Jaffa. (continued 2)
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Da ich von einer Unpäßlichkeit immer nicht hergestellt ward, so unterwarf ich meine Ernährungsweise der ernstesten Prüfung, deren Ergebniß war, daß ich anfing, die Ursache meiner Nichtwiedergenesung in der Fastenspeise zu suchen. Ich sann auf Abhilfe der magern Kost. Auf meine der Gesundheit geltenden Gründe erlaubte mir der Pater Superior mit aller Bereitwilligkeit, was ich wollte; bloß eine Kleinigkeit fehlte, nämlich der Koch vollführte nicht. Ich wünschte unter Anderem Milch. Ich wendete mich deswegen an den Pater Superior, an den Koch, an den Konsul Damiani, an den Schulmeister der Maroniten, an einen Italiener, dem ich empfohlen war, und der sie täglich trank, — ich goß nur Wasser ins Meer. Schienen die Einen vergeßlich zu sein, so war die Vergeßlichkeit in der That eine milde und tröstliche im Gegenhalte derjenigen des Kaisers Klaudius, der Viele dem Tode überlieferte und einen Tag nach der Hinrichtung sie wieder zu Tische und zum Spiele einlud.
Zwei Tage aß ich freiwillig nichts, als Brot und im Wasser gekochten Reiß, ohne Oel, ohne Butter, ohne Salz, kurz, ohne eine Zugabe; Wasser diente als Getränke. Besorgt endlich für meine bevorstehende Seereise bei dieser entkräftenden Nahrung, ging ich zu Markte, verschaffte mir ein Huhn, und so wurde mir nach Belieben gekocht. Ueberdies kaufte ich Butter und Honig, — und Brot, Butter und Honig auf einander schmeckten mir eben so köstlich, als einst auf den Kindsbeinen, wenn ich diesen Leckerbissen aus der freigebigen Hand meiner alten Großmutter empfing.
Indessen würde man sich um die jaffanische Butter, neben der vorarlbergischen und schweizerischen in der Gebirgsgegend, schwerlich reißen. Wer leicht Ekel empfindet, isset sie nicht. Sie sieht schmutzig aus, und die Haare sind in solcher Menge in sie geflochten, als wäre es mit Fleiß geschehen, damit sie nicht von einander falle. Dessen ungeachtet schmeckt die Butter nicht übel, einzig etwas säuerlich, keineswegs aber ranzicht. Sie wird auf dem Markte feil geboten. Ein Verkäufer hatte einen hohen, unordentlich gekneteten Haufen auf dem Teller. Zum Zeichen meiner Kauflust streckte ich ihm einen Piaster dar. Gleich ergriff er die kupferne Schalenwage, krabbelte mit den ausgebreiteten Fingern flink von der Butter, wog ab und ich bekam, nackt von Hand zu Hand, mehr, als ich erwartete. Ich vergesse nicht, beizufügen, daß der Verkäufer ein Mohammetaner war. Wäre er ein morgenländischer Christ gewesen, ich würde wahrscheinlich minder erhalten haben. Ich muß dieser Vermuthung an der Fackel einer neuen Thatsache leuchten. Beim Einkaufe des Mundvorraths sah ich mich um Zwieback um. Der käufliche aus Zypern ist sehr gut: kleine, runde, etwa zwei Daumen dicke Brote, oben mit fünf Punktirungen. In einer Bude, in die ich zufällig trat, machte man das Anerbieten, mir sogleich Zwieback zu holen. Die Leute in der Bude benahmen sich mit so vieler Artigkeit, daß sie mir Zutrauen einflößten; sie bezeugten auch Freude darüber, daß ich ein Christ, und zwar kein griechischer sei. Sie forderten für eine Ocke drei Piaster. Wirklich kaufte ich sieben Ocken. Nach dem Kaufe fragte ich gelegentlich vor den mohammetanischen Buden. Keiner verlangte mehr, als drittehalb Piaster. Der Abendländer erzählt mit Schmerz eine solche Thatsache, die einen so auffallenden Unterschied zwischen Christen und Moslim herausstellt.
Honig findet man in einigen Buden. Man bewahrt ihn in einem enghälsigen Kruge, schöpft ihn mit einem hölzernen Löffel, und wägt ihn auf der Schalenwage. Zuerst, um eines kleinen Versuches willen, legte ich ein Kohlblatt auf meine Hand, und begehrte für wenige Kreuzer. Ein Mohammetaner wies mich ab. Ein Anderer weigerte sich Anfangs, später aber deutete er mir, daß ich, weil ich mit keinem Gefäße versehen war, die Hand recht hohl machen solle. Als in der Folge für sieben bis acht Kreuzer (R. V.) eine Achtelsmaß (ein halber Schoppen) Honig in mein Trinkglas gewogen wurde, konnte ich mir leicht erklären, warum der erste Mohammetaner an mich keinen verkaufen wollte; denn für das Geldstück, das ich ihm zeigte, würde mir mehr gehört haben, als ich hätte versorgen können. Der Honig, wenn auch ein wenig trübe, schmeckt gut.
Ich lese die Bibel.
Was mir ein hohes Vergnügen gewährte, war das Lesen in der Bibel, während ich eben auf dem Schauplatze stand, worauf dieselbe so oft führt; denn Joppe ward zu Judäa gezählt. Die Patres gaben mir eine Vulgata ohne irgend einen Anstand. Ich würde zwar Luthers ausgezeichneter, kraftdeutschen Uebersetzung den Vorzug eingeräumt haben; allein eine solche war nicht aufzubringen, und unter den lateinischen Uebersetzungen verdient die Vulgata gewiß eine Ehrenstelle. Das Latein des ehrwürdigen Hieronymus erhebt sich weit über das Mittelmäßige.
Das alte Testament enthält einen so großen Reichthum an Eigenthümlichem aus dem Leben der Israeliten, daß es ein wahres jüdisches Volksbuch ist. Es überrascht insbesondere mit der Schilderung von Sitten und Gebräuchen. Hier, wo ich als Reisender die Aufgabe, diejenigen der heutigen Einwohner im alten Lande der Juden zu beobachten, nach Maßgabe meiner Zeit und Kräfte löste, fühlte ich in mir gleichsam einen Drang, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart Vergleichungen anzustellen, wofür mir der süße Lohn zu Theil ward, in der Bibel so treuen Zeichnungen zu begegnen.
Ein Pater sagt, ich werde des Teufels.
Der Umstand, daß ich nicht in die Messe ging, schien die sechs Mönche, welche das Hospiz bewohnen, unangenehm zu berühren. Die Stimmung derselben war mir bald nicht mehr zweifelhaft. Es fragte mich nämlich eines Mittags der Koch, Frater Emanuel, ob ich die Messe angehört hätte. Ich antwortete: Nein. Der Eifer wimmelte in seinen Händen, und ich merkte ihm an, daß er es darauf anlegen wollte, mich recht auszuholen. Ich fertigte ihn kurz mit den Worten ab, daß ich nur auf lateinisch in religiöse Gegenstände mich tiefer einlassen würde.
Im Nu schritt der Pfarrer (padre curato) mit zwei Mönchen daher. Der Meinungskampf begann in der Kirchensprache der Katholiken. Jener stolperte unglücklich genug über seine lateinischen Fehlbrocken. Um aber doch seinen Worten einen salbungsvollen Nachdruck zu verleihen, schlug er mit der Faust auf dem Tische den Takt, und glühender Eifer rollte seine Augen. Der ganze Rüstzeug von Verstand und Vernunft würde dem Menschen wahrlich wenig mehr nützen, wenn das Gepolter einer Faust Beweiskraft hätte. Der Pfarrer trieb sich auf dem Boden der faden Jesuitenlogik herum, und ich merkte, daß mit ihm kein Satz ordentlich durchzuführen sei. Ich erklärte geradezu, daß ich mich zum Protestantismus bekenne. Auf diese Erklärung suchte man mir den bekannten Satz ins Herz zu prägen, daß einzig und allein die römisch-katholische Kirche selig mache; ich sei verdammt, hieß es, und laut rief ein Mönch mit einem buntscheckigen Barte, daß ich in die Hölle fahren werde[11]. Ich sei mit meinem religiösen Schatze zufrieden, erwiederte ich; ich wolle den Frieden meiner Seele wahren; ich könne glatterdings nicht bekehrt werden. Sofort erloschen die Flammen der Patres, und ich wurde nimmermehr mit derlei Zwisten gequält.
Ich warne, aus dieser einzelnen Vorfallenheit allgemeine Sätze herauszufolgern. Die Patres haben höhern Auftrag, ihren Glauben zu verbreiten, und der Bekehrungsversuch darf wohl nicht befremden. Ich meine sogar, daß mein Tagebuch dadurch eher gewonnen, als verloren habe.
Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei.
Der Franzose, einer meiner Wegweiser in Jerusalem, machte eines Abends in seiner Trunkenheit nicht wenig Spektakel in und vor meiner Zelle. Weil mit einem Berauschten nichts anzufangen war, so stieg ich hinunter zum Pater Superior. Mir nach eilte der Franzose bis zur Kirche, worin die Mönche beteten. Dies hinderte jedoch den Zornentbrannten nicht, vor der geweihten Stätte so ungestüm zu lärmen, daß jene die Kirchenthüre zuschlossen. Und sich nicht begnügend mit bloßem Lärmen, schlug er mich mit der Hand und versetzte mir mit seinen Reitstiefeln einen Fußtritt. Gegen die Ueberfälle vertheidigte ich mich mit genauer Noth, in der Ueberzeugung, daß eine ernste Gegenwehr mit Händen und eine kräftige Vertheidigung mit Worten Anlaß darböten, einer falschen Anklage Gewicht zu geben, und mich nicht minder zu beschuldigen, als den Angreifenden. Eben drohte der Franzose mit dem Messer, als endlich die Patres herzutraten, denselben beschwichtigten und mir beistanden. Der Pater Superior mußte wohl einsehen, daß unser von den Mönchszellen ziemlich gesondertes Wohnen zur Seite hoch oben in den Pilgerkämmerlein den Unfrieden allzu sehr begünstigen würde. Er befahl Trennung; da ich aber mein Gepäcke holen wollte, spektakelte der Franzose von neuem auf dem Dache, und hob, unter Drohungen gegen mich, einen Stein. Indeß hatte das rohe Benehmen die gute Folge, daß ich neben den Patres eine weit bessere Zelle bekam.
Tages darauf war es mein erstes Geschäft, den Schutz des österreichischen Konsuls anzuflehen. Diesen Vorfall zuerst tief bedauernd, äußerte er sich dann, daß er nicht einschreiten könne, und daß ich mich mit den Worten zufrieden geben sollte: Questo è finito (die Sache ist abgethan), indem wir einander die Hand reichen und umarmen würden. Hiezu konnte ich mich deswegen um so weniger verstehen, weil der eben anwesende Franzose seine im Rausche ausgestoßenen Beschimpfungen jetzt im nüchternen Zustande wiederholte, und weil er noch aus dem Grunde Recht haben wollte, daß ich kein Christ sei. Mit dieser Gleißnerei hat er auch die Mönche zu berücken gesucht. Der Pater Superior bemerkte inzwischen ganz wohl, daß Schimpfen und Schlagen von seiner (des Franzosen) Seite nimmer angehe, welcher Religion ich auch zugethan sein möge. Ich verlangte beim Konsulate förmliche Genugthuung und Sicherheitserklärung, die ich denn auch mit Zähigkeit erhielt.
Der Konsul scheint dasjenige zu glauben, was der erste ihm vormalt. Die Dreieinigkeit theilte er ein in Gott, als Obersten, in unsere liebe Frau (Madonna) und in Jesus Christus. War der Konsul sich der Zeitfolge bewußt, so soll vor der Hand keine Einwendung geschehen, besonders dann, wenn er, ein öfterer Fall, in gewisser irdischer Begeisterung sprach. Der Konsul erregte erst meinen großen Unwillen gegen ihn, als hart neben seinen Ohren ein Mann mir erzählte, daß der Franzose den Vater desselben am gleichen Abende mit Stockschlägen mißhandeln wollte. Still, still, lispelte der etwas verlegene Konsul, welcher die Sache zu vertuschen suchte, und als er sie nicht mehr leugnen konnte, beschönigte er den Franzosen damit, daß dieser, in der Wuth über mich, auch einen andern Handel angesponnen habe. Es war erdichtet; denn das Hospiz wird gleich nach Einbruch der Nacht gesperrt, in welcher ich unter die unsanften Hände gerathen bin. Viel vermag fürwahr bei einem Morgenländer die glatte Zunge und die rothen, unten mit Leder überschlagenen Reitknechthosen eines Franzosen, solche mit einer weiter gediehenen Bildung natürlich unzertrennliche herrliche Erscheinungen des Abendlandes.
Doch die Sicherheitserklärung ist da nur Schein, wo man straflos schimpfen und schlagen darf. Mit persönlicher Sicherheit wanderte ich bisher unter der arabischen Polizei, aber nicht unter der fränkischen. Im Unwillen über die Lauheit oder Machtlosigkeit des Konsuls, welcher österreichischer und französischer zugleich ist, entschlüpften mir einige Worte, welche den Mann stachelten und in etwelche Bestürzung brachten. Vater und Sohn, welcher letztere eigentlich die Konsulatsgeschäfte besorgt, arbeiteten von nun an, in Verbindung mit dem Superior, angelegentlich an der Herstellung des Friedens. Im Zimmer des Paters bat der Franzose kniefällig ab, und, die Hand auf ein Buch haltend, schwor er bei einem Heiligenbilde und legte das Handgelübde ab, daß er mir nie etwas Leides zufügen wolle. Diese plötzliche Demuth des Kerls mußte mich neuerdings mißtrauisch machen.
In einer solchen Lage war kaum ein anderer, ehrenhafter Entschluß mehr möglich, als der, die Abreise nach Beirut in Gesellschaft des Franzosen auf das bestimmteste abzulehnen. Einem Menschen, der sich mehr, als viermal treulos zeigte, darf man nicht trauen. Mein Entschluß wurde noch dadurch befestigt, daß der Vater des Rais, mit welchem wir nach Beirut übersetzen sollten, und der kein fränkisches Wort verstand, in Gegenwart des Konsuls für die Ueberfahrt zweimal mehr forderte, als man gewöhnlich bezahlt. Ich glaubte die Falle zu erkennen. Wahrscheinlich war verabredet, die Ueberfahrtskosten für den Franzosen und Deutschen auf mich zu wälzen. Immer lebhafter überzeugte ich mich, daß es hohe Zeit sei, diese zwei besitzlosen Leute, die wahrsten Abenteurer auf Erden, vom Halse zu schütteln. Nach einem siebentägigen Aufenthalte in Jaffa begaben sie sich an Bord.
Wie sind doch die Verhältnisse so eigenartig, welche die Furchen der Stirne auszuebnen vermögen? Unter andern Umständen wäre das längere Warten auf eine Reisegelegenheit für mich eine Pein gewesen, während ich es unter diesen leicht erträglich fand. Ich miethete mich in eine Bombarda des Hauptmanns Kiriako Bagsîno, eines Hydrioten, bis in die Nähe (sechs Stunden) von Smyrna. Das Schiff war nach Konstantinopel bestimmt; ich glaubte aber den Weg nach Smyrna wählen zu müssen, weil ich eine kleine Geldanweisung für den Nothfall an das Haus Sturzenegger und Prélat in Smyrna bei mir hatte. Das größere Kreditschreiben lautete auf den österreichischen Konsul in Beirut, Herrn Laurella, bei welchem das Geld wirklich bereit lag, ohne daß ich es der angeführten Verumständigungen wegen wirklich bezog.
Der Konsul Damiani; mein Besuch in seinem Hause.
Nach der Ankunft in Jaffa stieg ich beim Herrn Konsul Damiani ab. Heute noch trägt er im morgenländischen Gewande den Militärhut aus den Zeiten Napoleons. Der Hut geht zur morgenländischen Tracht gerade so gut, als zur europäischen; denn das häßlichste Kleidungsstück, das man erdenken konnte, steht nirgends gut.
Der ehrwürdig aussehende Greis nahm mich freundlich auf. Sein Sohn geleitete mich sogleich in eine Zelle des Gastgebäudes (ospizio della Terra Santa).
Ich sah den Konsul bisher nur in seinem Waarenlager am Kai, gleich neben dem armenischen Kloster. Ich wurde von Andern in sein Haus geführt, ohne daß ich den Besuch beabsichtigte. Täusche man sich nicht über die Wohnung des Konsuls. Sie ist sehr unansehnlich, so daß unsere Bauern in schönern Häusern wohnen. Der Konsul saß unten im Hofe. Den Hut vertrat diesmal eine abgeblichen rothe Mütze, und um den Kopf über die Ohren war ein Tuch gebunden; denn die Zähne litten Schmerzen. Man prangt immer mit der Weltweisheit, man verehrt die Seele als das Ewigwährende am Menschen, man schmäht auf den vergänglichen Staub des Körpers, man lehrt Verachtung der Kleiderpracht, und doch vermag man nur mit Mühe den widerlichen Eindruck zu besiegen, den man beim Anblick einer mit häßlichen Kleidern bedeckten, höher gestellten Person empfängt, selbst wenn noch so hoch deren Seelenadel emporflackerte. Hätte ich nicht schon gewußt, daß Damiani Konsul wäre, ich würde ihn schwerlich beachtet haben. Er pflegte sonst seinen langen, grauen Schnurrbart hinauszustreichen und zu zwirnen. Diesmal ließ er ihn fein in Ruhe, weil er überzeugt sein durfte, daß zwischen dem unreinen Tuche um dem Kopfe keine Hoffahrt mehr möglich sei.
Nicht die köstlichsten Treppen leiteten hinauf ins Gastzimmer. Darin hing eben die Wäsche an zwei Reihen von der Linne herab. Der Christ beging seinen Sonntag und die Wäsche deswillen doch keinen Fehler, weil — das Trockenwerden keine Hände erfordert. Zuerst wurde ich im Zimmer Niemand gewahr; bald dann erschien der Sohn des Konsuls hinter der Wäsche, so ganz theatermäßig, wie der Schauspieler hinter der Blendewand. Nach den theilweise erzählten Vorgängen durfte ich auf keine andere, als auf eine kalte Aufnahme rechnen. Nach der Begrüßung setzte sich der junge Mann wieder auf den Strohteppich, von Papier und Siebensachen umgeben, die alle kreuz und quer durch einander lagen, wie ein Nest voll junger Kaninchen. Es wurde durch einen schwarzen Sklaven mit Tabak und Kaffee aufgewartet. Mehr, als dies interessirte mich die Ausstattung des Zimmers mit Hausgeräthen. Fratzen aus Europa, z. B. Gipsfiguren, schämten sich vor reich gestickten morgenländischen Gewändern. Um das christliche Europa noch feierlicher herüberzubeschwören, stand an einem Orte der ans Kreuz genagelte Christus. Der Sohn war nicht wenig bemüht, mit den Schätzen des Hauses die Bewunderung des Zuschauers zu erwecken. Es wurde angeblich ein Gegengift in Form eines Steines, das Horn einer Schlange, Alterthümer, ein massiver Klumpen Silber u. s. f. vorgewiesen. Ich wurde dabei, zu meinem Leidwesen, nicht im mindesten gerührt.
Dem gutmüthigen und gesprächigen Konsul, der schon eine hohe Stufe des Alters erklommen hat, horchte ich mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Freilich sichern nicht gerade die Jahre, nicht die Silberlocken (die im Morgenlande dem Barbier und Turban gehören), nicht der höhere Rang, nicht die größere Macht als Familienhaupt dem Greise Aufmerksamkeit und Liebe, Ehrfurcht und Vertrauen, sondern die reichern und reifern Kenntnisse und Erfahrungen, die weisen Sprüche und Warnungen, ja die lebendige Geschichte eines Menschenalters, die er auf der Zunge herumträgt. Damiani erzählte eine breite Historia von einem Mylord, und als ich gelegentlich die Bemerkung einwob, daß im Abendlande Manche nicht rauchen, daß hier dagegen das Rauchen den Hauptgenuß verschaffe, so erwiederte er: In Jerusalem ist es wieder anders; dort schnupfen sie mehr; schon kleine Dingerchen (er deutete die Höhe mit der Hand) fangen das Schnupfen an. Es war ein Wunder, daß der Herr Sohn nicht immer in unser Gespräch einfiel. Sonst kann er sich des Plauderns mitten hinein so wenig enthalten, als hin und wieder eine mit seltenen Rednertalenten begabte Jungfer Köchin, wenn man mit dem geistlichen Herrn ein paar Worte reden möchte.
Mein Besuch währte länger, als dem Konsularschutze angemessen war, und wie ich mich vom Sitze erhob, im Begriffe, zur Thüre hinauszugehen, duckte ich mich recht höflich, um nicht an der Wäsche anzustreifen, die ich, den Spuren ihrer irdischen Vergänglichkeit zum Trotze, wegen der Schönnähtereien bereits angestaunt hatte.
Ich besuchte schon früher den griechischen Konsul. Der ist ganz nach europäischem Geschmacke gekleidet, dazu sehr gewandt und gefällig. Die abendländische Kleidung flößt dermalen hier zu Lande Achtung ein. Der Konsul kredenzte mir Punsch. Ich lächelte über mein gutes Europa, dem in manchen Dingen mehr Ehre widerfährt, als es verdient. Echte Bildung ist dort keineswegs so heimisch, wie man gemeiniglich glaubt. Bei Vielen beschränkt sie sich darauf, nach der Mode sich zu kleiden, die Komplimente gehörig zu schneiden, die Formeln der Begrüßung und Unterhaltung sich geläufig eingetrichtert zu haben, über Konzerte, Theater und Dichter ein wenig zu plaudern, wo nicht französisch zu sprechen, doch die Kinder oder Verwandten, das Möpschen, einige Geräthschaften, Kleidungsstücke, Speisen oder Getränke französisch zu nennen, wenn man nicht gerne einen Besuch annimmt, zu Hause zu sagen, daß man nicht zu Hause sei, oder auf dem Gipfel der Gesundheit zu erklären, daß man sich unwohl befinde, etwa zu einer Zither zu singen, niedlich zu spielen und zu tanzen u. dgl. Ich bitt’ um Vergebung. Diese Toilette — serviteur — souffleur — charade — Jeannette — nièce — joli — secrétaire — corsette — côtelette — liqueur — excuse — guittare — dames — écossaise — Bildung, wenigstens ein sehr honnetes Wort, klingt doch allerlieblichst ins Ohr.
Auch die Russen haben einen Konsul, in der Person eines Griechen. An den Festtagen wehen die Flaggen der verschiedenen Konsuln ganz zierlich über Jaffa, und so stolz, als wären hier die Christen Meister. — — Ich fand die Festtage üb er an diesen Flaggen doch Freude.
Vorbereitung zur Abreise.
In Jaffa hatte ich zwei Stunden früher Tag, als die Leute in meiner Heimath. Ich saß oft am hellen Morgen mit der Feder am Tische, indeß sie im finstern Zimmer — zweifelsohne schliefen. Ungeachtet dieses heitern Glückes wollte ich nicht länger im alten Kanaan weilen; ich sehnte mich immer heißer nach — der Morgennacht meines Vaterlandes.
Es war nun meine Abreise gewiß. Man zimmerte, freilich erzlangsam, mehr und mehr sturmbeschädigte Kähne zurecht, um die Befrachtung unseres Schiffes zu fördern. O freudige Aussicht für mich, der ich länger denn fünf Wochen auf günstige Witterung für die Abfahrt hoffte und harrte. Wiewohl in Jaffa, Kaifa, Akre, Said und Beirut achtzehn Schiffe durch den letzten Sturm losgerissen oder zerschmettert wurden, so bemächtigte sich dennoch meiner nicht die mindeste Bedenklichkeit, dem Winde und Wasser mich anzuvertrauen. Mein Hauptmann hatte ja sein Schiff gerettet, und wie hätte ich zu ihm nicht Zuversicht fassen sollen. Auch rechnet heiße Sehnsucht nicht mit dem Griffel der Aengstlichkeit.
Ohne Zahlung zu leisten, konnte und wollte ich billigerweise nicht abreisen. Ich darf versichern, daß die Patres nichts weniger, als unfreundlich wurden, so oft sich mein Geldbeutel öffnete. Ich hielt für gerathener, kurze Zeit nach meiner Ankunft mich mit denselben zum Voraus über Kost und Wohnung förmlich einzuverstehen. Die Zahlung dafür war, nach der Versicherung Damianis, ziemlich stark; ich habe indeß keine Ursache zur Unzufriedenheit. Es mag aber vielleicht befremden, daß noch Keiner mit größerer Strenge meine Goldstücke untersuchte und erlas, als der Präsident (Pater Superior) Martin; fast alle von ihm ausgeworfene Stücke brachte ich an, die einen vollzählig, die wenigen mit sehr geringem Verlust. Mehr noch stutzte ich, als nach der Räumung meiner Zelle, gleich vor der Abreise, der Superior mit dem langfädenen Kohlenbarte sogleich spähend in dieselbe trat, vielleicht in Kraft des von ihm unter dem 11. Jenner mir ausgestellten Zeugnisses, „daß ich musterhaft gelebt habe.“ Ich erwähne solches nicht, um meinem Herzen gegen Ordensleute, als solche, Luft zu machen. Ich liefere nachgerade den schlagendsten Beweis dadurch, daß ich Alles nachtragen werde, was ich von den Patres Rühmliches weiß. Ich setze dabei voraus, daß man die Vorurtheile, welche die Spanier in ihrem Vaterlande einsaugen, kenne, und daß man Niemanden ein gewisses Mißtrauen gegen die Franken im Allgemeinen verübele, weil durchschnittlich lockere Abendländer vom Schlage der Glücksritter in Syrien sich herumtummeln. Der Deutsche, dessen ich oben gedachte, wurde weit schlimmer behandelt, als ich, ob er gleich sich für einen guten Katholiken ausgab, und die Messe alle Tage barfuß anhörte. Er bewohnte ein schlechtes Zimmer, welches dem Winde und Regen nicht ganz zu wehren vermochte. Seine Bettdecke war feucht und schmutzig. Es ist der Welt Brauch, die Leute so zu empfangen, wie sie entgegenkommen. Auch reichte man ihm schlechtere Nahrung, als mir. Diese Behandlung wirft zwar allerdings im Grunde kein vortheilhaftes Licht auf die Patres; allein es erhellt daraus doch das Günstige, daß dieselben hier gar keinen Unterschied der Glaubensbekenntnisse berücksichtigten. Ueberdies legte man mir seit dem oben berührten Strauße nicht das geringste Hinderniß in den Weg. Als ich mich, zum Zeichen, daß ich den Sonntag der Christen ehre, gegen den Pater Superior äußerte, ich wolle während der Messe mich in die Kirche begeben, erwiederte er: Thun Sie, was Sie wollen. Mit dem Frater Emanuel lustwandelte ich nach jenem Wortwechsel mehr, als einmal, und half ihm für unsere Küche Spargeln suchen, die in der Umgegend von Jaffa wild wachsen. Ich kann zum Ueberflusse beifügen, daß die Ordensmänner sehr viel Zeit mit Beten hinbringen und, so viel ich bemerkte, ein durchaus sittliches, eingezogenes Leben führen.
Den Reisepaß holte ich, ohne ihn unterschreiben zu lassen. Von einem Konsulate, das mich nicht schützen konnte, wollte ich keine Unterschrift.
Mit dem Schiffshauptmanne war die Uebereinkunft getroffen, daß ich die Lebensmittel selbst mir anschaffen müsse. Ich kaufte einen Vorrath von Aquavit, Kaffee, Zwieback, Reis, Zucker, Zitronen, Pomeranzen, Fleisch, Hühnern und Durra, letzteren zur Fütterung dieser Hausthiere. Schon aber im Hospiz aß ich wegen der schmalen Fastenbrocken oft vom Zwieback. Weil der Hauptmann auf Einschiffung drang, so übertrug ich den Ankauf von Hühnern einem fränkischen Knaben, welchen ich dazu mit dem nöthigen Gelde versah. Er kehrte nicht wieder, und ich mußte selber zu Markte gehen. Auf dem Rückwege erwischte ich den losen Jungen in der lateinisch-maronitischen Schule; meine Piaster waren unter den Aermeln verborgen. Fast zu oberst am Kai besitzt die Stadt das einzige Schenkhaus, wo man Aquavit, Wein und kalte Speisen bekommen kann.
Nach Rhodos.
Griechische Stille; das Meer raset; Reiseerfahrungen; das herrliche Zypern; der Taurus; der Spiegel meiner Reisegefährten; Wolken von Weihrauch; der griechische Fasttag war für mich ein Fetttag; der griechische Koch; im östlichen Hafen der Kolosser vor Anker gegangen.
Dinstags den 12. Jenner 1836.
Abends beim Einbruche der Nacht kam der Hauptmann Bagsino an Bord. Die Schaluppe wurde schnell eingehoben, die Anker gelichtet, die Segel ausgespannt — Alles mit so wenig Kommandiren und Geräusche, daß der italienische Lärm einen grellen Gegensatz zu dieser griechischen Stille bildete. Heftig brauste der Nordwind.
Den 13.
Seit vor San Pietro di Nembo das Meer mit mir Schmollis machte, könnte ich es dann und wann ordentlich liebherzen. Ich betrachtete die rauschenden Wogen als lauter scherzende Kinder, welche nur daseien, um den Griesgram des Alters zu verscheuchen. Die Natur meint es gar nicht so böse, wie man oft ihr wildes Aeußeres mißdeutet. Uebrigens tobte in der Nacht gewaltiger Sturm. Wäre man Rahm gewesen, man würde ohnfehlbar bis morgen Butter geworden sein.
Allerdings muß man auch das Reisen lernen. Anfangs war ich gar linkisch. Auf der Fahrt von Alexandrien nach Bulak verwahrte ich den Reis so schlecht, daß dieser, vielleicht aus langer Weile, zu dem darunter liegenden Holze hinabspazierte. Der Kaffee wußte aus dem Papiere Auswege zu finden. Auf der Reise von Kairo nach El-Arysch sorgte ich so nachlässig für den Zucker, daß ich ihn schaben mußte, bevor er zum Gebrauche sich eignete. Der Rhum floß zur Hälfte weg, weil ich die Flasche schlecht verstopft hatte. Durch Schaden gewitziget, verwahrte ich nun einmal meine Lebensmittel mit besonderer Sorgfalt. Ich mußte aber auch darüber wachen, daß nichts davon entwendet werde; denn man weiß, daß sich in manchen Menschen die wunderliche Begierde regt, mehr zu nehmen, als ihnen gehört. Ich stellte den Mundbedarf in meine Nähe. Da langte einmal in der Nacht ein knöpfiger Arm in meinen Brotkorb. Ich ergriff und erkannte ihn. Nur ein Reisegefährte, ein Maure, trug Aermel mit Knöpfen. Ich wurde gerade zur rechten Zeit erinnert, wie ich mich gegen ihn verhalten müsse. Kaum aber war der fremde Arm aus dem Brotkorbe entwichen, so wurde dieser von einer Welle geneckt, weswegen ich ihn alles Ernstes in die Sicherheit flüchtete.
Das Meer hat mir Ibrahim, Ali, Mansur, Mustafa und all’ die Namen der Moslim verrauscht, die ich auf Gassen und Wegen so oft hörte. Anders tönt es jetzt in meinen Ohren; im Schiffe gilt es dem Mitri oder Dimitri (Demetrius), Kiriako (Ciriacus) u. s. f. Ach, beurkundeten christliche Namen nur immer christlichen Sinn.
Mittags wurde mir eine Suppe mit rothem, lebendigem Gewürze vorgesetzt. Auf der Reise ißt man, und man murmelt höchstens mit saurer Miene einige für den Koch unvortheilhafte Bemerkungen.
Den 14.
Nie werde ich das herrliche Schauspiel vergessen. Wir lagen auf der Höhe der Insel Zypern. Hoch streckte der beschneite H. Kreuzberg (monte di Santa Croce, der Olymp der Alten) sein Haupt empor. Diese schweizerische Gebirgswelt wühlte in mir beinahe das Heimweh herauf. Den Tag über erfreute mich das beßte Befinden; bloß gestern fühlte ich ein wenig Unbehagen im Kopfe wegen der stark bewegten See.
Den 15.
Ich sah einen Küstenstrich von Karamanien. Veränderlicher Wind und Wetter trübten hin und wieder meine gute Laune.
Den 16.
Wir segelten einem Vorsprunge des Taurusgebirges, dem Kap Chelidonium, nahe, und verloren die Küste von Kleinasien nie aus den Augen. Die Fahrt ist von nun an mehr derjenigen auf einem Landsee zu vergleichen. Schon sind wir von Jaffa gegen den Nordpol vier Grade vorgerückt, und man konnte auch wirklich einige klimatische Verschiedenheit wahrnehmen.
Sonntags den 17.
Wir segelten vorüber an Castelori und andern Ortschaften von Natolien. Vor dem nahen, hohen Gebirge der alten Lykier träumte ich mich auf einige Stellen des Vierwaldstätter-Sees in der Schweiz, so ähnlich war der Ausblick. Die Fahrt gewährt in der That recht viel Unterhaltung. Die Umrisse der schweizerischen, wie dieser Berge sind mit ausnehmender Kühnheit gezeichnet. Wir bewundern einen solchen Zug auch an Kunstwerken, — wie einen vorhängenden Fels, so den Thurm von Pisa. Hingegen sind die Berge um Jerusalem träge Massen, Kegel oder Halbkugeln, gleichsam nur gut zum Faulenzen für das Auge.
Ein frischer Wind jagte uns so muthig vorwärts, daß wir schon vor der Mitte des Tages im pamphylischen Meere ein Korn, Rhodos, erblickten, und bis zum Eintritte der Nacht steuerten wir diesem Eilande ziemlich nahe. Ein Berg hatte eben einen Wolkenhut auf, als die Sonne unterging.
Ich halte nun einen Augenblick an, um meine Reisegesellschaft zu zergliedern. Ein Engländer und ein Grieche, ein Maure und ein Jude, so wie ein griechischer, schiffbrüchiger Hauptmann und seine Matrosen, das waren meine Reisegefährten.
Der Engländer, ein Geistlicher, besaß einen edeln, gutmüthigen Karakter. Ich schätzte mich glücklich, in Jaffa seine Bekanntschaft zu machen, wo er bei dem englischen Konsul, einem Morgenländer, einkehrte, allein die morgenländische Kräuter- und Hühnerküche nicht besonders rühmte. Das Französische sprach er als guter Englishman. Wenn er in der fremden Sprache redete, war mit ihm so schwer nachzukommen, als mit einer schlechten Tänzerin. Ich erzähle von ihm zwei echt britische Züge. Er wanderte durch die Wüste bis in die Nähe von El-Arysch. Jetzt vernahm er, daß er der Quarantäne sich unterwerfen müsse. Alsbald entschloß er sich zum Rückfluge nach Kairo, um über Alexandrien und Beirut nach Jerusalem zu reisen. Ein paar Male des Morgens rief ich den Geistlichen, wenn sich ein merkwürdiges Schauspiel darbot. Er hatte die Artigkeit, zu antworten, und seine Nichttheilnahme damit zu entschuldigen, daß es bei ihm Gesetz sei, in der Frühe so und so lange zu lesen oder zu schreiben. Die Gottheit hat dem Menschen ein bestimmt abgegrenztes Gebiet angewiesen, worüber er Herr und Meister ist. Man frage indessen nicht nach der geographischen Länge und Breite desselben; denn es erscheint sehr klein am Maßstabe. Es ist nun gut, wenn der Mensch in diesem seinem Gebiete, d. h., sich gewisse Gesetze vorschreibt; es ist aber nicht gut, wenn er solche in untergeordneten Dingen mit eigensinniger Strenge vollstreckt und so zum Sklaven seiner selbst hinabsinkt. Ich sah unsern Reisegenossen nicht sehr oft, weil er in das Zimmer des Schiffsherrn und ich in den Schiffsraum eingemiethet war. Letzteren Platz hatte ich einzig dem Pater Präsidenten des lateinischen Hospizium in Jaffa zu danken, weil er sich mit einem ungewöhnlichen Eifer in die Abschließung des Vertrages mischte, und jene so sehr beschleunigte, daß es mir an Zeit gebrach, zu fragen, wo ich wohl im Schiffe untergebracht würde. Doch, außer der Kehrseite, wendete die Sache auch diesmal ihre Lichtseite zu. Ich lernte so dem Schiffsraumleben auf den Puls fühlen. Hier liefere ich denn eine flüchtige Zeichnung meiner Gefährten im Schiffsraume.
Demetrius, aus Chios (Scio) und Handelsmann, hatte eine schöne Gesichtsbildung und sprach griechisch, arabisch und türkisch. Seine Umgänglichkeit ließ mich wünschen, in einer seiner Sprachen meine Gedanken mit ihm auszutauschen.
Der Maure aus Algier, ein Hadschi (Mekkapilger), mit einem gemeinen Gesichtsausdrucke, einem langen Barte und einem Turban, ließ keinen edlern Zug seiner überaus lockeren Seele durchblicken. Er plauderte zum Arabischen das Wenige fränkisch, womit er zwischen Demetrius und mir kümmerlich den Dolmetscher spielte. Während unserer Fahrt von Jaffa nach Rhodos endete der mohammetanische Fastenmonat; allein dieser Anhänger des Islam nahm es nicht sehr genau, und er aß manchmal Kleinigkeiten bei Tage während der Fastenzeit. In Jaffa verletzten auch andere Mohammetaner vor meinen Augen das Fastengebot. Der Hadschi trank Wein und Branntewein. Dem Kleinhandel obliegend, kaufte er in Jerusalem Rosenkränze, um sie in Konstantinopel zu verkaufen. Es ist überhaupt bei den Morgenländern Sitte, die selbst von den protestantischen Franken nachgeahmt wurde, mit einem Rosenkranze müßige Stunden zu vertreiben, indem sie eine Perle nach der andern von ihrer Stelle verschieben. Wenn die Leute des Niederganges bei ihren Besuchen nicht selten kaum wissen, welche schickliche Haltung sie ihren Händen geben sollen, um so weniger verlegen ist der Morgenländer, welcher mit Bequemlichkeit auf dem Diwane hockt, und mit den Händen anständig den Rosenkranz durchtändelt. Der Algierer hatte, als französischer Unterthan, einen französischen Paß bei sich. Er schien die Franzosen zu hassen. In Alexandrien besuchte er seinen alten Fürsten, den Dei.
Der Jude, ein Konstantinopler und Rentner, begleitete seine Frau nach Jerusalem, um in der heiligen Gegend mit ihr die Tage des Lebens zu beschließen. Sie starb ihm weg, und darum war er auf der Rückreise nach Konstantinopel begriffen, um vielleicht für den schmerzlichen Verlust der alten Geliebten bei einer jungen — Trost zu schöpfen. Viele Israeliten folgen bekanntlich einem religiösen Berufe, sich in der alten Königsstadt anzusiedeln, wenn sie sich bis zu einem gewissen Grade von ökonomischer Unabhängigkeit emporgearbeitet haben. Der Mann war hochbetagt und grau. Ich gewahrte an ihm keine einzige Untugend; nur war er schmutzig und voll Ungeziefer, das selbst seinen ehrwürdigen Bart zu einem Parke für die komischen Jagden mit der Brille — auserkohr. Die schönen Gesichtszüge und das ganze Benehmen, mit Vorbehalt einiger seltsamen Liebhabereien, gewannen dem Greise Zuneigung und Vertrauen. Das Beten verstand er aus dem Fundamente. Während des Gebetes konnte er sich die Kaffeeporzion zutheilen und andere Arbeiten unter fast krampfhaften Zuckungen der Lippen verrichten. Seine Augen strahlten hinauf zu Jehova demüthig aus den Lumpen, in die er sich genistet hatte, und aus den, irgendwo mit einem Tuchanschrote zugeschnürten Lumpensäcken, die ihn umschanzten. Das Schallah (wenn es Gott gefällt, so Gottes Wille) wiederholte er oft und kräftig im Flusse der Rede. Von fröhlichem Gemüthe, stimmte unser Konstantinopler bisweilen ein Lied oder gar die „Cara Cascatella“ an. Und siehe, da tanzte er einmal mit seinen krummen, vor Alter unwilligen Beinen, mit seinem gebogenen, steifen Rücken und mit seinen Eisschollen am Kinne. Man hätte dabei herzlich lachen müssen, wenn man selbst von keinem kleineren Unmuthe gebeugt gewesen wäre, als bei Hans Sachs die Bäurin wegen der saubern Wirthschaft ihres tölpischen Mannes:
Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt, Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt, Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.
Die Regungen der Freude sind verschieden und groß bei Jung und Alt. Tanzte doch David aus allen Kräften und jauchzend, als er die Bundeslade holte.
Nachdem ich einige Zeit in Mitte der Mohammetaner gelebt hatte, war die Gelegenheit mir recht erwünscht, die griechischen Christen in der Nähe ein wenig kennen zu lernen. Morgends und Abends zog der Schiffsjunge (Friandol) mit einem brennenden Weihrauchfasse von Mann zu Mann, und an dem emporwirbelnden, angenehmen Rauche bekreuzte man sich gar vielmal und schnell über einander, unter leisem und kurzem Gebete. Damit der Weihrauch ja nicht verfehle, wehte man ihn mit der Hand gegen das Gesicht. Der Koch war eine drollige Fettmasse auf Kosten Anderer, und ein Muster von kleiner Spitzbüberei. Das Fleisch kochte er gleichsam zu dürren Holzfasern aus, damit er die Brühe schlürfen könne. Glücklich trat ein griechischer Fasttag ein, da mir doch eine natürliche Suppe bereitet ward. Das erste Mal zwackte der Koch mir Reis. Beim zweiten Male, als er ein größeres Quantum wollte, erklärte ich ihm, ich kenne das Reiskochen zu gut, als daß er mehr benöthige. Wie er dann einsah, daß er mich nicht belugsen könne, meinte er: Etwas für die Herren in dem Zimmer des Hauptmanns. O nein, antwortete ich. Aber etwas für den Koch. Da war es ausgeplappert. Sogar Pappenstiele, wie diese, welche beinahe nicht die Tinte werth sind, können ins Innere des Menschen zeigen.
Montags den 18. Jenner.
Erwacht, aufgestanden, und die Stadt Rhodos schwebte im Schleier der Morgendämmerung vor den Blicken. Mit Ungeduld wollte ich denselben lüften; doch bald entschwand er von selbst, und deutlich erschienen die Umrisse der Stadt. Auf eine niedrige Anhöhe gepflanzt, fiel sie lieblich ins Auge. Neben dem freudigen Grün der Wiesen, welche die Stadt halb umkränzen, streben die düsteren Festungsthürme empor. Wir ließen die Quarantäneanstalt, ein schloßartiges Gebäude, rechter Hand, und legten im östlichen Hafen an; ein Tannicht von Masten deutete auf den westlichen.
Billig konnte ich nicht ans Land steigen — ohne Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen die alten Hellenen, welche, der Ruhm des Menschengeschlechtes, Denkmäler eines so nützlichen und edeln Daseins aufrichteten; hier insbesondere pries ich die Kolosser.