II. 1872–1910. Bethel. (continued 3)
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Darum gelang es ihm auch in unablässigem Bemühen um die Herzen der verantwortlichen Männer und Behörden in Provinz und Staat, in Schreibstuben und auf den Ministerstühlen, daß schließlich die Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde. Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerlaß über Zwergrentengüter, wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem halben Morgen Größe von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des Gesamtwertes beliehen wurden.
Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in städtischen und ländlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften, weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifende Anleitung der Verwaltungsbehörden alle tätigen, sich selbst helfenden Kräfte des deutschen Vaterlandes künftig nicht eindämmten, sondern weckten und förderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine Gesundung des gesamten Volkskörpers. Der Arbeiter war nicht mehr ausschließlich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder gemeinnützigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an die materiellen Hilfsquellen des Staates.
Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, daß, wo irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der Umgebung der Siedlung in die Höhe schnellten und den nachfolgenden Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter Damaschke eine unermüdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze große Gebiet ließ Vater unberührt. Ich fragte ihn einmal, wie er über die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dächte. Er antwortete: „Davon verstehe ich zu wenig.” Es lag nicht in seiner Natur, sich mit Fragen zu beschäftigen, deren Lösung erst in weiter Zukunft lag. Er fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich ihm mit zwingender Gewalt aufdrängten, griff er an und suchte er dadurch zu lösen, daß er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und diese Hilfsmittel so viel wie irgend möglich ausgestaltete.
Alles, was zunächst nur Theorie blieb, lag außerhalb seines Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur über die sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was seine unmittelbar jetzt lösbare Aufgabe betraf und ihn darin förderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick heraus und machte er sich zu eigen.
Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der „sozialen Frage” als solcher beschäftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in Basel bat: „Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken über die soziale Frage!” antwortete er: „Ich spreche nicht gern über Dinge, von denen ich nichts verstehe.” Aber dann ließ er den Fragesteller in anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet hatte.
Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit für das, was geworden war, die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates ließen ihn nie in den Verhältnissen die Hauptschwierigkeiten erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rückständig diese Verhältnisse oft auch sein mochten, immer mit großer Zuversicht hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen. Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er, wohl aber unter denen, die von den Menschen herrührten. Und gerade auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit, Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nächstenliebe unterlassen und versäumt wurde.
Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die Städte sich dem Gedanken öffneten, in ihrem Umkreise für die Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mußte das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht allseitig genug. „Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen dadurch, daß wir unsere Arbeiter selbständig machen”, mußte er immer wieder hören. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes sagte er in einer Predigt, daß die Besitzer alle im Grunde nicht Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und daß sie, um als Verwalter bestehen zu können, wenn Gott einmal Rechenschaft von ihnen forderte, die Pflicht hätten, dem kleinen Mann zu einem Haus und Stück Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als selbständiger Verwalter innehaben könne. Der Bauer müsse sich endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von dem von den Vätern ererbten Besitz etwas abgebe für den kleinen Mann. Aber Vater stieß auf kühle Ablehnung und wurde auf lange Zeit hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.
Ähnlich ging es ihm weiten Kreisen der Großgrundbesitzer gegenüber. Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen für den Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Maße verbessert wurden und der Landarbeiter sich, wenn er seine Einkünfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie Industriearbeiter der Großstadt. Aber eng und starr hielten vielfach auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: „Alles für den Arbeiter, nichts durch ihn”, d. h. sie waren bereit, für den Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem Maße ihrer Kräfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in abhängiger Stellung dem Gute gegenüber blieb. Sobald es sich aber darum handelte, den Arbeiter auf eigene Füße zu stellen, sodaß er auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf und dann durch freien Entschluß in ein neues Dienstverhältnis zum Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurück. Man wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.
Durch die immer mehr gesteigerte Tätigkeit der Volksschule wurde der Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewußtsein gehoben, all seine Kräfte geweckt. Aber man gab diesen Kräften kein Feld eigener Betätigung, eigener Entfaltung. Das mußte schließlich zu einer Katastrophe führen. „Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit,” hörte ich Vater zu einem Großgrundbesitzer sagen; „wenn ihr dann nicht Ernst gemacht habt, habt ihr die Revolution.” Und ein anderes Mal: „Vor den Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle wiederzugeben.” Dabei ging für ihn die Lösung der sozialen und der religiösen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongreß für Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: „Um reif zu werden für die himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist es nötig, daß man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch für das Verlangen nach einem ewigen Vaterhause abgestorben.”
Es muß ehrlicherweise zugegeben werden, daß Vater manchen Großgrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte, als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde hatte er nie daran gedacht, daß die vorhandenen Mietsverhältnisse sämtlich aufgelöst werden sollten, damit jeder Arbeiter sein eigener Herr würde auf eigener Scholle. Er wollte nur, daß dem Arbeiter die Möglichkeit dazu verschafft und daß seiner drängenden Kraft Ventile geöffnet würden. Es war ja klar, daß viele das sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung für ein eigenes Besitztum vorziehen würden. Aber denen, die nach dieser Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.
Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geöffnet werden sollte, ging freilich Hand in Hand, daß auch der Industrie Möglichkeit gewährt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so würde das Wachstum der Großstädte unterbunden werden. Namentlich die Kanäle sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land zu ziehen. Unermüdlich war er auch für diesen Gedanken eingetreten.
Mit der Industrialisierung des Landes würde ja auch mehr und mehr dem Mißverhältnis gesteuert werden, daß die Bodenpreise in der Nähe der Städte übertrieben hoch, auf dem Lande unverhältnismäßig gering waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nüchterner Berechnung sich sagen mußten, daß das Festhalten des Arbeiters auf dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter für den erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Großgrundbesitz einen Teil seiner Schulden abstoßen. Durch die Zunahme der Landbevölkerung war das Absatzgebiet für die Landwirtschaft bereichert und die Möglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskräfte nicht gemindert, sondern vermehrt.
Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen großen Städte war, in denen sich der Umschwung der Dinge verhältnismäßig ruhig vollzog, wurde als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt: die verständige Hand eines maßvollen sozialdemokratischen Führers und die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der praktische Ertrag auch verhältnismäßig gering war, — denn was bedeutete die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden im Einfamilienhaus gegenüber der großen Masse, die in die Städte gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmöglichkeit vor sich hatten! — Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften Enttäuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer wieder hinauszurufen: „Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!”
Als darum während des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen Kämpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand er überall lautes Echo. Großgrundbesitzer des Ostens stellten damals weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfügung, damit der Gedanke in die Tat umgesetzt würde. Hätten sie es zwanzig Jahre früher getan, wie viel wäre verhütet worden!
Zu spät ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins „Arbeiterheim” haben sich inzwischen überall durchgesetzt. Das ganze Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So könnte sich der Verein in die Stille zurückziehen. Doch besteht er noch fort, damit er überall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen, mit seinen Erfahrungen helfen kann.
Das Kandidaten-Konvikt.
Der Überschuß an Kandidaten der Theologie war in den achtziger Jahren groß. Manche von ihnen mußten jahrelang auf feste Anstellung warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß die brach liegenden Kräfte während der Wartezeit nicht müßig blieben, sondern eine gründliche Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goßler, ihm zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zukünftiger Pastoren für den Dienst der inneren und äußeren Mission die erforderlichen Geldmittel darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunächst für vier, später für acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die Mittel gewährt. Ein Nebengebäude des Hauses Hermon, Klein-Hermon, wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.
Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, daß sie des Vormittags auf den verschiedenen Stationen der Anstalt tätig waren, während der Nachmittag der besonderen Ausbildung auf den zukünftigen Beruf vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Männerstation des Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter, Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron, der Landstation der epileptischen Männer, der vierte auf dem Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwölf Wochen wurde gewechselt, sodaß jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die Tätigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat, Trinkerheilstätte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brüder und der epileptischen Kinder usf.
Es verstand sich für Vater von selbst, daß ein zukünftiger Diener des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei. Darum stellte er sofort mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie sich gleich den Schwestern und Brüdern, die ihnen vorarbeiteten, die blaue Schürze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat die blaue Schürze unendlich leichter und lieber getragen als den Talar.
Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur großen Wohltat, daß sie einmal die Gedankenarbeit mit der gründlichen Praxis vertauschen konnten. Das alte Wort „Praxis epibasis theorias” (der Weg der Gewißheit führt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit. Über der tätigen Hilfe, die er leisten konnte, vergaß mehr als ein Kandidat die Gedankengrübelei. Im Zusammenleben mit manchen Brüdern und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, daß Jesus Christus die eigentliche Großmacht in der Welt sei, von der noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines Menschen Macht stehen, und der kindliche Glaube eines am Geiste schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles übertraf, was die Universitätszeit geboten hatte.
Dazu kam dann der persönliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die Post kam schon früh, und Vater ließ jede Sendung durch seine Hand gleiten, um an der Handschrift zu prüfen, ob die Rücksicht auf den Briefschreiber es erfordere, daß er allein den Brief öffnete. Alle übrigen Briefschaften übergab er dem Kandidaten. Natürlich kam es vor, daß auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches Geheimnis ausgeplaudert worden. Das große Vertrauen, das Vater vom ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die zartesten und tiefsten Kräfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief, wurde heilig gehalten.
War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat über die einzelnen Schriftstücke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je klarer und kürzer der Bericht ausfiel, je größer war für Vater bei seiner gedrängten Zeit natürlich die Wohltat. So berichtete einer, der es besonders knapp machen wollte: „Junger Mann, Offizier gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung.” Da sagte Vater nur, aus tiefster Seele heraus: „Arme Mutter.” Der Kandidat hat nachher erzählt, von welch unauslöschlichem Eindruck diese zwei Worte auf ihn gewesen seien.
Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging er in die einzelnen Häuser, um sie dort zu besprechen oder auf den Schreibstuben abzugeben. Was übrig blieb, beantwortete Vater selbst, und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretär, der stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war, diktierte. „Nur nichts aufschieben” war seine Losung. „Aufschieben macht Qual.” Dann hörte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Kürze aus jedem Briefe sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne stärksten Einfluß bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb und bei manchem Kandidaten, der inzwischen längst zu Amt und Würden gekommen war, Jahr um Jahr neue Früchte trug.
Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und später eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vorträgen und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen besprochen und außerdem die Geschichte der Inneren und Äußeren Mission behandelt.
Die Übungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims gehalten wurden, nicht katechetische Übungen nennen. Wie schon einmal erwähnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte erzählen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in höchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es zu einer Kunst des Erzählens gebracht, die Kinder und Kranke aufs tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemütes, sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzählen, nur durch gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten geübt und ihnen selbst vorgemacht.
So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Stühlen vor und zwischen den Kandidaten saßen, die Geschichte von der königlichen Hochzeit erzählte. Als er an die Stelle kam, wie der König hineinging, die Gäste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern wandern ließ, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er vollends darstellte, wie der König den einen Gast traf, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkürlich die Augen nieder in der Sorge, er selbst könne vielleicht der eine sein. Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts Eingeübtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schönheit, Größe und Gewalt des Wortes Jesu.
Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle nicht in Hast, aber in möglichster Kürze. Länger als höchstens eine Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzählen.
Am Freitag um fünf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich so schwer gemacht wie nur möglich. So leicht, weil das Publikum, vor dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Fürchten war. Die Fenster, die nach rechts und links in die Krankensäle führten, waren geöffnet, und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Töne der Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den Bänken in der Kapelle selbst saß für gewöhnlich nur eine einzige Station von epileptischen Mädchen unter der mütterlichen Führung der alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprüche, sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu ihnen gesprochen wurde.
Aber gerade hierin lag nun auch die große Schwierigkeit der Aufgabe. Über die höchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, sodaß Leidende, Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten können, das war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und Gleichnisse fassen konnte, daß sie allen Völkern der Welt in ihren einfältigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich faßlich und unergründlich sind.
In der kleinen Brüderstube der Männerstation von Sarepta, in der der alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im unmittelbaren Anschluß an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung, dann die Predigt. „Wer sagt ihm etwas?” fragte dann Vater die versammelten Kandidaten. „Bitte, sagt ihm etwas!” Zum Schluß kam dann Vater selbst. Er ließ sich das Konzept nicht vorher geben, aber er hörte sehr genau der Predigt zu.
Auch das Äußere ließ er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit der langen Schnurrbärte. „Sieh mal,” sagte er zum Träger eines derartigen Schmuckes, „die Kranken fürchten sich, wenn du mit solch einem langen Schnurrbart daherkommst, als wärest du ein Unteroffizier.” So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene Eitelkeit.
An der Einteilung der Predigt rüttelte er, wenn es nötig war, mit kräftigen Stößen. Aber ihren Inhalt behandelte er immer mit der größten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so größerer Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Früchte ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhörerschaft dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoßene Rohr nicht zu zerbrechen, sondern zu stärken, das übte Vater in diesen kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war es so, daß das Lob ermunterte, aber zugleich demütigte, und der Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten, dessen Predigten er schon wiederholt zugehört hatte, sagte er: „Wenn du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so scharf das sündige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man muß erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den Händen und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.”
Sooft wie möglich ließ er sich von den Kandidaten auf die Feste im Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rückkehr von solch einem Feste stellte es sich heraus, daß die Kandidaten, die in einem zweiten Wagen saßen, an zwei Frauen, die zu Fuß gingen, vorübergefahren waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er ließ sie alle aussteigen und den Wagen zurückfahren, um die Frauen aufzunehmen.
Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet. Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Söhne unterstützt. Schließlich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.
Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in größtem Segen an der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nächste Beziehung getreten. Er übernahm im Jahre 1895 die Führung der Kandidaten, denen er, bis seine Kräfte zusammenbrachen, ein väterlicher Freund und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Gründlichkeit, Treue und Hingabe geworden ist.
Afrika.
„Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, daß wir da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die Not am größten ist.”
F. v. B.
Obwohl sein Weg ihn nicht persönlich in die Heidenwelt hinausgeführt hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war er, wie berichtet, für die kommenden und gehenden Baseler Missionare und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er durch den „Westfälischen Hausfreund” den Blick auch zu den Heiden hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler Mission, die ihm ständig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bäckergeselle der kleinen Bäckerei von Sarepta, Dietrich Baumhöfner, war als Kind durch eine Kinderschulschwester innerlich angefaßt worden und der göttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das Berliner Missionshaus, das ihn nach Südafrika aussandte.
Seine Briefe, die er von der Reise und aus den ersten Anfängen in Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, daß wir die Reise und die Arbeit Baumhöfners persönlich miterlebten. Im Anschluß an solch eine Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der Missionsbüchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die Bitte Baumhöfners die ersten Posaunen für seine kleine Gemeinde hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, daß er in Georgenholz dem Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod als einen großen persönlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission blieb aber und wurde namentlich durch die südafrikanischen Reisen des Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.
Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknüpfungen, nicht nur durch die persönlichen Beziehungen zu deren Inspektor Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamer Studienzeit in Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, daß die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes treuste Freunde hatte und Vater öfter zu den Missionsfesten eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebürtig, hatte sich in Sumatra der Aussätzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen gestoßen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohltätigen Quellen den Aussätzigen eine Heimat zu errichten. Das war natürlich eine Sache nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte, sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und dafür die Herzen erwärmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den Familienabenden und wöchentlichen Missionsstunden und entfachte damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Fürsorge für die Aussätzigen, sodaß die Heimat der Aussätzigen auf Sumatra der feste Stützpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den übrigen Aufgaben der Barmer Mission lagerte.
Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der Barmer Mission in Südafrika, Missionar Lückhoff, der jene 2000 Mark für die Glockentürme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde gesammelt hatte, nun nicht müde wurde, eine Sendung nach der andern abgehen zu lassen mit südafrikanischen Fellen, Früchten, Straußeneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick in die Völkerwelt hinauszulenken.
So war der Boden längst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet sich neue größere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt einstellten.
1884 waren die ersten deutschen Stützpunkte in Ostafrika auf der Insel Zanzibar sowie im Küstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser wies sofort darauf hin, daß eine politische Besitzergreifung des Landes nicht genüge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr auf dem Fuße folgen müsse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee für die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der alte, in langjähriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar Greiner und ein junger von der Berliner Mission übernommener Missionar Krämer hatten die Arbeit drüben begonnen.
Aber woher weitere Kräfte nehmen? Sowohl für den Pflegedienst an den Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas in ganz besonderem Maße solcher Hilfe bedurften, als auch für einen kräftigen Vorstoß in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub. Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und Vereinen der Äußeren und Inneren Mission die nötigen Kräfte zur gründlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren mißlungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her, für die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der Reinickendorfer Straße geschaffen hatte. „Es gibt keine Pfütze in Berlin, in die er nicht springt,” sagte Vater einmal, um damit die große Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu kennzeichnen.
Diestelkamp saß in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater ihm gegenüber. Wer wollte es Vater verdenken, daß er angesichts der Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern lagen, zögerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte seine Bitte nur um so dringender. Schließlich erklärte er: „Ich stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.” Anhaltende Bitten aus glühendem Herzen machten auf Vater stets tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.
Damit war es, als wenn ein Deich überstiegen und der Zionsgemeinde nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen geöffnet wäre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das Rauschen der Völkerwelt gehört; jetzt sollten wir selbst mitten in ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im Schwestern- sowohl wie im Brüderhaus regten und zeigten sich überall die Kräfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach Afrika auf den Weg zu machen.
Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Manche der alten Missionsgesellschaften erschraken. Führer der deutschen Mission erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen Missionskräfte. Vater blieb dem gegenüber nicht taub. Er suchte sich durch eingehende Nachforschungen zu überzeugen, ob nicht doch irgend eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Goßnerschen Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen Platz an der Sonne beanspruchte.
Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefährtin und seines einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewöhnlichen Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er nach einiger Zeit sich entschloß, sein Schweigen zu brechen, zeigte es sich, daß er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wäre, der Führer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug für die Arbeit unter den Negern. „Denn”, so sagte er gerade im Blick auf Afrika, „die Untersten und Elendesten müssen die besten Pfleger haben.” Und Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam, wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte, griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und einem Bruder aus Nazareth unterstützt, alle wiederum von Missionar Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte Arbeit des äußeren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.
Inzwischen hatte auch Missionar Krämer in der nördlichen Hafenstadt der Kolonie, Tanga, Fuß gefaßt, und nun entstand die Frage, in welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann, Baumann, Meyer teils persönlich Fühlung genommen, teils ihre Reisewerke eingehend studiert.
Er hatte daraus die Überzeugung gewonnen, daß die Küstenbevölkerung durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden für junge heidenchristliche Gemeinden abgeben zu können. Lediglich die Pflege der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit nicht.
Ebenso lagen für ihn die Dinge im Hinterland der großen Hafenplätze. Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflüsse angekränkelt, als daß ein gesundes Aufblühen heidenchristlicher Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wäre. Nur unter Widerstreben willigte er darum in die Pläne des Missionsvorstandes, daß im Hinterlande von Dar-es-Salam auf den Höhen von Usaramo ein Versuch gemacht würde, und lenkte für seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen hatten.
Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch nicht berührten Bauernstamm von 80 000 Menschen und ein gesundes Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde, gleichmäßige Arbeit unter dem Volke sicherte.
Gleichzeitig boten sich ihm auch die nötigen Kräfte: zwei Theologen, Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung, im Glauben gegründet, in der Liebe glühend und von zäher Gesundheit. Im Frühjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.
Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen über das Meer gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder zurückgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der älteste Sohn des Groß-Häuptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Höhen von Mlalo, die Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz Bethel geteilt, die erste Hütte, die ersten Sprachstudien, die ersten Schüler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest, das erste weiße Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der schwarzen Christen usf.
Vaters Herz ging in Sprüngen. Das Volk, das Land, die unermeßliche Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont, die blauen Berge von Pare, die herüberwinkten, und das schneeige Haupt des Kilimandscharo, der alles überragte, standen ihm so lebendig vor Augen, wußte er so glühend, so nah, so gegenwärtig zu schildern, daß Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er denn eigentlich in Afrika gewesen wäre. So konnte es nicht anders sein, als daß die Glut auf uns alle übersprang, auf Kranke und Gesunde; und wenn Vater gefragt hätte, wer von uns hinüberziehen wolle, dann hätte keiner zurückbleiben mögen, weil wir alle längst drüben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika nach der alten Weise klang:
Auch mir stehst du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut; Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut.
Als darum die Zeltpflöcke auf den Bergen von Usambara weiter gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der Kandidaten: „Wer ist bereit zu ziehen?” Sie waren alle bereit. „Keiner ist brauchbar für den Dienst in der Heimat, der nicht von ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen”, das war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers: „Zeig’s an, wen du erkoren, — Greif’ in die Schar hinein! — Dir sind wir zugeschworen, — Dein sind wir, Amen! Dein!”
Natürlich waren bei manchen die häuslichen oder die gesundheitlichen Hindernisse so groß, daß sie, oft mit schwerstem Herzen, zurückstehen mußten. Aber so viele Kräfte von drüben verlangt wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brüderhause zur Stelle. Becker und Döring, Holst und Göttmann, Gleiß und Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen. Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine große Schar von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Als fast den letzten in dieser Reihe fiel dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die größte aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen, die durch Gesundheitsrücksichten in der Heimat festgehalten wurden, gehörte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich später noch ein Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der aber doch die längste Zeit seines Afrika-Dienstes in der entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der er mit nie ermüdender Beweglichkeit und heiterer Zähigkeit bis heute das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.
Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre Stationen, die Brüder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken Ärmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbüchsen hin. Die Kranken schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Blätter, die sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brüdern von der Landstraße gebracht hatten, füllten sich nun mit den ersten Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe leidende Schönheit Afrikas vor Augen. „Schwarz bist du, doch bist du lieblich, holdes, stilles Afrika.”
Als nun vollends an den stillen Abhängen von Mtai die ersten beiden Aussätzigen entdeckt wurden, als Becker und Döring wieder und wieder zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die große neue Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: „Hört es, Leute, kein Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute, hört es!” — da hallte die Stimme der Aussätzigen bis zu uns herüber und stärkte die Leidenden, Ausgestoßenen und Sterbenden von Bethel aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Aussätzigen drüben so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte, warf nächtlicherweile eine getragene Hose über den Zaun unseres Gartens mit einem Zettel daran: „Für den aussätzigen Kiase.”[1]
Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die, die es nicht miterlebt hatten, daß Vater sich auch diesmal nicht in ein neues Arbeitsfeld hineingedrängt hatte, sondern sich vielmehr vorwärtsgeschoben und über alle Hindernisse und Schwierigkeiten von hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschüttelnd am Wege, tadelten, hemmten und schütteten das Wasser der Kritik in unsern Freudenwein.
Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10–12): „Schwert und Kelle in Sachen der ostafrikanischen Mission”, eine kleine Schrift, die aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. Überhaupt blieb der Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Führer der deutschen Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschränkt und half mit dazu, daß die Aufgaben in den neuen Kolonien immer gründlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden und in Angriff genommen wurden, sodaß eine Missionsgesellschaft nach der andern ihr Zögern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit eintrat und, um rascher vorwärts zu kommen, in stärkerem Maße als bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre seminaristisch geschulten Missionare mischte.
So wurde es deutlich, daß die Befürchtung, die neue kleine ostafrikanische Mission entzöge den bestehenden Missionsgebieten und Missionsanstalten geistige und materielle Kräfte, nicht richtig war. Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der sich nicht beirren ließ, neue Ziele gesteckt, neue Kräfte geweckt und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es sich, daß ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher künstlichen Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drängen der Verhältnisse, niemals die natürliche Entwicklung der Dinge hemmt, sondern fördert, während umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen Wettkampf aufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskräfte unterbindet.
Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu überlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine Geringschätzung der organisierten Kirche — die Treue gegen alles geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkämpfer stellte —, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu langgestreckt und schwerfällig für ein Unternehmen, das zu seiner gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit aller beteiligten Kräfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Kräfte gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.
Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach außen hin zu überwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand, obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet beschränkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in Afrika gewesen. Jeder mußte sich sein Urteil aus den Erfahrungen und Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den Eindrücken, die er mitbrachte, nicht fügen. Sie waren ihm zu jung, zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persönlichem Leiden und persönlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.
Tief setzte sich seitdem bei Vater die Überzeugung fest, der er immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles daransetzen, nur solche Männer in die verantwortlichen Stellen in der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in Reih’ und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt hätten.
Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der Küste oder Arbeit im Innern. An der Küste saß der Mohammedanismus, im Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission anfing, sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum „Mohammedanermission und Heidenmission”, „Arbeit an der Küste und im Innern”, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstände bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars, jetzigen Superintendenten, Simon über den Islam studiert. Aber für die Küstenplätze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Küste nicht. Aber hier sollten nur kleine Stützpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und Handel aus dem Innern an die Küste gezogen waren, ein Halt gewährt wurde.
Der Hauptstoß aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum selbst geführt werden. Je schneller und kräftiger dieser Stoß erfolge, desto besser. Nur so könne dem Vordringen des Islam Einhalt geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Küste und Innerem sei weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberührten Volksstämme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenüber dem Islam selbst.
Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die notwendigen Kräfte für die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu stellen. Forderte darum der Vorstand für die Arbeit an der Küste oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlösung dieses Wortes, dann gab es für Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. „Wieder soll ich jemand nutzlos hinschlachten,” rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Kräfte für die umstrittenen Gebiete begehrte.
Im Konvikt selbst, in der Brüderschaft und Schwesternschaft konnte man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn der Kampf ganz hoffnungslos schien. „Wehe euch,” konnte dann Vater wohl sagen, „wenn ihr nicht bereit wäret, jeden Augenblick im Fieberland zu sterben, — aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles daran setzte, daß euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!”
Mit unermüdlicher Treue reiste Vater, oft die Nächte zu Hilfe nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine Überzeugung zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fäulnis des Mohammedanismus an der Küste, für die jedes Salz weggeworfen wäre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberührten Völkerschaften: Kommt herüber und helft uns!
Seitdem ist die Arbeit an der Küste 25 Jahre lang mit zäher Energie fortgesetzt worden, oft so, daß man gerade die tüchtigsten Kräfte an sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III, sondern auch der großen Berliner Mission, die später die Arbeit in Dar-es-Salam übernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat die Mission unter der eigentlichen Küstenbevölkerung Fuß fassen können. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte, fast ausschließlich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich vor den Toren der Stadt als ein kleines, beständig vom Islam gefährdetes Häuflein behaupteten.
Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und Ältesten Martin ihre kleine Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, daß auch nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war; sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstämmen, die von Mohammedanern noch nicht berührt waren.
Was es aber umgekehrt heißt: sich nicht zersplittern, sondern mit aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoßen, zeigen die guten Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden Truppe von männlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen Kräften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so tatsächlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In den Bergländern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mußte das kümmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen des Islams an der Küste führte, dem Mohammedanismus den Mut stärken für die mohammedanische Propaganda im Hinterlande. Um den Sieg zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.
Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der Überzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der kleinen Gesellschaft in eine größere in die Wege zu leiten oder aber sie ganz nach Bethel zu übernehmen! Er sah für beides die Wege nicht gewiesen. „Berlin hat unsere Arbeit nötig,” konnte er wohl sagen.
Darum bemühte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin begleitet. Er überzeugte sich, daß der Platz neben der Kirche noch Raum genug bieten würde für ein bescheidenes Missionshaus. Hier sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit ihrem stillen Dienst in den Häusern die Arbeit in der Gemeinde taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde über die eigenen Nöte hinweg zu den großen Aufgaben an der Heidenwelt zu richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber später in Groß-Lichterfelde zur Ausführung, wo wirklich ein Missionshaus gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fuß in Berlin zu fassen, sodaß schließlich aus dem Vorstand selbst heraus der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefügt. Er empfand diesen schließlichen Ausgang als einen innersten Verlust für die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.
Aber schließlich lag in dieser Entwicklung doch eine innere Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die Ausbildungsstätten der Arbeiter und Arbeiterinnen für das Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre geistige Heimat. Von hier führte Vater, namentlich solange die Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden Briefwechsel, der eine Fülle von väterlichen, seelsorgerlichen Ratschlägen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet der Arbeit umfaßte. Es wurde keine Station draußen angelegt ohne Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.
Die Posttage für Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt er pünktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretär, sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschäftigt, um die Übertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.
Doch war es nicht so, daß mit der Übersiedlung nach Bethel im Jahre 1906 alsbald eine neue Blütezeit angebrochen wäre, die an die erste Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert hätte. Während für Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander überglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts geworden war, die Blicke der Kandidaten bewußt auf das Feld der heimischen Arbeit zurück in der Überzeugung, daß für den Dienst unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf gehöre.
So kam es, daß das Konvikt nicht mehr wie früher das starke Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfügung stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man müsse auf die Hoffnung verzichten, Kräfte mit voller theologischer Ausbildung immer in genügender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand, ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die Heranbildung seminaristisch geschulter Kräfte gedacht werden müßte.
Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nächsten Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu widersetzen. Er ließ sie ausreifen und wartete. Für seine Person blieb er bei der Zuversicht: „Wir haben Theologen genug, wir müssen sie nur rufen.” Als einmal der Leiter einer alten deutschen Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm die beständigen pekuniären Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater: „Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, daß Gott uns nicht mehr Geld gibt, als er uns Geist gibt.” Er lebte auch im Blick auf die wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich für die Arbeit unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in Betracht kamen, der Überzeugung, daß gerade so viele sich einstellen würden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.
Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und ungewollt, im Jahre 1907 ein großes afrikanisches Arbeitsfeld sich öffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das südliche Missionsgebiet Usaramo an die große Berliner Missionsgesellschaft abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschränkt bleiben sollten. Nun aber war der Usambara-Missionar Röhl auf einer Instruktionsreise durch Südafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Röhl auf die starken Völkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberührt, jene Gebiete bewohnten.
Jahr und Tag hatten diese Worte in Röhls Seele geschlummert, bis ihm das Buch des Forschers Kandt in die Hände fiel, in dem dieser unter dem Titel „Caput Nili” seine Forschungsreisen zur Entdeckung der Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des südafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen Vorstoß in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu dürfen.
Mit größtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier taten sich in der Tat neue große Ausblicke für die evangelische Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach Usambara hinüber: Vorwärts nach Ruanda!
Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfänge in diesem wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt. Bis über die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit ausgedehnt werden.
Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zum Zeichen, daß diese Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer starken, eigenartigen Bevölkerung die lebendige Brücke bilden sollte zwischen den Völkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskräfte stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und vor allem die, die überall mit mütterlichem Sinn im Kindheitszustand des einzelnen Menschen wie der Völker die tiefsten Wirkungen ausüben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.
Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der Usambara-Mission in die treu bewährten Hände seines Freundes und Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkräfte ausbilden, das Brüderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte. Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen kaufmännischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus, von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.
So schickten sich alle Kräfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in Usambara im Herzen Afrikas das große Millionenvolk Ruandas zu erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen hatte, Kräfte auszusenden, die in ihrem Fach so gründlich wie nur möglich ausgebildet waren, verbürgte eine den Frieden der Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegründetsten Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rüstzeug für die allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens, Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso Landwirte, Kaufleute und Ärzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung seiner Gaben und Kräfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester ausgebaut, immer fröhlicher beschritten, immer dankbarer zurückgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rückkehr schenkt, aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.
Übrigens war es nicht so, daß Vater durch die besonderen Aufgaben, die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschränkte. Im Jahre 1905 lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße den Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewöhnlicher innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend, nicht ohne festen Rückhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun. Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche für den Dienst in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde für die ersten Anfänge in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf fernem Vorposten im Osten für Vater und die ganze Gemeinde wie der ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die der deutschen Christenheit gesteckt sind.
Lutindi.
(Der Afrika-Verein.)
Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika mit endgültiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der römisch-katholischen Welt auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in Algier, die römisch-katholische Christenheit aller europäischen Völker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen Erkenntnis, daß es nicht genüge, wenn die europäischen Weltmächte den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrückten, sondern daß es vor allem darauf ankäme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen. Aus dieser Liga ging der Orden der weißen Väter hervor, dessen Boten und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean mit Stätten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.
Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften zersplittert. Würden sie in diesen Fragen Stoßkraft genug besitzen, in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch Völkertrümmer saßen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu tragen?
Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892, unvermutet ein Fräulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren. Ihr Lebensweg führte sie nach Deutschland und später nach England. Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken Verständnis für die Schwäche nicht nur, sondern auch für die Stärke Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers Drummond ins Deutsche übersetzt, darunter die geistvolle Beschreibung seiner Forschungstätigkeit in Inner-Afrika, der er auf Fräulein Sutters Wunsch für die deutschen Leser noch ein besonderes Kapitel über die afrikanischen Sklavengreuel beifügte. Sie war eine glühende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog Vater an, denn auch er hatte die Tätigkeit Gordons im Sudan mit tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte, die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spät kam und der edle Mann sein Leben lassen mußte.
Nun stellte es sich heraus, daß Fräulein Sutter die katholische Afrika-Liga genau studiert hatte und dafür brannte, daß die evangelische Christenheit doch nicht zurückstehen, sondern in ähnlich großzügiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der Negerstämme mithelfen möchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift über den Sklavenhandel verfaßt, die in Hunderttausenden von Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die führenden Kreise aufgesucht und überall Verständnis für ihre Absicht gefunden, aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefühle zu einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die außergewöhnliche Glut, die in ihr für alles Vergessene, Verachtete, Verstoßene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieser kinderlosen, einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt spürte er den Pulsschlag eines im höchsten Sinne mütterlichen Herzens, das für Millionen von armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.
Nie hatte Vater den Eindruck, daß er selbst genug getan hätte, daß in Bethel genug geschähe, daß man überhaupt jemals genug tun könnte. Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein einziger kleiner kühlender Tropfen auf die weite fieberheiße Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Fräulein Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz in Berlin und unter einem dortigen Präsidium, der evangelische Afrika-Verein.
Kulturelle, soziale, humanitäre Pflege der Eingeborenen in allen deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle evangelischen Kräfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen. Kulturstationen sollten in Afrika gegründet, in der Heimat geeignete Kräfte für die Hebung und Förderung der Eingeborenen herangebildet, zunächst aber in erster Linie für die befreiten und zu befreienden Sklaven gesorgt werden.
Das Blatt „Afrika” sollte alle diese Aufgaben vor der Öffentlichkeit vertreten. Pastor Müller, Grottendorf, später Superintendent in Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine große Hingabe bewährt hatte, übernahm mit höchstem Fleiß die Herausgabe des Blattes. Namentlich mit der Bekämpfung der Schnapseinfuhr in die Kolonien setzte das Blatt sofort mit größter Energie ein.
Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer selbständigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im Viktoria-Nyanza zwecks Gründung einer dortigen Kulturstation, auf der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen führte.
Das kräftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhändler pflegten ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den ostafrikanischen Küstenplätzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote wurde seitens der deutschen Küstenfahrzeuge Jagd gemacht, ihre Inhaber wurden kurzerhand gehängt und die Sklaven in Freiheit gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach ungeheuren Entfernungen an eine Rückkehr in die Heimat denken, und die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten, sie in Pflege zu nehmen. So kam eine große Schar befreiter Sklaven auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verführungsreichen, ungesunden Küstenplatz erwies sich aber je länger je mehr als durchaus ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen Afrika-Verein die Gründung einer besonderen Freistätte für befreite Sklaven auf den gesunden Höhen von Usambara. In unvergleichlich schöner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbächen umrauscht, mit freiem Blick in das grüne Tal des Pangani und in die weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegründet.
Erwies es sich auch, daß das Gelände für eine Ausdehnung der Station zu abschüssig war und daß die Nähe des Urwaldes zu gewissen Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so zeigte es sich doch, daß auch in einem geringen Gefäß edler Wein geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven, namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel endgültig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen, in ihre Heimat zurückgekehrt oder in der umwohnenden Bevölkerung aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu den Füßen des Lutindi-Hügels angesiedelt. Und gerade für diese hatte sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine Aufgabe von eigenartiger Schönheit und Bedeutung gefunden:
Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz für sich allein. Er nährte sich von den Früchten und Wurzeln des Waldes, schlief in irgend einer zerfallenden Hütte und war nur noch mit Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte für einige Augenblicke in Lutindi ein, aß sich satt, ließ sich ein Stück Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet. Auch für Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen bereit, und es gab sich, daß er aus seiner eigenen Schüssel dem verstörten Menschen seine Mahlzeit aufschüttete. Das wandelte dem armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darüber an Vater und schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker, die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwörungen wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestürzt wurden. „Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen?” fragte Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort lautete.
So wurde aus der Heimstätte für befreite Sklaven eine Heimstätte für diese Gebundenen des Geistes und ist es bis heute geblieben. In immer steigendem Maße hat sie sich das Vertrauen aller umliegenden Stämme erworben. Oft Tagereisen weit werden die Kranken gebracht, manchmal noch mit Fesseln aus Lianen gebunden, aber doch nicht mehr, um sie dem Tode auszuliefern, sondern in der Hoffnung, sie einmal genesen wiederzubekommen. Aus den befreiten Sklaven und ihren Frauen sind einige der bewährtesten und treuesten Pfleger und Pflegerinnen geworden, die furchtlos sich in die kleinen Zellen der armen Tobenden hineinwagen und sie mit der Ruhe und Gelassenheit versorgen, in der sie vielfach uns unruhige Europäer übertreffen.
Gleichzeitig hat sich rings um die Station her in kleineren und größeren Niederlassungen eine Christengemeinde aus den Waschambalas gesammelt, die wie eine warme, schützende Mauer die Pflegestätte der Geisteskranken umgibt.
Diese Heimat der Geisteskranken ist begreiflicherweise ein besonders geliebtes Pflegekind der Gemeinde der Kranken von Bethel und ihrer Pfleger und Pflegerinnen geworden. Als der Oberpfleger Lutindis aber steht in unserer Mitte der, dem Vater diese Arbeit besonders ans Herz gelegt hat, unser lieber Bruder zur Heiden. Schon als Hausvater des Hauses Zoar, wo er manchen Kandidaten in den Dienst an den blöden Knaben einführte, hatte er die Fürsorge für Lutindi als Nebenaufgabe übernommen. Und als „Fürst von Zoar”, wie er nach der alttestamentlichen Geschichte von seinen Kandidaten genannt wurde, waltet er noch immer seines Pflegeamtes an Lutindi; der einzige der deutschen Fürsten, wie er selbst feststellte, an den kein Umsturz sich bis jetzt heranwagte.
Wenn auch die hohen Hoffnungen des Afrika-Vereins mit seinen ganz Zentral-Afrika umspannenden Kulturplänen zunächst unerfüllt blieben: in Lutindi ist Saat für die Zukunft ausgestreut. Denn hier ist ein Vorbild geschaffen, wie unter Führung eines Unstudierten, der aber Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat, und seiner gleichgesinnten tapferen Frau ein Brennpunkt entstehen kann, der das Licht und die Kraft barmherziger Liebe bis in weite Fernen trägt. Wenn es der Bethel-Gemeinde vergönnt war, bald da, bald dort ein Licht im dunkeln Afrika anzuzünden, so habe ich während der unvergeßlichen Zeit afrikanischer Arbeit keinen Ort gefunden, der so sehr an die Muttergemeinde in Bethel erinnerte, als — wie Vater sie so gern nannte — „die herrliche Höhe Lutindi”.
Die Ausgestaltung.
Als Pastor der Gemeinde.
Die Aufgaben, die sich auf Vaters Schultern legten, sah er nie an als bloß ihm persönlich, sondern als der ganzen Gemeinde gegeben. Er konnte und wollte seine Arbeit nicht tun ohne ihre innere Zustimmung und Mithilfe. Darum blieb die Gemeinde immer der Kern seiner Tätigkeit, und die Verkündigung und Pflege der göttlichen Wahrheit in der Gesamtheit und an den einzelnen hat er für sich und seine Mitarbeiter immer als den eigentlichen Mittelpunkt angesehen.
In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich, wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und vollends in Bethel ließ ihn das Gedränge seiner Arbeit selten vor dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte er nicht gut am Studiertisch nachdenken können. In Dellwig war er am liebsten in den Wald und die einsamen Weiden längs des Ruhrtals gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurückzog. Dort zwischen den Gräbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden ihm zu Auslegern und Zeugen für das, was er der Gemeinde bringen wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten Bengel, Rieger und Löhe.
Je näher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich auf ihn. „Gib mir ein Tröpflein für meine arme Gemeinde!” hörte man ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte, sondern Erlebtes, Erkämpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut heraus Erbetteltes. Aber wenn er dann auf der Kanzel stand, dann merkte man nichts mehr von den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Dann war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Höhen kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im Herzen, saß zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die Kanzel trat und den Gruß in die Gemeinde hinunterrief: „Gnade sei mit euch und Friede!” Es sei ihm, erzählte er später, durch Mark und Bein gegangen, hätte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender Gewalt habe er hier gespürt, das sei erfahrene Gnade, erlebter Friede, die auch für ihn erfahrbar und erlebbar seien.
Die Predigt, die auf solchen Gruß folgte, konnte darum auch nur auf Tatsachen sich gründen. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem. Wenn ich nicht irre, ist es Professor Kähler gewesen, der einmal sagte: „Die beste Art der Evangeliumsverkündigung ist nach Gesichtspunkten geordnete Erzählung.” So war es bei Vaters Predigt. Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten und die Teile mit Geschichten gefüllt; vor allem mit Geschichten der Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen; Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der Krippe; wir saßen mit im Boot auf dem stürmenden See; wir lagerten im Grase mit den Tausenden, und die Jünger teilten Brot und Fische unter uns aus; wir sahen Jairi Töchterlein vor uns die Augen aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.
So wurden angesichts der Großtaten Gottes die eigenen Sorgen, Wünsche, Erlebnisse und Zweifel klein. „Was ich besitze, seh’ ich wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.” Die Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten überragend, stand unmittelbar vor uns, den Ernst und die Güte Gottes auf der Stirn, Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der Glaube zustande, nicht durch Überredung, sondern durch den Anblick der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand, trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen Nachfolge willig wurde, und die Buße, die mit Petrus sprach: „Herr, gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!”
Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Buße lockte und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte, solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Fürsten des Lebens uns aus ganzer Macht zu überlassen. Dann sandten die Gräber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann, Pastor Stürmer und der treue Mellin, und die Brüder und Schwestern, die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den Tod. Und die Apostel und Märtyrer mischten sich hinein und die Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Aussätzige, rief: „Hört es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein Sterben mehr; hört es, Leute, Leute!”
So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von einer Liebe, die sich auch zu dem Schwächsten herunterließ und sich auch dem müdesten Kopf verständlich machte. Denn diese aus der Schrift und dem Leben geschöpften Geschichten konnte jeder verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der großen, herrlichen Wirklichkeit, der über ihnen lag, ging mit in die Woche hinein.
Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende Ereignisse, Erlebnisse, die über alles andere Erleben hinausgingen, darum brauchte auch der Gesundeste, Klügste, Nachdenksamste unter uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehört hatte, angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin, wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm plätschert. Nicht hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die ganze Zuhörerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefaßt.
Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wäre es eine Rede gewesen, so wären uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gespräch war, wo Frage und Antwort wechselten, darum ließen wir ihm gern lange Zeit. Er sprach mit allen, mit denen, die körperlich vor ihm saßen, und mit den andern, die im Geiste versammelt waren. „Paulus, Paulus,” konnte er wohl fragen, „was sagst du? Ich sterbe täglich? Ich verstehe dich nicht, wie meinst du das?” Und dann fragte er wieder in die Gemeinde hinein: „Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie Paulus das eigentlich meint?” Und wenn die Antwort noch auf sich warten ließ, dann ging er zu Luther hinüber und fragte den, bis es eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: „Es bedeutet, daß der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.”
So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt, alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden, einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Buße über den Kreis des eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat für den andern ein, einer empfing für den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere Hilfe wuchsen schließlich nicht nur über die Grenzen des eigenen Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinüber; wir lernten teilnehmen an den Aufgaben draußen, für die Vater der Kanal war, der sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden.
Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das über diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, daß die ganze Kirche hell und aus vollem Herzen lachte, und im nächsten Augenblick, wenn der Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war, durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst über der Versammlung. „Hört ihr den Todesschrei?” rief Vater dann wohl. „Wir können es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch für uns kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.”
Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren hatte Vater die Liturgie mit Rücksicht auf die Kranken in besonderer Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt in Buße, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang. Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die für die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt, erlebte er sie, während er sie las. Und so durchlebten wir sie mit. Er war wirklich unser Anführer in Beugung, Bitte und Lobpreis Gottes, sodaß trotz der regelmäßigen Wiederkehr die Liturgie uns keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt füllte.
Große Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen Anhang beigefügt, der außer einer großen Zahl wertvoller Lieder die ganze Liturgie enthielt, sodaß jeder Kranke und Gesunde, der neu in die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den Abend- und Wochenfeiern zwischen Männern und Frauen abwechselnd gesungen wurden. Die Lieder ließ Vater am liebsten ganz durchsingen und zwar so, daß ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen. „Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein.” Und wer wird je den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis zu den höchsten Tönen sich schwingend und dann wieder, wenn alle andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten Saiten des Herzens rührend und so die ganze Gemeinde auf den Flügeln des Liedes vor Gottes Thron tragend!
Unvergeßlich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei diesen Gottesdiensten mitwirkten.
Vater Scheele hatte den Küsterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm. Erst im Alter war er zur Besinnung und gründlichen Umkehr gekommen. Nun stand er Sonntag für Sonntag, sein Samtkäppchen auf dem Kopf, am Haupteingang, um die Kirchgänger zu empfangen, den Glanz Gottes auf seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber für meine Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: „Ich will lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen Hütten.”
Der Glockenläuter Waltemath! Er zog die Glocke während des Vaterunsers am Schluß des Gottesdienstes und zog sie die Woche über dreimal täglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon. Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht wußte, wohin fliehen, gefaßt und den fast zwei Zentner schweren ungelenken Mann die 40 Treppenstufen hinunter und ins Freie getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzählige Stunden Schlaf kostete, ihn oft mühsam um Atem kämpfen ließ, aber den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in diesem Frieden seinen Kampf vollendet.
Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner pfälzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in unvergängliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es störte uns nie, wenn manchmal die Töne durch einen Anfall Eppelsheims jäh abgerissen wurden. Und auch auf ihn paßten die Verse, die „Martin”, der bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schönen Liede auf den „Mönch und seine Freundin” sang:
Liederleben, Geisterleben Bebte hin durch seine Adern, Feuer strahlten seine Augen, Tiefe, heil’ge Herzensglut. Jesuslieder waren’s alle, Siegsgewaltig, liebesfeurig, Brautgesänge, Hochzeitsweisen, Gottesstreiter Schlachtgesang. Ei, wie brausten die Register, Jauchzten hell die scharfen Zimbeln, Donnerten die tiefen Bässe: Ein’ feste Burg ist unser Gott!
Der Kassierer Lahusen! Während Vater Scheele am Hauptausgang die Kollektenbüchse aufhielt — es wurde bei jedem Gottesdienst eine Sammlung gehalten —, stand er bescheiden Sonntag für Sonntag mit seiner Büchse an einer Seitentür, um dann am Schluß die gesamte Kollekte zu zählen. In Südamerika, wo seine alte bremische Familie Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hände gefallen, das über Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er in Vaters Stube und fragte: „Können Sie mich brauchen?” So trat er erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in die Arbeit ein. Ein Jüngling im Silberhaar. Immer im Trab — wohl an die siebzig Mal stürzte er während der Jahre seines Aufenthaltes im Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot für die Kinder am Wege, ein verborgener Freund geängsteter Seelen, voll Lebenskraft und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.
Und schließlich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das Abkündigungsbuch. Sie hatte die Tücher auf den Altar zu legen und ihn zu schmücken. Sie besorgte das Taufwasser, führte Täufling und Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgäste mit stillem Wink an ihre Plätze. Und das alles tat sie mit einer Würde, Demut und Anmut, daß ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war eine glühende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Königshaus vereint mit anbetender Hingabe an das Königreich Gottes. Mit engem Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Sünderschaft wurzelnd und in die Höhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrämerin Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13–15), die unter uns mit den besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.
Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in den Krankensälen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fällen hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gänge und Irrgänge der einzelnen Seele. Dazu hätte es der Gabe der Menschenkenntnis bedurft, und die besaß er im eigentlichen Sinne nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurückhaltend, fast schüchtern ist dem andern gegenüber, voll angeborener Achtung vor der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verständnis, wenn auch der andere Zurückhaltung übt.
Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil man ihm in tiefster Not nicht vertraut hätte. Aber die Last wurde klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schämte sich in seiner Nähe der kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine Welt, in der Schwachheit und Verdruß liegen unter unserm Fuß. Man war wie mit einem Ruck über die Wolken gehoben in den Sonnenschein des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die tiefen Täler der Seele. „Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.” Wesenlos wurde es im Lichte der Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tälern der Seele, das Gemüt immer wieder zum Bösen weckend, immer uns anklebend und träge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoßen, der einzelne sah es selbst.
So führte diese Art des Vaters, ohne daß er sich dessen bewußt war, zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Höhe und zur klar erkannten Sünderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag die große Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe, beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden Gottesnähe gerückt. Das war aber nur darum möglich, weil Vater selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Sünderschaft, sobald er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.
Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel höherem Maße in seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein großer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater studierte ihn gern. Aber einmal faßte er ein Kind, das gerade neben ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: „Solch ein einziges Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.”
An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten, wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. „Meine geliebte Tochter,” sagte er, „vergib mir alles, was ich an dir versäumt habe!” Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde er ganz klein und ganz groß zugleich und lebte uns vor, daß nur, wer sich selbst erniedrigt, erhöht werden kann.
Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht weichlich; namentlich nicht mit körperlichen Zuständen. Ich kam einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gütersloh nach Hause. Der Körper wollte dem Geist nur noch mühsam gehorchen. „Junge,” sagte er nur zum Abschied, „nun kümmere dich nicht zu viel um deinen armen Kadaver” — fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch emporgehoben.
Verstimmungen überwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst gekämpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit elendem Nörgeln zur Plage geworden; schließlich hatte Mutter es Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben? Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu helfen: „Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den muß ich einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben.” Nichts weiter. Als die Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche und ähnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden, namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.
Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch über die schwächste Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schüttete seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom über uns aus. „Schelten”, sagte er, „richtet Zorn an, aber Ermunterung macht fröhliche Leute.” Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das nicht ehrsüchtig war, sondern demütig blieb, darum machte es nicht hochmütig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des eigenen Herzens, sodaß Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.
Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns hineingepreßt, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das Verständnis und in die Gemeinschaft seines Herrn geführt, den einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es war die einzige Gelegenheit, wo er vorher — von besonderen Fällen abgesehen — uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem von uns einen Kuß. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwächste, Kleinste, Ärmste, Sündigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfährt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so hilfst du mir.” Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit, von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.
Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines Wesens wiederzugeben. Nichts Frömmelndes, nichts Weichliches lag in seiner Erscheinung, sondern urwüchsige männliche Kraft, mit harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt, mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann wieder über alle Welt hinausblickend.
Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergötterung daraus. Wo er spürte, daß jemand für ihn schwärmte, da zog er sich zurück. Es kam ja allmählich ganz von selbst so, daß er als Vater der Gemeinde alle „Du” nannte. Aber da, wo er merkte, daß jemand sich an ihn hängte, sagte er aus unmittelbarem Gefühl heraus „Sie” und nicht „Du”. „Hängt euch an keinen Menschen!” Wie laut, wie dringend hat er uns das oft zugerufen! So löste er die Gemeinde von seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen ließ: Liebe, die mich hat gebunden — An ihr Joch mit Leib und Sinn, — Liebe, die mich überwunden — Und mein Herz hat ganz dahin: — Liebe, dir ergeb’ ich mich, — Dein zu bleiben ewiglich.
Frühlingszeit.
Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der größte Teil der Häuser von Bethel hinzieht, macht den Frühling immer besonders schön. Schon Ende Februar kommen überall im Buchenwald die blauen Leberblümchen hervor, und hinter ihnen her dringen im März zwischen dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen wieder, Rotkehlchen und Rotschwänzchen kommen hinterher und all die andern Sänger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den schönsten Akkord in das Konzert mischt.
Einem solchen Frühlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter der Verkündigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach. Überall blühte und grünte es, und von überall her stellten sich, wie die Sänger in Wald und Feld, Kräfte ein, um die Mauern Zions zu bauen.
Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhäusern in Schildesche und Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens — keine Fremden also, sondern längst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil in westfälischer Art und Zähigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde einsetzend. Und hinter ihnen her strömten dem Diakonen- und Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu. Nie würde Vater so treue, bewährte Kräfte für die wachsenden Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ängstlich bis ins einzelne angeleitet und beaufsichtigt hätte. Er kommandierte nicht, sondern vertraute ihnen. Er lähmte nicht durch enge Regeln, wohl aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei, drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jüngeren Mitarbeiter schrieb nach Vaters Tode: „Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen und zur Buße geführt? Eigentlich nur dadurch, daß er uns Liebe erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so manches Mal gewünscht, er möchte mir doch einmal gründlich die Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, daß er mir gesagt hätte: ‚Du bist doch eigentlich recht hoffärtig.’ Nein, er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schämte man sich und fing an, innerlich zu weinen.”
Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie vorüberziehende Sänger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute Frauengestalt, Töchter vornehmer Familien, die für längere oder kürzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die Gäste des von Fräulein Heidsiecks fürsorgender Hand geleiteten Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und über die zunächst drängenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick in die Weite lenkten.
Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen Sängerchor bildend, der für sich übte, aber nur um desto besser in dem einen großen Konzert mitzuwirken. Was für einen Frühlingschor besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Töchtern des Landes, die von nah und fern kamen, um für eine Zeitlang zu helfen, wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem ägyptischen Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft würde. Und als nun ein Jahr später gar noch das zweite kleine schwarze Mädchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine Frühlingszeit über dem Kinderheim an, wie es sie schöner wohl nie erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins, Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hände auf zu Gott!
Ganz verborgene Chöre gab es auch, wie die Stimmen der Sänger im Walde, denen niemand zuhört und die doch das Singen nicht lassen können. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur aus zwei oder drei, fünf oder sechs bestehend, die am Feierabend zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Kräfte der innersten Harmonie gingen von diesen ungehörten und ungekannten Sängern aus!
Unter solchem Frühlingswehen konnte es nicht anders sein, als daß die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande draußen, innerhalb und außerhalb der westfälischen Grenzen, wurde durch die Schwestern und Brüder eine Station nach der andern übernommen. Alle diese Außenstationen waren zugleich wie kleine Sammelbecken, die mit dem Übermaß ihres Elends auf Bethel angewiesen waren. Wohin mit den Verkrüppelten, Blinden, den Geistesschwachen und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschloß? Immer freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brüdern die Regel mit auf den Weg: „Ihr dürft niemals denken, als hätten wir die Barmherzigkeit für uns gepachtet”; d. h. sie sollten alles tun, um in solchen Fällen der Not die näheren und entfernteren Angehörigen der Kranken nach Möglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht ging, sollten sie für anderweitige Familienpflege sorgen, sollten schließlich alle zunächst in Frage kommenden Pflegehäuser und sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen. Aber wenn alles versagte: „Dann dürft ihr bei uns anklopfen.”
Wie oft kam es vor, daß eben wirklich alles andere versagte! So nahm das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den einzelnen Häusern ein Zusammendrängen und Zusammenschieben, bis es schließlich nicht anders ging und wieder gebaut werden mußte.
Und nicht nur für die Kranken mußte gesorgt werden, auch für ihre Pfleger. Oft erzählte Vater die Geschichte von der Kuh des alten Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag. Klagend und jammernd kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: „Es wundert mich gar nicht, daß die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger Zeit gemerkt, daß du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie gestorben.” Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden, innerhalb und außerhalb der Gemeinde, dann mußte auch für die Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand für die Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des Teutoburger Waldes und für die Brüder das auf der frischen Höhe liegende Pella — beides Zufluchtsorte für Zeiten der Erholung und inneren Sammlung. „Ihr dürft die friedsame Ruhe nicht verlieren,” hat Vater uns oft zugerufen.
Inzwischen waren draußen in der Senne durch die Kolonisten von Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was für eine wertvolle Ergänzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel ist schwer und für die schwächeren unter den Epileptischen nur bei gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und Schwächsten immer wieder die Befriedigung einer nützlichen Tätigkeit gewährt. So siedelte allmählich eine Ackerbaustation nach der andern aus Bethel nach der Senne über. Die Krüppel folgten, dann auch die Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller genasen als unter den kräftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger Waldes, und schließlich kamen auch noch mehrere Stationen der Gemütskranken dazu.
Auch Wilhelmsdorf selbst mußte sich dehnen, denn es zeigte sich immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht möglich, sie nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das hätte nur geheißen, sie aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere Trinkerheilstätte. Auch den Schiffbrüchigen gebildeter Stände, für die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich nicht entziehen, sodaß auch für sie eine Heimat geschaffen werden mußte.
Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200 Insassen zählt, den Namen Eckardtsheim erhielt, schenkte in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller Anstaltshäuser in der Senne wurde.
Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der Senne der Mutterkolonie drüben im Teutoburger Walde bot, verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den von Wilhelmsdorf abgezweigten Häusern bewährt hatten, baten: Stoßt mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in Bethel eine meinem früheren Beruf entsprechende Arbeit, laßt dort meine Kräfte allmählich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu neuer Fahrt in die stürmische Welt! War es möglich, solche Bitte abzuweisen?
Sollte sie aber gewährt werden, so mußte nun auch Bethel sich wieder dehnen. Es mußte seine Werkstätten, seine kleinen Betriebe erweitern, um Arbeit zu schaffen für die, die nur unter zweckvoller Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Kräfte gewinnen konnten. So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an die Buchbinderei schloß sich ein kleiner Laden an mit Heften, Bildern, Büchern; ähnlich ging es bei der Tischlerei, der Gärtnerei und den andern Handwerken. Auch für die Vorräte an Lebensmitteln, die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen holländischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war, mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem Ladentisch stehen und seine Gäste bedienen.
Es konnte nicht ausbleiben, daß über solchem Wachsen Teile der Bielefelder Geschäftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schöne Tal für die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch nicht einmal an dem geschäftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen hätte bieten können, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder in überzeugender Weise dartun, daß die Entstehung und Entwicklung der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wäre, einen Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, für sich zu behalten, sondern daß es sich vielmehr für die Anstalt darum handele, ihren Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen entsprechende Beschäftigung recht zu dienen, und daß für solches Dienen die Ausdehnung der kleinen Anstaltsgeschäfte ganz unentbehrlich sei. Nicht „womit kann ich verdienen?” sondern „womit kann ich dienen?” sollte der Grundsatz dieser kleinen sich entwickelnden Betriebe sein. Und wenn über dem rechten Dienen auch eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst für die Anstalt abfiel, so durfte ihr das gegönnt werden.
So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die sonst rettungslos versunken wären, zu helfen. Hierfür nur einige Beispiele. Für gewöhnlich wurde an der Regel festgehalten, daß nur, wer sich draußen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und Karre bewährt hatte und für den sich andernorts kein sicherer Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitsplätze in Bethel Aufnahme fand. Aber zum unabänderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos dem Gefängnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen vor; und durch dessen Fürsprache wurde die Strafe niedergeschlagen. Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die Kräfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters Arbeitszimmer gestanden, nie ermüdend, in tiefster Verschwiegenheit, die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise bewährten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen Treue gewesen.
Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer für den Rest seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herüberkam, wo er zunächst ein Jahr lang in Reih’ und Glied rigolt, gerodet und die Karre geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie übte die Barmherzigkeit an ihm, daß sie ihm alle Mittel entzog, durch die er seinem unglücklichen Hang weiter hätte frönen können, sodaß er sich bemühen mußte, in der Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht widerstrebend, sondern freiwillig fügte er sich diesem Zwang und wurde schließlich einer der glücklichsten Menschen, die in unserer Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem früheren Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein Sterben ein Segen für viele geworden.
So könnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll Unruhe und Niederlagen schließlich zum Frieden und zum Sieg gelangte und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben. Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwähnt. Von einem nächtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollständig erfroren, daß sie abgenommen werden mußten. Darüber kam er zur inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft, die von ihm ausgingen, waren so stark, daß die unruhigen Knaben keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor ihnen stand.