Ile d’Oléron.
Reading edition
1. Die Insel Oléron.
Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm
Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide.
Platen.
Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht. Die Annäherung mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »Oleronisches Seerecht« (ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder andre hinzu.
Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des 25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3. Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am 14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »En butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique; je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus généreux de mes ennemis.«
Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig, landete er auf St. Helena.
Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte, der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59 Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.
Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin, etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden; es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute; einige Wenige treiben Handel.
Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.
2. Ankunft.
Steige, Insel, aus dem blauen
Reinen Wogenbad empor,
Hell ist schon die Stadt zu schauen
Und das weiße Haus am Thor.
B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.)
Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen Dienst einer Fähre versieht.
Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen. Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit, die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch das ganze Zimmer hin.
Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein, aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte.
Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit zu erregen und eine Macht auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse Koketterie (die nach den Jahren sich modelt) bis in ihr höchstes Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre nominellen Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte, war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe längst seinem Geschick erlegen.
Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig belästigt, ging es auf die Commandantur zu.
Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun, über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand, erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte, »Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings das Empörendste, was man sich denken kann.«
Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt, aber, wie immer auch, es war doch Bier, hatte etwas von jenem nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen. Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde Töne. »Enfin, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«
3. Die Citadelle.
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden.
Th. Storm.
Thy fire, thy wine, All is mine.
Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer, etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren. Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei.
Wir traten in diese dritte Seite ein. »Ich muß nun schon ein Uebriges für Sie thun«, sagte der Kommandant, »wie könnten Sie Ihre Tage besser verbringen, als angesichts des ewigen Meeres!« damit wurde ein Zimmer aufgeschlossen, das die prosaische Inschrift trug: »No. 7: Lieutenant«, das aber allerdings durch seine großen Fenster hindurch einen entzückenden Blick auf das Meer gestattete. Ich schwankte einen Augenblick; dann hatte ich meine Wahl getroffen und erwiderte ihm lachend, daß ich nicht gern zum zweiten Male als Opfer des Romanticismus fallen möchte; Aussicht sei viel, aber Comfort sei mehr. »Nehmen wir ein anderes.« Damit traten wir in einen Nebenraum, der den Eindruck machte, als müsse die Heerdplatte hier noch warm sein, als sei das »Camp« an dieser Stelle vor wenig Stunden erst abgebrochen. Vielleicht war es so. Aber es konnte mich auch hier nicht halten, denn die Fensterscheiben, bis zu beträchtlicher Höhe, waren mit lauter, aus rothem Papier geschnittenen Teufelchen beklebt, die sich unter einander neckten, Gesichter schnitten und unanständige Geberden ausführten. Beneidenswerther, der hier in einer Art Mischgattung von Höllenbreughels und Struwelpeter sich verewigt hatte! Meine Nerven wären diesem Anblick nicht gewachsen gewesen, und so schieden wir denn auch von diesem Raume. Ein drittes Zimmer »No. 9: Capitaine« entsprach endlich meinen Wünschen; der Kommandant empfahl sich und der Fournisseur fing an seine Notizen zu machen. Eine Stunde später wurde ein Karren abgeladen; Matratzen, Decken, Gardinen erschienen in buntem Durcheinander, sogar eine endlose gelbe Fahne mit einer Grecque-Borte, die den Anspruch erhob (er blieb unerfüllt), als Betthimmel installirt zu werden.
Beinah gleichzeitig war aus der benachbarten Cantine ein alter, dort beschäftigter Invalide bei mir eingetreten, um seine vorläufigen Dienste anzubieten. Ich bat ihn, mir Holz und Cognac zu bringen, um meinem Frösteln, denn es regnete und stürmte wieder, auf doppeltem Wege beikommen zu können. Der Alte lächelte. Ich hätte nichts fordern können, das ihm lieber gewesen wäre. Eine Viertelstunde später — ich war inzwischen allein geblieben und lief auf und ab, um mich zu erwärmen — erschien er mit einer unglaublichen Menge Holz und einer Quartflasche Eau de vie. Ich kann wohl sagen, daß ich erschrak. Das Ganze, in seiner Massenhaftigkeit, hatte etwas, wie wenn sich ein Caraiben-Fest vorbereiten solle. Auf viel was Besseres lief es auch wirklich nicht hinaus. Das Holz waren gespaltete Eichenrippen eines gestrandeten Schiffes, in dem noch die großen rostigen Nägel steckten, rostig vom Seewasser und langem Liegen im Regen. Der Alte packte einen wahren Scheiterhaufen auf, schob einige Strohwische drunter und verschwand mit der Versicherung, »daß es gleich brennen würde«. Es brannte auch, aber wie. Große Massen Rauch schlugen in das Zimmer hinein; ich begann zu blasen und zu pusten, opferte eine ganze Schachtel Streichhölzer; alles umsonst; es blieb ein Schwelfeuer, die Augen fingen an zu thränen und ich nahm endlich den Wasserkrug, um dieser Herrlichkeit ein Ende zu machen. Mir blieb nichts als der Cognac. Ich stürzte ein viertel Glas voll hinunter. Furchtbar. Wer aber will dies blinde Vertrauen tadeln.
Nach einer Stunde kam der Alte. Er sah listig genug aus; wenigstens schien es mir so. Ich lehnte entrüstet jeden Conversationsversuch ab, stellte die grünglasige dicke Bouteille auf den Scheiterhaufen, der eigentlich nie gebrannt hatte, und forderte ihn auf, persönlich und sachlich zu verschwinden.
Das war es, was er gewollt hatte. Er nickte, packte alles auf seinen Arm, steckte die Flasche in seinen weitabstehenden Westenflügel und empfahl sich unter den landesüblichen Höflichkeitsformen. Ich höre noch sein »bon soir, Monsieur«.
4. Rasumofsky.
Hier fragt niemand, was Einer glaubt,
Was nicht verboten ist, ist erlaubt.
Wallensteins Lager.
Bequartiert war ich nun; alles war da, nur die oberste Dienstcharge, die zu besetzen war, war noch unbesetzt geblieben, — der Bursche fehlte noch. Aber auch darüber wurde ich beruhigt. »Demain matin«.
Demain matin kam und beinahe gleichzeitig mit ihm erschien ein Hausbeamter, um mir, vorbehaltlich meiner Zustimmung, meinen zukünftigen Burschen, den Verwalter meiner Wirtschaft, vorzustellen, Max Rasumofsky. Er gefiel mir auf der Stelle; daß er ein schwarzer Husar war, besagten die Ueberreste seiner Uniform, daß er ein Pole war, entnahm ich seinem Namen, daß er ein Schneider war, ergaben die ersten Recherchen. Ich hatte also alles in ihm vereinigt, was man von einem Burschen Tüchtiges erwarten kann: Husar, Pole, Schneider. Ich griff zu und hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Er war, was der militairische terminus technicus schneidig und findig nennt. Unschätzbare Eigenschaften überhaupt; im Besondern auch hier.
Seine »Schneidigkeit« fiel natürlich in die Zeit vor seiner Gefangenschaft, und was die Beweise dafür angeht, so bin ich zum besten Theile auf seine eigene Berichterstattung angewiesen. Wer aber viele Leute hat erzählen hören, weiß bald, ob er Dichtung oder Wahrheit vor sich hat. Rasumofsky war als »Spitze« in einen Wald eingeritten, hatte Feuer bekommen und den Fehlschuß des nächststehenden Franctireurs mit einem Treffer aus seinem Karabiner erwidert, aber dies erste Lächeln des Sieges war auch das letzte gewesen. Wie aus einem Bienenkorb schwärmten die feindlichen Schützen aus, hundert Kugeln pfiffen um ihn her, eine riß ihm den Stiefelhacken weg und schlug klirrend den Steigbügel in Stücke, er selbst war ungetroffen und die Möglichkeit der Rettung lag noch vor ihm; da traf eine zweite Kugel die Kruppe seines Schimmels, Pferd und Reiter stürzten und im nächsten Moment war er umringt, gefangen. Ein junger deutsch sprechender Offizier, mit breiter rother Schärpe, sprang auf ihn ein: »Warum hast Du geschossen?« »Wozu hab’ ich denn meinen Karabiner? Wir kriegen die Waffen, um sie zu gebrauchen.« Der Offizier lachte. »Was wird nun aus Dir.« »Nun, ich werde todtgeschossen.« »Sei kein Narr; Du bist ein guter Husar und kein Haar soll Dir gekrümmt werden.« Die Franctireurs nahmen ihn in die Mitte, wickelten die lange Hängetasche um eine ihrer Flinten und schleppten den Todtenkopf-Husaren im Triumphe fort.
Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war ich seiner Findigkeit ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich, was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen, das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann.
Ich wäre aber undankbar, wenn ich Rasumofskys Findigkeit lediglich in die Vergangenheit stellen und übersehen wollte, daß dieselbe auch bis in die Gegenwart hineinragt. Auch hier noch, unter den erschwerendsten Umständen, »findet« er beständig, und zwar in echter Burschentreue nicht für sich, sondern mir zu Liebe. Es tauchen Schuhbürsten, Theelöffel, Lichtscheeren auf, deren Ursprung nachzuforschen ich wohlweislich unterlasse; seine eigentlichste Begabung zeigt er aber im Anfahren von Holz. Ich habe hierüber längere Unterredungen mit ihm gehabt, in denen wir die feinsten Fragen berührt haben. Er hat mir schließlich mit siegreicher Beredsamkeit auseinandergesetzt, daß mir Holz geliefert werden müsse, daß eine bloße Verschwörung existire, mich um täglich einen Franken zu bringen, und daß er die Verpflichtung habe, diesen im Dunkel wühlenden Mächten entgegen zu arbeiten. Ich habe endlich geschwiegen, was er als Zustimmung gedeutet hat. Seitdem verfolgt er mit scharfem Auge jede morsche oder durchgetretene Diele, das handbreite Loch durch einen raschen Griff um das Doppelte oder Dreifache erweiternd; wer will in diesen dunklen Korridoren am Ende nachweisen, ob der Schwamm oder die Ratten oder Rasumofsky dem ohnehin immer geschäftigen Zahn der Zeit vorgegriffen haben? Die Asche im Kamin ist schließlich stumm wie das Grab. Die Dielenausbeute verschwindet aber neben dem, was die Fensterladen liefern. Rasumofsky hat nämlich entdeckt, daß von den drei Querhölzern, die dem ganzen Fensterladenbau erst Halt geben, mindestens eins entbehrt werden könne, und dies eine (immer das schrägstehende, weil es das längste ist) ist dem Kamine rettungslos verfallen. Wie die Laden selbst sich halten werden, wenn erst die großen Stürme kommen, muß abgewartet werden. Vielleicht erblüht uns aus ihrem völligen Zusammenbrechen eine neue Ernte.
Es geht ein leiser Zug von Incorrektheit durch unsern gesammten Wandel hier, und so kann es nicht überraschen, daß in dem Verhältniß zwischen Rasumofsky und mir manches blos auf den Schein gestellt ist. Eine gesellschaftliche Lüge, wie so vieles andere! Dieser Schein tritt in nichts so hervor wie in der Kleiderreinigungsfrage. Jeden Morgen, wenn das Feuer angezündet und das Theewasser in die ersten Kohlen gestellt ist, tritt Rasumofsky mit einer gewissen Adrettheit an mein Bett, um von der Stuhllehne den Rock, den Ueberzieher, die Beinkleider zu nehmen und damit im Flur, wo sich auch wirklich ein großer Kleiderriegel befindet, zu verschwinden. In kürzester Zeit ist er wieder da, so daß ich mich überzeugt halte, daß er der gesammten Kleiderdreiheit nur eine frische Brise und den Anblick der Morgensonne gönnt. Mit komischer Sorglichkeit breitet er, bei seinem Wiedererscheinen, die drei Kleidungsstücke über dieselbe Lehne aus, von der er sie eben entführte. Dies wiederholt sich jeden Tag. Ich war einen Augenblick geneigt, dieser Komödie ein Ende zu machen, aber ich habe mich eines Besseren besonnen. Es ist ganz gleichgültig hier, ob der Rock blank ist oder nicht, aber das Prinzip muß gewahrt und die Verpflichtung immer neu anerkannt werden. So hat denn das Schauspiel seinen Fortgang. Zwei Stunden später mutatis mutandis erlebt es seine Wiederholung. Ich werde dann gebeten, eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um durch die Zimmerreinigungs-Procedur nicht gestört zu werden. Aber auch hier kommt es ausschließlich zu einer Lüftung; dann ziehe ich in die alten lieben Räume wieder ein. Die Ordnung der Dinge ist inzwischen durch keine übergeschäftige Hand gestört worden.
Wir leben gut, einträchtig, friedfertig mit einander, ich theile meine Neuigkeiten und meine Mahlzeiten mit ihm, und mein Cognac-Conto bei Mr. Vimenet, dem kleinen freundlichen Kaufmann in der Stadt, wird lediglich ihm zu Liebe mit immer neuen Francs beschwert; aber all dies hat ihn doch nicht veranlassen können, mir eine angemessene Rang stufe anzuweisen. Er nennt mich »Herr Leutnant«. »Gleich, Herr Leutnant«, »zu Befehl, Herr Leutnant«, damit muß ich mich begnügen. Meine Jugend kann es nicht sein, die ihn hindert, mich avanciren zu lassen, ja er macht nach dieser Seite hin völlig entgegengesetzte Bemerkungen, die auch wieder weit über das Wünschenswerthe hinausgehen; es muß also irgend wo anders fehlen. Ich habe dieser Thatsache gegenüber den einzigen, leidigen Trost, daß sich alle Dinge im Leben nach einem Ausgleichungsprinzip reguliren, und daß ich, vom Feinde ohne Verdienst und Würdigkeit zum Officier supérieur ernannt, in dieser Degradirung sich nur ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit vollziehen sehe.
In unsern politischen Anschauungen sind wir einig. Sie finden immer wieder in dem Satze Ausdruck, daß der Friede unterzeichnet werden müsse, damit wir Weihnachten zu Hause sind. Ob dabei Straßburg und Metz wieder an Deutschland kommen, oder nur eins von beiden, hat uns noch nicht lebhaft beschäftigt, am wenigsten entzweit. Ich habe ihn in Verdacht, daß er eine mehr als ruhige Position zu dieser Frage einnimmt.
Sei’s drum. Das »Weihnachten zu Hause« steht wohl noch manchem Gefangenen und Nichtgefangenen im Vordergrund. Die diesen Egoismus abgethan haben und in großem Empfinden über sich selbst hinauswachsen, ihre Zahl ist klein. Warum sollte Rasumofsky unter diesen Wenigen sein!
5. Blanche.
Jung, Auf dem Sprung, Nicht bös, Graziös.
Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit Rücksicht auf ihre Erscheinung Blanche getauft habe. Sie ist ganz weiß und nur auf der Stirne, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie nach ist sie Französin.
Ich engagirte sie zunächst aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten und erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen »guerre d’extermination« gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, daß es Feinde giebt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch — dies Anerkenntniß bin ich ihr schuldig — übt sie einen gewissen Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie das Bild des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind, an die Außenwand des Hauses stellen.
Sie ist ganz Spielzeug und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel, Augenweide, Circus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die betreffende, aus Bast geflochtene Corde, das Schicksal der meisten ihrer Schwestern theilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration zu sein.
Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem Geiste ist, ist diese meinen Sinnen. Wenn ich mit dem erstern, in jener Simplicität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? — so gehört mein Auge ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen Uhr, Theetasse und Dintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand hineinzulegen. In alle sechs Fächer duckt sie sich der Reihe nach hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist.
Um 8 Uhr, nachdem wir unsern Thee genommen, für den sie eine distinguirte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten Capriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um die preußischen Cavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und schiebt sich, wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt aus dem Kasernenflügel gegenüber ein französischer Trompeter auf den Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell.
Nun weiß Blanche, daß es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete Reisedecke.
Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir bis die Reveille uns weckt.
6. Le Rempart.
Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher;
Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, das
Meer
.
Freiligrath.
Um 8 Uhr früh, oder wenig später, trat ich allmorgendlich auf den Wallgang (»le Rempart«) hinaus, der sich auf dem 15 Schritt breiten Terrain zwischen meiner Kaserne und dem Meere hinzog. Zehn Schritt von diesen 15 gehörten einem langen, in zahllose Beete getheilten Gartenstreifen an; auf dem 5 Schritt breiten Rest erhob sich der »Rempart« selber. Dieser war nicht ein gewöhnlicher zugeschrägter Wall mit Grasdossirung und einem Fußsteig oben, sondern ein aus senkrechten Quadern aufgeführtes Mauerwerk, das, wahrscheinlich noch aus der Vauban-Zeit stammend, mit Steinbrüstung und ausbuchtenden Banknischen zwischen zwei Bastionen hinlief. Die Entfernung zwischen diesen, also die ganze Länge des Rempart, betrug 150 Schritt. Das Bewegungs-Minimum, das ich mir Tag für Tag zum Gesetz gemacht hatte, bestand in einem zehnmaligen auf und ab, wodurch ich es auf 3000 Schritt brachte. Um nicht immer zählen zu müssen, hatte ich mir an einem Ende des Ganges zehn weiße Steinchen auf die Brüstung gelegt, von denen ich jedesmal eines zu mir steckte, bis ich durch war.
Diese Morgenspazierzüge, denen ich, bei schönem Wetter, noch eine kurze Mittags- oder Nachmittags-Promenade folgen ließ, waren meine besondere Freude, und ich darf sagen, die schönsten und poetischsten Stunden meiner Oléron-Tage auf diesem prächtigen Rempart zugebracht zu haben. Je nach der Stunde, zu der ich heraustrat, fand ich Fluth oder Ebbe, begrüßte ich das steigende oder das schwindende Meer. War Ebbe, so lag der Wasserarm, der unsere Insel vom Festlande trennte, zur Hälfte wie eine Sandbank da; die Boote und Luggerschiffe standen wie Spielzeug auf dem von Rinnen und Wasserlachen durchzogenen Schlick; über diese Schlickfläche hin aber, die Rinnen und Tümpel mit allerhand Bretterwerk überbrückend, schritten die Schiffer und Schifferfrauen, ihren Fang heimtragend oder zu neuem Fange sich rüstend. Mehr dem Ufer zu, unmittelbar zu Füßen des Rempart, trieben die hochbeinigen Strandläufer ihr possirliches Spiel; mit weißer Brust und schwarzen Flügeln, trippelnd, pfeifend und nahrungsuchend, liefen sie heerdenweise über den lehmigen Grund hin.
Das war ein eigenthümliches Bild; aber groß und erhebend war es, wenn nun die Fluth unhörbar herankam, immer wachsend, immer steigend, bis die erste leise Brandungswelle das Mauerwerk des vorspringenden Bastions und eine Minute später den Quadernfuß des zurückgelegenen Rempart traf. War nun ein grauer Tag, oder kämpften noch die Morgennebel mit dem Licht, so zeigte das Meer, das in beständigem Kommen und Gehen den Schlick aufrührte, eine gelbe, wenig anmuthende Farbe, und die Schönheit des Bildes begann erst jenseit der Wasserfläche, dort wo das Ufer drüben in leiser Windung einen Kranz von Dünen und Dörfern und eingestreuten Kirchen flocht; zog aber die Sonne siegreich herauf, so begannen nun jene Licht- und Farbenwunder, wie sie nur der kennt, der von Stunde zu Stunde dem kaleidoskopischen Spiel des Meeres und dem Beleuchtungswechsel seiner Ufer folgt.
Die Landschaft drüben, graublau am Morgen, schimmerte Mittags wie in Gold, bis sie bei untergehender Sonne tief in Roth sich tauchte; das Meer selber aber, in noch rascherem Changiren, lief alle Töne der Farbenskala durch, wenn diese Töne nicht gar (wie auch wohl geschah) regenbogenartig nebeneinander lagen; chamoisfarben, grasgrün, tiefdunkelblau glitzerte dann, wie eine Schlange, die leis sich hebende Fluth.
Nicht müde wurde ich dieser Farben und Bilder, und selbst an Regentagen, die auch ihren Zauber hatten, versuchte ich es, auf kurze Minuten hin, an dieser bevorzugten Stelle auszuhalten; nur die Sturmtage, an denen im Monat November nicht eben Mangel war, fegten mich gewaltsam vom Rempart hinunter, und zwangen mich, meinen Morgenspaziergang unten auf dem zehn Schritt breiten Gartenstreifen zu machen. Der Sturm heulte dann über mich hin. Aber auch sein bloßes Drüberhingehen reichte schon aus, alles was hier unten noch grünte, erzittern zu machen. Die letzte Malve, losgerissen vom Stock, schwankte hin und her, die gelbe Studentenblume duckte sich noch ängstlicher unter die in Samen geschossenen Salatstauden als an andern Tagen, und der zarte Duft verspäteter Levkojen verflog unbeachtet in der vibrirenden, oft wie vom Donner durchrollten Luft. Die Blumen lebten hier Tag um Tag wie Gefangene, aber wenn der Sturm über sie hinfuhr, waren sie vollends wie niedergetreten.
Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit.
7. Mittag.
Ein Schornstein raucht, der Wind steht her,
Ein warmes Dach, was braucht man mehr!
Mittag.
Scherenberg.
Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit. Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So kam Mittag heran.
Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes »Entrez« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun coûte qu’il coûte heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein, der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte.
Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen Lokalen immer nur eine Gabel) dies unvollkommene Besteck durch ein in Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie Blech bog. Wie man es stellte, so stand es.
Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe, mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10 Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und vieles stieg lächelnd und grüßend herauf.
Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion, aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als Erinnerungsstück mit heimgenommen.
8. Theestunde.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers Knie
Beide Hände gefaltet in horchender Wißbegier;
Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds.
Platen. (Bilder Neapels.)
Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche, und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.
In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide sprachen vollkommen französisch [1] und hatten, wie die sprachliche Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf (darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer beste Freunde.
Das erste Paar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt, ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so viele Kinder solcher Beamten war er in Annaburg erzogen. Das sind die Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps gewechselt; jetzt stand er in Schleswig. Er war stolz auf sein Regiment, aber doch noch stolzer auf Preußen. »Diese Schleswiger — so sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes. Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen Traditionen huldigend, nur selten mit Thee auf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aber bis dahin sind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt. Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut, daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.
Das zweite Paar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse (Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit und Durchschnittsgebildetheit allen möglichen Respekt; aber in dieser letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eine Revalenta arabica oder einen Hoffschen Malz-Bonbon in petto, womit alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen. — Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, also auch sehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze geschnitten. Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah, sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir aus, und Damen, nicht Weiber, stürzten auf mich los und hielten ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen Schiller und sprach halblaut vor mich hin: da werden Weiber zu Hyänen.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben, und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den Accent immer auf die Gesinnung, nicht auf die That. Das bloße Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben. Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn (wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!« »Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »gar nichts könnt Ihr mit mir machen; todtschießen könnt Ihr mich und dafür will ich Euch noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere Macht als bei uns.
Das dritte Paar, das Abends zum Thee kam, war Unteroffizier Janeke von den Garde-Ulanen und Sergeant Heglmaier vom 6. oder 9. Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese waren Inséparables geworden, liebten sich schwärmerisch und machten beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch, wenn er Potsdam nannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also den Antrag stellen, daß die Insel Oléron nach einer Zither durchsucht würde. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«
So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
9. Regentage.
Du strebst vergebens des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden,
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung.
Göthe. (Episteln.)
Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der Lektüre.
Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr alte Nummer des Witzblattes »La Lune«, die ich in einem Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und ein sehr großes.
Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten, high-life-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite 100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen Grad zu Französisch.
Ich ging nun an das große Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«, das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach. Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel- und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes, was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre, neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem Quellenbuche gegenüber glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen Riesenkampf verschuldet, sondern England. Pitt hatte diesen Brand entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt, durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den Napoleonischen Weltmonarchie -Gedanken gestritten; — es wird noch auf lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, jenes siegreich vertheidigt zu haben.
Meine eigentlichste Freude war aber doch das »sehr große Buch«, in dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu substantiell zu werden, so schob ich dies pièce de résistance bei Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen.
Dieses »sehr große Buch« hieß Autographen-Album, war in rothen Maroquin gebunden und enthielt, in Facsimiles, die handschriftlichen Aufzeichnungen von mehr als tausend Personen, Celebritäten aus aller Welt Enden, zu elf Zwölftel natürlich Franzosen. Deutsche fast gar nicht. Ich gebe Einiges aus diesem Schatz. Die Personen, die jene Aufzeichnungen gemacht, theilen sich, wie mir scheinen will, in sieben Gruppen: die Historischen, die Ernsthaften, die Heiter-Graziösen, die Falsch-Bescheidenen, die Bequemen, die Geistreichen und die bedenklich Geistreichen.
Die Historischen. Den Reigen eröffnet hier Louis Napoleon selbst, mit einem am 5. Dezember 1848 geschriebenen Briefe. Es heißt am Schlusse desselben: Lorsque une révolution est dans le vrai elle produit de grands hommes et de grandes choses, lorsqu’elle est dans le faux elle ne produit que du bruit et des larmes. Das war drei Jahre vor dem Staatsstreich. Was lag alles dazwischen! Ich mußte unwillkürlich auch an die jüngste Phase französischer Entwicklung denken: Lorsqu’elle est dans le faux, elle ne produit que du bruit et des larmes. Neben diesen Zeilen des Vaters befindet sich eine leicht hingeworfene Federzeichnung Lulus: alte Troupiers, die auf Wache ziehen. Darunter in schöner, fast schon ausgeschriebener Handschrift: Louis Napoleon.
Das nächste Blatt bringt Folgendes von der Hand des Bürgerkönigs: J’abdique cette couronne que la voix nationale m’avait appelé à porter, en faveur de mon petit-fils le Comte de Paris. Puisse-t-il réussir dans la grande tâche qui lui échoit aujourd’hui. 24 Février 1848. Louis Philippe. Dies »aujourd’hui«, 23 Jahre vertagt, ist vielleicht heute.
Unmittelbar darunter: Soldati. Ciò che offro a quanti vogliono seguirmi eccolo: fame, freddo, sole, non pane, non caserne, non munizioni, ma avvisaglie continue, stenti, battaglie, marcie forzate e fazioni alla bajonetta. Chi ama la patriami seguite. Garibaldi. So schrieb er 1849. Der Zauber auch dieses Namens ist verblaßt.
Die Ernsthaften. La modestie est une grande lumière, elle laisse l’esprit toujours ouvert et le coeur toujours docile à la vérité. Guizot.
Le rationalisme! c’est l’homme fait Dieu à la place du Dieu fait homme. Molé.
Je ne puis refuser ma signature. Quant à la prose et aux vers, n’y comptez pas. J’adore Homère, Sophocle, Euripide, mais les ingrats ne m’ont rien révélé. J. Ingres.
Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae. Louis Veuillot.
Dieser Anruf an die heilige Jungfrau ist mir in einem Autographen-Album fast zu ernsthaft erschienen; das ostensive Karte-Abgeben als »Katholik quand même« verstößt gegen den guten Geschmack.
Viel beweglicher als diese Worte aus der kirchlichen Welt wirken die nachstehenden aus der Bühnenwelt. Das Profane schlägt das Heilige.
Lorsqu’on a mis le pied une fois dans la fatale carrière du théâtre, il faut la parcourir jusqu’au bout, épuiser ses joies et ses douleurs, vider sa coupe et son calice, boire son miel et sa bile; il faut finir comme on a commencé, mourir comme on a vécu, mourir comme est mort Molière, au bruit des applaudissements, des sifflets et des bravos! Mais lorsqu’il est encore temps de ne pas prendre cette route, lorsqu’on n’a pas franchi sa barrière, il faut n’y pas entrer. Croyez-moi sur mon honneur, croyez-moi. Frédérick Lemaître.
Hieran reihen sich noch zwei Aufzeichnungen Duclercs und Odilon Barrots, in denen sich zugleich eine tiefe politische Verstimmung, ein Haß gegen das kaiserliche Gouvernement ausspricht:
Les meilleurs gouvernements tombent, mais — les pires aussi. Duclerc.
Silence, on nous écoute! l’an de grâce 1852. Odilon Barrot.
Das Album erschien Anfang der 60er Jahre, als das Kaiserthum auf der Höhe seines Ansehens stand. Der Herausgeber hielt es deshalb für nöthig, diesen Hohn Odilon Barrots mit einer spöttischen Bemerkung seinerseits zu begleiten und fügte deshalb ziemlich witzig hinzu: »Mr. Odilon Barrot ist bekanntlich der einzige Odilon in Frankreich, der Herrn Barrot für ernsthaft nimmt.«
Die Heiter-Graziösen. In dieser Gruppe habe ich nur einen Namen zu verzeichnen: Eugène Scribe. Auf den verschiedensten Blättern des Albums fand ich seine Signatur; fast immer waren es vierzeilige Verschen, immer Ausdrücke des liebenswürdigsten Naturells.
Sur un parapluie. Ami commode, ami nouveau Qui, contre l’ordinaire usage, Reste à l’écart, quand il fait beau, Et se montre les jours d’orage!
Seiner in der Nähe von Paris erbauten Villa hatte er folgende, in diesem Album von ihm wiedercitirte Inschrift gegeben:
Le théâtre a payé cet asyle champêtre, Vous qui passez, merci! je vous le dois peut-être.
Die Falsch-Bescheidenen. Hier begegnen wir einigen Namen und Berühmtheiten ersten Ranges:
Mon nom n’est point digne de figurer dans un recueil. V. Broglie.
Ni le mien non plus. George Sand.
Ni le mien non plus. Eugène Sue.
Alle drei finden aber rasch ihre Verurtheilung. Gleich der folgende (Viennet) schreibt unter die drei Bescheidenen: O triple orgueil, und Charles Filipon geht noch einen Schritt weiter und fügt hinzu: Farceurs!
Die Bequemen. Die Gruppe dieser ist sehr groß. Sie besteht zunächst aus solchen, die, kritiklos und mittelmäßig beanlagt, sich keinen Augenblick geniren, den allergrößten Gemeinplatz niederzuschreiben. Hier befindet sich denn auch der einzige Deutsche, der gewürdigt worden ist, einen Platz in diesem Album einzunehmen, Johannes Ronge. Er schrieb: Saarbrücken, den 8. Februar 1863. Keine Verdammung, keine Ketzer mehr. Es giebt nur einen Gott für alle Kirchen und alle Völker. Es ist nicht leicht möglich, trivialer zu sein. Einem Franzosen gelingt es aber schließlich doch: Aimons-nous les uns les autres. Havin. Hoffen wir, daß diese Worte wenigstens in Damengesellschaft geschrieben wurden.
L’esprit n’est jamaix vieux tant que le coeur est jeune. Paul Lacroix.
La jeunesse n’a pas assez souffert pour savoir consoler. Legouvé.
Zu dieser Gruppe der »Bequemen« gehören aber vor Allem auch diejenigen, die (weil beständig in Autographen-Contribution genommen) ihren bestimmten Album-Vers ein für allemal bei sich führen und jahraus jahrein mit denselben Vierzeilen debütiren.
Au clair de la lune, Mon ami Pierrot, Prête-moi ta plume Pour écrire un mot. Jules Sandeau.
C’était, dans la nuit brune Sur le clocher jauni, La Lune Comme un point sur un J.[2] Alfred de Musset.
La cigale ayant chanté Tout l’été Se trouva fort dépourvue Quand la bise fut venue. Jules Janin.
Der Herausgeber fügt in Betreff dieser drei scherzhaft hinzu: »Se sont donné le mot pour ne pas perdre de copie.«
Wir haben solche Album-Versler, die das »Copie-Recht nicht verlieren wollen«, namentlich auch in Deutschland. Einfälle, Impromptus sind nicht unsere starke Seite.
Die Geistreichen. Es hätte kein französisches Album sein müssen, wenn diese Gruppe nicht am stärksten vertreten gewesen wäre. Vieles war entzückend.
Je me résigne et je signe. Montalembert.
Je ne sais quoi dire et j’en fais l’aveu. A. Thiers.
Le goût est le sentiment prompt d’un esprit bien fait. Le Duc de Noailles.
L’esprit qu’on veut avoir, gâte celui qu’on a. Le prince de la Moskowa.
J’en fais moi-même en ce moment la triste expérience. de Persigny.
Ce n’est pas la fortune qui vient en dormant, c’est le terme. Emile Marco de St. Hilaire.
Les hommes se suivent et ne se ressemblent pas. Carnot (Sohn des alten).
L’or est une chimère pour celui qui n’a pas le Sou. Peupin, Uhrmacher, später Tresorier der Kaiserin.
Quelle est la femme qui ne fait pas ce qu’elle dit? Celle qui jure de n’aimer jamais, ou d’aimer toujours. Charles Briffault.
Also etwa:
Welche Frau hält gewiß nicht, was sie verspricht? Die, die da schwört, niemals zu lieben oder immer.
L’amour est comme l’opéra. On s’y ennuie, mais on y retourne. Gustave Flaubert. (Verfasser von »Madame Bovary« und »Salambo«.)
Il est plus facile de faire ce qu’on doit, que de le payer. Jacques Herz, frère de Henri.
Rêver, c’est le bonheur; attendre c’est la vie. Victor Hugo.
Die Auswahl, die ich hier getroffen, ließe sich verzehnfachen. Nur sehr selten überschlägt sich die Geistreichigkeit. Ein Schriftsteller dritten Ranges schreibt einfach seinen Namen und fügt hinzu: Mon nom est assez. Noch weniger angenehm berühren die Worte der Rachel:
Oh, réclames!! Avis aux lecteurs. Je rentrerai à la comédie française Samedi prochain par le rôle de Phèdre. Paris, 18. Novembre 1849.
Die Rachel, deren häßliche, vor nichts zurückschreckende Gewinnsucht ein öffentliches Geheimniß war, durfte solchen Scherz nicht wagen.
Ich schließe mit den handschriftlichen Aufzeichnungen zweier Engländer: All that I could say of my books, I have said in them. Charles Dickens. Wie liebenswürdig!
In derselben Gesellschaft befand sich auch der »Vater der Friedens- und Manchester-Schule«. Aufgefordert, sich ebenfalls einzutragen, schrieb er einfach: Richard Cobden. Paris, 30. Auguste 1849.
Ganz charakteristisch. In allem der Matter-of-fact-Mann!
10. Der Ueberfall von Ablis.
Schleswiger Husaren und elf vom 11. Bayrischen Regiment.
Wir standen, keines Ueberfalls gewärtig,
Bei Neustadt schwach verschanzt in unsrem Lager,
Als gegen Abend, unser Vortrab fliehend
Ins Lager stürzte, rief, der Feind sei da.
(Wallenstein.)
Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin, die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei? ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der Gefangennehmung, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende.
Sergeant Polzin erzählt:
Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet. Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15. Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei den 16. Husaren, 3. Eskadron.
Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe Ablis vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand der Feind.
Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon. Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf. Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren Husaren; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir Barrikaden. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen.
Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen.
Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest. Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen; es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern.
Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir sind überfallen«.
In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her, aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern, ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes.
So knatterte es hin und her. Unsere dünne blaue Linie wurde immer dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken, knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein. Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf.
Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56 Mann.
Corporal Vollnhals erzählt:
Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant Schneider vom 11. Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb, Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf.
Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können. Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten. Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren.
Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben Augenblick trafen uns Kugeln von hinten her. Nun machten wir Kehrt, glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht, umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um dem Spiel ein Ende zu machen.
Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los, während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier, so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu, was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam.
Sergeant Polzin erzählt weiter:
Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir nichts davon gehört.
Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte mit unverkennbarem Accent: »dir kann ich jrade brauchen«. Es war eine Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten, Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen, Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner.
Von Geldeswerth war uns allen nur eines geblieben: einem meiner Husaren hatte ein Seitenschuß die ganze Uhr aus der Kapsel herausgeschossen; an seiner Uhrschnur hing nichts als die silberne Schale. In gutem Humor hatte man sie ihm als »Andenken an Ablis« überlassen.
Wir erhielten einen Frühtrunk und einen Bissen Brod; dann ging es auf Chartres zu. Unter dem Jubel der Bevölkerung zogen wir ein.
Gegen Abend sahen wir von unserem Gefängniß aus, daß sich der Himmel gegen Norden hin röthete. Wir ahnten was es war, drei Tage später wußten wir es. Die ganze Division war von Rambouillet aus gegen Ablis vorgerückt, um das Dorf für seinen Verrath zu strafen. In weitem Kreise standen die Regimenter; dann feuerte die reitende Batterie ihre Brandgranaten in das unglückliche Dorf, und am andern Morgen war Ablis ein Aschenhaufen.
11. Drei von den 3. Garde-Ulanen.
Sie preschten zurück in vollem Galopp, hopp, hopp,
Daß an der Lanze das Fähnlein stob, hopp, hopp,
Leb wohl, leb wohl, lieb Kamrad mein, Es mußte doch mal geschieden sein,
Ach ja,
Er stürzte vom Pferde allda.
G. Hesekiel.
Unteroffzier Janeke erzählt:
Wir lagen bei dem Dorfe Villaines, zwei Meilen nördlich von St. Denis. Am 3. November früh erhielt ich Ordre, mit vier Mann einen Recognoszirungsritt bis Ecouen und Sarcelles zu machen und Nachricht zu bringen, ob sie besetzt seien, wie stark und womit. Das große Dorf Ezonville war halber Weg. Hier sollte das Absuchen beginnen. »Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie schon in Ezonville stecken, aber es ist möglich. Also aufgepaßt. Und nun mit Gott.«
Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten, hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten nun auf das dritte Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte schon durch die Pappeln.
Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5. Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen.
Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du: Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig; Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; die nimm, die sind jut. Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5. schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts.
Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung.
Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?« worauf sie mit dem Kopf schüttelte, nach Süden hin zeigte und blos immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe nickte, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas.
Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat.
Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu geben.
So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid. »Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst verlassen hatten.
Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen. So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden.
Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus, alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden.
An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein; Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die Lanze ist eine furchtbare Waffe. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen auf den Dachziegeln gegenüber.
Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich, daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch, durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung.
Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes, an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf; der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es war auch das Beste.
Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich — sitze hier.
12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.
Tarry, dear cousin!
My soul shall thine keep company to heaven, Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.
Shakespeare. (Henry V.)
Jäger Schoenfeldt erzählt:
Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4 Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger doppelt.
Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln. Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde.
Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig.
Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles. Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet, hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden.
Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt. Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu ich. Ellis, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger beim Bataillon gestanden; Fritsche, Schiffscapitain oder Steuermann, ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; Lübbe, Apotheker; Jahn, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben.
Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in Mormant ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging die Nacht.
Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm, und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über Provins fahren müßten. »Immer ostwärts die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen; Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch. Wir fuhren auf Nogent sur Seine, statt auf Nogent sur Marne; das Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté) lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das Franctireur-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant war Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion schickte? Ich glaub’ es kaum.
Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf, schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten: »Hoch Deutschland; heut ist der 18. Oktober!« Wir stimmten jubelnd ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag.
Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges; beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe.
Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die Richtung angegeben. Die Richtung auf das falsche Nogent. Es war noch drittehalb Meilen.
Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen, als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor, einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt.
»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus mit ihrer letzten Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten; Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; wenn die Pferde aushielten ...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter. Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern folgten.
Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein: »Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?« Sie blieben ihm die Antwort nicht schuldig: »Vos fusils! vous êtes prisonniers« und im selben Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet. Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »meurs chien prussien!« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: tirez. Im selben Moment lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde, die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent zu.
Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren, eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein.
Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von Leipzig« gefeiert.
Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das paßte schon besser.
13. Begräbniß.
Sie hüllten ihn ein in weißes Lein Und trugen ihn dann zur Ruh, Die Mönche sangen die Todtenmess’ Und Litaneien dazu.
W. Scott.
Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, nichts geschah, und Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen Schiller, durfte citiren:
Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir was zu sehn.
Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand konnte wissen, wie bald die Reihe an ihn kommen würde. Erst starb ein Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen »organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am 22. November begruben wir ihn.
Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe; dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt. Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da.
Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann begannen die Litaneien. Es klang misererehaft.
Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung nach dieser Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas.
Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der Begräbnißstätte zu.
Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen, mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten, blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt.
Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann gesenkt, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer.
Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde nicht gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht eine auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg an.
So stirbt man in der Fremde.
14. Sturm im Glase Wasser.
War ich, wofür ich gelte,
Ich hätte mir den guten Schein gespart,
Dem Unmuth Stimme nie geliehn.
(»Wallenstein.«)
Das Sterben wurde bald Tagesordnung auf Oléron. Es konnte kaum anders sein. Etwa Mitte November trafen 700 Bayern auf der Citadelle ein, die man, nach Einnahme Orleans, durch General Aurelles de Paladine, in den dortigen Lazarethen zusammengesucht und als »Gefangene« nach Oléron geschickt hatte. Etwa ebenso viele, nach andern Angaben erheblich mehr, waren nach Pau dirigirt worden.
Dies Verfahren, lediglich um sich vor versammeltem Volk mit einer erträglich hohen Zahl von Gefangenen brüsten zu können, hatte wenig einer Gloire-Nation Entsprechendes, dennoch hätte man mit Rücksicht auf die Nothwendigkeit, dem Volke einen Sporn zu geben, solche Maßregel verzeihlich, oder meinetwegen selbst sehr verzeihlich finden können, wenn man bei diesem Zusammensuchen etwas humaner vorgegangen wäre. Es hätte sich dann darüber reden lassen. In solchen Zeiten (leider) muß zuletzt Alles dem letzten großen Zwecke dienen. Aber ein ernster Vorwurf für die französischen Machthaber, oder für diejenigen, die in ihrem Namen handelten, wird es bleiben, daß man nicht blos wirkliche Reconvalescenten und leicht Verwundete, sondern auch Personen fortschleppte, die dicht vor dem Typhus standen oder ihn kaum erst überwunden hatten. Unter allen Umständen aber (und das ist das Geringste, das gefordert werden darf) mußte man, wenn man so tief in die Lazareth-Bestände hineingreifen wollte, vorher wissen, daß man auf Oléron im Stande sein werde, diesen noch halb Kranken Pflege, oder doch ein Bett, oder doch eine Decke geben zu können. Statt dessen hatten die auf Oléron eintreffenden Siebenhundert in den ersten Nächten kaum Stroh. Das war natürlich kein Zustand, um Reconvalescenten aufzuhelfen; Rückfälle kamen vor, und der Geistliche, die Chorknaben und der Todtengräber mußten Tag um Tag, in dem Aufzuge den ich geschildert, auf den Begräbnißplatz hinaus.
Eine Verstimmung über diese Zustände war unausbleiblich; besonders die Preußen, unter denen sich viele Unteroffiziere und Sergeanten befanden, waren empört und gaben nach ihrer heimathlichen Art (wer raisonnirte nicht in Preußen!) dieser Empörung einen unverhohlenen Ausdruck. Beim Cantinen-Grog, auch wohl in der Stadt beim Einkäufemachen, fielen Worte, »daß dies eine erbärmliche Wirthschaft und ein schlechter Dank für die Rücksicht sei, die man unsererseits gegen 300,000 Franzosen bisher beobachtet habe«; Worte, die alsbald von Mund zu Mund gingen und im Weiterrollen folgende groteske Gestalt annahmen: die tausend Gefangenen der Citadelle sind im Complott; sie haben vor, die Wachtmannschaften zu entwaffnen, die Außen-Posten ins Meer zu werfen; man wird Chateau überfallen und von der ganzen Insel Besitz ergreifen. Preußische Kriegsschiffe kreuzen bereits in der Nähe. Man wird weitere Truppen landen, Rochefort einschließen und von dort aus das Land insurgiren. Ein Napoleonischer Aufstand im Rücken der republikanischen Armee, — das ist der Plan. Der »Gefangene auf Wilhelmshöhe« ist mit im Komplott.
Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns; aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter Kommandant mit in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete) bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein.
Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war.
Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain N. N. meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen, sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich verurtheilt sah.
Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten. Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf einen Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht hatte das Gouvernement natürlich nie getheilt; aber das war ein geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen. Der Einzug von »König Lynch« war jeden Augenblick möglich.
Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende.
Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das eigene Schuldbewußtsein der Behörden und Bewohner sich minderte und sich mindern durfte. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was man konnte, man anerkannte gewisse Verpflichtungen und beeiferte sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt. Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30 Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine Forderungen waren bewilligt worden.
So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That nicht war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von uns erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd... Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit Rücksicht auf seine Kunden in Hellblau »a Bierche« auflegen würde.
15. „Sentinelle, prenez garde à vous.”
But where was this?
»Mylord, upon the platform where we watched.«
I will watch to-night
Perchance ’t will walk again.
Hamlet.
Um Mitternacht (Gott sei Dank) schlief ich fest, wenn nicht das Zusammenbrechen der verkohlten Scheite mich auf einen Augenblick weckte. Nur einmal wachte ich die Mitternacht heran.
Es war bei Vollmond. Als die zwölf Schläge über den Kasernenhof hin verklungen waren, hüllte ich mich in Shawl und Kaputze und tappte an der Wand des Corridors entlang bis an die schmale Hinterthür, die auf den Wallgang hinaus führte. Entzückendes Bild! Nach rechts hin stand der Mond und goß sein volles Licht in breitem Streifen über die Wasserfläche. Kein Lüftchen ging; das Meer wie ein Spiegel; alles still; ich hörte nichts als in einiger Entfernung den Schritt der Wachen und am Fuße des Bastions ein leises Brauen und Murmeln, denn die Fluth kam.
Ein weißer Schimmer lag wie Schnee auf den grauen Fliesen des Rempart und ich begann jetzt, immer dicht an der Brüstung hin, einen Mitternachtsgang anzutreten, wie ich gewohnt war an eben dieser Stelle meinen Morgengang zu machen. Ich sah hinüber nach dem Festland, das schwach heraufdämmerte. Nahes und Fernes immer schärfer musternd, empfand ich plötzlich, daß ich dies alles, an einem andren Orte, schon mal gesehen habe: dieselbe verschwimmende Küste, den Meeresarm, den Wallgang mit seinen Bastionen, das Portal und die Zugbrücke und dahinter das Fanal. Ich brauchte auch nicht lange zu suchen: Helsingör. Alle Empfindungen, mit denen ich damals über den »Hamlet-Rempart« hingeschritten war, sie wurden wieder lebendig in mir. Nur gesteigert. Wohl war das Schloß am Sunde, aus dessen Dachfirst eine nadelförmige Spitze wie das Horn aus dem Haupte des Einhorns phantastisch räthselvoll aufwächst, der ächtere Ort, dort war es, wo »the majesty of buried Denmark« in poetischer Wirklichkeit gewandelt war, aber eines hatte meinem verlangenden Sinn die Plattform von Helsingör nicht geben können: die rechte Stunde. Es war heller Mittag als ich drüber hinschritt. Hier hatt’ ich jetzt was mir Helsingör verweigert hatte. »’T was now struck twelve.« Für den ächteren Ort hatt’ ich die ächtere Stunde eingetauscht.