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Kaspar Krumbholtz

Zweites Buch Gärender Most (continued 2)

Reading edition

»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe dich nicht mehr, Kaspar.«

»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre werden an mir. Ursemi — nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«

»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.

Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer hinaus.

Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.

Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort, aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über ihn.

Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.

In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten Ordinarius geworden war.

Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden war.

Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln: »Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin fuchsteufelswild. Übrigens — weißt du, was mir eben einfällt? Ich werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen. Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na — meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«

»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend hinzu.

»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,« schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.

Wenige Wochen darauf konnte Dr. Sebalt in der Tat seine Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig schrieb.

Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.

Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in Kalifornien zu besuchen.

Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei, aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für immer. Reda darf nicht verwaisen.«

Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar? Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na — bis ich zur Retraite blase, kommst du längst mal nach Frisco!«

Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«

Fünftes Kapitel Die Moravenrunde

Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen, die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.

Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.

L3, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des Missionars gestorben.

Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.

Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und dann keinen Mut gehabt.

Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.

Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder mußten, wich auch nicht von ihm.

Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters, und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name Kämpfer zu lieb geworden.

Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen, der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.

Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über nichts zu klagen hätte.

Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.

Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ, hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der alten Moraven aufzusuchen.

Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.

Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe — alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid und schonungslosen Seelenkämpfen.

Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf, auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da — wo der klügste Kopf sie nicht vermutet — seine behagliche Freude zu finden.

Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«

»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.

»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«

»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«

»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa — halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort —, du Mann der neuen Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst; dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben, sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt, den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich trink dir zu.«

Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und sagte versonnen:

»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«

Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.

Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen, Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.

Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur seine Schüler hingen an ihm.

»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen — »Er ist halt ein guter Kerl« die anderen.

Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit, lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.

Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der Fall zu sein.

Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer — wie er selber zum Beispiel nicht — ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.

Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung — seiner Meinung nach — ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder gar zu schreiben.

Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen beruhigenden, befreienden Tat!

Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden Verhältnissen?

Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen, tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst fruchtbar zu verwerten.

Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne irgendwo in die Tat umzusetzen?

In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur des Zirkels nachjagen.

Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller offenbaren Aussichtslosigkeit.

Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu verbilden fürchten müßten.«

Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja — es war Gefahr im Verzuge — trotz aller Reformschulen!

Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?

Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!

So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und Bildungsanstalt durch.

Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln, sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue Individualität bereichern, denn daran gebrach es.

Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant, etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.

Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform- und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden, ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr bedeutete, gerieten.

Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten. Freilich — solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und ohne praktische Experimente kaum möglich.

Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn warf.

Sechstes Kapitel Carina

Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.

Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen, die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös unterstützte.

Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat Dr. Sebalt, zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.

Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.

Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.

Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.

An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand lakonisch:

Dr. John Sebalt, Mary Sherman. Married.

Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.

Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.

Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.

Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.

Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi es erhofft hatte.

Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.

Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.

Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen, Edith benannt, das Leben geschenkt habe.

Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.

Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale Bildungsschule, die er einmal sein Töchterchen »Utopia« nannte.

Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die »Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern — der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung überwiesen habe — und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun Zeit.

Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.

Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius, der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.

Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage, ihn anzunehmen.

Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in Leipzig denn je.

Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.

Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre Kosten kamen.

Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.

Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter Gesellschaftsmensch.

Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von anderen feiern zu lassen.

Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.

Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber ein kostbares Kleid zerriß.

Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln notdürftig reparierte Kleid goß.

Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius Weisheit »aequam memento rebus in arduis servare mentem«.

»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als alle aequa mens. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte. Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen angefangen hat.«

Kaspar bestritt das heftig.

Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.

Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach: Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!

Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!

Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da empor?

Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun — das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei ihm. Nein — um Gottes willen — unter keinen Umständen! Mit der Zeit würde er schon im Gehalt steigen, aber — all das andere!

So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten — gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein gutes Wort für ihn eingelegt hätte.

Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten hatte, stand es ja hier nicht; immerhin — übel stand es doch auch; denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen bestehen.

Aber wozu jetzt schon sorgen — noch lag ja alles im weitesten Felde. Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn interessiere.

Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet, sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied — das war alles!

Indessen — es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe Mädchen nur unglücklich.

Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.

Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie, das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer ohne Chancen!

Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen — leider — leider! Die kleine Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für Humor — wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen Wesen.

Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie wollen, aber skeptische Frauen — warum schließlich nicht — nur — — da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken — zur Mutter seiner zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.

Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!

Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.

Aber wieder begann der Tanz der Fragen.

Wie machte man das wohl alles, das Äußere?

Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.

Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.

Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn — dann Carina, holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor — ja wohin? Kaspar, sei ehrlich — vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden Vorstadthauses.

So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und — er liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.

Also — er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen — und damit genug!

Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam — und das von Rechts wegen!

Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater — eine Mutter hatte sie nicht mehr — zurückkehren wollte.

Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte, und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden, ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder interessierten Gedankenaustausches trat.

Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.

Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu Mund.

Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die Schwierigkeiten heran — leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer unbarmherzig steigenden Flut.

Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.

In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte, das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.

Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt hatte.

Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait accompli stellen zu können.

Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich sogar heftig protestiert hätte.

Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.

Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz, Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.

Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut, Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.

Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem »gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«

Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung für sein Zurückweichen bei.

Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der Vorgesetzte Papas gewesen sei.

Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:

»Liebling!

Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.

Kaspar.«

Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine Antwort!«

Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten, ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat, Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr schuldig.

Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.

Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten: er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.

»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte, die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner pietätvollen Seele wieder.

Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters so trotzig entgegen sah.

Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.

Warten wollte er ja gern, so gern — nur nicht verzichten müssen für immer!

Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.

Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.

Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin Gründe und schließlich Ausflüchte.

Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina; auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden gewachsen sind.

Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und jagte ihn empor.

War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?

Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte, ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.

Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch eine geraume Weile, bis er zu reden begann:

»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«

»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen, Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen Stolz opfern muß.«

»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen, der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht wünsche. Überdies — wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen Haushalt aufbringen?«

»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn, glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina, wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«

»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten, daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie mir das!«

»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident. Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«

»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde. Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann — wüßte ich auch einen andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«

»Und der wäre, Herr Präsident?«

»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen als in dem alten. — Nun bitte — wie denken Sie darüber? Vielleicht brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«

»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin, nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«

»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt werden.«

»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was ich bin, weil ich es werden mußte. Aus Ihren sicherlich gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes. Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr, so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe, seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden, würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«

Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende! Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:

»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«

»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun, was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine zu werden.«

»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«

»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«

»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief, und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft. Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte — hier herein. Tinte, Feder und Papier finden Sie.«

Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.

Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich gehalten.

So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.

»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück meines Lebens!«

»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure nochmals —«

»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte, nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die äußerste Not zu rechtfertigen wären.«

Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und ließ Fräulein Carina zu sich bitten.

Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«

Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage anders handeln, Herr Präsident?«

»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die Wege zu ebnen.«

Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das Nebengemach.

Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der Präsident und sagte:

»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen versuchte, ausgeschlossen ist.«

Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.

Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar, daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«

»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes redlich versuchen vorwärts zu kommen.«

»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue, mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte — ich weiß es jetzt — in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen Fluch — und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«

»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«

»Doch — ich wäre es — ich bin anders als du, bin nicht so trotzig, unabhängig und genügsam wie du.«

»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«

»Vater — nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht, wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine Gesellschaftskreise finden können.«

»Die brauchen wir nicht, Carina, —«

»Doch — du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«

»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«

Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht passen würde.«

»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir bedeutest!«

»Ich weiß es vielleicht — und dennoch, Kaspar — wenn ich heute eine Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie — dann muß ich mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht! Küsse mich noch einmal zum Abschied — es lindert meine Qual — Komm, hab Mitleid mit mir —«

»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein — also leb wohl!«

Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.

Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.

Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner bemächtigte.

Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja Verzweiflung an sich und seiner Zukunft — alles kam mit einem Male über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.

Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.

Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus: Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!

Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.

Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren Standpunkt nicht erheben.

Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern Stimmungen wechseln.

Und doch — wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften vermag.

Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so unabhängiger, um so geschickter zu machen?

Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht zurechtsinnen.

Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu schließen und zu vernarben.

Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst- und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern langsam erstand.

Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.

Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.

Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich aus ihrem Kreise fort.

Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.

Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach Befriedigung.

Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen, er wußte auch wacker zu trösten.

Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte; wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz Südafrikas.

»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch, die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert, weder die Welt, noch der Herrgott — nur mir war die Brille ein bißchen blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht — ein bißchen Kälte schadet nicht.«

Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor hätte, Kämpfer!«

Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt, damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt sie, um so feiner wird ihre Blume!«

Siebentes Kapitel Silvester

Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen, den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu besuchen.

Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut, New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen könne.

Kaspar lachte — nach langer, banger Zeit — endlich einmal wieder aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.

Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des Tramberger »Chefs«.

Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.

Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas vorgeschrieben hatte.

Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.

Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche, meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.

Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene Anschauung.

Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im Vaterlande.

Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter Kolonialböden.

Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen, daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der beste Pionier die Orientierung.

Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten Träumer« liege.

Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.

Auch den Dr. John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.

Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des Kuratoriums ein.

Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.

Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.

Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.

Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.

Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe pflegte.

Es war ein bewegtes Wiedersehen und — wie Kaspar deutlich fühlte — ein Abschied für immer.

Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.

Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich, zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude hervorloderte.

Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.

Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend, väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten Liebe zu ihm.

Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch unwesentlich.

Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte, dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.

Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach offenbar, oder vielleicht nur wieder offenbar werden wollte. Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.

Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden, um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.

Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.

Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das schmutzig-schlüpfrige Pflaster.

Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren Vorfrühlingsnacht.

Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.

Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um Lichtlein.

Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes, wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.

Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.

Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O Ewigkeit, du Donnerwort!«

In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90. Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.

Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.

Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden hatte.

Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich« zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?

Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen, bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.

War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich der höchste der menschlichen?

Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht schlechter als andere — nur gefährlicher! Denn jeder Diener der Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.

Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war, ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot — galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.

Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange, die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.

Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.

Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein — schnitt rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig. Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker Gott!«

Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen gelernt habe.

Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr« zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren, Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei — hinaus in die zukunftgebärende Nacht.

Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle Glöcklein.

Wieder ein Jahr vorüber — und das Leben schritt unaufhaltsam weiter von Generation zu Generation.

Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.

Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein glücklicher Sieger.

Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf, strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen Haares und sagte liebreich tröstend:

»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten. Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein!«

Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte: »Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht umsonst gestorben.«

Achtes Kapitel Die neue Welt

Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam verebbenden Nebelmeer.

In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe wiederfand.

Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge, auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.

Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.

Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein — doch nicht zurück!«

Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen, der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.

Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.

In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen Schande der stolzen Republik.

Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.

Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen Organismus!

Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht, rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei, mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte, mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.

»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«, so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger, dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.

Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.

Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.

Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß, seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig bevormundeten, bürokratisierten Volkes.

In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine Reise das »multum, non multa« als Motto gewählt hatte, scheute diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.

In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche Beziehungen treten durfte.

Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die Nordstadtteile Neuyorks emporragt.

Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.

Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das jugendfrische Cornell.

Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien, zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher Würde schwebte.

Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive Körperausbildung, erinnert.

Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede bedingen und behaupten mußten.

Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.

Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen kann.

Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und still langsames Reifenlassen.

Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen, keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.

Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes und seiner Leistungen lag.

Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle West und Westen kam.

Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt waren.

Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers, der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen, rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.

Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften, Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl stets weiter wirken.

Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson, die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.

Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein, in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen, fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers Yankee.

Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des Middlewest.

Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte Kaspar als das wirklich Neue und Große.

Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume, jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen Kolonialfleiß.

Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor. Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores, und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden Herden.

Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.

Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf, prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die Farmerfeuerchen.

Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.

Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt hatte und nun grinsend präsentierte.

Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie die große Gobi oder die majestätische Sahara.

Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch und schaugierig, auf seinem Ausguck.

Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig, oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit graugrünen Schatten.

Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation, um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen Füße vertreten.

Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.

Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.

Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf. Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern klammern sich zäh an steile rote Felswände.

Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: Collegia mugoniana!

Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit der Devils Slide.

Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab, zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten Gefilde des Mormonenstaats Utah.

Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.

Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in New-Reda begrüßen zu können.

Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites, seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.

Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun grün schimmernde Flut.

In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen Salzwüste verebbt.

Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.

Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen; nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren Tod.

Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die Leichen der Bergriesen um sie herum.

Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen Luna empor.

Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und Schneejochen der Sierra Nevada.

Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel; rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen protzig mit ihren dicken Goldketten.

Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück, drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.

Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.

Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.

Da — ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den Welttrotter grüßt.

Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.

Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!

Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.

Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.

Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die Augen wirft, daß sie die Position räumen.

Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.

»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner Wunderwerke geoffenbaret hast!«

Neuntes Kapitel Shaky San Francisco

Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei malerischen Inseln vorüber.

Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe, seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu lesen, was ihm nicht gefallen wollte.

Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge zusammenflausen.

An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang, an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.

Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg, während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam über den gereiften Mann dasselbe Gefühl — als erlebe er Märchen — wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu Alt-Reda.

Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher majestätischen Schönheit.

Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.

Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und meinte überlegen: »Well, my good fellow, our old shaky Frisco hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir Amerikaner sind keine Angstmeier!«

»Oho —,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie du, du Bramarbas!«

Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.

Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen, die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich beschäftigt.

Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden immer unzertrennlicher.

Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April war.

Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.

Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.

Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen flüssig gemacht werden mußten.

Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.

Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf — da war es noch leidlich kühl — und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare Sanddüne gewesen war.

Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und schwül zu sein schien.

Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.

Mitleidig sprang Kaspar zur Tür — da wars ihm, als stürze ihm diese entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein herein.

Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte, lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.

Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke — hinab zu ihrem Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.

Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus, retten! Ich habe Edith!«

Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt von Brauni.

Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder, hier Brauni kusch!«

Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten bekleidet, herausstürzten.

Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch, winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.

Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der erschossenen Plünderer.

Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei Geländer gepreßt.

Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens! Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche um die Bewußtlose zusammen.

»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.

»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise knirschenden Treppen hinab.

»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf sie mir zu!«

Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.

»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich leicht verletzt hatte und nachhumpelte.

»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.

»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu machen ohne Beil!«

»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.

Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe, slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«

Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.

Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte krachend zusammen.

Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen übereinandergepreßt.

Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem er das arme Mädchen hatte befreien wollen.

Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.

Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte Kind weinend davonzulaufen suchte.

Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.

Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben, als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der brennenden Häuser zu stürzen.

Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.

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