← Table of contents
Kaspar Krumbholtz

Zweites Buch Gärender Most (continued 3)

Reading edition

Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine Arme und buschte es ein.

Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.

Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger anfachten.

Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend, die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen Straßen.

Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.

Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete Krone.

Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die in Minuten verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern, und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte Brummen eines gesättigten Raubtiers — wahrlich — das klang wie das schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!

Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor — erst blutig rot vom Dunst und Qualm — dann hell strahlend und hart. Mit grausamer Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern, spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und im Golden Gate-Park zu belachen.

Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.

Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.

Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon durch die Nacht, wie spürende Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern, ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.

Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze, selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.

Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen Egoismus.

Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.

Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer fanden sich und wurden anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den Dienst des allgemeinen Wohls stellten.

Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß. Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und zerrissen, das Meer zu weit.

Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert des untergehenden San Francisco.

Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur klein waren.

An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.

Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft schneller waren als Menschenhilfe.

Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren. Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den unbarmherzig fressenden Flammen.

Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.

Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar nicht wiederkäme.

Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ sie Kaspar der Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.

In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da die Verwundeten vorgingen.

Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.

Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen — sie nannte es Puppenheim — da wolle sie zurechtmachen.

Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo Square.

Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach den Dünen transportieren?

Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den Trümmern.

Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen Schätzen.

Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu kommen hielt sehr schwer.

Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende Holzbarrikaden die Straßen.

In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann heimlich davon.

An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten. Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.

Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.

Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie ein verendetes Stück Vieh.

Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit dem furchtbaren Morgen des 18. April.

Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.

Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude, zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt waren.

Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen; die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der sonst übliche Patrolmann.

Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller hinab, aus dem etwas schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch: »Hände hoch oder ich schieße!«

Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund, suche Mr. Borchardt.«

Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo, Landsmann, was wollen Sie?«

Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.

Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren treulich bewachten, erschossen waren.

Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.

Es war ein seltsamer Zug — anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.

Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon wieder Gesang und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame Fahrt.

Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.

Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.

Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.

Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.

Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.

Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete Kranke, deren Füße herabhängen mußten.

Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper entfliehen würde.

Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.

Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett aufgeschlagen hatte.

Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten Dienst ins Bankgewölbe zurück.

Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen. Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.

Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich und völlig zusammen.

Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.

Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab wenig Hoffnung. Das Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.

Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf und zuckte stumm mit den Achseln.

Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.

Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten? Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn hoffen — trotz allem — aber nichts von ihm erwarten!

Und Kaspar schwieg und gab sich — in unsagbarem Weh verzichtend auf alles — in Gottes Hand.

Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.

Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer des ehedem so herrlich stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.

Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt, als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren seitdem verschwunden.

Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die spiegelglatte, blaue Flut.

Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille oder Frieden?

Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.

Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen daliegen.

Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist doch bei mir, Lieber — komm her, daß ich dir noch einmal vorm Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar, sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu deiner Redlichkeit und Wahrheit.«

Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte: »Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«

Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.

Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.

Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte, und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die Gräfin erwachte nicht wieder.

Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.

Zehntes Kapitel Heimkehr

Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten, zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.

Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln durchaus nicht leicht.

In der äußersten Not traf Dr. Sebalt mit einem Dampfer von Hawai ein und fand nach einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem kleinen Bretterhäuschen.

Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden und ermöglichte die Heimreise.

Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.

Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich angenommen — »der Kinder wegen«, wie er betonte.

»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und keine Amerikaner!«

»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet; aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und nicht nur zu pauken versteht.«

»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur, Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin. Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten, die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«

Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du solltest Kinder haben, Kaspar — das bewahrt vor Schrullen und vorm Altern.«

»Ich werde Kinder haben — zu Hunderten und Tausenden — mit ihnen will ich jung bleiben, ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«

»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«

»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm sicher der liebste Dank sein.«

Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith und Brauni zurück nach Neuyork.

Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.

In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg, wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.

Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte. Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.

Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von beidem.

Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.

Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.

Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.

Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft des göttlichen Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht werden kann.

In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.

Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.

Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.

Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren, tüchtige Erzieher und Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.

Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.

Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.

Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz fehlten.

So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei, den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht, ehe sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der »Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule vorbereiten.

Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten.

Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum, disputierten eifrigst L3, der über dem vielen Ärger mit Bruder Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat.

Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten, ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des Henricum ausersehen.

Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin dort unter dem ›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge. Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben, die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens — auch mit der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.«

Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte: Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes Sprüchel.

Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu.

Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin und her schwenkte.

Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze mächtiger Fichten erstehen sollte.

Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger Mannesjugend: Henricum seist du genannt — trage diesen Namen als das letzte Vermächtnis eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts, das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im Namen meines alten Hauses den dritten.«

Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das zweite Heim erbaut werden sollte.

Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken:

»Meinem Mütterlein zur Ehr, Ursulanum sei dein Name! Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr, Die auch Weib sind, nicht nur Dame. Mütter zieh, wie meine war, Die sich selbst zum Opfer bringen. Darauf kling es froh und klar: Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!«

Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton sich mischte, scholl ringsum.

Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer Bewegung.

Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die wird mal mit Grazie regieren.«

»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten Gedanken.

Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer, wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner Herrlichkeit emporblüht?«

Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer. Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.«

In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen beherrschenden Platz finden sollte.

Als alle beisammen waren, trat Kaspar Krumbholtz vor, nahm einem Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit:

»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt, an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst — mittelbar oder unmittelbar — wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche, ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter, zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer; nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung auch nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend, die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen, innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum — so taufe ich dich und tue den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen, von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.«

Ende

Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.

Werke von Herm. Anders Krüger

Romane

Gottfried Kämpfer. Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit Buchschmuck von Ernst Liebermann. 1908. 19. bis 22. Tausend. Gebunden 6 Mark.

Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele, all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik.

(Dr. A. Matthias in Monatsschrift für höhere Schulen)

Sirenenliebe. Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark.

Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind, und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und einer derben gesunden Natur.

(Hamburgischer Korrespondent)

Der Weg im Tal. Roman in drei Büchern. Buchschmuck von Gustav Petzold. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark.

Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte, eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor, goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist.

(Tägliche Rundschau)

Preise ungültig

Dramen

Ritter Hans. Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark.

Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer Darstellung und sittlichen Ernstes.

(Leipziger Zeitung)

Der Kronprinz. Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907. Broschiert 2 Mark.

Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von einem heimlichen Rhythmus.

(Eckart)

Der Graf von Gleichen. Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908. Broschiert 2 Mark.

Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger, aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau, charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung gesetzt.

(Literarisches Zentralblatt f. Deutschland)

Von demselben Verfasser erschien bei

H. Haessel Verlag in Leipzig

Der junge Eichendorff. Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2. Auflage. 3 Mark.

Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis. Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark.

Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater. 50 Pf.

Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig

Waldhüters Weihnacht. Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig.

Verlag von Alfred Janssen in Hamburg

Romane

Die Kinder aus Ohlsens Gang. Roman von Gustav Falke. 1908. 4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf.

Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe, trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit.

(Literarisches Echo)

Chaos. Roman von Albert Helms. 1909. Umschlagzeichnung von Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark.

Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter plastischer gesehen hat.

(Hamburgischer Correspondent)

Peter Michel. Roman von Friedrich Huch. 3. Auflage. Gebunden 5 Mark.

Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte .. und gesehen ist dieses stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen.

(Gabriele Reuter im »Tag«)

Blut. Roman von Waldemar Bonsels. Umschlagzeichnung von Willy Geiger. 1909. Gebunden 4 M.

Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von einer jungen Meisterhand.

(Deutsche Romanztg.)

Novellen von Timm Kröger

Des Reiches Kommen. 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig.

Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat, und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz.

(Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.)

Um den Wegzoll. 2. Auflage. Gebunden 2 Mark.

Heimkehr. Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk.

Leute eigner Art. Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3 Mark.

Aus alter Truhe. Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark.

Fröhliche Kinder. Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer Kinder. Von Heinrich Scharrelmann. 1906. 3. bis 5. Tausend. Gebunden 3 Mark.

Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch. Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich, wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt — als unseresgleichen.

Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm empfohlen.

(Basler Nationalzeitung)

Billige Ausgabe der

Hamburger Hafenbilder. Von Wilhelm Dittmer. 12 doppelseitige, 24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark.

Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden, die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik. ... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ... Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb — Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in die Hand eines jeden Deutschen.

(General-Anzeiger für Hamburg-Altona)

Verlag von Alfred Janssen in Hamburg

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings