II. 1872–1910. Bethel. (continued 2)
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Er stammte aus der Gemeinde Werther, zwei Stunden nordwestlich von Bielefeld. Dort hatte sein Vater eine kleine Stätte besessen, d. h. ein eigenes Haus mit einigen Morgen Acker, die er mit den Kühen bewirtschafte. Als etwa zwanzigjähriger Jüngling war Heermann von dem Boden auf die Diele gestürzt, und als Folge dieses Sturzes hatte sich eine Störung seiner Sehkraft und schließlich vollständige Erblindung herausgestellt. Aber die Nacht, die sich über sein äußeres Leben legte, wurde ihm zur Nacht von Bethlehem, von der es heißt: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen — Des großen Gottes Freundlichkeit. — Das Kind, dem alle Engel dienen, — Bringt Licht in meine Dunkelheit. — Und dieses Welt- und Himmelslicht — Weicht hunderttausend Sonnen nicht.”
Die Zeit der vollständigen Erblindung Heermanns fiel zusammen mit der Zeit der Erweckung des geistlichen Lebens, die nach der Öde und Dürre des Vernunftglaubens wie ein erfrischender Lufthauch durch das Land ging. Auch in Minden-Ravensberg waren in Stadt und Land die Gewissen erwacht. In kleinen und größeren Kreisen sammelte man sich, um gemeinsam nach Gottes Wahrheit und Willen zu forschen und sich im Glauben an den Versöhner zu stärken.
Heermann wurde einer der Pfleger dieser Kreise. Es kam ihm zustatten, daß er noch in den Tagen des gesunden Augenlichtes gelernt hatte, im Sattel zu sitzen. Jetzt sah man den blinden Mann mit einem Geleitsmann zusammen durch das Land reiten, um bald hier, bald dort die Versammlungen der Glaubenden zu stärken. Bald wußte er so genau auf den Straßen des Landes Bescheid, daß er, wenn er nicht ritt, zu Fuß ganz allein die weitesten Strecken zurücklegte, um nicht nur die Versammlungen aufzusuchen, sondern auch die einzelnen Familien, die den neuen Weg des Glaubensgehorsams beschritten hatten, zu stärken und zu fördern. Auch in mehr als einem adligen Hof des Landes war er ein gern gesehener Gast.
Er blieb nicht bei der Gewinnung einzelner Seelen und einzelner kleiner Kreise stehen. Sein inneres Auge war auf die Erfassung der Volksseele, auf die Gewinnung der Gemeinden gerichtet. Darum lag ihm daran, daß die Kanzeln des Landes wieder mit Männern besetzt wurden, die durch ihre Predigt das tiefste Bedürfnis stillen und zu dem Heiland der Welt führen könnten. Nach dieser Richtung hin leitete er darum vor allem das Gebet derer, die mit ihm eines Sinnes waren. Zugleich unternahm er alles, was zur Gewinnung tüchtiger Pastoren führen konnte. Mehrmals reiste er deswegen nach Berlin, und man gab ihm Gelegenheit, sich vor dem König Friedrich Wilhelm IV. über seine Gedanken und Wünsche auszusprechen.
Das war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Same, der immer reichlicher ausgestreut wurde, ging auf. Ein Frühling neuen Lebens füllte die Hügel und Täler des Ravensberger Landes, und in das stille Rauschen der Bäche, die die verborgenen Wiesentäler des Landes durcheilten, mischte sich das Rauschen des neuen Geistes, der die Herzen erfüllte. Aus solchen Herzen aber erwuchs die Willigkeit, dem Rufe Gottes zu folgen, um den Elenden nicht nur die Häuser zu bauen, sondern sie auch in diesen Häusern zu pflegen, nicht um Geldes willen, sondern frei und umsonst aus Dank gegen Gottes große Heilandstat in Jesus Christus.
Später folgte dann Heermann dem Rufe des Grafen Arnim-Muskau, um dort längere Jahre hindurch in ähnlicher Weise tätig zu sein wie im Ravensberger Lande. Als die Kraft nachließ, lud ihn Vater ein, für den Rest seines Lebens zu uns zu kommen. Er wurde dann in Sarepta zum Seelsorger der Kranken, die aus Stadt und Land Aufnahme fanden.
Bei den Andachten, die er regelmäßig in den Krankensälen hielt, ging ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied Pöppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas, die dann von Heermann ausgelegt wurden.
Im Sterben ließ sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: „Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet”, rief er: „Halleluja, Halleluja!” Es ging uns schon als Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes erzählte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade über diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem beseligenden Glauben.
Bedeutsam aber bleibt, daß Vater diesem schlichten Mann des Volkes vor andern grundlegenden Einfluß zuschrieb für die Bereitung des Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.
4. Pastor Stürmer.
Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe nötig. Zu suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Stürmer kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps außer allen andern Pflichten, die er übernommen hatte, die ganze Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Stürmer kam und erlebte jene erschütternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein großer Trost gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu unlöslicher Freundschaft.
Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der Ordnung der Verhältnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich aber nicht entschließen können, selbst nach Ducherow überzusiedeln. Statt seiner empfahl er seinen Freund Stürmer. Nach siebenjähriger Tätigkeit in Ducherow kam dann Stürmer, der sich inzwischen verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natürlich ein großes Ereignis für uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.
Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin Stürmer den größten Respekt entgegengebracht. In Stürmers äußerer Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine unerschütterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben. Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit, Milde und Herzensgüte, daß man sie nur zu sehen brauchte, um ihr Verehrung entgegenzutragen. Daß auch mit den Kindern dieser Eltern uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von selbst.
Vor allem entlastete Pastor Stürmer unsern Vater in der Arbeit an den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis nicht mehr so, wie er es wünschte, gekonnt hatte, tat jetzt Stürmer: er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein kurzes gütiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu dämpfen, so nahm Pastor Stürmer sich die Muße, dem Herde des Feuers nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst einen großen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war überhaupt seine Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, führte er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des Epileptischen auf den festen, unerschütterlichen Grund der ewigen Wahrheit und des ewigen Friedens.
Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie, sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestät Gottes, die er an der Hand irgend eines Schriftwortes vor die Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.
Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte. Auch hierin ergänzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet nicht weiter gebracht hatte, als daß er mit einem Finger eine Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der Hügelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau überflüssig geworden und stand nun im Speisesaal von Groß-Bethel. Um diese Orgel sammelte Stürmer den Chor der Epileptischen. Der 126. Psalm — „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” —, mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor Stürmer zuerst eingeübt worden.
Auch die Aufnahme der Epileptischen übernahm Pastor Stürmer, insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des Geldes willen abzuweisen. Aber seine Güte war doch nicht selten mißbraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten und den Wohltätigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten. Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es nicht so. Und Pastor Stürmer ging mit zäher Treue allen Quellen nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.
Während die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor Stürmer der Leiter der Brüder. Doch blieb das feste Band dadurch erhalten, daß Vater bei den Brüdern eine oder zwei Unterrichtsstunden gab, Stürmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drängte Stürmer zur Klärung und Entscheidung. Vaters unermüdliche Geduld konnte nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlaßte zurückzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und Diakonen, die Tag für Tag mit solchen ungeeigneten Kräften zu tun hatten, oft Außerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre Schultern im Tragen und Ertragen gestählt und manche derartige Kraft mit seiner unermüdlichen Geduld innerlich überwunden und dadurch der Arbeit erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wäre.
Stürmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den Brüdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur kürzer ist als die der Frau und die Brüderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit gehemmt worden wäre, wenn Pastor Stürmer nicht immer wieder schnell die lauen Elemente abgewehrt hätte.
Seine Entschiedenheit trug er natürlich auch in die Schwesternstunden hinüber und ergänzte so Vater in der Erziehung der Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit glätten konnte, die Stürmers Arbeit an den Brüdern mit sich brachte.
Stürmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit der Überzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Stürmers Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde zum großen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in Witten, dem Stürmer als väterlicher Freund nahe stand, hat mit dem Titel „Unter dem Rauschen des Gottesbrünnleins” (erschienen in der Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszüge aus den Predigten und Stunden Stürmers herausgegeben. Wer Stürmer ganz verstehen und einen Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist, der muß zu diesem Büchlein greifen.
Die Texte, über die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden, verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Stürmer hielt sich unerschütterlich daran. So waren einmal für die Abendgottesdienste der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden, und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der Passionswoche, fiel das erste Wort: „Vater, vergib ihnen.”
Nun traf es sich, daß an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst gehalten; am Abend sollte die Feier sein, in welcher Pastor Stürmer die Freude und die Wünsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Stürmer blieb bei dem, was einmal festgelegt war: „Vater, vergib ihnen.” Und es ergab sich, daß der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Sünden heraus ja in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. „Denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.” Auf diese beglückendste Wahrheit stellte Stürmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.
Die unerschütterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Stürmer gegen Vater erfüllte, brachte es mit sich, daß er bei Tag und Nacht bereit war, Vater zu entlasten und zu ergänzen. Es gab keine Reise, keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick, wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn übertragen konnte. Wie oft sind wir Kinder hinübergesprungen durch den Garten des Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu überbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen hat man ihn nie hören.
Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er sie dann Pastor Stürmer zur gründlicheren Behandlung aller ihrer Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Stürmers mit Epileptischen gefüllt, die rings um ihn her saßen. Er pflegte dann wohl in großer Gemütsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern mit dem Bleistift aufzurollen, — denn um den Umschlag wieder verwenden zu können, zerschnitt er ihn niemals — und während dessen hörte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch für die gesunden Anstaltsglieder blieb das Stürmersche Haus ein stets weitgeöffneter Ruheport und für die Gäste, die kamen, eine nie sich schließende Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte, eine große Wohltat für unsere Eltern.
In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft großartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Stürmers Kraft. Während eines Familienabends bei den epileptischen Damen in Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. „Es ist schwer, nichts zu sein”, seufzte der tätige Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlöst war, rief Vater an seinem Grabe: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt.” Das ging uns durch Mark und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schließlich zur völligen Lähmung führte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.
5. Otto Mellin.
Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses. Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war, längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf seinem Angesicht und in seinem Wesen.
Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.
Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten, innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen, zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.
Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich. Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte, entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr und Fahrkarte einstecken.
Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den kleinsten Pfennig verantwortlich.
So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein Diener des Erbarmens.
Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal, „soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu’ und Glauben, wie beim Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken den Frieden einbüßte.
So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte. Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen, sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet sein läßt.
In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.
Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete, fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern, der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag, an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und getreuer Knecht — gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.
6. Die Ärzte.
Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder Ärzte, die nebenamtlich die Kranken der Anstalt besuchten, erst Dr. Tiemann, dann, als seine Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Müller-Warneck, beide alten Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten. Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden nicht täglich, sondern, abgesehen von besonderen Fällen, nur zwei- oder dreimal die Woche besucht. So waren die Besuche der Ärzte in den Anstaltshäusern verhältnismäßig schnell erledigt. „Unsere lieben Ärzte haben nicht viel zu tun,” hörte man Vater in jener Anfangszeit öfter sagen, „die Brüder und Schwestern machen die Hauptsache.”
Es ist später wohl der Vorwurf erhoben worden, es wäre in jener ersten Zeit auf ärztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle ärztliche Kunst sich bereits umsonst abgemüht hatte. Allmählich änderte sich das, und namentlich das Gesetz über die Fürsorge für Epileptische und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, daß mehr und mehr auch die frischeren Fälle der Epilepsie zur Behandlung kamen. Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter geschlossener Häuser für Epileptische und Gemütskranke gab vollends dem Krankenbestand gegenüber den ersten Anfängen ein ganz verändertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter ärztlicher Kräfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der es ermöglichte, auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu bringen.
Doch liegt auch für das Urteil des Arztes die Bedeutung des Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen Atmosphäre, die sie umgibt. Das Leben der Zurückgezogenheit, der Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat für die Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine feste, ärztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmäßigen Wechsel von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und Pflegerinnen sind für den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach angenommen wird, niederdrückend, sondern beruhigend und ablenkend. Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand zu gehen, bei den Schwindeln und Anfällen ihrer Mitkranken selbst mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen, sodaß sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewährt: „Drückt dich eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter tragen, als an deiner allein.” Aber natürlich gehört dazu, daß die Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend überwinden lassen, sondern mit fröhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn er sagte: „Die Schwestern und Brüder tun die Hauptsache.”
Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen heraus genauen Bericht über Stimmung und Zustand des einzelnen Kranken geben können. Sie haben die für die ärztliche Behandlung notwendige Liste über die Schwindel und Anfälle zu führen, die bei jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlässiges Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen ärztlichen Behandlung.
Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater für die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ältere Arbeiten ähnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken ergänzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als Hilfsbuch bei den wöchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl Brüdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen zu wollen.
Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des Arztes eingegriffen. Für seine Person war er am liebsten sein eigener Arzt. Seine gründliche Morgenwäsche und sein Trunk frischen Wassers vor dem Morgenfrühstück und dem Nachmittagskaffee waren seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Maße bei ihm bewährten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen Gebiet hat er je einem Kranken Ratschläge gegeben. Alle diese Dinge überließ er ganz dem Arzt. Für ihn war die Krankheit selbst im Grunde das große Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten und schließlich dafür danken.
So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes völlig getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einen Gebiete, dem des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekämpft werden mußte. Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, für den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich überwinden half und damit die tiefsten Kräfte des Kranken weckte, so daß er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ängstlicher Sorge oder stumpfer Gleichgültigkeit fügte, sondern mit der Gelassenheit des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenstöße nicht denkbar, und die sachliche Scheidung ermöglichte die freundschaftlichen Beziehungen auf persönlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen zwischen Vater und den Ärzten bestanden.
Rückblickend darf hier wohl gesagt werden, daß die große Pietät und die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenüber für Vater ein Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden nicht und wollte er auch nicht sein. Das hätte zu Kämpfen führen können, die möglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung gefährdet hätten. Aber Kämpfen auf Gebieten, die ihm nebensächlich erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen: die innere Harmonie der gesamten Arbeit.
Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um für die wachsende Zahl seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die Möglichkeit zu gründlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen, erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden Ärzte noch um weitere Mitglieder, so daß ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist, ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld ihren Sitz haben und von dort aus ihre täglichen Sprechstunden in Bethel abhalten.
Den Vorsitz im Ärzte-Kollegium führt seit nun 35 Jahren der ehrwürdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu werden, um eine Fülle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er war für Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern zugleich der fürsorgendste Freund, und so ist er es für viele Kranke gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen gefolgt.
Es ist für die Ärzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in die Tatsache zu finden, daß die Oberleitung nicht in ärztlichen Händen lag; aber der Verzicht, den sie übten, ist ihnen entgolten worden nicht nur dadurch, daß sie von den oft so zerreibenden Verwaltungsgeschäften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch, daß ihnen für ihre hingebende Arbeit ein volles Maß von Liebe und Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenströmte. So wurden sie vielfach in höherem Maße als die mit Nebenarbeiten überlasteten Anstaltspastoren die hochgeschätzten Berater und Freunde der Kranken.
Der Anstaltsvorstand.
Vater wurde einmal gefragt: „Wem gehören die Anstalten eigentlich?” Er antwortete: „Der ganzen Christenheit.” Aber die Christenheit brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und für sie den Besitz verwalteten. Das waren die Vorstände der einzelnen Anstalten. Jede Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand für sich, Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besaß und vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte berufen, Käufe und Verkäufe schließen, Anträge auf Bewilligung von Bauten und Kollekten stellen usw.
Warum — so wurde des weiteren oft gefragt — sind denn drei Vorstände nötig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und warum vollends drei Vorstände beibehalten, wenn doch, wie es in der Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich die Mitglieder des andern waren?
Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswärtige Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab Kreise, die von Anfang an für die Epileptischen mitgearbeitet hatten, aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber von der Diakonenarbeit kaum etwas wußten. Diesen Kreisen jedesmal das gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wäre zu viel verlangt gewesen. Die Schultern wären überlastet worden, und das Interesse wäre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr als das Ganze.
Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische Person konnte für ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere Anträge auf Gewährung von Beihilfen aus öffentlichen und aus privaten Mitteln stellen. Wäre es, statt drei, nur eine juristische Person gewesen, so hätte die Einbuße an Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln eine beträchtliche sein müssen. Darum blieb die Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewährt.
Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, daß die Vorstände dieser drei juristischen Körperschaften sich aus Persönlichkeiten zusammensetzten, die mit größter Treue und Hingabe das Werk von Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.
Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried Bansi und Pastor Simon bereits erwähnt. Bansis Großvater stammte aus dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als Bäcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach Bielefeld geführt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der würzigen Kräuter mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen Geschäftes führte. Unvergeßlich wird Bansis kleine, fast schüchterne Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten zurückschauen können. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause fühlte, weder in seinem Geschäft noch in Bielefeld, sondern sich immer heimlich zurücksehnte in die schlichteren Verhältnisse der Heimat seiner Väter, und der den verborgenen Schmerz zu übertäuben suchte durch rastlose Hingabe an andre. Für wie viele ist er im Verborgenen ein Wohltäter gewesen, und mit welch unermüdlicher Treue hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des Vorstandes geführt!
Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der später Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war. Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane von Kopf bis zu Fuß, wie ein Recke, mit einer Löwenstimme und dann wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besaß ein großes Geschick in geschäftlichen Angelegenheiten und hatte in den fünf ersten Jahren von 1867 bis 1872, während welcher er die Anstalt leitete, eine gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912 weiterbauen half.
Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser Wilhelm I. trug, und an dem wir Kinder mit ehrfürchtiger Scheu emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehörte zu jenen Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des Vorstandes zugute.
Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters Kriegskamerad aus den Feldzügen 1866 und 1870. Er stand an der Neustädter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner Gemeinde der väterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und behielt daneben immer noch Zeit übrig, der jungen Anstalt in unermüdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.
Der geschäftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfängen in den Händen des Kaufmanns Heinrich Bökenkamp. Er vereinigte in seiner Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz der Anstalt ausdehnten, ganz unschätzbare Dienste geleistet.
Es wären noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwürdige Kaufmann Coesfeld, der erste Anstaltsarzt Dr. Tiemann, dessen Namen Vater immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten sind schon fast in der Erinnerung verblaßt oder gar verschwunden. Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten Zeit ist Direktor Mohr, ein Württemberger von Geburt, der aus kleinen Anfängen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.
Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstände nicht mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Präses des Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie erwähnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der die Beratungen der Vorstände vorbereitete und für die Ausführung ihrer Beschlüsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, daß er bald, nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des Gesamtwerkes wurde.
Wenn aber hier und da das Verhältnis zwischen dem Vorstande und ihm so dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschränkter Machtvollkommenheit unter Übergehung des Vorstandes die Leitung in seine alleinige Hand genommen hätte, so wird dadurch das Bild getrübt. Es wird mir vielmehr immer eindrücklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren Vorstandes, die in kurzen Zwischenräumen stattfanden, als der Versammlung der vereinigten weiteren Vorstände, des „Verwaltungsrats”, die jährlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen, eine völlige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Männern zu erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.
Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, daß seine ganze Überredungskunst dazu gehörte, um bei neuen Schritten einen einheitlichen Beschluß zu erzielen. Aber solche Kraft der Überredung ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, daß aus den Überredeten schließlich Überzeugte wurden.
Auch das andere ist vorgekommen, daß Schritte getan, z. B. Bauten in Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurücksetzung des Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn der Vorstand nachträglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es nicht etwa, weil er wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machte und, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose Versuche aufgab, sie wieder rückgängig zu machen, sondern weil er später, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von grundsätzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die Richtigkeit der Sache einsah.
So oft es Vater zum Bewußtsein kam, daß er seinem Vorstande gegenüber in der äußeren Form die Bahn der buchstäblichen Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und er ungewollt jemand gekränkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam, so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fühlte, daß hier eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenüber Verstimmung, Übelnehmen, kleinliche Verärgerung ausgeschlossen waren.
Und doch läßt sich nicht leugnen, daß gegen Vaters Willen durch seine überragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich fortreißende Tatkraft und durch das große Vertrauen, das er genoß, die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrückt wurde. Nicht daß man keinen Widerspruch gegen ihn gewagt hätte. Es mag wenige Menschen gegeben haben, die Widerstände so vollständig unpersönlich, so rein sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem Widerstand zurückgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wüßte von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare Überzeugung des Vorstandes durchgedrückt oder aufrechterhalten hätte. Bei Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug höher und suchte so in größeren Tiefen oder höheren Höhen neue Wege der Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade diese innerste zarte Rücksichtnahme ließ die Achtung und das Vertrauen nur desto höher steigen.
So aber mußte es kommen, daß manche Vorstandsmitglieder sich überflüssig fühlten. Sie wußten die Sache in den besten Händen; warum noch weiter sich um jede Einzelheit kümmern? Warum nach neuen, jungen Kräften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf die überragende Persönlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah es, daß namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Männer und Frauen das Werk ursprünglich getragen hatten, nicht mehr der Nachwuchs für den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu schenken wird.
Wachstum nach außen.
Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer wachsendem Maße um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Ländern. Immer enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus Sarepta stellte an Raum zur Verfügung, was es nur irgend entbehren konnte. Aber schließlich mußte doch an Erweiterung gedacht werden. Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.
Zunächst wurde für die epileptischen Handwerker, die im Keller des Hauptgebäudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet mit zwei Räumen, einem für die Anstreicher, einem für die Tischler. Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder, die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebäude. Nur ihre Werkstätten wurden in unmittelbarer Nähe in einem kleinen Bau aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bäcker waren die ersten, für die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bäckermeister Meise zogen sie in Bethlehem, dem „Brothaus”, ein, das zugleich einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stände Unterkunft bot.
Erst für das Diakonissenhaus, dann für die Epileptischen entstanden kleine Ökonomien und damit notwendige und hochwillkommene Arbeitsgelegenheiten für die Epileptischen in Stall, Feld und Garten. Zu den Gärten, die rings um die Häuser her lagen und von weiblichen und männlichen Kranken bestellt wurden, kam eine besondere Gärtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflänzlinge und die Blumen für die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden konnten.
So reihte sich in allmählicher Entwicklung eins ans andere. Kein vorgefaßter Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes Programm. Keiner zog, keiner drängte vorwärts. Lediglich die Kranken selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drängten und schoben. Es hätte schmerzliche Stauungen und Störungen gegeben, wenn man solchem Schieben und Drängen nicht nachgegeben hätte. Um so freudiger und zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch das ganze Vaterland um Hilfe bitten für die Not, die aus dem ganzen Vaterlande heraus sich vor die Tür von Bethel legte. Und die Hilfe blieb nicht aus. In dem Maße, als die Erweiterungen notwendig wurden, erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.
Der Besitz an Grund und Boden war ursprünglich nur klein gewesen. Und der größte Teil davon bestand in steilen Berghängen, die mit Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr Eigentum an Wohnstätten und Ländereien zum Verkauf an.
In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren durch Überschuldung zum Verkauf genötigt. „Wir wohnen”, sagte Vater einmal, „zum großen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt hat.” In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die Alkoholnot in erschreckendem Maße. Der Wohlstand ging zurück, die Verschuldung führte zur Überschuldung und zum Zwangsverkauf. Teilweise waren es grauenhafte Umstände, unter denen die früheren Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da schleppte der unglückliche Säufer eins seiner eigenen Kinder an das Bett der Mutter und drückte dem Kind so lange den Hals zu, bis es blau wurde und die gequälte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und das Geld herausrückte. So waren es Stätten des Fluches, die rings um die Anstaltshäuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln sollten.
Trotz der großen Nähe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt Bielefeld blieben die Preise für die zum Ankauf angebotenen Besitzungen in erträglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel darum fort, weil man die Epileptischen fürchtete und sich nicht in ihrer Nähe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit für die Bürger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz, daß ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Süden gerichtete Tal als Stadtgelände entzogen wurde.
Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt für die Epileptischen war unter Führung eines angesehenen Großgrundbesitzers eine von vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklärung erschienen, die gegen die Ansiedlung fallsüchtiger Kranker in der Nähe der Stadt Einspruch erhob. Ihr Anblick müsse die Spaziergänger erschrecken, und die Häuser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und Sandhagens gelegen, würden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen, erklärte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung einverstanden unter der Bedingung, daß ein ähnlich günstiges Grundstück in größerer Entfernung von der Stadt angeboten und die Mittel dargereicht würden zur Errichtung von Bauten, die dem bisherigen Krankenbestand entsprächen. Das Anerbieten wurde nicht angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.
Jetzt sieht man Sonntag für Sonntag die Wege der Anstalt von zahllosen Spaziergängern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nähe der Stadt mußte mit dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu machen. Fernab in großer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem Pulsschlag der Zeit, hätten doch manche das Gefühl haben können, dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.
Die Zeichnungen für die kleinen Werkstätten, für die Umbauten der neuerworbenen Besitzungen und auch für die Neubauten machte Vater der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem Zubettgehen saß dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem Schoß, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem abgerissenen Stück Papier, wie sich das alte Haus umbauen ließe oder wie das neue am praktischsten angelegt würde. Der erste Entwurf wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis der Bauplan schließlich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt und ausgeführt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr geringen Mitteln aus den alten Häusern, die von den bisherigen Besitzern geräumt waren, höchst bescheidene, aber doch oft auch höchst gemütliche Heimstätten für die Kranken errichtet werden.
Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit. Vater stand immer unter dem Eindruck großer kommender Ereignisse. „Kinder,” sagte er öfter, „was werdet ihr noch erleben!” Er rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. „Es wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.” Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, daß der Bau von massiven Häusern sich wohlfeiler stellte als die Fachwerkbauten, die schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit große Ausbesserungen nötig machten.
Waren die Häuser glücklich gerichtet oder vollends zum Einzug hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der Bäckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater verfaßt und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegespräch zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten, der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Gebälk des Baues. Und zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran schloß sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen Bäckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gäste saßen im engen Raum fröhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es war über alle Maßen gemütlich. Aber was für mich die Hauptsache war, es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte, und — das war die Krone — für jeden ein Fläschchen Bier, auch für die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.
Neue Aufgaben.
Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf.
Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen übergroßen Tatendrang auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die französischen Goldmilliarden, die in das Land geströmt waren, hatten viele Augen geblendet. Es waren Gründungen aus der Erde gestampft worden, die sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein großer Rückschlag. Viele Arbeitskräfte, die in die neu entstandenen Fabriken geströmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhältnisse, aus denen sie gekommen waren, zurückzuverpflanzen, gelang nur schwer. Eine große Zahl von ihnen bevölkerte die Landstraßen. Es waren meist die körperlich und moralisch Schwächsten, die am ersten entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn überall stockte Handel und Wandel.
Man nannte dies fahrende Volk „reisende Handwerksburschen”. Aber das, was der ursprüngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte, wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mußte, wollte er sich in seiner Heimat als selbständiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen für sein Handwerk gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse schnell verschlungen haben würde, an seinem Wanderstab durchs Land, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schließlich, als Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die Schritte heimwärts lenkte.
Dabei war es Sitte, daß der Handwerksbursche überall „das Handwerk grüßte”, d. h. bei den Meistern, die mit ihm eines Handwerks waren, um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem Gesellenverdienst für den ersten Anfang als Meister einen kleinen Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der Student auf den Universitäten, so hatten auch diese wandernden Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrücke, deren Sinn nicht jeder verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gäbe waren. Wie beim Studenten, so hieß auch bei ihnen das Geld Moos, das Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hieß Flebbe, usw.
Aber je mehr das Handwerk zurückging und die Industrie aufkam, je mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den deutschen Wanderstraßen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden Handwerksgesellen wurde ein immer höher anschwellender Strom von Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt überzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Türen und baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot, der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe oder ein Hemd, eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei „Mutter Grün”, war es aber kalte Jahreszeit, so mußten den Tag über so viele Pfennige zusammengesucht werden, daß es zum Schlafgeld in der Herberge reichte.
Auch an die Tür des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft schöpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschüssel heraus, und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich draußen gemütlich auf der Stufe des kleinen Windfangs niederließ und sein Mittagbrot verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhältnissen zu erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte Kleidungsstück hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.
Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus hinüber und fand da wieder einen solchen „armen Reisenden”, wie sie sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein Hemd gab, das er flehentlich erbeten hatte. Das Gesicht des Mannes kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, daß derselbe Mann wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich der Mann während der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anlaß, der ganzen Frage der „armen Reisenden” näher nachzuforschen.
Es ergab sich ihm nun, daß viele von ihnen das Reisen längst aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns müde geworden, weil an andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen Stadtteil, bald auch einen der äußeren Bezirke für ihre Streifzüge vor, um sich für den Tag das nötige Essen und für die Nacht das nötige Schlafgeld zu verschaffen.
Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto düsterer wurde das Bild, das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte vor seinen Augen auf, die mit größter Schlauheit die Mildtätigkeit und Gutmütigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schätze von Lebensmitteln und Kleidungsstücken durch die beweglichsten Reden erpreßten. Oft konnten sie nur das wenigste davon für sich selbst verwenden. Alles übrige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, für ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps umgesetzt. Vater stellte in der Nähe von Bielefeld solch eine berühmte Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mästete allein mit den Butterbroten, die seine Gäste bei den gutmütigen Landbewohnern zusammenkollektiert hatten und die sie nun, außerstande, sie zu verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.
Es zeigte sich ferner, daß die Zahl der Reisenden, die an unsere Tür klopften, verhältnismäßig gering war. Unser Haus lag abseits der großen Heerstraße. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger überall. Die Kinder einer Witwe in Gütersloh hatten ein kleines Papphäuschen geschenkt bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhäuschen statt mit Kuchen und Süßigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstücken beklebt war. Es waren im ganzen 52 Geldstücke. Nun schlug die Mutter den Kindern vor, sie sollten, statt das Geld für sich zu verwenden, jedem armen Reisenden, der an ihre Tür klopfte, jedesmal eins der Stücke von dem Häuschen loslösen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an einem einzigen Tage waren sämtliche 52 Stücke fortgegeben. 52 Bettler an einem Tage!
Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmäßige Bettler. Unter die, denen das müßige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt nach Arbeit suchten aber keine fanden. Überall, wo sie anfragten, stießen sie auf Kopfschütteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten, trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher Schritt um Schritt das Betteln lieb, während er sich in gleichem Maße der Arbeit entwöhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen erzog ihn zum Betteln!
Was aber war seitens der Behörden zur Eindämmung dieser Not geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln gefaßt wurde, wurde mit Gefängnis bestraft. Je öfter sich der Fall wiederholte, je höher stieg die Strafe. Da nun aber viele der Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren, schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine „stand Schmiere”, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob die Luft rein und kein Polizist in der Nähe sei, während der andere an die Türen der einzelnen Häuser klopfte und um eine milde Gabe bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam durchgebracht.
Natürlich kam es immer wieder vor, daß die Polizei doch den einen oder andern beim Betteln ertappte und abführte. Je nachdem wurde er dann zu Haft, Gefängnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus) verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja, im Winter war es ihnen sogar erwünscht, verhaftet zu werden. Die Klügsten unter ihnen suchten die Städte auf, weil sie wußten, daß es dort im Gefängnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste Essen gab. Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie gefaßt und zu Gefängnis verurteilt wurden. In den Gefängnissen und Korrektionshäusern selbst aber saßen gewohnheitsmäßige Vagabunden zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. „Die wenigsten Menschen”, schrieb Vater, „wissen, was das heißt, zum erstenmal in ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe für eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum Arbeitshaus.”
So wurden diese Häuser, die das Landstreicherwesen eindämmen sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art über das Land ergoß, körperlichen und seelischen Ansteckungsstoff überall hintragend.
Aber längst ehe sich für Vater diese Einzelheiten ergaben, war er zur Tat geschritten. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen,” das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fügte hinzu: „Wenn wir barmherziger werden wollen, dann müssen wir härter werden.” Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den Jägerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war Vater schon längst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang gleichmäßig nach dem Jägerbrink abzuschrägen und durch eine kleine Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden angeschafft, und als die nächsten Arbeitslosen an unsere Tür klopften, sagte Vater, daß sie gern Essen bekommen könnten, daß es aber keines Menschen würdig sei, bloß zu essen, ohne zu arbeiten, wenigstens solange die Möglichkeit bestände, sich sein Essen durch Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drüben am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen lehnten entrüstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die andern griffen zu Spaten und Hacke und ließen sich nach getaner Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgeführt. Sie steht noch heute, und über ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.
Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute ihr bißchen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben können, dann aber mußten sie ihren Weg auf den Straßen und an den Zäunen fortsetzen. Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens überdrüssig, bat Vater, ob er ihn nicht dauernd behalten und beschäftigen könnte. „Ja,” sagte Vater, „wenn Sie fallsüchtig wären, dann könnte ich Sie behalten.” Da stieß der Mann heraus: „Ich bin aber auch fallsüchtig.”
Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage. In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoßenen Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens. Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit ließ sie diese Unglücklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stieß, eine in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fünf, zehn, zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand. Überall wurde er abgewiesen. Wohl drückte man ihm ein paar Pfennige in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anlaß neuen Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das waren in der Tat Fallsüchtige, deren Los noch schwerer war als das Los der fallsüchtigen Epileptischen!
Was tun? Zunächst durfte der eine nicht wieder hinausgestoßen werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, gründlich zu helfen.
Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von den Tälern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in dessen Sandbänken sich noch heute Muschellager und hin und her zerstreut auch mal ein Stück Bernstein finden. In der Richtung der alten Landstraße, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater mit seinem getreuen Berater Bökenkamp in dieses einsame Land vor. Nur hier und da ein ärmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide, stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern, ein weites ödes Land. Überall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fuß der Ort, eine dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers hinderte und weder für Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen ließ. Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen „Brüdern von der Landstraße”, wie Vater fortan am liebsten diese seine jüngsten Schützlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.
Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel vorübergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in der Senne übersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole: „Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden. Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Das brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drückten sich davon. Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwünschte Parole noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust, versoffen, Männer aus allen Gauen, allen Ständen und jeglichen Alters; Jünglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und solche, die kaum die Schule besucht hatten.
Würde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten für den Fall, daß eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der zusammengewürfelten Schar nötig werden sollte. Aber sie wurde nicht nötig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren, durch nichts anderes gedrängt als die selbst empfundene, selbst erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschluß und die Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten Brotes.
Gerade für diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des zweiten Grabens füllte den ersten, die des dritten den zweiten und so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land für Wiese und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue Hoffnung für eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.
Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August 1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand selbst mit im Graben, den Spaten führend, ein Bruder unter Brüdern, ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch der Schwächste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft für Leib und Seele aus ihr schöpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein Aufstehen für Fallsüchtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit und läutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden Leuten diese Stätte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine Stimme. Dann wurde draußen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: „Längst vergess´ne alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.”
Es konnte nicht ausbleiben, daß der Ruf der jungen Kolonie sich schnell ausbreitete. Von allen Seiten strömte es herbei. Ein Aufhalten gab es nicht mehr. Es mußte gebaut werden. Die schwächeren Kräfte blieben beim Rigolen, die stärkeren legten Hand an bei der Aufrichtung der notwendigsten Räume für Menschen und Vieh. Aber noch ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, daß mit dieser einen Zufluchtsstätte dem überall wogenden Elend nicht gedient war. Es mußte umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand, die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden entgegenstreckte?
Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sich seitdem wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern Herz und Verständnis für den Geringen und Geringsten im Volke gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im Schloßgarten von Potsdam wurde zwischen beiden Männern der Bund geschlossen zum Wohl der „Brüder von der Landstraße”.
Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen. Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie Sammlung in Höhe von einer halben Million Mark überreicht worden. Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hälfte zur Gründung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der Kronprinz bot Vater die andere Hälfte an, um damit den „Brüdern von der Landstraße” gründlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem Kronprinzen vor, jeder preußischen Provinz und jedem deutschen Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prämie zur Verfügung zu stellen zur Aufrichtung einer Kolonie für Arbeitslose. Gleichzeitig bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wünsche erfüllte der Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn durch ganz Deutschland gebrochen.
In der Morgenfrühe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die Blumensträuße, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen und zu hören schien, sondern tief in das Gespräch mit dem hohen Gast und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch den Teutoburger Paß unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preußischen Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoßenen des Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm I. bekam die Kolonie den Namen Wilhelmsdorf.
Bald kamen von überall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichen Prämie in ihrer Heimat ähnliche Zufluchtsstätten ins Leben zu rufen. Natürlich konnte die Prämie, die in jedem einzelnen Fall nur 5–10 000 Mark betrug, nur für die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln strömten der Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.
„Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen”, war der Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der überall Verständnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger Bettler der Bevölkerung für Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er das Land ab, versoff sein Geld, ließ sich im Winter im Gefängnis oder in der Korrektionsanstalt durchfüttern und zog, und das war das teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine große Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Unterstützung zuteil werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber nicht arbeiten wollte.
Überall waren es freie kirchliche Vereine, die die Träger des Gedankens waren, evangelische und katholische. Es war für Vater eine ganz besondere Freude, daß hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Höhen herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die Jahre hindurch bis heute geblieben. Daß dabei Hemmungen und Widerstände zu überwinden waren, versteht sich von selbst.
Als Vater nach Münster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, daß der Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei. Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wußte, ein Gegner der Sache und machte dahin seinen Einfluß beim Bischof geltend. Vater hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn verwundert ansahen, als wüßten sie nicht recht, ob sie einen Bekannten oder Unbekannten vor sich hätten. Und als nun einer vor ihm den Hut zog und er den Gruß erwiderte, merkte er, daß er im bischöflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er zurück, und lachend empfing ihn der Kastellan: „Der Herr Bischof warten bereits.” Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die Vater in der Zerstreutheit öfter passierten, mußten mithelfen, größere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.
Die Asyle für die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden Schnapsgenuß verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf, das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es also nicht mehr nötig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und Vagabunden großzuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das möglich, ohne auf dem Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinführten?
In der Tat: sollte dem Betteln gründlich gewehrt und dem Arbeitslosen ganze Hilfe zuteil werden, so mußten die Zwischenglieder geschaffen werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber hier war es nicht nötig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im Gegensatz gegen die wüsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und Nahrung bot und den gänzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden. Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.
So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und größeren Abständen, zwei, drei, vier Stunden voneinander entfernt, bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und schließlich bis zur Kolonie führten. Gegen kurze Arbeit, die meist in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die nötige Nahrung gereicht, sodaß er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation versehen, die nächste Etappe aufsuchen konnte.
Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze aus der Erde. Und in demselben Maße, wie der Ausbau dieses Zwischennetzes fortschritt, hörte das Betteln auf. Wo es vorher gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrückt hatte, konnte jetzt scharf über die Ordnung wachen. Jeder ehrliche Arbeitslose setzte mit Ernst alle Kräfte daran, Arbeit zu finden. Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drückte sich seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen noch Arbeitsstätten gab, bis auch dort das Überhandnehmen des Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.
Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer Monatsschrift, die unter dem Titel „Die Arbeiter-Kolonie”, später „Der Wanderer”, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mörchen mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.
Charakterisiert aber wurde Vaters Tätigkeit an den „Brüdern von der Landstraße” durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der Münchener „Jugend” erschien:
Ein Kunde war ich, duff und fein, Stets ohne Moos und Fleppe. Ich kehrt’ in jedem Wirtshaus ein Und stieg jedwede Treppe. Als mir die Straßen, die ich ging, Zum Hals herausgehangen, Bin ich zum Vater Bodelschwingh Nach Wilhelmsdorf gegangen. Das war ein Kerl! Wie väterlich Sprach er mir ins Gewissen, Und „Bruder, Bruder” nannt’ er mich; Das hat mich fortgerissen: Zum Spaten griff die träge Hand, Die sonst nur Klinken drückte, Und grub und grub im Ackerland, Und die Bekehrung glückte. Nun ist der Patriarch zur Ruh’. Wie einst mit allem Volke Spricht er mit Petrus jetzt per „Du” Auf einer Himmelswolke. Der revidiert den Ankömmling Gestreng und sagt die Worte: „Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh, Herein zur Herbergspforte!”
Johannes Trojan.
(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln „Freistatt”, „Das Wanderarbeitsstättengesetz” und „Hoffnungstal”.)
Der Bau der Zionskirche.
Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen können. Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau hatten zunächst von der Errichtung eigener Anstalten für Epileptische abgesehen und baten in steigendem Maße für ihre Kranken um Aufnahme. Da, wo in den übrigen Teilen Deutschlands Anstalten für Epileptische im Entstehen waren, mußte ihnen zu richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, sodaß, auch abgesehen von den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel drängten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem Ausland.
Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte, darauf hinarbeiten, daß jede Provinz, jeder größere Bundesstaat nach der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie bekam, sondern auch eine eigene Anstalt für Epileptische? Er hat es nicht getan!
Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast ausschließlich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt für Epileptische aber muß ein vielgliedriger Körper sein, wenn sie ihren Bewohnern gründlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren nur Hafenplätze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur Rückkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt für Epileptische aber sollte so viel wie irgend möglich dauernd jeden einzelnen Kranken an den Platz stellen, der seinen Kräften, Gaben und Neigungen entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt möglich, die ihrer Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten Handwerke und Betriebe sich entfalten läßt und auf diese Weise die Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschäftigung beschränkt.
Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten für Epileptische mithalf, sobald er sah, daß ein wirkliches Bedürfnis vorlag und ursprüngliche Liebe und urwüchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten, wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreußen, Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Gründungen handelte, die von vornherein nur für einen kleinen Kreis von Epileptischen in Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von Arbeitsgelegenheiten begnügen zu müssen. Dadurch aber war von vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt, ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drückend ist.
So kam es denn, daß Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflöcke seiner Zelte weiter und weiter stecken mußte. Ein Handwerkshaus, ein Ackerhof kam zum andern. Für die epileptischen Frauen und Mädchen mußte mehr Raum gemacht und auch die Kinder mußten gesondert werden. Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Häuser überragend, entstand ein Haus für die epileptischen Pensionäre, wo Russen, Dänen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich mit den Deutschen zusammen wohnten. Und ähnlich war es unten im Tal, wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks für die epileptischen Pensionärinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen wurde.
Aber auch die Gründung von Wilhelmsdorf brachte für Bethel neue Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur ein Vierteljahr lang in Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin, wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage, ob die Widerstandskraft schon genug gestählt sei, um allen Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch am leichtesten, ihnen zur Rückkehr in den früheren Beruf zu verhelfen. Aber für die Kaufleute und Akademiker war die Schwierigkeit oft unübersteiglich. Darum mußte sich ihnen Bethel in seinen Arbeitsstätten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen übrigen Möglichkeiten als Übergangsstätte öffnen und Raum für sie machen.
So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von Sarepta sich zusammendrängten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei zu empfangen. Schließlich genügten die Räume schlechterdings nicht mehr. Für die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bänke aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten. Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde geblieben. Aber für die kalte Zeit und die Regentage mußte ein Ausweg gesucht werden.
Auf dem schmalen Bergrücken unterhalb der Waldkirche, der sich steil zum Kantensiek hinuntersenkt, wählte Vater den Platz für die neue Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar für alle Häuser, die zu Füßen des Berges in den beiden Tälern sich hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am 16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde, fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der Kronprinz kam. Es war mitten im strömenden Regen einer der größten Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz während der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern jüngsten noch nicht sechsjährigen Bruder geleitete er fürsorglich aus dem Regen unter einen schützenden Schirm. Selbst wehrte er ab, als man ihm einen Schirm überhalten wollte, und ließ sich, wie Vater später immer wieder den Kranken erzählte, für uns naßregnen. Kräftig klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei Hammerschläge; „Christus der Grundstein — Christen die Ecksteine — Gott segne den Bau!” Und welche tief-menschliche Güte ging den ganzen Tag über von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die Gemeinde unlöslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten Königsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.
Wenn übrigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wäre zwischen Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das irrig. Wohl hatte Vater gewünscht, daß es bei der Mittagsmahlzeit, die der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz familienmäßig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen möchten. Aber die Einwände der Mutter hatten aus Gründen des Platzmangels gesiegt, und die Eltern hatten sich dahin geeinigt, daß wir Kinder im Nebenzimmer unsern besonderen Tisch haben sollten, aber bei geöffneter Tür. Von da aus haben wir es dann mit erlebt, in welch überaus herzlicher Weise unser hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater „Friedrich” und „Du” nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im mündlichen Verkehr, bei dem respektvollen „Kaiserliche Hoheit”.
Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im frühesten Frühjahr — wenn ich mich recht besinne, war es der erste Februar — begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte er manche Stunde seiner Ferienzeit dafür gewidmet. Nur die Stärke der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, ließ er der Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover berechnen. Hohe künstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus konnte man die Kanzel sehen, und die fünf kleinen Ruhekammern an den Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken während des Anfalls gebracht wurden, gaben ihm das besondere Gepräge eines Gotteshauses für Fallsüchtige.
Die tägliche Beaufsichtigung des Baues übergab er einem jungen Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehört hatte und in achttägiger Wanderung, des Nachts immer in den Heuhaufen schlafend, geradeswegs nach Wilhelmsdorf gekommen war. Dort hatte er sich durchaus bewährt. Es steckte ein gewisser Stolz in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule besucht hatte, sich Architekt nennen zu dürfen. Die andern aber nannten ihn statt dessen immer nur „Arg-im-Dreck”. Das nahm er aber nicht übel, sondern zeigte sich wirklich bei unermüdlichem Fleiß und gutem Humor als ein überlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich alles fügte, sodaß der Bau in großem Frieden und noch größerer Freude vorwärtsschritt.
Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mädchen lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf den Bauplatz befördert wurden. Andere trugen in ihren Schürzen den Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit. Rotkehlchen und Rotschwänzchen nisteten in größter Zutraulichkeit in den Mauerlöchern, aus denen eben erst die Gerüststangen ein Stockwerk höher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den Maurern gehütet.
Ungezählte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brüder schliefen damals nur mit den Schulbüchern unter dem Kopfkissen, um beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn nachmittags und abends ließ der Kirchbau beim besten Willen keine Zeit dazu.
Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem Dachreiter sollte ein bescheidenes Glöckchen hängen. Davon hatte der alte Missionar Lückhoff in Südafrika gehört und in seiner schwarzen Gemeinde für einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das war Vater eine ganz besondere Freude, und er prüfte sofort, ob sich der Plan ausführen ließe. Es zeigte sich, daß ein solcher größerer Turm viel zu teuer geworden wäre und die ganze Anlage der Kirche gestört haben würde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Höhe gezogen werden und sich zu zwei kleinen Türmen zu beiden Seiten des Chors auswachsen konnten.
Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter Höhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu prüfen, ob sie wirklich die Glockentürme tragen konnten. Es zeigte sich, daß sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden kleinen Türme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und Afrika.
Die Einrichtung der Kirche wurde zum größten Teil in den Werkstätten der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird”, der längst zum Lieblingspsalm der Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht von Preußen, der spätere Prinzregent von Braunschweig, damals als Großmeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher Beziehung, schloß die Tür auf mit den Worten: „Ich öffne die Tür mit dem Wunsche, daß alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben.” Den Mittelpunkt der Feier bildete naturgemäß Vaters Ansprache, und man kann sich denken, wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz überfloß von Dankbarkeit gegen Gott und Menschen.
Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal überbrachte der Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultät Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht, ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschätzung. Er konnte sich gelegentlich redlich für andere bemühen, wenn er wußte, daß jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung zuteil wurde. Aber für ihn selbst war dies Gebiet menschlicher Anerkennungen überwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder für seine Person noch für seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht eigentlich in die Reihe der Orden gehört, legte er bei besonderen Vaterlandsfesten und bei Besuchen im königlichen Hause an.
Der junge Bauführer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, und nach Jahr und Tag fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinnützigen Bauunternehmens.
Arbeiterheim.
„Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits vertröstet.”
F. v. B.
Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft übernahmen. Mit dem schnellen Wachstum, das nach außen alle Lebensverhältnisse ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Kräfte nicht Schritt gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stände rückten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre alte uneingeschränkte Stellung, und ihnen gegenüber drängten die Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verständigung helfen zu können, stieß aber auf kühle Ablehnung, zum Teil auf bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er endgültig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich auch bekannte.
In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunächst der Verdacht festgesetzt, daß Vater zu den Reaktionären gehöre, die auch die berechtigten Ansprüche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straßen als geheime Agentinnen Bodelschwinghs öffentlich beschimpft.
Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste größere Streik aus. Die Erbitterung wuchs in solchem Maße, daß es zu Gewalttätigkeiten kam und der Belagerungszustand erklärt werden mußte. Mitten in die Erregung der Gemüter wurde die Nachricht geworfen, Vater hätte der Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war völlig aus der Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mußte auch das friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogen werden. Militär-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die Anstaltshäuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit ständigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser, geschenkt waren, wurden durch Drahtnetze gegen Steinwürfe geschützt.
Da erscholl eines Nachts Feuerlärm: „Eben-Ezer brennt!” Es war das alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt für Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter Schlafsaal, von blöden epileptischen Männern bewohnt, dessen Dach sich tief an den Berghang lehnte und durch böswillige Hand mühelos von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen, die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hörte man den Ruf: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!”
Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem Ackerhofe für Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklärt; nur daß alles darauf hindeutete, daß in beiden Fällen ein heimlicher Racheakt vorlag.
Aber Vater blieb jedes Gefühl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren tönte jener nächtliche Ruf fort: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!” Wie ein Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der Wohnungsfrage.
Worin lag das Berechtigte in jenem nächtlichen Anklageruf? In der Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentümer dieser Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter, die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen Kotten der aufgekauften Bauernhöfe gewohnt hatten. Niemand, auch Vater nicht, hatte sich darum gekümmert, wo sie geblieben waren. Das fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer, wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stieß, fragte er zunächst nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.
Er überdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich früher einer Wohnung abseits der großen Stadt hatten erfreuen können und dazu eines Stückes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und Kinder miteinander die Früchte für sich und ihr Kleinvieh ziehen und den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schöpfung zubringen konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrängt, ohne Licht und Luft für Weib und Kind und ohne das liebgewordene Stück Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die „Frommen”, die für die Kranken sorgten, aber die Gesunden darüber verkümmern ließen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft machte!
Aber das war doch nur ein kleines Stück des weiten Gebietes, das durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerückt worden war. Das ganze Wohnungselend der Großstädte tauchte vor ihm auf. Wie viel edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straßen, in hohe, unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne Vogelsang, fern von Wald und Feld mußten hier die Eltern ihre Kinder aufwachsen sehen, während dicht vor den Toren der Städte sich das weite Land dehnte, wo ungezählte Familien ihr eigenes Heim hätten finden können. „Man hat gänzlich vergessen,” schrieb Vater, „daß, seitdem wir Pulver und gezogene Geschütze haben, die Zeiten längst vorüber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu gewähren, in feste Städte zusammenpressen mußte.”
Aber was hatte überhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt gedrängt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf. Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die, sobald sie sich genügend erübrigt hatten, die Abhängigkeit von der Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Großstädte zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehr zugenommen. Statt daß Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden: „Die großen Städte müssen zerstört werden” — im rechten Sinne verstanden — in die Wirklichkeit umgesetzt worden wäre, hatte man die Städte immer mehr zu schrecklichen Wasserköpfen anwachsen lassen, die den ganzen Volkskörper verunstalteten, dessen Glieder gleichzeitig durch die beständige Abwanderung vom Lande in die Stadt immer mehr verkrüppelten.
Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den großen Städten. Vater ließ sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch manchmal mit tiefen Gefühlen des Schmerzes kämpfen sehen im Gedanken an die schmerzlichen Versäumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen der Großstädte Schritt zu halten, überall schnell und im voraus für geeignete Plätze für Kirchen oder noch lieber einfache Bethäuser zu sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein persönliches Verhältnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern möglich gewesen wäre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen, Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegestätten für einzelne.
Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versäumt habe, was er selbst wieder gut machen könne. Und hier mußte er, der sich so manchmal über die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man früher in Hinterpommern die Bauernhöfe aufgekauft hatte und die Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin — jetzt mußte er sich ehrlicherweise gestehen, daß er selbst das gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er für die Leute getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingeräumt hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?
Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbäumen, die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frühesten Frühjahr suchte er nach den treibenden Blütenkolben. Im Garten, vor seinen Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die ersten Übungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster hatten wir unsern Kaninchenstall und unsere Räuberhöhle angelegt; und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frühstückten, uns auf Schultern und Armen saßen und uns die Bissen aus dem Munde holten. Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen gemalt!
Über den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Höhen des Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbürger von Bielefeld und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Gärten und Felder hatten. Dort oben war auch der schöne neue städtische Friedhof entstanden, und links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier, weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstück von etwa sechs Morgen Größe. Darauf blieb Vaters Blick hängen. Diesmal konnte er nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt es, verloren gegangenes Gebiet zurückzuerobern. Freund Bökenkamp, der stille, vorsichtige, zuverlässige Mann, tat die entscheidenden Schritte, und bald war das Grundstück oben am Berge gekauft. Damit war neuer Heimatboden gewonnen für Heimatlose, Vertriebene, Verbitterte.
Das Grundstück wurde in acht gleich große Bauplätze eingeteilt, und für jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, für jedesmal eine Familie bestimmt, jedoch groß genug, daß oben in den Dachzimmern noch die erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und die Besitzung übernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten. Dann wurde der Platz öffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, daß er eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte die Bürgschaft liegen, daß man es mit einem nüchternen, fleißigen Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmäßige Abzahlungen leisten würde.
Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schön es dort oben sein müsse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der Grundstücke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald mehr Bewerber, als berücksichtigt werden konnten. Das Los mußte entscheiden. Unter die acht, zu deren Gunsten die Entscheidung fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Plätze verteilt. Doch war keiner gezwungen, den für jedes einzelne Grundstück vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und Bedürfnis ändern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das kleine Besitztum an seinen neuen Eigentümer über.
Was aber wurde aus den übrigen Bewerbern, die nicht hatten berücksichtigt werden können? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwärts drängten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wäre Unbarmherzigkeit gewesen. So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstückes, des dritten u. s. f., und in allmählichem Fortschreiten legte sich ein großer Kranz von Arbeiterheimstätten in näherer oder weiterer Entfernung rings um Bielefeld.
Aber die örtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum löste, mußte überall in Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im April 1885 der „Deutsche Verein Arbeiterheim”. In besonderen Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die Kaiserin und später die Kronprinzessin Cecilie übernahmen das Protektorat zum Zeugnis, daß es sich hier um die wichtigste Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie, handle.
„Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!” war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift hinausgehen ließ in Stadt und Land. In schlichtesten, tief ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum Schwingen. Herz, Gemüt, Verstand, Gewissen faßte er in gleicher Weise an. Die städtischen und ländlichen Behörden so gut wie die einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir haben sein Herz beben gehört, zittern gefühlt über der Frage: Wird es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?
Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimstätte beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein „Arbeiterheim” an seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rückhalt gedient und ihnen das nötige Kapital flüssig gemacht. Aber seine Schultern wären zur Durchführung im großen zu schwach gewesen. Es mußte stärkerer und weiterer Rückhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?
Die staatlichen Rentenbanken halfen größeren und mittleren Besitzern mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer Verzinsung zurückgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem größeren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es dem kleinen nicht auch gewährt werden?
„Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wäre, als beim kleinen Mann, kein Kapital auch, das höhere Zinsen brächte.” In allen Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten. Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters zur eigenen Scholle. Er vertraute mit größter Zuversicht, daß der deutsche Arbeiter überall, wo man ihm die Hand dazu böte, alles daran setzen würde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu lassen. Er wußte auch, daß es unter allen irdischen Mitteln kein sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht als das eigene Dach und den eigenen Herd.