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Friedrich v. Bodelschwingh

II. 1872–1910. Bethel. (continued 5)

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Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde einmütig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht für alle bebaubaren Flächen im nördlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in die Heimat zurück.

Nun galt es, Freunde für das junge Unternehmen zu gewinnen und das unentbehrliche Kapital flüssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter persönlichen großen Opfern, das nötige Kapital vorstreckte. Freilich ging über den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen Abmachungen zu genehmigen hatte, zunächst noch ein ganzes Jahr hin. Aber als das Frühjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von Amrum. Vater hatte durch schwedische Gäste, die Bethel besuchten, von der Bauart der schwedischen Holzhäuser gehört. Das hatte ihm eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer Backsteinbauten möglichst leicht bewegliche Häuser zu errichten, die im Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wänden drei fix und fertig zugeschnittene Holzhäuser, ein großes und zwei kleine, die in wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweißer Dachpappe gedeckt und mit den notwendigsten Möbeln eingerichtet waren.

Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die drei schlichten, anmutigen Häuser, von denen das kleinste für uns bestimmt war.

Es begann ein ungemein glückliches Leben. Wir waren mit den Insulanern und Hospizgästen wie eine große Familie, die zusammengehörte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehütten am Strand nur auf das notdürftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline, die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport von Hamburg her frisch zu erhalten, — aber Vaters Heiterkeit ließ keine Sorgen und Klagen aufkommen.

Der römische Dichter Horaz sagt einmal: „Es kommt darauf an, was zum ersten Male in ein neues Gefäß gegossen wird, denn dessen Geruch behält es für immer.” So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und Wesen strömte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berührung kam, bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch goß er damals in die neuen Häuser auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.

Schon im nächsten Jahre zeigte es sich, daß das erste Hospiz mit seinen drei Häusern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal begonnen war, durchzuführen. Inzwischen waren nämlich auf der Südspitze der Insel mächtige Hotels entstanden. Eine umfassende Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der Südspitze landeten, sahen sich enttäuscht, und Vaters Voraussage trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den andern. Desto stärker aber wurde nun das Gedränge nach dem soviel günstigeren nördlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gästen gestürmt. Und um den Gästen zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab, auch Speise und Trank darreichen zu können, blieb nichts anderes übrig, als an dem Dünenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar das vierte und im Jahre 1911 das fünfte hinzukam.

An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten, wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen preisgeben. Er wußte, daß dann die ganze bisherige Arbeit verloren und das schöne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Töchter Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tüchtigen Hausfrauen herangebildet werden. Was aber würde sonst aus ihnen werden?

Schon allein dieser eine Gedanke genügte für Vater, um die Treue, die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten. Und schließlich erlebte er es denn auch, daß alle Bedenklichkeiten überwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden. Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Ständen und Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und daß es meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des unermüdlichen Herrn Kehrer nicht nur die äußere, sondern auch die innere und innerste Arbeit taten, war für Vater immer aufs neue eine besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr und mehr der alte Pastor von Wilucki. „Väterchen Wilucki!” wie oft hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwürdigen Manne um den Hals fiel, um ihm für seine unermüdliche Liebe zu danken, mit der er elf Jahre hintereinander seine emeritierten Kräfte vor den Hospizwagen spannte.

Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften schließen. Und daß ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue Freundesherz schenkte, gehörte zu seinen besonderen Erquickungen. Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der Herausgeber des „Baseler Volksboten”, Theodor Sarasin, und seine noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden. Hier fand Vater zwei ihm in ungewöhnlichem Maße gleichgeartete Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fühlte.

Aus der Menge der Freunde und Gäste riß sich Vater dann immer wieder los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbänke zu segeln, die weit draußen im Meere ihren schützenden Gürtel um Amrum legen. Dann las er den Gästen, die mitfuhren, vor, oder er saß still für sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin. Einmal, als eine Mißstimmung unter den Hausmädchen des Hospizes ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und Eintracht wieder hergestellt.

Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergeßlich ist die erste Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir den „Hotspur”, einen starken Segelkutter des früheren australischen Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage vorher mußten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus, Schuhe und Strümpfe in den Händen, an das einsame Eiland und suchten uns durch die Dunkelheit an den grasenden Kühen und Schafen vorbei den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich der Vorgänger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der Sturmflut geflüchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit hinauf retten können, die andern Kinder trugen die Wellen davon in den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen. Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gespült worden.

Je öfter Vater nach Amrum kam, desto wohler fühlte er sich in der stillen Inselwelt, desto familienmäßiger schlossen sich die Bande zwischen Insulanern und Hospizgästen. Mancher schöne Familienabend wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Männer der Insel und in ihrer eigenartigen Tracht die Frauen und Mädchen; und der Pastor und Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte Kantor Bandix Bonken, der drüben von der kleinen Hallig Gröde stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch der Hallig findet:

Geboren eins. Gestorben keins. Kopulieret ein Paar, Welches des Küsters Töchterlein war.

Der „Geboren eins” aber war der spätere Kantor von Amrum.

Die Hospizgäste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen schönen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die schönsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in der Strandhalle, sei es an einer geschützten Stelle in den Dünen, die Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus dem 2. Korintherbrief zu Grunde: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir verzagen nicht.” In der anschließenden Besprechung kam die Rede aufs Sterben, und Vater sagte: „Das letzte Sterben ist das schwerste nicht, aber den alten Adam täglich in den Tod geben, — nichts ist schwerer, aber auch nichts ist feiner.” „Auf das letzte Stündelein aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn es einmal da ist.” „Es ist mir wohl manchmal ein bißchen bange, wenn ich an die letzte Fahrt denke, aber” — mit dem Finger in die Höhe zeigend — „mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt überstanden, dann sind wir am lieben jüngsten Tage alle zusammen vor Gottes Thron und haben alle Vergebung der Sünden. Dann wollen wir danken und loben ohne Aufhören. Denn Dank und Lobgesang ist unser Ziel, wie wir überhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.”

Metz, Hunsrück und Ems.

Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den Hunsrück reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Füßen der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein Besitztum, die Asbacher Hütte. Hier hatte die Wiege der großen Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Hütte selbst war längst außer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch. Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu wohltätigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prüfen, in welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden könne, war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte die Reise verschoben werden müssen; aber im nächsten Sommer, 1889, wurde sie nachgeholt. Zunächst ging die Reise nach Metz.

Unvergeßlich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm große Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit übernahmen. Wir haben da die edle, gütige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schluß der Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der Mutter küßten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.

Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, führte Vater die Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch wirklich den Grabhügel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hörten die Granaten sausen, die Kommandos tönen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden röcheln und sahen die Stille der Nacht sich über das blutige Schlachtfeld senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rühmen des eigenen Volkes, nichts von Feindeshaß, aber wir ahnten eine höhere Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Völker.

Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrück in der Asbacher Hütte. Sie erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunächst von unserm Diakonissenhause Sarepta übernommen wurde und dann in den Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach überging. Der Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die Fülle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte, war diesmal besonders groß. Die Feder von uns Kindern reichte nicht aus. Auch die Mutter mußte wie in alter Zeit wieder mithelfen. So kamen beide Eltern müde in den Winter hinein und wurden von der Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.

Seitdem litt Vater an einer Hinfälligkeit der Stimme, die ihn schließlich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr abgespannten Kräften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche, die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen, geistvollen Predigten des Ortspastors Vömel, eines Schülers Becks, zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, daß so viele Badegäste, denen der Weg durch das heiße Flußtal zu weit war, diese Erquickung entbehren mußten. Auf der andern Seite aber empfand er es auch hier wieder als ein Unrecht, daß die Badegäste, die den Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die besten Plätze wegnahmen.

So entstand bei ihm und Pastor Vömel der Entschluß, am Badeort selbst in unmittelbarer Nähe der Quelle und der Wohnungen der Badegäste eine Kirche zu errichten. In schönster Lage wurde ein Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten verursachte unendliche Mühe. Diesmal konnten nicht unbemittelte Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und verhältnismäßig auch reichlicher zu geben pflegen als die bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgäste zu gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den alten Kurlisten ließ Vater die Adressen der ehemaligen Badegäste herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit für die heilkräftigen Emser Quellen ermuntert.

Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt. Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit hatten damit ihren Abschluß gefunden.

Tante Frieda.

Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin. Nur unser jüngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem Vater teilte, hörte bisweilen nachts das stille Seufzen des Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit unserer Fürsorge lästig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der Gegnerschaft noch mit der Fürsorge, die seine Person erfuhr, hielt er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen eigenen Weg.

Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda war Vaters einzige noch überlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte jüngere Schwester, die Landrätin von Oven in Dillenburg, die ihr sterbend ihre fünf unmündigen Söhne hinterließ. Diesen fünf Kindern, denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen mußte, hatte sie sich ganz gewidmet.

Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verständnis für die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fünf Neffen sie geliebt, und sie hat es mit demütigem Stolz erlebt, wie alle — nur einer starb früh — in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Männern ungewöhnlicher Hingabe und Tüchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.

Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat, hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den andern Tag setzten für einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann konnte sie nur in gekrümmter Haltung ihre häusliche Arbeit verrichten, zwischen den zusammengepreßten Lippen von Zeit zu Zeit einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene Kuren gaben nur vorübergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang dauerte das Leiden in fast ungeminderter Stärke. Dann ließ es langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz. So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zähe, starke Natur war im Kampf mit dem Leiden nur noch zäher und stärker geworden, aber zugleich wunderbar zart und mitfühlend.

Ihrem Bruder gegenüber ließ sie diese Zartheit freilich kaum merken. Da war sie die um vier Jahre ältere Schwester. Sie war 71, als sie zu uns kam, und Vater 67. Er blieb für sie der jüngere Bruder, an dem sie bis zuletzt mit großartiger schwesterlicher Treue und Offenherzigkeit ihr Recht als ältere Schwester geltend machte. Sie hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere Mutter. Nur fehlten ihr deren köstliche Unmittelbarkeit und blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie vulkanartig äußerte. Und während Mutter meist den Kern der Sache sah und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemüt eher an Nebendingen haften, an denen sie sich stieß und um deren Abstellung sie sich vergeblich bemühte.

So ärgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte: „Was für ein lieber Mensch”, — dann sagte sie: „Ein gräßlicher Peter.” Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.

Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu, sodaß er zunächst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten, sondern ihr nahelegte, die Fürsorge für die alternden Schwestern im benachbarten Feierabendhaus zu übernehmen und von da aus nur die Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die mütterliche Freundin der in heißer Arbeit müde und alt gewordenen Diakonissen. Ihnen gegenüber trat die Herbigkeit, die sie ihrem Bruder zeigte, zurück. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles Verständnis und ihre große Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch saß, nur wieder desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater ließ solche Kritik ruhig über sich ergehen. Höchstens daß er hier und da einmal das Tischgespräch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen nur sagte: „Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte, liebe Schwester.”

Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, sodaß Vater die Furcht vor seiner Schwester vergaß und sie sich einigten, daß sie ganz zu uns zog. Ihre Kräfte hatten nachgelassen, während die Aufgaben im Feierabendhaus zugenommen hatten. „Ich baue dir bei uns ein Sterbestübchen”, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkämmerchen wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante Frieda über mit den wenigen schönen, alten Möbeln, die sie noch für sich zurückbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und über ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nächsten und liebsten Verwandten, alle auf dem Totenbett.

Sie hatte für ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte darum ganz für die Lebenden da sein. In ihrem „Sterbestübchen” war die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer völligen Offenheit für alle natürlichen Dinge der Zeit und für Menschen aller Richtungen und Verhältnisse. Die Frömmsten und die Gottlosesten fühlten sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie für jeden das rechte Wort. Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fühlte: So wie die solltest und könntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand übel, weil jeder spürte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst fühlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war als zu zart. Übelnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas nachgetragen.

Für Kinder behielt sie bis in ihr höchstes Alter eine ganz unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie war, durch keinerlei äußerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: „Tante Frieda, zeig’ uns mal deine Zähne!” Dann überwand sie sich, holte schmunzelnd ihr künstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin. Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie für die Reisen zu ihren Neffen oder umgekehrt für die Besuche, die ihre Neffen bei uns machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld bei einschließlich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem Gepäckträger zu geben hatten. Blieb außerdem noch etwas übrig, dann gab es für Großneffen und Großnichten von Zeit zu Zeit einen Weg in die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.

Vater hatte bestimmt damit gerechnet, daß er seine alte Schwester überleben würde; und manchmal kamen Zeiten so großer Schwäche, daß wir ihr Abscheiden in nächster Nähe glaubten. Sie wollte aber allein sterben und niemand dabei Mühe machen. Einige Male kam es vor, daß Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern Morgen an der Tür ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzüge hörte oder ob wirklich alles still geworden wäre. Sie lebte aber immer wieder auf und überdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.

Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht gefallen lassen: „Ihr müßt euch ja schämen, mit mir alten, häßlichen Person über die Straße zu gehen.” Dann willigte sie aber doch ein. Auf dem Heimwege besuchte sie in Bückeburg die Witwe und die Kinder ihres ältesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm jüngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu Häupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.

Herbstfrüchte.

Die theologische Woche.

„Es kann uns niemand eine größere Wohltat erweisen als die, daß er uns die Heilige Schrift lieb und verständlich macht.”

F. v. B.

Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz. Eines Sonntags, während wir in der Kirche saßen, erschienen in der Bank neben uns zu unserer großen Überraschung fünf bekannte Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus Königsberg, Feine aus Wien, Lütgert aus Halle und zu unserer großen Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen, unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in Wernigerode gehabt, und jene fünf hatten sich am Schluß ihrer Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb. Müde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung verbinden wollen. So bezog er für acht Tage unmittelbar neben unserer Waldwohnung ein Zimmer.

Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal gesehen. Unser ältester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten wurden und in der nun ein großer Teil der akademischen Welt versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmählich sich selbst wiederfand und dann mit großer Zuversicht von den Aufgaben an der Völkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. „Ich hoffe,” sagte er, „auch noch in der jenseitigen Welt fröhliche Arbeit zu finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehört haben.”

Am andern Tage saß er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurückgezogen, wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg „schinden” und nicht wagen, einen günstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner Studentenzeit das erste Mal, daß Vater wieder unmittelbar mit dem wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in Berührung kam. So fleißig er bis zu seinem theologischen Examen wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte später die Fülle anderer Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen ihn der Ernst und die Gründlichkeit, die er den beiden Männern abspürte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer näheren Berührung kam es damals nicht.

Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Fürstin Clementine Reuß. Auf dem Rückwege im Wagen erzählte Vater von unserm früheren Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte „Beißkatze”, worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf öffentlichem Markte eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter warf ganz ahnungslos dazwischen: „Ja, die alte Justiz war doch recht grausam.”

Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: „Nein, unsere heutige Justiz ist noch viel grausamer!” Und nun entlud er sein Herz über die Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern geübt wurde. Statt ihnen Arbeit zu geben, würden sie arbeits- und mittellos zum Betteln gezwungen; als Bettler würden sie verhaftet, vor Gericht gestellt und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefängnis bestraft; von der ersten Gefängnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der Beißkatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine vernünftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die mittelalterliche an Härte und Erbarmungslosigkeit weit übersteige, abgestellt werden könne.

Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser für Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwände dazwischen, die zur weiteren Klärung beitragen, aber keineswegs mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstraße bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den kühlen, sorgsam abgewogenen Erwägungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den Bruder von der Landstraße stieß, kannte er keine Rücksicht mehr. „Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor”, sagte er ein wenig bitter. Und einmal hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Gegner bei den Schultern gepackt hätte, um zu versuchen, ihn durch einen körperlichen Ruck in das gewünschte Geleise zu bringen.

Ohne daß eine Verständigung gefunden worden wäre, stiegen wir in dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war die Stimmung noch gedrückt. Es gärte und arbeitete unablässig in Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es Schlatter eigentlich angekommen war, daß er ihn nicht hindern, sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinüber. „Hier, Professor, meinst du es so?” — „Ja,” antwortete Schlatter, „so meine ich es; so wird es gehen.” So wurde Friede geschlossen und damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft, die für Vater und für viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden wurde.

Für die noch übrigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter anderem erwogen, wie die Kluft, die die Männer der Praxis und die Männer der Wissenschaft trennte, überbrückt werden könne. Sie empfanden es schmerzlich, daß zwischen den Studenten, sobald sie die Universität verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede persönliche Beziehung aufhöre, und beklagten den Verlust, der dadurch sowohl für das kirchliche Leben als für die wissenschaftliche Arbeit entstünde. Beide Teile mußten durch die mangelnde Verbindung für ihre Arbeit Einbuße erleiden. Denn die wenigen Universitätsjahre zu den Füßen der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Männer der praktischen kirchlichen Arbeit unablässig das Leben der Universitäten befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflüchtige, die ohne Verständnis und ohne Bedeutung bleiben mußten für das wogende Leben des Volkes und der Christenheit.

So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte, für das nächste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen. Schlatter wünschte, daß er nicht in einer Universitätsstadt sein sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein klar zum Ausdruck gebracht, daß die Besprechungen zwischen den Männern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Köpfen gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben. Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.

So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die große Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem Bedürfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die Hauptvorträge übernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strömten namentlich die alten Schüler der beiden Professoren herbei, um einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.

Die Vorträge selbst waren öffentlich. Es sollte jedermann sich überzeugen können, daß die theologische Arbeit keine Geheimniskrämerei sei, sondern für jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vorträgen teil, aus der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die Besprechungen aber, die den Vorträgen folgten, wurden im geschlossenen Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von Öffentlichkeit und Vertraulichkeit bewährte sich auch bei allen späteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.

Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder mit besonderer Bewegung begrüßte Professor Riggenbach von Basel, Professor Kähler aus Halle, Professor Schaeder, später in Kiel und Breslau, Professor Lütgert aus Halle, Professor Bornhäuser aus Marburg. Die Führung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das darf wohl gesagt werden, neben Kähler in Halle damals bedeutendsten Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der Überzeugungen einander ergänzten.

Wie einer der Durstigsten saß Vater zu den Füßen dieser „Wasserschöpfer”, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es zu merken, daß er seinerseits durch seine meist ganz kurzen Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Töne immer auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der Zweifel schläft und das Bangen vor dem Unergründlichen.

Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die beängstigende Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinführt. Darum blieb er barmherzig mit denen, die in ähnlichen Kämpfen standen. Das kam immer wieder während dieser theologischen Wochen zum Ausdruck. Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vorträge der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewißheit des Glaubens führen: die Demut der Buße und die selbstverleugnende Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war für ihn das Haupthindernis des Glaubens. „Das menschliche Herz ist so hoffärtig,” sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, „daß es nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich gestern hier predigen mußte? Da sagte mir mein Herz: So, nun mußt du vor den großen, berühmten Professoren predigen; wie fängst du es nur an, daß du ihnen gefällst? So hoffärtig ist das Herz. Den Hoffärtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren.” Naturgemäß riefen die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den Häusern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte sich demütig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen Gottes unbegreiflich erschien, und die Buße, die sich unter Gottes Gericht beugt, löste ihm unbegreiflich scheinende Rätsel. „Ich leide auch zuweilen”, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen bange Frage, „unter all dem Elend der Erde und kann es nicht verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie würde es sein, wenn das Elend nicht da wäre? Es würde noch viel schrecklicher auf der Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen würde. Das Menschenherz ist viel zu hoffärtig, als daß es das Leiden entbehren könnte.”

Neben der Buße aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die Erkenntnis Gottes schwingt. „Wie kann nur”, fragte ihn einer, „all dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott zugelassen werden?” Da sagte Vater nur: „Man muß etwas zum Lieben haben.” Und als ein zur theologischen Woche gekommener Gefängnispastor während der Besprechung darüber klagte, wieviele Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fände, sagte Vater: „Ich habe noch nie einen Gottesleugner getroffen.” „Bebel!” rief eine Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster Überzeugung heraus: „Und wenn Bebel hier wäre, er würde es nicht wagen, Gott zu leugnen.” Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und Überzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner gefunden. In Debatten über das Dasein Gottes hat er sich nie eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in gottentfremdeten Gemütern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie spürten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten Wortes: „Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur”. Gott wird nur in dem Maße erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nächster wird in dem Maße der Erkenntnis Gottes näher geführt, als er durch uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.

Diese Liebe aber schöpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche und die Freundschaft mit den „Wasserschöpfern” solch eine besondere Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie führte seine Studenten durch Bethel. Am Schluß machte er Vater einen Besuch. „Herr Pastor,” sagte er, „wieviel Gutes tun Sie den Kranken, und wie gütig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit?” „Lieber Professor,” sagte er, „ohne den alten Glauben könnte ich keinen einzigen epileptischen Kranken pflegen — und du auch nicht.”

Freistatt.

Fünfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von Bethel nach Eckardtsheim übergesiedelt waren, in fröhlichen Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einöde war ein Garten Gottes geworden. Überall saftige Wiesen, prangende Gärten, wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem durchrigolten Boden kräftig gediehen. Aber so erfreulich diese Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht möglich. Denn überall um Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmäßiges Rigolen und künstliche Düngung war der Wert der ganzen Umgegend um ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Hätte Bethel doch kaufen wollen, so wäre eine Rentabilität unmöglich gewesen.

Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nördlichen Kreise Westfalens, Lübbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens. Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf eine neue Heimat geboten hätte. Und doch wurde solch eine Kolonie mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn während die Arbeitsmöglichkeit in Wilhelmsdorf immer beschränkter wurde, nahm andererseits die Zahl der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westfälische Industrie hatte in den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die westfälischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die schwächsten und unzuverlässigsten Elemente auf die Landstraße. Dann wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien überflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu können.

Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel vollgestopft gewesen. Hier mußte also gesorgt werden. Es war auch diesmal wieder kein Gründungsfieber, wie Fernstehende meinten, sondern die zwingende Gewalt der Verhältnisse, die vorwärts trieb, und das Erbarmen mit den Brüdern von der Landstraße, die ohne solches Erbarmen in Kälte und Schnaps verdarben.

Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover, der sich nach seinem Abschied mit all seinen Kräften und Erfahrungen zur Verfügung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats Bansi Präses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb von Ödland innerhalb der westfälischen Grenzen keine Aussicht bot, lenkte er im Frühjahr 1898 Vaters Augen auf das große hannoversche Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.

Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um Niederungsmoor, wie im westfälischen Gebiet, sondern um Hochmoor handelte es sich hier. In abflußlosen, unermeßlich weiten Sandkesseln hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht über die andere getürmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in jedem neuen Frühjahr zur Geburtsstätte der neuen Schicht geworden. Während die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf wurden, hob sich die Fläche selbst mehr und mehr, bis sie als ein riesiger lebendiger Schwamm über den Rand des Sandbeckens hinauswuchs und so als Hochmoor höher ragte als das umgebende Tiefland.

Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen auf. Er stieß seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, bis an die Krücke hinunterglitt. „Ha,” sagte er, „hier habe ich Arbeit.” Nach Westen und Osten und namentlich nach Süden zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge dehnte sich die Einöde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind aus dem Märchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer herüberströmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen Befreier wartete.

Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden sitzen, — man findet noch heute in den Hünengräbern der Gegend Urnen und Geräte, die sich mit den Funden der oberitalienischen Ebene decken — hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen. Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut hatte ihre Heidschnuckenherden genährt, aber auf der andern Seite waren die an das Moor stoßenden Äcker immer wieder durch den wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frühjahrswind die Oberfläche des Moores trocknete, fing das Moor, ähnlich den Dünen des Meeresstrandes, an zu wandern und überschüttete die Grenzgebiete mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hügeln auftürmte und alles Leben unter sich begrub.

Durch die Regierung waren umfassende Pläne ausgearbeitet worden, die den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie würden aber Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor, ähnlich wie im Küstengebiet durch das Dünengras, so im Moorgebiet durch schmale Kulissenwälder die Gewalt des Windes zu brechen und durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Maße, als die schmalen schützenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstörende Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.

Daß aber aus dem bisherigen nur mühsam abgeschlagenen Gegner ein starker Freund werden könnte, daran hatte freilich niemand gedacht. Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging, ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er überall weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark für den Morgen. So wurden zunächst in dem tiefsten und aussichtsreichsten Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Stärke von sechs bis sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und später aus dem angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen hinzugefügt.

Für Vater aber handelte es sich zunächst darum, die Mittel für den Neuerwerb aufzubringen. Unter der Überschrift „Wer schenkt uns einen Morgen Hochmoor?” ließ er ein kleines Blatt drucken, worin er die vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur Grundsteinlegung der Kirche von Ems führte ihn für drei Ruhetage auf das Schlößchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck. Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift eigenhändige Briefe an die Industriellen und Großindustriellen Westfalens hinzuzufügen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: „Helfen Sie uns durch einen kräftigen Ruck in den Sattel!” Die Bitte war nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.

In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von einem Sandrücken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen Zeit stammende Heerstraße läuft. Hart neben dieser Straße, einem freundlichen Kiefernwäldchen gegenüber, wurde im folgenden Frühjahr die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und die ersten Kolonisten zogen in „Freistatt” ein.

Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freistätten in Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von Bluträchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder eigener Schuld Gehetzten sich retten dürfen und eine Freistatt finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und niemand sollte zurückgestoßen werden. „Daß ihr mir nur keinen abweist!” schrieb Vater einmal in der Zeit der größten Überflutung, und wir wußten, daß der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem Wort stand, das keine Übertretung duldete!

Bei der Gründung der Arbeiterkolonien war zunächst der Grundsatz durchgeführt worden, daß jeder für längere Zeit Arbeitslose die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so lange durchführbar, als ein festes Netz von Herbergen und Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war (vergl. den Abschnitt „Wanderarbeitsstättengesetz”), hatte dieser Grundsatz nicht mehr befolgt werden können. Und so wurde gerade Freistatt die Zufluchtsstätte von Arbeitslosen aus allen Teilen des Vaterlandes.

Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mußte nach Freistatt kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben im Zuchthaus und Gefängnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit und Bergung. Auch manche Söhne gebildeter Stände, die draußen im Leben versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft über sich selbst üben zu können, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils Fürsorgezöglinge, die von den Provinzen überwiesen wurden, teils solche, die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele verderbenden Lüsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu werden.

Wo die Schar derer, die nach Freistatt flüchteten und geflüchtet wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, daß man sie in verschiedene Häuser und verschiedene Arbeitsplätze gruppieren mußte. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden durch die gemeinsame große, lockende Aufgabe, das bis dahin unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es war ähnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden ausgestoßenes Land und ausgestoßene Menschen miteinander verbunden und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.

Zunächst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der sichere Stützpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der Kolonie den Angriff auf das Moor eröffnen konnten. Zweiggräben wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Fläche geebnet. Mit Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und Pflügen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die Säure entzogen, durch Kunstdünger neue Nährkraft zugeführt — und dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der Erde anvertraut.

Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevölkerung, von der Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies schwarze, modrige Land im nächsten Frühjahr anfing zu sprießen, zu grünen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die Weiden, von deren kräftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne Gefahr, im Moor zu versinken.

Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Maße zu erhöhen. Während der eine Teil des Moores zunächst für die Kulturen aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jüngeren Kolonisten Sommer und Winter über abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne Stücke und breiteten sie zum Trocknen auf der Fläche aus. Der darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen, die auf Schienen längs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu langen Stangen gepreßt, zerteilt und auf Brettern in der Sonne getrocknet.

Zu haushohen Mieten türmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit Birken und Eichen bestandenen Napoleonstraße errichtet worden war, zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und Niederlassungen innerhalb und außerhalb der Kolonie als Brennmaterial zugeführt.

Um aber die weiten Heideflächen des Moores, die zunächst noch brach liegen bleiben mußten, kräftiger ausnutzen zu können, wurde den Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die Moorsäure vor dem Verfaulen geschützt war, entstand ein großer Stall und daneben auf einem künstlich aufgeworfenen Sandhügel, der allmählich durch den eigenen Druck bis auf die Oberfläche des Moors hinuntersank, ein geräumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schönsten. Hier über dem ganz freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frühesten auf und am spätesten unter. Von hier aus konnte man am ungestörtesten das Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust füllen mit der reinsten, kräftigsten Luft, die der Moorwind herübertrug.

Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmählich über eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengefülltem Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet. Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen Häusern herbeiströmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingeführt, in welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.

Natürlich konnte diese große neue Aufgabe nur unternommen werden mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mühe, Last und Enttäuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt von Lepel kennen gelernt, der nun mit großer Willenskraft und Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvätern, Hausmüttern, Brüdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.

So sehr Vater als alten Landwirt die Erschließung des Moors zu Kulturzwecken beschäftigte, so behielt er doch fest im Auge, daß nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet. Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.

Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast ausschließlich aus den Großstädten und dem Industriegebiet. Viele von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und manche waren nur deshalb vor dem Gefängnis bewahrt worden, weil man nicht wußte, wo die Grenze lag zwischen bewußter Bosheit und ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die höchsten Anforderungen an die Hauseltern und Brüder. Hier galt es nicht nur, mit fester Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und mitleidender Freund.

Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brüder in Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezügelte Pferde waren, bei deren Bändigung erst das rechte Ineinander gefunden werden mußte von unbeugsamer Festigkeit und mütterlicher Zartheit. Denn:

„Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich: So fest wie Eisen, wie Wachs so weich. Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs, So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen würde.

Einmal erschien ein kräftiger Angriff in der sozialdemokratischen Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an den Zöglingen. Es sollten schwere Übergriffe der Pfleger vorgekommen sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn, am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit prüften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstündiger Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den Sachverhalt, fuhren zusammen zurück, und am andern Tage gab der Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt. Heute kann Freistatt alle Öfen der Muttergemeinde in Bethel, soweit es sich nicht um die Zentralheizungen der großen Krankenhäuser handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen. Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus den Weiden, Feldern und Ställen von Freistatt.

Die theologische Schule.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten über das Apostolikum gesprochen. Die Äußerungen waren wider den Willen Harnacks in die Öffentlichkeit gedrungen, und darüber war ein heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkämpfe über Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hören, daß nach seiner Überzeugung die Verkündigung des Evangeliums selten so ungehindert im Vaterlande habe geschehen können als jetzt. Er war im Jahre 1892 während eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium getreten, dem damaligen nahezu allmächtigen Diktator bei allen Fragen, die die Besetzung der Lehrstühle aller Fakultäten betrafen. Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich bewährten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der Universitäten zuzuführen.

Aber die ausschließliche Beschränkung auf die staatlichen Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glück der Kirche an. „Die evangelische Kirche”, sagte er, „hat sich viel zu lange gewöhnt, sich auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darüber ist sie eingeschlafen.” Er für seine Person hatte die tiefsten wissenschaftlichen und persönlichen Anregungen von Männern empfangen, die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultäten hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Körperschaften. So sah er in dem Dienst dieser freien Körperschaften, wie sie sich in der Arbeit der Inneren und Äußeren Mission durch ein Jahrhundert bewährt hatten, eine wesentliche Ergänzung der kirchlich organisierten Arbeit und der theologischen Fakultäten. Warum sollte die Christenheit, wenn sie freie Anstalten der Inneren und Äußeren Mission schuf, nicht auch berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultät zu schaffen, und zwar nicht in einer der verführungsreichen Großstädte, sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen kleinen Fakultät die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese Gedanken legte er unter dem Titel „Eine freie theologische Fakultät” in einem Aufsatz dar, der zunächst in der kleinen konservativen Zeitung Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.

Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungen die Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die Gegenstimmen.

Es war das einzige Mal, daß Vater, statt zu handeln, zunächst nur einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. Überall stieß er auf Bedenklichkeit und Ängstlichkeit. Namentlich hatten sich an dem Wort „Fakultät” viele seiner akademischen Freunde gestoßen. Er mußte den Gedanken zurückstellen. Immerhin war sein Ruf nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der die Gründung eines Studienhauses an der Universität Bonn in die Hand nahm und auch rasch zur Durchführung brachte. Schon im Sommer 1896 stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jüngster Bruder war unter den ersten Studenten, die darin für ihre Studien willkommene Heimat und Anleitung fanden.

Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht. Nun traf er im Jahre 1903 während einer Erholungszeit in Amrum mit dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beiträge, die er zu den gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegäste lieferte, taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem bescheidenen, stillen Mann hin.

Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken. „Brüderchen, was hast du?” fragte er ihn. Und nun entlockte er Speckmann die Sorge um seinen jüngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte Theologie studieren. Aber Speckmann wußte nicht, zu welcher Universität er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden Vertrauen zu einer großen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an den verschiedenen Universitäten drückte ihn der Gedanke an die Unruhe und Verführung so vieler Universitätsstädte und die Sorge, seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.

Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte Gedanke einer freien theologischen Schule aufs neue auf. Diesmal vermied Vater die Öffentlichkeit und sammelte in der Stille einen ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld. Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten Lehrkräften der Schule um, besuchte persönlich Pastor Jäger in Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und ließ sich von diesem und von dem Sohn des Professors Kähler in Halle das Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.

Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904 trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. „Ich frage euch nicht mehr,” sagte er, „ob das Kind leben soll; es lebt schon, und ihr sollt es bloß aus der Taufe heben.”

Gleichzeitig warf er in einer ausführlichen Schrift den Gedanken neu in die Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied des Abgeordnetenhauses war, erwartet, daß er im Landtag gegen die Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten ausschloß, Stellung nähme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift „Wie kämpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?”[1] rechtfertigte er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. „Wir haben die Gegner nicht gerufen,” schrieb er darin, „aber indem sie heranrücken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rüsten. Hier gilt es nicht Übermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern Buße, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, daß wir unsere Gegner schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir müssen selbst besser werden.”

Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der Schrift eingehend auseinander, wo er die Gründe für die Aufrichtung der theologischen Schule erörtert und folgendes sagt:

„Gefährlicher, grundstürzender, bis in das tiefste Mark hinein vergiftender als die weiter geöffnete Tür für die Väter der Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not, die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen großzieht. Unaufhaltsam ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit zerbrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um Glauben kämpfende, um Gewißheit ringende, wissenschaftlich fleißige und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.

Selbstverständlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles unsicher, was den Trost eines armen Sünders im Leben und Sterben ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg über die Sünde und Fortschritt in der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht nur in immer nebelhaftere Umrisse gehüllt, sondern verschwindet endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein für uns gestorbener, für uns auferstandener, für uns zur Rechten des Vaters thronender König und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch für die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.

Der selige Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis in seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb, schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: „Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie dem Evangelium so feindlich ist.” So möchte ich vielmehr von der evangelischen Kirche sagen: „Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie solche Feinde des Evangeliums auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.”

Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen die Jesuiten in die Waffen rufen möchte, möchte ich ihn gegen diese Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Stühlen stoßen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte: „Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer”, sondern er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat sie überwunden, indem er für sie blutete, betete und starb. Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch polizeiliche Maßregeln überwunden. Ich weiß es wohl, daß es kein normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Männer auf die theologischen Lehrstühle setzt und sie unsern jungen Theologen zu ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine staatliche Prüfungskommission prüfen und durchfallen läßt (ich habe dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtränkt sind und sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat da machen? Was können wir von ihm verlangen?

Wenn schon die staatliche theologische Prüfungskommission von ihren Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres treuen Fleißes und ihrer wissenschaftlichen Tüchtigkeit, so kann der Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtgläubigkeit anstellen. Dann würde man in beiden Fällen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heiße Kämpfe nicht zum Sieg.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitäten durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlägt und sie aus dem Schlafe aufrüttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.

Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam, ähnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke, Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtgläubigkeit gegenübertrat. Ihre Führer und Glieder sind wenigstens der überwiegenden Mehrheit nach das Salz unserer Gemeinden. Sie begnügen sich nicht damit, äußerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfüllen und einen ehrbaren Wandel zu führen, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen der Heiligen Schrift, dringen auf gründliche Umkehr, wollen schriftgemäß nicht nur einen Jesus für uns, sondern auch einen Jesus in uns haben, wissen, daß ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine Kopfhänger, sondern fröhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Straße ziehen in den Fußtapfen des Anfängers und Vollenders unseres Glaubens und keine größere Freude kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres Herzens Freude ist. „Heilig, selig ist die Freundschaft und Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben”, — so singen sie auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich über eine solche Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Männer in gesunden Bahnen einhergeht!

Aber freilich läßt sich nicht leugnen, daß diese Bewegung in ihren Ausläufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja nun ganz besonders, — das muß man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen — die gegen die Angriffe der Männer der Wissenschaft für unsere liebe Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter denen zweifellos treffliche, geisterfüllte Männer sich befinden, denen an volkstümlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte Pastoren nicht das Wasser reichen können. Solche Laienpredigt nach dem Vorbild der beiden „Tischdiener” Stephanus und Philippus ist sicher köstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlägt vielfach über die Stränge; sie fängt an, gegen jede Wissenschaft zu eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind. Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die edelsten Führer dieser Bewegung nachäffen und, ohne sich jemals selbst bekehrt zu haben, als höchstens zu ihrem eigenen Ich, auf Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser wunderbarsten und köstlichsten aller Gottesgaben, die je durch menschliche Werkzeuge zustande gekommen ist und die zu freier Gotteskindschaft führen soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur Menschenknechtschaft führt, und werfen einfältigen Leuten Lasten auf den Hals, die sie selber nicht tragen mögen. Wenn sie, mit vollem Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als Märtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen Baalspfaffen, lehren ihre Zuhörer auch jeden Christen, der sich nicht zu ihrer Gemeinschaft hält und in ihre Schlagworte nicht einstimmt, für einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und die Nachfolge des Verklägers der Brüder. Das ist eine schmerzliche Tatsache.

So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die pietätlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre unverständigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.

Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich redlich bemüht haben, nicht nur gründlich gelehrte, sondern auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu verschaffen. Und es wäre Sünde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen dankbar sein sollten für das, was seine Güte in den letzten fünfzig Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfüllten Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur Männer wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck, Müller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Kähler, Cremer, Schlatter, zu deren Füßen ich mit meinen drei Söhnen, teils als Student, teils als Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser für meine Seele habe trinken dürfen. Eine solche Blütezeit hat die evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preußische Hochschule auch jetzt noch Männer, die unsere Jugend nicht nur zum freien Jungbrunnen der demütigen theologischen Wissenschaft, sondern auch zu dem freien offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit führen, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten achtzehn Jahren hier in unserer großen Kolonie von Elenden aller Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schürze der dienenden Liebe sich umgebunden haben und von denen über zwanzig zu den schwarzen Brüdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug freuen, wie viele von ihnen nicht bloß ein gründliches Wissen, sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe tätig war, von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.

Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an Männern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das Alte Testament) den Umstürzlern die Spitze bieten und ihnen gründlich heimleuchten können. Aber solche Zeugen kann weder ein Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten gerne einen größeren Einfluß, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle erkämpfen möchte.

„Fromme Lehrer der Kirche”, so pflegte mein seliger Freund D. Kögel zu sagen, „sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie können nicht von Menschen gefordert, sondern müssen von oben erbeten werden.” Und dies wäre vor allem eine köstliche Arbeit unserer gläubigen Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den theologischen Lehrstühlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit sagen können: „Sie sind vom Herrn erbeten”, dann werden sie auch vor falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstsüchtigen Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche bleiben und immer mehr werden.

Auf unserem schönen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, „der Freund des Ravensberger Volkes”, den wir gern und mit Recht den Begründer unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er könne die Sache nun besser machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhört.

Auch unsere arme Gemeinde fallsüchtiger Kranker auf dem Zionsberge zu Bethel möchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?

Zunächst in der Weise ihres lieben Begründers auf dem Friedhof zu Bethel, daß sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums für Kirche, Schule und Haus bittet, gestützt auf das Wort: „Das Verlangen der Elenden hörest du, Herr; ihr Herz ist gewiß, daß dein Ohr darauf merket.” Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet auch eine Tat hinzufügen. Sie möchte es sehr gern.

Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultäten zunächst eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, später mehrere) freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die Landeskirche und gegen die bestehenden Universitäten, sondern lediglich für beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rüstkammer gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des göttlichen Wortes so stählt, daß sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen Universitäten beziehen und daß, will’s Gott, aus ihnen tüchtige Lehrer und Seelsorger für die Landeskirche erwachsen möchten. Es würde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt mit Recht scheuen, ihre Söhne sofort den großen Universitäten anzuvertrauen, würden sie gern hierher senden.

Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife Tretmühle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu den Füßen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Stühlen sitzen, sondern mit denen sie täglich freien, zutraulichen Umgang pflegen und denen sie alle ihre Not klagen können. Dieser Pflanzschule müßte man eine auch äußerlich liebliche und geistlich gesunde Stätte bereiten, in der die köstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung ausgestreut werden kann, daß sie nicht sofort wieder von wilden Säuen zerwühlt wird.

Es ist ja leider so, daß fast alle Universitätsstädte Deutschlands keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grünt und blüht, sondern fast überall ist das Gegenteil der Fall, viel wüstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser Richtung hin unsern jungen Anfängern auf der theologischen Laufbahn keine Förderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.

Ohne uns vorzudrängen, möchte ich heute wohl glauben, daß diese Pflanzschule in der Nähe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch günstigere Stätte finden könnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schönheit ist hier viel größer. Die jungen Studenten würden nicht nur in kleinen Konvikten, sondern auch in vielen Privathäusern in den Familien unserer Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grünt und blüht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner eigentümlichen Gestalt. Sie sehen hier tüchtige junge Theologen mit glänzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schürze der dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, für sichtbare Früchte trägt. Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerüstet, ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.

Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in unserer Kolonie nieder und sind gewiß bereit, ihre Erfahrungen und ihre Kräfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die nötigen Mittel zum Bau für die bescheidenen Hörsäle und Wohnungen der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses Samenkörnlein an dieser Stätte wohl getrosten Glaubens ausgestreut werden könnte und daß der Herr der Kirche ihm den Frühregen und Spätregen nicht versagen und vor allem die rechten Männer schenken werde.

Große Dinge, die der Welt in die Augen fallen, haben wir nicht im Sinn, sondern kleine und namentlich einen ganz kleinen Anfang.

An eine sofortige offizielle Anerkennung oder gar Unterstützung des Staates denke ich auch nicht. Bewähren wir uns, wird man uns auch nicht versagen, was man den katholischen Seminaren gewährt (nämlich die Anrechnung der auf solcher Schule zugebrachten Studienzeit).

Ich will diesen Gedanken also noch einmal in Gottes Namen hinausgehen lassen und gebe es dem Herrn der Kirche anheim, ob er ihm willige Herzen zuwenden und auch die Herzen der Leiter und Regierer unserer Kirche für uns gewinnen möchte.

Vor acht Jahren hat derselbe Gedanke die kleine Frucht getragen: unser Studentenkonvikt zu Bonn, dem ich auch ferner fröhliches Gedeihen wünsche, das aber für die Größe und Wichtigkeit der Sache nicht allein ausreicht. Ich möchte, daß sich gerade um die theologische freie Pflanzschule auch die jetzt noch weit auseinander gehenden Wünsche und Seufzer aller altgläubigen Richtungen unserer Kirche, namentlich auch der Gemeinschaftsleute, in einheitlichem, fröhlichem Wirken zusammenschließen, um in der Hauptsache einig die Mauern Jerusalems zu bauen und ihre Risse zu heilen.

Dem großen Haupt seiner Kirche auf Erden und im Himmel, unserm Herrn und Heiland, sei vor allen Dingen diese Sache an sein hohepriesterliches Herz gelegt. Gibt er sein Ja und Amen dazu, dann ist das Gelingen sicher.”

Im Herbst 1905 zogen die ersten Studenten in die junge theologische Schule ein. „Zwölf Jünger hatte der Herr; mehr als zwölf möchte ich nicht gern haben”, sagte Vater. Aber vier Wochen vor der Eröffnung hatte sich nur ein einziger gemeldet. „Ich fange auch mit dem einen an”, sagte Jäger. Da fiel ihm Vater um den Hals und sagte: „Dafür kriegst du einen Kuß.” Aber zum Eröffnungstage waren elf junge Studenten zur Stelle.

Vater selbst trat mit in den Unterricht ein. Während Pastor Jäger die systematischen Fächer nahm (Glaubenslehre, Sittenlehre usw.), Kähler das Neue Testament und der bald hinzutretende Pastor Oestreicher das Alte Testament, gab Vater jede Woche eine Abendstunde praktischen Inhalts, besonders über Innere und Äußere Mission.

Viele hundert Studenten sind seitdem durch die theologische Schule gegangen. Neue Dozenten sind hinzugekommen, bezw. nach längerer oder kürzerer Arbeit an der theologischen Schule in andere Arbeitsgebiete eingetreten: D. Warneck, P. Johanssen, Superintendent Simon, D. Schrenk, D. Michaelis, P. Schlatter. Die bayrische Kirche war die erste, die von Fall zu Fall Semestern, die auf der theologischen Schule verbracht waren, Gültigkeit gab. Die badische Kirche rechnet sie grundsätzlich an.

Gastein.

Im Frühjahr 1899 fühlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens. Die sonstige Frische ließ nach, und ein unerklärlicher Durst, der mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu quälen. Von den für alte Leute so wohltätigen Bädern des Wildbades Gastein hoffte er Stärkung. So nahm er für den letzten Kurmonat die Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.

Von fürsorgenden Freunden war uns in der „Helenenburg” das Quartier bereitet worden. Sie lag an der einsamen Straße, die hoch über dem Orte am Abhang des Graukogls entlang führt. Früher hatte sie der Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtsstätte gedient. Von einer Burg war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner Badegästen seine Tür öffnete. Wie denn ja die unglückliche Kaiserin die einsamsten Häuser für ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das Getöse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprüngen in die Tiefe stürzt, drang aus der Ferne herüber. Aus dem weiten, lieblichen Tal unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel vertrieb.

Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten „Schwarzen Liesl”. Das war ein kleines Gasthaus nordwärts von der Helenenburg, wohl hundert Meter über den stolzen Hotels gelegen, die sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schüchternes Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls, um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu sehen, die Gott über diesen besonders schönen Fleck seiner Erde ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur „Schwarzen Liesl” heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die Betglocke aus dem Tale herauftönte und die ganze fröhliche Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und sich an den Heimweg erinnern zu lassen.

Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle Ursache gehabt hätte, hoffärtig zu sein. Denn vornehmerer Gäste konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rühmen. Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen seine großen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die Stille der Gebirgswelt und die Nähe ihres königlichen Herrn zu genießen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen zur „Schwarzen Liesl”. Dann hatte die schwarze Liesl — so hieß die Frau des Wirts — aufgetischt, was Küche und Keller bot. Wenn aber der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schönsten Tassen und Gläser, die ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gästen den erfrischenden Trunk zu reichen.

Aber das alles lag nun weit zurück. Nur eine Magd, die unter der schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Häuschen des Tals. Sie wußte unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu erzählen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers für zwölf Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste aufgenommen worden sei.

Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprünglichen Zeichens ein Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel gehängt hatte. Während seine Frau uns nach Kräften mit ihrer Kochkunst versorgte, saß ihr Mann mittags und namentlich abends unter seinen Gästen und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen lauschte, dem entging nicht der wehmütige Ton, der durch alle Lieder hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte bald, daß eine verborgene Last ihn drückte. Aber er kam nicht mit der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne daß sich der arme Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu helfen, da er von seinen Gläubigern gedrängt würde. Vater war inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes hatte sich eingestellt, die erst in Wildungen und dann in Bethel sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an seinem Lager, und die wehmütigen, sehnsuchtsvollen Klänge der Zither tönten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er entschloß sich, seinen getreuen Sekretär Behrendt nach Gastein zu schicken, um gründliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden könnte. Aber schließlich zeigte es sich doch, daß alles umsonst war.

Es würde zu weit führen, die folgenden fünf Jahre mühsamer Verhandlungen näher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen Handels war, daß Vater gezwungen wurde, die „Schwarze Liesl” ganz zu übernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten, schloß sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen „Kaiser-Wilhelm-Stiftung” den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in der „Schwarzen Liesl” eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.

Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten Ärzte des Bades erklärte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur Verfügung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so reichlich dargeboten, daß man den alten Helden freie Reise und freies Quartier gewähren konnte.

Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder Wochen in der „Schwarzen Liesl” unter seinen Kriegskameraden zugebracht. „Ein ganzes Jahr lang”, sagte einer der Veteranen beim Abschiednehmen, „habe ich zu erzählen, so schön war es hier. Und das dumme ist bloß, daß es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man uns hier aufgenommen hat.”

Während der Jahre des großen Krieges mußte die „Schwarze Liesl” ihre Türen schließen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geöffnet und, soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern des letzten Krieges gedient.

Als Abgeordneter.

Als Stöcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte, blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-Ravensberger Land zog sich von ihm zurück. Es hatte etwas Erschütterndes, zu sehen, wie Stöcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den großen Dielen des Landes und in den weiten Sälen der Städte gesprochen hatte, jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen Anhänger sammelte.

Einer der bedeutendsten Führer der Freunde Stöckers im Ravensberger Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen kirchlichen Selbständigkeit gegenüber der eigenen Pfarrgemeinde verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen übernahm, trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und größter seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der Dienstmädchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, daß Pastoren und Lehrer nicht im Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenüberstehen, sondern als die nächsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergänzen sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfüllung. An den Brüderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, später Freitagabends hielt, war Budde der regelmäßige Teilnehmer. Er konnte es nie verstehen, wenn Brüder ohne zwingenden Grund die Stunden versäumten. „Und wenn sie auf den Knien hinrutschen müßten,” konnte er wohl sagen, „dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie nie wieder zu hören.” Vater leitete die Besprechung in diesen Stunden, Budde hatte regelmäßig das Gebet. Dieses Gebet war die Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche über freute. Zu der äußeren Form, in der Budde es vorbrachte, lächelte Vater oft, sodaß er während des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hände barg und auf das Pult legte, um niemand zu stören, wenn ihn über eigenartigen Ausdrücken Buddes das Lachen überkommen wollte. Aber der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte Budde beständig die lebhafteste Fühlung mit allen Schichten der Bevölkerung, sodaß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmählich gelang, die durch den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei zersprengten Anhänger zu organisieren und um ein kleines Wochenblatt, den „Ravensberger”, zu sammeln. Vater selbst hielt sich auch jetzt, seinen Grundsätzen treu, von aller einseitigen Parteinahme, sei es für die Konservativen, sei es für die Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stöcker — das sprach Vater immer wieder aus — zu schade für einen Parteiführer. Er war überzeugt, daß er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer hätte dienen können, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten hätte. Er hatte auch Stöcker die Themata genannt, um die sich nach Vaters Überzeugung Stöckers öffentliche Tätigkeit drehen sollte. (Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, daß Stöcker nicht darauf einging. „Er hat doch etwas vom Volkstribunen an sich,” sagte Vater gelegentlich und meinte damit, daß Stöcker sich doch nicht unabhängig genug hielt gegenüber dem Einfluß der Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit Stöcker eins wußte, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in ganzer Unabhängigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur Rechten und zur Linken. Einen konservativen Führer des Landes, dessen Schrift über die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand, schonte er in einer persönlichen Besprechung nicht. Und als auf der andern Seite sein Freund Budde eine für den Druck bestimmte Darstellung des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters Überzeugung den tatsächlichen Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues Öl ins Feuer gegossen haben würde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es für kurze Zeit zu einer gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater eines Nachts im Bett an Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlaßte, sodaß der betreffende Abschnitt der Druckschrift überklebt und in späteren Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmählich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in Minden-Ravensberg so gefestigt, daß sie in den Wahlkämpfen eine wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich Stöcker anfangs zurückgedrängt sah, wieder eine Macht geworden, mit der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen Christlich-Sozialen und Konservativen geführt. Im Jahre 1903 sahen sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, daß sie von den Konservativen eine Kandidatur Stöckers für das Abgeordnetenhaus verlangten. Aber Stöcker blieb das rote Tuch für die Konservativen. Sie lehnten Stöcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen Jahren bereits die zerstörendste Wirkung auf das Land ausgeübt und im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefördert hatte, drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, daß für die Kandidatur eine Persönlichkeit gefunden würde, die beiden Richtungen genehm war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter der Bedingung, daß er niemals gezwungen würde, irgend eine Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die Verständigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte ihnen den gemeinsamen Sieg.

Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun, hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie gegeben, auf der er sich während der fünf Jahre als Abgeordneter bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Fülle der Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst für einen Abgeordneten selbstverständliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit zugestanden.

Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des Friedens gewählt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. Um Anschluß zu bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner Überzeugung nach am nächsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht aufgelegt und ließ er sich nicht auflegen.

Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der Kanalvorlage — es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals — am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag darin, daß er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder in Bethel, „ihr” und den Minister „du”. Die Versammlung selbst aber hob er über alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes, als eine große Körperschaft, deren Verantwortung und Tätigkeit sich um das Wohl des ganzen Volkskörpers immer wieder sammeln und einigen müßte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wünschte er, die Fürsorge für den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde Ansiedlungspolitik betätigen und sollten schmerzliche Versäumnisse nachgeholt werden.

Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man hatte dergleichen noch nicht gehört. Und die Zeitungen aller Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der „Ulk”, das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der früher Vater in der Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte folgendes Gedicht:

An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor. Mein lieber Pastor Bodelschwingh, Das nenn’ ich brav gesprochen! Wo sonst so seicht das Reden ging, Ward frisch der Bann gebrochen. Ich greife — ja, verehrter Mann, Zuvörderst muß ich fragen: Red’ ich mit trautem Du Sie an? Soll Sie zu dir ich sagen? Erlösend klang im Sitzungssaal Aus dem Debattendusel Die Forderung: „Für den Kanal! Doch gegen jeden Fusel!” Die Volksvertreter hörten zu — Dir, oder sag’ ich Ihnen? Und jedes Wort bestärktest du Mit Ihren treuen Mienen! „Man solle den Kanal nur bau’n, Doch bauen ohne Schnäpse, So hilft man noch in deutschen Gau’n Dem allerärmsten Plebse.” Ehrwürden gaben Kluges kund, Du standst am rechten Orte, Und alles hing an Ihrem Mund Und lauschte deinem Worte! „Den Schnaps fort — ein für allemal!” Ein Spirituosenhasser Ist zweifellos für den Kanal Wie überhaupt für Wasser. Schnaps drückt uns alle unters Vieh: Herr Pfarr’, mit dem Bekenntnis Da findest du, da finden Sie Gleich unser Einverständnis. Doch kam ein Hieb noch hinterdrein, Der bleibe nicht verborgen: „Die Landwirtschaft soll nicht so schrei’n Und mehr fürs Landvolk sorgen!” So riefen Sie ihr ins Gesicht, — Dir bangt vor keiner Fehde. So mahnte niemand noch zur Pflicht Wie du mit Ihrer Rede. Bei diesem Wink verstummten sie, Die hochfeudalen Schreier, Bei diesem Mahnwort brummten sie: „Hol’ dich — hol’ Sie der Geier!” Ehrwürden, das ist der Humor Im ganzen Redestreite: Du nahmst die eig’nen Freunde vor, Die Herrn auf Ihrer Seite! Seltsam klang Ihre Liturgie, Du brauchst dich nicht zu schämen! Man mußte lachen über Sie Und muß doch ernst dich nehmen. Ehrwürden sind ein Kauz, und doch: Man huldigt dir, dem Alten, Der so mit vierundsiebzig noch Kann Jungfernreden halten!

(Sigmar Mehring.)

Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten geworden. Die Höhe, auf der er sich bewegte, übersprang alle Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und für den Augenblick alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch die Autorität der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich. Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nächster Gelegenheit seine politischen Freunde noch kräftiger angreifen würde.

Nur einige wenige Male, in nebensächlichen Fragen, nahm er noch das Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales gerade der Tafel gegenüber. Sein Name war zunächst an dritter oder vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit vor seinen Namen ein anderer Name eingefügt wurde, sodaß er immer an letzter Stelle blieb. Es war deutlich, daß die Sitzungszeit längst verstrichen sein würde, ehe er an die Reihe käme Schließlich sagte er traurig, aber ohne Bitterkeit: „Junge, laß uns gehen! Sie wollen mich nicht.” Aber die Niederlage wurde doch weit überwogen durch den Sieg. Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populärsten Persönlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz Berlin, ja, es muß wahrheitsgemäß wohl gesagt werden, des Vaterlandes geworden. Mußten sich die Parteien ihm auch verschließen, sodaß das Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohne Unterschied der Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht bloß das Parteiinteresse und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den Wandelgängen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten Gesprächen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn bewegten, persönlich herantragen und sie ihnen persönlich ins Gewissen schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Fürsorge für die Wanderarmen.

Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewußten Demut seines Einflusses auf die Gemüter bewußt war, desto stärker wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm ihm etwas übel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Stühle besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rückte er in die Sofaecke und sagte: „Mein lieber Direktor, hier ist für dich auch noch ein Plätzchen.”

Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers draußen vor der Tür und sahen die Straße entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natürlich zustatten, daß er sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fühlte. Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer Besprechung zusammensaßen und es draußen klopfte, rief nicht der Geheimrat, sondern Vater: „Herein!”, ohne daß der Geheimrat das als einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben unwillkürlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen kindlichen Überlegenheit.

Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretär in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch die, die er an seinem Teile zu sprechen wünschte.

Mehr als fünfzigmal während der fünfjährigen Legislaturperiode reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße hatte er sein ständiges Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretären, erst Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beiden Zimmer eingeräumt wurden, die unmittelbar über dem Quartier des Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Fürsorge des alten Fräulein Kreysern und Rothkirchs übersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das ganze Haus, und Vater fühlte sich hier inmitten der aus- und einziehenden Gäste und ständigen Bewohner überaus wohl. Mit vielen, die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue enge Beziehungen geknüpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frühere Kultusminister und damalige Oberpräsident von Schlesien, General von Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf E. von Pückler, der Gründer der St. Michaels-Vereinigungen, Amtsgerichtsrat Kölle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller Unterdrückten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater eingehend beriet und unterstützte, und schließlich die eigenartigste und bedeutsamste Erscheinung unter den Gästen des Hospizes, Baurat Schmidt, der bekannte „Heißdampf-Schmidt”, mit dem Vater später noch im Stöckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, „der modernen Lokomotiven, der vor allem für geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat”.

Köstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter den vielen fremden und oft vornehmen Gästen bewegte. So stellte sich ihm ein alter Herr v. N. vor. „Herr v. N.?” sagte Vater. „In Paris suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel. Sind Sie das vielleicht?” Den Zylinder seines Freundes Rothkirch borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich, dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt weiter aufwärts in der Wilhelmstraße lag. Da der Zylinder zu klein war, trug ich ihn Vater nach über die Straße hinüber, und erst im Augenblick, wo er das Palais betrat, zwängte er ihn sich auf. Der Besuch führte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das auch anhielt, nachdem der Prinz längst in große Einsamkeit und Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschönen Garten des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster Krankheit die erste Erholungszeit erleben.

Als die Legislaturperiode abgelaufen war, stand Vater im 78. Jahr. Der Zweck, zu dem er vor fünf Jahren die Kandidatur angenommen hatte, war erreicht, indem die Beziehungen zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen in der Tat sich nach und nach weiter gefestigt hatten. So lehnte er im Blick auf sein hohes Alter eine neue Kandidatur ab.

Der wichtigste Ertrag seiner Zeit als Abgeordneter aber lag einmal auf dem Gebiet der arbeitslosen versinkenden Massen Berlins und dann in der gesetzlichen Regelung der Wanderarmenfürsorge des ganzen Vaterlandes.

Das Wanderarbeitsstättengesetz.

Nach Eröffnung von Wilhelmsdorf waren namentlich in Westfalen die Verpflegungsstationen in Verbindung mit den Herbergen zur Heimat rasch emporgeblüht, sodaß das Betteln nahezu erstorben war, da alle mittellosen Wanderer von der Bevölkerung den Verpflegungsstationen und Herbergen zugewiesen wurden.

Aber die Begeisterung, unter der die ersten Verpflegungsstationen entstanden waren, wurde allmählich gedämpft. Es sprach sich bald unter den Wanderern herum, wo die beste und wo die geringere Verpflegung geleistet wurde. Dadurch wurden manche Stationen überlastet. Wer sollte die Kosten decken? Die einzelne Gemeinde, in der die Verpflegungsstation lag, konnte es nicht. So trat der Kreis ein. Aber auch hier stellte es sich nun wieder heraus, daß die Kreise, die am besten sorgten, auch wieder am stärksten belastet waren. Auch zwischen den katholischen und evangelischen Gegenden zeigten sich Unterschiede. Im ganzen wurde in den evangelischen Gegenden kräftiger gegen den Bettel vorgeschritten als in den katholischen, wo das Almosengeben als solches in Gefahr stand, als gutes Werk angesehen zu werden, ohne Rücksicht darauf, ob der Almosenempfänger selbst wirklich unterstützt oder nicht vielmehr durch das Almosen entehrt und auf dem erniedrigenden Wege des Betteln bestärkt würde.

Es ergab sich also von einem Jahre zum andern in zunehmendem Maße eine ungleiche Verteilung der Lasten, die im Interesse der Wanderarmen von Gemeinde, Kreis und Bewohnern des Landes zu tragen waren. Wohl bestand ein Paragraph, der grundsätzlich die Verteilung der Lasten regelte. Es war der Paragraph 28 des Reichsgesetzes über den Unterstützungswohnsitz, dahin lautend, daß jeder Mittellose, an welchem Ort er auch mittellos würde, von der Gemeinde, in der die Hilfsbedürftigkeit eintrat, vorläufig unterstützt werden müsse. Der Paragraph 28 aber war in einer Zeit (1870) entstanden, wo es zu den Ausnahmen gehörte, daß ein Mensch außerhalb seiner Gemeinde unterstützungsbedürftig wurde.

Inzwischen hatten sich alle Verhältnisse geändert. Viele hatten ihr kleines Dorf verlassen, um in den Städten und Industriegegenden Arbeit zu suchen. Ebbte der Arbeitsmarkt ab, so wurden aber gerade die zuletzt Zugewanderten auch zuerst wieder aus der Arbeit entlassen. Nach kurzer Zeit waren die Ersparnisse verzehrt. Mittellos standen sie da. Der Paragraph berechtigte sie, sich als unterstützungsbedürftig zu melden. Aber keiner Polizeibehörde fiel es ein, den Paragraphen anzuwenden. Es war ja auch ein Ding der Unmöglichkeit für sie, die Unterstützungsbedürftigen so lange zu verpflegen, bis die Heimatbehörde die Unterstützung bewilligt haben würde. Wieviel Schreiberei, wieviel Zeit wäre dazu nötig gewesen!

Notes in this chapter

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