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Friedrich v. Bodelschwingh

II. 1872–1910. Bethel. (continued 4)

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Nicht immer war es leicht, die richtige Beschäftigung zu finden. Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder ließ sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So kam ein früherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher körperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich aber heraus, daß er eine große Kenntnis ausländischer Briefmarken hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde im Lande und auch im Auslande gingen, um ausländische Briefmarken. Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strömten herbei, und Herr v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfüllte und die sich schließlich so ausdehnte, daß eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge eine Tätigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.

Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemüts- und Nervenkranken führten dazu, daß auch für diese Leidenden sich ein Zufluchtsort nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekräften, oft auch an ausreichender seelsorgerlicher Beratung. Dazu kam, daß die Überfüllung der westfälischen Provinzialanstalten die Verwaltung der Provinz zu der Bitte veranlaßte, Bethel möchte ihr die unheilbaren Kranken abnehmen.

„Unheilbar”, gerade solch ein Wort lockte Vater. „Das Wort unheilbar”, sagte er oft, „steht im Wörterbuch eines Christen nicht. Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein ganzes Leben in der Zelle zubringen muß.”

Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den verschiedenen Häusern. In Magdala, dem Hause der gemütskranken Frauen, hielt er jahrelang die wöchentliche Bibelstunde. Im Anschluß daran ging er regelmäßig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen der Tobsüchtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen Blumenstrauß in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals angegriffen worden.

Aber die Flut grauenhafter Lästerreden, die er dann und wann bei solchen Gelegenheiten anhören und über sich ergehen lassen mußte, befestigte ihn in der alten biblischen Überzeugung, daß bei diesem Leiden nicht immer nur körperliche Anlässe zu Grunde lägen, sondern auch die Mächte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. „Die Barmherzigkeit”, sagte er, „fordert es, an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann nicht glauben, daß solch eine Flut von Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mädchens emporsteigt. Das stammt aus einer anderen Welt.”

Mit dem Leiter einer großen städtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende Auseinandersetzung über die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie führte dazu, daß er die Seelsorger sämtlicher deutscher Heil- und Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die, zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit größter Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer regelmäßigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger für Gemüts- und Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.

Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der Gemütskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die Pflege derer, die nicht gemütskrank, aber auch nicht eigentlich gesund waren, sondern mit ihren erregten Nerven schwer an sich selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er immer wieder zu sagen:

„Halbe Narren sind wir alle, Ganze Narren sperrt man ein, Aber die Dreiviertelnarren Machen uns die größte Pein.”

Einer der ersten Gemütskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich für unwürdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags saß er an unserm Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur unter Vaters Zureden griff er zum Löffel, legte ihn dann aber hin, ohne seinen Teller leerzuessen. Da hörte auch Vater auf zu essen. „Lieber Bruder,” sagte er, „ich habe nun den ganzen Morgen schwer gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch ißt.” Das half, und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt für Schritt vorwärts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine Predigt abzunehmen. Das war Krekelers größte Freude. Aber sie wurde ihm nur dann gewährt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfüllt. Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die Nachricht, daß er das Morgenfrühstück verweigert hätte. Vater eilte zu ihm und erklärte: „Du predigst nicht, wenn du nicht ißt, und hast die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt deiner auf die Kanzel muß.” Damit war der letzte Widerstand gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel holen, und er und seine Frau übernahmen das Haus der epileptischen Pensionäre, in welchem er genesen war.

Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte für ihre Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin ihr väterlicher Freund, der sie regelmäßig besuchte und ihren Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Kräfte mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder eine kleine Gemeinde übernehmen konnte. Hier legte er den Grund für eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der Provinz Westfalen einer eigentlichen Zufluchtsstätte entbehrten und darum zunächst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von Bethel hatten gemischt werden müssen. Der kleine Zweig, der dort am Fuße des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blühte unter seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder ein glückliches Dasein führen. Lange Jahre hat Krekeler als der Glücklichste unter ihnen gelebt, bis plötzlich die alte Krankheit wieder durchbrach. Er flüchtete nach Bethel, und unter Vaters Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.

Nicht eigentlich gemütskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibestätte bot. Er war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und war auch im Kassenwesen erfahren. So übernahm er einen Teil der Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbücher unter musterhafter Sorgsamkeit führte und mit einer Handschrift, die zu den schönsten und charaktervollsten gehörte, die man sich denken kann.

Nun geschah etwas Merkwürdiges. Unten im Diakonissenhause, links neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die ganzen Arzneien für die Anstaltshäuser bereitet wurden. Als sie eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand hätte völlig genügt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die Aufregung war groß. Den ganzen Tag über wurden die umfassendsten Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die für Kranke seiner Art immer ein besonderes Verständnis hatte, sodaß Schnitger schon vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr, daß er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der Aufschrift „Venena” (Gifte) gesehen und gedacht: „Die Gifte müssen aus der Welt verschwinden.” Denn er habe gespürt, daß das Morphium, das er von Zeit zu Zeit gegen seine große Schlaflosigkeit erhalten hatte, eine Gefahr für ihn werden könne, die er abschneiden müsse. Nun könne er sich freilich durchaus nicht besinnen, daß er das Gift weggenommen habe, für unmöglich aber halte er es nicht, da er eben an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: „Das Gift muß aus der Welt verschwinden.”

Es stellte sich heraus, daß die Nachtwachschwester in jener Nacht eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war. Das konnte natürlich die Vermutung Schnitgers nur aufs äußerste bestärken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr Schnitger aber erklärte: „Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu stehlen, kann unmöglich der Verwalter von Geld sein.” So stellte er seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschäftigung.

Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er möchte wohl Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel Werte doch in all den kleinen Gegenständen steckten, die die Menschen so leichthin wegwürfen. Die beiden überlegten miteinander, und es wurde verabredet, daß Schnitger eine Liste aufstellte von solchen Gegenständen, die er wohl sammeln möchte. Es war ein langes Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern, Knöpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos, was folgen würde, ließ Vater die Liste vervielfältigen und legte sie einem der vierteljährlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde draußen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die Hände ihrer Empfänger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken zu regnen.

Nur für den allerersten Anfang genügten Schnitgers eigene Kräfte zum Auspacken. Bald mußte er sich Hilfskräfte suchen. Die Wagen der Anstaltsökonomie räumten ihren Schuppen, damit die eingehenden Sendungen wenigstens vor dem Regen geschützt würden. Nach kurzer Zeit war an Auspacken überhaupt nicht mehr zu denken, weil es an genügendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mußte wieder gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus über. Für wie viele ist er dort ein väterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie viele im ganzen Vaterlande — in Hütten, Häusern und Schlössern — hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen erzogen!

In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerkstätten entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den Einzelgängern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt, Bücher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knöpfe hier ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht, beschädigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.

Was für eine Fülle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den eingehenden Büchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat da befreiende Tätigkeit gefunden! So bekamen die Klügsten und die Beschränktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste Beschäftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer. Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.

Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und fürsorgende Liebe wandte, war ein Österreicher mit dunklen, glühenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich später heraus, daß er Marineoffizier gewesen war und ein österreichisches Torpedoboot im Adriatischen Meer geführt hatte. Er hatte die Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter falschem Namen nach Deutschland geflüchtet. In seiner Abwesenheit wurde ihm in Wien der Prozeß gemacht, der ihn zu mehreren Jahren schweren Kerkers, wie der österreichische Gerichtsausdruck lautet, verurteilte.

Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den Eindruck, daß der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein mochte, über die er natürlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.

Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen. Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Aufträge, bei denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild, das die ersten afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne deutliches Geschick hergestellt hatte.

Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit seiner Anerkennung nicht zurückgehalten. Das aber war ihm, dem noch immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsführer vorschwebte, in die Krone gestiegen. Er fing an, sich für ein verkanntes Genie zu halten, das niedergehalten, ausgenützt und mit dem bescheidenen Taschengeld, das er außer freier Station erhielt, nicht genügend bezahlt würde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn; andere wußte er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein giftgeschwollener Artikel über die Zustände in der Anstalt. Nicht nur der alte Schnitger war in der häßlichsten Weise angegriffen, sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur für ihre eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen wollten und offenbare Mißhandlungen ruhig geschehen ließen.

Es war sofort deutlich, daß der Ankläger nur jene geheimnisvolle Persönlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die ganze Öffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, daß für Vater gar nichts anderes übrig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu übergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprüft werden könnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die schließlich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter Kräfte, die der Leitung entgangen waren, die völlige Haltlosigkeit der Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine Vergangenheit bekannt, und das österreichische Gericht forderte ihn zur Abbüßung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe abgebüßt hätte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er erkrankte im Gefängnis in Münster an der Auszehrung und starb unter der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um Verzeihung gebeten hatte.

Für den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung einen schweren Stoß. Er zog sich mehr und mehr aus der Arbeit zurück und siedelte schließlich in einen Vorort von Berlin über, damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der großen Stadt seine Nerven, die allmählich zu fein und zart geworden waren, noch einmal wieder wachsen könnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin getroffen, bis er sich endlich überreden ließ, in das Siechenhaus von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Fürsorge unserer Schwestern die Augen schloß.

Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhänge der Dinge, mit seiner lauteren Frömmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten, verlassenen Brocken gegenüber, sondern noch mehr gegen Menschen, deren Leben trümmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters Herzen ganz besonders nahegestanden.

Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltäterin für die ganze Gemeinde, als sie für all die kleinen Feste, Vorstellungen und Aufführungen eine unerschöpfliche Fundgrube wurde, aus der sich alles zu Tage fördern ließ, was irgend an Verkleidungen und dergleichen gebraucht wurde. An den vaterländischen Gedenktagen, namentlich an Kaisers Geburtstag, rückte sie jedesmal die alten Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schönsten Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die Anstalt.

Vater mußte dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzüge 1866 und 1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskämpfer gewesen, hatte später dem Königshause nahegestanden, und auch Vaters eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Königshause gebracht. Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Fülle hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und für Vaterland und König auflodern zu lassen. In solcher Stunde spürten wir, daß die Welt, die weite große Völkerwelt, nur der lieben kann, der seinem eigenen Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und daß Krieg und Kampf dem großen Ratschluß Gottes, den er zum Heil der Völker gefaßt hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich hineinfügen.

Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: „Nie haben Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71.” Wenn er das aus tiefster Überzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen, das durch französische Mode, französische Literatur, französische Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens über Deutschland gekommen war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder kühnen Schwerthieb getötet, sondern allmählich vergiftet, unter den Tränen der Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und auch vor Gott. Und eine lange träge Friedenszeit hielt er für weit verderbenbringender als einen blutigen Krieg.

Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, über den Scheußlichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht zu vergessen.

Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzählte er wieder und wieder die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der Brigade Goltz, die die Höhen über Jussy besetzt hatte, brannten. Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm gesagt: „Fällst du in die Hände der Deutschen, dann machen sie dich tot.” Aber schließlich brachte ihn die schmerzende Wunde doch zum Stöhnen. Einige 55 er gingen dem Stöhnen nach und fanden schließlich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Körper zitternden Menschen im Gebüsch. „Ich habe auf keine Preußen geschossen,” rief er, „ich habe auf keine Preußen geschossen!” Schnell war der Notverband angelegt, im Gebüsch wurden ein paar Stangen zur Tragbahre geschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit den Berg hinunter. Der arme Mensch wußte nicht, wie ihm geschah. Immer wieder rief er: „Ich habe auf keine Preußen geschossen.” — „Gewiß”, sagte Vater, der neben der Bahre herging, „hast du auf die Preußen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht getan.” Das konnte er nun nicht leugnen und rief: „Ich werde aber ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen; ich werde ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen.” — So kam man unten in Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im Lazarett sorgsam gebettet war, hörte er auf zu zittern und fing an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.

Wenn Vater solch eine Geschichte erzählte, dann löste sich vor unsern Augen der Schleier, der über dem dunklen Geheimnis des Krieges liegt. Jeder Franzosenhaß war aus dem Herzen getilgt; die helle vaterländische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und liebt.

Es kam einmal zu Vater ein dänischer Schriftsteller, der den Gedanken des ewigen Völkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine Überzeugung aus, daß in einer sündigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in der Hand Gottes sei und daß der sogenannte ewige Friede zu einem fauligen Morast werden würde, worin die ganze Völkerwelt untergehen müsse.

Er erzählte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese Krankheitszeiten seien die größten Segenszeiten für die ganze Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott geführt. Und nie, nie möchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im Leben der Völker. Die tödlichen Wunden, die sie sich untereinander schlügen, mußten ihnen doch schließlich zum Segen und zum Gewinn gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.

Der Däne war aufs bitterste enttäuscht. Er hatte etwas anderes bei Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und kräftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kämpfen. Was dem Dänen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit, Verzerrung und Verirrung.

Schließlich sprang der Däne auf, stellte sich vor Vater hin und rief erregt: „Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir hätten im Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preußischer, ich auf dänischer Seite, und ich hätte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt und jetzt begegneten wir einander am jüngsten Tage vor Gottes Angesicht! Was würden Sie mir dann sagen?” Da streckte Vater dem Dänen die Hand hin und sagte: „Hab’ Dank, lieber Bruder, für die gute Kugel.” Dem Dänen stürzten die Tränen in die Augen, er schlug in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Höhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der drei Schwesteranstalten. Im Frühling das Fest des Diakonissenhauses, im Herbst das Fest der Brüderanstalt und dazwischen im Sommer das schönste von allen, das Bethelfest. Bei den Brüder- und Schwesternfesten erschien mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schönste des Tages, sondern das mittägliche Liebesmahl. Da war es Sitte, daß die Eltern, deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen sich hatten zum Zeichen, daß sie selbst mit eigenem Willen und mit ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten, nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht trennten, sondern aufs engste aneinanderknüpften.

Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer unvergeßlichen Eindrücke nicht, namentlich wenn Vater die Jünglinge und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den Dienst an den Elenden einlud.

Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster Linie der Anstalt für Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bänke draußen in der Waldkirche mußte immer größer gezogen werden, um die Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest auch zu einer Feier der Jünglings- und Jungfrauenvereine des ganzen Landes. Zu Fuß, zu Wagen und mit Extrazügen der Eisenbahn kamen sie unter Lieder- und Posaunenklängen gezogen.

Dann war es wunderschön zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte des Platzes saßen, und rings umher, wie ein starker Wall und die Mauer einer Festung, hatten die Chöre der Sänger, Sängerinnen und Bläser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen die andern Festfeiernden. Und noch schöner war es zu hören, wie die Lieder und Chöre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten. Tiefer aber als alles, was die Gäste zu bringen hatten, ging uns jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.” Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gäste haften an den schwermütigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster Seele die Schwermutsklänge kamen: „Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest!” Stets war ein auswärtiger Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den Schluß machte dann Vater. Zwei Klänge waren es, die er bei dieser Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hieß: Unsere Rechnung ist schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf unsere Versäumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. „Habt ihr je Mangel gehabt?” fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. „Habt ihr je Mangel gehabt dies Jahr über?” „Herr, nie keinen!” Und dann gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus den Bänken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen über dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und darum war immer der zweite Klang: „Jedes Jahr ein Klagelied weniger und ein Loblied mehr.”

Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebt hat, war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in ihrer wahrhaft mütterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett, und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die Augen übergingen. Währenddessen fuhr der Kaiser in seinem schönen Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart entsprechend vertiefte er sich sofort mit höchstem Interesse in die Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der „Brüder von der Landstraße”, gleichzeitig in hohem Maße angezogen und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. „Hätten wir doch”, so rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, „in jeder Provinz einen solchen Mann, es stände anders im Vaterlande!” Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde zusammenfand. Zweitausend Bläser, zehntausend Sänger und Sängerinnen der christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine des Landes bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Töne zur Ehre Gottes und seines unvergänglichen Reiches.

Weihnachten aber ging natürlich über alles. Da war am heiligen Abend in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt. Wie wußte Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen, die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Maße der Gemeinde der Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel gingen wir heimwärts, um dann in den einzelnen Häusern noch besonders zu feiern.

Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von draußen her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel Mühe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der Kranken miteinander zu erleben und die Güte Gottes zu preisen. Wir werden es nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den Elendesten und Ärmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von Eben-Ezer, mit den Gemütskranken von Morija vor der Krippe kniete, um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklären, und wie er uns alle, Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: „Gott ist geoffenbaret im Fleisch.”

Gebet, so wird euch gegeben!

Vaters bereits erwähntes Wort „Die Anstalt gehört der ganzen Christenheit!” war aus seiner innersten Überzeugung heraus gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine eigene Aufgabe an. Er für seine Person gehörte wirklich der ganzen Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenüber. Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld unbegrenzt. „Laßt es euch gern sauer werden!” konnte er uns gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darüber. Er ließ es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht, ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.

Wie konnte er uns unsere Wünsche, unsere kleinen und großen Nöte entlocken! Für sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis entlockt. „Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; — vielleicht nur ein Kümmerchen? ein ganz kleines Kümmerchen? Ich sage es auch niemand.” Manchmal wurde schon allein über solchem Klang der Kummer zum Kümmerchen, das Kümmerchen zum kleinen Kümmerchen und verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.

Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch herauskam — ungetröstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er konnte natürlich nicht alle Bitten erfüllen, die an ihn herankamen. Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab, oder ein Ratschlag oder ein kurzer väterlicher Zuspruch — etwas bekam jeder mit.

Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. „Liebes Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe Zeit.” Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam jemand mit äußeren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte es seit Paris zu oft erfahren, daß man ihn immer wieder angeborgt, ihm aber fast nie zurückgegeben hatte. Natürlich machte er auch Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fällen. Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! „Lieber Freund, können Sie mir wohl eine Weste machen?” Als er seine Augen geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll von Westen!

Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natürlich nicht anders sein, als daß sein Schreibtisch sich immer aufs neue füllte mit Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern von nah und fern. Für die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermüdende Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretärs und des Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen müsse. „Geh ins Stübchen!” hieß es dann. „Ich komme.”

Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, daß er nicht kam, sondern im Gedränge der Arbeit den Wartenden vergaß. Sechs Stunden lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stübchen unter dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans Licht zu wagen, offenbar in dem Gefühl, daß das geduldige Warten zum ersten Teil der Hilfe gehöre. Aber als er dann endlich entdeckt wurde, ist er doppelt getrost seine Straße gezogen.

Natürlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde möchte eine Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Fürsprache beim Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. Über ein Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Außenbezirke von Bielefeld haben Rat und Tat nötig zur Errichtung selbständiger Kirchengemeinden. In Ems sind die Kurgäste ohne geistliche Versorgung und bedürfen einer Kirche. Die Waisen und Witwen der südafrikanischen Buren leiden Mangel usw. Es ist unmöglich, die großen und kleinen Nöte aufzuzählen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter Umständen auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit, namentlich wenn sie im äußeren Gewande der Frömmigkeit kam, konnte sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glühend, bisweilen sogar weiß machen vor Zorn.

Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die Kirche gebaut war — aber was einmal angefangen wurde, das wurde auch durchgeführt mit großer Zähigkeit und in dem ritterlichen Sinn, der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf nicht scheut.

Vaters unermüdliche Liebe — das konnte natürlich nicht ausbleiben — weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten ließ, darum gönnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.

Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg Müller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fühlte sich diesem Mann des Glaubens innerlich verwandt. Doch Müllers Meinung, daß man nur Gott, aber nicht Menschen bitten dürfte, billigte er nicht. Überhaupt hatte er die Überzeugung, daß Müller sich täusche, wenn er meinte, er bäte Gott, aber nicht Menschen. Müllers ausführliche Berichte über den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten Nachrichten über die wunderbare Erhörung seiner Gebete waren in Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet wurden, wenn auch in verhüllter Form.

Aber gerade diese verhüllte Form liebte Vater nicht. Er mußte an seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Türen und an die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets für die Notwendigkeit und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht müde, die Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen ihre Sammelwege gingen, für ihren mühseligen, entsagungsvollen Dienst zu ermuntern. Daß er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen anklopfen konnte, verstand sich für ihn von selbst.

Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein Fenster! Wir wußten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und auch unser Geheimnis. Von seinem persönlichen Gebetsleben hat er nie gesprochen. Er hat die großen Verheißungen, die dem Gebet geschenkt sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen, aber nie zum Gebet gedrängt. Er wußte, daß dies Größte, Heiligste, Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die öffentlich abgekündeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Für ihn war das Gebet das große Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen Christen und der kleinen verborgenen Häuflein, aber eine öffentliche Abkündigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an diesen Veranstaltungen teil.

Die große Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte, warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld, sondern Menschen. „Ein Tröpflein Liebe”, sagte er oft, „ist mehr wert als ein ganzer Sack voll Gold.” Um Liebe warb er. Hatte er sie gewonnen, so waren natürlich Geld und Gut und jede Art irdischer Hilfe auch gewonnen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, das drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt. Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert an sein armes, totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben über sein Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und hatte.

Dieser persönliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man fühlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie drangen ins Gemüt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so geschrieben, daß auch der Geringste sie verstehen konnte.

Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So führte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklärten sich bereit, wöchentlich fünf Pfennig für die Pflege der Epileptischen beizusteuern. Einer von den zehn übernahm das Einsammeln und die Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krüppelkind, die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten, wöchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der Arbeit in Bethel berichtete.

Nie ging Vater auf mächtige, wohlhabende, angesehene Persönlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor, der für ein großes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste, aber nur zu den Reichen ging, nur große Gaben wünschte und auch bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegründet gewesen. Vater konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz große Gabe bekam. Wie, wenn das bekannt würde?! Dann würden seine kleinen Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken können, ihr Dienst sei jetzt unnötig, während doch gerade aus den kleinsten und verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf starkem Rücken trug.

Diese Überzeugung, daß die kleinsten Mithelfer die sichersten seien, gab dann auch wieder und wieder die glückliche Form für seine Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte, berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es stellte sich heraus, daß die neue Anlage täglich 50 000 Liter liefern würde und daß zu ihrer Fertigstellung rund 50 000 Mark nötig seien, also für jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:

„Ein Liter kalten Wassers!

Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Häusern plätscherte! In den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000 auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute längst nicht mehr. Aus vielen Häusern dringt mir jetzt, sooft ich mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!” Wer jemals diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches Wasser ist namentlich für Kranke eine sehr große Wohltat.

Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der Leitung müssen wir mindestens 50 000 Mark dafür ausgeben, bekommen dann aber auch täglich 50 000 Liter köstliches Gebirgswasser, also für je eine Mark Anlagekapital täglich für alle Zeit einen Liter Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser hinein und außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die wieder einem kleinen Teil der immer noch so großen Zahl wartender Kranker eine so erwünschte Heimat gewähren können.

Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50 000 Mark Schulden auf uns zu laden. Damals haben uns etwa 12 000 Geber je 50 Pfennig geschenkt und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es, wenn jetzt jeder Leser sammelte, um für alle Zukunft täglich unsern armen Kranken einen Liter frischen Wassers zu reichen! Wäre das nicht ein liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht für unmöglich, daß Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten: Frisch ans Werk!

Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränket, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”

Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefaßt. Konnte der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermögende zehn, zwanzig, fünfzig, hundert Liter schicken. So floß bald die Wasserleitung über. Und viele neue Freunde, die bis dahin den Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.

Als die erste Nachricht über die große ostafrikanische Hungersnot nach Berlin kam, ließ sich Vater von Missionar Döring die soeben eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen, um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mußte ihm einen Bericht nach dem andern vorlesen. Dann saß er lange mit geschlossenen Augen in der Ecke. Schließlich sagte er: „Schreib mal!” In kurzen ergreifenden Zügen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Küste Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und überall den Eingeborenen gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus den Feldern geräumt und auf Haufen getragen werden, damit Häuser und Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also „Brot für Steine”. Als er fertig war, sagte er: „So, nun habe ich 100 000 Mark.” Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wußten. Den Lohn für einen Stein, der draußen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt wurde, konnte auch das ärmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten. Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in Bewegung. Jeder wollte helfen, damit für Steine Brot gekauft und der Hunger gestillt werden könnte. Und als schließlich die Hungersnot zu Ende ging, blieb noch so viel übrig, daß auch die sterbenden Familien der Buren in Südafrika mit versorgt werden konnten.

Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren Leitungen erschraken: „Gräbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?” Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befürchtungen stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafür keine Empfindung. Er sah in solchen Befürchtungen einen verkehrten Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war überzeugt, daß diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!

Und wenn man jetzt zurückschaut, so wird es in der Tat in den letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wußten, Liebe, die nicht nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die überall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen, daß wohltätige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt umgrenzte Interessengebiete für sich allein in Anspruch nahmen und jedem andern den Zugang wehrten.

Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegründet wurde, stand mancher der führenden Männer des Landes mit Sorge beiseite. Würden die Werke der inneren und äußeren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht geringe Anzahl neuer Pflegestätten, wie die schon erwähnte Anstalt Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu einem selbständigen Zweige gewordene Waisen- und Fürsorgeanstalt Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehäuser in einzelnen Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Maße, als Glaube und Liebe da sind.

Für die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es natürlich von großer Bedeutung, daß sie wissen konnten: Man geht mit der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst hätte nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten können, wenn er nicht innerhalb der Anstalt unablässig zu größter Treue gegenüber dem anvertrauten Gut angehalten hätte.

Und die Kräfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Kräfte willig und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man Vater, seinen ältesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf dem Rücken, an die Arbeit ziehen, um den Graben für die Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natürlich wollte jetzt keiner zurückstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge herangeführt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr, das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein ging!

Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, daß sie Zeit haben müsse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die Freude und die Schönheit und den Frieden beschränken. Hätte er immer Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wäre mancher einfacher ausgefallen. Aber er ließ auch dem Baumeister Freiheit und beschränkte seine Freudigkeit nicht.

Für das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es schließlich von großem Wert, zu wissen, daß ihre Schultern nicht mit Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern hätten geleistet werden müssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte, die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine Eingaben an die Behörden trugen immer den persönlichen Ton, der an die Herzen drang.

Und immer unterstützte er die schriftlichen Bitten dadurch, daß er selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in Münster morgens früh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann für seine Anliegen. „Sie sind ein gefährlicher Mensch”, sagte ihm einmal der Finanzminister Miquel, der pflichtgemäß immer die Sache vor die Person stellte, aber sich doch der persönlichen Glut nicht entziehen konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.

Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die Regierungsgebäude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine Art, von unten anzufangen. Die Pförtner, die Kanzlisten waren seine besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Räten und Geheimräten, an die er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann auf zum Präsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen. Sie machte sich alle untertan, sodaß der Regierungspräsident von Minden im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: „Wir haben die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.”

Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust, auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen Zugführern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher geleitet worden, daß er bis an sein Lebensende nichts anderes werden wollte als Zugführer. Dieses Pappschild schickte Vater dem Eisenbahnminister ein, erzählte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei und wie dankbar dieser wäre für alle ihm widerfahrene Hilfe, und schloß daran die Bitte, daß der Minister in den Fußtapfen seiner liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die große Liebe erweisen möchte, ihnen eine Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Die Bitte schlug durch, sodaß seitdem alle Fallsüchtigen und andere mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen können, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen erkämpft hatte.

So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten: „Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und Lumpenmajor.” Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer für die Liebe, nie bloß für das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Fülle der Briefe, die er bittend und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschäft wurde, sondern zur täglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a. folgende Diktate:

An Herrn Clemens Fischer, Bremen.

16. 12. 91.

Hochverehrter Herr!

Glauben Sie ja nicht, daß ich mich durch Ihre und Ihrer Mithelfer Gabe enttäuscht fühle. Wenn die Wohlhabenden und Reichen dieser Welt überall so willig wären, Becher kalten Wassers einzuschenken, wie Sie es gehofft haben, so würde das nicht gut für uns sein. Wir würden aufhören, arme Leute zu sein. Das Armsein ist uns recht nötig.

Ich habe neulich einmal an 57 Millionäre geschrieben und einen Beitrag erbeten für ein Krankenhaus in Ostafrika, wo drückende Not herrscht und das wir auch mit unsern Brüdern und Schwestern bedienen, die ihr Leben daran wagen. Aber von allen 57 habe ich keinen Pfennig für diesen Zweck empfangen. Da muß ich Ihre Ernte doch noch als eine verhältnismäßig reichliche ansehen und danke Ihnen doppelt für Ihre Liebe. Gott schenke Ihnen ein fröhliches, seliges Weihnachtsfest und eine Liebe, die nicht müde wird, auch wo man Enttäuschung erfährt.

Ihr Ihnen und allen Helfern Ihrer und unserer Freude innig dankbarer

B.

Zusatz zur Weihnachtsbitte für das Bielefelder Sonntagsblatt. 1891.

Übrigens möchten wir nicht allein für uns hier bitten, sondern ebenso für alle andern Anstalten der Innern Mission, die einem jeden der lieben Leser die nächsten sind. Außerdem möchte ich auch wiederum gern unsere Westfalen an einen fernen Westfalen erinnern, den Hausvater Meyer in Osterode in Ostpreußen mit seinen ostpreußischen Waisenkindern. Er hat seit vielen Jahren sich Weihnachten freuen dürfen, daß Westfalen ihn nicht vergessen hat. Und der gleichen Liebe und alten Treue empfehle ich auch das Waisenhaus Ducherow in Pommern.

An acht Geschwister in Berlin.

16. 12. 91.

Meine geliebten Kinder!

Wie freue ich mich, daß Ihr auch in diesem Jahre wieder treu gewesen seid. O ja, Treue ist eine ganz besonders köstliche Sache vor Gott. Er wolle Euch alle acht treu machen in allen Stücken, in der Liebe zu Gott und zu Euren lieben Eltern, aber auch in der Liebe zum Nächsten. Er wolle Euch treu machen im Gehorsam, treu in der Arbeit, treu im Glauben bis ans Ende. Wie freue ich mich auch, daß ich am Weihnachtsabend unsern lieben Kranken sagen kann, daß Ihr wiederum um ihretwillen ein Jahr willig den süßen Zucker entbehrt habt, um ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest bereiten zu helfen. Ich schicke Euch hiermit einige Büchelchen und Bildchen von unserer Anstalt. Grüßt mir auch Euren lieben Vater und Eure liebe Mutter und dankt ihnen auch herzlich, daß sie zu Eurer Gabe das gleiche zugelegt haben.

Es gedenkt Euer in dankbarer Liebe Euer

B.

An Fabrikarbeiter in Iserlohn.

18. 12. 91.

Unter den mancherlei schmerzlichen Erfahrungen von Gleichgültigkeit gegen die Not der Brüder ist es mir eine ganz besondere Ermunterung und Stärkung in unserer Arbeit gewesen, daß in Iserlohn unter denen, die selbst nicht reich an Gütern dieser Welt sind, ein solches Liebesfeuer erwacht ist, an unsere armen Kranken zu denken. Wer selbst arm ist, weiß auch am besten, wie es andern Armen zu Mute ist. Ich will unter dem Weihnachtsbaum unsern Kranken erzählen, was Iserlohner Fabrikarbeiter für sie tun. Das wird unsere Kranken erfreuen und beschämen und dazu dienen, daß sie desto stiller und geduldiger ihr schweres Leiden tragen.

Es grüßt Sie alle in dankbarer Liebe und wünscht Ihnen ein reich gesegnetes, friedevolles Weihnachtsfest

Ihr B.

Liebe Dorothea, liebe Gertrud!

24. 12. 91.

Ich habe Euer kleines Paket bekommen und danke Euch herzlich für die 10 Mark, die Ihr für 10 Liter Wasser Euch gespart habt. Und ganz besonders danke ich Gertrud für das Hemdchen, das sie in der Schule genäht hat. Ich will es heute gleich nach dem Kinderheim tragen. Da will ich es einem kleinen schwarzen Heidenkind schenken, das vier Jahre alt ist und dem es gerade paßt. Es ist schade, daß Ihr heute nicht einmal eine Stunde in Bethel sein könnt. Da würdet Ihr etwas sehen, was Ihr noch nie gesehen habt. Da werden viele, viele hundert Kinder und Kranke an dem schönen Kripplein um den Weihnachtsbaum versammelt sein und viele schöne Lieder singen, und am Schluß wird die kleine Heidin, der ich das Hemdchen schenken will und die jetzt Fatuma heißt, getauft werden. Ein schwarzer Soldat hatte sie in Afrika gestohlen und wollte sie wie den kleinen Joseph nach Ägyptenland verkaufen. Das hat der Schiffskapitän gemerkt und sie dem Soldaten abgenommen und uns mitgebracht. Und die kleine Fatuma hat sehr schnell den Heiland liebgewonnen und ist sehr fleißig und treu im Kinderheim, die andern kranken Kinderchen zu pflegen. Nun soll sie heute abend den Namen Elisabeth bekommen.

Es grüßt Euch und Eure lieben Eltern

Euer dankbarer

4. 1. 92.

Mein teurer und geliebter Bruder und väterlicher Freund!

Ihre Simeonsgabe habe ich richtig erhalten, und unsere Kranken danken auch für diese Liebe auf das herzlichste. Der barmherzige Gott wolle den Spätabend Ihres Lebens, wo die irdische Sonne nicht mehr leuchten will, mit dem Morgenrot seines ewigen Lichtes hell machen, bis der Tag anbricht, dem kein Tag gleicht und wo alles, was hier noch dunkel ist, sich in volles Licht verwandelt.

In alter dankbarer, treuer Liebe

Ihr B.

An den wenigen Feierabenden, die ihm blieben, ließ er sich von uns vorlesen und unterschrieb währenddessen die Dankkarten. Es war oft nur ein einziger Satz, aber es lag ein Ton darin, der bis in den Grund der Seele wohltat.

Wer aber einmal in den Kreis der Freunde und Mitarbeiter eingetreten war, und wenn es auch nur mit der kleinsten Gabe gewesen wäre, dessen Liebe wurde festgehalten und gepflegt. „Lassen Sie mich Ihre Hand recht fest fassen”, so bat Vater immer wieder. Aber er konnte das nur, weil ihm viele treue Hände zur Seite standen. Wie die Baseler Mission ihm für die geschäftliche Leitung der Anstalt immer wieder Mitarbeiter gab, deren Treue und Tüchtigkeit auf dem indischen und afrikanischen Missionsfelde erprobt war — welche Fülle unermüdlichster Arbeit schließen auf diesem Gebiet die Namen Ostermeyer und Kehrer in sich! — so war es die Barmer Mission, durch die Missionar Heienbrok nach Bethel kam. Als Leiter des „Dankortes” blieb Heienbrok, unterstützt von einem Stabe treuer Mithelfer, immer erfinderisch, den Kreis der Freunde im Lande zu pflegen und sie durch die Schriften, die vom Dankort ausgingen, immer fester und enger an die gemeinsame große Aufgabe zu fesseln.

Die letzte Bitte, die Vater durch den Dankort aussandte, hieß:

Weihnachten!

Ein von 37 Jahre langem Bitten fast müder Mann, der dicht vor seinem 80. Lebensjahr steht, stellt sich notgedrungen noch einmal an die Spitze seiner großen Schar von Fallsüchtigen, Geisteskranken, Obdachlosen und verlassenen Kindlein und bittet in ihrem Namen: Vergeßt unser auch zu Weihnachten nicht!

Unter unsern nahezu 4000 Pflegebefohlenen haben viele niemand mehr, der zu Weihnachten an sie denkt. Darum darf ich ganz besonders für sie meine Hände ausstrecken nach den alten treuen Mithelfern unserer Weihnachtsfreude!

Ich freue mich, daß ich noch einmal diese vielleicht letzte Bitte für meine lieben Pflegebefohlenen wagen darf, und bin dankbar auch für die kleinste Gabe. Auch Spielsachen, Wäsche, Kleider, überhaupt Gaben jeglicher Art sind, je früher desto lieber, mit Freuden willkommen.

Es grüßt alle treuen Freunde in allen Landen, die im Namen des großen Freudenmeisters Herzen und Hände regen für unseres kranken, aber doch fröhlichen Weihnachtsgäste, und wartet auf die Stunde, wo die ewige große Weihnachtsfreude anbricht,

F. v. Bodelschwingh, P. em.

Bethel, Weihnachten 1909.

Ruhezeiten.

Die große Arbeitslast hätte Vater nicht bewältigen können, wenn ihm nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben hätten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge schwer zu nehmen. Aber wie erzählt, war sie in der Zeit, in der sie ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und innerem Frieden gewesen, sodaß Friedrich von Jugend auf unter seinen Geschwistern der zufriedenste und glücklichste war.

Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glück genossen! Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung über seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem Kopsdebolder wieder auf die Erde beförderte. Oder er ließ uns Größere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten Händen hinter uns und ließ uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam es darauf an, daß man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Füßen rückwärts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Händen des Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen ließ, ohne zu zucken, der hatte gewonnen.

Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam dann die Hauptfreude: das Sisemännchen. Er hatte aus der Zeit, wo er in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch eine Schachtel mit Pulver übrigbehalten. Daraus nahm er eine kleine Menge, rührte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide, die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen ließ. Abends, wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stückchen Feuerschwamm an einen Stock befestigt, das Sisemännchen oben auf den Turm gesetzt und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzündete, den Stock mit dem brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drückte und ihn in die Höhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her, langsam näherte sich das glühende Stückchen Schwamm der kleinen Pyramide. Jetzt — si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und, nach allen Seiten hin spuckend, sprühend und dampfend, verzehrte sich das kleine Sisemännchen in seiner eigenen Glut.

Zu Ostern gab es natürlich ein Osterfeuer mit den in der heißen Asche gerösteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die Krönung des Festes aber war allemal der Böllerschuß aus der kleinen Kanone. Sie war aus Messing und nicht länger als ein Finger. Aber das ganze Jahr über freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am Abend des Ostertages von Vater in Tätigkeit gesetzt wurde. Wieder mußte der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines Stückchen Feuerschwamm auf einen Stock, über das Mundloch wurde ein bißchen Pulver geschüttet — und nun — bumm — knallte der Schuß, daß es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war Vater auch schon wieder verschwunden und sann über seiner Predigt für den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der Dankbarkeit.

Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle Lasten abgeschüttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein Junge unter uns Jungen. Das machte ihm überhaupt sein Leben leicht, daß er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam, dann konnte er sich von allem, was ihn beschäftigte, losreißen, sodaß der Kranke spürte: Hier ist nun wirklich einer, der sich meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nächster Freund, mein hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst die eine große Hauptsache ist, um die sich alles dreht.

Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so, nicht aus einer Überlegung, sondern aus dieser glücklichen Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz hinzugeben. Wenn im Vorfrühling die Stare kamen und auf dem Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und jauchzte über die Pracht ihres Gewandes, das in der Frühlingssonne in allen Farben glänzte. Oder wenn die Grasmücke draußen vor dem niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrütet hatte, dann lag er auf seinen Knien in dem geöffneten Fenster, bog den Ast mit dem Nest behutsam zu sich herüber und unterhielt sich in den süßesten Tönen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wäre und nichts anderes zu tun hätte, als für die Kleinen zu sorgen.

Aber im nächsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die Sache, die ihn beschäftigte. Dann hörte und sah er nichts um sich her. Dann vergaß er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glückliches zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt ist und die Welt um sich her vergißt.

Seine beste Ruhezeit blieb natürlich die Nacht, nicht nur die Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch sie genoß er dankbar und nutzte sie aus. „Wenn man”, schrieb einer seiner Kandidaten, „des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat, machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er sich auch von innen gewaschen hätte, nicht nur von außen.” Die wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte, durchdachte er des Nachts, sodaß es oft wie ein Strom floß, wenn er morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretär mit nie versagender Pünktlichkeit schon auf ihn wartete, um die Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht über das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedächtnis ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er ließ sich keine Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder andere gar nicht auftauchen, so nahm er schließlich sein Gesangbuch zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die von dem Geräusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen Nachtwandler, als er unten im Eßzimmer sich das Gesangbuch holte, weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.

Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder naturwissenschaftliche Aufsätze. Überhaupt blieb das Weltall gerade in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter Sand zu 100 000 Körnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkörner die Erde, die Sonne und andere Himmelskörper hätten. Beim Morgenfrühstück unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner nächtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er für die Riesenhimmelskörper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand seiner Bewunderung: einmal wie unendlich groß die Welt sei und wie klein doch auch wieder, weil sich ihr Maß in einer einzigen Reihe von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrücken lasse.

Auch im Gedränge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein Zufluchtsort, wohin er sich zurückzog. Einmal erklärte er, er hätte nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und ließ sich ein paar Tage lang die Stoppeln stehen. Aber schließlich gab er unsern vereinten Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmählich eine immer liebere Unterbrechung im Getümmel des Vormittags. Fröhlich gingen während des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, sodaß er, wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, häufig aus vielen Wunden blutete, die er mit kleinen Läppchen Papier zuzukleben pflegte.

Zur Mittagsruhe nach Tisch, während der er mit großer Aufmerksamkeit die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen Arbeit für die eigene Seele und für die ganze Gemeinde. Einmal wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise öffnete ich die Tür, um ihn nicht zu stören für den Fall, daß er ruhte. Da lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schloß die Tür wieder, ohne daß er es merkte. Seitdem wußte ich mehr denn je, woher er die Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermüdliche Tätigkeit, die alle mit sich fortriß.

In die Nächte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es irgend ging, wurde doch noch eine halbe Stunde herausgeschlagen. Dann lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag über diktierten Briefe und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schluß machte. Die Sonntagabende aber waren die glücklichsten. Dann hockte unser jüngster Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war. Wir andern drei Geschwister saßen um den kleinen Tisch, und dann wurden Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten Tante und die sich drängenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren. Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen — bis er schließlich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: „Gute Nacht, gute Nacht, Kinderchen, ihr seid böse Buben!”

Dieses Familienglück erhöhte sich vollends, seit aus der Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher Vater seinen Schwiegertöchtern begegnete, verwandelte sich mehr und mehr in überströmende zarteste Liebe als Dank für alles, wodurch die Lebensgefährtinnen seiner Söhne den Abend seines Lebens erhellten. Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu erquicken. „Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,” sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten Ärmchen entgegenlief, „das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich auf einen hohen, freien Berg stiege.”

Ruhepausen im täglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gäste bei uns einkehrten, durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig wurden.

Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal für Vater ein Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer stärker wurde die Hoffnung, sie ganz für die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und schließlich, als die Kräfte der alten Mutter Emilie in Sarepta eine Ergänzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat Vater glücklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schließlich siegte bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.

„Land meiner Heimat In Nebel und Rauch, Dir bleib’ ich treu Bis zum letzten Hauch.”

Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, für sie gebetet und sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt erwies.

Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verständnis und ihrem klugen Rat, der immer den Kern der Sache traf!

Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief an die Frühlingstage der ersten Arbeit für Afrika und der doch nicht ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwärtige Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick vorwärts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.

Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des „Wassersuchers” von Bülow. Die Wasserleitung hatte schließlich doch nicht mehr für den immer stärker werdenden Wasserbedarf ausgereicht. So war an einer günstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne daß die Bohrungen zum Ziel führten. Endlich bat Vater Herrn von Bülow, ihm die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam wirklich, ließ seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke Quelle. Er stellte auch sofort die annähernde Tiefe fest, in der dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.

Zwei ständige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war einmal unser Freund Nedden. Nedden stammte aus angesehener Familie, hatte mit Pastor Stürmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht, war dann aber in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung stehen geblieben. Er arbeitete den Tag über unten in der Ökonomie, hauptsächlich mit dem Waschen der Rüben für die Kühe beschäftigt, und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mühsam trug er den kleinen schweren Körper auf den schleppenden Füßen, und aus dem übergroßen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.

Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt in Gedanken um die höchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er über seinen geschichtlichen Büchern zu, die er sich von uns holte. Die Erträge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren, teilte er dann in vertraulichem Gespräch teils unserm Vater, teils den andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre, die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an unserm Kaffeetisch erschien und mit größtem Behagen sich die kleinen Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen ließ.

Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pförtnerhause der Anstalt, das hart an der Straße am Eingang in unsern Garten lag. Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war ein beständiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater hatte ihren Dienst so gedacht, daß sie allen fremden Besuchern der Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor allem Anlauf zu schützen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundsätzlich eher zu scharf als zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, ließ sie sich von ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst weiß, wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr kränker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.

Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor allem ganz in der Verborgenheit die mütterliche Freundin mancher Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschütteten. Nach Vaters Tode siedelte sie ins Feierabendhaus über, wo sie drei Jahre später unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue beschloß.

Jedes Jahr einmal kam für Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war die glücklichste Zeit für die ganze Familie, namentlich solange die Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney, Wangeroog, Langeoog und schließlich immer wieder zum schönen Amrum. Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande, auf dem Hunsrück, im Thüringer Wald. Einige Male auch wurden wir von Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.

Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen Fuß gefaßt, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag über gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: „Nicht im Nichtstun besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, daß man einmal arbeiten kann, ohne beständig unterbrochen zu werden.” Und für uns Kinder war es die höchste Freude, während der Ferienwochen ganz ohne Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.

Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten Ansprüchen genügte, diktierte er uns seine Briefe und Aufsätze. Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren dadurch beschleunigt, daß jedesmal zwei von uns ein Diktat aufnahmen, und zwar in der Weise, daß der eine die erste Hälfte des Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretär, das Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lücke darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben für die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit lag. Nach zwölf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur Übersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung über die Zeit seit der Übersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er sich nicht entschließen.

Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die stärksten Wellen waren Vater immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die Sandbank hinüber, um dort uns den kräftigen Wellenschlag zu erobern. Und in der Asbach auf dem Hunsrück halfen wir ihm, als Ersatz für die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schüttes ein kleines Wellenbad zu bauen.

Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land durchstreift, bald in kleinen Ausflügen mit der Mutter zusammen, bald in kräftigen Wanderungen durch Wald und Dünen, am liebsten ohne Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe Dämmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen, jeder Bewohner des Landes, der ein Stück mit uns wanderte, gründlich nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzählte Vater uns Sagen und Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die fröhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater deklamierte. Das half über jede Müdigkeit hinweg. Wohl blieb der Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer schmerzlich; aber seine schönsten Gedichte waren Vater stets gegenwärtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was für ein fröhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemütlichen Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor, bis die Abendandacht den schönen Tag beschloß.

1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler geworden war, siedelten wir noch für ein paar Tage dorthin über, um Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit getrennt gewesen waren.

In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst entfaltet. Aus einer kleinen Tür treten die zwölf Apostel hervor und wandern am Herrn vorüber, einer nach dem andern ehrerbietig sich vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht, auf der Leiter stehend, schlägt die Nägel durch die ausgebreiteten Hände, und ein anderer stößt mit der Lanze in die Seite.

Der Meister hatte uns selbst alles erklärt, und Vater faßte solches Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit, daß er ihn bat, sich doch einmal an den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich gelegentlich aus einem Stück Blech eine Flügelschraube geschnitten, die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht unbeträchtliche Höhen erreichte, bis sie schließlich ermattet wieder zur Erde fiel.

Es war damals noch nicht die Zeit, daß ein Ersatz des Luftballons durch ein anderes Luftfahrzeug erörtert wurde. Aber Vater baute auf dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, daß es darauf ankommen würde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende Schraube zwischen Tragflächen aus dünnem Stoff anzubringen, um so eine Aufwärts- und eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen. Die Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb gesetzt werden, die dann während der Fahrt durch den Luftschiffer nachgespannt werden müßten.

Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Männer in das Problem, sodaß wir viel zu spät von Goslar fortkamen, uns im Walde verirrten, bis wir schließlich durch ein Licht, das auf dem Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und glücklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie wieder etwas von sich hören lassen, aber den Gedanken des Luftfahrzeuges ließ Vater seitdem nicht mehr los. Es gehörte zu seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschäftigen und eine Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen, fesselte es ihn immer, die Möwen zu beobachten, wie sie, ohne die Flügel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. „Seht einmal, Kinder,” sagte er immer wieder, „wie still steht sie da, wie wenig Kraft hat sie nötig! Und der Mensch sollte nicht fliegen können? Ganz gewiß, es geht, es geht!”

Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen seine Tragflächen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und ließ sich durch kein Kopfschütteln irremachen. Später fügte er einen Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt nötigen Bestandteil seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich nicht viel von ihnen versprechen; sie würden im Winde nicht lenkbar genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es dauern würde, bis das erste Flugzeug das Mittelländische Meer überqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkürzen würde.

Kaiser Friedrich.

Wie schon früher gesagt, blieb in der äußeren Form die Entfernung gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknüpfte Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.

Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stöckers wegen in einem ausführlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo Stöcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden war. Der Brief ließ es dahingestellt, ob es für Stöckers Kampfnatur überhaupt richtig gewesen wäre, das Hofpredigeramt anzunehmen, widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt übernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu erklären, trat der Brief zugleich aufs wärmste für die persönliche Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stöckers ein. Nur der vielleicht zu heißen Liebe und Hingabe Stöckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, daß einem Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im öffentlichen Leben gestanden und gekämpft habe, nicht mehr angehängt werden könne als die kleinen und kleinlichen Vorwürfe, mit denen seine Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit großer Entschlossenheit tritt der Brief schließlich auf den christlich-sozialen Boden, der jedoch nicht als eine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefaßt wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stöcker vertretenen christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches und des Hohenzollernhauses gezählt. Darum dürfte Stöcker jetzt nicht gehen.

Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht erwartet. Aber Stöcker blieb damals im Amte.

In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen Sträußen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strauß schickte er mit einem begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:

Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.

Lieber Freund!

Ich danke Deinen Kindern vielmals für das Dünensträußchen, welches aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber nicht minder Dir und Deiner Frau für die Gesinnungen, mit welchen die Blumen gebunden, nebst den guten Wünschen, von denen sie begleitet wurden.

Es tut so wohl, aus der Heimat Grüße der Teilnahme zu erhalten, namentlich, wenn der Körper es nötig macht, lange fern zu bleiben! Doch kann ich mitteilen, daß die Ärzte das Übel als bezwungen ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafür muß ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den Mund halten und mich möglichst vor Erkältungen bewahren soll. Geschieht dies, und sollte es Gott fügen, so dürfte ich im Frühjahr als Genesener heimkehren.

Mich freut’s, daß Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest, denn angesichts Deiner unermüdlichen Tätigkeit und Hingebung für Dein Liebeswerk könntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken. Denn wir bedürfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!

Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schöpfungen. Hoffentlich auf Wiedersehen im Frühjahr!

Dein alter Freund

Friedrich Wilhelm.

Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer höher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger Kögel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kögel selbst glaubte, den alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja ebenfalls gezählt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrüßten den Gedanken mit größter Freude und verabschiedeten Vater für seine Reise in großer Bewegung und Herzlichkeit.

Vater erzählte später, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der Epileptischen in der Anstalt bei Zürich getan hätten und das kurze Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Männedorf am Züricher See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. „Er sollte nichts vom Sterben wissen”, war Vaters Eindruck. Für zwei Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen, in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurückkam, erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurück.

Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Fürstin-Witwe Elisabeth von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen, die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhängen. Soviel wir wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfüllt. Die Strophen hießen:

Wenn der Herr ein Kreuze schickt, Laßt es uns geduldig tragen; Betend zu ihm aufgeblickt, Wird den Trost er nicht versagen. Denn es komme, wie es will: In dem Herren bin ich still. Ist auch oftmals unser Herz Schwach und will wohl gar verzagen, Wenn es in dem stärksten Schmerz Keinen Tag der Freud’ sieht tagen, Sagt ihm, komm’ es, wie es will: In dem Herren bin ich still. Darum bitt’ ich, Herr, mein Gott: Laß mich immer glaubend hoffen, Denn dann kenn’ ich keine Not, Gottes Gnadenhand ist offen. Drum, es komme, wie es will: In dem Herren bin ich still.

Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im Selbstgespräch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm Wohnzimmer hing: „Mein Friedrich, bist du wirklich tot?”

Amrum.

Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust, die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.

Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den tödlichen Streich versetzt.

Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese Geschichte erzählte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes überflutet. Und die Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der Fremden in ihrem innersten Leben eine tödliche Wunde empfangen hatten.

Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war, erklärte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die eingeborene Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt wurde. Es war ihm fast unerträglich, in der Kirche zu sitzen und die von den Ortseingesessenen verlassenen Bänke zu sehen. Am meisten litt er unter dem Strom des Luxus und der Sünde, der durch die Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Väter zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag, um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert würde.

So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende Welle des modernen Badelebens geschützt würde.

Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehört und wußte nicht, wo es lag. Wir mußten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Föhr, und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den letzten Überrest des einst so blühenden Landes, das vor fast dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem großen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen 37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gäste bis an die Stelle, wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.

Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dünen und die dahinter gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und die Inschrift, die wir drüben auf einem der Friedhöfe der Insel Föhr entdeckten, paßt auch für manchen, der an der Kirchmauer von Amrum schläft:

„Mit gleichmäßiger Hand im wechselnden Laufe der Jahre Führte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer, Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar, Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie, Bis zu dem Greise, dem müden, der Tod als Freund ist gekommen, Führt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.”

Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten. Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemächtigen. So sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der Spekulation schützte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm, sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: „Kinder, telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.”

Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der „Freia” die Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Föhr, und zwei Tage später landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als Festprediger für das Missionsfest gekommen war, der aber infolge einer Todesnachricht die Rückreise antreten mußte, ohne seine Predigt halten zu können. So ging Vater alsbald statt seiner auf die Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in kräftige Verbindung mit der ganzen Inselbevölkerung zu kommen. Wie jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt, wie es sich am Missionsfest gehört; drei liebliche Kinder waren da und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glänzenden schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon die Vorboten eines frühen Todes zeigte, desto durchdringender leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen faßte und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in ernsten Gesprächen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von Amrum.

Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf das Wattenmeer und die Insel Föhr, deren drei hohe Kirchen wie aus dem Wasser herauszuragen schienen.

Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem großen alten Segel ein geräumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der gründlichen Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzügen unser Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu können, an welchen Stellen sich am günstigsten baden ließe und welcher Teil der Insel überhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht käme. Wir badeten zunächst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen. Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis über die Knöchel versanken, zeigte sofort, daß es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen. Dann ging es über Süddorf und den hochragenden Leuchtturm, den stolzesten der ganzen deutschen Küste, an das Südende der Insel. Auf diesen Teil, so hieß es, hätten vor allem auswärtige Unternehmer ihr Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und der Wellenschlag so unbedeutend, daß es Vater sofort klar war, daß kein Badegast, der kräftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf diesem Teil der Insel befriedigt sehen könnte und daß alle Unternehmungen, die sich hier festsetzen würden, von vornherein mit dem Bankerott würden kämpfen müssen.

Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus ging es durch die hohen Dünen geradeswegs auf den Strand zu. Aber während früher die Wellen bis unmittelbar an den Dünenrand gespült hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine große Sandbank vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut überspült wurde. Diese Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu durchqueren. Und wenn wir draußen auch einen vortrefflichen Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, daß wegen der großen Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel übrig.

Eine Stunde von Nebel entfernt stießen wir auf den Flecken Norddorf. Es war, als wenn seine schilfgedeckten Häuser sich noch tiefer als die andern Häuser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast ängstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rücken des Dorfes hinzog. Wohl blühten auch hier in den kleinen Gärten schüchterne Blumen. Aber sie wagten sich nicht so kühn hervor wie im geschützteren Nebel und im milderen Süddorf. Und die Stille und der Ernst, die ja überhaupt bei den Leuten der Meeresküste zu finden sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Maße Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits des Ozeans eine neue Heimat suchen müssen, weil die alte Heimat nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig Dörfer geben, wo dem Verhältnis nach so viele Witwen und Waisen zu finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stieß, die in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saßen, war ihm immer am wohlsten.

Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwärts. Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den Sturmfluten überschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen, Kühen und Pferden und seinem saftigen Grün ein überaus lieblicher Anblick. Über Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nördlichen Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Außenfort der Insel. Dahin ging nun die Wanderung.

Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein altes ehrwürdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Löhes einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Löhes Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille von Amrum geflüchtet hatte. Und während wir in dem engen Zelte hockten, erfüllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit Begeisterung für dieses schöne und ernste Stückchen Erde. „Hier hört man ordentlich die Stille”, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und tief aufatmend seine Augen über den Strand und das einsam brausende Meer schweifen ließ.

Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Möwen schrien in der Luft, und ein paar Schäfchen weideten einsam am Fuße der Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dünen, die hier steiler als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fuß spült und ihre Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren freilich nicht so hoch und mächtig, wie man sie in Norderney findet oder gar in Sylt, aber es waren doch kräftige Wasserstürze, die einem den Rücken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn. Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen Sand des Strandes, als wir klappernd vor Kälte und Anstrengung wieder in unsern Kleidern waren.

Schließlich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze gründlich durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter berechnet, maß Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im Schutz der Dünen für menschliche Niederlassungen eigneten.

An den folgenden Tagen überlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen. Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im Norden der Insel ein Hospiz für stille Badegäste zu errichten, die leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit böten für die Erhaltung der Vätersitte und des Väterglaubens auf Amrum.

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