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Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Jerusalem.

Reading edition

Oertliche und klimatische Verhältnisse.

Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige), liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt, auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte. Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor (Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba (nach Jonas Korte) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller), zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa eine halbe Viertelstunde weit, um links mit dem Thale Kidron oder Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron. Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes, aber rauhes Land.

Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht durch das Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege dem Zion gegenüber sich befindet. — Das Franziskanerkloster liegt im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der Stadt Akra zu benennen, ob er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft, welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. — Unter dem Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem Namen Bezetha. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (via dolorosa) richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal besonders gähe Wände. — Die Moschee Omars soll auf der Felsnadel Moriah stehen, wo der weise König Salomo die Baustelle für den Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal hing (Flavius Josephus)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden, Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt in der Sprache der Deutschen den Sinn.

Ich ermangelte nicht, Flavius Josephus, welcher nicht lange nach Christus lebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen in der Lagebeschreibung des Jerusalemers Josephus umschwebt. Mich spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte. Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier der Brunnen in der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen? Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß ich keinen einzigen von jenen ganzen Steinen antraf, welche, nach der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ich Flavius Josephus verstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die Ortszeichnung des Pilgers Hans Jakob Ammann, welcher ihr mit den Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine vaterländische Farbe auftrug.

Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem und anhaltenderem Regen.

Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fast die einzigen Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle, sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen. Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug, daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den Ackermann, — das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers. Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit, der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?

Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.

Gesundheitszustand und Bevölkerung.

Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber, Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt Davids keinesweges und im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen, würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.

Bauart der Stadt.

Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß, ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde gehen.

Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht. Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere, hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, — für die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe, umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären Ammanns Worte: Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen, für das heutige Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.

Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt, und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden strömt.

Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen neuen zu bauen.

Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs von Stein; viele altern und weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe, umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen, welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte, daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische, Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer. Eroberungen von Ländern und Völkern folgt immer zuletzt und am zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.

Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen, daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenannte lingua franca überwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.

Die Kirche des Christusgrabes.

Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage, daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? — ob nun denn beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben und nicht unten, — das stelle man doch, bei der Fülle allwissender Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu verunglimpfen oder — zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im engern Verstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses Wort hier gebrauchen darf.

Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls. Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.

Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern, welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken die Abschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens, Ibrahim-Pascha.

Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen, sich über Golgatha und das Grab Christi wölbt. Wer zählt die Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort soll Christus gesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wird das heilige Grab oder das Grab Jesu Christi verehrt. Dem Eintretenden steht zur Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor, worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt, unter dem Kalvarienfelsen eine Treppe in einen Keller, die Kapelle Adams. Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde ich später mit Umständlichkeit erörtern.

An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu vertheilen.

Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der That eine wohlthätige Maßregel, daß die Mohammetaner in der ersten Kirche der Christenheit Polizei halten. Unzweifelhaft wären sonst die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. — Einige Gläubige konnten sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.

Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der Kirchenpforte Kreuze und andere sante cose (Heiligthümer), z. B. der ausgeschnitzte Christus am Kreuze, feil geboten. Die Christen in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole, und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus dem Munde der Priester und Gesetzkenner — die Wucherpflanzen der Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die Zweige der Tugend zu pfropfen.

Ich kann mich vom Grabe Christi nicht entfernen, ohne einer schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der Feldherr Ibrahim dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge, daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden, ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an Schwermuth leidet.

Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit des Glaubens lebten. Nachdem Salomo Schweigger, der Pilger des sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt, bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann auch weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen, ausgenommen das heilig Grab. So weit Schweigger, dem ich die Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab Christi zu sein, in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und ohn’ Entsetzen von Niemand, es seien Christen oder Türken, mag gesehen werden. Denn als ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für das Grab Christi, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen Christo zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie man eben von Schweigger vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. Hans Jakob Ammann, der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf jetzt beschriebene Weise wird das heilig Grab gezeigt, und siehet, der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso viel, als der, so gar nicht dahin kommt........ Ob man schon die Leute also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur Mauern gefunden habe.

So sprachen vor Jahrhunderten Schweigger und Ammann, der eine gegen die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes. Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.

Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?

Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte, wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt, und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die Weltgeschichte erzählt. Hadrianus ließ nämlich, zum Aergernisse der Christen, am Orte, wo Christus hingerichtet und begraben worden, einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erhob sich unter Helena, der Mutter Konstantins des Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels die Grabeskirche.

Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden. Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so stelle ich auf ihren Entscheid ab.

Die vier Evangelisten Matthäus und Markus, Lukas und Johannes erzählen, daß Christus auf der Schädelstätte (mons calvariæ, hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe eines Gartens beigesetzt worden sei.

Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem war der Ort, wo Jesus gekreuziget worden, überliefert der Jünger Johannes (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens, nichts für sich, als Schlußfolgerungen.

Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß ertheilt, und es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört. Ich urtheile nicht bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der Stadt, welchen ein Ingenieur, Failoni, gezeichnet hat, und welcher ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget, zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen, von welchem auch bei Flavius Josephus überall nicht die Rede ist. Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee, gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.

So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern. Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache — um auf andere nicht zurückzukommen — daß ein christliches Kloster auf dem Zion, will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.

Das Grab selbst oder die Kapelle desselben, welche die Grabeshöhle vorstellen soll, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte Josef von Arimathia den Leichnam Christi in Leinwand, legte ihn ins Grab (κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach, als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß Christus in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte, da Christus gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues Grab (Johannes 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen, daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.

Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt, aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame Grabesöffnung, schlüpfen, wovon Salomo Schweigger in seiner alten Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.

Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners, welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, wie willig und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben. Die Menschen, in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.

Die Gräber der Könige.

Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher Jeremias seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte. Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr, als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum, welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen. Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern, die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.

Die Aushöhlung des harten Felsens muß ein mühsames, kostspieliges Werk gewesen und jedenfalls von Vielvermögenden des Landes angeordnet worden sein. Man schreibt jetzt die Todtenkammern den Römern zu. In frühern Zeiten hielt man sie für die Gräber der Könige von Juda.

Die Grabhöhle der Maria.

Hinweg durch das Stephansthor, vorbei am Stephansplatze, vorwärts über die kleine, steinerne Brücke des Kidrons, — und man sieht gleich linker Hand den Eingang in eine Höhle. Siebenundvierzig Stufen von glattem Marmor leiten in ihre Tiefe. Es ist die Grabhöhle unserer lieben Frau, ihres Gemahls und ihrer Mutter. Eine Menge Blendwerk, Goldleuchter, geschliffene Steine der Kapelle verkümmern den Gedanken an eine natürliche Höhle. Eben lasen die griechischen Priester ihre Messe. Das Näselnde der Stimme widerte mich in hohem Grade an. Noch am widerlichsten näselte ein Knabe das Kyrie (Herr). Ich habe am Gottesdienste wenig Ernst, wenig Würdigkeit zu rühmen.

Hart an Mariens Grabhöhle stößt eine Höhle der Lateiner, worin die Apostel geschlafen haben sollen. Sie bildet den schroffesten Gegensatz der erstern: einfach und glanzlos.

Ueber der Marienhöhle stand in ältern Zeiten eine Kirche, bekannt unter dem Namen Marienkirche.

Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Ueberschreitet man die Kidronbrücke, und hält man am Fuße des Oelberges stille, so wird man staunend den Blick gegen Morgen auf Denkmale heften, die sich aus der grauen Vorzeit so gut erhalten haben, als die Pyramiden und Obelisken Egyptens. Es sind die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Das Grabmal Absaloms ist zum Theil aus dem Felsen gehauen; der thurmähnliche Aufsatz dagegen besteht aus Mauerwerk. Im Widerspruche mit der Ueberlieferung aber wurde, nach Flavius Josephus, zwei Stadien von Jerusalem dem Absalom eine marmorene Säule errichtet. Das Grabmal Josaphats, ein einziger, aus dem Felsen gehauener Stein, stellt ein kleines Häuschen vor. Schutt füllt fast das ganze Innere, welcher mit einem so geringen Aufwande wegzuschaffen wäre, und der mehr ein Denkmal auf die Trägheit der Zeitgenossen, als das Denkmal eines Verstorbenen zu sein scheint. Unverantwortlicherweise hält man es nicht einmal der Mühe werth, dasjenige recht zu betrachten, was die Urväter mit Anstrengung und Sorgfalt ausgearbeitet hatten. Nahe dem Grabmale Josaphats liegt jenes des Zacharias und an der westlichen Abdachung des Oelberges überhaupt eine Menge gehauener Grabhöhlen und jüdischer Grabsteine. Diese sind unförmliche Grabdeckel, höchstens an ihrer Oberseite glatt gemeißelt und mit einer hebräischen Grabschrift versehen.

Kenner stimmen mit einander nicht überein, ob die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen wirklich jüdische seien. So lange dieser Hauptstreit nicht geschlichtet ist, bleibt es unerheblich, das erste, zweite oder dritte Denkmal nach Absalom, Josaphat oder Zacharias zu nennen. Niemand aber bezweifelt ihr hohes Alterthum.

Der Brunnen Siloah.

Geht man vom Zionsthore links hinunter, steigt man an der Südostseite Jerusalems, gegenüber dem Dorfe Siloah, nicht hoch über dem Kidron einige Stufen in die Tiefe, schreitet man vorüber an dem baufälligen, kleinen, steinernen, einst von Säulen überragten Wasserbehälter, die vielleicht den Siloahthurm getragen haben; so bemüht man sich dann noch eine Treppe hinunter, und wen gelüstet oder dürstet, der darf nur sich neigen, um aus dem unverschlossenen, gänzlich in den Kalkfelsen greifenden Brunnen Siloah zu schöpfen und zu trinken. Ein Gang von zwei Fuß Breite, durchläuft er eine Ebene von dreihundertundsiebenzehn Schritten. Anfangs ist er zwei Mann hoch; nach zweihundert Schritten aber nimmt die Höhe ab, bis man zuletzt nicht anders, als auf beschwerliche Weise, mit geducktem Leibe, sich vorwärts bewegen kann. Schutt verhindert das weitere Vordringen gegen den Moriah. Das Wasser hat überall die gleiche Höhe von etwas mehr als einem Fuß. Die auftretende Sohle fühlt Sand und unter diesem den Stein. Der Gang wendet sich rechts. So erzählte mir der sonst nicht sehr verläßliche Führer, welchen ich zu diesem unterirdischen Spaziergange bewog.

Der über fünfhundert Fuß in den Kalkfelsen eingehauene Brunnen ist unstreitig ein ungeheures Werk. Der Tiefe und Breite nach verdient er kaum Erwähnung; allein wegen seiner beträchtlichen Länge enthält er einen Reichthum an süßem Wasser, das wohl auch vor Alters zu Bewässerung naher Gartenanlagen benützt worden sein mag. Wäre von den Alten ein solcher Gang unter dem Felsenbette eines Stromes getrieben worden, so würde er ein denkwürdiger Vorgänger des Londoner-Tunnel sein.

Ammann gedachte des Siloah-Brunnens mit mehr Bestimmtheit, als andere, die nach ihm denselben beschrieben haben: Unten an dem Berg Zion fleußt ein ziemlicher Bach aus dem Felsen heraus. Der Wege oder Gang dieses Wassers ist in den Felsen künstlich gehauen, daß man weit dem Wasser nach in den Felsen schliefen kann. Und fleußt dieses Wasser in den Felsen vom Tempel und der Stadt Jerusalem hinab. Auf der Höhe dieses Felsens soll auch der Thurm Siloah gestanden sein. Und gleich vor diesem Felsen gibt es ein klein Teichlein. Darinnen soll sich der Blinde im Evangelio gewaschen haben, da Christus zu ihm gesagt: Gehe hin, und wasche dich im Teich Siloah. So weit Ammann.

Zwischen dem Stephansplatze und dem Siloahbrunnen zeigte man mir noch eine Quelle unter dem Namen Marienquelle, vielleicht den Drachenbrunnen Nehemias.

Die Felsanhöhe Zion.

Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern Davidsthurm genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König David seine Augenweide an der sich badenden Bath Seba fand, obschon der Verfasser der Bücher Samuels (2, 11, 2) erzählt: Von dem Dache des königlichen Palastes sah David ein schönes Weib sich baden.

Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse das Kloster der Armenier. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein, daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt sein, wo der Apostel Jakob enthauptet worden war. Man öffnete sie mir ohne alle Schwierigkeit.

Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer durchdringt. Von dem Thore kommt man beinahe eben bis zur Moschee und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei, weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte. Auch der ehrliche Ammann, welcher aufs allernaiveste die Risse des Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“

Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters Kaiphas gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen die Burg Davids eingenommen und auf welchem Jesus das Abendmahl eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich kleinen und eher öden Scheitel des Zions.

Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel, ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des Ueberirdischen.

Der Oelberg.

In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt ihn den Teich Bethesda. Er stand einsam, und es sind um ihn die Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten. Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern Aeskulaps entflohen zu sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte ich bald Mariens Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder, wie es meinte, zu bemörteln.

Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle, welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines nackten Felsens, von dem aus Jesus in den Himmel gefahren sein soll. Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.

Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen. Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen, merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel Omars, groß und buntfarbig, unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr eine Moschee, und die Dome des Grabes Christi zeichnen sich vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist, übertraf weitaus meine Erwartungen.

Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht ungemein alt aussehende Oelbäume, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.

Die übrigen Merkwürdigkeiten,

welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu viel oder zu wenig.

Das zugemauerte goldene Thor unter der Omarsmoschee in der Stadtmauer; der Palast des Pilatus; die Häuser der heiligen Frauen, des Markus, Thomas, Jakob; der Bogen des Ecce Homo, der verfluchte Feigenbaum, die Schweißhöhle, der Jeremiasbrunnen; die Stellen, wo Jesus das Unser Vater lehrte, sein Todesurtheil voraussagte, wo er gefangen genommen wurde, wo er seiner Mutter, wo er den heiligen Frauen begegnete, wo er das Schicksal Jerusalems beweinte, wo er fiel oder sich auflehnte, und dadurch Gepräge auf dem Steine zurückließ, wo Petrus seine Sünden beweinte, dem Malchus ein Ohr abschnitt, und wo er gegeißelt ward, wo Simon genöthiget, das Kreuz aufzunehmen, wo Judas sich erhängte, wo Stephan gesteiniget wurde (der Stephansplatz zwischen dem Damaskusthor und der Kidronbrücke); das Lager der römischen Armee, als Titus Jerusalem belagerte, das Lager des Grafen der Normandie, das Quartier des Grafen von Flandern, di Paolo, Eustach Tankred, des Gottfried von Bouillon und des Grafen von Toulouse, u. dgl.

Physiologischer Karakter der Einwohner.

Wenn ich mich befleißigen werde, den Jerusalemer nach seinen körperlichen Eigenschaften hervorzuheben, so verstehe ich unter demselben hauptsächlich die Bauersleute der Umgebung, weil sie wohl das Bild der Vorältern treuer bewahrt haben werden, als der städtische Mischmasch.

Die Haarfarbe ist schwarz, die Hautfarbe weiß oder bräunlich; insbesondere macht sich ein schöner Anflug eines zarten Wangenroths bemerkbar. Rothe, blauäugige und blonde Leute gibt es selten. Der Körper eher groß, dabei gut und fest gebaut; das Zellgewebe mit ziemlich viel Fett. Die Stirne nicht sehr hoch und mäßig breit. Die Nase lang, gebogen, mit herabstehender Spitze und dünnen Flügeln, im Ganzen ziemlich groß. Die Lippen eher dünn und der Mund groß. Die Zähne schön. Das Gesicht spitzt sich, nach dem Umrisse eines Eies, von der Stirne nach dem Kinne zu. Das Ohr von mittelmäßiger Größe schließt sich dem Haupte an. Der Gang und überhaupt die Bewegung ist lebhaft, die Haltung des Leibes gerade. Die Weiber stehen den Männern an Schönheit nach. Vielleicht waren aber die schönen weiblichen Schätzbarkeiten verschleiert oder zu Hause. Aus den Augen der Männer, worunter bildschöne, strahlt eine ruhige Gluth. Ich sah nicht leicht etwas Ausdruckloseres, als den Blick und namentlich den halboffenen Mund der Frauen und Mädchen, welche sich vor dem Denken ordentlich zu fürchten scheinen.

Sitten und Gebräuche.

Sie herrschen im Allgemeinen ungefähr so, wie in Alexandrien, wo sie bei meiner Ankunft aus Europa mich beinahe betäubten. Wenn ich in Alexanders Pflanzstadt über die Gasse ging, so überraschte mein Ohr eine Art Gerassel. Ich trat näher; es war eine Mühle; ein Thier mit verbundenen Augen trieb im Zuge das Mühlerad. Also traf ich es auch in Jerusalem. Ein Mann, in den Gassen Großkairos herumziehend, bemüht sich, mit einem Kruge unter dem Arme, die Aufmerksamkeit der Menschen dadurch zu wecken, daß er, zwei Schüsselchen auf einander schlagend, ein hohes Geklingel verursacht. Es ist ein Meth- oder Sorbetverkäufer. Also sah ich es auch in Jerusalem. Auch hier hockt man bei Arbeiten. Lange Reihen von Kameelen, eines oder zwei mit einer Klingel, schreiten gleichsam als lebendige Alterthümer durch die Stadt.

Eine besondere Würdigung verdient

Die Tracht.

Ich will die Kleidung des Weibes voranschicken; denn da dieses überhaupt so viel Werth auf sie setzt, so gebührt ihm doch wohl der Vorrang.

Das Weib trägt ein blaues Hemde (Leibrock), das bis auf die Fersen flattert, und dessen Aermel in ein langes, spitzes, frei herumfliegendes Band enden. Dieser Leibrock, welcher durch einen Brustschlitz angezogen und mit einer Binde um die Lenden gegürtet wird, ist die einfachste Kleidung. Zu der zusammengesetztern gehört ein gestreiftes Ueberhemde (Ueberrock), welches bloß bis an die Knie und mit den Aermeln bis an die Ellbogen reicht, so daß der Leibrock die Vorderarme und Unterschenkel allein deckt. Vorne gespalten, kann das Ueberhemde wie eine Jacke angezogen werden. Die Leibkleidung wird der Morgenländer nicht als unzüchtig bezeichnen, welcher kaum beachtet, daß sie einen Theil des Busens den Blicken nicht entzieht. Den Kopf verhüllt ein weißer Schleier, ein lumpiger bei der armen Klasse, ein grober und schmutziger bei der mittlern, ein feiner und zierlicher bei der reichen. Die Schleier bei der letztern sind ungemein groß, fallen über die Schultern, die Brust und den Rücken, und verlaufen in Spitzen über den Fersen. Dieser Kopfschleier vertritt die Hauben und Hüte der Europäerinnen. Die Christinnen tragen im Durchschnitte keinen Gesichtsschleier. Die Mehrzahl der Weiber geht barfuß. Sogar an ziemlich kalten Tagen des Christmonats sah ich viele über die schmutzige Gasse barfuß ziehen. Die Uebrigen gehen in Schuhen von verschiedener Form, die meisten in rothen mit langem Ueberleder. Dabei fiel mir das Schuhgestelle außerordentlich auf. Um nämlich die Schuhe, die im Morgenlande auf die Dauer nicht wasserdicht sind, trocken zu erhalten, befestiget man auf jede Sohle querüber zwei etwa vier Zoll hohe Bretchen, und man wandelt mit einer solchen Vorrichtung trocken des Weges. Allein dieses Gehen kostet Mühe, zumal auf den glatten und nassen Steinen der unebenen Gasse. Ein Weib ging so langsam auf den Schuhbretchen einher, daß es mir verleidet und ich beinahe lieber bis auf die Haut durchnäßt worden wäre.

Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen; oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ⸬; oder zur Seite der Mundwinkel ⁛ Eines oder Mehreres, wo nicht Alles zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen Büchersäle zu bauen.

Der Mann trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut. Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf. Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze (Fes) auf ohne Bund.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen, bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der Dinge in Bezug auf Polizei sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft, vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

Strabo nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber, Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen Mehemet-Ali’s zurückzukehren, so will ich nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am Leben erhalten werden.

Die Regierung Mehemet-Ali’s reibt sich an so manchen Gegensätzen: Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen, selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden, über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen. Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.

Ich schilderte früherhin, daß, bei meinem wenig feierlichen Einzuge in Jerusalem auf dem müden, fast kniefälligen Esel, vor den Mauern der Stadt Truppen meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Gewandtheit und Regelmäßigkeit bei ihren Waffenübungen überstiegen alle Erwartung. Wie der Künstler seine Bildsäulen in einer geraden Reihe aufstellt, so stehen die Wehrmänner neben einander, nur darnach schauend, was sie ablernen sollen, und darnach horchend, was man ihnen befahl.

Die Bewaffnung des Soldaten besteht in einem wohlgeputzten Gewehre, wozu ein Säbel und eine kleine Patrontasche gehören. Letztere trägt der Soldat an einem gelbledernen Riemen über dem Rücken, auf welchem er zugleich in einem Habersacke die nöthigsten Bedürfnisse nachschleppt.

Die Kleidung ist bald von weißem, bald von rothem, bald von anderfarbigem Zeuge. Pumphosen umgeben enge die Unterschenkel, und enden innen und außen halbmondförmig, dergestalt, daß die Bogenlinie nach unten gekehrt ist. Den Oberleib und den Hals umschließt genau eine vorne zugeknüpfte Weste, und von den Aermeln derselben werden die Arme klamm umspannt. Eine Bauchbinde hält die Hosen und deckt ihre Verbindung mit der Weste. Die Kopfbedeckung ist eine rothe (Fẻs) und darunter eine weiße Mütze (Tarbusch), welche letztere gewaschen wird. Strümpfe fehlen. Der Schuh hat ein sehr langes Ueberleder. Der Soldat bewegt sich in der ganzen Kleidung mit Leichtigkeit, nur in den Schuhen nicht. Niemand wird abredig sein, daß man in der Montur die fränkische und morgenländische Tracht mit Klugheit zu vereinigen wußte. Die egyptische Soldatenkleidung von grünem oder blauem Tuche nimmt, etwas Plumpes abgerechnet, sich recht gut aus. Indeß vermochten die Europäer ihren Einfluß noch keinesweges in dem Grade geltend zu machen, daß das Pfeifen und Trommeln nicht etwas Wildes, Türkisches verriethe. Noch mehr aber fällt auf, wenn der wachhaltende Soldat mit dem Gewehre im Arme niederhockt u. dgl.

Zur Nahrung erhält der Soldat für zehn Tage das Quantum Reis, Bohnen, Linsen und Butter. Fleisch bekommt er zweimal in der Woche, im Fastenmonat aber alle Tage nach Untergang der Sonne. Die Speisen kocht der Soldat sich selbst, und das Getränke mag er holen, wo er will.

Was die Ausrüstung anbelangt, so gibt die Regierung dem Gemeinen alle sechs Monate ein Paar Schuhe und Hosen, eine Weste (Jacke) und ein Hemde, alle Jahre dagegen die rothe Mütze, einen Kaputrock und einen Teppich zum Lager oder als Bettung. Die weiße Mütze, die Bauchbinde und etwa Strümpfe schafft er sich selbst an. Beim Eintritte in den Dienst wird er sogleich vollständig bewaffnet; er ist jedoch gehalten, die Waffen auf eigene Kosten auszubessern.

Der monatliche Sold des Gemeinen beträgt 14½ Piaster; es fallen somit auf einen Tag nicht einmal 4 Kreuzer R. W. Ueberdies wird der Sold auch in Syrien sehr nachlässig ausbezahlt. Zur Zeit war er schon vierzehn Monate im Rückstande. Und wenn noch die Bezahlung erfolgt, so macht sie nicht reinen Tisch, sondern sie tilgt bloß einen Theil der Schulden. Ueber nachlässige Zahlung wird allgemein Klage geführt, und mit ihr vorzüglich ist der Leichtsinn oder vielleicht gar die Nothwendigkeit des Schuldenmachens eingerissen. Einmal über das andere langweilt man sich mit der Frage: Wann wird der rückständige Sold ausbezahlt? Ich hörte übrigens nie, daß die Zahlung, mag sie auch noch so spät geleistet werden, je ausblieb.

Je geringer der Lohn ist, welchen der gemeine Söldner empfängt, desto glänzender werden die Offiziere besoldet. Ohne den Taib (gut, Vergütung, Entschädigung) zu rechnen, steigt die monatliche Besoldung eines Obersten auf 16 Beutel (Seckel); den Beutel zu 500 Piaster. Er kann somit täglich etwa 34 Gulden R. W. verzehren. Der General erhält monatlich 24 Beutel. Die Verleihung des Generalstitels hatte für Clot auch besonders in Beziehung auf das Einkommen eine vortheilhafte Seite. Dem Bataillonsarzte (medico maggiore) sind für den Monat 750 Piaster Sold, 140 Piaster Taib und überdies jährlich 1000 Piaster für die Ausrüstung ausgesetzt. Die Anstellung gewährt wenigstens das Bequeme, daß sie nicht bindet, weil zu jeder beliebigen Zeit die Entlassung angenommen werden muß, sobald man sie einreicht.

Die Pilger.

Die griechische Kirche liefert am meisten Pilger, nicht nur viel Griechen, sondern auch viel Russen, und die verschiedenen Trachten vergönnen einen ergötzlichen Anblick. Wenn der russische Krieger sein Blut in den Schlachten nicht gespart hat, wenn er schon nicht mehr fähig ist, die Waffe zu tragen; er kehrt doch nicht zur Ruhe zurück, es erwacht in ihm, statt des weltlichen, der religiöse Kampf, und er wallfahrtet nach Jerusalem, um mit seinen Heiligthümern einen Frieden, nicht für das Hienieden, aber für die Ewigkeit abzuschließen. Die Griechen, sogar arme, verlassen ihren heimathlichen Herd, um Gott ihre Dienste anzubieten. Würden sie sonst das Leben mit Kargheit dahinbringen, so scheuen sie die Auslagen für die Wallfahrt und den Aufenthalt nicht. Ich sage ausdrücklich: den Aufenthalt; denn die griechischen Priester reichen ihren Pilgern die Nahrung nicht auf Kosten des Klosters. Die Pilgrime müssen, wie verlautet, vielmehr froh sein, wenn ihre Seelsorger sich nicht von ihnen bereichern.

Lateinische Christen unternehmen die Pilgerfahrt ungemein selten. Zu ihrer Beherbergung ist das Kloster des Erlösers bestimmt. Freie Bewirthung, selbst auch für Protestanten, ward großmüthig vom Papste geboten. Unter den abendländischen Pilgern gibt es nicht lauter fromme, sondern auch solche, die von Kloster zu Kloster herumstreifen, und darin gut essen und trinken, damit die auf solche Weise zurückgelegte Prachtreise ihnen am Ende daheim zur Fundgrube eines müßigen Glückes werde. Ich kannte einen solchen Pilger, der durch ganz Palästina ohne einen Reisegefährten zu Fuß herumwandelte. Einen Andern traf ich in Ramle, später auch in Jerusalem. Ein Schlesier, sprach er deutsch. Ich erinnere mich kaum einer schmutzigern Kleidung, als dieser deutsche Gärtner trug. Man muß die Beweggründe zu seiner Reise hören, um den Gehalt des Mannes zu prüfen. Zweimal sei er auf den Tod krank gewesen, und habe zuletzt das Gelübde gethan, das heilige Land einmal zu besuchen. Mit nichts, als mit dem schmutzigen Hemde am Leibe, mit Hosen, einem Rocke, Hute, Halstuch und mit schlechten Schuhen, mit wenigen in Tücher verpackten Habseligkeiten, die er an einem Stocke auf der Schulter trug, durchstrich er das jüdische Land bis auf den Libanon, und zwar ohne Kenntniß des Arabischen oder Türkischen, des Griechischen oder Lateinischen, des Französischen oder Italienischen. Drei Tage hielt er sich in Damaskus auf, ohne den Namen der Stadt zu wissen. Heuchlerisch suchte er mich zu überreden, daß er auf einer abenteuerlichen Nachtreise das Zeugniß vom Kloster des Erlösers verloren habe. Weil ihm die Sprache abging, um sich den Mönchen verständlich zu machen, konnte er mich bewegen, daß ich mich für ihn als Dolmetscher verwendete, und die Patres waren gutmüthig genug, ein zweites Zeugniß auszufertigen. Mich erfüllte ein seltsam Erstaunen, als er mir später erzählte, daß er Alles erlogen habe. Es ist der Nämliche, welcher, nach eigenem Geständnisse, einen österreichischen Reisepaß sich zu erschleichen wußte. Ein Franzose ohne Habe, aber mit einer reichen Lügenzunge, ebenfalls ein Pilger, verwendete all’ seinen Witz, um mich zu betrügen. Der Umstand, daß ich immer schußfertig auf dem Anstande war, machte ihn gegen mich unmuthig und bitter. Solches Gesindel betet unter Kniebeugungen und Bekreuzungen an den heiligen Stellen, wo, nach den biblischen Urkunden, Christus für die Menschen sein Blut vergoß, und wo sein Leichnam ins Grab gelegt wurde.

Es ist zudem merkwürdig, daß derlei geldentblößte Leute, die sich gegen den Gastfreund mit einem Geschenke nicht erkenntlich zeigen können, am lautesten aufbegehren und die Unverschämtheit am weitesten treiben.

Die Speisen und Getränke sollen in den Klöstern des jüdischen Landes durchgängig sehr gut sein. Vorzüglich rühmt man die Freundlichkeit der Klosterleute auf dem Libanon und ihren köstlichen Wein.

Der Geist der Christen.

Die heilige Stadt — welcher Wortmißbrauch. Man tadelt allgemein den Geist der Christen zu Jerusalem. Hier, wo man zum reinsten Christussinne aufgefordert werden sollte, wächst so viel Unkraut unter so wenig Waizen. Schlaffheit vertritt lebendiges Streben nach Wahrheit, Formenwesen geläuterte Begriffe, Pharisäismus religiöse Wärme. Man räumt dem Mohammetaner den Vorzug ein, ich glaube, mit Recht. Viele der verschiedenen christlichen Glaubensbekenner benehmen sich so unwürdig, daß man sich beinahe schämen möchte, ein Christ zu heißen. Eine weite Kluft unauslöschlichen Hasses gähnt zwischen den vielfarbigen Bekennern des Christenthums.

Die Griechen verdienen zuerst den Tadel. Um zu einem Zwecke zu gelangen, lassen sie keine Mittel unversucht. Man weiß kaum, wie man von Leuten denken soll, welche, wie die griechischen Priester, ausdrücklich berufen sind, Heiligthümer zu verehren, und an ihrem eigenen Heile zu arbeiten, und welche gleichwohl so viele Heillosigkeiten begehen. Daß sie vom Glauben an einen vergeltenden Gott durchdrungen sind, hält zu begreifen schwer, und wenn sie diesen Glauben noch hegen, so ist er ein schlechter, weil er mit der Annahme gepaart sein muß, daß der Glaube ohne Tugend selig mache. Ich will zwar nicht behaupten, daß es unter den griechischen Priestern nicht auch wackere Männer gebe; nur sind diese, nach übereinstimmenden Aeußerungen, nicht häufig.

Die lateinischen Priester sehen im Allgemeinen ziemlich alltäglich aus. Wenige liebten das lateinische Gespräche, und doch lesen alle die Messe in lateinischer Zunge. Freilich begnügen sich manche Menschen dieses Schlages, in majorem Dei gloriam auf der Oberfläche herumzuschwimmen, ohne daß ihnen der Gedanke beifällt, in der Taucherglocke vom Grunde die Schätze heraufzuholen. Ich darf kaum bemerken, daß die lateinischen Mönche gemeiniglich alle Andersgläubige bemitleiden, weswegen man mir wohlmeinend rieth, ja nirgends den Protestantismus durchblicken zu lassen. Der rothbäckige Verwalter rühmte eines Abends die Gastfreundschaft des Klosters mit den Worten, daß es alle Franken beherberge, klopfe ein Katholik oder ein — — — an. Ich verzeihe dem guten Pater eine solche wenig würdige Sprache, für die ich Gedankenstriche, als die geeignetesten Schriftzeichen in unserer Zeit, wählte. Vom Pater Superior, unter dem Titel Reverendissimus, spricht Jedermann mit Achtung.

Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens, mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen Verhältnisse.

Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche.

Gänzlichen Sündenablaß erhält man: beim Betreten des heiligen Landes, wenn man sieben Vater unser und Ave Maria betet; denn die Mühseligkeiten und Gefahren, welche mit der langen Reise verbunden sind, werden als eine Buße für die eigenen Sünden betrachtet; beim Eintritte ins Thor von Jerusalem, nach Verrichtung von ebensoviel Gebeten; in der Franziskanerkirche zum Erlöser in Jerusalem, und zwar am Altare der Verkündigung sowohl, als des Abendmahls von Christus und seiner Erscheinung vor Thomas; in der Kirche des Christusgrabes, nämlich an den Altären der Kreuzerhöhung und Kreuzigung, am Steine der Salbung, an der Säule der Geißelung, in der Kapelle des Christusgrabes und der Helena, am Orte der Kreuzerfindung; in Jerusalem an den Plätzen, wo Maria, die Mutter des Christus, empfangen und geboren ward, am Bogen des Ecce Homo, im Palaste des Pilatus, nahe am Orte der Geißelung; in der Umgegend vor Jerusalem, nämlich bei der Ankunft auf dem Zion, im Besondern im Hause des Hohenpriesters Kaiphas, am Bächlein Kidron, auf der Brücke, wo Christus seine Kniee eindrückte, am Grabe seiner Mutter Maria und des Lazarus in Bethanien, auf der Burg von Magdalo, an der goldenen Pforte; in Bethlehem, und zwar am Altare, wo Christus geboren ward, am Altare der Krippe, so wie der Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande; in der Umgebung Bethlehems, im Lande der Hirten, wie am Orte der jetzt verlassenen Kapelle, wo denselben der Engel erschien; in St. Johannes auf dem Berge, am Altare seiner Geburt, in der Wüste, wo er das Evangelium predigte; in Nazareth, nach dem Eintritte in die Stadt und am Altare der Empfängniß; in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa und zwar auf dem Berge Thabor, in der Stadt Nain, in Sephoris (Szaffad), wo die Aeltern Marias geboren wurden, in Kana, am Geburtsorte der drei Apostel Bartholomäus, Matthäus und Simon, am Jordan.

Ablaß auf sieben Jahre und zweihundertundachtzig Tage: zu Jerusalem in der Grabeskirche, am Altare der Kleidervertheilung, an der Kleidersäule, ferner im Gefängnisse auf dem Bezetha und am Orte, wo Christus Magdalenen erschien; in Bethlehem, am Grabe der Unschuldigen, im Oratorium des Hieronymus, an seinem Grabe, am Grabe der Paula, ihrer Tochter Eustochia und des Eusebius, in der Schule des Hieronymus; in der Umgegend von Bethlehem, am Grabe der Rahel, im griechischen Eliaskloster, auf dem Felde, wo der Engel den Habakuk wegtrug, in der Zisterne der heiligen drei Könige, am Terebinthenbaume, in St. Saba; in St. Johannes auf dem Berge, an der sogenannten Marienquelle, am Orte, wo die zwei Basen einander begegneten, an dem Orte, wo Philip den Eunuchen der Königin von Aethiopien taufte; in Nazareth, im Hause Josefs, am Tische des Herrn, an der Quelle der Jungfrau; in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa, bei der Maria der Furcht, auf dem Seligkeitsberge, dem Aehrenfelde, am Orte der Speisung mit Broten und Fischen, am See Genesareth, in Bethsaida und Kapernaum.

Ich glaubte irrig die Ablaßstellen, wovon ich mehrere besuchte, wenigstens durch Kreuze bezeichnet. Ohne einen Führer würde man, im Geiste des Ablasses, sehr wichtige Stellen unbeachtet überschreiten.

Der alte deutsche Pater und die große Apotheke.

Im Kloster des Erlösers lebt ein grauer Achtziger aus Mähren, Pater Vital. Mich verlangte, den Greis zu sehen. Ein schöner Mann mit blauen Augen, rosigem Wangenschimmer und gebeugtem Körper begrüßte mich mit der einnehmendsten Herzlichkeit. Mir wollte Jerusalem und seine Umgebung nicht gefallen, und ich fragte ihn um seine Meinung über das Leben in diesem Lande. „Ja, was ist es?“ antwortete er. „Man ist nun einmal da. Es muß gut sein.“ Der Sinn der Worte war leicht zu deuten.

Ich traf den Pater gerade in der Werkstätte. Er treibt im Kloster das Geschäft eines Apothekers und Arztes. Dazu ist er also noch Pater. Alle gute Dinge sind drei. Von der Werkstätte gingen wir in die Apotheke. Wenn nur das Halbe wahr ist, was an den Büchsen und Gläsern geschrieben steht, so besitzt sie einen reichen Schatz von Arzneistoffen, daß man sich in der That verwundern muß, wenn man die Lage Jerusalems in einer bildungsarmen Gegend berücksichtigt.

Die herrschende widrige Witterung machte mich ein wenig unpäßlich. Ich ermangelte nicht, dies dem Pater Vital zu eröffnen, zugleich aber die Bemerkung beifügend, daß ich ein Arzt sei. Ohne irgend zu untersuchen, trug mir der Mann Gottes einen Schnapps Rosoli aus der Apotheke mit einer Schnelligkeit und Zuversicht an, daß ich unwillkürlich auf die Vermuthung geführt wurde, es mögen hin und wieder die Klagen eines Preßhaften mit diesem leckern Safte beschwichtiget werden. Ich verbat mir dieses Mittel darum, weil es mein Uebelbefinden nothwendig verschlimmern würde. So mag denn hier die Arzneigeberei beschaffen sein. Schnappskuren wären gar zu schmackhaft[3].

Meine Zelle im Kloster des Erlösers.

Ich hatte eben kein fürstliches Aussehen, und ich kann mir es wohl erklären, wenn man mir nicht aller Orten die beßten Zimmer anwies.

Ich habe früher die freundliche Aufnahme von Seite des Klosterverwalters erwähnt, und diesmal bloß nachzutragen, daß er dem Klosterbedienten Elias zu verstehen gab, er solle mir ein kleines, doch gutes Kämmerlein einräumen, weil man die andern Zimmer für die hohen Personen, die man eben erwarte, bereit halten müsse.

Mein Zimmer, mit einem Bette, Tisch und Sessel, war durchaus schlecht, ohne Fenster, nicht einmal mit gut schließenden Läden, und eine Oeffnung über der Thüre hatte gar keine Vorrichtung zum Sperren. Lustig pfiff der gefällige Wind, die zum Theil schlaflosen Nächte mir zu vertreiben. Es scheint allenthalben dafür gesorgt, daß die Welt zum Himmel hinauf lacht. Wäre es nur nicht ziemlich kalt gewesen, ich würde die Orgeltöne des Windes noch süßer gefunden haben. Beim Schreiben war ich in einen Mantel, die Füße in eine wollene Decke gewickelt, und dennoch konnte ich mich auf diese Art mit genauer Noth wärmen. Die Ueberzeugung wurzelte in mir fest, daß ich in einem solchen Zimmer von meiner Unpäßlichkeit nicht genesen könne, und daß ich daher auf die Abreise dringen müsse, wenn mir anders die Gesundheit am Herzen liege.

Die Schattenseite des Lebens bietet doch ungemein viel Abstufungen dar.

Auf dem Meere dachte ich: Wenn ich nur zu Lande wäre, ich wollte zufrieden sein.

Bei den Pyramiden von Memphis dachte ich: Wenn ich nur wieder unter Franken wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in Kairo dachte ich: Wenn ich nur wieder in einem kältern Himmelsstriche wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in der Wüste dachte ich: Wenn ich nur wieder auf bewohnten Boden meinen Fuß setzen könnte, ich wollte zufrieden sein.

Und in dem Gefängnisse unter dem Zelte dachte ich: Wenn ich nur wieder ein vor dem Regen schützendes Zimmer und die Freiheit hätte, ich wollte zufrieden sein.

Und beim beschwerlichen Ritte von Gaza dachte ich: Wenn ich nur einmal wieder Ramle erreichte, oder wenn mir nur wieder die Bequemlichkeiten des Schiffes auf der See vergönnt wären, ich wollte zufrieden sein.

Wie vielmal wollte ich zufrieden sein, und wie vielmal war ich es nicht? Das kann sich so fügen: Im Augenblicke, da man eine Widerwärtigkeit fühlt, erscheint sie am größten; die vergangene tritt in dem Grade kleiner vor die Seele, als ein Gegenstand vor das Auge, der sich immer weiter entfernt.

Billig stimme ich in das allgemeine Lob auf die gute Bewirthung des Klosters. Die Speisen waren alle schmackhaft. Mir that es wehe, daß ich die in einem zinnernen Becher mir zugereichte Porzion weißen Wein wegen meiner eine strengere Lebensweise gebietenden Unpäßlichkeit nicht ganz trinken durfte. Ich kostete noch keinen edlern Wein, und ich nahm davon sogar als Arznei auf die Reise mit. Nach der Versicherung des Klosterbedienten wächst er in Bethlehem.

Der Führer um und in Jerusalem.

Zu den Sehenswürdigkeiten ist ein Führer vonnöthen. Wendet man sich — das Vorzüglichste, das man thun kann — ans lateinische Kloster, so wird es für einen Dragoman sorgen.

Die Kirche des Christusgrabes ist nicht immer offen. Deswegen muß man im Kloster darnach fragen, wann sie aufgeschlossen werde, um nicht vergeblich sich hin- und herzutreiben. Diese Kirche zu sehen, soll das erste Augenmerk sein. Zu ihrer Aufsuchung wird kein Führer gerade nothwendig. Es weiß den Tempel Jedermann. Viele auf der Gasse verstehen italienisch. Doch in der Grabeskirche selbst bedarf man einiger Anleitung.

Man schlägt mit dem Führer folgende Wege ein:

1) Um die Stadt. Durch das Thor von Damaskus zur Jeremiasgrotte. Dann zu den Gräbern der Könige. Nun richtet man sich gegen das Josaphatsthal; man überschreitet die Kidronbrücke. Jetzt nach einander die Grabhöhle Mariens und der Apostel, sowie der Garten Gethsemane. Hernach auf den Oelberg. Herab zu den Gräbern Absaloms, Josaphats und Zachariassen. Zurück über den Kidron. Unter dem Moriah (Moschee Omars) die Brunnen, insbesondere derjenige Siloahs. Auf letzterem Wege lasse man sich das blinde Thor des, wie man vorgibt, ehemaligen Salomonstempels zeigen. Jetzt ersteige man den Zion; die Hausstelle des Kaiphas und die Stelle der Davidsburg. Das Alles wird man ohne Hinderniß besuchen können; einzig die Mariengruft ist meist gesperrt. Es genügt, daß der Führer sie einmal weise. Man fragt, wann sie offen sei, und man macht allein einen Spaziergang dahin, da sie sehr leicht zu finden ist. In das Dunkel der königlichen Gräber und des Siloahbrunnens muß man sich leuchten.

2) In der Stadt. Wir waren schon in der Kirche des Christusgrabes. Unweit von hier glaubt man den Palast des Pilatus; man gehe durch die sogenannte Schmerzensgasse bis zum vorgeblichen Palast des Herodes und zum sogeheißenen Kerker Christi. Von da begibt man sich in die Nähe der Omarskirche, die man doch von außen ein wenig besehen kann.

Der Führer wird nicht umhin können, mannigfaltige Erinnerungen und Erzählungen, z. B. von heiligen Eindrücken in Steinen, von Häusern heiliger Weiber und Männer, an die Wege zu knüpfen. Ich geleitete bloß zum Sehenswürdigsten.

Bei guter Witterung wird man in einem Tage, bei schlechter in zwei Tagen zuversichtlich allenthalben herumkommen.

Rückblick auf Jerusalem.

So wenig der erste Anblick der Stadt meiner Erwartung entsprach, so tief, ich muß es laut gestehen, wurde sie beschämt, als ich anfing, die Denkwürdige mit Aufmerksamkeit zu zergliedern. Wenn auch nicht der Buchstabengläubige und der ungestüme Zweifler, so kehrt doch der ruhige Prüfer aus der gefeierten Stadt zurück. Jerusalem verdient mit vollem Rechte von dem Alterthumsforscher, zumal aber von dem Israeliten und Christen, besucht zu werden. Es erscheint nicht wenig auffallend, daß hier die Nachgrabungen, um Alterthümer zu entdecken, nicht nach einem durchgreifenden Plane, wie an so manchen andern, geschichtlich vielleicht weniger wichtigen Orten veranstaltet werden. Es liegt über allen Zweifel hinaus, daß der Nachgrabende in Jerusalem mannigfaltige Schätze der Vorwelt hervorziehen würde, die zu Erklärung des alten und neuen Testamentes ungefähr so viel beitragen könnten, als das ganze Heer von Stuben- und Schriftgelehrten seit Jahrhunderten wirklich dazu beigetragen haben. Es versteht sich wohl von selbst, daß, um so zu sagen, keinerlei heilige oder unheilige Besorgnisse von den Nachgrabungen abhalten dürfen. Die Wahrheit ist in der That heiliger zu achten, als daß es erlaubt wäre, auf das Erforschen derselben zu verzichten, weder den Einen, weil sie etwa fürchten, daß der neue Fund den bisherigen Glauben schwäche, noch den Andern, weil sie besorgen, daß er ihn stärke.

Ausflug nach Bethlehem.

Holperiger Weg; das unscheinbare Elias mit einer reizenden Aussicht nach Jerusalem und Bethlehem; Rahels Grab; in Bethlehem Pfützenreichthum, das Franziskanerkloster, der Stall und die Krippe; die Bethlehemiten und Bethlehemitinnen; zu Fuß nach Jerusalem zurück.

Durch die Erzählung der Unannehmlichkeiten mit einem Eseltreiber will ich Niemand belästigen; man hat manchmal mit solchen Leuten so viel Mißliches, daß man beinahe das alte Gebot zurückwünschen möchte, nach welchem den Christen untersagt war, in und um Jerusalem zu reiten.

Ich ging durch das Jaffathor, wendete mich links über das Thal Gihon, und bald war ich auf der Thallehne Hinnon, Jerusalem gegenüber und mit diesem ungefähr in gleicher Höhe. Der Anblick der Stadt verheißt von hier aus nicht viel; kaum zeichnet sich der Zion aus.

Der holperige Weg gleicht unsern Bergwegen. Die Leute lassen sich die Mühe reuen, ein kleines Sträßchen anzulegen, so leicht es wäre. Man hat nicht ganz Unrecht, vom Zustande der Straßen auf die Bildungsstufe der umwohnenden Menschen zu schließen.

Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen, von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem Rücken selbst das griechische Kloster des Elias: wenig vorstellende Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe. Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am beßten wehren. An dem Eliaskloster vorüber, und auf dem Scheitel des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht. Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken. Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird. Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von Elias aus, sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, Rahels Grab unter einer mohammetanischen Kuppel.

Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf. Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.

Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.

Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit, und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung zufolge, Christus geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle, unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte vor meinen Augen lag („hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer Wunsch, daß nur einen Hirten eine Heerde umgeben möchte? Man zeigt auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen, worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen z. B. auf Hieronymus, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und Kirchenboden einnehmen.

Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv, wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget. Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese, wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.

Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit. Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung, daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden. Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den wahren Menschenpocken und bloß eine erwachsene Person.

Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter, gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.

Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.

Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man — — —. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß, als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein, nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen. Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke über Elias, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes Begebniß erreichte ich Jerusalem.

Die Beschiffung des Lothssees.

Obgleich ich den Lothssee, in den sich der Jordan ergießt, ohne daß er einen sichtbaren Ausfluß hat, nicht selbst besuchte, so scheint es mir doch am Platze, mitzutheilen, was ich zu wiederholten Malen erfuhr, daß dieses gefürchtete Wasser, in dessen Nähe Tacitus ein großes Naturereigniß (Kräuter der Wiesen und Saaten des Feldes verwandelten sich gleichsam in Asche) verlegte, im Sommer des Jahres 1834 von einem Engländer (vielleicht vom Irländer Carnagan) beschifft wurde. Er ließ von Jaffa einen Kahn hinüberschaffen, und mit einem Bedienten beschiffte er den See. Der Unternehmer starb nach der Seefahrt; der Bediente aber lebt noch. Die übrigen Mähren zu erzählen, will ich am liebsten schuldig bleiben.

Nach Jaffa am Mittelmeer.

Abermals allein gereist; der Regen des heiligen Landes behagt mir nicht; Beschwerden vom Reiten her; ein Araber, der ein Huhn verloren, redet mich auf italienisch an; Nachts in Ramle; Clausura per le donne, quoique und parceque; durch die Ebene Saron mit nassem Sack und Pack; bald in Jaffa.

Freitags den vierten Christmonat schied ich von Jerusalem. Den Rückweg bis Ramle kennen wir. Ich bemerke bloß ein paar Dinge:

Ich reiste abermals allein, nach der goldenen Regel: Lieber keine, als eine schlechte Gesellschaft. Ein Franzose, dem ich mich anheischig machte, die Reise nach Jaffa zu bezahlen, wenn er die Merkwürdigkeiten Jerusalems mir zeige[4], sollte zwar mitreisen; weil er aber ein Trunkenbold und ohnehin ein unzuverlässiger Mann war, so zog ich vor, ihn vorangehen zu lassen. Daher kam es, daß ich über das Gebirge bloß einen Araber, den Führer, zum Gefährten hatte.

Erst gegen eilf Uhr Mittags verließ ich das Neuhaus, nachdem ich den Führer lange umsonst erwartet hatte. Daraus erwuchs mir der Nachtheil, daß gerade schlimme Witterung sich einstellte, die sich während des ganzen Zuges über das Judengebirge wirklich sehr unordentlich aufführte. Der Regen goß in Strömen hernieder, indeß dann und wann der Nebel in seiner gespenstergrauen Farbe herumschlich. Einmal wollte ich mich gerade in einer tiefen Gebirgsschlucht trocken decken. Ich entfaltete den Polster, auf dem ich saß, um mich in denselben, wie in einen Mantel, zu hüllen. Naß, müde, ja halb krumm unter der Regentraufe und für den Augenblick der Besinnung gleichsam bar, legte ich den durchnäßten Deckmantel, den ich bisher trug, auf den Sattel. Nun wurde ich natürlich auch da, wo ich bis jetzt trocken blieb, benäßt. Um das Maß der Unannehmlichkeiten zu füllen, trat noch ein anderer übler Umstand hinzu. Der Sattel des Thieres war ungebührlich breit und überhaupt schlecht, so daß mein rechtes Bein roth und blau sich rieb[5].

Von der Bergreise will ich noch eine Begebenheit berühren. Es kamen Araber entgegen, welche mit Hühnern beladene Esel vor sich hin trieben. Einer derselben fragte mich auf italienisch, wie viel Uhr es sei. Ohne anzuhalten, antwortete ich: Non sò (ich weiß es nicht). Ich möchte mich für den Verdacht nicht bestimmt erklären, daß der Fragesteller gerne meine Uhr gesehen und als gelegene Beute mitgenommen hätte. Verdacht wäre sonst um so gegründeter, als die Uhren oder die Werkzeuge zur Zeitmessung unter den Arabern, insbesondere unter den Beduinen, als eine große Seltenheit gelten, weil sie das Bedürfniß künstlicher Zeitmessung in ihrem, dem Naturzustande nahe stehenden Leben bereits gar nicht fühlen. Schon waren die Araber wenige Schußweiten von uns entfernt, als ich ein Huhn, unzweifelhaft einen verlorenen Theil der Ladung, am Wege daliegen sah. Ich war im Begriffe, die Araber, als die höchst wahrscheinlichen Eigenthümer, zu rufen; allein der Grund überwog, den verdächtigen Burschen nicht gleichsam die Hand zur Rückkehr zu bieten, und mein Führer unterließ beides, zu rufen und das Huhn für sich aufzuheben.

Kaum recht aus dem Gebirge, kaum die Ebene von Ramle vor den Augen, und die Nacht ließ ihren dunkeln Vorhang vor mir, dem bis auf die Haut Durchnäßten, fallen. Mich fror es inzwischen nicht eigentlich; denn die Witterung, auf den Bergen und dem Niederlande so verschieden, wie dort Tag und hier Nacht, war jetzt lieblich, gleich dem milden Blicke unschuldiger Kinder. Ein Regenbogen beim Mondesscheine (erstes Viertel) entzückte mich zum ersten Male.

Ich langte wiederum Nachts in Ramle an. Ich nahm schon deswegen die Einkehr im lateinischen Hospiz, weil ein Theil meines Gepäckes dort zurückblieb. Es wäre ungerecht, wenn ich das Nachtessen tadeln wollte; aber zur Schmeichelei werde ich ebenso wenig hinunterkriechen, daß im Hospiz Reinlichkeit an der Tagesordnung sei. Bei uns speiset mancher Bettler mit einem saubern Löffel, mit einem reinern Messer und einer gefälligern Gabel, als der Reisende in diesem mönchischen Gasthause. Ueber einem Gange steht, wie im Erlöserkloster zu Jerusalem, in italienischer Sprache geschrieben (clausura per le donne), daß den Frauen der Eintritt verboten sei. Ganz wohl; denn die unreinlichen Männer müßten sich vor den Weibern schämen, die in der Küche nach einem bessern Geschmacke sich einzurichten wissen.

Den 5.

Mit nassen Hand- und Druckschriften im Felleisen und selber noch nicht in trockenen Kleidern, setzte ich, bei guter Witterung und in Gesellschaft eines Militärinstruktors, eines italienischen politischen Flüchtlings, den Weg fort nach Jaffa durch eine ausgedehnte Ebene, die Saron, welche mit dem Brautgewande des Lenzes geschmückt war. Man erblickt die Küstenstadt schon in einer Stunde Entfernung von einer sanften Anhöhe aus, wodurch die Saronebene beinahe nichts Nennenswerthes an ihrer Einförmigkeit verliert. Gleichsam zur Entschädigung dafür belebt vor den Mauern der Stadt den Ankömmling der angenehme Geruch üppiger Gärten, worin Goldäpfel die Bäume beschweren. Vor Mittag schon ritt ich durch das Thor von Jaffa.

Von Gaza bis Ramle sind zwölf Stunden zu Fuß, von Jerusalem bis Ramle ebenso neun Stunden und von hier bis Jaffa viertehalb Stunden.

Notes in this chapter

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