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Kaspar Krumbholtz

Erstes Buch In der Kelter (continued 2)

Reading edition

»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im übrigen wandeln wir uns wohl alle — Gott sei Dank! Also freuen wir uns lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander zu wundern.«

»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben, saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen, ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden. Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche, sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt — weit, weit hinter eurem Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen? Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen — das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann — dann will ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen — Junge, Junge — da sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand stille stehn.«

»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse Dinge erst einigermaßen klar werden.«

»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber, jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists doch wohl nicht — oder? — Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem Bau?«

»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt man schon einmal.«

»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens — na ja — die haben jetzt Ferien.«

»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte Kaspar lachend.

Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit rasch heraus: »Menschenskind — du in London — allein in der großen Weltstadt — und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da gemacht?«

»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«

Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:

»Innere Mission — dazu fährt der Kerl nach London — ausgerechnet nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«

»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau, daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«

»Na und mit der Theologie?«

»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und ihr nun endgültig Valet gesagt.«

»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal — wann warst du denn da eigentlich in Tramberg?«

»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der Schwarzwaldreise.«

»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch einzutreten.«

»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«

Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube fröhlich widerhallten.

Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe, und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern gen Sils Maria.

Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter Entschädigung bieten.

Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.

Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt und stürmte — wie er war — ohne Hut hinab und ihnen entgegen.

An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen, aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.

Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen, ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte befriedigt, fast stolz:

»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen lassen.«

»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend, »ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll bei meinen Freunden.«

»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl, verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«

»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.«

»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«

»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen. Also nur zu, die repetitio delectat als variatio.«

»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«

»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen, daß ich noch etwas mehr kann als du — sonst geht der Rest des väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«

»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar, »so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit ich mir mit einem jungen american boy den Ulk gemacht habe, ein bißchen Gibson girl zu spielen.«

»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.

»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen. Was hat er denn noch über mich geklatscht?«

»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«

Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte: »Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«

»Na, als ob ich schuld wäre —«

»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast, der dir gewachsen ist.«

»So — Schadenfreude. Übrigens — abwarten! Mit Kaspar bin ich noch immer famos ausgekommen.«

»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr Winkler schmunzelnd.

»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige Oberhoheit ohne jeden Streit an.«

»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt keine Pyrrhussiege.«

»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe geschwänzt habe — Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du, Kaspar, daß die alte Schachtel — Pardon, das liebe, lederne Geschöpf noch geheiratet hat?«

»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«

»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern — ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission gerade eingegangen.«

Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos bereit zu bewilligen.«

»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht er selber die faulsten Witze.«

»Ja — mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der Fabrikherr.

Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht verkaufen.«

Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf, und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen spielt sie die kühle Lady patroness. Umgekehrt wäre es mir eigentlich lieber.«

In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.

Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir wieder frisch wird.«

In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch dahin.

Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes, eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.

Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines filius, aber mit der Zeit werde er, der filius, dem Herrn Papa den nötigen Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.

Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner 27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert. Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.

Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher, guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich burschikos auszudrücken beliebte.

Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren. Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.

Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.

Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung entgegenbrachte.

Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär, er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut wie er selber — er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu genau. Und je eher, um so besser.

Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der Brüdergemeine war.

Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum 120 Mark betragen.

Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit deinem Dienstjahr?«

»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe nichts zu versäumen.«

»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können. Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht! Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt, durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen, Kaspar. Aber es kann für Menschen — oder ich will nun richtiger sagen, für Männer deiner Art — nur eine Durchgangsstation sein.«

Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um so mehr zu denken.

Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na — nur ruhig Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein, damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts freilich gleich ein bißchen toll — aber es schadet nichts. Wenn er nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal, wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25 Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«

Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben. Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.

Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«

Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater Winklers.

Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.

Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch, daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl — wie Kaspar sich einredete — mit schwesterlicher Zuneigung.

Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs: Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen Geschlechts.

Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.

Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes Angstgefühl um Ursemi, ja — es war eine Schmach — auch etwas wie Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.

Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu ringen.

Er sollte sich rechtschaffen freuen — so suchte er sich immer wieder mühsam einzureden — daß ein so gescheiter, willenskräftiger und vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.

Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben. Unrecht, ja Frevel wars!

Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden Verstand.

Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine gemeine und lächerliche Notlüge.

Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten. Das war nur leichter gedacht als getan.

Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien zu Ende gingen, und seine Ausflüchte — er habe noch in Tramberg zu arbeiten — glaubte ihm keiner.

Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden Nasenspitze an.

Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe. In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.

Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende lapidare Antwort zurück:

»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun. Habeatis vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine können Sie auch kriegen! Moritz.«

Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie möglich Anstalten zur Abreise.

Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten; Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein Wort.

Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger Ausreißer.

Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?

Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß wirklich heim.«

»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann irrst du dich.«

»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.

»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle. Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß mir Hans — was freilich perfide war — den famosen Uriasbrief auf deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen Max und Moritz hast schreiben lassen.«

Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi, die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt hast, als ich Chancy erwähnte?«

Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich dich einem ehrenhaften Manne gönne.«

»Sehr gütig — lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«

»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben. Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht selbst nicht zu enthüllen wagt.«

»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«

»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß, mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«

»So? Woher weißt du denn das?«

»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«

»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«

»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«

Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.

Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht — wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander ausgehalten — wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«

Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.

In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.

Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck begleitete ihn Hans Sebalt.

Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.

Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«

Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht so dumm.

Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie ihre erste Begrüßung.

Siebentes Kapitel Die Tänzer

Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich, den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu verabreden.

Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.

Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer nicht richtig und flott tanzen konnten.

Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor, demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im Fluge lernen.

Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald Stammgäste im fröhlichen Lindenau.

In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben hatten.

In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er — trotz aller Nachforschungen in Monplaisir und anderswo — völlig verloren hatte.

Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte zu und bat sie um einen Tanz.

Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«

Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.

Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner Abweisung persönlich beigewohnt.

Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.

So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.

Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast melancholisch dem rauschenden Treiben zu.

Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen, aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.

Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte; scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.

Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels alle.

Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, er solle doch einmal sein Heil versuchen.

Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich vor und — zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger — tanzte die stolze Brünette sofort mit ihm.

Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.

Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus — an Hans vorbei, würdigte ihn aber keines Blickes.

Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.

»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß hierher mal verlaufen. Aber nobel wars — danke dir tüchtig, daß du mir zu dem Genuß verholfen hast.«

Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah — das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie mit dir getanzt.«

»Sebalt — mein Sohn —« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder —«

»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie heißt der Besen?«

»Besen — neue Beleidigung — revoziere oder —«

»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir scheint die junge Dame — ist dirs so recht?«

»Jawohl — junge Dame — sage lieber entzückende, reizende Dame —«

»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«

»Habe ich auch — genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur — daß ich dir einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde, mein Sohn!«

»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«

»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«

Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt, ich interessiere mich für die Dame und — eins, zwei, drei — schnappst du sie mir vor der Nase weg.«

Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen zu scheitern. Prosit!«

Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner zu, tatsächlich war ihm übel zumute.

Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.

Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?

Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit aller Leidenschaft seiner erregten Sinne — liebte bis zur Raserei!

Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund bitten, nur diesmal zurückzustehen?

Nein — betteln wollte er nicht — dazu war er denn doch zu stolz. Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch — es koste, was es wolle.

Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden, daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.

Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte — vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine frühere Neugier — vielleicht, vielleicht — wenn sie nur käme!

Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren, anscheinend für immer.

Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den Namen gar nicht richtig verstanden.

Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.

Achtes Kapitel Die pädagogische Ohrfeige

Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.

Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.

Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.

Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen Körperveranlagung.

Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.

Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer Kollege trat ein.

Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten, blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute »Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.

Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht an.

Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann, der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den Engländern, sehr beliebt war.

Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.

Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren, daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior, einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.

Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit basta!

Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde, während die heimliche Mißstimmung wuchs.

Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?

Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der »Chef« gerade nicht da.

Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.

Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.

Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.

Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie ihn noch schallend aus.

Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.

Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen, und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte. Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät, so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm, dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.

In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham und seiner Stube lustig weiter.

Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, — kurz und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.

Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef« oder zum Mitdirektor.

Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »caporal prussien!« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte Senior zwar, aber er schwur Rache.

Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des Lehrerstuhles an.

Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14 wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt und Gliedern unterziehen wollte.

Aber bei Punkt 7 — als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte — brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo begrub die stolze Reformrede.

Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.

Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande noch mit der Feder folgen konnten.

Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut Hausordnung.

Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere Bestrafung nötig gemacht hätten.

Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«

Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren, Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn Direktor bemühen.«

Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.

Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt schließen.

Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte Hausordnung selbst.

Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.

Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.

Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.

Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und Pilatus.

Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken sollte, nicht teilhaftig werden konnten.

Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.

Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul- und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.

Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne — wie es üblich war — sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache wieder ins Geleise.

Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.

Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich rite zum nächsten Quartal.

Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert hatten, Kratts Stelle einzunehmen.

Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll die Schlafsaalwache übertragen, was freilich — wie sich später herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.

Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.

Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend bedauerte, wirkte versöhnend.

Dann sprach L3 und beseitigte mit seiner milden, menschlichen Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten werden.

Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.

Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube, die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie nahelegen.

Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da sie dem gutmütigen L3 darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der »Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er nicht einlenkt.«

Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich: Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?

Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine Gehaltzulage verbunden sein sollte.

Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.

Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften. Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein, vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube erhalten könne.

Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben, wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.

Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten seines Nachfolgers vorschlagen könne.

Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden, und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme, und Bruder Krumbholtz.

Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr, bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«

Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.

Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L3 mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«

Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«

Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken! Sie sind — was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat — zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz, folgen und Nummer zwei übernehmen?«

Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere Zügel.«

»Hoho — pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere — oder Kandare, wollen Sie sagen.«

»Möglich — später vielleicht — doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs anders probieren.«

»Ich meine auch,« bestätigte L3 wohlwollend, »Bruder Krumbholtz versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«

»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee! Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene rinjepfeffert.«

Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.

Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren, vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«

Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte, endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.

Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.

Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben. Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja doch nicht wohl.«

Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.

Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen und zu wandeln.

Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele setzte.

Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.

Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs, der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.

An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst hatte, mit ihnen persönlich ab.

Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins zur zweiten Stube herausflog.

Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst, sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.

»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.

Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.

Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.

Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.

Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der Situation, wie er es wohl erhofft hatte.

Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen fände, Bestrafungen zu erzwingen.

Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort halten.«

»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen, bist du nun befriedigt?«

»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.

»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr, lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt zu werden.«

»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«

»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit, und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein — nun dann hast du eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«

»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«

»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte, da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«

»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich in Ruhe.«

»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit doch noch einiges austragen.«

»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen wie alle die anderen.«

»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin — ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, mon cher — wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe! Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja kündigen.«

Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft heraus.

Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam grotesk an — zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen — aber sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.

Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater ihm — wohl aus Bequemlichkeit — nicht hatte sein wollen.

Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders vorzugehen.

Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem ungeschlachten Witz und großer Frechheit.

Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr. Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.

Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.

Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren Engländern ab, indessen — semper aliquid haeret!

Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.

Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.

Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede hinstürzte.

Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte: Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.

Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer Knaben, gefreut.

Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen unschuldigen Opfern wiederholt.

Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich. Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen, aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre, die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe trete.

»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen, wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine Ohrfeige.«

Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und vollends für einen Englishman! Empörend!

Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes: Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man doch sehen, ob er zuschlagen würde.

Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am übernächsten Abend.

Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen. Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt, auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung beladen, davonschleichen.«

Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.

Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.

Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los werden, den unbequemen Tugendbeutel.

Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.

Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.

Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen. Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 — mehr könne ihm nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.

Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt aber für einen guten Kerl.

An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu, beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz — so orientierte Burton seinen Ersatzmann — so solle er nur ruhig wieder schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon fertig.

Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während des Abendsegens wie ein Bär.

Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die Augen.

Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut, I beg your pardon.«

Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.

L3 lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf 2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«

Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.

Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund abmelden.

Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr auf seiner 2. Stube — dank der pädagogischen Ohrfeige.

Neuntes Kapitel Abschiedsbriefe

Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.

Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.

Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine Kosten.

Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste tun.

Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.

Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was zu diesem Entschluß nötig sei.

Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.

Er zeigte den Brief L3, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst, lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«

»Ach was — Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch, »für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben lassen, was ich glauben muß, oder verlangen sie von mir, daß ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt, auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen, was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen, ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer Observanz — dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn Tagen, noch in zehn Jahren.«

»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor, »wie ich die Leute kenne, wird dich keiner verbotenus auf die Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück —«

»Niemals —«

»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«

»Danke, das will ich auch nicht mehr — nur keine Fesseln mehr!«

»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich — Gott seis geklagt — den Rektor.«

Kaspar lachte, denn der umfängliche L3 stöhnte bei diesen Worten schwer auf.

Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«

»Zeit wirds!« antwortete L3 prompt, »das würde ich auf alle Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind und Waise.«

»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«

»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der Mitdirektor ruhig, »na — und wenn alle Stricke reißen —«

»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese ultima ratio so vieler ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen, meinetwegen — ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit addio, caro mio!«

Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L3 dem jungen Kollegen nach.

»Ja, ja —« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl schneller gebaut als ich alter Esel, docendo discimus.«

Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.

Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten Verhältnisse seines Instituts.

Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.

Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen, als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.

Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein — ihren Namen hatte er damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste; da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen vermag.

Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben und gemeldet: das mit dem Gelde — das wäre ja erledigt; aber eine Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!

Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen zu können, und dann — ja dann — sein Herz war einmal bei Ursemi, ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.

An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem Gatten gar nicht gut ging.

Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber vergebens.

Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.

Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.

Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu nehmen.

Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort. Ursula Maria.

Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen, telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.

Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten Abend kam Kaspar in Reda an.

Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden Kaspar zur Winklerschen Villa.

Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend empfangen.

Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.

Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen — das ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.

Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd — abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.

Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.

Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen, der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.

Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.

Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr, erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.

Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen: »Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen, rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«

Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.

Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich auch bin, Ursemi — ich komme, wenn du mich rufst, und will dir treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«

Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste Vater.

Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.

Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.

Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.

Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere, tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins Leben hinein.

Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.

Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.

Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.

Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.

Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben, herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken können.

Was hatte er ihm zu danken — alles — alles, was lieb und licht in seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.

Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt — in den blauen Wald des lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen weiterschufen.

Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.

Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt hatte. Im Gehen durchflog er ihn.

Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.

Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener Freunde.

Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich selbst regieren könne.

Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem — die Unitäter müßten schweigen, ha — die würden Augen machen, er ein freier Mann — nun hatte Bethel freilich das Nachsehen — jetzt stand ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.

Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte hören können.

So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder — ganz wie es sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.

Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie er nun einmal war und dachte — dann sollte sie ihn jetzt erst recht haben.

Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine, wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets, wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?

Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe, wenn anders man ihn brauchen konnte.

Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig helfen — er wollte doch nach ihr forschen.

Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott liebhaben sollte, wie er ihn.

»Ja — Gott — Ewiger — Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest! Liebe — unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln, mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter, Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben wie er — Dein Diener. Laß mirs gelingen — ich vertraue Dir blind — und will Dein unwürdiger Knecht bleiben — solange ich atme. Amen!«

Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete, seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.

In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen Lieblingswald des toten Freundes trat.

Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.

Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von Reda, der Winklerschen Villa.

Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte — starr und kalt da unten in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über Park und Wald, auch über ihm.

Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.

Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge der von ihm so heiß verehrten Hand:

Mein lieber Junge!

Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs, Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten, Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde, es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich Dir sein wollte. Freilich — nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge, aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien, wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen. Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere, dann wird in Ruh und Ehren schlafen

Dein lieber Vater

Wilhelm Winkler.

Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden Augen.

Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen — und die Sonne sank.

Zehntes Kapitel Die Synode

Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.

Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger Beratungen.

Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität, und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander; denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.

Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität, womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.

Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte, orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu finden hielt schon jetzt schwer.

Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.

Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar herabsausen würde.

Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.

Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.

Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er mit seiner Zukunft sei.

Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.

Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.

Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer.«

Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das Eifern.

Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll — man möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen — und mit der Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.

Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.

»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit, »ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben, namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben, die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein, Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten, dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden, ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus, ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun gilt es zu handeln, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für die Aufhebung des Seminars in Gotteshaag zu stimmen und bis auf weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu möglichst positiv gerichteten Professoren.«

Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene Zustimmung.

Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars, Bruder Krageneck, das Wort.

Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich — ihr werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben — nicht gerade der leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit, unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten, wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den 3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit. Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche Nachprüfung auf die verba magistri schwört, ist nicht der rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen. Und dazu die Hörer anzuregen — danach strebt jeder gewissenhafte Lehrer, und das sind wir — hoffe ich — alle, auch der Bruder, den man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit, rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft mit einem von vornherein festgelegten Endzweck — und wäre es der erhabenste — wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber nicht einen Glauben zu lehren! Den muß sich jeder selbst erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet, und wird auch erringen. Und nur dazu wie zum unablässigen und furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen. Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte Dogmatisten — dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter innerlich lebendige Führer heranzubilden.«

Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten des Redners gelauscht hatten.

Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.

Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:

»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir, seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft, aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen, unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift — das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt — aber an die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte daher die Brüder, den Geist des Seminars zu erneuern, vielleicht einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit, dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch persönlich zu spenden.«

Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.

Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten Beratungen.

Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller Augen an seinen Lippen, als er sprach:

»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit noch einmal versuchen, den Geist des Seminars zu reformieren, vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal, begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen, und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen, und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand des Seminars in Frage stellen.«

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