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Kaspar Krumbholtz

Zweites Buch Gärender Most

Reading edition

Erstes Kapitel Im Rock des Königs

Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13. Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben, durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen zu verkürzen.

»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«

»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer Haltung Kaspar Krumbholtz.

»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig, ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der deus ex magica ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden! Übrigens weeß ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt, Paschter wern zu wollen.«

»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«

»So, gehört das hierher? — Urlaub — son krummer Rekrut von kaum vier Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«

»Bin ich auch, Herr Sergeant.«

»Hab ich Sie was jefragt?«

»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«

»Also — ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern bei Ihrn Urlaub?«

»Stud. phil. et hist., Herr Sergeant.«

»Was forn Mist?«

»Studiosus philosophiae et historiae, das heißt, Student der Weltweisheit und der Geschichte.«

»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«

»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe, Herr Sergeant.«

»Hm — das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch mal wieder was, der Herr Leitnant kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer, Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das sagen!«

Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm Freude.

Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, — das war zum mindesten nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte korrigieren und Schlafsaalwache.

Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart Schnedermann.

Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit von Hans Sebalt.

Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war Sebalt sofort zurückgekommen, als der harmlose Freund damit Ernst zu machen drohte.

So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte, obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.

Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste ein Verhängnis über ihr.

Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam sich als ein recht wichtiger Mann vor.

Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.

Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten — anders wahrscheinlich, als der schnellfertige Agitator sie zu lösen vorschlug.

Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings unmöglich.

Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten, ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als Stud. phil. et hist. belegte, Nationalökonomie.

Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.

Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am meisten lag.

Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte, den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten, sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht schwer.

So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast jeder Abend.

Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen. Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß verstand; aber er pflegte seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht, dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«

Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche Junggesellenwohnung zurückkehrte.

Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel, das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem — darin fast ein weißer Rabe — an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe hatte nur einmal im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten, und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft hinzusetzte: »Übrigens ist es streng verboten, Alkohol in den Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie, seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des Unteroffizierstandes recht verbreitet.

Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers, der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren. Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm treulich.

Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal ihm das Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert. Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt scheren und Schaftöl holen.

Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«, sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.

Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch seinen Willen.

Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne dem stets sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur Meldung bringen.« Und es geschah.

Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.

Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.

Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr ganz sich hingeben zu können.

Zweites Kapitel Sündenfälle

Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.

Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu, und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.

Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft in ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere Geschlecht lechzten.

Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch; ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.

Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen hielten ihn immer wieder vor dem Äußersten zurück, obwohl es in Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.

Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.

Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert wurde. Dann dachte er unwillkürlich — wie zum Schutz gegen die Macht der Verführung — an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte, dankte rasch und kehrte um.

Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.

Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der Naturwissenschaft geworden war, der bei seinen Professoren bereits Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward immer härter und heißer.

Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.

Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte, wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.

Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.

Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt der Brünetten zu und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:

»Ah — meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da — Sie leben auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung, daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«

Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit unnachahmlicher Hoheit: »So — Sie sind mir mal wieder auf der Spur — der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na — Weidmannsheil — aber merken Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«

Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung, und so sagte er vornehm:

»Ich weiß nicht, warum Sie mich so en canaille behandeln? Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«

»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in Monplaisir?«

»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame interessiert?«

»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur Genüge zu verstehen gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in Ruhe.«

Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen, und einige Vorübergehende horchten auf.

Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so — Sie wissen nicht, was Sie mir sind.«

»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«

Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben — ich weiß nicht, wie es kommt, — Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung! Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos von sich.«

Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört, dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben; aber Sie verzeihen, ich glaube dergleichen Firlefanzereien schon längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann wollen wir weiter reden.«

»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.

»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne Steuerrad mit den Perlen — gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«

Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine? Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz, daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren — für immer — nein — koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und stolz schritt er in den Laden.

Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte, er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:

»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35 Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie nicht.«

Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte, keine Gefahr — gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein Etui, vielleicht weißer Samt?«

»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.

Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt. Genug — sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet und verschmäht.

Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand zerschmettern!

Diese Elende — diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das Stück zurückzunehmen? Nein!

Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt — er würde einfach Volpelius um Geld bitten.

Und dann — diese schwarze, tückische Hexe — mußte sie es denn durchaus sein? Es gab andere genug, die vielleicht nicht weniger schön waren und sicherlich entgegenkommender.

Was war denn die Liebe? Leidenschaft — Sinnlichkeit! Ein Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!

Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube, trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare Brosche und seine Keuschheit.

Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.

Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust und unstillbarer Sehnsucht.

Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin erträumt hatten.

Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung, die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.

Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so harmlosen Großspurigkeit:

»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach meiner Façon unselig werden.«

Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton vernommen? Richtig — bei Chancy, der sprach auch so bitter und überlegen — damals!

Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.

Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.

Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen nicht wieder.

Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein unerquickliches Verhältnis.

Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die Entwickelung ad absurdum geführten Theorien genügend vertraut gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.

Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte: Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit, und Lumpen kämen überall vor.

»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen Klassen weit weniger als unter den höheren — natürlich prozentual berechnet.«

»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien — nein wirklich — es war geistlos und wüst — die Versammlung polizeilich aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden. Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«

»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat — dann —«

»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich ja schon halb und halb zugegeben.«

»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«

»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus, dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht. Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«

Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung, im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales Empfinden.

Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.

Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.

Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein, obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.

Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig. Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.

Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.

Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz London nichts hatte träumen lassen.

Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine, leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern wer und wie man es war.

Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.

Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«

Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die zarte, stille Frau ins Wasser.

Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.

Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders, der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm — um seiner mutterlosen Kinder willen.

Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor der Tür.

An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.

Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit ihr.

Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier; plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich: »Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine Verwandte?«

»Ich — nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«

»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher? Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze — ist noch nicht lange hier — ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht — so wie vor Schrecken — na und nu sitzt sie da drin und heult wien Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein Verwandter — na Gott, ich glaubs ja auch nicht — also bitt schön, wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie sich dann.«

Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«

Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen, etwas düstren Gemachs.

Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor, und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von Zweydorff war.

»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos, war am Ende mit meinen Mitteln — zürnen Sie nicht, ich war anständig, glauben Sies mir.«

Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm: »Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht. Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist. Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich doch wie ich!«

Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher gegangen.«

Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz — ich weiß ja, was für ein vornehmer Mensch Sie sind — helfen Sie mir hier fort, ich bitte Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß. Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier, und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh — es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier — gehen Sie, bitte, suchen Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und ehrlich arbeiten.«

Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.

Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war, eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«

»Morgen — nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen. Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben. Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre —«

»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«

»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl — nun ja, der angehende Offizier —«

»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists keine.«

»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr Portemonnaie zurück — ich nahm, was ich brauchte —, es ist noch viel darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«

Kaspar nannte seine Wohnung.

»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in einer kleinen Dachkammer. Also — tausend Dank, liebster, bester Herr Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen nie. Dank, Dank!«

Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme Erfahrungen.

Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung begehrte.

Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.

Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und so eilte Kaspar nach Hause.

Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen, mit.

Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.

Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.

Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben dürfe.

Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.

In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber die dienstliche Begründung war eine Notlüge.

Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt, daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings, gewaltig das Blut erregten.

Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.

Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren Solidaritätsgefühl.

Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit zwei Kindern, für die er treulich sorgte.

Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.

So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie so jetzt öfter in die Kaserne kommen.

Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten Abend zum Wachthabenden.

Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend: »Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«

Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.

Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte sie um jedes Zutraun gebracht.

Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern Stadt versuchen.

Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe, solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.

»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine Last.«

Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.

Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort: »So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder ganz aufrecht.«

»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer Mensch.«

»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus Erfahrung?«

»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung. Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen: Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren — nämlich in die Zukunft zu schauen.«

»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht? Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte — o mein Gott, wie gern tät ichs! — Wissen Sie, oft hab ich schon geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe, hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als seine Frau gekauft und mich dann — noch hübsch jung — als trostlose Witwe zurückgelassen. Hui — dann wär ich mit all meinen Schätzen spornstreichs nach Tramberg gefahren — statt Ihnen brieflich zu versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache ich gar noch neue. Scheußlich — nein wirklich, Sie sind wirklich mit mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich —«

Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß sie Kaspar eilend zurückzog.

»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,« schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie. »Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und schütteln — Gott sei Lob und Dank — den Kopf. Also wozu dann so traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß, wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch — ja — wollen Sie?«

Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.

Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht wenigstens etwas Liebes antun?

Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi, wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?

Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit, seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch — ob gerade diesen Verzicht?

Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem verführerisch schönen Weibe tête-à-tête! — Toll war es — grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben, dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran verlieren wollte.

Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein tückisches Verhängnis.

In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis wegen seiner Zerstreutheit.

Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 — »bloß die paar Tage noch — die halt mers aus!«

Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?

Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für den nächsten Morgen.

Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er von der Kaserne nach Hause kam.

Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.

Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal, meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«

Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie sichs bequem.«

Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.

Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar zu Tisch.

Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte des Abendlandes, wenn — es so teuer wäre wie Kaviar.

Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.

Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.

Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.

Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.

Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung schwebte durch den kleinen Raum.

Lange tafelte man — scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.

Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken und räsonnierten launig über das Essen — ganz wie bei den oberen Zehntausend!

Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.

Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der Abschiedsschmerz leise klagend heraus.

Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«

»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher nur übertäuben wollen.«

»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«

»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich — tiktik, tiktak — wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«

Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.

Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.

Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch das trauliche Du.

»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht — wozu — ich tat es damals — vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur — ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber still — eine armselige, glücklose — mein Mann sitzt im Irrenhause. Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen, hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal, was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht schade?«

Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges Geschöpf — und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.

Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:

»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich. Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir, er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach mir. Hier über der linken Brust — du darfst schon fühlen, wenn ichs dir zeigen will — da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation den Busen zerfleischt — mit dem decolleté ists nichts mehr. Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war unheilbar — ich erhielt meine Freiheit zurück — leider, leider. Dem Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir sein Haus, enterbte mich später — schade, gelt? — sonst! O du Narr — wär das so schlimm? Also gut — ich verzehrte mein bißchen Geld, ward noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt nie über meine Lippen — es war zu grauenhaft.«

Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber, willst du mich nun verachten?«

Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung, während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.

Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und habe Dank — für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«

Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.

Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich wollte dir nicht weh tun!«

Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.

Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so erregt haben? — Nein — so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen trennen — das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!

Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen? Nein — also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr — denn morgen in aller Frühe — übrigens wann wurde denn gestellt? Bah — das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! — Aber nun mußte er Irmgard um Verzeihung bitten — unbedingt — sofort natürlich, ehe es etwa schon zu spät ist.

Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.

Keine Antwort folgte, noch einmal — wieder war nichts zu hören!

Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich: »Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«

Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«

Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser, sich selbst vergessender Liebe.

Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner Militärzeit zu spät zum Dienst.

Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem Dienstanzug.

Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.

Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.

Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich lange nicht von ihm.

So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller denken könne.

Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant, der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.

Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er Vergessenheit.

Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des Lebens spurlos untergetaucht.

Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn. Irmgard.«

In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht an Irmgard wieder gut zu machen — es koste, was es wolle, und nun hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem Leichtsinn.

Drittes Kapitel Charlotte

Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.

Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen höflichen Worten getan.

Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.

Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge: jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern, der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.

Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem übermütigerweise »Collegium Mugonianum« wohl nach der Pinus Mugo, dem Knieholz.

Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war, — aller Wahrscheinlichkeit nach — ein italienischer Zuname; aber die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür gezweckt mit dem Biertitel »Collegium Mugonianum«. »Eigenartiges Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von dannen.

Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.

Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das einigermaßen pikant zu werden schien.

Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne — da war schon eher Mumm drin!

Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!

Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne. Teufel, dachte er — narrte ihn was? War das nicht sie — das infame Frauenzimmer — die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?

Zettel her: Charlotte Schubert — hm — jedenfalls kein Bühnenname — zu simpel — eigentlich zu dumm für diese — na — aber sie kann etwas! Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt und nun den Alten, heidi — das sitzt! Menschenskind — das Abtrumpfen hat sie los — das ist ihre Natur — so ähnlich gings ihm damals an der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung — Töne — so echt — prachtvoll!

Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas — und richtig, das war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!

Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich gemacht wurde.

Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein, ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.

Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich werde den Theaterhabitué spielen — schnobrig — nobel — kann mirs ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen — aber erst warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.

Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«

Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm Juwelier! S.«

Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.

An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.

Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand Seigneur.

Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten wurde.

Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg, wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.

Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen: »Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«

»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie seinerzeit der Perlenbrosche.«

Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein wenig verwirrt:

»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles wüßten — ach wozu — reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück gefallen?«

Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.

Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.

Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir verändert‹ — so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt, dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«

Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde, meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«

Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.

Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin ihrem Dompteur.

»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg ist kürzer — übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«

»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«

»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden? Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«

Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam erhellten.

Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht Traviata spielen?«

Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«

»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! — Was ich will — nur meine Rache kalt genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher zu viel verehrt habe.«

»Wenn Sie das wirklich getan hätten —«

»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so geschmackvoll forderten, nicht stante pede damals angetreten? 65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die Katz! Schade!«

»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will Ihnen alles offen gestehen.«

»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den rechten Arm.

»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben. Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin; wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat — an jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen — da hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war. Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts spenden, lachen Sie nicht — es ist mir bitter genug gewesen. Alles war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte, wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst flog mir durch den Kopf — kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham vor mir selbst, und in bittrem Hohn — ja mit Undank und Niedertracht zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer. — — So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham! Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution erteilen, ein- für allemal!«

Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.

Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe, wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.

So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung: »Narrenhaus — diese Welt — man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich am nötigsten braucht.«

»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.

»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht erlauben würde, wenn — nun ja, ich will auch ehrlich sein — wenn ich Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«

»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«

»Ja, sie war das Erste und — gestatten Sie — das Beste von Ihnen!«

»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles — auch das letzte — hingeopfert hätte, so spielen könnte?«

»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.

»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie vielleicht ein anderer — ich — ich liebte Sie redlich.«

»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben, sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«

»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«

»So — und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«

»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer viel zu gut! Nur — ich verlange heute nach beiden nicht mehr — wie damals! Ja — damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann — dann glühte ich vor Haß.«

»Und vergaßen mich am Ende — trotz oder vielleicht wegen der teuren Brosche?«

»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen auch Sie alles wissen! Die Brosche — die warf ich einer andern zu, der ich mein Bestes verschenkt hatte — warum — weil sie Ihnen ähnlich sah! — So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«

Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.

Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«

Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine stürmischen Küsse erwidert.

Viertes Kapitel Auseinander

Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.

Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte, sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.

Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast selbstverständlich.

Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein, ihm notwendig erschien.

Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm, dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur Archäologie und zur Kunstgeschichte.

Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu sehen und vergleichen.

Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater und die Leihbibliotheken.

Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller, Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten vermochte.

Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein Stahlbad.

Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen, anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.

Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu verzichten.

Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als Habilitationsschrift dienen konnte.

Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen erscheinen wollte.

Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.

Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß — auch in der Wissenschaft — seine sittliche Berechtigung haben solle.

Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.

Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.

Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte — und jetzt gar nicht mehr sein durfte — als ein treuer Bruder.

In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm Winklers.

Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden, schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.

Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.

Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.

Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum — wenn irgend möglich — hinter den Knaben liegen.

Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit rastlosem Eifer.

Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks, an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.

Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem großzügigen Manne.

Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille, gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres verstorbenen Vaters.

Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.

Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry Brosyn.

Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.

Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.

In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben geratener Schwimmer.

Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm — zwar gegen ihre innerste Überzeugung — den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und noch mehr zu werden wünsche — es half wenig!

Kaspar wich erst aus, führte dann — ganz gegen seine Gewohnheit — seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.

Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein? Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe. Hatte er sich irgendwie verloren?

Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden. Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des langsamen und faulen Kaspars.

Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.

Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu konsultieren wünschte.

So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von Dr. Sebalt und Kaspar Krumbholtz.

Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm nun diese Nachricht mit.

Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.

Dr. Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten Leipzigs zeigen ließ.

Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte Collegium Mugonianum mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen Collegium Mugonianum vis-à-vis der königlichen Polizei« ernannte.

Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.

In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun — als sei mit einem Male der Knoten geplatzt — von launiger Beredsamkeit überfloß und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und spektakelt hätten, und wie sie — die drei Vettern — tags darauf wegen Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken hätten.

Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs, auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt. Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert, wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte — und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.

Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu befürchten.

Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer saß.

Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.

Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:

»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen, hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«

Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:

»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als — um mich. Das wundert dich — nun ja, es will auch recht verstanden und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater. Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich. Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen. Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den mir Vater vermacht hat. Aber — ich kann mir nicht helfen — auch der beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger; sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«

Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht, Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«

»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden — aber ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir — wie schon die Briefe es verrieten — daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr, sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar. Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«

»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«

»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch weh tut.«

»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein wenig unsicher.

»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten, dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen ersehnt und erhofft hätte.«

Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.

Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und Ursemi ersparen.

Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen: »Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«

»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den Achseln.

Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich habe ein Recht dazu.«

Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht, nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«

»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu dir treibt, was dich zu mir riß?«

Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster und trotzig, daß Ursemi erschrak.

Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch — nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich — kurz und gut — ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben, du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«

Jäh und wie scheu wandte er sich ab.

Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen Smyrnateppichs verhallten.

Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich, und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«

»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«

»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen. Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«

Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein — darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge — und es geht ja im Leben oft genug an — von meiner Ursemi wünschte ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann, der — kurz gesagt — nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen, wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das — verlange nicht mehr, Ursemi — es wäre grausam.«

»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«

»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«

»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn. Wer weiß —«

»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt ja nicht alles.«

»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«

»Nein, das nicht.«

»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«

»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich unverzeihlich gehandelt, denn ich — das ist das Schlimmste — ich habe mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern gehörte, denn ich liebte dich — dich allein und vergaß mich doch! Das ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht würdig. Niemals! Und nun — laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite stehn!«

»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«

»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen. Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«

»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter Herbheit.

»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung, »ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken, ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht, den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«

»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen Sklaven — sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu — seiner Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal — und nun zum letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden — oder nicht! Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest, Kaspar — willst du?«

Eine bange Pause trat ein.

In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi — und diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich: Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht, schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher, will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei treu gegen dich und andere!«

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