»Comme officier supérieur.«
Reading edition
1. Von Besançon bis Lyon.
An der duftverlornen Gränze Jener Berge tanzen hold Abendwolken ihre Tänze.
** *
Trübe wirds, die Wolken jagen
Und der Regen niederbricht.
Lenau.
Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment, in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das Bourgautsche »renvoyé dans votre pays« zu Grabe tragen mußte. Meine Freisprechung erfolgte, aber nicht meine Freilassung. Ich habe bei diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen.
Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant, mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle, um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse. Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt werden.
So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se. Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge dieser Verwendung als officier supérieur angesehen und bei ihrem Eintreffen auf île Oléron einer relativen Freiheit theilhaftig werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an zuständig sind. Mr. le Principal (dies war die euphemistische Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene, aristokratische Viertel.
Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »He took a fancy for me.« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei Stunden, einmal aber volle vier Stunden dauerte, war eine Anstrengung für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein, in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, Alles bedeuten mußte.
Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »far in the West« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt.
Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5 kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie ein Regen.
Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten, zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen, bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem goldenen Rahmen schon mal begegnet.
So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, Bourg (Hauptort im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand.
Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein. Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die italienische Vigne, wurde allgemein.
Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus, bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten. Als wir in der zweiten Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit Wegfall jeder Volks-Escorte.
Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß, pochten und traten in den Hof.
Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon, unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu sagen meine französische Ernennung zum »officier supérieur«, zugleich die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die meinem Range schuldigen Ehren« (»dû à mon rang«), zu erweisen. Das Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher, verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte erschienen, unter ihnen der eigentliche »gardien-chef«, ein geborner Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden. Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute, daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die Falstaff, in den Merry wives of Windsor, von einem solchen Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken, Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen. Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett, aber der gardien-chef, der selbst empfinden mochte, wie wenig das alles zu den Ansprüchen eines officier supérieur stimmte, half aus eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder vorher noch nachher, gehabt habe. Enfin — ich kauerte mich in meinem Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein, während die Spinneweben leise über mir wehten.
2. Lyon.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm? Das ist Sturm.
** *
Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,
Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich
Dich
nicht hören darf,
Mein tief aufdonnerndes Meer.
Strachwitz.
In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach gerade einzusehen begann, daß der officier supérieur sein Patent weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer diese für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der Libertät.
Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein, der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch einen besondern Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal des »Salut public«, vor fünf Tagen die Wohnung des für imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden; ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden: »was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles andere eher als lächerlich.
Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.
Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »Bazaine hatte capitulirt«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle. Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.
Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen, von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle 10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken, wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein Volksaufstand vorbereite, daß »la terreur« heranziehe und seine Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war vorübergezogen, alles still.
In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es: der andere Tag (2. November) war Todtentag. Dies Glocken-Wehklagen hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.
Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des gardien-chef, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen. Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges, Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir unerklärliche Weise, sogar mit neuen deutschen Zeitungen auszurüsten gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel: »Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen, daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte: »wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar; das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen; eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar nicht nur ihren Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den Interpreten und focht für die Gesammtheit alle Kämpfe siegreich durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7 Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ad latus. Dies, um es zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen Café noir eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee hergerichtet worden war.
Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Selbst ich, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann sagen, sie waren noch eher Kriegs gefangene, als sie vom Kriege selber wußten.
Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein gardien-chef mit, daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef. Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen besten Tagen.
3. Moulins.
Was ist das?! Deutlich (nur getrübt
Vom Dunst der hin und wieder schiebt)
Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
Und nun, nun kömmt es hergeschritten,
Ganz wie ein Schatten an der Wand,
Es hebt den Arm, es regt die Hand, —
Nun ist es an den Tisch geglitten.
Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und drängten sich so dicht aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber erinnerten. Aber diese Gedrängtheit der Landschaft war doch nur eine Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, braungrünen Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich an; was konnte reizender klingen als Moulins. Ich stellte es mir vor als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, umstellt war und warteten unseres Looses. Der Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe Unterhaltung:
Vous êtes arrêté? Oui. Où donc? A Domremy. Comme espion? Oui. Que vous êtes?!
Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler. Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die einzige Insolenz ist, der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten, aber nach dieser Seite hin wurde ich geschont.
Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß ich, in meiner Eigenschaft als »officier supérieur«, in der Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine Art »Bastille«. »Tout-à-fait dans le style avant 1793«, setzte der Eine lächelnd hinzu.
Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch hier noch vorherrschte, nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden; ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden. Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.
Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange. Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation; die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.
Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.
Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem »aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte, ausschließlich aus den beiden »cuisiniers« des Gefängnisses bestand. Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel, unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es war ein Junger und ein Alter. Der Junge war Koch von Fach, hatte in Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug. Gemüthlicher war der Alte. Er war über sechszig, trug eine Brille mit ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der Dinge en philosophe. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.
Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz, zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten, und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.
Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon von Metier wegen) an Klassizität meinem penseur libre in Besançon wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »La grande Armée«. Weißhaarig, die große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf; alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht hindurch.
Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen. Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer »Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger, hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt später die Zustände gerade dieses Patienten verbessert gefunden hat.
Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin flogen die Tauben.
Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die Nacht hinein emsig studirt hatte: »La grande Armée«. Ich las 50 Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. Sind sie ebenso, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die Cathedrale hinüber.
Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter ins Land hinein«. Wohin, wußte Niemand.
4. Gueret.
Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt
Verschwinden? der dem Schwachen beisteht,
Der den
Neid
nicht kennet, denn er ist der Größte!
(Jungfrau von Orleans.)
Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf Tours gehen, also nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen würde. All dies scheiterte aber vorweg an einer unerbittlichen Thatsache: es ging nicht auf Tours. Die nächste Etappe hieß Gueret.
Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und den verschiedensten Obstarten, aber nicht mit Weingeländen besetzt, — so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren Landschaften hin, die den Namen des Departements »La Creuze« führen.
Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz von Verbissenheit aufhörte.
Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem Schließer, dem gardien-chef und der Frau dieses letzteren, einer großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie gehörte eben zu denen, denen alles dienen muß, die oberen und die unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen Backen vorzuziehen.
Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»comme officier supérieur«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der gardien-chef entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in seinem Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.
Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob ich folgen würde. Ich folgte aber nicht. Dies machte einen Eindruck, und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war absolut kahl. Ich sagte ruhig: ah, c’est bon; seulement la fourniture là, — elle n’est pas très complète. Dieser Hohn wirkte; der gardien-chef lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, schob ich ein: du feu me paraît indispensable; naturellement je le payerai. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr in ein drittes Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl für ein Feuer und ein gutes Bett. Er versprach Alles. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.
O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag Viel Tage gilt in seinem Werth, Weil man’s nicht mehr erhoffen mag Daß so die Stunde wiederkehrt.
Die Fluth des Lebens ist dahin, Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt Und jede prüft auf ihren Glanz, O sorge, daß uns keine fehlt Und gönn’ uns jede Stunde ganz.
Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den Oberkörper; eine »Brosse à dents« und ein geschliffenes Flacon mit Esprit de Menthe (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung ziemlich wunderlich aus.
Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit der leichthingeworfenen Bemerkung: »naturellement, l’école de Paris c’est la première du monde« und fuhr dann in seinen Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem Dr. Jacoby in Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm.
Sehr bald nach dem Doktor erschien der Vicar. Ein großer, schöner Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.
Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische hinüber, verwarf das Empire in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die Republik, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, in Henri-quint zu finden sei; der Orleanismus werde dann später (durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage »fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es ganz vergessen; neue weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, Auslassungen über Henri-quint, die ich wenigstens prinzipiell ohne Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um so größer. Der Respekt, mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.
Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von Confessions wegen bereits Erlebte, von Nationalitäts wegen noch einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Wege nach Poitiers.
5. Poitiers-Rochefort.
Jetter
.
Diese
Kerle sind wie Maschinen,
in denen ein Teufel sitzt.
Vansen
. Sie sehen nicht aus, als wenn
sie so bald Brüderschaft mit uns trinken würden.
Egmont.
Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und Namensklang zu bauen.
Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß ein Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, Benehmen eher ein »Brigadier« in unserem, als in französischem Sinne war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens 40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber entschieden abgelehnt. Ich war ihr Gast, nicht sie die meinigen. Dazu ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu sprechen. Wenige, die nicht die Solferino-Medaille trugen. Alle die liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; — dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie später, als sich die aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.
Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht einzulassen.
All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch (natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.
Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in Poitiers, wie überhaupt. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, nie schlechter Laune und sind mir nach dieser Seite hin geradezu als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse Wohlerzogenheit oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener humaner Zug, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom Metier, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war Dienst und damit abgemacht.
Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.
Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich — und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach Rochefort. Die Fahrt war der vom Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und erfroren sei.
6. Marennes.
Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei
Nur fliegt die Wandergans vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Th. Storm.
Gebt uns ein Lied!
»Wenn ihr begehrt, die Menge.«
Nur auch ein
nagelneues
Stück.
Faust.
Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.
Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.
Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »Archéologie chrétienne« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine in Paris, der meine davor; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständen mehrfach begegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer empfanden sich als Träger einer Aufgabe und nahmen eine Stellung zu dieser.
Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu Schiff, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den Land weg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe war Marennes.
Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »officier supérieur« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.
Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.
Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger Ziegenfell-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.
So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.
Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.
Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »râbles«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.
Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf: singen. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »vin blanc« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.
Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als Kriegsgefangene in Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.
Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.
Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als Schäfer verkleidet, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung darüber, daß wir es überhaupt noch konnten.
Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber. Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.
