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Kaspar Krumbholtz

Erstes Buch In der Kelter

Reading edition

Erstes Kapitel Der Holzkollege

Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag.

Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer.

Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der 1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe, und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L3, und der magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl. Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der Musiklehrer.

Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch, rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!«

Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben Zöglinge?«

»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.«

»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht —«

»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter Umgangssprache.«

»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben beständig in der Schriftsprache.«

»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,« erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich meine die lieben Zöglinge.«

Geschmeichelt verneigte sich L3 und fragte dann: »Wo bleiben denn die beiden bösen Buben?«

»Pardon —« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben Herren Kollegen Knortz und Muffke.«

Wieder lachte alles, am herzlichsten L3. Da traten die eben genannten Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend, Kinnings!«

Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig.

Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer (der natürlich die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.«

Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.«

Alles lachte wieder und recht von Herzen.

»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich.

»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend.

»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett in dem leichten Ortskindergeschirr.«

»Sell isch recht — ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.«

»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.«

Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett gebettet.«

L3 erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel dran.«

Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an die Tür geklopft wurde.

Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte.

Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter Frutschen — Tasse Tee gefällig?«

Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen ist.«

»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen.

»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester Frutsch süßlich.

»Hurra — een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!«

»Nein, bitte — keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der Mitdirektor.

»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte Moritz.

»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch, »und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.«

»Nee — nee — Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?«

»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich gewiß freuen; aber der neue Herr — Herr oder Bruder, wie wars, Herr Mitdirektor?«

»Bruder — jawohl — Bruder Krumbholtz,« antwortete L3.

»Ach, etwa — vom Missionar ein Sohn?«

»Nein — das wohl nicht — aber aus der Familie jedenfalls!«

»So — nein, ach — wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch, wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein — was war die schön — und so interessant, diese Seehundsgeschichten — entzückend! Aber nun, was ich sagen wollte —«

»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?«

»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes auf der Waschkammer — das wußte er gleich alles — ließ sich den Weg zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und ist schon soeben auf den Schlafsaal hinauf gegangen.«

»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der nicht mal fertig studiert hat —«

»Ach — was Sie sagen — hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?«

»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern Lehrer werden —«

»Ach — aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?«

»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.«

»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen — das tue ich doch nie!«

»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.«

»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der Geständnisse liebt — im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz angebunden zu sein. Aber nun will ich nicht weiter die schöne Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben, was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!«

Lächelnd grüßten die Lehrer wieder.

Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.«

Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat — nu hat se dat ok wedder rut —«

»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören mußte.

Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen Ernstes: was soll denn da oben werden?«

»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue Schlafsaalkonstellation ansehen.«

Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt, bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na, jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.«

»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann achtete auch er.

»Na — bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend rum in der janzen Jemeine Jottes.«

»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!«

»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten Examen und Ihrer Schriftsprache.«

Jetzt legte sich L3 begütigend ins Mittel und sagte väterlich: »Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer, war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber unserer schwatzseligen Oberhof- und Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur, daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht angemeldet —«

»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd hereinschaute.

Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste: »Da haben wir die Bescherung!«

Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig:

»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege, der sich mir vorhin vorstellte — den Namen hab ich aber nicht verstanden — hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen, da er so wie so zu Bett gehen wolle.«

Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum, endlich fragte Kratt mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht verlassen?«

»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst — das ist doch ganz in der Ordnung!« —

»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu —«

»Nun ja — das waren wir alle einmal — anfangen muß doch jeder; übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist wohl aus der Gemeine, denke ich — na also! Nun lassen Sie mich doch in Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?«

Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und richtig, auch jetzt nicht umsonst.

Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige, humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat.

Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und neugierig zum Schlafsaal hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe — er paßt also in meine Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.«

Zweites Kapitel Antrittsbesuche

Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte noch alles in absonderlichen Tönen.

Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort, unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und Gnadenzell — aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen lassen?

Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden Tausendmarkschein zu sehen pflegte — so spöttelte man im Osten. Aber der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft. Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn, wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte.

Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen.

Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen Worten: »Wo wollen Sie hin?«

Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten — Krumbholtz, der neue Lehrer.«

»Ah, so —« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.«

Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter, doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf.

Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann es ihm beliebe.

»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf der hartnäckige Hannoveraner ein.

»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.«

»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn ich Ihnen behilflich sein kann — nur einen Moment, ich will mich rasch fertig anziehen.«

»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht; meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten Morgen!«

Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus.

Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte, die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser Holzkollege nicht gerade zu sein.

Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den strahlenden Frühlingsmorgen hinaus.

Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien.

Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser.

Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus.

Eilends flog er den Hügel hinab und mit immer steigender Befriedigung spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen.

Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!«

Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme, wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten.

Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur.

Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus und schritt, an Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei, summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten.

Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«, so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da — krachten Zweige — eine aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht.

Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach, — dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends, er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und Bethel.

Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi!

Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten Blicken ausbreitete.

Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja — wenn? Und plötzlich war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben Zweifeln.

Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und sann. Seltsam — daß er, der immer wieder so schwer an Christi Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu glauben nicht lassen konnte!

In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen, scharfen Augen um sich schauend gekommen war.

Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom Religionsunterricht zu dispensieren.

Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche Dioskurenpaar Knortz und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon mit einer Morgenpfeife feierten.

Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes Abenteuer mit Schlegelmeyer.

Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los. Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«

Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich Stubenlehrer bei den Vierten werden.

Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.

Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.

Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.

Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.

Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben würde.

»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt sind; aber mein verehrter Kollege, warten Sie nur einige Wochen, und es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen. Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich aushändigen?«

»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete Kaspar.

»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd. »Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt — Sie wissen — die ersten zwei Jahre nur 25 Mark monatlich — nicht sehr reichlich — ich kanns leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden, Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht wahr — hier hundert Mark?«

Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.

»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich Bruder Nitschke verbindlich.

»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«

»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen — da es meist Ausländer sind, vor allem ein gutes Deutsch beibringen. Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite — gerade auch als Lehrer — ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon geleitet. Nun — im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«

»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«

»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege — und alles Gute! Heute mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf Wiedersehen!«

Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am Direktorzimmer wieder hinab.

Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt. Was für ein Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.

Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich, gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein sonores »Herein!«

Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für einige Minuten.

Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen, jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.

Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und seines schier überirdisch verklärten Sohnes Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die idea fidei unitatis fratrum undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire- und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer Antiqua: Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum, suae aetatis LXXIII.

Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte, wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden, hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.

Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.

»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,« meinte Kaspar.

»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch, »das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren unsere Urgroßväter.«

Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon wieder halbentschlummerten Dachs an.

Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.

Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause. Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine ecclesiola in ecclesia, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.

Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein Engländer, übrigens einer der besten.

Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen Klassen zu unterrichten und ob ihm 28 Stunden, darunter freilich 12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für Anfänger, zu viel sein würden.

Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine Religionstunden darunter sind.«

»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen — es ist auch keine Freude zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren Geistlichen. Es steht nicht gut!«

Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen, verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten Freunde.

Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und innerer Freude seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund bevaterte, abzuwechseln hatte.

Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden; da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten zweiten Stube, die allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.

Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.

Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch — wie sich später herausstellte — ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.

»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male dazwischen.

»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«

Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich: Menschenkenntnis und Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.

Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen Vierten zum Fußballspiel.

Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.

Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.

Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug, die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen Arbeitsstunde.

Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig, als er im Vorübergehen Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte: »Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington und Venobles kann er doch nicht spielen!«

Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.

Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit, ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem schließlich ein Lager.

Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen »ganz famosen Kerl«.

Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.

Drittes Kapitel Der angehende Weltmann

Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.

Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem, aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.

Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen — auch auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber einzubüßen.

Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße befriedigt schnobernd ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.

Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach Gohlis ab, wo es — wie man ihm gesagt hatte — die billigsten und behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.

Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate, ein anderes daneben nur ein Mietangebot auf. Der kluge Hans Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele »Buden« leerstehen.

Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein Billiges ermietet.

Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.

Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile ans offene Fenster und sah leise ergriffen hernieder auf die nahe, menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden Geheimnissen.

Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm« seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver Karrengaul. Warum — der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können! Nun — er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er, Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.

Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen strahlenden Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die Welt?«

Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten Enttäuschungen.

Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen, bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe, da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die dafür zuständige Stelle wenden.

Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.

Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau nachweisen können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig. Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.

Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und entfernte sich tief beleidigt.

Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.

Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.

Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:

»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«

»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis zusammenklappende Hauswirtsgestalt, »ich bin noch der Ehemann dieser Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben — sehr guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«

»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal, was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht gesagt?«

»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst, Herr Doktor, — ja was ich nur sagen wollte — meine Frau, ja — ja — hm — ach — wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir die Miete zu geben — ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag; ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen. Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen — angenehme Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«

Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden, da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören, und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.

Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich, breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen zu dürfen.

»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«

Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da, der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau, das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich — was gehts mich an —«

»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß, woran ich bin.«

»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is, sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«

»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer Mietforderung zu tun?«

»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche hervor) — hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie den Breutels nicht überhaupt verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«

Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts, die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie eine gereizte Pute.

»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der sich — Gott seis geklagt — noch immer als mein Mann ausgeben darf, noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück, Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung — der Butterladen geht mich ja nichts an — die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«

»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«

»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So — ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«

Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.

Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere Frau.

Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.

Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja — die Großstadt — das ist freilich eine andere Welt.

Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.

Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward rite immatrikuliert als studiosus philosophiae.

Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen Abendunternehmung zu feiern.

Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt; aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete, durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.

So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten Bierkeller der Altstadt hinab.

Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.

Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte und stieg ein wenig enttäuscht wieder zur Straße hinauf.

Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee bestellt.

Aber o weh — hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!

In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.

Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute in seiner Siegesstimmung Lust.

Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.

Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte er ja um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!

Und richtig — hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun, Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«

Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir eine Mosel.«

»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler, »befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher Himmelreich?«

Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und bat möglichst blasiert um die Weinkarte.

»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche Frauenzimmer, »unsere Gäste wissen schon, was für Weine wir haben. Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das Himmelreich ist auch sehr schön.«

»Haben Sie keine anderen Sorten?«

Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.

Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja auch ein Glas Portwein haben.«

»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl, bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht trinken Sie auch eins mit?«

»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen Ausweg beglückwünschte.

Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.

Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.

»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken haben.

»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle sine sine!« rief Kathi übermütig lachend. Man stieß abermals an.

Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe sich ja gewiß auch wieder eins holen.

Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu werden — ach was — er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib studieren — die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen lassen.

Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen und drei Zigaretten wiederzukommen.

»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen eine Kleinigkeit esse, und dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«

Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch — schon beim du — also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.

Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«

»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck, obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers anfing die Sinne aufzuregen.

»Ha — warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir nehmen an Halben — für uns zwa langts schon. Gelt — ich darf?«

Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.

Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.

Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert, denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.

Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.

Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen — für einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten Briefmarken drauflegen.

In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt vorübergehend unter.

Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat, ward Sebalt grob.

Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner, darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.

Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge Herrnhuter die Weinstube.

Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.

In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in Leipzig als Hans Sebalt.

Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an, festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.

Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit es aber seine Wirtin, die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.

Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit — so etwa gegen drei Uhr — scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde, den Anblick der Brünetten entbehren mußte.

Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig, und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die Geheimnisvolle ging.

Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.

Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen, ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.

Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.

Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.

Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.

Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.

So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir, fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.

Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt im Sommer sei es doch ein wenig warm.

Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend: »Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«

Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten Semester zusammen Tanzstunden zu nehmen.

Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und ward bald gut Freund.

Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark kosten.

Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich gewinnen.

Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin, die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.

Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!

Viertes Kapitel Der Gottsucher

Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben begann.

Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.

Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.

Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.

Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht abgeneigt; aber beide, armer Leute Kind und noch zu keinem Abschluß ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.

So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.

Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja, sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.

Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen Kenntnis erhalten hatte, kein Wort darüber verlor, den Missetätern aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.

Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja wenig mit ihm zu tun hatte.

Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles« überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.

Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.

Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.

Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung wirklich nicht übel.

Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter Verantwortung für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.

Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im Reinen gewesen wäre.

Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und was bedeutet dir Gott?

Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz darüber nicht aussprechen.

Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er, schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu zerbrechen.

Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«

Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«

Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun plötzlich daran erinnert wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.

Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.

Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.

Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen, das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L3 ebenfalls nicht melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.

Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden »Chef«, um dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.

Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht lohnte.

Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen, während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie mitzumachen.

Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen Haustradition, genannt L3, mit Fug und Recht.

Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen Ferien in Tramberg zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau durchwandern bis zum Bodensee hinunter.

Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald sehr zu statten kommen.

Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier die englischen Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang nehmen und nach London begleiten.

»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis, sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so bald verlieren.«

In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf Tage später trat er seine Reise an.

Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich wenigstens mildern ließe.

Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war wohl ein gewaltiger Unterschied.

Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche Andacht.

Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.

Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.

Also so sah er aus — ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie ein Silen — jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt hatte.

Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium, beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann endlich mit stark nasalen Tönen wie vor sich hin zu reden und zwar über das Gesetz des Geistes.

Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.

Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht klar.

Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher gelobt wurden.

Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge, boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte eiligst hinaus.

Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.

Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche Exegese. Das klang wenig verlockend.

Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.

Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr, war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen Eindruck.

Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären, sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal, sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.

Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme Frage — wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll — ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-, Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?

Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel umstrittene Johannisevangelium las.

Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.

Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.

»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm, »so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen. Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus, ja nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und — noch übler — es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber — es braucht ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein — inzwischen einmal zum Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich zu opfern« undsoweiter.

Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.

Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt zum Münster und stieg hinauf in den Turm.

Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der bittere Unmut in Kaspars Seele.

Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren bei dem jungen Goethe.

Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?

War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig tastenden Gotteshaager Theologen?

Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit, die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner Bestimmung ihm enthüllen konnte?

Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran. Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!

Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst einer ihn quälenden und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.

Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin — nein, ihn zu erfühlen, ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.

Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.

Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten aus dem Irdischen emporgetastet.

Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht, Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott erstrebt?

Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.

Von hier oben war der seinerzeit — wie er jetzt — am Wissen verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes hinabgetaucht ins Leben!

Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich verbrennen.

Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie unlängst hinaufgestiegen war.

Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.

Fünftes Kapitel Das Londoner Magdalenchen

Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch. Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber, daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen, inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.

Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der Riesenstadt zu zeigen.

Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte, ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen, vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse Ahnung hattest!

Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze, wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.

Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat, wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die gleiche Stufe gestellt wissen.

Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern und insonderheit an schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.

Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner, der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.

Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr, mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und Aufdringlichkeit zugute halten.

Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit, vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission, ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der zunehmenden Einsicht in die unendlich schwierigen Verhältnisse der Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.

Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.

Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und unglücklichsten Geschöpfen — das wäre schon das Leben wert, stände vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und der Unterricht der Jugend.

Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte und die niedersten Triebe flackerten.

Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.

Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien, und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer dieser Apostel in einem öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.

Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und Verzweiflung hineinhetzen lassen.

Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.

Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm erledigen.

Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch: sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem Landsmann anzuvertrauen.

Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung, falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.

Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann immer zutraulicher zu erzählen:

»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet, Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«

Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr, und ich denke, heute abend —«

»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich zu Ihnen zu kommen.«

»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«

»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider meinen Willen. Doch — wozu Ihnen das ausführlich erzählen — also kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«

Die Erzählerin schwieg.

Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«

»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«

»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen methodistischen Wölfen zu heulen —«

»Ja, das ist der richtige Ausdruck —«

»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«

»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star, den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission — hier wie bei anderen Gesellschaften —, am wenigsten vielleicht noch bei der derben Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«

»Ja — aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«

»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als hungere.«

»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich, aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen —«

Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es umsonst —«

»Umsonst, aber natürlich — oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«

»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere — das weiß Gott — gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht — vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist Sysiphusarbeit.«

Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«

Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen sollen, um — vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«

Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen Stein erheben?«

Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:

»Wie gut Sie sind — lassen Sie mich ausweinen — nur einmal — einmal! Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie ich — taugt nicht einmal dazu mehr — vorbei — alles vorbei!«

Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin- und herflatterten.

Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens, das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht ganz überwinden konnte.

Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu helfen, es koste, was es wolle?

Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen zu verhelfen?«

»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So weit — und doch —« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen — ich folge Ihnen, wohin Sie wollen, aber so — nein — nein, nicht so!«

Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.

Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig Verzweifelten sein. Ruhig Blut — um Gottes willen, was sollte daraus werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit einem Male vor den inneren Augen.

Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in meinen Beruf zurück und Sie auch.«

»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig, »wer stellt so eine wieder an? Und dann — wenn doch einmal alles zutage kommt — nein, nie, nie! — Lieber in Whitchapel vor die Hunde gehen!«

»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«

»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte, ein Mann wie Sie!«

Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.

Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:

»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich. Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger Mensch — wirklich nichts weiter.«

Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«

Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen, preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte seinen Mund.

Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:

»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen, Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«

Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu, legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens und sagte weich:

»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard — wollen Sie es nicht mir zuliebe tun?«

Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete leise: »Küssen Sie mich — nur einmal — nur ein einziges Mal! Und ich will gehorchen.«

Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.

Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.

Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen, versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um sich eine neue Stellung zu suchen.

Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.

Sechstes Kapitel Feriengäste

Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«

Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter genieße.

Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht, wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.

Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.

Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.

Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.

Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den Paß.

Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.

Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.

Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt, überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.

Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer wieder mit ausgelassenster Freude.

Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.

Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.

Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.

Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet, aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen. Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das Sorgen — namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn — noch immer ausgezeichnet bekomme.

An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.

Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei, der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend heraus und meinte:

»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten Schlotprinzeß — doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel. Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig. Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen. Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp, spielte Tennis — blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht, während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war ja leider nie ihr Fall — jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist, von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte, die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die Stipendien schaffen muß — wie Figura zeigt — also — Prosit!«

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