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Gran Cañon

Zum Geleit.

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An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.

Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte, schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah aus alter Gewohnheit — ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin, wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.

Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe, empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach, mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand, entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres Lebens.

Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben. Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen, die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.

Illustration from Gran Cañon: Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

Anna Hedin.

⇒ GRÖSSERES BILD

Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird, noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.

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