Ile d’Oléron. (continued 2)
Reading edition
Ich zog meine Kaputze fester an und setzte mich innerhalb eines Brüstungsvorsprungs auf eine Steinbank, die, hufeisenförmig, diesen Vorsprung beinah ausfüllte. Ich sah in den Mondstreifen hinein, der in schräger Linie über das Meer und dann, glitzernd, über die schneeweißen Fliesen lief und mit schauerndem Entzücken begann ich Lieblingsstellen zu citiren. Was halb vergessen war, jetzt hatt’ ich es wieder. Ort und Stunde halfen nach. Ich hielt Zwiegespräche, Scene um Scene, Frage und Antwort.
Wer bist Du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt? Sag’, ich beschwör dich.
Und dann klang es Antwort:
Ich bin
Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern,
Und Tags gebannt, zu fasten in der Glut
Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit
Hinweggeläutert sind. Wär’ mir’s verstattet
Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,
So hob ich eine Kunde an, von der
Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,
Dir die verworren krausen Locken trennte
Und sträubte jedes einzle Haar empor
Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier.
In diesem Augenblick schlug es halb und noch eh der Schlag verklungen war, mit einer Plötzlichkeit wie ein Schuß fällt, begann jetzt vom Portal her das Anrufen der ausgestellten Wachen. »Sentinelle, prenez garde à vous!« Der nächste Posten nahm den Anruf auf und im fünffachen Echo lief es jetzt um die Citadelle herum, von Posten zu Posten, bis der mir zunächst stehende, mit dem die Kette schloß, dieselben Worte über den Rempart hinrief. Es war, als gälten sie mir selber.
Ich stand jetzt auf, um meinen Rückzug anzutreten. Mich fröstelte. Als ich durch den Mondstreifen hindurchschritt, der jetzt zwischen mir und der schmalen Hofthür lag, war mir’s, als streifte mich etwas. Ich zuckte zusammen und eilte vorwärts.
Der Wachen Ruf war längst verklungen, aber immer noch klang es in mir nach: Sentinelle, prenez garde à vous.
