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Kriegsgefangen

„In’s alte, romantische Land.”

Reading edition

1. Domremy.

Wie heißt der Ritter?

Baudricourt. Er steht

Kaum einen Tagesmarsch von

Vaucouleurs

.

** *

Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter

Aus meines Königs Flecken

Domremy

,

Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul.

(Jungfrau von Orleans.)

Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt.

In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt, hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein char à banc, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment »Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen. Er hielt auch Wort.

In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein, theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den vollklingenden Worten »Kilometer« und »quatre-vingt-douze« zu bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist, und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: Eh bien, demain matin 7 heures. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte. Ich muß dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte, um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen mauvais sujets und die Effronterien des ersten besten Strolches zu schützen.

7 Uhr früh rasselte der Wagen über das Pflaster und hielt vor meinem Hotel. Ich war fertig; eine Viertelstunde später lag Toul hinter uns.

Bis Vaucouleurs sind 3 Meilen. Von rechts her traten mächtige Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Es war eine entzückende Fahrt; die Chaussee bergansteigend und wieder sich senkend, dann und wann ein Flußstreifen, eine Wassermühle, dazu rund umher das Herbstlaub in hundert Farben schillernd. Ehe wir noch die erste große Biegung des Weges erreicht hatten, erfüllte sich, was sich immer zu erfüllen pflegt: ein Fußgänger stand am Wege und bat, aufsteigen zu dürfen. Der Kutscher stellte ihn mir als einen seiner »Freunde« vor. Ich kann nicht sagen, daß er mir dadurch besonders empfohlen worden wäre, und ich rückte meine Reisedecke unwillkürlich etwas zurecht. Ich hatte aber unrecht. Der neue Fahrgast erwies sich als ein freundlicher, angenehmer Mann; plaudernd über Krieg und Frieden fuhren wir um 10 Uhr in Vaucouleurs hinein.

Ein reizender kleiner Ort. Der Kutscher hatte zwei Stunden dafür festgesetzt, Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich wohlerhaltene Schloß des »Ritters Baudricourt«, das die Stadt beherrscht, zu besuchen. Ueber diese Erinnerungsstätte zu berichten, ist hier nicht der Ort. Um 12 Uhr weiter nach Domremy.

Domremy — das von den Bewohnern dortiger Gegend immer nur Dórmy ausgesprochen wird — liegt noch drittehalb Meilen südlich von Vaucouleurs. Das Terrain verändert sich hier etwas und nimmt mehr und mehr den Charakter eines Defilees an. Die Höhenzüge zur Rechten bleiben dieselben, aber von gegenüber treten die Berge näher heran, während unmittelbar zur Linken ein breites Wiesenthal sich zieht, drin die Meuse fließt; das Ganze nicht ohne Reiz, aber ein wenig kahl und verbrannt, voll frappanter Aehnlichkeit mit dem Nuthethal, das sich von Potsdam aus, an Saarmund vorbei, bis hinauf an die alte sächsische Grenze zieht. Halben Wegs erreicht man Burey en Vaux, das Dörfchen, wohin Jeanne d’Arc zu ihrem Oheim Durand Laxart ging, als sie im elterlichen Hause nicht länger wohlgelitten war; dann (zur Linken) ein mittelalterliches, halb schloßartiges Gehöft, bis endlich, bei einer Biegung des Weges, Domremy selbst mit einzelnen seiner blitzenden Dächer sichtbar wird. Nicht mit seiner Kirche. Es hat nur eine Kapelle, die, etwas tief gelegen, sich hinter Pappeln und anderem Baumwerk versteckt.

Die letzten zehn Minuten vor Einfahrt in das Dorf waren die schönsten. Es war, als ob die Reisegötter hier noch einmal den Zweck verfolgten, ein Uebriges für mich thun und die ganze Scene künstlerisch abrunden zu wollen. Ein Geistlicher in weißem Haar und breitkrämpigem Hut kam des Weges; wir grüßten einander. Ein Hirt folgte; strickend schritt er seiner Heerde vorauf. Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete mein Kutscher: les cheveux de la St. Vierge. War es denkbar, unter glücklicherer Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Und doch täuschten alle diese Zeichen.

Um 3 Uhr etwa fuhren wir in die Hauptstraße von Domremy hinein. Es ist ein Dorf von mittlerer Größe, eher klein. Der Eindruck, trotz hellen Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer; Alles schien auf Verfall und Armuth hinzudeuten. In der Mitte des Dorfes hielten wir vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: Café de Jeanne d’Arc. Es war unheimlich. Ich hatte dieselbe, mich direkt ins Herz treffende Empfindung wie am Abend vorher, wo der Blaukittel mich besucht und seine Botschaft ausgerichtet hatte.

Ich eilte, mich diesem Eindruck zu entziehen; die geweihte Stätte, wo »la Pucelle« geboren wurde, schien mir der geeignetste Platz dazu. Ich brach also unverzüglich auf. Es waren nur 150 Schritt; in einem Stück Gartenland lag das ehrwürdige Gemäuer. Ich zog die Glocke an einem sauberen drahtgeflochtenen Gitterthor, das den Garten von der Straße schied. Eine »Religieuse« öffnete und machte die Führerin. Und siehe da, als ich erst in der Nische über der niederen Eingangsthür das in Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau, innerhalb des Hauses selbst aber den alten eichenen Wandschrank sah, der ihr Jahre lang als Truhe gedient hatte, fiel alles Mißtrauen wieder von mir ab und ich fühlte mich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben. Ich machte meine Notizen, trat dann zurück in den Garten und versenkte mich noch einmal in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten Ortes. Convolvulus rankte sich um die Stämme einiger Cypressen; Resedabeete füllten die Luft mit ihrem Duft, die Religieuse sprach leise freundliche Worte; — alles war Poesie.

In unmittelbarer Nähe des Hauses »de la Pucelle« liegt die Kapelle. Sie ist gothisch. Einige Glasfenster, namentlich eines, dessen bunte Scheiben das Wappen der Jeanne d’Arc aufweisen, deuten auf das 15. Jahrhundert zurück; das meiste aber ist modern. Ich verweilte wohl eine Viertelstunde an dieser Stelle, mir jedes Kleinste einprägend, und trat dann wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine Statue der Pucelle erhebt. Diese kniet im Gebet, preßt die linke Hand aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt; — eine wohlgemeinte, aber schwache Arbeit.

Ich klopfte eben mit meinem spanischen Rohr an der Statue umher, um mich zu vergewissern, ob es Bronce oder gebrannter Thon sei, als ich vom Café de Jeanne d’Arc her eine Gruppe von 8 bis 12 Männern auf mich zukommen sah, ziemlich eng geschlossen und unter einander flüsternd. Ich stutzte, ließ mich aber zunächst in meiner Untersuchung nicht stören und fragte, als sie heran waren, mit Unbefangenheit: aus welchem Material die Statue gemacht sei? Man antwortete ziemlich höflich: »aus Bronce«, schnitt aber weitere kunsthistorische Fragen, zu denen ich Lust bezeugte, durch die Gegenfrage nach meinen Papieren ab. Ich überreichte ein rothes Portefeuille, in dem sich meine Legitimationspapiere befanden, selbstverständlich nur preußische. Man suchte sich darin zurecht zu finden, kam aber nicht weit und forderte mich nunmehr auf, zu besserer Feststellung sowohl meiner Person, wie meiner Reiseberechtigung ihnen in das Wirthshaus zu folgen.

Die ganze Scene, so peinlich sie war, hatte, der Gesammthaltung der Dorfbewohner nach, nicht gerade viel Bedrohliches gehabt und schien nach unserem Eintreten in das Wirthshaus, wo bald Wein und Reimser Biscuit herumgegeben wurden, ein immer helleres Licht gewinnen zu wollen. Ich machte alle Umstehenden, deren Zahl von Minute zu Minute wuchs, mit dem Inhalt meiner Legitimationspapiere bekannt und setzte ihnen offen den Zweck meiner Reise und dieser speziellen Excursion nach Domremy auseinander, was alles wohl aufgenommen wurde. Aber der kleine Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder schwinden. Ich war eben noch im besten Peroriren, als ein junger Bauer, der sich mit meinem Stock zu thun gemacht hatte, die Krücke aus der Stockscheide zog und mit einem »ah, un poignard« die mir zuhörende Gesellschaft überraschte. Es durchfröstelte mich etwas, weil ich klar einsah, was jetzt nothwendig kommen mußte. Ich faßte mich aber schnell und zur Initiative greifend, die allein einem Schlimmeren vorbeugen konnte, sagte ich mit Ruhe: Naturellement, Messieurs, je suis armé. Ich sprach es so, daß man heraushören mußte: mit diesem Poignard allein ist es nicht gethan. Man verstand mich auch sofort und von mehreren Seiten hieß es jetzt: »ah, ah! sans doute un revolvèr«, während Andere dazwischen riefen: »où est-il? où sont ses effets? cherchez! apportez!« Man brachte alsbald meine Reisedecke und bestand seltsamerweise darauf, daß ich sie selber öffnen solle. Es war, als hätt’ ich sie mit Torpedos geladen. Ich konnte mich selbst in diesem Augenblicke eines Lächelns nicht erwehren, löste die Riemen, wickelte die Decke auseinander und überreichte meinen Revolver. Er ging von Hand zu Hand; ich konnte wahrnehmen, daß er mit sehr verschiedenen Gefühlen betrachtet wurde.

Die Situation war bereits heikel genug, aber schlimme Momente kommen nie allein; so auch hier. In eben diesem Augenblick, wo die Stimmung gegen mich ziemlich hoch ging, drängte sich durch den dichtesten Haufen ein wüst aussehender Geselle, der, gedunsen und kurzhalsig, seiner apoplektischen Anlage durch 6 Litre Wein täglich zu Hülfe zu kommen schien, stellte sich sperrbeinig vor mich hin, schlug mit der Faust auf seine Brust und erklärte mit lallender Zunge: »Je suis le Maire.« Dies kam mir sehr ungelegen. Ich griff zu einem verzweifelten Mittel und sagte ihm unter Verbeugung, »daß ich erfreut sei, ihn zu sehen«, was bei Einzelnen (ich hatte also richtig gerechnet) sofort eine gewisse Heiterkeit zu meinen Gunsten erweckte und die Gebildeteren veranlaßte, die Dorfobrigkeit, die noch allerhand faselte, bei Seite zu schieben. Dies war sehr wichtig für mich. Solch trunkener Imbecile, an dem Alles, was Vernunft und Wahrheit ist, nothwendig scheitern mußte, war das Schlimmste, was mir in solchem Momente begegnen konnte.

Einer aus dem Kreise der Minorität trat jetzt an mich heran und fragte ruhig: ob ich damit einverstanden sei, daß man mich nach Neufchateau auf die Souspräfektur führe? Ich mußte lächeln; ebenso gut hätte er mich fragen können, ob ich damit einverstanden sei, gehängt zu werden? Ich mußte eben tragen, was über mich beschlossen wurde.

Meine Einwilligung war kaum ausgesprochen, als man meinen Kutscher, der mich übrigens nicht verrathen hatte, antrieb, seinen Braunen wieder einzuspannen. Ich bezahlte meine Zehrung, die Wirthin nahm das Geld und sah mich theilnahmsvoll an. Sie schien sagen zu wollen: die Welt ist toll geworden. Im Moment, wo ich auf den Flur hinaustrat, legte ein hübsch aussehender, rothblonder Mann seine Hand auf meine Schulter und flüsterte mir zu: »Monsieur, encore un moment!« Er wies auf ein großes Hinterzimmer, in das er voranschritt; ich folgte. Als wir allein waren, zeigte er mir ein Papier, das an seiner Spitze ein umstrahltes Dreieck und in dem Dreieck, soviel ich erkennen konnte, einige hebräische Zeichen trug. »Connaissez vous cela?« Es schien mir ein Freimaurer-Papier. Ich antwortete: »Nein«, hinzusetzend, daß ich die Bedeutung allerdings zu kennen glaubte. »Ah! c’est bon!« Er steckte sein Papier wieder ein und ich war entlassen. Ob er wirklich meine Freilassung durchsetzen wollte, oder ob das Ganze umgekehrt nur eine Falle war, darüber kann ich bloß Vermuthungen hegen. Das Eine ist so gut möglich, wie das Andere.

Wir stiegen auf. Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, ich eingeklemmt zwischen beiden; hinter uns, auf einem Strohbündel, lagen zwei Blousenmänner. Die Sonne war im Niedergehen, der Abend klar und schön; so ging es auf Neufchateau zu.

2. Neufchateau.

What may this mean, That thou Revisit’st thus the glimpses of the moon?

** *

How now! a rat?

Hamlet.

Die Blousenmänner schliefen; mein Nachbar der Franctireur aber plauderte und rauchte seine Cigarrette. Er war frisch, patriotisch, bescheiden; meine Situation flößte ihm eine gewisse Theilnahme ein. Ich fragte nach dem Souspräfekten. Der Franctireur nannte mir den Namen: Mr. Cialandri, ein Corse. Ich kann nicht sagen, daß mir bei diesem Zusatz besonders wohl geworden wäre. Ein Corse! Die Engländer haben ein Schul- und Kinderbuch, das den Titel führt: »Peter Parley’s Reise um die Welt, oder was zu wissen noth thut.« Gleich im ersten Kapitel werden die europäischen Nationen im Lapidarstyl charakterisirt. Der Holländer wäscht sich viel und kaut Tabak; der Russe wäscht sich wenig und trinkt Branntwein; der Türke raucht und ruft Allah. Wie oft habe ich über Peter Parley gelacht. Im Grunde genommen stehen wir aber allen fremden Nationen gegenüber mehr oder weniger auf dem Peter-Parley-Standpunkt; es sind immer nur ein, zwei Dinge, die uns, wenn wir den Namen eines fremden Volkes hören, sofort entgegentreten: ein langer Zopf, oder Schlitzaugen, oder ein Nasenring. Unter einem Corsen hatte ich mir nie etwas anderes gedacht als einen kleinen braunen Kerl, der seinen Feind meuchlings niederschießt und drei Tage später von dem Bruder seines Feindes niedergeschossen wird. Man kann daraus abnehmen, welcher Trost mir aus der Mittheilung erwuchs, daß Mr. Cialandri ein Corse sei.

Es dunkelte schon, als wir in Neufchateau einfuhren. Die Straßen waren wenig belebt; nach einigem Hin- und Herfragen hielten wir vor der Souspräfektur. Der Anblick war der freundlichste von der Welt. Ein Gitter, ein kiesbestreuter Vorhof, dahinter eine Villa, im italienischen Castell-Styl aufgeführt. Das Baumaterial war rother Ziegel; Wein und Pfirsich rankten am Spalier. Nach erfolgter Anmeldung wurde ich Trepp’ auf geführt. In einem mit türkischem Teppich ausgelegten Salon saßen die Damen des Hauses; ein Diener brachte eben die Lampen; ich verneigte mich. Mr. Cialandri empfing mich an der Schwelle des dahinter gelegenen Zimmers, das dieselbe Eleganz zeigte: Marmorkamin, breite Spiegel, Fauteuils. Auf einem derselben wurde ich gebeten, Platz zu nehmen. Mr. Cialandri setzte sich mir gegenüber. Das Kaminfeuer beleuchtete seine Züge.

Es war ein schmächtiger Mann, von vollkommen weltmännischer Tournüre, dabei augenscheinlich krank. Er entschuldigte sich, daß er im Flüstertone sprechen müsse. Sein Auge war dunkel, sein Teint erdfahl; wenn sich irgend eine Blutrache an ihm vollzogen hatte, so konnte sie nur den Charakter anhaltender Aderlässe gehabt haben. Er drückte sein Bedauern aus, bei den Zeitläuften, die leider herrschten, mich nicht ohne Weiteres in Freiheit setzen zu können; der Capitain der Gensdarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere veranlassen.

Die Situation, Alles in Allem genommen, schien mir nicht hoffnungslos; aber sie sollte sich bald verändern. Der Capitain trat ein, verbeugte sich leicht und nahm dann den mit leiser Stimme gegebenen Bericht des Souspräfekten entgegen. Dann und wann warf er ein kurzes Wort ein und blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu mir herüber. Ich hasse im Allgemeinen nichts mehr als diese thörichten Augenkämpfe, die, aus einer falschen Vorstellung von Muth und Mannhaftigkeit hervorgehend, schon so viel Unheil angerichtet haben; diese Blicke aber hielt ich aus. Woher mir, bei sonstiger Scheuheit, die Kraft dazu kam, weiß ich nicht. Gleichviel, ich hielt aus. Gefühl der Unschuld, Abwehr gegen offenbare Provokation, endlich die ruhige Ueberzeugung, daß man durch sich Kleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert hat — all’ das mochte zusammenwirken.

Der Capitain wandte sich jetzt an mich: Vous êtes officier prussien? Non! Vous avez fait une „excursion” à Domremy? Oui! Vous suivez votre armée? Oui et non! En tout cas je n’en dépends pas. Ah, ah! — Vous avez été à Toul? Oui! A Nancy! Oui! Vous êtes médecin? Non. Mais vous portez la croix rouge! Oui; comme légitimation. Ah, ah!

Nun folgte wieder ein Geflüster und eine Seitenmusterung, worauf ich gebeten wurde, ihm zu folgen. Ich verbeugte mich gegen den Souspräfekten, die Damen im Salon erwiederten höflich meinen Gruß und ich stieg rasch in den Flur des Hauses nieder. Im Hinaustreten auf den Vorhof besann sich der Capitain (wofür ich ihm danke) plötzlich eines Besseren, ließ eine Hinterpforte öffnen und führte mich auf abgekürztem Wege und durch Straßen, wo Niemand unserer achtete, in das Gefängniß der Stadt.

Es war ein weitschichtiges Gebäude, Corridore, ein Gewirr von Treppen; endlich öffneten wir ein Zimmer, darin der Greffier von Neufchateau seine Wohnung hatte. Im Kamin knackten die großen Scheite; die Flamme schlug hoch auf und gab dem niedrigen aber geräumigen Gemach mehr Licht, als die kleine Lampe, die auf dem Tische stand. Im Moment unseres Eintretens erhob sich der Greffier, nahm die Lampe, schlug den Schirm zurück und schritt uns entgegen. Ich war wie vom Donner getroffen; das leibhaftige Ebenbild meines Vaters stand vor mir. Wir schrieben den 5. Oktober; vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, war er gestorben; — hier sah ich ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge selbst jene Mischung von Strenge und Gutmüthigkeit, wie sie ihm eigenthümlich gewesen war.

Der Capitain übergab mich dem Greffier, der den vollklingenden Namen Mr. Palazot führte, verbeugte sich gegen mich mit einem Anflug von Ironie und ließ mich mit meinem Hüter allein. Ich war jetzt Gefangener.

Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stellte die üblichen Fragen und machte einige Notizen, nachdem ich Uhr und Geld und ein kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponirt hatte. Nachdem so alles Dienstliche abgemacht worden war, glättete sich die Stirn des Alten! er warf ein neues Scheit in die Flamme und forderte mich auf, an seiner Mahlzeit teilzunehmen. Es waren Carotten in einer Petersiliensauce. Ich lehnte dankend ab, bat aber um ein Glas Wasser und einen Löffel Cognac. Mein alter Gascogner nickte, gab in die Küche hinaus die Ordre und alsbald erschien Madame Palazot, um mir das Gewünschte zu bringen. Wir saßen nun zu dritt um den runden Tisch und sprachen von Krieg und Frieden. Die üblichen Trivialitäten wurden ausgetauscht und aufs Neue festgestellt, daß Krieg eine sehr böse und Friede eine sehr schöne Sache sei. Nachdem wir uns innerhalb dieses Glaubensbekenntnisses gefunden, wurden die Herzen immer offener. »Madame«, eine herzensgute Frau, holte das Bild ihres Sohnes, eines hübschen Husaren-Offiziers, dessen Regiment die großen Kavalleriechargen bei Mars la Tour mitgemacht hatte und von dem seit der Einschließung von Metz keine Nachrichten mehr eingetroffen waren. »Il est mort«, — dabei liefen der Alten die Thränen über das Gesicht; der Alte sah starr vor sich hin, spießte eine Carotte auf, legte aber die Gabel wieder nieder, ohne gegessen zu haben. Ein braunfleckiger, weißer Hühnerhund, der dem Sohn gehörte, stimmte winselnd in die Familientrauer mit ein. Eine halbe Stunde später kam Besuch, ein junger Advokat, natürlich Republikaner. Mr. Palazot war Orleanist. Die Debatte wurde immer lebhafter, der Advokat sprach sich mehr und mehr in Feuer und Flamme hinein: »L’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne?! jamais, jamais! Vous voulez une guerre d’extermination, une guerre à outrance, — eh bien vous l’aurez.« Mir schwindelte der Kopf. Die furchtbaren Aufregungen dieses Tages, die sich immer wieder aufdrängende Frage: »was wird?« die Diskussionen in einer fremden Sprache, — eine völlige Erschöpfung kam über mich und ich bat, mich in mein Zimmer zu führen. Ich glaube, ich sagte wirklich Zimmer.

Es mochte 9 Uhr sein. Mad. Palazot, auf meine Bitte, gab mir vier wollene Decken mit; der Alte selbst nahm ein Licht und führte mich in mein »Zimmer« hinüber. Es trug die Inschrift »cachot«. Wir sagten einander gute Nacht, der Bolzen wurde vorgeschoben.

Ich kann nicht sagen, daß mich ein Schrecken angewandelt hätte; im Gegentheil, ich hatte das Gefühl einer innerlichen Befreiung; ich war allein. In diesem Wort liegen Himmel und Hölle. Ich empfand zunächst nur jenen. Der übliche Gefängnißapparat, der Schemel, der Wasserkrug, das eiserne Bett machten mich lächeln. Ich sprach vor mich hin: alles ächt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das Mondlicht bis in die halbe Tiefe des Zimmers, drunten, in weißem Schimmer, lag die Stadt. Ich schritt eine Viertelstunde lang auf und ab; dann entkleidete ich mich und wickelte mich in die Decken. Ich war todmüde und hoffte »einen guten Schlaf zu thun«.

Es war anders beschlossen. Ich mochte 5 Minuten geschlafen haben, als mich ein lautes Nagen und Knabbern weckte. Ich fuhr auf und horchte. Kein Zweifel, Ratten. Wie mir dabei zu Muthe wurde, kann ich nicht beschreiben. Ich wußte sofort: einen Schlaf giebt es in dieser Nacht nicht mehr für dich. Hätt’ ich auch anders darüber gedacht, die Bewohner hinter Wand und Diele hätten mich bald eines andern belehrt. Nie hab’ ich diese Thiere mit solcher Frechheit sich gebehrden sehen; sie waren überall; zupften und zerrten an den Decken, ließen sich durch mein Husten und Zurufen nicht im Geringsten stören und machten, wenn sie unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter hinjagten, den Eindruck einer infernalen Kavallerie auf mich. Jeden Augenblick mußt’ ich fürchten, daß sie mein Bett mit Sturm nehmen würden.

Der erste Seufzer kam aus meiner Brust. Bis dahin hatt’ ich mich gehalten. Ich stand auf, kleidete mich an, wickelte mich in meine Reisedecke und setzte mich auf das Fensterbrett, das gerade breit genug war, meinem Körper Platz zu geben. In solcher Stellung, nur mal rechts, mal links meine Rückenlehne suchend, durchwachte ich die Nacht, zählte ich die Viertelstunden. Das höllische Gethier, das mich einfach als einen Eindringling betrachtete, ließ übrigens auch jetzt nicht von mir ab; sie drängten sich an den Schemel, den ich als eine Art Treppenstufe an das Fenster geschoben hatte und suchten diesen zu erklettern; als sie aber ihre Anstrengungen scheitern und mich beständig auf Wache sahen, gaben sie endlich ihre Chargen auf. Um 4 Uhr wurde es still; um 5 Uhr dämmerte es.

Um 7 Uhr erschien Mr. Palazot. Ich sagte ihm, daß ich nicht geschlafen hätte und weshalb nicht. Er lächelte. »Ja, ja.« Am Kaminfeuer sollten jetzt die Gespräche vom Abend vorher wieder aufgenommen werden; aber, trotz angeborner Höflichkeit, — ich konnte nicht. Eine Viertelstunde lang, während ich wieder ein wenig Wasser und Cognac trank, hielt ich es aus; dann fragte ich ihn, ob er mir wohl erlauben wolle, in seinem Sorgenstuhl den versäumten Schlaf der Nacht nachzuholen? Er nickte, gab mir sein bestes Kissen und ich rückte mich zurecht. An Schlaf war natürlich nicht zu denken, auch lag mir nur an Ruhe, an der Möglichkeit, mir selber anzugehören.

So saß ich eine Stunde; das Feuer knisterte, der Hühnerhund gappste nach den Fliegen, der Alte las, Mad. Palazot ging leise, wie auf Socken, auf und ab. Mit dem Schlage neun wurde es draußen laut; schwere Schritte klangen auf der Treppe; drei Gensdarmen, große schöne Leute, traten ein. Unter ihrer Eskorte, so erfuhr ich jetzt, sollte ich nach der Festung Langres, zum Brigadegeneral gebracht werden. Abschied war bald genommen: meiner freundlichen Wirthin sprach ich die Hoffnung aus, daß sie ihren Sohn wiedersehen möge. Sie weinte: jamais, jamais!

Der Bahnhof lag an der entgegengesetzten Seite der Stadt. Ich mußte also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passiren. Es war eine Art Volksfest; die Nachricht von meiner Verhaftung hatte sich schon am Abend vorher in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet. Als ich so Haus bei Haus, an den Gruppen Neugieriger vorüber mußte, ging mir die Strophe eines alten Liedes durch den Sinn:

Mary Hamilton schritt die Straß entlang, Alle Mädchen schauten herfür, Die Männer und die Frauen Standen fragend in der Thür.

So das Lied. Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu sterben. Wohin schritt ich?

3. Langres.

Was schüttelt Dich nun? was erschüttert den Sinn? Ein innrer Schauer durchfährt mich.

Egmont.

Von Neufchateau bis Langres werden 12 Meilen sein. Wir machten die Fahrt in vier Stunden, im Allgemeinen durch Neugier, oder Schlimmeres, wenig belästigt. Die einzige Klasse von Personen, die sich hier, wie auch späterhin, durch eine gewisse feindselige Zudringlichkeit auszeichnete, waren Beamte niedern Grades, die in noch junger Beziehung zum »rothen Bändchen« standen, kleine Carrièremacher, die auf diese Weise ihrer nationalen, aber mehr noch ihrer persönlichen Eitelkeit fröhnen wollten. Sie traten an das Coupéfenster, unterwarfen mich einem Kreuzverhör, musterten mich, und verschwanden wieder. Sie waren nicht geradezu unhöflich, nur das ganze Verfahren überhaupt bildete eine Unart.

Es war gegen 2 Uhr, als wir Langres erreichten. In halbstündiger Entfernung vom Bahnhof, auf einem Bergrücken, lagen Stadt und Festung; dort mußten wir hinauf. Trotz Oktober war eine glühende Hitze; die Sonne stach. Halben Wegs bat ich, einen Augenblick rasten zu dürfen; man war sogleich bereit, und stellte mir anheim, diese Berg-Ersteigung in so viel Etappen zu machen, wie mir bequem sei. Endlich waren wir oben, das Festungsthor nahm uns auf.

Gefängnisse und Verhörslokale, zu meinem nicht geringen Leidwesen, lagen hier, wie an allen anderen Orten, die ich zu passiren hatte, immer am entgegengesetzten Ende der Stadt, so daß ich das Spießruthenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich kennen lernte. Ich erweiterte auf die Weise zwar meine Städtekenntniß, aber ich hätte auf diesen Wissenszuwachs gern Verzicht geleistet. Die Straßenjugend, auch hier in Langres, war ziemlich arg hinter mir her, namentlich in den engeren Gassen, und wenn mir von den Zurufen auch vieles entging, so hatte ich doch gerade Ohr genug, um das immer wiederkehrende »pendre« und »fusiller« sehr deutlich herauszuhören.

Endlich standen wir vor dem Verhörslokal; die Militairgerichtsbarkeit der Brigade hatte hier ihren Sitz. Man führte mich in ein niedriges Büreau-Zimmer, an dessen großem Doppel-Schreibtisch zwei Capitaine beschäftigt waren. Der Gensdarmerie-Wachtmeister entlud seine Ledertasche und legte allerhand Papiere, darunter auch die Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man mir in Domremy abgenommen hatte, auf den Tisch. Der scharfe Gang bergan (der eingebüßten Nachtruhe ganz zu geschweigen) hatte mich so angestrengt, daß ich einer Ohnmacht nahe war. Da ich aber zugleich empfand, daß es auf die Antworten, die ich hier zu geben haben würde, sehr erheblich ankommen müsse, so bat ich zuvor um ein Glas Wasser. Man brachte mir Wein. Ich stürzte es herunter und war nun wie neubelebt. Die Fragen, die an mich gerichtet wurden, waren dieselben wie in Neufchateau, aber ruhiger, weniger feindselig. Man wollte auch hier einen Offizier aus mir herauspressen, um so mehr als das vom Gensdarmeriecapitain ausgestellte Begleitpapier mich ohne weiteres als einen solchen angemeldet hatte, meine Erscheinung und Sprachweise aber, vor allem die Notizen meines Taschenbuchs, die ein Interprete rasch durchfliegen mußte, schienen im Ganzen die Situation zu meinen Gunsten zu ändern. Es kam nur darauf an, ob dieser Eindruck dauern oder durch irgend etwas anderes paralysirt werden würde.

Das ganze Verhör hatte kaum 10 Minuten gedauert; ich wurde entlassen und durch meine Begleiter einige Straßen weiter in ein graues schloßartiges Gebäude geführt. Ich betrat es mit einer gewissen Zuversicht, die sich darauf gründen mochte, daß ich, am Schluß meines Zwiegesprächs mit den beiden Capitainen, das Wort »Kaserne« gehört zu haben glaubte, ein Wort, das mir in der Lage, in der ich mich befand, schon halb wie Freiheit klingen mußte. Ich sollte indeß nicht lange in diesem Irrthum bleiben. Ein kleiner, schwarzäugiger Franzose (Monsieur Bourgaut, wie ich später erfuhr) nahm mich in Empfang, stellte die üblichen Fragen und führte mich dann Trepp’ auf, über lange Corridore hin, in ein geräumiges, in allem übrigen aber meinen Erwartungen wenig entsprechendes Zimmer. Mr. Bourgaut selbst war ungemein beweglich und geschäftig, plapperte mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin, die ich nicht verstand und verschwand dann rasch, nachdem er sich wie ein Kreisel verschiedene Male umgedreht hatte. Das Ganze gefiel mir nicht allzu sehr. Mit einer Art Sehnsucht dachte ich an meinen alten Palazot zurück.

Ich war nun allein und suchte mich mit meiner neuen Behausung bekannt zu machen. Die Thür war auf geblieben, das schien mir ein gutes Zeichen, aber freilich auch das einzige. Das breite Fenster war dicht vergittert, der Deckenkalk in großen Stücken herabgestürzt, die Dielen zernagt oder durchgetreten. An den weißen Wänden war nichts sichtbar als breite, braune Flecke, wo es durchgeregnet, und lange schmale Streifen, mal grau, mal roth, wo ein Vorbewohner ein Zündholz probirt hatte. Der Kamin war zugemauert, nur ein zweihandgroßes Loch hatte man gelassen, das jetzt durch einen rostigen Eisenschieber geschlossen war. Der Zugwind machte, daß dieser Schieber beständig hin und her klapperte, was mir alsbald unerträglich wurde. Ich wollte also durch eingeklemmtes Papier nach Möglichkeit Ruhe schaffen und zog den Schieber in die Höhe. In dem dunklen Loch dahinter lagen abgenagte Knochen. Es war nichts Aengstliches, nur Ueberreste eines Mahls, das ein Gefangener von besserem Appetit als ich selber, an dieser Stelle eingenommen hatte; aber ich kann doch nicht sagen, daß ich angenehm dadurch berührt worden wäre.

Ich trat nun an das Fenster und durch die Gitterstäbe hinunterblickend, mußte ich jetzt den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, daß ich mich in einer Kaserne befände. Aus dem von allen vier Seiten eingeschlossenen Hofe, zum Theil unter den Säulen, die ihn colonnadenartig umstanden, saßen 20 oder 30 Graujacken und zupften Wolle. Ich wußte nun wo ich war. Auch an der allerdirektesten Bestätigung sollte es alsbald nicht fehlen. Monsieur Bourgaut erschien mit einem Tische in der Thür, drehte sich mit demselben wieder dreimal herum, schob ihn in eine der Ecken und sagte dann, als er meiner in der Fensternische gewahr wurde: »Retirez vous; vous ne connaissez pas ces gens là bas; ce sont des Condamnés«. Es überlief mich ein wenig. Im Verlaufe meiner Kriegsgefangenschaft bin ich später Tag um Tag mit »Condamnés« zusammengewesen und habe dabei erfahren, daß auch ein wegen Trunkenheit oder Disciplinarvergehen zu drei Tagen Gefängniß Verurteilter diesen für unser Ohr entsetzlichen Namen führt. Damals aber waren mir die Condamnés noch einfach »Verdammte« und ich hatte durchaus das Gefühl mich »tra la perduta gente« zu befinden.

Ich wurde gefragt, welches Nachtessen ich zu nehmen wünsche? Ich bat nur um etwas Thee. Mr. Bourgaut äußerte sich zustimmend (leider wieder in längerer Rede) und empfahl sich. Es begann nun zu dämmern; in ihren schweren Holzschuhen klappten und polterten die Condamnés über alle Treppen und Gänge des ehemaligen Schlosses hin; die Riegel wurden vorgeschoben; nur mein Zimmer blieb zunächst noch offen. Die Thür war leise angelegt. Ich schritt in der Diagonale auf und ab, überlegte, berechnete, balancirte, ein letzter Tagesschimmer leuchtete noch einmal über den Dachfirst gegenüber; dann wurd’ es dunkel. Ich setzte meine Marschübungen fort. Plötzlich stutzte ich, als ich von der Thür her zwei feurige Punkte auf mich gerichtet sah. Ich erschrak, aber nur, um im nächsten Momente mich desto freier zu fühlen. Eine prächtige Katze hatte ihren halben Körper durch die Thürklinse geschoben und folgte unter leisem Spinnen, mit dem Ausdruck der Verwunderung, meinem endlosen Auf und Ab. Ich rief »Miß, Miß«, besann mich dann aber rasch, daß die französischen Katzen eine andere Anrede verlangen und legte in das landesübliche »mimi« meinen allerzärtlichsten Ton. Ich hatte wohl Grund dazu. Der Anblick meines liebsten Freundes hätte mir nicht so viel Trost gegeben. Ich wußte jetzt, daß ich die nächste Nacht schlafen würde. Und danach vor allem stand mein Sinn.

Selbst Mr. Bourgaut, der noch einmal wiederkam, um mir meinen Abend-Thee zu bringen, konnte mich in diesem Vorsatz und dieser Hoffnung nicht stören, so wenig auch die Worte, mit denen er sich mir empfahl, geeignet waren, meiner Nachtruhe Vorschub zu leisten. Er nahm nämlich eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte dann, um vieles deutlicher und accentuirter als gewöhnlich: Demain matin, Mr. le Général, en présence des autorités civiles et militaires, décidera votre sort.

Dies »décidera votre sort« hatte einen ziemlich finstern Klang, und ein nahe liegendes Reimwort antwortete in mir darauf; aber das Physische war doch in diesem Augenblicke mächtiger, als alles andere; ich trank meinen Thee und 5 Minuten später schlief ich fest.

Ich weiß nicht wie lange. Aber mitten in der Nacht fuhr ich auf. Der Körper hatte sich ein Genüge gethan und die unruhige Seele, die bis dahin vergeblich den wie todt Schlafenden gerüttelt und geschüttelt hatte, hatte ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückgeweckt. Es war »demain matin«. Ich hörte nur eins: »décidera votre sort«. Welches? Eine furchtbare Angst ergriff mich und mit übergeschäftiger Phantasie fing ich an zusammen zu addiren, was alles gegen mich sprach. Es gab eine hübsche Summe. Luneville, Nancy, Toul waren die drei Punkte, von woher man die Preußen erwartete. Ich kam von Toul. Der ganze Weg, den ich gemacht, war ein Defilee. Man hatte Waffen bei mir gefunden. Das rothe Kreuz, das an meinem Arm prahlte, war ich nicht befugt zu tragen, wenigstens nicht nach Anschauung unserer Feinde. Meine Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches, die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner Vertheidigung beibringen konnte! Ich sah nur schwarze Kugeln in die Urne fallen und — mon sort fut décidé. Eine halbe Stunde lag ich so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit der Gewißheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich war fertig mit Allem und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich nicht klein und verächtlich sterben zu lassen. Genug davon. War es Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief wieder ein.

Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben, gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß Alles davon abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen, und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf dem Büreau des Generals lag. »Donnez-moi du temps et vous me donnez tout« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es.

Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. Les autorités civiles et militaires waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: Tout va bien, tranquillisez-vous! »Tranquillisez-vous«. Das klang besser als »Décidera votre sort«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei. Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben.

Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle? Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah, was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: eine Autorität schob einer andern die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres.

An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses, sondern theilte es mit »mon cher Louis«. Es war ein allerliebster Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war doch fast zu viel.

Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir denn:

Der Mond ist aufgegangèn, Die goldenen Sterne prangèn,

immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum jeu au bouchon über, das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen mit Sousstücken belegten Pfropfen zu treffen, bis zuletzt jenes bekannte Geduldspiel, das im Französischen junchets, im Englischen und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber Zitterspiel heißt, alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar, das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner.

Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte cher Louis nun mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete er doppelt: zunächst als Zündpulver, indem er eins der Stückchen Papiere auf die Pfanne legte, dann aber namentlich auch als eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8 Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach, wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog.

Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »Gardien-chef« (Bourgaut), um mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben. Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach, und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem Verschwinden des Papas, nur der Appell an cher Louis. »Louis, dites moi, qu’est c’est que ça?« Der Junge las, las wieder, drehte das Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »ce n’est pas français«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück. Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »renvoyé dans votre pays par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France«. In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »Renvoyé« ergab sich danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen, betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß, daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja« beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche Gelegenheit wieder eingehändigt worden war.

Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten, auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen, die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, cher Louis, der etwas neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »ce n’est pas poli« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen von »cher Louis«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14 Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante, die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren zu sein, befand sich au comble du bonheur und ihr Lachen fing an mich mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu haben.

Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf mich aufs Bett. In 12 Stunden hoffte ich in Besançon, in 24 Stunden in Freiheit zu sein. Es war anders beschlossen.

4. Von Langres bis Besançon.

Ei, wie geputzt! das schöne junge Blut! Wer soll sich nicht in euch vergaffen?

Faust.

Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz, die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau vorhersagen konnte: nun kommt noch das, dann dämmert es wieder und dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor diesem Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht, ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »Mr. F., wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser.

Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt bis an den Bahnhof. Diesmal bergab. Die frühe Morgenstunde sicherte einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.

Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört; alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft, die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß, rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet. Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die »Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die Morgenfrische kalt überlief.

Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war, bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein. Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes, theilnahmloses über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es handelte sich also für mich darum, immer auf dem qui vive zu sein und jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer Strachwitz’schen Douglas-Ballade.

Sie ritten vierzig Meilen fast Und sprachen Worte nicht vier.

Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und waren längst in die Tausende hinein.

Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen, als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort, wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich, durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler, hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich die Worte zu mir herklangen: Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de Domrémy? Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich gehört und ohne dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte, starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt, hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.

Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa 500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können: seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den »Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein.

Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein, in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur Kapitulation von Sedan, war »la Citadelle de Besançon« das eigentlich beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche, ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen höherer Berge beherrscht werde. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes gelten.

Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es sich mir überhaupt präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die malerische Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so entschieden siegreich über die bauliche, daß wir zuletzt jede Stadt schön nennen, die wie ein reizendes Bild uns berührt.

Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk; desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale. Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist. Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen Charakter.

Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »la Division« führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig. Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »à la Citadelle«.

5. Die Citadelle von Besançon.

Misery acquaints a man with strange

bedfellows.

Shakespeare (Tempest).

Ich hatte dies »à la Citadelle« keineswegs erwartet, vielmehr von unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt; nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig. Welche Illusionen!

Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal, hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale, eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen; hier ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett mit verwaschener Inschrift: Prison militaire.

Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide, wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf Prévenus, Disciplinaires und Condamnés lauteten. Es hatte aber mit diesen Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen. Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an dieser Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »Monsieur le Principal« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem prison militaire existire dergleichen nicht.

Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war. Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war, stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte, stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich leicht erkrankte) Thee bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, diese Art von Opfer zu bringen.

Es hatte freilich bei dieser Art von Opfern nicht sein Bewenden; Härteres, sehr Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen geradezu, die ganze petite misère eines solchen Daseins auf den Tisch zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch dégoût. Es ist, als ob es auch von diesen Dingen hieße: aliquid haeret. Ich lasse Gras darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.

Ich lasse dem deutschen Elemente, das anfangs ziemlich stark vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem andern nach, stand der junge badische Gefreite, »le caporal badois«, dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit dies der Altersunterschied zuließ.

Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde, frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400 Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in Gemeinschaft mit 399 andern, sondern ganz allein, eine Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast 14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den Lokalblättern von Besançon in nuce gedruckt worden war. Ich muß hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut; aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen. Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles rasch und sans phrase, während junge und alte Juwelenkäufer (meist Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance erkennend. »Das Bijouterie-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem Steinhandel.«

Ein zweiter Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »le cocher de Bismarck«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur, gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte Kunst, lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch öfter vielleicht ist sie besser.

Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »le maître d’école«, ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden, theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters« aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu, daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und obligate Nasaltöne den »maître d’école« beglaubigen wollte. Er war, wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne. Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt: gieb, auf daß Dir gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«, man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit den Worten an mich »un homme comme vous«. Ich hatte Ursach, mich Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in Zahlen ausdrücken ließ.

Neben dem Schulmeister schlief »le bon tireur«, ein schöner Mann, an dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt, der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies), hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange, seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains »vous êtes un lâche« geantwortet hatte »pas plus que vous«. Er machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte, »weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »Je sais, je sais: vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en France.« Er ließ sich das auch nicht ausreden.

Eine andere Figur war »le raconteur«, der Liebling und das Ferment der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe; glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu können; darauf hin war er, nachdem ihn eben diese Kameraden angezeigt hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage in Besançon komme ich auf ihn zurück.

Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »le penseur libre«, ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein »Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin, dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als Vademecum auch mit ins Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig, »ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden, die für mich wenigstens das Schicksal aller blue books theilten, ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu gebären, sie selbstständig zu haben, kann Trost verleihen und das Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und vielleicht niemals hat ein deutscher homme de lettres vor einem französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt, wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick mißbrauchte.

Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten.

Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12 Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß; abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein Stück »Monstre-Savon« war mir von Langres her geblieben.

Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte. Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die »Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden wollten.

Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her, häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es mir oft durch die Brust.

Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten; wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen Pausen: »à l’eau«, »du pain«, »la commission«, Schlachtrufe, die jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»la commission«), die Extras in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »à la soupe«, der ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch war wie ein Gewinn in der Lotterie.

Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der penseur libre und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.«

Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue« eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese Obergewölbe sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus erfloß, war begreiflicherweise gering.

Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8 Kilometer von hier, bei Chatillon müssen sie zusammenstoßen. Und in der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete, durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »1200 Badois sont captivés, ils arriveront ce soir encore.« Zwei Stunden später trafen auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur.

So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann.

Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter grognard, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne, zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem freundlich-bärbeißigen: bon soir, messieurs. Eine halbe Stunde später lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze über der Stirn und nur »le raconteur« hockte noch auf seinem zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen. Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend Lieblingsgeschichten: le dragon vert, le curé et le saint esprit, Milord à Paris, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein, ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so herzlich, daß es mit fortriß.

Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles still. Nacht lag über der Citadelle von Besançon.

6. Rückblicke.

So lang der Wirth nur weiter borgt, Sind sie vergnügt und unbesorgt.

Faust.

Es kann die Ehre dieser Welt Dir keine Ehre geben, Was Dich in Wahrheit hebt und hält Muß in Dir selber leben.

Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich, in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im Einklang mit meinem ancien régime« leben zu können. Ein Ausdruck, der mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber hier schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben empfangen habe.

Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in so vielen, ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder 7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie beleidigt durch Widerspruch, vor allem ohne Schabernack und ohne Neid. Wir könnten, nach dieser Seite hin, viel von ihnen lernen. Es offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit, leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite. Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme, voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr Bildungsgrad, um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt glaube, daß wir uns nach dieser Seite hin, allzu selbstgefälligen Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art Schul-Monopol zu besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß hoch das Athmen aufhört.

Ich meinerseits habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen, wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns. So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen lernte, unterste Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches Gesammtbild empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer ins Dunkle retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird. Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen Mitgefangenen zurück.

Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine Herzensstellung einnehmend, als zu »La France« und zur Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch die Vaterlandsliebe (die dann nur eine gewisse Form persönlicher Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts. Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß alles käuflich sei. Sedan war ein »job« im großen Stil; nur Mac-Mahon behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen und sich selbst zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben eines vermieden: das Brechen mit der Tradition.

So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren nicht alle schlimm) an mir selber machte.

Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel Thee, aber nur um mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein.

So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die schließlich eben keine Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des Ehrenpunktes. Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf diesem Gebiete als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken, am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig, bedrücklich, zu Zeiten sehr unangenehm; ich kann mich aber keines Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte. Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß auch das mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich der Machthaber erlaubt, wohl die Ehre dieses Machthabers, nicht aber die eigene treffen können. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken, ist konventionell! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel, die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: Sancta simplicitas.

Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall solcher Dinge, die sich der gebildete Mensch recht- und pflicht mäßig zur zweiten Natur gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum geistigen Bedürfniß gehört.

Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge, oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor allem auf alles, was den Charakter der Verwöhnung trägt, verzichten zu können, aber es ist nicht Pflicht, nicht in der Ordnung, sich gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch dies wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches und Wohlverdientes hinzunehmen.

Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt, das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde, sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil es sich hierbei um Tatsächliches handelte, um Realitäten, die Niemand besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken schwebende hohe Politik, die ich nolens volens treiben mußte! Fragen, über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden, hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale: Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien, setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher Redensarten lag, und dennoch

... war es Sünde, So es noch einmal vor mir stünde, Ich thät es wieder, thät es doch.

Graphisches Schmuckbild
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