Erstes Kapitel. Einleitung.
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Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die C. E. Duttons Werk „Tertiary History of the Grand Canyon District“ (1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.
Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922 mein Werk „Southern Tibet“ beendet hatte und einige Monate Erholung brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was „exploration“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.
Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war, meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield, ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte, dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“; dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle Auskünfte geben, die ich wünschte.
Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe. Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte, Hotels, Verpflegung, mit einem Wort alles, sollte mir zur Verfügung stehen, ich brauchte nur zu befehlen.
Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson, Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West, Tillotson und MacLean.
Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam, überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die Vereinigten Staaten verknüpft.
Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen. In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt — im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen durchkreuzt.
Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.
Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie fanden, daß es eine „arida zona“, eine trockene, unfruchtbare Gegend war — Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.
Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr 1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige Male untersucht.
Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter 1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.
Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war, setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97), Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten, Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen Flußfahrt „Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico“ (1920) ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L. R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924 erschienenen Buch „Down the Grand Canyon“ berichtet er über die gewonnenen Ergebnisse.
In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte: „Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account of its Rocks and Origin“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „The Grand Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and Appearances“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.
Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.
Wie W. M. Davis (An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado) anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden, daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und 1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken, die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen verwickelten Hebung der Erdrinde.
Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes, in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und reicherem Pflanzenwuchs.
Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit, durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar, Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört. Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden, Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen, Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.
Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust. Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen. So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32 Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt, mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d. h. in unsern Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten, regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt. So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen, denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.
Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang, 21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken, wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben. Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der Hand — wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.
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Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen. Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste. Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.
Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis von Nischapur.
In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor, daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.
Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500 Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen. Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!
Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben. Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden, alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden steigt blauviolett die neue Nacht empor.
Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur, den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern — und findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und mächtigere Sprache nötig.
Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte; man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß 1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen, nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend. Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche: man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.
Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.
Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht. Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten, die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein Gefühl unendlicher Ruhe.
Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und Macht des Gran Cañon nicht übertreiben kann. Wer das Tal des Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen. Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte, den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt — das nie verstummende Brausen des Rio Colorado.
Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder — haben also eine Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr wohl bewußt.
Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.