Jaffa.
Reading edition
Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung.
Das heutige Jaffa, das Joppe der Bibel, ist größer, als eine Abbildung es mir vorstellte. Es liegt am Meere auf einem Hügel, den es vollständig umhüllt. Von Mitternacht aus, auf dem mohammetanischen Gottesacker, genießt man den günstigsten An- und Ueberblick, und die vielen Kugeldächer rufen Gaza ins Gedächtniß zurück. An die Stadtmauern sind inwendig die elendesten Hütten gebaut.
Die Mohammetaner haben zwei Moscheen. Die eine, mit einem niedrigen Thurme, steht unten am Meere, einige Schritte vom armenischen Kloster; die andere, größere oben im nördlichen Stadtviertel. Daneben in Mitte des Doppelthores, welches auf das Land führt, spendet ein prächtiger Brunnen sein erfrischend Wasser, wovon auch die christlichen Pilger fleißig holen. Die Gassen sind unregelmäßig, enge, löcherig, in der Regenzeit schmutzig. Die Hauptgasse streicht einerseits an dem griechischen, lateinischen und armenischen Hospizium, andererseits an dem Hafen als Kai vorbei, und gegen Mitternacht eben davon bis zur kleinen Moschee. Hier biegt sie sich um, und steigt neben Handwerks- und Kaufbuden ein wenig gähe hinan, um sich in einen kleinen, ziemlich ebenen Platz zu öffnen. Hier herrscht besonders viel Regsamkeit, schon der Fleischbänke willen. Von diesem Marktplatze ziehen gegen Morgen drei Gassen: die eine zu den Getreideläden, einem großen Kaffeehause und zur großen Moschee; die andere und mittlere zum Thore auf das Land; die dritte als Nebengäßchen zur Stadtmauer. Neben der Hauptgasse, deren Richtung dem lateinischen S am nächsten kommt, öffnet sich eine enge Gasse in den Marktplatz, welche erst gähe zu dem auf der Höhe der Stadt oder des Stadthügels liegenden Festungsschlosse hinauf-, von diesem aber herabsteigt. Die Gassen auf dem Gipfel und im südlichen Theile der Stadt sind, mit Ausnahme der letztern Gasse, ziemlich menschenleer, und verdienen auch keine nähere Würdigung.
Der Hafen, wenig Rührigkeit darbietend, ist eher eine Rhede, schlecht und klein, von Klippen umfangen, für größere Schiffe unzugänglich. In der Rhede lagen bei meiner Ankunft fünf Schiffe vor Anker; auf offener See in viertelstündiger Entfernung eine griechische Brigg[6].
Wie soll ich muthmaßen, daß die Stadt von 5000 Menschen bevölkert sei? Ich bin, wie in Jerusalem, so auch hier mit nackten Muthmaßungen über die Zahl der Bevölkerung, ohne über sichere Angaben gebieten zu können, selber vielleicht am meisten unzufrieden, und ich würde diese mit großem Vergnügen verzeichnen, wären sie nur erhältlich gewesen. Haben die ungefähren Ansichten von der Volkszahl weiter keinen Werth, so mögen sie doch als Wink dienen, andern Angaben nicht sicher zu vertrauen. Die Anzahl der Christen ist nicht geringe; die Lateiner und Maroniten zählen aber bloß 340 Seelen. Die Christen bewohnen den untern oder Hafentheil der Stadt, in welchem am Sonntage viele Läden geschlossen waren.
Jaffa, wie es ehemals war.
Ich will keine Geschichte von Jaffa liefern; nur kann ich mich nicht enthalten, drei Schriften aus der jüngern Vergangenheit Auszüge zu entheben.
„Jetziger Zeit“ (1581), sagt Salomo Schweigger, „ist keine Behausung mehr vorhanden, denn auf einem nicht gar hohen Berge zwei Gebäu, groß und weit, ziemlich stark. Darinnen eine türkische Besatzung etlicher Araber von wegen der Anlände aus Egypten. Sonst sieht man am Berge etliche alte Gewölbe. Die meiste Waare, so dahin gebracht wird aus Egypten, ist Salz und Reis. Dagegen ladet man Oel. Haben derhalb keine Herberg funden, sondern mußten unterm freien Himmel für gut nehmen im Sande zunächst am Meere.“
Vernehmen wir de la Mottraye: „Nach einer Fahrt von sechszehn Tagen und nach verschiedenem Ungemach kamen wir den 19. Merz 1697 auf der Rhede vor Jaffa an. Dieser Ort ist von so vielen Reisenden beschrieben, daß ich mich der Mühe überheben kann, eine neue Beschreibung davon zu geben, zumal da derselbe jetzt kaum mehr den Namen eines Dorfes verdient. Von dieser uralten Stadt ist nichts mehr übrig, als ein großer, halb eingefallener Thurm, und zwei kleinere, die noch ganz sind, auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, und einige in den Berg gegrabene Höhlen; denn Häuser sind es wahrlich nicht. Nur eine Herberge für den Fremden, welche den Namen eines Hauses verdient, steht am Ufer des Meeres. Der Hafen ist nicht sonderlich, und wird, aus Mangel der Unterhaltung, von Tage zu Tage schlechter. Einige Spuren von dicken, wohl zämentirten Mauern, die nicht weit vom Ufer aus dem Wasser hervorragen, scheinen die Ueberbleibsel eines Dammes oder Molo zu sein, der noch heutzutage sehr nützlich sein würde, um den Nordostwind abzuhalten, welcher die Gebäude hier ziemlich in Gefahr setzt, wenn er heftig weht.“
Jonas Korte fand vor bald einem Jahrhunderte (1738) in Jaffa ein Haus, Hospiz genannt, worin beständig ein Pater und Frater vom Franziskanerorden sei, und sagt dann weiter: „Das Hospizium, darin ich war, gehört auch den Patribus de Terra Sancta. Es liegt just am Meere, und man steigt nur etliche Stufen dazu hinauf, und ist an einen Berg, worauf die Stadt meist liegt, angebauet. Die Kapelle und ein paar Kammern waren auch in den Felsen oder Berg hineingemacht und also schön kühl. Die Herren Patres behaupten, dieses Haus stehe an derselben Stätte, wo Simon, der Gerber, gewohnt, und wo Petrus das Gesicht oder Offenbarung gehabt, wiewohl man mit Augen sehen kann, daß die See viel von dem Berge abgerissen, und Stücke von den alten Stadtmauern und Thürmen über zwei Steinwurf in der See liegen.“
Die Tageslänge.
Wenn man einmal Reisender ist, so richtet man die Aufmerksamkeit auf alle Verschiedenheiten, notabene auf alle, die Einem nicht entschlüpfen. Außer den Temperatur- und Witterungsverschiedenheiten wird man in Syrien unter dem 32. Grade nördlicher Erdbreite einen bedeutenden Abstand in Bezug auf die Tageslänge wahrnehmen. Ich hielt mich während des kürzesten Tages in Jaffa auf, und sieben Uhr Morgens schon und noch fünf Uhr Abends konnte man an einem hellern Orte leicht lesen.
Für die Klöster im jüdischen Lande (Tabula secunda pro Conventibus Judaeæ sub elevato Polo per gradus 32) liegt eine gedruckte Tabelle vor mir, worauf in der Regel von sechs zu sechs Tagen die Zeit des Sonnenauf- und Untergangs durch das ganze Jahr angegeben ist. Ich will am liebsten die Tabelle selbst redend einführen, da sie, längst ansäßig in Syrien, mir aus einer Verlegenheit helfen und auch Auskunft ertheilen kann, wie weit der längste Tag seine Flügel von einander ausspanne. Am kürzesten Tage schläft die Sonne allerdings nicht so lange, wie bei uns; denn sie steht um sieben Uhr und drei Minuten auf, und sie legt sich um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten nieder. Dafür läßt sich die Sonne am längsten Tage zum Aufstehen mehr Zeit, indem sie um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten aufgeht; und als wenn sie durch ihren heißen Schein leichter sich erschöpfte, sie nimmt schon um sieben Uhr und drei Minuten Reiß — unter.
Und nun denn den ersten beßten Kalender zur Hand, ist eine Vergleichung der Tageslänge in dem jüdischen und dem Abendlande nicht ebenso belehrend, als die Betrachtung des Aderlaßmännchens, dem man wohl Blut, aber den Geist nicht, der auf dem Blute schwimmt, nämlich die Vorurtheile, opfert?
Witterungsbeschaffenheit.
Während meines Aufenthaltes in Jaffa ließ sich die Witterung im Ganzen milde an. Viele Leute gingen barfuß; andere badeten sich im Meere. Das Bedürfniß des Heizens machte sich nicht fühlbar. Die Regentage waren, nach dem Gefühle zu urtheilen, nicht kälter, als bei uns manche des Sommers, und zudem nicht so eigentliche, wie die unserigen zu sein pflegen. Nach kurzem Regen oder Schauer blickte die Sonne zwischen den Wolkenklößen freundlich hervor. Bei dieser veränderlichen Witterung wechselte fast jeden Tag das Schauspiel des Sonnenscheins und Regens; bloß an einem einzigen Tage war die Sonne vom Gewölke allenthalben verhüllt. Zur Seltenheit sollen Schneeflocken fallen. Ich sah reichlich schloßen.
Die Regenzeit dieses Landes ist unsere Schneezeit, die Zeit der Regenlosigkeit unsere Regenzeit. Gott gab uns also zwei Dinge mehr, im Sommer den Regen und im Winter den Schnee.
Zur Zeit der Regenlosigkeit wird das Erdreich ungemein trocken, und klafft an vielen Stellen breit und tief von einander. Die Pflanzenwelt verliert dann das fröhliche Aussehen, welches ihr die Regenzeit, der eigentliche Frühling, verleiht. Diese Zeit beginnt Ende Wintermonats, dauert über den Christmonat und Jenner, und der Hornung mag etwa vier bis fünf Regentage zählen.
Der Meeressturm und der Schiffbruch.
Nun aber hatte Joppe von Natur aus keinen Hafen und keine Anfurt; denn das Ufer war hoch und gähe, auch beiderseits mit krummen und rauhen Felsen, daran das Meer heftig schlägt und brauset, wohl verwahret.
Flavius Josephus.
Zu beiden Seiten der Stadt Joppe liegen große Steine und Felsen, die aus dem Meere hervorgucken. Die Lage des Ortes und die Gestalt der Sachen zeigen an, daß Andromeda hier gewesen und dem Wallfische sei vorgeworfen worden, wie die alten Fabeln glaubwürdig sagen. Wenn der Nordwind gegen das Ufer geht, so treibt er das Wasser über sich, und schlägt es an die Felsen, daß es ein groß Getöse gibt, und daß das Meer davon gar ungestüm wird, wenn die Wasserwellen zurückfallen. Daher ist es viel gefährlicher am selbigen Orte als in den Wüsten.
Egesippus.
Vor meinem Fenster tauchen Klippen aus dem Meere. Schäumend brechen sich die Wellen an den Felsen, selbst bei anscheinender Meeresstille.
In der Nacht des 28. Christmondes weckte mich so lauter Donner, daß der Blitz in der Nähe niedergezuckt sein muß. Den Donner begleitete ein Chor von Geheul der erzürnten See. Wenn die Wogen über die Wehrmauer platschten, bebte unser Gotteshaus. Ich konnte den Schlaf nicht leicht wieder finden.
Endlich leuchtete mir der Tag auf das furchtbar schöne Schauspiel. Der Nordwind wühlte in den Wassern. Wäre von dem Meere, wie von einem Kochkessel, Dampf emporgestiegen, so hätte man sich nicht täuschen können, daß es in Sud gerathen sei. Die Wogen spritzten ihren schaumigen Bogen über Mauer und Gasse, über Schiffe und Häuser. Ich wohnte im Hospiz durch Mauer und Gasse vom Ufer getrennt und über dem Erdgeschoße im zweiten Stockwerke, und selbst am Fenster ereilte mich der Sprengwisch des Meeres.
Auf der Gasse schaukelten die Fässer im Meerwasser. Die griechischen Pilger, sonst jederzeit ziemlich langfingerige Holzaufleser, rafften abgesprungene Reife im Vorbeigehen zusammen. Mußte doch den Christusdurstigen selbst der Sturm behilflich sein. Pflaster- und Mauersteine löseten sich vor der Gewalt. Die Gasse bildete ein Wassergerinne im Augenblicke, da die Woge überschlug. Wer vorüberging, war unsicherer, als unter dem Platzregen. Ehe er sich versah, stand er unter der Meerestraufe. Weiße Flocken flogen zierlich umher — etwa Schneeflocken? Es waren vom Winde zerzettelte Bäuschchen schneeichter Baumwolle. Von einem Hause am Hafen, über dessen Zinne die Wellen gleichsam scherzend hüpften, flüchtete man Waaren. Schon schwamm Wrack. Es war der Fingerzeig, daß es Ernst gelte. Richtig wälzten die Fluthen ein unbemanntes Schiff mit zerknicktem Fockmaste daher. Das Fahrzeug, gleichsam unwillig über die treulose Rhede, riß sich von den Tauen los. Dem Beherrscher der Meere, dem Sturme, zu wohlfeilem Preise überlassen, wippte es sich zuerst unsicher umher, bis es, gegen Mitternacht gleich an der Stadt, am halbmondigen Strande scheiterte. Im Ausfahren aus der Rhede riß indeß dieses Schiff das Tau eines andern ab, welches ohnehin mit genauer Noth sich hielt. Und so kam es, daß bald auch dieses Schiff flott war, nackt, gleich einem entblätterten Baume, doch noch mit einiger Bemannung. Grausig, wie der Anblick einer menschenleeren Brandstätte, war derjenige des erstern entvölkerten Schiffes; beängstigend ist der Anblick eines der Menschengewalt entzogenen und der Willkühr des Windes und Wassers dienstbar gewordenen, unstät umherwiegenden Fahrzeuges, wie der Anblick eines kleinen Kindes, das mit einem scharfen Messer spielt. Die Mannschaft, welche dem zweiten Schiffe vertraute, schien ihre Hoffnung auf den Nordwind zu bauen, welcher nur gegen das Land treiben werde. Wirklich rannte es sich bei der Stadtmauer fest, ohne den größten Schaden zu erleiden, und gerettet waren die Schiffleute.
Auf der Stelle bewegte sich eine Last Leute nach den losgerissenen Schiffen. Eilends mischte ich mich unter die Menge. Ich sah viel Augen und lauter trockene; die meisten drückten weit mehr Neugierde, als Theilnahme an dem Unglücke aus.
Abends und in der darauf folgenden Nacht wichen der Macht des Sturmes noch drei andere Schiffe. Eines ward mit Wuth ans Land geworfen, und in viele Stücke zerschmettert. Nur ein Schiff trotzte standhaft im sogenannten Hafen. Der Meeressturm soll seit einem Jahrzehn nie mehr so heftig geworden sein.
Vor einem Jahre ereigneten sich hier ähnliche Unfälle. Ich sprach in Jerusalem eine Deutsche, die, wie sie sagte, einzig durch Zufall ihr Leben davon brachte; manche Habseligkeiten gingen über dem Schiffbruche zu Grunde.
Es wäre vielleicht unschwer, in Jaffa einen Hafen anzulegen. Die Araber kennen freilich den Gemeinsinn, der solche nützliche Einrichtungen ins Dasein rufen würde, nicht mehr, und laufen lieber alle Jahre Gefahr, Schiffe und Leute zu verlieren. Die Reisenden erzählen einstimmig, daß die Menge gescheiterter Fahrzeuge an der phönizischen Küste in Erstaunen und Grausen setze. Wer aber gleichgültig genug ist, für die Gesundheit seines Beines keine Sorge zu tragen, klage denn auch nicht, wenn dasselbe, wegen der Unheilbarkeit, abgeschnitten und mit einem hölzernen vertauscht wird.
Gesundheitszustand.
Die Witterung übt im Ganzen keinen ungünstigen Einfluß auf die Bewohner. Man sieht viele Graubärte und alte Weiber. Spaß bei Seite, je mehr es alte Weiber in einem Lande gibt, desto gesunder ist es.
Um in den Gesundheitszustand der Jaffaner einzutreten, so sah ich im Todtenbuche der Lateiner und Maroniten nach. Die Kopfzahl der Gemeinde beträgt, wie ich oben anführte, in runder Summe 340. Die Pfarrkinder, unter der Seelsorge des Hospiz, sind beinahe lauter Eingeborne mit all’ der morgenländischen Tracht, Sitten, Gebräuchen, Gewohnheiten, der geistigen und sittlichen Erschlaffung. Obschon das Todtenbuch Manches zu wünschen übrig ließ, indem, statt genauer Verzeichnung des Alters, meist nur eine runde Zahl mit den Worten „plus minusve, circiter“ (mehr oder minder, ungefähr) oder „plus“ (darüber) genannt war, so verdiente es in der Hauptsache doch Vertrauen. Aus der Gesammtzahl der Verstorbenen ließ ich, bei der Berechnung der wahrscheinlichen und durchschnittlichen Lebensdauer, zwei „peregrini“, Fremde oder Pilger, und ebenso einen Erwachsenen weg, dessen Alter nicht angemerkt war. In den 9 Jahren 1824 bis und mit 1827[7] und 1829 bis und mit 1833 starben 123 Personen, im jährlichen Durchschnitte 13, und im gleichen neunjährigen Zeitraum wurden 155, im jährlichen Durchschnitte 16 geboren. Das wahrscheinliche Leben fällt zwischen 5 und 6 Jahre, und wenn einige, vermuthlich übergangene, Todtgeburten hinzugerechnet werden, so müßte es noch niedriger stehen.
Unter 5 Jahren starben 56
Zwischen 5 und 10 Jahren starben 9
„ 10 „ 20 „ „ 5
„ 20 „ 30 „ „ 7
„ 30 „ 40 „ „ 3
„ 40 „ 50 „ „ 14
„ 50 „ 60 „ „ 14
„ 60 „ 70 „ „ 9
„ 70 „ 80 „ „ 3
„ 80 „ 90 „ „ 3
123
Das höchste Alter (einer Frau) ging auf 84 Jahre. Der lateinische Schullehrer, ein geborner Palästiner, der mich durch verschiedene Mittheilungen über die Sitten und Gebräuche des Landes zu steter Erkenntlichkeit verpflichtete, ist mein Gewährsmann für die Angabe, daß unlängst ein mehr denn hundertjähriger Grieche gestorben sei, und es sollen auch Mohammetaner 120 Jahre alt geworden sein. In diesem Punkte aber darf man nicht schlechthin glauben; denn Verzeichnisse der Todtenbücher gehen ab, und man knüpft die Geburtszeit etwa an eine merkwürdige Begebenheit. Ließ ich in Egypten nach dem Alter eines Kranken fragen, so erhielt ich meist zur Antwort, daß man es nicht wisse.
Die 123 Verstorbenen besaßen zusammen ein Alter von 2873 Jahren, 3 Monaten und 5 Tagen, was einen Durchschnitt von 23 Jahren gibt.
Folgendes ist das Verhältniß der Verstorbenen nach den Monaten:
a) in den 16 Jahren 1808 bis 1823:
Jenner 3; Hornung 14; Merz 2; April 8; Mai 9; Juni 8; Juli 7; August 5; September 11; Oktober 15; November 11; Dezember 7. Summa 100. Jährlicher Durchschnitt 6.
b) in den 10 Jahren 1824 bis 1833 (nebst den zwei Pilgern und dem Erwachsenen ohne Altersangabe):
Jahre. Jan. Febr. Merz. April. Mai. Juni. Juli. Augst. Sept. Okt. Nov. Dez. Summa.
1824 0 0 1 1 0 2 1 2 0 1 2 1 11
1825 0 0 1 0 1 2 0 0 2 0 1 0 7
1826 1 0 4 0 1 0 1 3 0 0 3 2 15
1827 3 0 1 1 4 3 1 1 0 0 2 0 16
1828 1 0 2 12 6 0 0 0 0 0 0 1 22
1829 1 0 1 1 0 0 0 0 1 1 3 2 10
1830 0 1 6 0 2 0 0 1 2 1 3 8 24
1831 2 0 0 0 1 3 1 3 5 3 0 0 18
1832 0 2 0 0 2 2 1 1 0 0 0 1 9
1833 3 0 1 1 2 1 1 2 0 0 1 4 16
Mit 1828 11 3 17 16 19 13 6 13 10 6 15 19 148
Ohne 1828 10 3 15 4 13 13 6 13 10 6 15 18 126
Und obige 3 14 2 8 9 8 7 5 11 15 11 7 100
Zusammen 13 17 17 12 22 21 13 18 21 21 26 25 226
Die heißesten Monate zeichnen sich in Jaffa durch die Menge der Todesfälle keineswegs aus. Der Jenner erscheint am unschuldigsten; nach ihm der April. Dagegen sind die vier letzten Monate des Jahres die reichsten an Todten; vor allen der Wintermonat, in welchem der Uebergang zu einer kältern Jahreszeit sich besonders merklich macht, und welcher der erste ganze Regenmonat ist.
Im verwichenen Weinmonate herrschte, wie in Gaza, auch hier die indische Cholera, doch richtete sie keine große Verheerungen an, indem ihr bloß 40 bis 50 Opfer fielen. Indeß aber die Pest Jerusalem heimsuchte, litt Joppe nichts von dieser Seuche.
Auf dem Hospizdache.
In mehreren Stufen erheben sich die Plattdächer des lateinischen Hospiz. Sie sind mit einer Brustwehr versehen, und weißer, beinahe glänzender, sehr fester Mörtel überkleidet dieselben, auf daß der Regen nicht durchdringe. Die Fußböden der Häuser haben im Morgenlande nicht selten einen Ueberzug von Pflaster (pavimentum), welches mit kleinen Steinchen von verschiedener Farbe durchsprengt ist. Wenn es hart geworden, so werden diese Steinchen abgeschliffen und der Boden bekommt dann ein schön glattes, lebhaft marmorartiges Aussehen.
Die Plattdächer sind zugleich ein angenehmer Spazierplatz. Mit Entzücken betrachtete ich auf dem Hospizsöller in Ramle den Gebirgszug von Juda bis zum Ephraim, die fruchtbare Ebene im Umkreise und die Tempel und Wohnungen der Stadt. Oft weilte ich in Jaffa auf dem Söller des Hospiz, einmal in singender Gesellschaft, manchmal neben einem Ordensmanne in seiner röthlichen, groben Kutte und mit dem herunterbammelnden Kreuze, andere Male allein, bis ich den Ruf zum mangiare (Essen) vernahm; oft rollte ich mein Auge auf das Gebirge, insbesondere gegen Mitternacht auf den Ausläufer ins Meer, den man mir als den Karmel bezeichnete; oft sah ich dem Getriebe der griechischen Pilger und dem Spiele der Meereswellen zu; oft suchte ich mit vergebener Sehnsucht das Fahrzeug meines Hauptmannes, mit dem ich, man verzeihe mir die Wortwendung, das heilige Land verlassen könne. Ich möchte Niemand glauben machen, daß die Sonne schöner unterging, als in unserer Gegend während der Sommermonde; jedenfalls schloß ich mit herzlicher Freude den Tag vor den letzten Blicken der himmlischen Tochter. Wenn diese in die hohe See sank, so sank auch ich ins Meer — meiner Gedanken, Gefühle und Entschließungen. Vergäße ich Alles von Palästina, so bliebe mir der Lieblingsort auf dem Hospiz zu Jaffa in süßer Erinnerung.
Es wäre Undank, wenn ich die Wohlthätigkeit der Klöster und Hospizien in Judäa nicht anerkennen würde. Sie sind die willkommtnen Herbergen und Zufluchtsorte der Reisenden und Pilger, ohne behaupten zu wollen, daß das Leben in den arabischen Khan nicht leicht erträglich wäre. Die Hospizien aber und die Klöster sorgen für eine Menge Bequemlichkeiten, welche sonst der Europäer entbehren müßte. Ueberdies bringe ich noch die Sprache in Anschlag, die Gelegenheit, die Gedanken auszutauschen, weil den wenigsten fränkischen Reisenden das Arabische geläufig ist.
Das Bauernhäuschen.
Nachdem ich meinen Mittagstisch zu mir genommen hatte, ergriff ich meine Peitsche, die gewöhnliche Waffe des fränkischen Fußgängers, um zu lustwandeln.
Wenn ich durch das lange Thor der Stadt ziehe, so sehe ich fast jedes Mal etwas Neues. Diesmal ergötzte mich die über meinem Wege grün emporrankende Rebe. Noch einen Tag, und es beginnt das Weihnachtsfest und für den Mann des Nordens war dieses grüne Ding etwas Einziges.
Die Blumen schillerten im Grün der Au; die Schwalben und andere Vögel des Himmels lobten in angenehmen Weisen den Herrn; ein weißer Schmetterling schwenkte im bebernden Fluge ab. Ach, dachte ich bei mir selber, so viel Herrlichkeiten der Natur, womit sie den Lenz ausschmückt, umgaukeln deine Sinne. Wie magst du in der Klosterzelle dich länger abhärmen? Gehe öfter hinaus in das Freie, und verschließe dich nicht vor dem köstlichen Genusse, welchen die gütige Natur so gerne einem Jeglichen darbietet.
Indem ich den Weg nach Gaza einschlug, erblickte ich links mehrere Schilfhütten. Ihre Gestalt glich einer Halbkugel, und sie waren nicht höher, als anderthalb Mann. Ich guckte nur ein wenig in eine der Hütten. Da hockte ein Weib inmitten der Hausgeräthe auf dem Boden in einem so engen Loche, daß für Jemand anders wenig Raum mehr gewesen wäre. Ich warf zuletzt der von Stroh geflochtenen Thüre einen flüchtigen Blick zu, und setzte meinen Spaziergang fort.
Am Wege nach Gaza, ungefähr eine kleine Viertelstunde von Jaffa, kommt man zu einem Weiler von gemauerten Bauernhütten. Das freundliche Dörfchen umringten Mandelbäume, die eben in Blüthe gingen. Zwischen den Häuschen arbeitete ein Bauer auf dem Felde. Er behieb mit einer Axt die blätterlosen Feigenbäume. Die Axt war wie die unsrige, nur schlanker gegen das Oehr. Diese Beilart fiel mir hier auf, weil ich eine solche auf meinen Wanderungen im Morgenlande nie wahrgenommen hatte. Das Schlichtbeil des Zimmermannes z. B. sieht aus wie unser Hammer, mit dem Unterschiede, daß der abgeplattete breite Theil scharf, und das ganze Werkzeug größer ist. Muß denn ein Baum geschlichtet werden, so darf man, wegen der vor dem Stiele queren Richtung der Schärfe, den Baum nicht aufheben, und ihn somit in einiger Höhe bearbeiten, sondern er kann mit diesem Werkzeuge aus dem Boden bequem behauen werden. Desgleichen braucht der Holzhacker kein anderes Werkzeug, als diesen Hauhammer, richtet aber viel minder aus, als ein abendländischer. Dabei ist freilich nicht zu vergessen, daß stämmiges Holz hier zwar weniger, wie in Egypten, doch immerhin zur Seltenheit gehört.
Ich wußte nicht recht, wie ich es anfangen solle, damit ich in eine Hütte gelassen werde. Die Frage nach Milch führte mich nicht zum Zwecke, weil keine zu erhalten war. Oft bringt das stumme Geld Rath, wenn man sich keinen mehr weiß. Ich zeigte dem Bauer, welcher die Bäume behieb, eine kleine Münze, und fügte in meiner Geberdensprache bei, daß ich in seine Wohnung eingehen möchte. Eine grüne Hecke verbot mir den geraden Weg dahin; derselbe aber deutete mir den Umweg, den ich unschwer fand.
Das Häuschen bildete ein Viereck. Die Mauern, theils von Stein und Mörtel, theils bloß von einer Art Mörtel und viel besser, als in San Pietro di Nembo, halten Wind und Regen ab, und ihre Höhe mochte etwa zehn Fuß messen. Der Eingang, oben abgerundet, öffnete sich gegen Südost und so hoch, daß er dem Eintretenden die Bücklinge ersparte. Das etwa einen Fuß dicke Dach gestaltete sich nur insofern zu einer Wölbung, als die obern Kanten der Dachdicke fehlten. Um zur Bauart des Daches überzugehen, so liefen Stützbalken und Sparren wagerecht von einer Mauer zur andern. Die Zwischenräume, welche das Balkengerippe übrig ließ, waren von kleinern Baumästen und von Heckengesträuche ausgekleidet. Darüber lag eine Schichte von Erde. Daher kommt es, daß die Dächer, wie die Wiesen, grünen, und so eben keimte das zarte Gras auf dem Hausdache. Ich nahm es sinnbildlich und las: „Mögen immer Friede und Freude in dem Hause grünen“, und mir schien es ungefähr so sinnig, als wenn darauf der alte Satz der aufrichtigen, guten Schwaben und Schweizer geschrieben gewesen wäre: „Dieses Haus steht in Gottes Hand.“ Eigentliche Dachrinnen sind an dem palästinischen Häuschen nicht angebracht, wohl aber gegen Morgen und Mittag etwa drei kurze, röhrenförmige Ziegel, welche dem Regen leichtern Abfluß verschaffen sollten. Die Wandung neben der Thüre war recht einladend. Auf rothem Grunde figurirten weißfarbige Händeabdrücke: eine Malerei, die an einem arabischen Bauernhäuschen etwas heißen will.
Ich betrat dann das Innere der Wohnung durch eine von Holz nicht übel gezimmerte Thüre, die mit einem hölzernen Riegel gesperrt wird, und nach innen sich aufschließt. Jene bestand aus einem einzigen Raume oder Gemache. Ungefähr drei Fuß von der Thüre erhob sich der Boden in einem Absatze etwa um einen halben Fuß. Der Boden war durchaus von Erde, aber fest gestampft. Weder Mauer, noch Dach hatten eine Oeffnung für Licht oder Rauch. Dazu hilft die Thüröffnung aus. Die Wand der Mauer war mit einer rothen Farbe überzogen, in der ebenfalls die weißen Flecken vom Andrücken der Handflächen, eines neumodischen Pinsels, spielten. Den Raum wollen wir, der Bequemlichkeit willen für abendländische Anschauung, in Stube, Kammer, Küche, Holzschuppen, Getreidehalle und Mühle eintheilen. Jeder übrige Platz wird benützt, um sich da aufzuhalten, da zu essen, da zu arbeiten.
An der einen Mauerwand ragte ein kleines, aufgemauertes, hohles Gestelle hervor. Darin saß als Lampe ein schalenförmiges Gefäß mit einer Schnauze für den Docht. Daneben stand, ebenfalls auf einem Mauergestelle, ein Oelkrug. An einer andern Wand war ein Gestelle gemauert, worin Nähzeug stak. Weder ein Tisch, noch Stühle oder Bänke, nichts dergleichen, versteht sich, fand sich vor.
Ich schaute nach der Stelle, wo die Leute sich schlafen legen. Sie war durch nichts angedeutet. Alte Kleider und diejenigen, welche die Leute tragen, dienen zur Bettung; der Boden in der Nähe einer Wand, wo am meisten Platz ist, ersetzt die Bettstelle. Jammern ja nicht die Verweichlichten über eine solche Armseligkeit. Von Kindheit an auf keinem andern Lager, würden diese Leute auf dem erhitzenden und kitzelnden Polster der Federn mit Schwierigkeit zum Schlafe gelangen.
Fast mitten in der Wohnung ist ein kleiner Raum auf drei Seiten, vom Boden an, nicht hoch ummauert, selbst etwas zierartig, indem die Ränder in Zähne sich endeten, — das war der Kochofen, rings die Küche.
In einem Winkel neben der Thüre lag dürres Buschwerk. Vor diesem bläheten sich ungeheure, faßartige Töpfe auf, zwei an der Zahl. Meine Neugierde wollte wissen, was der Inhalt derselben sein möchte. Der Hauswirth, ohne Mißtrauen gegen mich, nahm daraus gereinigtes, geschältes Getreide. Wenn die Bauern hier solche Vorräthe besitzen, so stehen sie nicht hinter manchen schweizerischen Webern zurück, welche vom Arbeitsherrn zum Voraus einen Theil des Lohnes beziehen, damit sie die Kosten für ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dieser Bauer, welcher das schönste Häuschen im Dörfchen bewohnte, schien indessen einer der wohlhabendern. Meine Beschreibung darf daher nicht strenge als Maßstab zu Beurtheilung der Bauernhäuschen gelten.
Wir lassen ja nicht unberücksichtiget den letzten Bestandtheil der Wohnung, einen Theil, der auch in andern Häusern selten fehlen wird: die Mühle. Gleich wenn man zur Thüre eintritt, liegen die Mühlsteine, ähnlich jenen in Lossin piccolo, vor den Füßen und nur ein paar Ellen weit von dem Kochofen.
Ich traf in dem Häuschen bloß den Bauer, ein Weib und ein Kind. Der Gebieter machte eine etwas saure Miene, schien jedoch guten Gemüthes zu sein. Das Weib trug einen Schleier. Nach dem, was ich vom Gesichte erblicken konnte, und dafür zeugten auch die Hände und Arme, hielt ich die Frau für jung und für nicht häßlich. Ein Knabe, von etwa zehn Jahren, mit Schmutz bedeckt, der ihm vielleicht von Geburt an anhänglich blieb, überdies aufgedunsen wie ein geschlachtetes — Zicklein, stand neben der Mutter. Die Kinder fürchten in der Regel die Franken ärger, als Vögel die Scheuchen. Ging ich auf der Straße, so wichen sie oft auf die Seite, etwa hinter einen Baum, wie der Furchtsame, welcher unter das Laubwerk flieht, um nicht vom Blitze berührt zu werden. Sind denn aber unsere Kinder, obwohl unter dem steten Einflusse der Gesittung und Weltaufklärung, in diesem Stücke besser? Es sollte ein Türke in einem Bergdorfe sich herumtreiben, wie sehr würden sie von Furcht ergriffen. Mich wunderte, daß der Knabe im Bauernhäuschen seinen Mund noch nicht verzerrte. Ich liebkosete ihn an den Wangen, und der Himmel war immer noch heiter. Da zogen sich auf einmal Regenwolken über dem Antlitze zusammen, und ich merkte bald auch am Knaben, daß die Regenzeit herrscht. Die lang dauernde gute Witterung durfte ich wohl dem Schutzgeiste der daneben hockenden Mutter, welche Kräuter zur Nahrung zerschnitt, beimessen. Daß ich nirgends ein Kochfeuer, nirgends einen Geruch von Speisen wahrnahm, leitete mich auf die Vermuthung, daß die Leute das Fastengesetz Mohammets strenge beobachten; denn schon vor etlichen Tagen verkündigte der Donner der Kanonen den Anfang des Fastenmonates.
Der palästinische Bauer scheint mir wohler zu stehen, als der egyptische. In der Saronebene trägt der Boden unermüdlich Früchte, ohne gedüngt zu werden. Diese sind Eigenthum des Anbauers, welcher selbst sie an den Mann bringt.
Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth.
So eben baut man über den Ruinen an der Küste und bei den Mauern von Jaffa, gegen Mittag, eine Kontumazanstalt. Sie zerfällt in zwei Abtheilungen. Die obere enthält vierzehn Zimmer oder Häuschen. Jedes Zimmer, geräumig und hoch, hat Läden für das Licht und zwei Thüren, die eine gegen den Hof (Mitternacht) und die andere gegen die Einfangsmauern (Mittag). Es wäre nicht am Platze, die Anstalt weitläufig zu beschreiben. Ich bin überzeugt, daß sie, unter übrigens günstigen Umständen, ihren Zweck nicht verfehlen wird, obschon an ihr Mehreres ausgestellt werden dürfte. So wurde ein Theil des griechischen Leichenackers in den Umfang des Gebäudes gezogen, in welchem wirklich einige Leichensteine hervorragen. Für die Unreinigkeiten sind einige, aber ungenügende Einrichtungen getroffen. Unten besitzt die sonst ziemlich hohe Einfangsmauer Stufen, daß man sie leicht überklimmen kann, wenn man von innen aus Hilfe bekommt. Will man das Quarantänegebäude gleichsam vollpfropfen, so wird es 500 bis 600 Bewohner zählen.
Dir Anstalt soll vorzüglich für die christlichen Pilger bestimmt sein. Ich hörte aus mehr, als einem Munde, daß in Beirut, wohin dieselben sich begeben mußten, die Kontumazirenden sehr schlecht gehalten und himmelschreiend geprellt wurden, und man betheuerte sogar, daß mehrere Pilger in der dasigen Quarantäneanstalt wegen schlechter Verpflegung eine Beute des Todes wurden.
Gott behüte Jeden davor, daß er einen Lebensabschnitt in einem Pestlazareth vergähnen muß. Wirft aber Jemand das unerbittliche Schicksal in dieses Gefängniß, so genießt er doch die Aussicht auf die Stadt und das Meer, und er wird von frischer Luft angeweht. In El-Arysch wäre ich über eine Unterbringung, wie man sie hier erwarten darf, überaus froh gewesen. Das Lazareth wird vorzugsweise demjenigen willkommen sein, der von Egypten aus nach Jaffa zu reisen gedenkt; denn seit der Errichtung einer Quarantäne in Beirut mußte er sich den Umweg über diese Stadt gefallen lassen.
Die pfiffigen Egypzier wußten die noch nicht völlig ausgebaute Quarantäne schon zu einem Nebenzwecke zu benützen. Es rückte ein Bataillon Fußsoldaten, auf ihrem Zuge nach Egypten, in Jaffa ein, und man war nicht verlegen, so viel Mannschaft, als nur thunlich, in der Quarantäne Obdach anzuweisen.
Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich...; der Jaffaner.
Die Kirche des Hospizium steht im zweiten Stockwerke, und von Morgen dem Zimmer des Pater Superior gegenüber. Obwohl klein, ist sie doch ein artiger Bau mit einigen schönen Gemälden. Ich wohnte in derselben dem Gottesdienste mehrere Male bei, und ich mußte mich über die geringe Anzahl der Anwesenden, im Verhältnisse zur Bevölkerung der Gemeinde, verwundern. Wenig feierlich schien mir die gottesdienstliche Handlung wegen des Marktgeschreies einer Handorgel, wenn man mir diesen Ausdruck erlaubt. Der Araber, welcher zwischen den Tönen verschiedener Orgeln kaum unterscheidet, und die Gassenorgeln unserer Straßensänger nicht kennt, wird mit mir den übeln Eindruck schwerlich theilen. Lieber hörte ich das Klosterglöckchen, welches mit bescheiden hellem Klange die Gläubigen zur Andacht aufforderte.
Als ich einmal die Kirche besuchte, sah ich zwei Levantinerinnen kommuniziren. Sie waren in einen großen, weißen Schleier gehüllt. Der Priester reichte in seiner feierlichen Amtskleidung ihnen die Hostie. Wie sehr befremdete mich, unter dem großen Kopfschleier einen schwarzen Schleier vor dem Gesichte der Morgenländerinnen gewahr zu werden, den sie doch beim Kommuniziren lüften mußten. Mühsam langten andere in die Kirche tretende Frauen unter dem Schleier hervor, um sich mit Weihwasser zu besprengen.
Auf der Gasse begegnete ich ebenfalls weißen Damen, die in einen Schleier völlig verhüllt waren. An diese Maskerade war ich freilich gewöhnt, aber nicht daran, daß es an derselben rasselte. Ich spähte zuerst immer umher, und nichts gab Stoff, das Gerassel zu erklären. Endlich glückte mir der Aufschluß: Es rasselten die unsichtbaren Goldstücke, welche um das Haupt angelegt waren. Wird unsern Jaffanerinnen, unsern Araberinnen die belebende Hoffnung, mit den unverhüllten Gesichtchen die Männer zu bezaubern, so grausam geraubt, — billig läßt man ihnen doch den Geschmeidekram und den Ersatz, daß sie frei durch den Schleier sehen und schmarotzen, während umgekehrt die züchtige und ziererische Abendländerin mit dem offenen Auge im Freien nur spärliche Blickchen sich erlaubt. Hinwieder erdenken die Schönen Europas, wer möchte es leugnen? auch Manches, um sich bei den Männern einzuschmeicheln, und es erschließt sich ihnen ein um so weiteres Feld, als sie mit letztern die unschätzbare Freiheit und Gleichheit der Gesichts — öffentlichkeit genießen. Und nicht zufrieden, nur das Auge zu entzücken, sie suchen auch das Ohr zu fesseln, und geben sich gar viel Mühe, mit Wohlgerüchen zu berauschen.
Die morgenländischen Christenmänner, welche der Bauernklasse nicht angehören, sind durch Schönheit ausgezeichnet. Ruhig brennet das schwarze Auge; auf dem ganzen Antlitze liegt der Ausdruck der Ruhe, der Bedächtlichkeit, der Unterwürfigkeit, der Schlenderei. Groß von Leibe, haben sie etwas Stattliches in ihren faltigen Gewändern, und mir schien, als wären sie auf ihren hochwulstigen, schief um das Haupt gewundenen Turban stolz. Sogar während des Gottesdienstes tragen sie auf dem Boden hockend den Turban, und bloß bei der Wandelung heben die Wenigsten ihn ab, wodann man ihre häßlichen Schurköpfe erblickt. Dafür werfen sie sich gottesfürchtig nieder, indem sie selbst mit der Stirne den Boden berühren.
Auch in Jaffa hält man den morgenländischen Christen für schlimmer, wenigstens für unredlicher, als den Türken. Bei einem Schneider, einem morgenländischen Christen, ließ ich an einem Kleide umändern. Er entwendete von meinem Tuche so viel, als er nur konnte, was schwerlich ein Kleidermacher im Lande des Niederganges gethan haben würde. Dabei stellte jener für die äußerst schlechte Arbeit eine unverschämte Forderung, und ich darf versichern, daß ich selten einen verstocktern Schuft antraf. Andere Züge will ich auf einen andern Ort versparen.
Die Pilger.
Die Bombarda (eine Art Fahrzeug), worauf ich mich begeben sollte, brachte christliche Pilgrime. Auch auf andern Schiffen langten solche in Jaffa an, und eines Tages zählte ich zwölf Schiffe, theils in, theils außer dem sogenannten Hafen. Die Menge christlicher Pilger belebte den Kai. Man ergötzt sich an ihren verschiedenen Trachten, welche der französischen schon ein wenig ähneln. So nenne ich die häufigen Schürzen oder Halbröcke, welche diesen Gegenden fremde sind. Einige tragen Regenschirme, die ich in Egypten nie und zum ersten Male wieder in Jerusalem zu Gesichte bekam. Die Pilger schleppen ungemein viel Gepäcke, auch einen beträchtlichen Mundvorrath mit sich. Es wird dasselbe in dieser Hafenstadt, manchmal nicht ohne Zänkereien der Pilger sowohl unter sich, als mit dem Kameel- oder Eseltreiber, auf Kameele, Esel oder Maulthiere geladen, um es nach Jerusalem, dem Wallfahrtsorte, zu befördern. Die Pilger, der größten Zahl nach Christen aus der europäischen Türkei, werden bis auf 10,000 geschätzt, die alljährlich durch Jaffa ziehen, und hier im griechischen oder armenischen Kloster mehr oder minder lange beherbergt werden[8]. Das Wallfahrten der griechischen Christen dauert bis Ostern, nicht ohne Meeresgefahren[9]. Ein Mönch aus Krakau, welcher nach mir in Jaffa eintraf, erzählte mit Schrecken von seinen Erlebnissen, und freute sich mit kindlichem Herzen, daß er nun auf festem Boden fußen könne.
Die arabische Knabenschule der Lateiner.
Oefter besuchte ich die Schule am Hospizium. Das Zimmer ist ziemlich dunkel und eher enge, aber ein hohes Gewölbe. Vorne, der Thüre gegenüber, hing an der Wand ein Frauenbild. Zur einen Seite desselben las man das mit großen lateinischen Buchstaben geschriebene ROMA und zur andern Carta GO (wahrscheinlich Landkarte). Den Raum schmälerte kein Tisch, außer dem für den Schulmeister; zu beiden Seiten des Zimmers war eine niedrige Wandbank angebracht, auf welcher die Schüler, beiläufig zwanzig, lauter Knaben, unordentlich saßen oder hockten. Sie hatten an der Hand oder auf den Knieen Blätter oder Bücher vor sich, aus denen sie mit schaukelndem Leibe nach einer eigenthümlichen morgenländischen Weise (Melodie) laut schreiend oder leiernd im Takte lasen. Das Geschrei oder Geleier war so wild, daß man weiter nichts hörte, als bisweilen das Klopfen mit einem Stocke. Die Unterrichtsart wurde mir nicht ganz klar. Ich glaube, sie beschränke sich lediglich auf das Lesen und Auswendiglernen. Einmal las ein Schüler in Gegenwart des Lehrers und Meisters, welcher verbessernd nachhalf.
Bei meinem ersten Besuche war der Schulmeister nicht gegenwärtig. Ein älterer Knabe mit übergroßen Stiefeln leitete das Unterrichtsgeschäft. Eine kleine Ruthe schwang er so häufig über die Kinder, als wären sie Reitthiere. Am Schlusse des Unterrichtes stellten sich alle Schüler vor das Frauenbild und hoben einen wilden Gesang an. Ich ging und sagte den neben der Schulstubenthüre gelagerten Weibern einen Gruß, den sie wahrscheinlich nicht verstanden.
Die Schulzucht ist ziemlich roh. Wenn ein Knabe durch seine Fortschritte sich auszeichnet, so wird ihm eine steife Mütze aufgesetzt. Führt er sich schlimm auf, so wird er auf drei Hauptarten gezüchtiget. Man legt ihm das Zerrbild eines Esels um den Hals und nennt ihn Eselführer (muchero). Oder man ertheilt ihm Klappse auf die flache Hand mit einer hölzernen, gestielten, fein durchlöcherten, kleinen, doch derben Scheibe. Ein Knabe schien mir nicht übel und unfleißig in Gegenwart des Schulmeisters zu lesen. Nach hergelesener Aufgabe bekam der Schüler von dem Lehrer ohne weitere Umständlichkeit eine Anzahl Schläge, indem letzterer die Worte hinzusetzte: Così si impara (So lernt man). Oder auch man mißt Fußsohlenstreiche auf. Das Bändigungsmittel dazu war an einem Nagel des Schulzimmers aufgehängt. Es besteht aus einem Knüttel, durch dessen Mitte zwei Oeffnungen in gegenseitiger Entfernung von etwa zwei Handbreiten gebohrt sind. Die Bohrlöcher nehmen einen Strick auf, den aber Knoten hindern, damit er nicht durch dieselben ausschlüpfe. Dieses Mittel wendet man so an: Die Füße der Knaben werden zwischen den Knüttel und den Strick geschoben. Jenen ergreifen zwei Gehilfen, jeder ihn an einem Ende. Jetzt drehen sie den Knüttel um seine Achse, und wickeln den übrigen Theil des Strickes um ihn herum, so lange, bis der Knebel die Knöchel oder Beine zusammenklemmt. Nachdem die Knaben solchergestalt die Beine nicht mehr rühren können, erhalten sie die Tracht Schläge auf die Fußsohlen.
Das Essen wird in der Schule nicht geahndet. Ein Knabe brachte kleine Rettiche, wovon er auch verschenkte. Einem andern trug man etwas Gekochtes zu. Er aß es im Vorzimmer des Schulgewölbes, in welchem eben Schule gehalten wurde.
Die Vergleichung mit dem, was Salomo Schweigger von den Kinderschulen Konstantinopels aus dem sechszehnten Jahrhunderte überliefert, hat zu viel Prickelndes, als daß ich es nicht hier beifügen sollte: Die Kinder, sagt Schweigger, werden nicht in solcher harten Zucht und großen Furcht gehalten, wie die Deutschen, die mit Pochen, Poltern, Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Die Schulmeister strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und können mit ihnen Geduld haben, welches denn die fürnehmste Tugend an einem Schulmeister ist. Wenn sie die Kinder schlagen, so schmeißen sie dieselben auf die bloßen Schuhsohlen mit einem Stäblein und brauchen die Ruthen nicht, wie bei den Christen bräuchig. Die Knaben haben eine feindselige Gewohnheit, daß sie durch einander das Lesen laut verrichten, davon sie sollten toll werden und einander irre machen. Dabei sitzen sie nicht still, sondern wanken von einer Seite stets auf die andere wie ein Schlafender oder Trunkener.
Damit stimmt aber nicht völlig überein, was die „Hoffhaltung Des Türckhischen Keysers“ (1596) von den Knaben des Serai erzählt: Die Meister und Lehrer haben einen Befelch von dem Türken, daß sie keinen Knaben mehr, als des Tages einmal schlagen und strafen dörfen, und mögen keinem mehr, als zehen Streich mit einer kleinen subtilen Ruthen geben, und wann sie die Jugend mit Ruthen stäupen, geht es also zu: Sie legen den Knaben nach der Länge auf die Erden nieder, stoßen ihm die Füß durch einen Stock oder Bret, welches durchgebohrt, und dazu gemacht, daß sie fest und still liegen müssen. Alsdann geben sie ihm mit der Ruthen unten auf der Sohlen des Fußes zehen Schläge über die Borzachinlein, das ist, kleine Stiefeln, die sie tragen. Nach dem lassen sie ihn wieder aus. Und wo der Meister oder Präzeptor einem mehr, dann zehen Streich gäbe, oder sie ohne des Kaisers Willen und Befelch stäupte oder schlüge, wird ihm alsbald die Hand abgelöst.
Der Gruß.
Im aufgeklärteren Theile der Welt waltet die Mode, daß man beim Gruße als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Achtung den Hut oder die Mütze rückt oder, mit einem Worte, das Haupt entblößt. Im Lande der Turbane wäre diese Mode glücklicherweise eine wahre Pein. Es gäbe den Morgenländern, wenn sie ihren Turban oder den zusammengedrehten, in vielen Gängen quer um den Kopf gewundenen Schleier auflösen und wieder umbinden oder auch nur mit den unsteifen Mützen, die er unten umfängt, ab- und aufheben müßten, ebensoviel zu schaffen, als den abendländischen Frauenzimmern, bis ihre zarte Haube über Flechte und Kamm sich gehörig fügt. Es ist übrigens erstaunlich, daß die Frauenzimmer, die doch mit keiner Mütze und mit keinem Hute sich und Andere bekomplimentiren, noch existiren und bei den Männern Gnade finden.
Wenn hier zwei Männer im Freien zusammenkommen, so legen sie sich die rechte Hand auf Mund und Stirne. Sind sie einander nahe, so sagt der Eine, wenn er ein Christ ist: „Gott mit euch“, und der Andere erwiedert: „Gott erhalte euch.“ Des Mohammetaners Gruß aber lautet: „Friede sei mit euch,“ und der Gegengruß: „Mit euch sei Friede.“ So zu grüßen, war früher den Christen verboten. Der Mohammetaner nährte den Wahn, daß die Nazarener nicht würdig wären, über die Lippen die erhabenen Worte fallen zu lassen, welche vom Propheten Mohammet verkündiget worden seien. Wiewohl dieser Gruß unter Mehemet-Ali und Ibrahim geduldet ist, so hören ihn doch die Mohammetaner aus dem Munde der Christen noch jetzt mit Murren.
Stattet ein Christ dem innigen Freunde einen Besuch ab, so umarmen sich beide, und küssen einander einmal die Schultern. Ebenso umarmen sich die Mohammetaner, versetzen aber den Kuß auf die Wangen. Ist man nicht in vorzüglichem Grade befreundet, so bietet man einander schlichtweg die Hände, wobei man eine besondere Rücksicht beobachtet. Es behält nämlich die Person höhern Ranges die Hand oberhalb, so daß der Rücken derselben aufwärts schaut. Stehen beide auf der gleichen Stufe des Ranges, so nehmen die Hände eine senkrechte Stellung neben einander an, daß also weder die eine, noch die andere Hand nach oben kommt. Wenn anders der Gruß die verschiedene Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft ausdrücken soll, so gewinnt in der That die verschiedene Richtung der Hände, zumal die Oberhand und die Unterhand, ungleich mehr Sinnigkeit, als alle Abstufungen beim Entblößen des Kopfes unter den Abendländern.
Die bisher berührten Grußweisen der Palästiner umfassen bloß das alltägliche Leben.
Auf Sitzen zur Rechten oder Linken wird nicht geachtet.
Nach Empfang dargereichter Speisen und Getränke bezeugt man in der Regel keinen Dank. Nur nach dem Kaffee hallen die Worte des Dankes: „Möget ihr euch immer erhalten.“ Trinkt der Gast Wasser aus dem Kruge (Bardaka), was allezeit ohne Absetzen geschieht, so rufen sämmtliche Anwesende: „Wohl bekomme es“, und jener erwiedert: „Ich sage Dank.“ Also bei Mohammetanern und Christen. Beim Lebenswasser (Aquavit) verhält man sich stumm.
Begegnen sich die Frauen außer den Häusern, so sind sie still und rühren sich nicht. Macht eine Frau einen Besuch, so entschleiert sie sich beim Eintritte in das Zimmer, und eröffnet das Gespräche mit den Worten: „Ich komme, euch zu sehen.“ Die Frau, welche den Besuch annimmt, lüftet auch ihrerseits den weißen Gesichtsschleier und antwortet: „Willkommen.“ Da wird denn nach dem Befinden, nach den Kindern und nach Andrem gefragt, obendrein viel eitel Zeug geplaudert, etwas Süßes, etwa Konfekt, genascht oder auch eine Pfeife geraucht. Kürzer, als drei oder vier Stunden dauern die Frauenbesuche nicht. Die Mohammetanerinnen besuchen einander seltener, als die Christinnen.
Die Brautwerbung und die Hochzeit.
Will der Jüngling oder Mann heirathen, so geht sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester oder ein anderer Verwandter oder ein Freund zum Pfarrer, diesem das Vorhaben zu offenbaren, unter Bezeichnung des Mädchens, welches zu heirathen gewünscht wird.
Darauf begibt sich der Pfarrer zu den Aeltern des Mädchens, den Heirathsantrag zu hinterbringen, und Auskunft zu verlangen, ob man ihn annehmen wolle oder nicht, und sucht dann den Brautwerber in seinem Hause auf, um demselben die Antwort zu vermelden. Im bejahenden Falle schickt die Familie desjenigen, welcher den Heirathsantrag stellte, sich jetzt an, einen Gesichtsschleier (zu 30 bis 35 Piaster) oder auch zwei Schleier nebst einem goldenen Fingerringe zu kaufen. Die weiblichen Mitglieder der Familie des Brautwerbers gehen, in Begleitung vieler Frauen, mit den eingekauften Kostbarkeiten zu der Familie des Mädchens, um sie diesem als Geschenk einzuhändigen. Bei dem Besuche benimmt sich die Holdselige ungemein schüchtern, sanftmüthig wie ein Lamm; keinen Laut läßt sie hören; sie ist rein wie ein Engel. Um so munterer sind die Frauen, welche auf Besuch kommen; sie lachen und scherzen und singen wohl auch.
Danach veranstalten die Aeltern des Mädchens einen Gegenbesuch in das Haus des Brautwerbers. Der Vater ladet Männer und die Mutter Frauen, nie aber unverheirathete Frauenzimmer ein. Im Hause des Brautwerbers treten die Männer in ein besonderes Gemach, und so die Frauen. Grüßend sagt man zu ihm: „Gesegnet,“ und diejenigen Frauen, welche sich nicht enthüllen, sagen es auch seiner Mutter. Das Mädchen bleibt eingezogen zu Hause. Die Gäste, wenigstens die Männer, vertreiben die Zeit mit Rauchen und Kaffeetrinken, mit Konfektnaschen und Plaudern.
Nach dem Gegenbesuche geschehen zwei Monate hindurch keine weitere Schritte, und zudem wartet man auf ein großes Fest, um der Braut ein Geschenk zu überbringen. Dieser Besuch, der dritte und letzte vor der Hochzeit, heißt auf arabisch schỏfe (die Sicht), und ist der Vorbote baldiger Vermählung. Das Geschenk hält an Werth von einigen hundert bis auf einige tausend Piaster. Es besteht aus ungeschnittenem und ungenähtem Kleidungsstoffe, so wie aus einem Kleinode zur Zierung der Stirne oder anderer Gebilde des Körpers. Die Reichsten ergreifen diesen Anlaß, um den Glanz ihrer Diamanten zu verbreiten. Es ist die Mutter des Bräutigams, welche, am erwarteten großen Feste selbst, das Geschenk der Braut überreicht und zwar so, daß sie unter spaßhaften Bemerkungen das Kleinod der Braut auf der gehörigen Stelle anlegt. Das schỏfe dauert etwa zwei Stunden.
Nun bereitet man sich zur Hochzeit vor. Die Aeltern des Bräutigams und der Braut besprechen den festlichen Tag. Vom Heirathsantrage bis zum Hochzeitstage verfließt gemeinhin ein Jahr, selten nur ein Vierteljahr. Dreimal kündigt der Pfarrer die Hochzeit ab. Am Sonnabende vor dem Vermählungstage wird die Reinigung durch die Bäder vorgenommen. Die Braut sendet, zum Zeichen der Einladung, an jede Frau ein Stück Seife. Bei Männern ist dieses Zeichen eine Kerze, umhüllt von einem Zettelchen, worauf der Karakter des Gastes (z. B. französischer Konsul, Schulmeister) geschrieben steht. Die Braut besucht mit den Frauen, der Bräutigam mit den Männern, die einen und die andern in gesönderten Schaaren, ein öffentliches Bad. An diesem glücklichen Orte bekommt die Mutter oder die Schwester des Bräutigams die Entschleierte zu sehen, und sie mögen dann zu Hause dem Sehnsuchtsvollen die Entdeckung der Schönheit oder Häßlichkeit mittheilen. Darauf am Sonntagsabende gehen die einen Männer in das Haus des Bräutigams, die andern und die Frauen in dasjenige der Braut, wo sie sich in das Frauenzimmer scheiden. Die Nacht wird in gespannter Erwartung hingebracht.
Um vier Uhr in der Frühe des Montag eröffnen Bräutigam und Braut, jener ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen. Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder, besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf das glänzendste bewährt, leiht den unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, — — nur ja, weil einmal genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der Vermummung oft beobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des Konsuls Damiani trat, seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.
Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen dort das Frühstück; reich wird das Hochzeitpaar von den Zeugen der Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten. Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male erblickt der Ehemann das Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn der Wurf des Spiels.
Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alle Schleier der Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen, indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt. Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht erholen.
Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen und sie mit einem rosenrothen Gewande an.
Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück. Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher verliehenen möglichst nahe kommt.
Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen, in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in manchen sogar die Mohammetaner.
Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie sein mag. Rebekka verhüllte sich zwar vor Isaak (1. Buch Moses 24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung, welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert werden.
Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung sprechen. So fragten die Aeltern der Rebekka in milder Weise, ob sie mit dem Knechte Abrahams ziehen wolle (1. Buch Moses 24, 57 und 58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und der Braut entscheidende Stimme.
Die Wöchnerin und das Kind.
Im zwölften Jahre verheirathen sich die Mädchen sehr selten, selten noch im dreizehnten, nicht mehr selten aber im vierzehnten Jahre. Es ist daher keine Seltenheit, daß das Weib im fünfzehnten Lebensjahre gebiert.
Nachdem die Frau geboren, ißt sie die ersten drei Tage nichts, als Hühnerbrühe ohne Salz und Schmalz. Zum Getränke erhält sie mit Zimmet versetztes Wasser oder auch ein wenig Wein, welchen jedoch die Mohammetanerinnen, in Gemäßheit ihrer Religionsbegriffe, nicht bekommen. Nach Verfluß der drei ersten Wochentage geht die Kindbetterin zu einer kräftigern Nahrung über. Sie genießt dann nicht bloß die Brühe, sondern auch das Fleisch vom Huhn; Andere essen wohl abwechselnd das Halsfleisch des Lammes.
In den ersten sieben Tagen wäscht die Wöchnerin ihre Hände nach dem Essen nie mit Wasser, aber mit Wein. Gehört sie der Mittelklasse, so steht sie am siebenten Tage vom Bette auf, die reiche nach vierzehn Tagen. Der Reichthum ist da nicht zu beneiden, wo er den Menschen länger in Fesseln schlägt. Allgemein herrscht die Sitte, daß die Wöchnerin nach dem Aufstehen das öffentliche Bad, und unter den Christen zugleich, daß sie die Kirche besucht. In jenem reibt man, zu Stärkung, in den Körper ein scharfes Mittel. Im vierzigsten Tage wird das Bad wiederholt.
Sobald das Kind ans Licht der Welt gelangt, wird seine Nabelschnur mit einem Faden unterbunden, abgeschnitten und die Schnittfläche auf der Kindesseite mit einer Wachskerze gebrennt. Darauf badet man es im lauen Wasser, um es zu reinigen. Hat das Kind drei Tage seines Lebens zurückgelegt, so wäscht man das Zahnfleisch und die allgemeinen Hautbedeckungen mit Salzwasser oder mit Wein, der mit Wasser verdünnt wurde, um einen guten Geruch mitzutheilen. Sonst wird bloß alle Wochen einmal das Gesicht und der Körper vom Nabel bis zu den Füßen gewaschen. Ja es gibt Mütter, welche ihr Kind ein halbes Jahr ungewaschen lassen.
Zur Bekleidung dient eine Binde, in welche der Körper so gewickelt wird, daß die Arme an der Seite des Körpers in ausgestreckter Richtung bleiben. Ein Schleier deckt das Gesicht. Die Einwickelung (Einfatschung) dauert vier Monate. Sodann flattern die Röckchen um das Kind, und manchen Knaben schmückt bei Zeiten über der kleinen, anschließenden Mütze der Turban. Als eine ausgezeichnete Zierde sah ich um den Fußknöcheln eines Kleinen rothe Bändchen mit mehreren Schellen.
Zur Nahrung erhalten die Kinder die Milch ihrer Mutter, manche zwei bis drei Jahre hindurch. Es ist bemerkenswerth, daß die Jaffanerin das Schnüren des Oberleibes nicht kennt. Solches mögen die gepriesenen, geschnürten Zierfräulein Europens beherzigen, welche ihr besseres Gefühl nicht befragen, ob sie Hoffahrt mit demjenigen treiben dürfen, was Gott zu einem ganz andern Zwecke erschuf. Wenn die Jaffanerin außer Stande ist, Milch von der Mutterbrust darzureichen, so behilft man sich wohl auch mit einer Amme, oder man streicht das Honig- und Granatsüß in den Mund des Kindes. Sogenannte künstliche Nährung aber, wie mit Kuh- oder Ziegenmilch, findet nicht statt. Daraus allein schon ließe sich die große Sterblichkeit der Kinder erklären.
Zum Sauglappen, als Beschwichtigungsmittel, nimmt keine Mutter die Zuflucht; im beßten Falle flößt sie ein wenig Honig in den weinenden Mund. Hingegen scheint die Wiege im Ansehen von etwas Unentbehrlichem zu stehen. Die Reichen haben eine eigentliche Wiege, wie bei uns. Die Mittelklasse spannt zwei Schnüre unter der Zimmerdecke aus, welche ein Leintuch aufnehmen. Auf dieses wird das Kind, wie auf eine Hängmatte, gelegt, und will man es schaukeln, so setzt man die eine Schnur, die durch ein Zwischenstäbchen von der andern ferne gehalten wird, in Bewegung. Die arme Klasse bedient sich einer Vorrichtung, die einer großen, ebenen Wagschale gleicht. Sie wird, wie ein Käfich, an der Decke des Zimmers oder sonst in der Höhe aufgehängt.
Mit Säftchen führt man das Kind nicht ab, noch schneidet man dessen Zungenbändchen ein. Der Schulmeister am Hospiz stutzte gewaltig, als er inne wurde, daß wir gelöste Zungen hätten. Das Zahngeschäft geht nicht sehr leicht von statten. Zur Erleichterung desselben wird gar nichts vorgekehrt, und viele Kinder sterben während dieser Lebenszeit. Die fratt gewordenen Stellen wäscht man nicht ab, sondern man behandelt sie mit einem Stoffe, welcher im Arabischen serakûn heißt, mir aber nicht genauer bezeichnet wurde. Bei der hinkenden Reinlichkeit darf man sich wundern, daß diese Krankheit nicht viel hartnäckiger und qualvoller auftritt. Gegen die Mundschwämmchen gebraucht man die Asche von einem Knochen so, daß der mit Speichel benetzte Finger sie auffängt, und damit die kranken Stellen im Munde reibt.
Wiegenlied und Kinderjucks.
Das Wiegenlied singt die Mutter nach einer ganz eigenthümlichen Weise, und ich bedaure nur, daß ich kein Tonsetzer bin, um sie beifügen zu können. Die Worte zum Einlullen lauten so: „O mein Kind, schlafe; mein Auge, ich hoffe, daß ich dich nie aus dem Auge verlieren werde.“ Zum schon schlafenden Kinde singt die Mutter: „Meine Taube, dein Auge ist verschlossen; aber das Auge Gottes ist aufgeschlossen, und daß kein Leid dir wiederfahren kann, hat Gott den Menschen nicht auf immer verhärtet.“ Die Worte sind gemüthlich und erhaben zugleich.
Bei aller meiner Unbekanntschaft mit der Sprache und dem Bücherthume der Araber genieße ich vielleicht das Vergnügen, den Abendländern einen ihnen unbekannten Lappen arabischer Dichtungen überbringen zu können. Es fiel mir in Jaffa nicht wenig auf, als ich beim Einbruche der Nacht eben heimgekehrte Kinder anredend und antwortend in geregelten Weisen lärmen hörte. Auf meine Nachfrage darüber wurde sogleich von der Gasse ein Kind geholt; es sagte in Anwesenheit mehrerer Eingebornen das Gespräche her; einer davon übersetzte es ins Italienische, und ich schrieb dieses deutsch nieder. So viel zur Rechtfertigung meines Botengeschäftes.
Das Zweigespräch, wovon die Rede ist, halten übrigens nicht bloß fünfjährige und ältere Kinder als Nachtgruß, wenn sie sich trennen, sondern auch türkische Knaben, indem sie von Hause zu Hause ziehen, um etwas zu verdienen.
A. O Gott.
B. O Gott.
A. Möge es uns hier wohl ergehen.
B. O Gott.
A. Was haben wir?
B. Maria (denn es muß immer Jemand genannt werden) —, eine Braut wie der Mond.
A. Gott gebe es.
B. Unter der Veste sahe ich sie in zierlichem Gewande.
A. Gott gebe es.
B. Ich erblickte sie abwärts vom Diwane, die in Seide Gehüllte.
A. Gott gebe es.
B. Ich sah sie abwärts vom Gemache ein Papier mit Zügen füllen, welche rühren das Herz.
A. Gott gebe es.
B. — — — abwärts von einer Urne.
A. Ach, wie schön.
Das Zweigespräch, wahrscheinlich nur ein Bruchstück, behandelt die Liebe auf eine nicht sehr schickliche Weise für Kinder. Bei diesen scheint jedoch Alles bloßes Lippenwerk geworden zu sein.
Die Verehrung der Todten.
Stirbt eine Person, so hüllt man sie in ein gewöhnliches Gewand; nur muß es ein besseres und weißes sein. Bei Nacht stellt man zwei brennende Kerzen neben die Leiche. Reichere legen ihre Verstorbenen in einen viereckigen Sarg; die Armen oder die weniger Vermöglichen deckt die Erde unmittelbar. Der Sarg oder die Leiche wird auf einer Bahre in den Gottesacker getragen. Ihr folgen im Zuge Männer und Weiber, jene aber voran, diese ihr Klagegeschrei erhebend und ein Tuch drehend. Alle nahe Anverwandte sind mit einem schwarzen Trauerkleide angethan. Wenn ein Ehemann stirbt, so geht die Wittwe, welche sich in der Hoffnung glaubt, am Grabe einmal unter der Bahre des Todten durch, jetzt ausnahmsweise ohne Schleier. Sie will damit alle Anwesende zu Zeugen der Reinigkeit ihres Wandels auffordern. Ehe die Leiche noch im Grabe liegt, wird sie, zumal an der Hand, geküßt; der Ehemann küßt auch das Gesicht und das Kleid der verblichenen Geliebten; — sogar des Pestopfers?
Von der Todesstunde an bis zum Begräbnisse dauern meist nur zwei oder drei Stunden. Erfolgt indeß der Tod spät Abends oder vor Mitternacht, so wird mit der Beerdigung bis morgen in der Frühe zugewartet.
Ich sah die Beerdigung einer mohammetanischen Leiche bei Jaffa. Das Grab war etwa vier Fuß tief bis zur Stelle, wo es sich in zwei Absätzen verengerte, und von hier noch einen starken Fuß tief, aber gemauert. Nachdem auf den Grund des gemauerten Grabes ein Pulver gestreut war, wurden die in ein schönes und weißes Tuch gehüllten sterblichen Ueberreste seitlings, das Gesicht gegen Mekka gewendet, mit Schonung in die Tiefe versenkt, und dann darüber Steinplatten, die zur Seite auf den Maueransätzen ruhten, gelegt, so daß die Erde den Todten nicht drückte. Während des Beerdigens heulten die Weiber, das eine stehend, das andere hockend. Den Männern schien meine Gegenwart ein Dorn zu sein; indeß fügten sie mir nicht das mindeste Leid zu. Die ganze Beerdigungsweise verrieth nichts Rohes.
Zum Andenken des Gestorbenen werden in dessen Hause die ersten drei Abende nach einander gemeinschaftliche Gebete verrichtet. Am Ende dieser religiösen Handlung wird allen Beiwesenden, manchmal bis hundert an der Zahl, ein Todtenmahl gegeben. Die Reichsten sprechen dabei ungerne oder gar nicht zu, um so lieber aber die Armen. Desgleichen besuchen die Weiber drei Tage hinter einander in der Morgenstunde das Grab, und sie vergessen nicht, sich mit einem Mundbedarf zu versehen, auf daß sie im Felde der Leichen mit Kaffee sich laben können.
Dem Vater oder der Mutter, dem Bruder oder der Schwester, dem Manne oder der Männin wird ein Jahr hindurch Trauer getragen. Während dieser Zeit hüten sich die Trauernden vor Leckerbissen und dem Spiele, sie besuchen weder die öffentlichen Bäder, noch heirathen Wittwer und Wittwe.
Von den eben geschilderten Sitten der römisch-maronitischen Christen zu Jaffa weichen diejenigen der Nazarener und Bethlehemiten mehr oder minder ab. Im Hause des Leichnams und später in der Nähe des Grabes stellen sich zwei Weiber, wie Fechtkämpferinnen, und schlagen die klirrenden Degen an einander. Dann antwortet ein Chor Weiber singend und heulend, händeklatschend und tanzend. Darauf neues Degengeklirre der zwei Weiber; ihm nach der entsetzliche Lärm. Das ist die wilde, verwegene Todesjagd — in Nazareth und Bethlehem.
Zwei Dinge verdienen vor allen eine nähere Betrachtung: Das Durchgehen unter der Bahre und die frühe Beerdigung des Todten. Dem Falle vorzubeugen, daß für einen lebenden Lüstling der hingeschiedene Ehemann als Vater unterschoben werde, strengte sich in Europa die ganze Weisheit der Gesetzgeber, wie der Gerichtsärzte an, ohne daß es ihnen gelang, dem Betruge einen festen Riegel zu stoßen. Vielleicht versteige ich mich nicht, wenn ich behaupte, daß die Sitte der Jaffaner einem in diesen Punkt einschlagenden europäischen Gesetze den Vorrang ablaufe. Drücken wir die Sitte in Form eines Gesetzes aus: „Jede Wittwe ist gehalten, innerhalb drei Stunden vom Ableben ihres Ehemannes an (beim gehörigen Orte) anzuzeigen, ob sie sich von ihm schwanger glaube oder nicht.“ Einem so klar ausgesprochenen Gesetze müßte jede Erläuterung beschwerlich fallen. Doch Eines will ich berühren. Man kann dasselbe der Grausamkeit zeihen. Wie dem auch immer sei, nur beherzige man bei dieser Gelegenheit, daß die Sitten, die freiwilligen Gesetze (ohne förmlichen Vertrag), worüber die Wenigsten klagen, oft minder milde sind, als die Zwangsgesetze (laut förmlichen Vertrages), welche beinahe aus Aller Munde mit Klagen überschüttet werden.
Die frühen Leichenbestattungen verlieren sich unzweifelhaft in das graueste Alterthum. Sie gründen sich wohl auf die Ansicht, daß sie ein nothwendiges Gebot des heißen Himmelsstriches seien.
Die Rekruten oder die Konskribirten.
Eines Abends überraschte mich nicht wenig ein Schauspiel. Einem Vortrabe zu Pferde folgte eine geschlossene Menge Männer. Es waren für den Kriegsdienst eingeschriebene Leute, schwarze, halbschwarze und weiße, paarweise so an einander gebunden, daß allemal die Rechte des Einen und die Linke des Andern in einer Art Hamen staken. Eine hölzerne Spange nahm in Kerben die Handwurzeln auf und, so viel ich erblicken konnte, war jene seitlich mit eisernen Schrauben versehen, wodurch zwei Spangen, als Handklemmen, festgeschlossen wurden. Ueberdies war mit einem Stricke ein Mann hinter den andern, wie ein Kameel hinter das andere, gebunden. Einmal führte ein Soldat einen Bauer am Gürtel des Bauches in die Stadt. Hinter ihm ging ein wehklagend Weib. In einem Hause von Jaffa war ein anderes Mal eine bedeutende Anzahl Ausgehobener einquartirt, und etwa fünfzig Weiber heulten und schluchzten vor demselben, die einen mit dem Säugling an der Brust. Noch nie drangen so viel und so trübe Wehklagen in mein Ohr.
Die Regierung machte mir einen langen Strich durch die Rechnung. Um größere Schiffe hier zu laden, muß man, wegen des unsichern Hafens, Meeresstille oder leisen Wind abwarten, wodann sie auf offener See von Kähnen aus befrachtet werden. Eben trat günstige Witterung zum Laden ein. Da hieß es, daß die Regierung zwei Schiffe befrachte, und alle Kähne in Anspruch nehme. Mein Schiffshauptmann mochte sich verwenden, wie er wollte, er durfte am Ende nur müßig zuschauen, wie nach Alexandrette Rekruten eingeschifft wurden. Unvergeßlich bleibt mir dabei ein rührender Auftritt. Ein Weib, in einem blauen Hemde voll Löcher und Lappen, kauerte am Hafen in einem Winkel; es weinte bitterlich und schluchzte bitterlich; es deutete, daß ein ihr Theurer, vielleicht ihr Sohn, zu Wasser weggeschleppt werde. Und andere Weiber standen da und weinten bitterlich über das Schicksal einiger Eingeschifften, bis die Polizei sie unschonlich verjagte. Ich konnte bei diesem Auftritte den Gedanken nicht daniederhalten: Es muß unter den häßlichen Lumpen auch noch zartes Gefühl sich regen; ein Mutterherz bleibt Mutterherz — bei einer Christin oder Mohammetanerin; unter den unscheinbarsten Lumpen pocht manchmal ein wärmeres Mutterherz, als unter Atlas und Sammet. Diese Wahrnehmung freute mich um so mehr, da ich bei den arabischen Mannsleuten eine ungemeine Gefühllosigkeit, zumal gegen die Thiere, zu bemerken glaubte.
Ich möchte das Gesagte durch Thatsachen erhärten. Als ich auf meinem Ausfluge nach den Pyramiden am Wasser lange warten mußte, hatte der Esel mit angelegtem Zaume unter den Hufen gutes Gras, das, wie mir däuchte, keinem Einzelnen, sondern aller Welt gehörte. Dem Treiber fiel es nicht ein, das Gebiß abzunehmen, bis ich ihn dazu ermunterte. Als ich ein Kameel ritt, welches von einem Insekte am Bauche gequält wurde, wollte ich dem Führer zu verstehen geben, daß er jenes von der Plage befreie; allein ich konnte ihn glatterdings nicht dahin bewegen. Wie ich von Ramle nach Jerusalem wanderte, überließ ich am Fuße des Juda dem Treiber das Maulthier sammt dem belästigenden Felleisen, und ich ritt den Esel, welcher keine Ladung weiter trug. Theils um dem Thiere Erleichterung zu verschaffen, ging ich sehr oft zu Fuß, und kam schneller davon. Ich dachte immer, der Führer werde mein Beispiel nachahmen. Es mochte der Weg noch so steil sein, der Stumpfsinnige saß auf dem langsamen Läufer, und ließ mich eher aus den Augen. So gefühllos können Araber sein, während die gemüthreichen Türken mit der herzlichsten Freude einen Vogel in seinem Käfich kaufen, um ihn von der Gefangenschaft zu erlösen.
Fortsetzung: Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstag 1836.
Das Weinen ist der Ausbruch der Freude oder Traurigkeit bei Gescheiden und — Narren.
Bei uns will die Züchtigkeit der Sitte oder der Anstand, daß man im Weinen sich mäßige, daß die Gefühle nicht ohne Rückhalt entströmen. Das eigentliche Choralweinen nach dem Laufe der Natur scheint man bei uns kaum zu kennen. Bei uns weint man piano oder pianissimo, in Jaffa forte oder fortissimo. In den Landen der Gesittung hält man es für besonders schön und rührend, wenn etwa eine Thränenperle aus dem unumwölkten Himmel herabfällt.
Als ich nach Tische die andere Hälfte des Neujahrstages von 1836 verlustwandeln wollte, da hörte ich von einer Gasse her ein wildes, klägliches Geschrei. Ich rückte näher. Vor der Thüre einer Truppenherberge harrte eine Menge Weiber, diesmal nur die wenigsten mit einem Schleier, und die entschleierten Gesichter verbreiteten einen solchen Zauber, daß Jedem die ungelegenen Heirathsgedanken verschwunden wären. Ich sah und hörte kaum jemals etwas Wilderes. Die Einen standen, die Andern kauerten. Die Einen konnten nicht genug ihre Hände um einander kreisen lassen, ohne daß diese sich berührten. Andere schlugen die Hand auf die Stirne oder auf die Brust, oder sie klatschten mit den Händen, indem abwechselnd bald die Rechte, bald die Linke die Oberhand war, und während der Oberleib vor- und rückwärts geschaukelt wurde. Die Meisten drehten unaufhörlich einen Zipfel des Kopftuches. Wieder Andere nahmen das kleine Kopftuch herunter, welches sonst den Kopf kronförmig umgibt, und das große Kopftuch befestiget; mit jeder Hand faßten sie ein Ende des heruntergenommenen Tuches, drehten es, und hielten es bisweilen in die Höhe. Auch eine alte Frau mit zahnlosem Kiefer und vorspringendem Kinne und gebeugtem Leibe und wogenden Schultern hob ein solches Tuch empor, lärmend und herumtrippelnd; es mangelte der Rolle einer europäischen Tänzerin nichts, als die fröhliche Miene. Das schlug unverkennbar auf die erzkomische Seite. Ein Theil wimpelte mit den Händen, wie unsere Prediger auf den Kanzeln. Die meisten Augen schwammen in Thränen. Dabei war der Mund angelweit aufgesperrt. Die Einen begnügten sich fast einzig mit lautem Rufen. Andere gefielen sich darin, Empfindungslaute, manchmal quieksende, auszustoßen. Es gab auch solche Doppelsingspiele, indem unter schaukelnden Bewegungen die Eine der Andern auf die Schulter klopfte, oder ein Stück des Kleides packte. Nur die Kinder, von ihren Müttern getragen, waren alle — ohne Sauglappen ruhig und still. Sie schienen vielmehr an dem wilden Leben sich zu belustigen, und sie hätten, wie ich glaube, unfehlbar geweint, wenn die erwachsenen Leute in den Zustand der Beschwichtigung zurückgekehrt wären. Das ganze Schauspiel bot dem Europäer das Bild einer Raserei. Es war das Weinen in seiner Zügellosigkeit und unter allen Eingebungen der Traurigkeit.
Es ist nicht in Ferne meine Absicht, das Gefühl der Theilnahme mit meiner Schilderung zu beleidigen. In dem Rührenden fand ich, vom Hause aus mit andern Sitten, so viel Possirliches, daß ich mich hin und wieder des Lachens nicht erwehren konnte. Es verfehlt auch nicht die Feuersbrunst, ungeachtet ihrer betrübendsten Folgen, auf das Gemüth einige angenehme Eindrücke im Augenblicke hervorzubringen, da das Element in aller Pracht seiner Farbe und in seiner siegreichen Ungebundenheit gegen den Himmel emporlechzet.
Weiber, seid ihr nun die Erbinnen der uralten Sitten? fragte ich sie im Gedanken. Das Schauspiel dürfte vielleicht alterthümlicher sein, als der Sphinx, jener Riese bei Memphis. Die Verfasser der alten heiligen Urkunden mochten so oft Zeugen ähnlicher Auftritte gewesen sein.
Zuerst wußte ich das Klageschrei nicht zu deuten; später aber erfuhr ich, daß Mütter ihre Söhne, Weiber ihre Männer, Schwestern ihre Brüder beklagten, weil die dem Familienschooße Entrissenen sich auf die Laufbahn des Kriegers werfen mußten. Ich besorge inzwischen, langweilig zu werden, weil ich das alte Trauerlied auf die Kriegsknechte wieder anstimmte. Ich verspreche mir jedoch durch das Langeweilen den Nutzen, daß die wiederholten bösen Einschreibungen neuen Kriegsvolkes sich um so lebhafter vor die Seele stellen, und daß die nunmehrige peinliche Lage der Syrier um so ernster sich vergegenwärtige. Die Mannschaftsaushebungen befleckt eine Grausamkeit, die Ihresgleichen sucht. Manchmal werden alle Mehrjährigen männlichen Geschlechtes aus einem Hause weggeräumt. Wer wird hinter dem Pfluge gehen? Wer wird die Stütze einer alten Mutter sein? Was für eine Zukunft thut sich vor der militärischen Gewaltherrschaft auf? Die Mütter und Schwestern, denen die Anhänglichkeit an die Ihrigen zur Ehre gereicht, klagen nicht umsonst so laut, so rasend; denn ist der Ausgehobene einmal Soldat, so bleibt er es sein Lebenlang, wofern ihn nicht eine Laune des Gewalthabers entläßt. Auch die Weiber werden mit Recht klagen, wenn ihnen die Hoffnung abgeschnitten wird, den Mann begleiten zu können, mit welchem nicht mehr, als ein Weib ziehen darf. Das ist freilich nach christlichen Begriffen genug, und hierin erscheint die Unbarmherzigkeit wirklich in einer viel mildern Gestalt. Uebrigens gestattet der Herrscher offenbar nicht aus edeln Beweggründen dem Krieger sein Weib, sondern aus dem frostigen Grunde, damit aus altem Militär junges werde. Bereits schon bei einem andern Anlasse wurde darauf aufmerksam gemacht.
Ibrahim-Pascha.
Er ist unstreitig der größte jetztlebende Feldherr unter den Osmanen. Das Schicksal verlieh mir die Gunst nicht, ihn zu sehen, obschon er sich in Syrien aufhielt. Ich beschränke mich darauf, Einiges aus ziemlich glaubwürdiger Quelle nachzuerzählen.
Ibrahim besitzt ein sehr fröhliches Gemüth. Er lacht beinahe an Einem fort. Die Franken hat er lieb; wenigstens überhäuft er sie mit Beweisen von Freundlichkeit. Gründliche Kenntnisse im Militärfache gehen ihm gänzlich ab, und Unterrichtetere schreiben das Kriegsglück hauptsächlich dem französischen Abtrünnigen Seve oder Soliman-Pascha zu, welcher selbst von Mehemet-Ali vorgezogen werden soll. Immerhin zeichnen Ibrahim Geistesgegenwart, kluge Benützung der Umstände und persönlicher Muth aus. Voran in Anführung der Schlachten, befeuert er durch seine Erscheinung den Soldaten, an den ihn das Band gegenseitiger Liebe knüpft. Indessen wußte der Feldherr dieses Band bisher nicht so fest zu schürzen, daß er dem Araber höhere Offiziersstellen anvertrauen dürfte, die hinfort von Türken oder Ausländern besetzt werden. Als auf einem Feldzuge eine ziemliche Anzahl Soldaten vor Durst starb, und als ihm dann der Fund jenes unentbehrlichen Lebensmittels glückte, das man beim Mangel nicht minder hochschätzt, als beim Ueberflusse geringschätzt oder verwünscht, so reichte er persönlich den Uebriggebliebenen den Labungstrank.
Diesem milden Zuge reihe ich zwei grausame gegenüber. In Alexandrien erhob sich ein Sturm mit seltener Macht. Eine dort vor Anker liegende Fregatte litt Noth. Der Hauptmann, in der Voraussicht, daß sie auf der Rhede zu Grunde gehen würde, steuerte in den Hafen. Ibrahim beschied den Fregattenhauptmann vor sich. Erst wälzte er den Vorwurf auf ihn, daß er ohne Befehl von der angewiesenen Stelle sich entfernte, dann fügte er hinzu, daß er sich dem Schiffbruche und der Lebensgefahr hätte preisgeben sollen, und auf das hin schlug er sogleich dem Offiziere mit höchsteigener Hand den Kopf ab. Im Abendlande würde freilich Jemand wenig Herzen erobern, wenn man ihm nachsagen müßte, daß er oberster Feldherr und Henker zugleich sei.
Eine andere Handlung legt kein geringeres Gewicht auf den grausamen Karakter Ibrahims. Ein Engländer zeigte ihm in Syrien eine ausgezeichnet schöne Flinte. Ibrahim wollte ihre Güte erproben. Er ließ sie laden, und da eben ein Araber am Hause vorüberging, so trug er kein Bedenken, auf ihn zu zielen. Puff! der Unglückliche fiel todt nieder, und der Pascha ermangelte nicht, die Flinte zu preisen.
Kleine Petschaften oder Siegel.
Kleine Männer haben gerne große Schriftzüge und große Petschaften oder Siegel. Sie wollen ihre Neigung, größer zu werden, auch darin nicht verleugnen, daß sie ein hohes I-Tüpfel auf den Kopf und eine lange Semikolonkurve unter die Füße hinmalen. Die Beobachtung ist mit nichten gesucht. Sie wird sogar ohne den Scharfsinn möglich, welchen ein Ornithologe, wie ich neulich las, im Ernste an diesem und jenem Vogel hervorhob. Und ich? — wußte noch niemals, daß ich Scharfsinn besitze. Jetzt freue ich mich natürlich der glücklichen Entdeckung, den Fall vorausgesetzt, daß die Herren Ornithologen einen Menschen den gefiederten Thieren nicht unterordnen.
Lasset uns aber die Beobachtung einmal näher würdigen. Wir drückten vielleicht das Petschaft oder Sigill zu stark auf. Quod valet de toto, valet quoque de singulo, sagt die Universitätsfibel. In Egypten und Palästina fand ich durchwegs auffallend kleine Petschaften oder Siegel, wovon zwei etwa ein abendländisches geben würden. Also gilt mein allgemein aufgestellter Satz nicht von diesen Ländern insbesondere. Wie ich zum ersten Male in Alexandrien den kleinen Fleck auf dem Amtspapiere erblickte, glaubte ich, es wäre ein Spaß, und ich schmunzelte bei mir selber, so viel man immer über etwas Amtliches schmunzeln darf. Bisher hielt ich, als guter Abendländer, das amtliche Ansehen für unzertrennlich mit einem großen Siegel oder einem grandiösen Stempel, und in der Erste schien mir die egyptische Regierung gerade um das minder werth, als das Siegel, gegen einem europäischen Amtssiegel, kleiner war. Auch mit solchen Begriffen verläßt man das gescheute Franken-Land.
Noch mehr. Sogar das kleine egyptische Regierungssiegel hatte eine unnütze Größe. Wie kann das sein? Ich bekam in Großkairo einen gestempelten Thorschein; allein keine Zunge bekümmerte sich darum, weder am Thore, noch in und über der Wüste, und, außer dem meinigen, sah kein Auge den Stempel. Sollten etwa die Europäer auch so unnütze stempeln, es ginge bei ihnen so gewiß, als zweimal zwei vier machen, mehr verlustig, und der Vortheil fiele offenbar auf die Seite der Egypzier; man versteht mich — der Vortheil oder Gewinn, weniger zu verlieren.
Der Hakim.
Mehrmals las ich, daß die Palästiner sich von den Europäern den Puls fühlen lassen, in der Meinung, alle Franken wären Hakim (Aerzte). Letzteres kann ich bestätigen, nicht aber ersteres; denn selten begehrte man in Palästina von mir ärztlichen Rath oder Beistand. Um aber doch ein Beispiel anzuführen, so traten einmal in Jerusalem drei bis vier verschleierte Frauenzimmer in meine Klosterzelle und verlangten den Arzt. Ich hatte eben Besuch, und sie wurden von meinem Gaste ziemlich derbe hinausgewiesen. Seit Syrien von egyptischen Truppen besetzt ist, zählt es mehr europäische Aerzte, und es bleiben, meines Wissens, die reisenden Franken so ziemlich ungeschoren.
In Jaffa weilte ein herumziehender Arzt, ein Grieche. Vergebens wollte ich mit ihm ein ärztliches Gespräche anbinden. Wahrscheinlich hat der Mann Arzneiwissenschaft gar nie studirt. Ich rühme an ihm, als etwas Ausgezeichnetes, einen goldenen Uhrschlüssel, den er mit Selbstgefälligkeit recht tüchtig auf dem Bauche bammeln ließ. Um die Höhe seiner wissenschaftlichen Bildung muthmaßlich und unmaßgeblich zu bezeichnen, will ich ihm den Glauben in das Herz legen, welchen das alte Wörterbuch Gemma gemmarum (Ausgabe von 1508) über das Nolimetangere, auf deutsch: Rühre mich nicht an oder Krebs, ausspricht: „Es ist eine gewisse Krankheit, welche am Gesicht ex mictura glirium entsteht.“ Das heißt, firm gesprochen. Damals wußte man also die Ursache vollkommen gut; jetzt zweifelt man. Oft werden wir weiser, wenn wir weniger wissen wollen. Unser griechischer Arzt verfügte sich, nach Verrichtung gelungener und mißlungener Kuren, sowie auch guter Geldgeschäfte, in die Stadt Jerusalem. Solche herumirrende Kurirer erinnern mich an die italienischen Zinngießer und die französischen Scherenschleifer, welche das Schweizer-Land durchkreuzen. Sind sie in einem Dorfe fertig, alsbald in einem andern zünden sie das Kohlenfeuer an und stellen den Schleifstuhl auf, um die Kunden zu befriedigen.
Die Fleischbank.
In der Absicht, meinen faden Reistisch zu verbessern, ging ich zur Fleischbank am Marktplatze. Ausgezogene Schafe hingen an Haken. Die herumstehende Menge war so groß, daß man sich, wie bei uns zu den Osterrindern, ordentlich durchdrängen mußte. Endlich öffnete sich eine Lücke am hölzernen Geländer, und ich füllte sie auf der Stelle, von allen Seiten gedrückt, nur von der Bank her nicht. Ein sauertöpfischer Fleischer konnte nicht genug abschneiden und abhauen, so sehr rissen sich die Leute um das Fleisch. Ein Wohlgenährter saß auf seinen Beinen und nahm die Zahlung an. Ein Anderer war damit beschäftigt, die sonderbar geformten Gewichte in die Wagschale zu werfen und daraus zu nehmen. Bereit lag ein Schreibzeug, eine lange metallene Büchse, welche sonst der Schriftgelehrte vor der Brust zwischen das Oberkleid schiebt, und nicht ohne einigen Stolz einen Theil davon hervorschauen läßt. Man sieht, daß der Fleischverkauf ja auf eine großartige Weise betrieben ward. Schon harrte ich längere Zeit; jetzt wurde ich aber des Wartens überdrüssig. Man hat mich als Fremden und Franken doch zu wenig beachtet. Ich verließ die Schlachtbank.
Um meiner Mißstimmung mit einem Balsam zu begegnen, spazirte ich die Stadt hinaus. Besser, als das saure Gesicht des Schlächters gefiel mir das üppige Grün im Mauergraben, welcher die Stadt in einen Halbzirkel sperrt. Indessen wollte es mir auf dem mohammetanischen Leichenacker auch nicht behagen. Meine Gedanken richteten sich noch immer nach dem übelriechenden Aas, welches in demselben eine Woche früher ein Rudel Hunde mit einer Begierde aufzehrte, daß der Fraß mit Raufhändeln gewürzt wurde. Heute war Alles aufgefressen bis an die größern Knochen; nicht mehr verpestete das Aas den lieblichen Ort, — Dank der einsichtigen, wohllöblichen Gesundheitspolizei — der Hunde.
Ich kehrte um. Vor mir schritt ein Offizier durch das Thor. Die Wache, ein alter Kerl mit einem magern Gesichte, präsentirte unverzüglich das Gewehr. Kaum aber hatte er es zur Seite genommen, als er mit der rechten Hand buckelmachend die Lenden rieb, wahrscheinlich aus Ehrerbietigkeit gegen seine Leibwache.
Umsonst war ich Willens, im Rückwege gegen meinen Fleischer eine recht mürrische Miene aufzupflanzen. Es stand eine andere Fleischbank offen, und ich säumte nicht, mein Glück hier zu versuchen. Ich rief aus voller Kehle, und es half. Unter dem Nachrufe von haidi entfernte ich mich mit meinem Fleische in fröhlicher Stimmung.
Die Araber, diese klugen Leute, glauben, daß der Fremde ein Strohkopf sei, sofern er, in Beobachtung der Bescheidenheit und des Anstandes, nicht spreche oder, um es genauer auszudrücken, nicht maule. Wenn er nur den Mund spaltet, gleich viel, was er donnere, er wird sogleich ein Gegenstand der Ehrfurcht. Ich machte diese Erfahrung nicht nur dieses, sondern auch andere Male. Kurz und gut, im Nu ward, auf meinen Lärm, mir Fleisch zugewogen.
Der Zuckerrohrmarkt.
Niemand in Europa hat die absterbenden Zähne gerne; doch hätschelt man dort die Dinge, welche ihnen das frische Weiß rauben. Oder sind sie, mit Erlaubniß zu fragen, liebenswürdig, die Zähne von der Farbe — geräucherter Schinken und mit den Höhlen, worin die Schmerzen mit Vorliebe wüthen? Ach, wären nur die Zähne durch und durch Schinken, so könnte man sie anschneiden, und mit dem speckweißen Liebreize das ganze Menschengeschlecht entzücken. Allein selbst die Aeuglerin kann sich im dienstfertigsten Spiegel nicht ganz zurecht gucken die tintenen Zähne mit deren malerischen Schluchten, in welchen die balsamischen Quellen der Schmätze entspringen. Es thut mir leid; aber ich kann es nicht ändern.
Es ist zwar nicht der daumensdicke, manneshohe Pflanzenhalm, nicht die binsenartigen, langen Blätter, welche zu drei Fingerbreiten über einander um denselben sich ansetzen, nein, nicht dieses Gras, dieses Zuckergras, dieses Zuckerrohr ist es, welches den Zähnen so viel Verderben bringt, sondern der Saft dieses Gewächses, nachdem er durch Kochen eingedickt und dann geläutert oder raffinirt worden: der Zucker.
Sehnlichst verlangte mich, den Vater eines so raffinirten Kopfes und Verwüsters der schönen Welt näher kennen zu lernen. Außer dem Thore der Stadt ist eine Menge frisches Zuckerrohr an einer Reihe ausgebreitet, worum Verkäufer und Käufer wimmeln, unter welch’ letztern ich namentlich Soldaten mit ihren halbschwarzen Gesichtern bemerkte. Ich wollte mich zuerst satt sehen; allein das Sehen nur verschafft nicht sehr viel Vergnügen, weil — es nichts kostet. Dachte ich doch, ich werde den Saft des Rohrs im Munde auch ausziehen können, wenn es Andere mit so vieler Lust thun. Ist man einmal draußen in der weiten Welt, so muß man etwas mitmachen, damit man daheim etwas erzählen kann, hört’ ich so oft schon sagen. Ich kaufte ein Zuckerrohr. Ich biß wohl oben; aber das Süßsalzige mundete mir nicht. Der Zuckerrohrhändler, meinen Fehler gewahrend, warf den obern Theil des Halmes gleich weg, und ich biß in den untern, der besser schmeckte. Ganz rein schmeckte das Süß hart über der Wurzel. Wie aber oben das Rohr weniger rein schmeckt, so schmeckt das unterste, zum Theil in der Erde steckende Glied nach Wurzeligem. Die grüne Pflanze enthält bedeutend viel Saft, welcher, wie im eingedickten und geläuterten, so auch im frischen Zustande, die angenehme, reine Zuckersüßigkeit besitzt. Das Rohr wird so genossen, daß man rohe Stücke in den Mund nimmt, und sie zerbeißt, um daraus den Saft zu verschlingen. Die faserigen Theile werden weggespieen.
Der Tabakschneider.
Roman Pane, welcher die alte Welt mit dem Tabak bescherte, geschieht fürwahr in alle Zeiten Unrecht, daß er nicht wenigstens zur Linken Mohammets von den Moslim verehrt wird; denn wer möchte in Abrede stellen, daß diese den Tabak minder leicht entübrigen könnten, als den Koran?
Hätte ein Bursche nicht so lächerlich gelacht, als er an der Hand einen türkischen Pfeifenkopf drechselte, nach den Gedanken der alten Zeit umwendend, schier gedankenlos modelte, durchstach und in wenig Zeit fertig hudelte, ich würde eher zum Tabakschneider geeilt sein.
Hinter dem Handwerksmanne jene drei Wände von Mauer mit der offenen Seite und dem Thürverschlusse gegen die Gasse, mit dem platten Dache von Holz müssen ja das Audienzzimmer sein, welches er nur zur Seltenheit betritt. Denn — er hockt mit diesem Raume zwar auf gleicher Höhe, aber auf einem Mauervorsprunge und unter einem Vordache, vielleicht auch damit er mit seinen Kunden leichter verkehren könne. Wie mag den Glücklichen ein Anderer beneiden, dem bloß von außen an einer Bude ein kleiner obdachloser Winkel zu Verrichtung seiner Kunst vergönnt ist. Zu einem buchstäblichen Winkelhandwerke verurtheilt, begrenzt sich die Handthierung des armen Teufels einzig auf Zerschneidung und Zerschnitzelung des kundschaftsweise anvertrauten Rauchtabaks, und für einen Piaster schneidet er ein ordentlich Schock.
Wenden wir uns wieder zu dem Tabakschneider in der Bude. Es sind bei ihm so wenig Artikel ausgekramt, daß er sein Gedächtniß damit nicht überladen darf. Haufen von unzerschnittenem und zerschnittenem Tabak liegen unordentlich herum. Eine Wage mit messingenen Schalen und einem hölzernen Balken lauert auf den Käufer. Damit aber den Verkäufer selbst das Warten nicht verdrieße, schneidet er für sich — und Andere Tabak in gar hübschen Nadeln. Ein der Länge nach gespaltenes, ziemlich großes Rohr oder Halbrohr dient zur Aufnahme des Tabaks. Jenes ist mit Eisen gerändert, wo das Schneidemesser hart vorbeifährt. Letzteres, auf einer Seite so befestiget, daß es mit geringer Mühe herab- und hinaufläuft, ähnelt in den wesentlichsten Beziehungen unserem Schneidemesser mit der Vorrichtung dazu, wie selbes die Apotheker zu Zerschneidung von Arzneien, z. B. von Wurzeln, und die Liebhaber des Tabaks zu anderem Behufe gebrauchen. Noch ähnlicher, als unserm Schneidemesser der Apotheker ist es dem Schneidestuhle, mittelst dessen der Häckerling bereitet wird. Drückt der morgenländische Tabakschneider mit der Hand das ungeschnittene Kraut im Halbstiefel wohl zusammen und ein wenig über den Rand, so schiert er mit dem herunterschwirrenden Messer gleichsam eine Scheibe ab, die, sogleich in viele Schnitzel zerzottelnd, auf eine Schilfdecke zu Boden fällt.
Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität.
Von den vielen Handwerkern, welche dem Abendlande angehören, dagegen im Morgenlande vergebens gesucht werden, will ich bloß den Kunstgärtner (im strengeren Sinne des Wortes) nennen. Ein Deutscher, dessen erwähnt ward, that sich für einen Gärtner aus, und kannte wirklich einige Gewächse nach ihren lateinischen Namen. Hier aber beklagte er seinen Beruf, weil die Natur ohne Kunsthilfe Alles viel schöner hervortreibe, als es der erfahrungsreiche Gärtner Europas den dortigen Anlagen und Treibhäusern abdringe.
Dem abendländischen Kunstgärtner hält indessen der Morgenländer einen andern Berufsmann entgegen, welchen gerade das Abendland nicht aufzuweisen vermag; ich meine den Nargilebedienten, den Nargileträger. Argile oder Nargile heißt eine Tabakspfeife mit einer Tasche voll Wasser, durch welches der Rauch gesogen wird. Mit drei bis vier Nargilen geht der Gewinnlustige auf der Gasse umher, und erhascht er einen Liebhaber, so stopft er ihm die Pfeife mit Tabak und setzt überhaupt Alles so in Bereitschaft, daß der Rauchlüstling bloß das Mundstück der Pfeife zwischen die Lippen und die Hand in den Geldbeutel schieben darf.
Kaum sättiget man sich an diesem Auftritte, so schreitet ein wohlhabender Morgenländer stattlich daher; schweigsam und treu wie der Schatten folgt ihm ein schwarzer Sklave, welcher die lange, brennende Pfeife seines Herrn trägt. Nun mache ich einen Besuch. Alsbald füllt der Diener oder gar die Dame des Hauses die mit einem bernsteinernen Mundstücke versehene Pfeife und raucht sie an, um sie mir darzubieten. Ich wische das Mundstück hübsch fein ab, und rauche mit der größten Bequemlichkeit. So reicht auch der Diener seinem Herrn immer die angerauchte Pfeife.
Im Rauchen sind die abendländischen Christen, im Vergleiche mit den Morgenländern, gleichsam Stümper. Es ist übrigens für den Reisenden eben nicht unumgängliche Nothwendigkeit, daß er mitrauche. Ich lernte zwar das Rauchen erst auf der Reise, verzichtete darauf jedoch öfter längere Zeit.
Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer.
Ich trete in ein großes Gewölbe. An der Wand brennt es in einer Höhle. Ueber dem Feuer steht schief ein irdenes, großbäuchiges und ziemlich enghälsiges Gefäß zur Röstung des Kaffees. Dieser wird von einem Manne mit einem Stäbchen fleißig umgerührt, bis er gar ist. In einer offenen Pfanne würden während des Röstens offenbar mehr kräftige Bestandtheile sich verflüchtigen.
Neben dem Herde nimmt der Mörser seine Stelle ein. Eine runde, tiefe Aushöhlung des Fußwerkes von einer alten Marmorsäule ist er — fest ummauert. Ein Mann beschäftigt sich eigens mit dem Zerstoßen oder Zermörsern des Kaffees. Er handhabt eine große, eiserne Mörserkeule, die durch ihren schweren Fall zermalmt. Dazu musizirt der Arbeiter stöhnend auf echt arabisch bei jedem Plumps. Hat der Kaffee eine mehlichte Beschaffenheit erreicht, so wird er durch ein Sieb gebeutelt. Das Seihsel fällt auf einen platten, großen, fein geflochtenen Strohteller; das Ueberbleibsel im Siebe wird in den Mörser geschüttet, um es aufs neue zu zermalmen. Den letzten Ueberrest betrachtet der Araber als Auswurf; allein leicht kann man hier übervortheilt werden. Der betrügerische Araber rechnet zu jenem gerne solchen Kaffee, den er noch gar wohl benützen kann.
Ein Italiener von meiner Bekanntschaft kauft, um Einiges zu ersparen, unzerstoßenen Mokkakaffee. Er bringt ihn in die Werkstätte. Er muß warten; denn so eben wird für einen andern schon Dastehenden Kaffee geröstet. Nun geht es an den seinigen. Es faßt das irdene Gefäß und bald der Mörser den Kaffee, und für die Röstung und Pülverung bezahlt er eine Kleinigkeit. Fein wie Mehl ist der zermörserte Kaffee.
Der Baumwollereiniger und der Schilfdeckenweber.
Die Baumwolle wird in der Nähe von Jaffa, aber nicht auf einem Baume, wie das deutsche Wort zu allgemein sich ausdrückt, obschon es auch Baumwolle gibt, sondern an einem wenige Fuß hohen, strauchartigen Gewächse gewonnen. Genug, daß sie gedeiht, und zu den nützlichsten Erzeugnissen des Erdbodens gezählt werden darf.
Die Baumwolle beschäftigt manche Hände, bis sie gereiniget ist. In einer Werkstätte setzte Einer ein größeres Rad mittelst eines Tretschemels und ein kleineres mit der einen Hand an der Kurbel in Bewegung. Diese zwei Räder trieben zwei Walzen, die nahe über einander und in ungleicher Richtung liefen. Wird die durchsämte Baumwolle mit der noch freien Hand in die Walzenfuge gehalten, so erschnappt diese den wollenen Theil und läßt ihn auf der andern Seite fallen; auf der nähern Seite bleiben die Samenkörner zurück. Selbst auf der Neige des Wintermonates verrichteten in Ramle das Geschäft der Samenabklappsung beinahe nackte Männer.
Ich entfernte mich vom Baumwollereiniger, und wollte lieber dem Schilfdeckenweber zuschauen. Der Webstuhl ist sehr niedrig, kaum über einen halben Fuß hoch vom Boden, und von Baum zu Baum sind als Kette Schnüre angestreckt. Abwechselnd stehen zwei Schnüre sich nahe, um einen Zwischenraum von beiläufig drei Zoll offen zu lassen. Der hölzerne Kamm mit so viel Bohrlöchern, als Kettenschnüre sind, hängt nicht, sondern lastet auf den letztern, nachdem die Schnüre durch den Kamm gezogen worden. Da das Gewebe, nämlich die Decke, in der Breite etwa fünf Fuß mißt, so weben zwei Burschen einträchtig neben einander, ein jeder die Hälfte der Breite, während jedoch der eine allein den Eintrag mit dem Kamme zuschlägt. Beide hocken vor diesem Werkzeuge auf dem Gewebe, und in dem Maße, daß sie weiter weben, rutschen sie vorwärts, wie unsere Kinder, welche noch nicht gehen können. In der Nähe der Weber liegt der Schilf, bei dem einen unter den Füßen. Behende spalten sie ihn mit dem bereit gehaltenen Messer. Das Schilfband ziehen sie mit den drollig davon hüpfenden Händen abwechselnd über und unter zwei Schnüre des Aufzuges durch, auf gleiche Weise das nächste Band, nur gegenüber und schließend, u. s. f. Von den Schilfbändern werden die Schnüre ebenso umschlungen, wie beim Flechten der Körbe von den Weiden die Stäbchen. Die Burschen weben mit großer Fertigkeit, und haben sie zugewoben, so müssen die Schnüre durchschnitten, und allemal die zwei näher stehenden zusammengeknüpft werden, damit sie den Schilf da festhalten, wo er im Weben sich kreuzt.
Man macht von den Schilfdecken ungemein viel Gebrauch. Unter Zelten, in Häusern und Kirchen deckt er die Erde oder Steine. Der Betende zieht zuerst seine Schuhe aus, und dann wirft er sich in dem Tempel auf einer Schilf- oder Strohdecke nieder. Betet unter freiem Himmel der Mohammetaner, sein Antlitz gegen Mekka gewendet, und hat er gerade eine Schilf- oder Strohdecke bei der Hand, so breitet er sie, oft unter seinen nackten Füßen, aus.
Der wandernde Schiffer und Kinderspiele.
Ich konnte zuerst nicht klug werden, als ich etwas erblickte, das aus Schwarzem herausragte und im Meere herumzappelte. Es war ein bis an die Lenden entblößter Schiffer. Er saß in einem so kleinen Kahne, daß dieser dem Manne mit ausgestreckten Beinen kümmerlich Platz gestattete. Er ruderte mit keinen eigentlichen Rudern, sondern mit kleinen Plattschaufeln. Er hielt diese in den Händen fest, je eine Schaufel in einer Hand, und platschte damit in das Wasser, wie, man wird mir die Vergleichung erlauben, der schwimmende Hund mit den Vorderpfoten. Das Schiffchen fuhr ziemlich schnell von einem größern Schiffe zum andern, von Riff zu Riff, und wenn es in den Grund lief, so trug der Schiffer es gleich weiter, bis er es wieder flott machen konnte.
Um ja Alles auszuplaudern: Ein noch kleineres Schiffchen ließen die Knaben vor dem lateinischen Hospize auf der Gassenpfütze herumfahren. Ich lobe an diesen Schiffchen, ich darf wohl sagen, die treffliche Eigenschaft, daß es keine Kameelfüße hatte; denn wenn die Buckeligen mit ihren schweren, breiten Füßen durch die große Pfütze trabeten, so entstieg dieser ein sehr unangenehmer Geruch bis in meine Zelle. Außer der kindischen Schifffahrt nahm ich bei den Kleinen sonst keine andere Spiele wahr, als eine Art Wettlauf und das Gleiten auf einer geneigten Fläche, z. B. indem ein Kind, Kopf voran, sich von einem andern an den Armen herunterschleifen ließ.
Spiel der älteren Leute.
Die Araber überlassen sich nicht sehr häufig dem Spiele. Karten trifft man allerdings bei ihnen, allein ziemlich selten. In Kaffeehäusern zu Kairo spielten Araber Schach, aber mit possenhaft plumpen Figuren.
An der kleinen Meeresbucht bei Jaffa sah ich ebenfalls beim Spiele Morgenländer, welche das Schachbret in den Sand gezeichnet hatten.
Eines Tages bemerkte ich am Hafen von Jaffa zwei im Spiele begriffene Soldaten. Schnell trat ich näher. In ein Bret waren vierzehn schalenförmige Vertiefungen gearbeitet, wovon je sieben eine Reihe bildeten. Eine ziemliche Anzahl Ziegelbröckchen legten sie in die mittlern sechs Gruben. Mir wurde der Zusammenhang des Spieles nicht völlig deutlich; doch so viel nahm ich wahr, daß aus einer Grube die Steine gehoben und davon einer allemal in eine Vertiefung um die andere gesetzt wurde. Wenn dann der letzte Stein in eine leere Grube fällt oder nicht, so bringt es dem Spielenden Verlust oder Gewinn. Das Spiel ist wohl kein anderes, als das von Niebuhr und Burckhardt beschriebene Mangal.
Der eine der spielenden Soldaten war der am Hafenthore wachehaltende Soldat. Mit der linken Hand hielt er das Feuergewehr, und mit der rechten spielte er. Da gesellte sich ein dritter Soldat hinzu. Er hatte nichts Eiligeres vor, als seinen Mantel hart am Spielbrete niederzuwerfen und, nach Ablegung der Schuhe, sich aus denselben barfuß zu stellen; denn nach solcher Vorbereitung verrichten viele Mohammetaner das Gebet. Dieser Soldat mochte im Beten stehen oder hocken, oder auf das Gesicht niederfallen, die Spielenden ließen sich nicht im mindesten stören. Der Eine lachte unterdessen manchmal mit aller Herzlichkeit, andere Male kicherte er. Es ist eine bemerkenswerthe Sache, daß, so viele Sprachen auch in der Welt den Tausch der Gedanken und Gefühle vermitteln, dennoch das Lachen, welches vom leisen Schmunzeln bis zum schallenden Gelächter so viele Gemüthszustände ausdrückt, meines Wissens — allenthalben gleich ist sowohl in Beziehung auf die Beschaffenheit, als auf das Maß der Töne. Das gilt im Wesentlichen auch vom Weinen. Die afrikanischen und asiatischen Kinder können so unharmonisch weinen, wie die unserigen. Die Erscheinung erklärt sich dadurch, daß die Lach- und Weinlaute Naturlaute sind, welchen die Kunst weder Mark abbettelte, noch andichtete. Kehren wir zu den lachenden Spielern zurück. Der Neuangekommene näherte sich, nach vollendeter Andacht (Asser), alsogleich dem Spielbrete, und ohne Umständlichkeit schob er einen der Spielenden weg. Jetzt betrachtete ich erst mit mehr Aufmerksamkeit eine große Narbe am Vorderarme des neuen Spielers, und wirklich glaubte ich dieselbe als ein Ordenszeichen kriegerischer Tapferkeit mit seinem herrischen Benehmen in Einklang bringen zu sollen.
Meine Lebensart.
Meine Lebensart würde nicht jeder Europäer gepriesen haben. Ich kam in die römische Fastenzeit. Die lateinischen Mönche aßen nichts, als Brot, Kräutersuppen, Hülsenfrüchte, Gemüse, Fische, Oelbeeren u. dgl. Zudem dürfen diese Speisen nicht mit Butter oder Schmalz, sondern sie müssen mit Oel abgekocht werden. Das wäre allerdings eine engherzige und harte Vorschrift für Bewohner von Ländern, wo das Oel selten und theuer, die Butter hingegen im Ueberflusse und zu wohlfeilem Preise zu haben ist. Uebrigens wird von Kundigen die Thatsache nicht bestritten, daß das Pflanzenfett weniger reizende Eigenschaften besitzt, als das Thierfett, wie: die Butter.
Die magere oder Fastenkost (il magro) eignet sich, beim Lichte betrachtet, in der That, die sinnlichen, d. h., die thierischen Gelüste des Menschen abzutödten, mithin die Weltüberwindung eher in den Kreis der Möglichkeit hereinzuziehen. Wundern muß man aber sich, daß der gemeine Genuß des Weins, welchen die strengste Diät, wie die mohammetanische Rechtgläubigkeit verbietet, und welcher schon so manche Sünde veranlaßte, im römischen Fastenspeisezettel einen Platz behauptet. Gibt man nun auch zu, daß man mit dem Fasten den Zweck der Weltüberwindung näher oder minder nahe erstrebt, so darf man darum auf der andern Seite das Nachtheilige nicht verschweigen, daß es hier und da den Zunder zu Krankheiten legt, nicht bloß, wenn auch vorzüglich bei den Griechen, wie wir schon oben in Gaza vernommen haben, sondern auch bei den Lateinern.