, nicht sehr merklich abschüssige Strecke fortrücken, bis ich weißgraue Thürme und Streifen von Mauern erblickte. Ich hielt sie für Jerusalem. Ich wurde in dieser Meinung bestärkt, weil Weiber, nach Art der Marktleute, mit beladenen Köpfen uns begegneten. Als ich zudem das Schmettern der Trompeten vernahm, gerieth meine Seele in den Zustand der größten Spannung. Noch ein wenig weiter, und der Führer, ein arabischer Jüngling, schlug auf einmal meine Ungewißheit aus dem Felde, mit den fränkischen Worten: Si mira Gerusalemme (Man sieht Jerusalem). Da ist denn die Schaubühne so verschiedenartiger Auftritte, so schroffer Zerwürfnisse, so blutiger Kriege, so mächtiger Umwälzungen, so harter Drangsale, so freudiger Begeisterungen. Das ist die vielgenannte Stadt, wie keine auf dem ganzen Erdballe so reich an Erinnerungen für den gläubigen Christen und den Staub von Israel.

Glaubst du Jerusalem in einem Thale, wo es von oben her einen köstlichen Anblick darbiete? Du lebst in der Täuschung. Es liegt nur wenig tiefer, als der letzte Bergscheitel und von diesem in der Entfernung etwa einer kleinen Stunde. Glaubst du Jerusalem in der Mitte anmuthiger Fluren? Du wirst dir der lieblichen Trugbilder aufs schmerzlichste bewußt. Der Weg leitete bloß durch steinigen Boden, wie ihn Strabo schon nannte, selbst bis zu den Mauern; das seltene Grün zwischen den Felsen und Geschieben leistet wenig oder keine Entschädigung. Als die Stadt ganz nahe vor mir lag, so erschien sie ohne eigentliche Bedeutung und ohne Pracht. Eben übte sich das egyptische Militär in den Waffen vor den Mauern am Berge Gihon, und die Einsilbigkeit der Stadt ließ mir Muße übrig, das Kriegsvolk zu durchmustern.

Ich kam etwa um zwei Uhr Nachmittags im Zickzack durch das Jaffathor, und wenn auf dem ganzen Wege mein Auge in keinem einzigen murmelnden Bächlein sich badete, so fiel mir gleich eine Pfütze auf, mitten in der äußerst schlecht gepflasterten Gasse. Diese Pfütze, dieses Straßenpflaster und elende Häuser, — das ist, was in Jerusalem zuerst meinen Blick fesselte. In die zweite Gasse links bogen wir ab. Bald erreichten wir das Neuhaus (casa nuova), ein Gebäude, welches dem Kloster der Franziskaner oder des Erlösers (S. Salvatore) angehört, wiewohl ein Gäßchen jenes von letzterem trennt.

Mein Gepäcke wurde in den Hof des Neuhauses gelegt und, nachdem mir von dem freundlichen Klosterverwalter der Aufenthalt bewilliget worden, in ein Zimmer geschafft. Ich schnitt ein saures Gesicht, als ich vergebens Fenster suchte. Auf meiner Wanderung über das Judengebirge war es kühl, jetzt fing es mich an den Füßen ordentlich zu frieren an, und später fror es mich so stark, daß ich Mühe hatte, mich zu erwärmen.

Da das Mittagessen schon vorüber war, so mußte ich mit übrig gebliebenen Speisen mich begnügen. Der reichlich vorgesetzte Wein schmeckte mir vortrefflich, und je mehr ich nippte, desto herrlicher mundete mir der edle Saft der Rebe. Auch genoß ich seit meiner Abreise von Kairo kein schöneres und besseres Brot.

Ich verspürte einige Müdigkeit, zwar nicht vom Gehen, obschon ich den weitaus größten Theil des Gebirgsweges zu Fuß zurücklegte, sondern vom Reiten wegen des unförmlich breiten Sattels. Darum unternahm ich diesen Tag nur noch einen kleinen Spaziergang durch etliche Gassen der Stadt. In meiner frohmüthigen Stimmung zu Jerusalem zwischen dem Gehinnon und Josaphat, dem Zion und Oelberg und Golgatha sang ich mitten durch den Bassar unter der Menge von Menschen. Mein Gesang aber hörte plötzlich auf. Warum? Das will ich erzählen. Bei meinem Mangel der nähern Kenntnisse von der Stadt schritt ich arglos durch das Thor an der Vormauer der Omarsmoschee, welche auf der Stelle des Salomonstempels erbaut sein soll. Die Mohammetaner liefen gegen mich drohend heran, ich merkte, den Tempel im Angesichte, daß ich mich verging, und unverzüglich kehrte ich um. Mein unsaumseliges Benehmen hatte jedoch keine andere Folge, als die, daß der Gesang sich in Pausen auflöste.

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