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Gran Cañon

Viertes Kapitel. Der erste Eindruck.

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Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“, dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10 Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point. Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von 1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.

Illustration from Gran Cañon: Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West.

Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.

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Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich befindet — es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine verlassen kann. Denn es kann vorkommen, daß man schwindlig wird und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben, wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des Cañons wird davon nicht berührt.

Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“ genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab, und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden, und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch befinden mag.

Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des Colorado.

Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen, ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang, dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.

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Blick von Navaho Point auf die Palisaden.

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Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend, ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand, Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs haben.

Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen, braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand. Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor. Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado 1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.

Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren. Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter. So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages — wenn Stürme, Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen. Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „Is that all?“ (Ist das alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „Is’nt it cute?“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief: „What a hell of a gash!“ (Was für eine verteufelte Schramme!) Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „What happened?“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen, Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten.

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Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten.

Die Abendschatten nehmen zu.

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Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern. Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“ von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben.

Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner. Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten. Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen Schatten verdecken.

Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32 Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die ebensoweit im Nordwesten liegen.

Ehe ich fortfahre, den malerischen Eindruck dieser großartigen Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d. h. in der Richtung, in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „Story of the Grand Canyon of Arizona“ gegeben hat.

Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden, sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen, der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300 Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die darunterliegenden Schichten — mit Ausnahme derer, die von der „großen Denudation“ hinweggespült worden sind — bis zum Urgestein, zum Granit, hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert.

Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen, daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die „Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen Lehmhütten.

Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir sehen ihn, so weit er reicht, d. h. bis zu dem Punkt, wo der Granit verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist.

Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon, zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der 330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und schließlich der dunkle Granit.

Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und in der Taltiefe sichtbar sind.

Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple. Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon.

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Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten.

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Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek, den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein!

Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen.

So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden, nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150 Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen, Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf.

Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple, gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein (210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation, teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins (150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab.

Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels, somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm.

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Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West.

Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.

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Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung entgegenzugehen.

Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d. h. den Gran Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen haben.

Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht. Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten, Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in den folgenden Tagen besuchen wollte.

Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang, der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa 120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es stärker hören!

Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein, denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat man noch 2½ Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei noch 366 Meter tief.

Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter. Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt, die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars, des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt.

Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor, sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich, wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch, zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen, der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland zwischen Tibet und China.

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Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus.

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Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne, in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend.

Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht, schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79): „Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger Himalajagipfel. — In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“

Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen, hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben, die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.

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Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon.

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Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten, befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte, Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago. Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre 1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.

Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle und ihrem Frieden.

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