Frühlingsgespenster
Reading edition
Ich saß noch spät in meinem Zimmer Studierend bei der Lampe Schimmer, Und ob mein Auge müd und matt, Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt. Da klopft es plötzlich an mein Fenster, Ich glaube zwar nicht an Gespenster, Doch weil gar hoch mein Fenster war, Schien mir das Klopfen wunderbar. Ich spähte in die nächt’gen Räume, Der Mond schien freundlich durch die Bäume. Tief unten schlug die Nachtigall, Sonst tiefes Schweigen überall. Doch kaum saß ich zu lesen nieder, So klopft es auch vernehmlich wieder; Weit macht ich nun das Fenster auf Und ließ den Klopfern freien Lauf. Und plötzlich schwärmten durch das Fenster Zwei braune, surrende Gespenster; — Maikäfer waren’s, die’s verdroß, Daß ich im Zimmer mich verschloß; Daß ich mich über Büchern härmte, Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte Die linde, weiche Maiennacht Voll Blütenduft und Sternenpracht. Julius Sturm