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Kriegsgefangen

Frei.

Reading edition

1. Unverhofft kommt oft.

Andrer Gram birgt andre Wonne; Ueber ein Stündlein Ist deine Kammer voll Sonne. Paul Heyse.

»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man es nicht erwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger, und manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«

Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das Wasser für den zweiten oder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines »Connaisseurs«.

Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken? Mit Weihnachten wird es nichts.

Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht sehn wir hier noch den Flieder blühn.

Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.

Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?

Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht südlich.

Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten, damit wissen wir Bescheid.

Er nickte zustimmend.

Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben zwei Seiten.

Er nickte wieder.

Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.

Er griente.

Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky, die Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen können, die sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.

Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.

Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »Entrez!« Ein preußischer Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte unverzüglich.

Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in medias res und erklärte mir: »Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.« Ich verneigte mich. »Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch schreiben, noch thun zu wollen.«

Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »ni dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France« und fragte dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »contre« gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »contre la France« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm so wohl kleideten.

Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.

»Rasumofsky, ich bin frei.«

Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«

Rasumofsky, Sie wissen »la paix est prochaine«. (So schloß jede Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben. Dafür bin ich Hausherr.

Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.

Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen. Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie 5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.

Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts entgegen stehen würde!

Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.

Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation hervorgerufen haben würde.

2. Der letzte Sonntag.

.... wie der Nebelwind

Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt.

Faust.

Noch am Sonnabend Abend war mir mitgetheilt worden, daß der Dienstag als Abreisetag genehmigt worden sei; gleichzeitig erfuhr ich, daß, bei Ausstellung meiner Liberations-Ordre, Gambetta lediglich dem Andringen Cremieux’ (des Justizministers) nachgegeben habe. Ich erkannte in dem allem leicht die Zusammenhänge mit der Heimath und wußte genau, wohin ich den eigentlichsten Dank für meine Befreiung zu richten hatte. Heitern Sinnes erwacht’ ich am andern Morgen. In Traum und Gedanken übersprang ich die Meilen und die Schwierigkeiten, die noch zwischen Le Château d’Oléron und der Königgrätzer Straße lagen.

Es war der letzte Sonntag. Der Himmel blau, die Luft weich und warm (wir waren doch südlich, trotz Rasumofsky), so trat ich wieder auf den Rempart hinaus und begann, im Auf- und Abschreiten, die weißen Steinchen, die mir, wie der Leser sich erinnert, als Mark- und Rechenpfennige dienten, in meine Tasche sinken zu lassen, als die gewöhnliche Sonntagsmorgen-Musik mich in meinem Spaziergang und meinen Betrachtungen störte. Ich hätte sie heute weggewünscht und wenn mich an den Sonntagen vorher die Cachucha, die George Brown-Arie aus der Weißen Dame, und einige Piècen aus dem Trovatore, die gerade während der Kirchzeit gespielt wurden, nur etwas sonderbar berührt hatten, so berührten sie mich heute unangenehm. Die große Trommel, der Triangel und das Zusammenschlagen der Becken, das den Castagnettenschlag ersetzen sollte, wollten mir heut nicht passen. Sonntag früh 9 Uhr, wo wir gewohnt sind, die Glocken zu hören! Meine Stimmung kam hinzu.

Die Franzosen denken anders darüber, über dies, wie über manches andere.

Ich kehrte bald in mein Zimmer zurück, kramte, arrangirte und überlegte, als es klopfte und gleich darauf ein kleiner Herr eintrat, der mich Anfangs in Zweifel darüber ließ, ob ich ihn für einen kleinstädtischen Doktor oder einen großstädtischen Küster nehmen sollte. Er entpuppte sich aber bald als Monsieur le prédicateur Masson, reformirter Geistlicher zu Saint-Pierre auf der Insel Oléron. Ich kann wohl sagen, daß mir diese Begegnung, nachdem ich so viele Wochen lang immer im Verkehr mit katholischen Geistlichen gewesen war, ein besonderes Interesse einflößte. Parallelen mußten sich mir aufdrängen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er that es, aber sehr unvollkommen.

Den Predigerton habe ich niemals so in Blüthe gesehen, als bei diesem kleinen Manne. Er war unfähig, ein Wort einfach und natürlich zu sprechen. Alles war Rede, feierliche Ansprache, wie wenn die Bürgermeister an den Wagenschlag eines reisenden Prinzen treten. Dieser Eindruck wuchs dadurch, daß er sich, so oft die Reihe des Sprechens an ihn kam, von seinem Stuhl erhob, um stehend und mit berufsmäßigen Handbewegungen seine Rede zu halten. Man kann sagen, er taufte und traute beständig.

Seine erste Ansprache, nach erfolgter Vorstellung, ging dahin, daß sein Freund und Amtsbruder »Monsieur Delmas, Pasteur et Président du Consistoire« ihm eine historische Studie »L’Église Réformée de la Rochelle« übersandt habe, zugleich mit der Bitte, dieselbe einem »historien prussien«, der sich zur Zeit als Kriegsgefangener auf Oléron befinde, überreichen zu wollen. Nach sorglicher Durchforschung aller 1000 Gefangenen war, unter Anwendung des Indicien- oder Wahrscheinlichkeits-Beweises, der Verdacht des »Historikers« an mir, als an einem schon früher literarisch Betroffenen, haften geblieben und da stand ich denn nun, den einen Geistlichen vor mir, den andern (seinem besseren Theile nach) in Händen haltend und fühlte zugleich, nicht ohne eine gewisse Verwirrung, den Schatten eines Lorbers auf meiner Stirn. In Besançon zum »officier supérieur«, in Oléron zum »historien prussien« kreirt, gewann ich erst Fassung wieder in dem Gedanken, daß die Fremde ihren Mann erkennt und der Heimath (die nie recht ’ran will) die großen Fingerzeige giebt.

Ich that einen Blick auf den Titel des ziemlich umfangreichen Buches, versicherte Mr. Masson in aller Wahrheit, daß ich ein Interesse nähme an der Geschichte des Hugenottenthums in der Vendée und bat ihn, seinem Amtsbruder in La Rochelle meinen besten Dank für die mir erwiesene Ehre auszusprechen. Wir gingen dann zu einem Gespräch über die Insel Oléron über, über die kirchlichen Zustände, über das Verhältniß von Katholiken und Protestanten, der Zahl wie der gegenseitigen Stimmung nach. Er gab mir über alles Aufschluß, aber doch in einer gewissen aufgeregten Zerstreutheit, wie man sie bei Personen zu beobachten pflegt, die zwischen Braten und Compott eine Tischrede zu halten haben. Sie memoriren beständig, werden durch die harmloseste Frage ihres Nachbars wie auf einer gedanklichen Unthat ertappt und geben oft Antworten, darin sich Worte aus der zu haltenden Rede räthselvoll eingesprenkelt finden. Dies war auch die Situation von Mr. Masson. Er brach denn auch schließlich durch die immer drückender werdende Zwangsunterhaltung hindurch, erhob sich, trat, seinen Cylinderhut in der Hand, drei Schritt zurück und begann mit gesteigerter Feierlichkeit:

Monsieur il n’est pas vraisemblable, que nous nous reverrons ici, que nous nous reverrons dans ce monde. Mais nous avons une patrie, grande et éternelle, où n’existe pas de guerre, où la haine, l’animosité ont cessé, où les peuples demeurent en paix par notre Sauveur Jésus Christ, par lui, qui est la lumière, l’amour, et la grâce. Voilà où nous nous reverrons. ...... Monsieur, je vous demande pardon ...... Monsieur, je suis fâché de vous avoir dérangé ..... Monsieur, j’ai l’honneur ..... Während dieser Sätze hatte er seinen Rückzug angetreten, ohne sich umzudrehen, immer Auge in Auge. Unter beständigen Verbeugungen begleitete ich ihn bis an die Treppe; hier schieden wir.

Es fiel mir wie eine Last von der Brust. Die letzten Minuten hatten mich einen schweren Kampf gekostet. Bis zu den Worten: »voilà, où nous nous reverrons« war ich ihm ernsthaft und aufmerksam gefolgt, als mir aber plötzlich klar wurde: er predigt, er citirt vielleicht, erfaßte mich das Komische der Situation mit solcher Gewalt, daß ich nur noch mit Niederkämpfung meines Krampfes beschäftigt, von allem Weiteren nichts anderes als einzelne Worte hörte. Niemals hab’ ich das Mißliche der pastoralen Redeweise so empfunden wie hier.

Man spricht davon, daß unser modernes Empfinden den Katholicismus überwunden habe, er sei durchaus mittelalterlich. Es mag sein. Aber, was unser modernes Empfinden gewiß auch überwunden hat, das sind solche öden Redensarten. Jeder kann sie machen, wie jeder einen Baum zeichnen oder ein Sonett zusammenstellen kann. Man lockt damit keinen Hund mehr vom Ofen. Man muß diese Dinge schärfer anzufassen wissen.

Wir sind wenigstens auf dem Wege dazu; was ich aber in Frankreich vom Protestantismus gesehen habe, machte einen unendlich tristen Eindruck auf mich. In Lyon gab mir der gardien-chef (Protestant) ein Gebetbuch in die Hand, ich glaube in Genf und Toulouse edirt, das Gebete auf ein paar hundert Tage und Situationen enthielt, jedes eine halbe bis anderthalb Seiten lang, also an und für sich nicht zu lang und in dieser Beziehung hinnehmbar. Ich las zehn oder zwölf und ich darf sagen, ich habe nie dürreres Reisig in Händen gehabt.

Keine Spur wahren Lebens, alles fromme Phrase. Die fromme Phrase aber ist die schlimmste.

3. Der letzte Abend.

Wünsche, Frohsinn, Freunde, Gäste, Lichter wie zum Weihnachtsfeste.

** *

Er hatte Tressen an dem Hut

Und einen Klunker dran.

M. Claudius.

So kam der letzte Abend heran. Er hatte eine besonders festliche Erscheinung. Bei Vertheilung meiner Wirthschaftsgegenstände hatte sich nämlich ein ungeahnter Reichthum an Stearinlichten ergeben und da Rasumofsky, dem natürlich Alles zufiel, hochherzig erklärte, zu Gunsten einer Illumination auf diesen Erbschaftstheil verzichten zu wollen, so hatte sich, unter Heranschleppung aller möglichen Blaker und Leuchter, die überhaupt aufzutreiben waren, eine feenhafte Beleuchtung bei mir vorbereitet. Selbst in der anstoßenden Kammer, in zwei Sandhaufen gestellt, brannten zwei Lichter. Es sah aus wie Weihnachten. Der Christbaum fehlte, aber sein festlicher Glanz war ausgegossen.

Licht giebt Heiterkeit. Ich ordnete meine paar Habseligkeiten, die mich in die Heimath zurückbegleiten sollten, setzte mich an den Schreibtisch, um ein paar Abschiedsbriefe zu couvertiren, und sprang dann wieder auf, um in meiner Lichter-Allee spazieren zu gehen. Ich bin ein schlechter Sänger und Pfeifer; aber ich glaube, ich versuchte mich als beides.

Meine gute Laune hatte noch einen besonderen Grund; es war nämlich unmöglich, auf Rasumofsky zu blicken, ohne von jenem Empfindungskontrast berührt zu werden, der vielleicht die Wurzel alles Humors ist. Von den drei Cardinal-Eigenschaften meines Burschen, um derentwillen ich ihn überhaupt engagirt hatte, hatte ich bisher nur zwei kennen gelernt, den Polen und den schwarzen Husaren; heute, zum Abschied, hatte er, mir zur Liebe, auch die dritte seiner Qualitäten hervorgesucht: den Schneider. Das rechte Bein über dem linken Knie, so saß er da, von Lichtern umstrahlt, vom Kaminfeuer beschienen und nähte mir, aus blauem Futterkattun, einen Reisesack. Er that es gern, weil er das Bedürfniß hatte, mir seine Liebe zu bezeigen; aber es war ein Opfer, das er mir brachte. Alle Augenblick kam Besuch; man lächelte, und ich sah, wie er sich ärgerte. Endlich half er sich auf die beste Weise. Er stülpte seine Mütze mit dem Todtenkopf keck auf die linke Seite und sah jeden Eintretenden so herausfordernd an, daß der Spott verschwand, noch eh’ dieser Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln. Mir persönlich gönnte er das herzlichste Lachen und stimmte selber mit ein.

Diese Heiterkeit indeß, die in so Vielem um mich her ihre Nahrung fand, sollte noch auf eine harte Probe gestellt werden; ja es wurde zehn Minuten lang so dunkel vor meinen Augen, als ob die Lichter um mich her mit ziemlich langer Schnuppe gebrannt hätten. Der Leser urtheile selbst.

Unter den Vielen, die kamen und gingen, befand sich auch unser Kölner Freund mit dem Klapphut und der 25er Achselklappe. Er kam abermals »dienstlich«, und zwar diesmal, um mir im Auftrage des Kommandanten meinen »Reisepaß« zu überreichen. Ich dankte, so weit das meine große Ueberraschung zuließ.

Ich hatte nämlich geglaubt, auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, nun auch meine Rückreise antreten zu können, und mußte mich jetzt von der alten Wahrheit überzeugen, daß Freiheit theuer ist und ein beständiges Daransetzen von Gut und Blut erwartet. Nicht in Gensdarmenbegleitung (langweilig aber sicher) sollte ich mich auf den Rückweg machen, sondern in völliger Freiheit, mir selber überlassen. Das klang sehr gut, war aber in Wahrheit eine heillose Sache, die dadurch nicht besser wurde, daß mir ein Umweg, der die Meilenzahl gerade verdoppelte, als Reiseroute vorgeschrieben war. Hier saß ich am Atlantischen Ocean; bis zum Mittelländischen Meer (Cette) mußte ich hinunter, um dann wieder, an der Rhône hin, bis Lyon und Genf aufwärts zu steigen! Dieser Umweg war nicht angenehm; aber er kam nicht in Betracht neben der andern Erwägung, daß ich diese Reise durch bis zum Fanatismus aufgestachelte Provinzen antreten mußte; allein, mit keinem andern Schutz als einem feuille de route in der Tasche. Alle Städte, die ich zu passiren hatte, hingen nur lose noch am Faden der Ordnung; was konnte einem rothrepublikanischen Arbeiterhaufen, wie sie in Bordeaux, Toulouse, Lyon an der Tagesordnung waren, was konnte ihnen mein, mit Kritzelhand undeutlich geschriebener Reisepaß bedeuten? »A la lanterne«! Ich hatte das Gefühl, durch meine Befreiungsordre auf einen Vulkan gestellt zu sein. Dies Gefühl war so stark, daß ich einen Augenblick die große Cortez-Arie »ich bleibe hier« sehr ernsthaft in Erwägung zog. Dann schämt’ ich mich wieder dieses Kleinmuths. Rasumofsky, an den ich appellirte, faßte sein Endurtheil in die Worte zusammen: »i, sie werden ja wohl nich«. Er meinte die Franzosen.

Manchem mögen diese Bedenken, wie ich sie hier ausgesprochen habe, als Zeichen einer besonderen Aengstlichkeit erscheinen. Ich darf aber versichern, die Situation war wirklich heikel. Nur wer als Gefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, hat ein Urtheil darüber. Scham und Hoffnung gaben endlich den Ausschlag. Zudem trug mein Paß den Namen Gambettas. Dies war etwas. Der einzige Name, der selbst der rothen Populace einigermaßen imponirte. Wenigstens damals noch.

Es liegt in meiner Natur, angesichts aller Dinge, über die ich ausnahmsweise nicht gleich hinweg kann, sorglich zu balanciren und nur zögernd zu einem Entschluß zu kommen; ist dieser Entschluß aber einmal gefaßt, so spring’ ich auch sofort wieder mit beiden Füßen in die alte Sorglosigkeit hinein und vertraue lachend und heiter meinem guten Stern.

So that ich auch hier. Es wurde mir erleichtert durch einen Besuch, der mit der Entscheidung, die ich faßte, fast zusammentraf.

Die Lichter waren schon halb niedergebrannt; Rasumofsky that seine letzten Stiche und schickte sich eben an, eine Zuckerhut-Strippe (als Schnurre) durch den Reisesack zu ziehen, als es abermals klopfte. Herein trat ein großer schöner Mann in der Uniform eines Zuaven-Tambour-Majors. Langer blauer Rock, blanke Knöpfe, mächtige rothe Epauletten, auf der Brust drei Orden, der schwarze Vollbart sappeurartig herniederhängend und auf seiner Oberfläche in zwei Strehnen geflochten, die, nicht viel dicker wie ein Uhrschnur, auf dem mächtigen dunklen Bart-Untergrunde lagen. Es war der Cantinier. Man denke sich mein Erstaunen. Die Schönheit dieses wirklich pompösen Mannes wurde nur noch von dem Komischen seiner Erscheinung übertroffen.

Er blieb drei Schritte vor mir stehn, verbeugte sich, legte seine linke Hand auf die Brust und begann feierlich: »Mein Herr. Die Verhältnisse haben es mir versagt, auf mehrere Schreiben, die ich die Ehre hatte von Ihnen zu empfangen, schriftlich zu erwidern. Es ist mir Bedürfniß, persönlich Ihre Nachsicht dafür zu erbitten. Zugleich spreche ich Ihnen in meinem und meiner Dame Namen mein aufrichtiges Bedauern darüber aus, Sie so früh aus unserer Mitte scheiden zu sehn. Sie werden anders darüber empfinden, aber genehmigen Sie die Versicherung, daß Sie ein Gegenstand unsres besonderen Respektes waren.«

Hier schwieg er, verneigte sich wieder und wartete ersichtlich auf meine Antwort. Ich ging also auch los. »Monsieur le Cantinier, es gereicht mir zu einer ganz besonderen Ehre, daß ich noch Gelegenheit finde, Sie in dieser prächtigen Erscheinung vor mir zu sehn. Sie sind ein schöner Mann; verzeihen Sie die Unumwundenheit meiner Ausdrucksweise (er verneigte sich), aber wenn es etwas giebt, das im Stande ist, Ihrer Persönlichkeit Vorschub zu leisten, so ist es diese Uniform. Ich sehe zu meiner besonderen Freude, Sie sind dekorirt. Darf ich fragen .....«

Er wartete das Weitere nicht ab, sondern interpretirte jetzt mit immer lebhafter werdender Stimme: c’est pour la Crimée, — c’est pour le Mexique, — et la troisième, celle-ci, est une »décoration spéciale« pour mes productions sur le cornet à piston.

Ich drückte ihm nochmals meine Freude aus, einen alten Soldaten zu sehn, der wahrscheinlich in drei Welttheilen gefochten habe (er nickte zustimmend), und glaubte nun, nach so vielen Auseinandersetzungen, das Ende der Feierlichkeit gekommen, als er plötzlich einen Schritt näher an mich heran trat und mit bewegter Stimme sagte: Monsieur, je ne crains pas de vous offenser, si je vous prie .....

Ich warf unwillkürlich den Oberkörper zurück.

Monsieur, fuhr er fort, permettez, que je vous embrasse.

In solchen Momenten ist ein muthiges Hinein ins Unvermeidliche immer das Beste. Nur Initiative kann vor größerem Unheil bewahren. Ich warf mich also auf ihn, drückte die drei Medaillen an meine Brust und schob erst meine linke, dann meine rechte Backe an den beiden Flanken seines mächtigen Hauptes vorbei.

Dann ließ ich los. »Rasumofsky, Licht!« Dieser packte den nächsten Leuchter, riß die Thür auf und beschleunigte dadurch den Rückzug.

Als er heraus war, sagt’ ich mir: Mr. Masson, encore une fois! Nur unterm Vergrößerungsglas und — mit rothen Epauletten!

4. Abschied.

Hin jagt der Kiel; ....

Und jene Insel voll Erinnerungen

Sinkt in des Meers, sinkt in des Herzens Tiefe.

B. v. Lepel.

Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff. Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke, zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb mißgestimmt unsrem Treiben zu.

Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm. Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie deuteten leise an: Du hast gut reden.

So kam 9 Uhr. Blanche hatte sich inzwischen erholt und drängte sich an mir vorbei, ihre Flanken immer dichter an meinem Stiefel streifend; Rasumofsky hatte die Decke über den linken Arm gehängt und den blauen Sack in der Rechten harrte er des Zeichens zum Aufbruch. »Nun mit Gott.« Auf der Thürschwelle wandte ich mich noch einmal und sah in das Zimmer zurück, drin das Reisigfeuer eben verglühte. Ich warf, ohne bestimmte Adresse, eine Kußhand hinein, eine Dankesbezeugung gegen den genius loci, der es gut mit mir gemeint hatte. Dann treppab, über Flur und Hof hin, wo noch wieder die Hände geschüttelt wurden, ging es am Glacis und der Stadt-Enceinte entlang, auf das Hafen-Bollwerk zu, wo die Dampfer anzulegen pflegten. Ich löste ein Billet; Rasumofsky legte Decke und Sack auf einen Mühlstein, der Tisch und Stuhl zugleich vorstellte. So standen wir einander gegenüber.

Ja, Rasumofsky, so geht es.

Ja, Herr Leutnant.

Nun, sei’n Sie vernünftig und kommen Sie bald nach.

Ach, Herr Leutnant (hier kam er mir näher ans Ohr), am liebsten brennt’ ich gleich mit durch.

Unsinn. Ewig kann es nicht dauern. Gott befohlen.

Es zwinkerte ihm etwas um die Augen; ich gab ihm die Hand; dann machte er Kehrt und ging stramm auf Stadt und Citadelle zu. An höchster Wegstelle winkte er noch einmal mit einem alten blauen Schnupftuch, das nicht mehr recht flattern wollte. Dann bog er rechts ein und war mir entschwunden.

Das Schiff war noch nicht da. Ich setzte mich auf den Mühlstein und gab mich dem Zauber dieser Minute hin. Es war wie ein Vorschmack der Freiheit. Hinter mir und zu meiner Rechten lag das Meer, nach links hin dehnte sich die Insel, vor mir ein Schiffs-Etablissement, halb Werft, halb Holzhof. Es nebelte leise und durch die stille, wasserreiche Luft klang gedämpften Tones der schrille Ton mehrerer Sägen, die, ein Mann oben, ein Mann unten, große Stämme in Bretter zerschnitten. Das ganze Bild, so einfach es war, war eigenthümlich und einschmeichlerisch, und dennoch empfand ich, das alles schon einmal gehabt zu haben. Ich sann hin und her. Da hatt’ ich es. In Linlithgow, angesichts des Schlosses, drin Maria Stuart geboren wurde, hatte all’ das schon einmal zu mir gesprochen: derselbe Nebelmorgen, derselbe durchrümpelte Holzhof, vor allem derselbe gedämpfte Ton auf- und abgehender Holzsägen. Wenn es etwas geben konnte, den Zauber dieser Minute zu steigern, so war es diese Erinnerung.

Der Dampfer hatte inzwischen angelegt. Ich war der einzige Passagier, wenn zwei Pferde nicht mitzählen sollen, die, mit krausem Winterhaar und klumpigen Füßen, wie heruntergekommene Anverwandte der schönen Percheron-Raçe, auf dem dritten Platz des Schiffes untergebracht waren. Mit Leichtigkeit löste sich der Dampfer vom Ufer, der Seewind strich über Deck und ein leises Frösteln schüttelte mich. Aber ich konnte doch von dieser Stelle nicht scheiden, ohne bis zuletzt eines freien Umblicks genossen zu haben. Ich stellte mich also auf die Mitte der Kajütentreppe und blickte von hier aus, die erhöhte Treppenwand als Windschirm benutzend, nur den Kopf frei, in die Landschaft hinein. An Büschen und Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichneten, glitt der Dampfer ruhig seine Straße, der Schleier über Oléron wurde dichter, nichts als der Citadellthurm und rechts daneben das hohe Fanal ragten noch wie Schattenbilder aus dem Grau hervor. Auf dem Schiffe herrschte Stille; lautlos dirigirte der Matrose das Steuer, nur die Maschine prustete, die Pferde stampften und die großen Holzschuhe des Schiffsjungen klapperten über Deck.

Nun begann das Hohio und das Rufen in den Maschinenraum hinunter; die Breitseite des Dampfers legte sich an den Quai.

Ich sprang ans Ufer. Festland unter den Füßen. Drüben auf Oléron verschwanden die letzten Schatten im Nebel.

5. Rückreise.

Komm mit deinem Scheine

Süßes Engelbild.

M. v. Schenkendorf.

Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’ die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die »Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »vous êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier «[3], und dies endlich war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem Herzen spürte.

Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir.

Ich hatte zwei Gänge in Rochefort zu machen, den einen um der Pietät, den andern um der Respektabilität willen. Diesen zweiten Gang macht’ ich zuerst. Es war nämlich unmöglich, den blauen Kattunsack, diese in ihrer Art vollendete Leistung meines Rasumofsky, als Handgepäck eines première-classe-Reisenden beizubehalten; — dieser Sack allein schon wäre eine beständige Denunciation gewesen. Ein Tausch also mußte sich nothwendig vollziehen. An einem squareartigen Platz, inmitten der Stadt, fand ich endlich eine Reiseeffekten-Handlung, trat ein und hatte einen kleinen degenerirten Franzosen vor mir, der nicht aussah, als ob er die letzten Kraftanstrengungen der Republik seinerseits unterstützen wolle. Ich kaufte eine leidlich elegante Tasche, bat, den Prozeß des Umpackens sofort vornehmen zu können, und löste diese Aufgabe, die bei der Beschaffenheit meiner Effekten nicht eben leicht war, mit Geschick und Decenz. Dann überreichte ich den Kattunsack mit der Bitte, diese blaue Trophäe zur Erinnerung an einen preußischen prisonnier de guerre aufbewahren zu wollen. Der kleine Mann konnte sich in diesen Worten nicht gleich zurecht finden; nur drei Nähterinnen, die schon den Umpackungsprozeß mit Theilnahme verfolgt hatten, kicherten jetzt und blickten mich freundlich an. Dieser Erfolg genügte mir vollkommen. Ich grüßte und verschwand.

Mein nächster Gang in Rochefort galt dem Mr. Vignaud, dem Vorstande des Gefängnisses. Ich hatt’ es noch dankbar in Erinnerung, daß seine sorgliche Pflege mich vielleicht vor einer ernstlichen Krankheit bewahrt hatte; so fragte ich mich denn durch Straßen und Gassen durch und zog alsbald an dem großen Holzgatter die weithin schallende Glocke. Man empfing mich wie einen alten Bekannten; »der Direktor habe eben von mir gesprochen«. Dieser saß wie gewöhnlich an seinem Pult und las im Moniteur universel den Meinungsaustausch zwischen dem Grafen Bismarck und dem Comte Chaudordy über Gefangenenbehandlung hüben und drüben. Ein sehr zeitgemäßes Thema. Er schob mir das Blatt zur Durchsicht hin; ein kurzes Gespräch knüpfte sich daran; ich fragte nach dem Sohn, dessen Zimmer ich bewohnt hatte; er zuckte mit den Achseln, — ein Ballonbrief war seit Wochen nicht eingetroffen. So schieden wir; ein jeder gut-national und doch gute Freunde mitten im Kriege.

Der Bahnhof war ziemlich nah. Ich erfuhr, daß in 30 Minuten ein Zug abgehe, der aber halben Wegs zwischen Rochefort und Bordeaux (in Angoulème) 4 oder 5 Stunden liegen bleibe, um das Eintreffen des Hauptzuges von Orleans her abzuwarten. Mir brannte der Boden unter den Füßen. Also weiter.

Um 10 Uhr Abends war ich in Angoulème. Ich nahm einen Imbiß; dann wurden die Gasflammen am Buffet gelöscht und ein Kellner führte mich einem Bahnhofsbeamten zu, der nun den Warte-Salon öffnete. Hinter mir wurde wieder zugeschlossen. Es war ein dunkler Raum; die dicht aufgeschüttete Kohlenmasse glühte nur; große Schatten gingen an der Decke hin, wenn draußen auf dem Perron sich irgend etwas regte; — es war die Infirmerie von Moulins ins Elegante übersetzt. An den Wänden entlang standen Plüsch-Canapés mit großen Kissen vom selben Stoff; alles bequem und einladend. Ich streckte mich, um ein paar Stunden zu schlafen. Es wollte aber nicht recht glücken, da ich bald wahrnehmen mußte, daß ich nicht der einzige Bewohner an dieser Stelle war. Auf einem zweiten Canapé, das Kopf an Kopf mit dem meinigen stand, wurd’ es unruhig, drehte und dehnte sich, gähnte dazwischen und gab allerhand andere Zeichen des Unbehagens. Endlich stand der Unruhige auf und setzte sich vor den Kamin. Die Kohlengluth gab gerade so viel Licht, daß ich ihn erkennen konnte. Es war ein junger Mann, wohlwollenden Gesichts; allem Anschein nach ein Kaufmann.

Nach einer halben Stunde waren wir im Gespräch, und ich darf wohl sagen, ich schulde ihm den glücklichen Verlauf einer Reise, von der er mir offen bekannte, daß er sie unter den obwaltenden Umständen für ein Wagniß halten müsse. »Sie müssen sich eilen; keine Aufenthalte; immer erster Klasse; — die Züge, zum Glück, greifen ineinander ein.« Sein ceterum censeo aber war: »schlafen Sie viel, lesen Sie viel, sprechen Sie wenig«.

Etwa um 2 Uhr Nachts traf der Zug von Orleans ein. An demselben Vormittage war auf dem Terrain zwischen Artenay und der Loire-Hauptstadt gekämpft worden; fünf oder sechs Waggons waren mit bayerischen Gefangenen und Verwundeten gefüllt; namentlich Artillerie. Sie befanden sich auf dem Wege nach Pau. Ich trennte mich von meinem freundlichen Berather, wiederholte ihm meinen Dank und weiter ging es, auf Bordeaux zu. Wir erreichten es 6 Uhr früh. Ein Fiacre führte mich, über Brücken und Plätze, an einem prächtigen Quai hin, von einem Bahnhof auf den andern. Nur eine halbe Stunde Rast!

Nun begann ein Fahren Tag und Nacht. Am Nachmittag in Toulouse; am Abend in Cette. Eine weite Wasserfläche dehnte sich zur Rechten; der Mond, in breitem Streifen, schimmerte drüber hin. »Was ist das?« Das mittelländische Meer.

Weiter. Montpellier, Nismes, Tarascon. Hier gingen wir auf die Marseiller Linie über. Am Morgen in Lyon.

Lyon hat acht Bahnhöfe.

Où est la gare de Genève?

C’est ici; voilà.

A quelle heure part le train?

A présent. Dans cinq minutes. Dépêchez-vous.

Im Fluge löste ich mein Billet und weiter rasselte der Zug auf Genf zu. Nur noch 20 Meilen bis zur Grenze! Mir begann das Herz höher zu schlagen. Ich fing auch wieder an zu denken. Wie hatt’ ich diese anderthalb Tage seit Angoulème zugebracht? Getreulich nach der Weisung meines Berathers. Die Augen geschlossen oder in ein Zeitungsblatt vertieft, so hatt’ ich die langen Stunden über da gesessen. Auch in der Nacht war kein Schlaf über mich gekommen. Was geht in solchen Stunden in einer Menschenseele vor? womit tödtet man die Zeit hinweg? Hier liegen Fragen für einen Psychologen vor. Das Auge ist todt; die Landschaft spricht nicht zu ihm; die Bilder fallen auf die Netzhaut, aber der Nerv, der uns das Bild zum Bewußtsein bringen soll, versagt seinen Dienst. Und wie keine Bilder zu uns sprechen, so sprechen auch keine Gedanken in uns. Schemen, ein geistlos-geisterhaftes Wesen, ein fieberhaft durch das Hirn gehetztes Nichts; ein Stunden- und Minutenzählen; immer dieselbe Frage: wie weit noch, wie viel Meilen noch?

Jetzt, auf dem Wege zwischen Lyon und Genf, war ich wenigstens so weit gediehen, über das Nichtdenken der vorhergehenden Stunden nachdenken zu können. Auch das schon war ein Gewinn. Dabei begann ich die letzte Nummer des »Salut public« auswendig zu lernen.

Nun waren wir in den Jura hinein; die Wälder bereift, die Häupter tief in Schnee. Ein Sturm pfiff; aber gleichviel, es ging vorwärts. Das war Bellegarde. Die letzte französische Schildwacht, den Kopf in der Kaputze, sah von der Felsenbrücke hoch oben auf unsren, ihm muthmaßlich wie Spielzeug erscheinenden Zug hernieder. Fünf Minuten später rasselten wir an einem mit Holzbalkonen umschmückten Hause vorüber, das die Inschrift trug: »Café Guillaume Tell«. Also Schweiz!

Die »Bise« wehte von den Bergen her; die Maschine keuchte; unter einem hohlen Gebraus fuhren wir in die Bahnhofshalle ein.

Victoria Hôtel! Ich wählt’ es mit gutem Vorbedacht.

Ein Blick des Oberkellners auf meinen Rochefort-Reisesack (wie hätte erst Rasumofskys Schöpfung gewirkt!) verurtheilte mich zu drei Treppen. Als ich in den kleinen Raum eintrat, sang neben mir eine Pensions-Engländerin die Gnaden-Arie und an dem schlecht eingehakten Fenster rüttelte und rasselte der Sturm. Gleichviel. Ich warf den Reisesack in die Ecke, mich selber auf’s Sopha, kreuzte die Hände über der Brust, athmete hoch auf und sagte das eine Wort: Frei.

graphisches Schmuckbild
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Hinweise zur Bearbeitung

Bei Passagen in französischer Sprache ist die Interpunktion belassen wie im Original. Sie folgt nicht den französischen Regeln der Rechtschreibung.

Die Schreibweise "Domremy" (ohne accent aigu) für den Ort im französischen Departement Vosges, Französisch "Domrémy", (heute Domrémy-la-Pucelle) wurde so beibehalten, bis auf eine Nennung in wörtlicher Rede (vous souvenez-vous de Domrémy).

Die im Satzbild enthaltenen Trennungen in Linien- oder Dekorationsform wurden wie im Original beibehalten, um den Gesamteindruck des Druckwerkes möglichst nahe abzubilden.

Es wird der alten Schreibweise "vorauf", heute "voraus" gefolgt (schritt er seiner Heerde vorauf).

Um die Werktreue zu erhalten, wurde die gelegentliche Schreibweise "Brot" (z.B.: Es war heißes Wasser, mit Brot) beibehalten, obgleich im Buch sonst meist die alte Schreibweise "Brod" zu finden ist (z.B.: Weißbrod sehr wohl leben lassen)

Die Schreibweise von "nichtsdestoweniger" wurde im Text abweichend mit Worttrennung beibehalten, da früher die getrennte Schreibweise üblich war und hier möglicherweise eine Mischform vorliegt (Der General indessen sei nichts destoweniger).

Das Wort "sentimalen" wurde belassen, obgleich es keine übliche Schreibweise darstellt. Es handelt sich möglicherweise um eine Französisierung des Autors. Ein Schreib-/Satzfehler statt "sentimentalen" erscheint wegen gleich drei abweichender Buchstaben unwahrscheinlich (aber alle von jenem sentimalen Zug,).

Beim Ortsnamen "St. Marie des Fosses" wurde die im Text verwendete Bezeichnung beibehalten, da nicht zu ermitteln ist, ob der Autor den Namen beabsichtigt oder fehlerhaft verwendet hat. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den Ort "Saint-Germain-des-Fosses", zu dem die im Text beschriebenen regionalen Bezüge passen (Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt;).

Die Schreibweise Vikar und abweichend Vicar wurde wie im Original beibehalten (Dem Besuche des Vicars)

Notes in this chapter

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