I. 1831–1872. (continued 4)
Reading edition
Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm durchs Fenster Steine ins Haus, sodaß der Topf auf dem Herde zersprang und die Suppe in das Feuer floß. Denjenigen aber, von denen man mit Bestimmtheit annahm, daß sie sich durch Geld hätten bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die dreißig Silberlinge des Judas dreißig Scherben vor das Fenster gezählt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem gedungenen Bösewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet, sodaß man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der ihn frühzeitig ins Grab geführt hatte.
Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, sodaß die Entscheidung ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der Gemeindearbeit weiter allein tragen mußte. Ein halbes Jahr lang half ihm der Hilfsprediger Stürmer, von dem später noch die Rede sein wird, gegen ein Entgelt von fünfzig Talern, bis endlich Pastor Lange bestätigt wurde. Langes milde, treue Art ließ ihm bald alle Herzen zufallen, zumal ja überhaupt nicht eigentlich um seine Person, sondern nur um die Parteiehre gekämpft worden war.
Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so brach die dunkelste Zeit über das Pfarrhaus in Dellwig herein. Im Frühjahr 1868 war die heißgeliebte jüngste Schwester Bodelschwinghs, Frau von Oven, ihren fünf kleinen Söhnen entrissen worden. Aber dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch größerem Leid. Darüber heißt es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht „Von dem Leben und Sterben vier seliger Kinder”:[1]
„Das Weihnachtsfest nahte heran. Fröhlicher, erwartungsvoller als je bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet. Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesänge dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den kindlichen Jubel einstimmen.
Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders fröhliches Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bösen Husten, der ihn an das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen. Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit leuchtenden Augen zugehört und sich darauf beide — es waren etwa zwei Tage vor Weihnachten — allein aufgemacht, um einem schwer kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang zum Himmel rüstete, dies Büchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen. Überglücklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim. Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar von sehr bösartiger Natur. Er fühlte sich binnen weniger Tage so schwach, daß er ganz das Bett hüten mußte. Er zeigte auch von vornherein einen wehmütigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, daß man ihm vorlesen möchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren. Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, daß die Morgenandacht an seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmütig anzuhören, wie das Vaterunser, das von den drei ältesten Kindern gemeinsam gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur noch mühsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.
Der Arzt stellte fest, daß bei Ernst eine Lungenentzündung hinzugetreten und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jüngeren Kinder waren inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr fröhlicher Jubel verstummte schnell, und es zeigte sich, daß bei ihnen der Stickhusten denselben bösartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die Lungen angegriffen wurden. Während aber unser armer Ernst sehr große und lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfällen zu leiden hatte, unter denen er allmählich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich, geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.
Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen und mit seinen tiefdunklen, fast schwermütigen Augen sich aller Herzen stahl und der mit der ihm eigenen großen Entschiedenheit sich längst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht mit kräftiger Stimme sein „Vater unser” anzustimmen. Als seine Mutter im Spätherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: „Für die liebe Mama!” oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: „Ein Lied für die armen Heidenkinderchen.” Sein Lieblingsvers in seiner letzten Zeit, den er öfter laut für sich hersagte, war der letzte Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: „Gloria sei dir gesungen — Mit Menschen- und mit Engelszungen, — Mit Harfen und mit Zimbeln schön! — Von zwölf Perlen sind die Tore — An deiner Stadt, wir steh’n im Chore — Der Engel hoch um deinen Thron. — Kein Aug’ hat je gespürt, — Kein Ohr hat je gehört — Solche Freude. — Drum jauchzen wir — Und singen dir — Das Halleluja für und für.” Nun durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die Perlentore einziehen.
Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. „Ein Schlückchen Wasser,” das war fast seine einzige Bitte, die er in den letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute, denn sein Durst war sehr groß. Er behielt seine Besinnung bis ans Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Händchen und Füßchen zu erwärmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf — eine Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Plötzlich hebt er seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch schön. „Was siehst du, Friedemännchen?” fragt die Mutter. Keine Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch nein, noch einmal schlägt er sie freundlich hell auf und bittet: „Mama, Schoß!” Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, und die Tränen fließen ihr über die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt sein Händchen auf, wie er so oft getan, die Tränen abzuwischen. Es ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fällt vornüber, und noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren Atemzüge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.
Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hände, und die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” machte die mitternächtliche Tränenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.
Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns Eltern über Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Stürmer an dem offenen Sarge, worin die überaus liebliche Hülle, ganz wie ein schlafendes Kind, in grünen Kränzen ruhte, das Wort Offenbarung Joh. 7, 15–17 zum Pilgerstab gereicht hatte: „Darum sind sie vor dem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern oder dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.” So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.”
Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige fünfjährige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit, hatte ein gar zärtliches, sorgsames, williges Gemüt. Der Mutter an den Augen hängend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermüdlicher Geschäftigkeit. Rührend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam über ihre Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie sich selbst zu: „So, so, nun ist’s gut.” Als in den letzten Tagen ihr Stimmchen zu einem kaum hörbaren Lispeln zusammengebrochen war, lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: „Gut!” Ja, als sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese Antwort noch zu.
Es war in der Nacht vom 19. zum 20., daß ich, an Ernstchens Bette wachend, meine Frau rufen ließ, weil ich glaubte, sein Todeskampf sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall erwartete. Statt seiner fährt plötzlich Elisabethchen aus einem leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwärts, und der Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd, aber mit glänzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der zukünftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber für diese Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fünf Uhr morgens, wo sie auf des Vaters Schoß die letzten bangen Atemzüge aushauchte. Wir taten ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: „Über ein kleines.” Schöner, als sie je im Leben gewesen, und wie plötzlich gereift zu einer Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in ihrem Todesschrein —, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im göttlichen Worte liegt, auf unbegreifliche Weise versüßt: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh. 10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. — O ja, ein treuer Gott, dessen Verheißungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in ihm und lauter Amen sind.
Eines besonderen Zwischenfalls muß ich hier Erwähnung tun. Wir hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt, Dr. K., der auch darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, daß er uns die Todesgefahr der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders in sein Herz geschlossen und hörte gerne seinen kindlichen Reden zu. Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung mit, Ernst habe ihm erklärt: „Du kannst mir mit deiner Medizin doch nicht helfen, der liebe Gott muß mir helfen.” Nicht über Ernstchens freimütiges Wort wunderte ich mich, sondern über das Bekenntnis des Arztes und noch mehr darüber, daß er in den folgenden Tagen das Wort des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der großen Verschlossenheit, die sonst Dr. K. im Gespräch über göttliche Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen seiner großen Tüchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war, mußte uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor Elisabethchens Leiche führte, Tränen im Auge und ließ sich mit sichtlicher Rührung Ernstchens mannigfache liebliche Äußerungen über den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt plötzlich sein Kutscher das Klirren des Wagenfensters. Dr. K.’s Haupt hängt aus der Fensteröffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn gerührt, vermutlich, während er das Fenster zu öffnen versuchte. Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat dazu dienen dürfen, daß dem im Irdischen so treuen Mann noch ein Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?
An der Morgenröte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich aufgerichtet, um ihren schönen Glanz zu bewundern, hatte auch über ihr Wesen und ihre Natur viele Fragen getan. Auch auf seinem Sterbebette kam ein Freudenstrahl über ihn, wenn die Morgenröte nach einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: „Morgenglanz der Ewigkeit, — Licht vom unerschöpften Lichte, — Schick’ uns diese Morgenzeit — Deine Strahlen zu Gesichte — Und vertreib’ durch deine Macht — Unsre Nacht! — — Leucht’ uns selbst in jene Welt, — Du verklärte Gnadensonne, — Führ’ uns durch das Tränenfeld — In das Land der süßen Wonne, — Da die Luft, die uns erhöht, — Nie vergeht!”
Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und gleichem Frieden doch die Äußerungen der Kinder über ihre Trennung von uns und über ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter besonderes Trostkind aus der für sie so schweren einsamen Zeit des Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger Wunsch blieb: „Bei Mama bleiben.” Elisabeth hatte durchaus nichts gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war. Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war merkwürdig, daß dies lebensfrische Kind, das mit so natürlichem, lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so überaus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den Himmel gehen wollte, für den zweiten Weg entschied, und man konnte gewiß sein, daß er wußte, was er sagte. Freilich, als ich ihm die Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst” vorgelegt hatte, antwortete er in der Folge bei ähnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: „Wie der liebe Gott will.” Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir auch viel besser wäre” das Übergewicht in seinem Herzen. Am Abend vor des kleinen Friedrichs Tode erklärte er unaufgefordert aufs bestimmteste: „Wenn Friedemännchen diese Nacht stirbt, werde ich doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.”
Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieser Erklärung nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden Tochter auf dem Schoß neben ihn gesetzt hatte, sodaß er selbst in das verklärte schöne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Tränen in den Augen seiner Mutter sah, da füllten sich seine Augen auch mit Tränen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: „Was weinst du denn, Mama? Du weißt es ja doch, daß es Lisabethchen viel besser bekommt.”
Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg hereingebracht wurde, richteten sie sich mühsam in ihren Bettchen auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann nur: „Adieu, Friedemännchen;” aber Traurigkeit bemerkte man nicht.
Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt hatte, da wurde sein Heimweh immer größer. Zwar willigte er wohl noch ein, daß er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, daß der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben müßte, wenn er alt würde, und daß der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen müßte. Als aber nun vollends am nächsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl, der mit rührender Stille seit vierzehn Tagen gekämpft hatte, ohne einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten Tagen nur ungern von seinem Bette ließ, Urlaub ausbat, bis Karlchen im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck tiefer Sehnsucht: „Ich will auch mit, Papa!” „Wohin denn?” „Zu Friedemännchen und Elisabeth,” lautete die Antwort. Von da ab klang in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers durch und behielt die Oberhand über alles natürliche Wünschen: „Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,” und sein „viel besser” daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen Herzen der überwiegende Wunsch für den geliebten Sohn.
Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund uns kürzlich aus Paris schrieb, daß der Herr die Kindlein krönt, ehe sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes noch nicht zum rechten klaren Bewußtsein gekommen ist. Aber ohne Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.
Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar, und es hat ihnen manchen harten Strauß gekostet, Eigensinn und Selbstsucht niederzukämpfen. Es war uns aber eine Freude zu bemerken, daß gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne Strafe meist schnell und siegreich ausgekämpft wurde, wozu doch der Geist der Gnade nötig ist.
Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes böses Herz recht viel zu schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewußtsein gekommen, was Sünde und was Gnade sei. Er kannte seine natürliche Selbstsucht wohl, und es war rührend zu sehen, wie er auf seinem Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte für sich aufgehoben haben, sondern auch die schönsten Sachen immer gleich zum Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bücher, Bilder und andere Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies tröstlich, daß der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand äußerte, Friedrich sei immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte dies Wort einen Mißton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu ihm sagte: „Du weißt ja wohl, warum wir in den Himmel kommen, nämlich, weil der Heiland für uns gestorben ist und uns unsere Sünden vergeben hat.” Da nickte er mit tiefem Einverständnis. Jeden Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen Wochenspruch. Als — vor Weihnachten — Psalm 103, 1–3 an der Reihe war und die Mutter ihn fragte: „Was hat der Herr denn dir Gutes getan?”, da antwortete er ohne Besinnen: „Daß er für mich gestorben ist.” „Und was weiter, mein Sohn?” „Daß er mir alle meine Sünden vergeben hat.” So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen vielen Gebeten, die er auswendig konnte, für die letzte Zeit ganz feststehend das Gebetlein ausgewählt: „Christi Blut und Gerechtigkeit, — Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, — Damit will ich vor Gott besteh’n, — Wenn ich zum Himmel werd’ eingeh’n.” Nur ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es unter großer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber bei dem erwähnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend vor seinem Todestage gebetet hat.
Eine eigentümliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden mußte, so war bereits auf dem Hügel hinter der Kirche ein neuer Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm plötzlich der sehnliche Wunsch, er möchte einen Trunk „frischen Wassers aus dem neuen Brunnen” haben. Und siehe, es war wirklich gar köstliches gutes Wasser, und es blieb „das frische Wasser aus dem neuen Brunnen” seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknüpfend an den guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom des lebendigen Wassers erzählen, der klar wie Kristall im neuen Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die Stunde, da er auf den grünen Auen an den Ufern dieses kristallenen Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten Geschwistern würde spielen dürfen!
Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich für ihn, den allein übriggebliebenen kleinen Leidträger. Die großen Schmerzen hatten ihn in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am letzten Tage stille seine Hände, doch so, daß es seine Eltern nicht sahen, und betete: „Ach, lieber Gott, hilf mir doch!” Gegen vier Uhr am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues Bettchen gelegt, das die Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.
Die glückliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Schoß gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die guten Hände gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm: „Fürchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlöst, er hat dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein.” Darauf schlummerte er ganz leise und ruhig ein, und während ich hinunterging, ihm aus dem Teich frische Eisstückchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu kühlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er plötzlich mit dem gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankündigte, aus dem Schlafe auf, — er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne waren sofort hinweggerückt. Er erkannte mich nicht mehr, seine großen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz wurde wiederholt während dieses letzten Kampfes ebenso schön und glänzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die Hoffnung, daß er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken hatte und daß die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in seinem schönen Liede über seinen heimgegangenen Sohn singt: „Ach, sollt’ ich doch von ferne stehn — Und nur ein wenig hören, — Wenn deine Sinne sich erhöhn — Und Gottes Namen ehren, — Der heilig, heilig, heilig ist, — Durch den du auch geheiligt bist, — Ich weiß, ich würde müssen — Vor Freuden Tränen gießen.”
Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhöht seien, als ob seine Augen herrlichere Dinge sähen, seine Ohren lieblichere Klänge vernähmen, als diese Welt sie bieten kann.
Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes, während ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die schönsten Lieder aus dem Gesangbuch und die köstlichsten Trostworte aus der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Röm. 5–8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis 6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekürzt und erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: „Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten” und wollte eben Offenb. Joh. 21, vom himmlischen Jerusalem, beginnen — da war’s vollbracht, und wir durften dem letzten geliebten Kinde die brechenden Augen zudrücken. Es war elf Uhr nachts am 25. Januar.
Drei Tage darnach standen zwei Särge nebeneinander an der Stelle, wo die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter über und über mit grünen Kränzen behangen, aus der Ferne und Nähe von liebenden Händen gespendet. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, — Wollt’ Gott, ich wär’ in dir! — Mein sehnend Herz so groß’ Verlangen hat — Und ist nicht mehr bei mir!” — wurde angestimmt und klang uns tiefer aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben,” dies von Pastor von Velsen mit wärmster Liebe uns ins Herz geworfene Wort mußte fester als je von uns ergriffen und zu dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern festgehalten werden.
Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zärtlicher Liebe gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerückt. Da liegt nun die liebe Schar auf dem schönen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner Kleinen gebettet, und wartet der fröhlichen Stunde der Auferstehung, Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an Ernstchens Seite.
„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding, daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.” Klagel. Jer. 3. Mit diesem köstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren Gräbern in unser nun vereinsamtes Haus zurückkehren.”
Damit schließt der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Gräbern, und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfählen zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Gräber lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter zugleich nachdenken könne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes ließ sie neue, ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. „Damals,” so sagte Bodelschwingh später einem trauernden Vater, „als unsere vier Kinder gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.”
Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich so tief demütigen konnten, konnte Gott sie auch erhöhen. Darum wurden die letzten Jahre in Dellwig die schönsten. Und als die tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die ihnen das harte Märker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem Sterben ihrer heißgeliebten Kinder nahmen beide die Gewißheit in ihr ferneres Leben hinein: „Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.”
Vier Monate später mußte Bodelschwingh auch seiner geliebten 76 jährigen Mutter den Todesschweiß von der Stirn wischen. In zunehmender körperlicher Schwäche, aber auch in zunehmender Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens gegangen. Jedem, der in ihre Nähe kam, welcher Richtung er auch angehörte, pflegte sie mit größtem selbstverständlichem Vertrauen zu begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich manches Herz ihr erschloß, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens in die Welt des Glaubens helfen konnte.
In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte Stunde, auf die sie sich mit großer Sorgfalt und Demut vorbereitet hatte. „Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil” waren die letzten Worte, die der Sohn von den sterbenden Lippen seiner Mutter hörte und mit denen er in seine beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurückkehrte. Dann kam der Ruf nach Bielefeld.