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Freiland

Viertes Buch.

Reading edition

23. Kapitel.

Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Völker die Kunde davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen insofern, als wir voraussahen, daß die vor aller Welt abgelegte glänzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und größere Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wünsche einzugehen. Doch der Erfolg übertraf unsere kühnsten Erwartungen weitaus. Nicht eingeschüchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freiländer, als unsere auswärtigen Freunde zu überraschen schien. Wir vermochten nicht recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und wirtschaftlichen Bestrebungen für thöricht oder verwerflich gehalten hatten, aus der Thatsache, daß unsere jungen Leute sich als treffliche Krieger erwiesen, urplötzlich die Schlußfolgerung zogen, es sei möglich und nützlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleißes zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der Wirkung unserer Gewehre und Geschütze nicht einleuchten; außerhalb Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann — selbst der prinzipielle Anhänger unserer Ideen — für selbstverständlich, daß die blitzartig zerschmetternden Schläge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von Abyssinien erlegen, das untrüglichste Argumentum ad hominem für die Vorzüglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das urplötzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da draußen gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafür, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit sei — kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte Bewegung ergriff alle Geister, und mit einem Schlage wollte man nun überall verwirklichen, was bis dahin bloß von verhältnismäßig Wenigen schüchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen mit Abneigung betrachtet, von den großen Massen aber zumeist gänzlich ignoriert worden war.

Und dabei erwies sich — was uns nun allerdings wieder nicht überraschte — daß die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschäftigt hatte. Die fortgeschrittensten freisinnigsten Völker, deren leitende Staatsmänner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte, wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in verhältnismäßiger Ruhe an, die große ökonomische und sociale Revolution unter möglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten. England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen — wenn auch vorläufig bloß in ihren ostafrikanischen Besitzungen — zuzulassen, beschlossen nunmehr, ohne daß dazu besondere politische Umwälzungen bei ihnen notwendig gewesen wären, sich wegen Überführung ihrer bestehenden Institutionen in den unsrigen ähnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu setzen, und mehrere andere europäische Staaten, sowie ganz Amerika und Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in den betreffenden Staaten allenthalben von stürmischen Ausbrüchen der Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthätiger schon ging es in den „konservativen“ Staaten Europas und in einzelnen Ländern Asiens her; dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhaßter Staatsmänner, die vergebens beteuerten, daß nunmehr auch sie gegen die wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden hätten, stellenweise zu Blutvergießen und Vermögenskonfiskationen. Die arbeitenden Massen mißtrauten dort den besitzenden Ständen, waren aber selber uneinig über den einzuschlagenden Weg, so daß drohender stets und gehässiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen früher wirklich und bewußt volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen ausgespielt und Letztere vorsätzlich in Unwissenheit und Verkommenheit darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse, die genügenden Einfluß besessen hätte, sich den Ausbrüchen wütenden und unvernünftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und Scheußlichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrücker massenhaft abgeschlachtet und es wäre kein Ende der sinn- und zwecklosen Gräuel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glücke auch für diese Länder unser Ansehen und unsere Autorität schließlich die wütenden Massen beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet hätte. Nachdem eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen, fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissäre zu senden, denen man unumschränkte Gewalt einräumen wolle. Wir willfahrteten dem natürlich aufs bereitwilligste und diese freiländischen Kommissäre begegneten thatsächlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das zur Herstellung der Ruhe erforderlich war.

Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen vorgegangen waren, freiländische Vertrauensmänner erbeten, die ihren Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That behülflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und That, denn das freiländische Volk hatte, sowie es erkannt, daß man seine Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschluß gefaßt, seinen Delegierten — sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden Regierung oder als mit unumschränkter Gewalt ausgerüstete Kommissäre auftreten, das Verfügungsrecht über die materiellen Hülfsquellen Freilands zu Gunsten der sie berufenden Völker einzuräumen, denen diese Summen übrigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zufließen sollten. Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht vorbehalten, von Fall zu Fall über die von diesen Delegierten angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip aufgestellt war, daß jede notwendige Hülfe zu gewähren sei, über die Notwendigkeit der Hülfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatsächlich in Händen dieser Kommissäre und Vertrauensmänner das diskretionäre Verfügungsrecht über die flüssig gemachten Kapitalien.

Daß wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu entsprechen, erklärt sich daraus, daß unsere freiländische Versicherungsabteilung ungefähr den fünften Teil ihrer derzeit 10 Milliarden überschreitenden Reserven in allezeit flüssiger Form zur Disposition hatte. Die anderen vier Fünftel waren arbeitend angelegt, d. h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen Investitionen leihweise überlassen; ein Fünftel aber wurde als für alle Fälle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurückgelegt und konnte jetzt dem plötzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen. Selbstverständlich ist, daß diese Reserve nicht in Form von Gold oder Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen hätte. Nicht Gold oder Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not gefordert werden; die Edelmetalle können bloß als geeignete Mittel dienen, um diese eigentlich benötigten Dinge sich zu verschaffen; damit Letzteres jedoch geschehen könne, wird vorausgesetzt, daß sie in entsprechender Menge überhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem plötzlich auftretenden Bedarfe von außergewöhnlichem Umfange eben nicht angenommen werden darf. Wer plötzlich Waren im Gesamtwerte von Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend kaufen können, weil sie nirgend vorrätig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor Not geschützt sein, so muß er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die voraussichtlich erforderlichen Güter selber vorrätig halten. Was hätte es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt und zerstört hatten, genützt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge bedurften, in Form von Geld zur Verfügung gestellt hätten? Nirgend gab es entbehrliche Vorräte, die sie hätten kaufen können; wären sie mit unserem Gelde auf den Märkten erschienen, so hätte dies zum ausschließlichen Erfolge gehabt, daß alle Preise gestiegen und ihre Not sich allen Nachbarvölkern mitgeteilt hätte. Und ebenso bedurften auch alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben unterstützen wollten, möglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen ähnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefähr die Hälfte derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hälfte aus verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als daher unser Kommissär in Rußland successive 285 Millionen Pfund forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040 Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hölzer u. dgl. zugesendet, was zur Folge hatte, daß das verwüstete Land an nichts Mangel litt, vielmehr schon wenige Monate nachher — allerdings weniger infolge dieser ihm dargeliehenen Schätze, als vielmehr der in freiländischem Geiste durchgeführten Verwendung derselben — sich eines Wohlstandes erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume für möglich gehalten hätte. In ähnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der Erde unsere Vorräte nutzbar und waren für den Fall, als diese nicht genügen sollten, entschlossen, aus den Erträgen der kommenden Jahre das Fehlende zu ersetzen.

Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der ökonomischen und socialen Vorsehung der Brudervölker länger als unumgänglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im allseitigen Interesse für das Beste hielten, wenn der soziale Umgestaltungsprozeß, welchem nunmehr die gesamte Menschheit entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Kräften nach gemeinsam wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesäumt die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in welcher erörtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere Meinung dabei war nicht, daß dieser Kongreß bindende Beschlüsse zu fassen hätte; es möge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen Konsequenzen zu ziehen; nützlich aber, das war unsere Ansicht, würde es für alle Fälle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit über die im Zuge befindliche Bewegung dächte.

Auf ernstlichen Widerstand stieß diese Anregung nirgend. Insbesondere bei den zurückgebliebeneren Völkern des Ostens machte sich zwar eine starke dahingehende Strömung geltend, man möge die Zeit nicht mit nutzlosen Reden vertrödeln, sondern einfach thun, was wir Freiländer vorschlagen würden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden Versammlungen mehrerer — und nicht gerade der kleinsten — Nationen zu wissen, würden doch nur auf uns hören, der Kongreß möge sagen, was er wolle. Doch bedurfte es bloß des Hinweises darauf, daß wir, um ihnen zu raten, sie doch auch hören müßten und daß uns hierzu der Kongreß das geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen. Auch konnten wir nicht verhindern, daß viele von den nach Edenthal entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten, bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freiländern zu gehen, welche Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongreß überhaupt nur über Formfragen abstimmte, sonst aber bloß beriet, es Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden.

Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Länder eine, wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich „praktischer“ Bedenken gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese Opposition hätte, auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, nirgend vermocht, ein Mandat für den Welt-Kongreß zu erlangen; sie fand aber allerorten kräftige Fürsprecher — in den freiländischen Vertrauensmännern und Kommissären, die, durchaus im Einklang mit der öffentlichen Meinung Freilands, das Bestreben verfolgten, wo möglich jeder namhafteren Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa vorhandenen offenen Anhänger der überlebten, alten Wirtschaftsordnung kein Recht hätten, darüber Klage zu führen, daß man sie nicht hätte zu Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem Belieben der Geladenen überlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je zehn Abgesandten nicht zu überschreiten; thatsächlich wählten die 68 Länder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls teilnehmenden Chefs der freiländischen Verwaltung eine Gesamtzahl von 437 Kongreßmitgliedern ergab.

Am 3. März des 26. Jahres nach der Gründung von Freiland versammelte sich der Kongreß im großen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der Rechten saßen die Zweifler an der allgemeinen Durchführbarkeit der im Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhänger Freilands, auf der Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten schienen. Den Vorsitz führte der Chef der freiländischen Präsidialabteilung, welches Amt seit Gründung des Gemeinwesens ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den Verlauf der fünftägigen Diskussion auszugsweise an der Hand der Sitzungsprotokolle folgen.

Erster Verhandlungstag.

Der Vorsitzende begrüßt namens des freiländischen Volkes die auf dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der sämtlichen Brudernationen der Erde und fährt dann fort:

„Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, daß wir von Anbeginn eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen; Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu vermeiden sein; aber als nützlich dürfte es sich für alle Fälle erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, möglichst nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um die Diskussion dieser Formfrage abzukürzen, hat die freiländische Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie annehmen, amendieren oder auch verwerfen können; die in diese Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern wurden uns von den Führern der verschiedenen ausländischen Parteien als näherer Aufklärung bedürftig bezeichnet; wir unserseits begnügten uns damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände vor:

1. Wie erklärt sich die Thatsache, daß es im geschichtlichen Verlaufe vor Gründung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit einzurichten?

2. Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf das ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen oder beruhen dieselben auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten Voraussetzungen?

3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen?

4. Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommener Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?

Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort.

Erasmus Kraft (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurückreicht, unsere Rasse gefangen war, mit einer glücklicheren Ordnung der Dinge zu vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor Augen haben, scheint dafür zu sprechen, daß der Versuch gelingen werde, gelingen müsse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt, desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich jetzt vollziehen soll, nicht schon längst geschehen, warum der Genius der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, daß es genügt, Jedermann den vollen Genuß dessen, was er erzeugt, zu gönnen, um Jedermann Überfluß zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezählte Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wären sie unabweisliche Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klüger, weiser, gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der scheinbar untrüglichen Beweise, die für das Gelingen unseres Werkes sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum größten, wichtigsten Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehüllte Geschichte der Menschheit ist so alt, daß schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige, dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten Male in die Erscheinung; sie muß nicht einmal, wiederholt schon hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei Überlieferung uns darüber Verläßliches erzählt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die Erzählung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwören? Dann aber taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden — vielleicht in traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die möglichen Ursachen eines solchen Rückfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen, da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch glaube ich, daß, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr zweckentsprechend zunächst festgestellt werden sollte, ob diese denn auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe hinwieder die Klarlegung der Frage ersprießlich ist, warum dieselbe bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind.

Christian Castor (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der großartigsten Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, muß wissen, daß Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: „Wehe dem, der sich mästet vom Schweiße seines Bruders“ enthält schon im Keime den ganzen Kodex des freiländischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen bestrebt sind. Daß das offizielle Christentum späterhin seine sociale Befreiungsarbeit fallen ließ, ist allerdings richtig, aber einzelne Kirchenväter haben immer und immer wieder, gestützt auf die heiligen Texte, die ursprünglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt. Und daß es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie später in der Neuzeit an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das wollte ich zunächst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle diese Versuche Schiffbruch litten, überlasse ich anderen bewährteren Kräften.

Wladimir Ossip (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des Christentums mit dem, was später aus seiner Lehre gemacht wurde, zu verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als unsere Vorgänger hinstellen will. Wir verkünden das Glück und die Freiheit, Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die Armut Aller; wir beschäftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das Jenseits vor Augen; wir sind — um es kurz zu sagen — Revolutionäre, wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die Religion; ich glaube, es kann zu nichts führen, sich in Fragen des Mein und Dein auf das Christentum zu berufen.

Lionel Acosta (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung als mein geehrter Herr Vorredner und schließe mich dem Kollegen aus Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch über Mittel und Ziele noch nicht klar bewußte Verkündigung der socialen Freiheit, die bisher gehört worden ist, und diese Verkündigung der socialen Befreiung, nicht religiöse Neuerungen, sind der Inhalt der „guten Botschaft“; Christus für einen Religionsstifter statt für einen socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der unterdrückten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhülfe ihrer Leiden versprach, zu einem Einschläferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu gebrauchen, war das Meisterstück der Verknechtungskunst. Christus hat sich mit Religion gar nicht beschäftigt, keine Zeile der Evangelien enthält auch nur eine Spur davon, daß er an den alten religiösen Satzungen seines Landes rüttelte; der frömmste, eifrigste Jude kann seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden nichts darin finden, was ihr religiöses Gefühl verletzt. (Eine Stimme: Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich, warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn bloß aus religiösen Gründen? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein socialer, nicht weil er ein religiöser Neuerer war, und nicht die Frommen, sondern die Mächtigen unter den Juden haben seinen Tod gefordert. Darüber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all jener durchaus überflüssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen der edelste seiner Söhne den freiwillig gesuchten Märtyrertod fand, unbefangen betrachten. Zunächst ist es eine wohlbeglaubigte geschichtliche Thatsache, daß im Judäa der damaligen Zeit für religiöse Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafür, daß Christus nach römischem, nicht nach jüdischem Recht gerichtet wurde; die Römer, dieses in religiöser Beziehung toleranteste aller Völker, hätten aber erst recht wegen religiöser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie hätten die Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die Strafe aufrührerischer Sklaven oder ihrer Verführer.

Ich sage das nicht, um die Verantwortung für Christi Tod von Juda abzuwälzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates tötete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus getötet; der Römer war nur das Werkzeug des jüdischen Hasses, doch wohlverstanden des Hasses der um ihre Besitztümer zitternden Reichen unter den damaligen Juden, die den „Verführer des Volkes“ dem Statthalter denunzierten. Ja, es ist auch durchaus glaubhaft, daß dieser letztere sich nicht bereitwillig zeigte, auf die Wünsche der geängstigten Denunzianten einzugehen, denn er, der Römer, der im niemals erschütterten Glauben an seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn — die Evangelien lassen darüber kaum einen Zweifel und es wäre im Grunde genommen anders auch schwer zu begreifen — für einen harmlosen Schwärmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen könnte. Generationen mußten vergehen, bis die römische Welt erkennen lernte, was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe — dann aber fiel sie auch mit einer Wut sonder gleichen über ihre Anhänger her, kreuzigte sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und Eigentumsordnung that. Anders die jüdische Aristokratie; diese begriff Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im Pentateuch wie in den Lehren der früheren Propheten hatte sie längst schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren forderte, die Bestimmung, daß alle Knechte im siebenten Jahre freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorläufer der von Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu praktischer Durchführung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber bekannt und geläufig waren sie längst jedem Juden, und als Christus daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzuführen, als er in gewaltigen, hinreißenden Reden Wehe über den Reichen rief, der sich vom Schweiße seines Bruders mäste, da erkannten die Mächtigen in Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren nicht jüdischen Standesgenossen erst viel später klar wurde. Es unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, daß sie dem römischen Statthalter gegenüber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde Christus hingerichtet.

Dem Volke aber konnte ebenso selbstverständlich nicht gesagt werden, daß man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Büchern niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit praktisch verwirklichen wolle; diesem mußte das Märlein von den religiösen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Märlein indessen — abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen urteilslosen Pöbel — lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jüdisch galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als „judaei“ werden sie uns von allen römischen Schriftstellern genannt, in denen ihrer Erwähnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darüber ist — trotz aller anfangs aus leicht begreiflichen Gründen beobachteten Vorsicht und trotz der später, aus ebenso begreiflichen Gründen geübten Fälschungen — in den Apostelgeschichten Genügendes auf uns gekommen. Socialisten, ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit, Gütergemeinschaft wurde in ihnen geübt. Später erst, als die christliche Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Märtyrerin der Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungssüchtiger Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die tückische Verleumdung ihrer einstigen Ankläger hervor, spielte sich selber als neue Religion aus — was sie seither in der That auch geworden ist. Und daß es ihr gelang, durch länger als anderthalb Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung zu erhalten, ist zum weitaus überwiegenden Teile allerdings die Schuld des jüdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verübt wurden, sich zu blindem, thörichtem Hasse gegen diesen seinen größten und edelsten Sohn verleiten ließ.

Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, daß Christus für die Idee der socialen Gerechtigkeit und nur für diese den Tod erlitten, ja daß diese Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr ist, daß trotz aller nachträglichen Verdunkelung und Fälschung dieser welterlösenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung niemals wieder völlig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die Kirche der Laienwelt die Lektüre jener Bücher, welche angeblich nichts anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden europäischen Völker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung zu Versuchen der Befreiung.

Darja-Sing (Centrum). Ich möchte das soeben Gehörte dahin ergänzen, daß auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar — es ist das indische. Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und von der Sündhaftigkeit der Unterdrückung und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu äußern, daß die bereits erwähnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung zurückzuführen sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor Christus, während die jüdische Legende die Abfassung der fünf Bücher in das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, daß neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben, daß diese angeblichen Bücher Mosis frühestens im sechsten Jahrhundert, und jedenfalls erst nach der Rückkehr aus der sogenannten babylonischen Gefangenschaft verfaßt wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel durch ganz Asien, und daß die „an den Wassern Babels Weinenden“ gegen solche Lehren damals besonders empfänglich gewesen sein mußten, liegt auf der Hand.

Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten, das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Körper des arischen Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das Christentum thatsächlich als Semitismus, nämlich dem Judentum entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den Grundgedanken des Christentums für sich reklamieren, da höchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem Semitentume übergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des großen semitischen Freiheitsmärtyrers zu schmälern. Ich kann leider nicht leugnen, daß wir Arier mit dem unserem Schoße entsprossenen göttlichen Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es wahrscheinlich ist, daß gerade die Scheußlichkeit des indischen Kastenwesens, jener schändlichsten Blüte, die jemals dem blut- und thränengedüngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen, daß in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geißel der Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, daß das nämliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes allzusehr gebrochen, als daß dieses die empfangene Anregung selber hätte fruchtbringend verarbeiten können. Der Buddhismus erlosch in Indien und wurde außerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gänzlich entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im Abendlande das Christentum zu beschränken versuchte, sie sind im Osten Asiens thatsächlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes tragenden „Avatar“ Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der inmitten eines von nie gebändigtem Gleichheitsdrange durchglühten Volkes das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem christlichen Freiheitsgedanken bloß fälschlich von Jenen untergeschoben wurde, die durch fremde Ansprüche im eigenen Genusse nicht gestört zu werden wünschten.

Ja ich bin überzeugt, daß auch unsere kräftigeren, nach dem Westen ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht hätten verwerten können, wenn wir — die indische Welt — ihnen denselben unverändert, wie wir ihn schufen, übergeben hätten. Denn auch ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend später, das Kastengefühl im Blute; daß alle Menschen gleich, wirklich schon hier auf Erden gleich seien, wäre dem germanischen Edeling sowohl, als dem germanischen Knechte ebenso unfaßbar geblieben, als es dem indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfaßbar geblieben ist. Dieser Gedanke mußte zuerst von dem streng demokratisch gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in feste, fürderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der freien nüchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle — wenn auch vorläufig ablehnende — Untersuchung gezogen worden sein, ehe er, zu rein arischen Volksstämmen verpflanzt, Früchte zu tragen vermochte. Nahmen doch die bekehrten germanischen Könige das Christentum ganz ersichtlich nur an, weil sie es für ein passendes Werkzeug der Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte, war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer Ehrfurcht zu den „Abkömmlingen der Asen“, seinen Herren, emporsah, erschien für alle Ewigkeit ungefährlich; gegen wen es sich zu wappnen galt, das waren die Mitherren, die Großen und Edlen, die bisher nur der faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Königen verschieden waren. Das Herrenrecht kam — nach arischer Anschauung — von Gott, sehr wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nämlichen Weise, wie das des Königs; sie alle stammten von den Göttern ab. In Christus nun fanden die Könige den einen obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht verliehen hatte; abermals besaßen sie eine göttliche Quelle des Herrenrechts, aber für sich allein und deshalb erzählt uns die Geschichte überall, daß die Könige gegen den — oft verzweifelten — Widerstand der Großen das Christentum einführten, nirgends, daß die Großen ohne, oder gar gegen den Willen der Könige sich bekehrt hätten. Die Volksmassen, die Knechte — wo werden diese jemals überhaupt gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren für gut finden — und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und glauben nunmehr auf Befehl, daß alle Macht von einem Gotte komme, der sie einem Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden muß. Dieses Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit nicht.

Erich Holm (Rechte). Ich glaube, es läßt sich gegen den Nachweis, daß der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit schon Jahrtausende alt ist und niemals vollständig entschlief, nichts stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat, nicht vielleicht in manchen Stücken das Gegenteil desselben besagt; und zum zweiten muß nun erst recht Bedenken erregen, daß dieser, wie wir gehört haben, 2½ Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend verwirklicht werden konnte.

Ersteres anlangend muß ich zugeben, daß Christus — im Gegensatze zu Buddha — die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern sehr materiell und buchstäblich verstanden hat. Er pries zwar auch die Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren durch ein Nadelöhr, verstand er ganz gewiß nicht die Reichen im Geiste, sondern die an irdischen Gütern Reichen. Auch ist es richtig, daß er sagte, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“ und dem Kaiser geben hieß, was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem Zusammenhange reißt, kann unmöglich übersehen, daß er damit lediglich jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um politischer, sondern um transcendenter Zwecke, um der ewigen Seligkeit willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit geübt wird; doch daß er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden geübt wissen will, kann nur fromme Beschränktheit leugnen. Aber ist das, was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jüdischen Lehrern verkündete „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wäre eine sinnlose Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur Voraussetzung hätte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft „christliche Nächstenliebe“ in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wäre einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher sattsam erfahren. Im übrigen nimmt uns ja der Apostel hierüber den letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrücklich, sich vom Schweiße des Nächsten zu mästen, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also wären wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt ebenso ausdrücklich den Reichtum, preist die Armut, während wir den Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in einen Zustand versetzen wollen, in dem sie — um mit Christus zu reden — schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelöhr, ins Himmelreich eingehen könnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen Überbrückung mir schwer möglich erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum für die Quelle des Lasters, der Sünde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die seinige die der Armut; das bitte ich fürs erste festzuhalten.

Zum zweiten aber hat ja Christus — trotz des, wie man zugeben wird, viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe nicht erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister, statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu stärken, nicht vielmehr geeignet, uns zu entmutigen?

Emilio Lerma (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem — angeblichen — Mißlingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte. Nicht trotzdem, sondern weil Christus die Gleichheit auf Grundlage der Armut herstellen wollte, ist dies fürs erste mißlungen. Die Gleichheit der Armut läßt sich nicht herstellen, denn sie wäre gleichbedeutend mit Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht bloß möglich, sondern notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen — sowie die Voraussetzungen dafür vorhanden sind — weil dies mit Fortschritt der Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings — so werden Sie sagen — so verhält es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber ist der Reichtum ein Übel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem Eingehen in die Sache unmöglich entgehen, daß Christus den Reichtum nur verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte. Nichts im ganzen Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, daß er jener finstere Ascet gewesen, der er hätte sein müssen, wenn er den Reichtum als solchen für sündhaft gehalten hätte; zahllose Stellen der Evangelien legen unzweideutiges Zeugnis für das Gegenteil ab. Christi Bedürfnisse waren allerdings einfach; aber er genoß stets mit Behagen, was ihm etwaiger Reichtum seiner Anhänger bot und sah nirgends ein Übles darin, vom Leben soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit verträgt. Auch der Haß, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, änderte diese seine Anschauung nicht, wie denn überhaupt das oft citierte Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es außer Zusammenhang halten mit dem „Wehe, wer sich mästet vom Schweiße seines Bruders“. Im Reichtum verdammt Christus bloß dessen Quelle; nur weil Reichtum anders, als durch Ausnützung des Schweißes der Brüder nicht erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, daß Christus gleich uns sich mit dem Reichtume versöhnt hätte, wäre damals wie zu unserer Zeit Reichtum auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht möglich gewesen. Aus welchen Gründen dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte nachher unmöglich war, darüber werden wir uns noch ausführlich zu verbreiten haben; vorläufig sei bloß konstatiert, daß es unmöglich war, daß die Wahl bloß zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung stand.

Diese Alternative schärfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit hinreißender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die unsterbliche That Christi. Er mußte dafür am Kreuze sterben, denn im Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die erstere unterliegen; er mußte sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende zu früh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz aller edelsten Gefühle des menschlichen Herzens entrollte — zu früh, wohlverstanden für ihn, nicht für uns, denn die träge Menschheit bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr Märtyrer gemeint, für sie starb er keinen Tag zu früh. Es gibt also keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der Unterschied beider liegt bloß darin, daß jene, die erste Verkündigung des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen Voraussetzungen der Verwirklichung dieser göttlichen Idee noch nicht vorhanden waren, während diese die „Fleischwerdung des Wortes“ zu bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen „Mißlingen“ des christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein: es liegen bloß zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschluß des von Christus unternommenen Werkes.

Hiermit schloß der vorgerückten Stunde halber der Präsident die Sitzung, die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen Tag verschiebend.

24. Kapitel.

Zweiter Verhandlungstag. (Fortsetzung der Verhandlungen über Punkt 1 der Tagesordnung.)

Das Wort erhält Leopold Stockau (Centrum): Ich glaube, daß die Vorfrage des ersten Punktes der Tagesordnung, nämlich ob unsere gegenwärtigen Bemühungen im Interesse der wirtschaftlichen Gerechtigkeit wirklich ohne jedes wie immer geartete weltgeschichtliche Präcedens dastehen, am gestrigen Tage erschöpfend, und zwar im verneinenden Sinne erledigt worden ist. Zum mindesten bin ich von den gestrigen Wortführern der Gegenpartei ermächtigt, zu erklären, daß sie vollkommen davon überzeugt worden seien, die Lehre Christi unterscheide sich in keinem wesentlichen Punkte von dem, was in Freiland verwirklicht ist und was wir nunmehr zum Gemeingute des ganzen Erdkreises machen wollen. Wir kommen jetzt zum Hauptgegenstande des ersten Fragepunktes, zu der Erörterung nämlich, warum diese früheren Versuche, Gerechtigkeit und Freiheit zur Grundlage der menschlichen Wirtschaft zu machen, erfolglos bleiben mußten.

Die Antwort auf diese Frage ist durch den letzten Redner des gestrigen Tages schon angedeutet worden. Die früheren Versuche mißlangen, weil sie die Gleichheit der Armut etablieren wollten, der unsere wird gelingen, weil er die Gleichheit des Reichtums bedeutet. Gleichheit der Armut wäre Stillstand der Kultur gewesen. Kunst und Wissenschaft, diese beiden Triebfedern des Fortschritts, haben Überfluß und Muße zur Voraussetzung; sie können nicht bestehen, geschweige denn sich entwickeln, wenn es Niemand giebt, der mehr besäße, als zur Stillung der tierischen Notdurft hinreicht. In früheren Epochen menschlicher Kultur war es jedoch unmöglich, Überfluß und Muße für Alle zu schaffen; es war unmöglich, weil die Hilfsmittel der Produktion nicht hinreichten, Überfluß für Alle zu erzeugen, selbst wenn Alle unausgesetzt unter Einsatz ihrer gesamten physischen Kraft gearbeitet, geschweige denn, wenn sie sich zugleich jene Muße gegönnt hätten, die zur Entfaltung der höheren geistigen Kräfte ebenso notwendig ist, wie der Überfluß zur Zeitigung der höheren geistigen Bedürfnisse. Und da es nicht möglich war, Allen ein vollkommen menschenwürdiges Dasein zu gewähren, so blieb es eine traurige zwar, aber darum nicht minder unerschütterliche Kulturnotwendigkeit, die Mehrzahl der Menschen auch in dem Wenigen, das ihr Teil gewesen wäre, zu verkürzen und mit dem, den Massen entzogenen Beutestücken eine Minderzahl auszustatten, die solcherart zu Überfluß und Muße gelangen konnte. Die Knechtschaft war eine Kulturnotwendigkeit, weil sie allein zum mindesten in einzelnen Menschen Kulturbedürfnisse und Kulturfähigkeiten zur Entfaltung zu bringen vermochte, während ohne sie Barbarei das Los Aller gewesen wäre.

Falsch ist übrigens die Meinung, als ob die Knechtschaft so alt wäre, als das Menschengeschlecht; sie ist nur so alt, als die menschliche Kultur. Es gab einst eine Zeit, in der sie unbekannt war, in der es keine Herren und Knechte gab und niemand die Arbeit seiner Nebenmenschen auszubeuten vermochte; nur war das nicht das goldene, sondern das barbarische Zeitalter unserer Rasse. So lange der Mensch die Kunst noch nicht erlernt hatte, seine Bedürfnisse zu erzeugen, sondern sich damit begnügen mußte, die freiwilligen Gaben der Natur zu sammeln, zu erjagen; so lange daher jeder Mitkonkurrent als Feind angesehen wurde, der nach demselben Gute trachtete, welches jeder Einzelne als die ihm bestimmte Beute ansah; so lange richtete sich der Daseinskampf unter den Menschen notwendigerweise auf gegenseitige Vernichtung, statt auf Unterjochung und Ausbeutung. Es nützt dem Stärkeren, Schlaueren noch nichts, die Schwächeren zu unterjochen; der Konkurrent im Daseinskampfe muß getötet werden, und da der Kampf von Haß und Aberglauben begleitet ist, so gelangt man bald dahin, den Getöteten auch zu fressen. Ausrottungskrieg Aller gegen Alle, gefolgt in der Regel von Kannibalismus, war daher der Urzustand unseres Geschlechts.

Überwunden aber wurde diese erste sociale Ordnung nicht durch moralische oder philosophische Erwägungen, sondern durch einen Wandel im Wesen der Arbeit. Der Mann, welcher zuerst auf den Gedanken geriet, ein Samenkorn in die Erde zu legen, es zu pflegen und Früchte heranzuziehen, war der Erlöser der Menschheit aus der niedrigsten, blutigsten Stufe der Barbarei, denn er schuf die erste Produktion, die Kunst, Nahrungsmittel nicht bloß zu sammeln, sondern zu erzeugen; und als diese Kunst sich in dem Maße verbessert hatte, daß es möglich wurde, dem Arbeitenden einen Teil seines Ertrages zu entziehen, ohne ihn geradezu dem Hungertode zu überantworten, zeigte es sich allgemach, daß es nützlicher sei, den Besiegten als Arbeitstier und nicht wie bisher, als Schlachttier zu gebrauchen. Und da dem so war, da die Sklaverei zum erstenmal die Möglichkeit bot, Überfluß und Muße zum mindesten für eine bevorzugte Minderheit zu schaffen, so war sie die erste Anregerin höherer Kultur. Kultur aber ist Macht und so kam es denn, daß Sklaverei oder Knechtschaft in irgend welcher Form allgemach den Erdball eroberten.

Daraus folgt aber mit nichten, daß die Dauer ihrer Herrschaft eine ewige sein muß oder auch nur sein kann. Gleichwie Menschenfresserei das Ergebnis jenes geringsten Ausmaßes der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit gewesen, bei welchem die angestrengteste Thätigkeit eben nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft weichen mußte, sowie die erste Möglichkeit des Überflusses infolge wachsender Arbeitsergiebigkeit sich zeigte, so ist auch diese nichts anderes, als das sociale Ergebnis jenes mittleren Ausmaßes von Ergiebigkeit, bei welchem die Arbeit zwar genügt, um Einzelnen, nicht aber, um Allen Überfluß und Muße zugleich zu gewähren, und auch sie muß einer anderen, höheren socialen Ordnung weichen, sowie dieses mittlere Maß der Ergiebigkeit überschritten ist, denn von da ab ist sie aus einer Kulturnotwendigkeit ein Kulturhindernis geworden.

Das ist seit Generationen thatsächlich geschehen. Seitdem es dem Menschen gelungen ist, die Naturkräfte seiner Produktion dienstbar zu machen, seitdem er die Fähigkeit erlangt hat, an Stelle der Kraft seiner Muskeln die unbegrenzten Elementarkräfte eintreten zu lassen, hindert ihn nichts, Überfluß und Muße für Alle zu erzeugen — nichts als jene überlebte sociale Einrichtung, die Knechtschaft nämlich, welche den Massen den Genuß dieser Güter vorenthält. Wir können nicht bloß, wir müssen die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, weil die neue Form der Arbeit dies ebenso gebieterisch fordert, als die alten Formen der Arbeit gebieterisch die Knechtschaft gefordert haben. Diese, einst das Werkzeug des Kulturfortschrittes, ist zu einem Hindernisse der Kultur geworden, denn sie vereitelt den vollen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden Kulturmittel. Dadurch, daß sie die Genüsse der großen Majorität unserer Brüder auf ein äußerst geringes Maß reduziert, auf ein Maß, zu dessen Erfüllung der Gebrauch der modernen Produktionsbehelfe keineswegs erforderlich ist, zwingt sie uns, in unserer Arbeit weit hinter jenem Umfange und hinter jener Vollkommenheit zurückzubleiben, die wir sofort erreichen würden, sowie nur einmal Verwendung für die dann unvermeidliche Fülle aller Reichtümer vorhanden wäre.

Ich resumiere also: die wirtschaftliche Gleichberechtigung konnte in früheren Kulturepochen aus dem Grunde nicht verwirklicht werden, weil menschliche Arbeit in jenen Epochen nicht hinreichend ergiebig war, um Reichtum für Alle zu ermöglichen, die Gleichheit also Armut für Alle bedeutet, diese aber gleichbedeutend mit Barbarei gewesen wäre; sie kann nicht nur, sie muß jetzt zur Wahrheit werden, weil Dank der erlangten Kulturmittel unerschöpflicher Reichtum für alle produzierbar wäre, die thatsächliche Produktion dieses dem Kulturfortschritte entsprechenden Reichtums aber zudem an die Bedingung geknüpft ist, daß jedermann genieße, was das Ergebnis seines Fleißes ist.

Der Vorsitzende fragt hierauf, ob niemand fernerhin zu Punkt 1 der Tagesordnung das Wort ergreifen wolle und erklärt, da dies nicht geschieht, die Diskussion über dieses Thema für geschlossen.

Zur Debatte gelangt nun Punkt 2:

Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf das ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen, oder beruhen dieselben auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten Voraussetzungen?

Das Wort hat George Dare (Rechte): Wir haben den großartigen Erfolg eines ersten Versuches der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit in Freiland so handgreiflich vor uns, daß die Frage, ob ein solcher Versuch gelingen kann, gegenstandlos geworden ist. Ein anderes ist jedoch die Frage, ob er gelingen muß, überall gelingen muß, weil er in diesem einen Falle gelungen ist. Denn die Verhältnisse Freilands sind exceptionelle in mehr als einer Beziehung. Von den hervorragenden Fähigkeiten, dem Feuereifer und Opfermute jener Männer ganz zu schweigen, welche dieses glückliche Gemeinwesen gründeten und zum Teil heute noch an dessen Spitze stehen, Männer, wie wir sie mit Sicherheit nicht überall zur Hand haben werden, darf auch nicht übersehen werden, daß dieses Land von der Natur so verschwenderisch ausgestattet ist, wie wenige andere, und daß ein breiter Gürtel von Wüste und Wildnis es — anfangs zum mindesten — vor jedem störenden fremden Einflusse bewahrte. Wenn geniale, von unbedingtem Vertrauen ihrer Mitbürger getragene Männer, auf einem Boden, wo jedes Samenkorn hundertfältige Frucht trägt, das Wunder vollbringen, unerschöpflichen Reichtum für Millionen aus dem Nichts hervorzuzaubern, Elend und Laster auszurotten, den Fortschritt der Künste und Wissenschaften auf die Spitze zu treiben, so beweist das meines Erachtens noch immer nicht, daß gewöhnliche Menschen, die zudem vielleicht miteinander hadern, einander mißtrauen werden, auf mageren Boden und mitten im Gewühle des Konkurrenzkampfes der Welt, die gleichen oder auch nur ähnliche Resultate erzielen werden. Und daß ich in diesem Punkte einige Zweifel hege, wird um so erklärlicher erscheinen, wenn man bedenkt, daß wir in Amerika Zeugen hunderter und aber hunderter von socialen Experimenten waren, die jedoch alle entweder mehr oder minder kläglich Fiasko litten, oder günstigen Falls die Bedeutung eines gelungenen industriellen Einzelunternehmens zu erlangen vermochten. Es ist wahr, einzelne dieser unserer Versuche zu socialer Revolutionierung der modernen Gesellschaft haben ganz hübsche pekuniäre Erfolge gehabt; das war aber auch alles; eine neue, ersprießliche Grundlage der socialen Ordnung haben sie nicht geschaffen, nicht einmal im Keime. Das möchte ich zu bedenken geben und bevor wir uns am Beispiele Freilands berauschen, zu nüchterner Erwägung der Frage auffordern, ob alles, was für Freiland Geltung hat, auch für die ganze übrige Welt Geltung haben muß.

Thomas Johnston (Freiland): Der Vorredner irrt, wenn er in ausnahmsweise günstigen Verhältnissen den Grund des Gelingens des freiländischen Unternehmens zu finden glaubt. Zwar daß unser Boden fruchtbarer ist, als in den meisten Teilen der übrigen Welt, ist ein dauernder Vorteil, der uns jedoch bloß mit dem Betrage der Frachtdifferenz zugute kommt, denn wenn Sie diesen in Abrechnung bringen, können Sie überall, wohin Eisenbahn und Dampfschiff reichen, am Gewinne dieser Fruchtbarkeit vollständig teilnehmen. Die Getrenntheit vom Weltmarkte durch weite Wüsten war anfangs ein Vorteil, wäre aber jetzt ein Nachteil, wenn wir ihrer nicht Herr geworden wären, und was schließlich die Fähigkeiten der freiländischen Verwaltung anlangt, so muß ich — nicht aus Bescheidenheit, sondern der Wahrheit entsprechend — die uns gemachten Komplimente ablehnen. Wir sind nicht klüger als andere, die Sie zu Dutzenden in jedem civilisierten Lande finden werden.

Daß aber jene Versuche, von denen der geschätzte Vorredner sprach, allesamt mißglückten, erklärt sich daraus, daß sie allesamt auf verkehrter Grundlage unternommen wurden. Mit dem, was wir in Freiland vollführten und was Sie jetzt nachahmen wollen, haben sie alle bloß ganz im Allgemeinen das Bestreben gemein, Abhilfe gegen das Elend der ausbeuterischen Welt zu finden; ein anderes aber ist die Abhilfe, die wir, eins die, anderes die, welche jene suchten, und darin, nicht in exceptionellen Vorteilen, die wir voraus gehabt hätten, liegt die Ursache des Gelingens bei uns, des Mißlingens bei jenen.

Denn es war nicht die wirtschaftliche Gerechtigkeit, mit deren Hilfe jene zum Ziele gelangen wollten; sie suchten Rettung aus dem Kerker der Ausbeutung, sei es auf einem Wege, der gar nicht hinausführt, sei es auf einem solchen, der zwar aus diesem hinaus, dafür aber in einen anderen, noch abscheulicheren Kerker hineinführt. Bei keinem dieser amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der Quäker bis zu dem Ikarien Cabets wurde jemals der volle und ungeschmälerte Arbeitsertrag dem Arbeitenden als solchem zugewiesen, vielmehr gehörte der Ertrag entweder kleinen, sich am Unternehmen zugleich als Arbeiter beteiligenden Arbeitgebern nach Maßgabe ihrer Kapitaleinlage, oder der Gesamtheit, die als solche über die Arbeitskraft sowohl als über den Arbeitsertrag jedes Einzelnen despotisch zu disponieren hatte. Associierte kleine Kapitalisten oder Kommunisten waren ohne Ausnahme alle diese Reformer. Sie mochten, wenn sie besonderes Glück hatten, oder unter besonders fähiger Leitung standen, vorübergehende Erfolge erzielen; an einen Umschwung der geltenden Wirtschaftsordnung durch sie war nicht zu denken.

Johann Storm (Rechte). Ich glaube, daß das Fehlen jeglicher Analogie zwischen den wiederholt unternommenen kleinkapitalistischen oder kommunistischen Gesellschaftsrettungsversuchen und den freiländischen Institutionen keines ferneren Beweises bedarf. Auch darüber erachte ich die Akten als geschlossen, daß die exceptionellen äußeren Vorteile, die den Erfolg jener letzteren allenfalls begünstigt und erleichtert haben mögen, nicht von der Art sind, daß zu besorgen wäre, unser nunmehr beabsichtigtes Werk könnte wegen deren Mangel scheitern. Aber damit wissen wir immer noch nicht, ob wirklich tief im Wesen der menschlichen Natur gelegene, also mit Sicherheit überall zu erwartende Voraussetzungen für das Gelingen der Socialreform Gewähr leisten. Wir haben allerdings schon bei Gelegenheit der Diskussion des ersten Punktes de Tagesordnung festgestellt, daß die Ausbeutung, Dank der über die Naturkräfte erlangten Herrschaft, zu einer Kulturwidrigkeit, ihre Beseitigung also zu einer Kulturnotwendigkeit geworden ist. Die strenge Kritik kann sich jedoch damit noch nicht beruhigen. Ist denn alles, was behufs Förderung des Kulturfortschrittes notwendig wäre, damit zugleich auch möglich? Wie, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit zwar ein ganz außerordentliches Kulturvehikel, leider aber aus irgend einem Grunde undurchführbar wäre? Wie, wenn jener wunderbare Aufschwung, den wir in Freiland staunend wahrnehmen, doch nur eine vorübergehende Erscheinung wäre, trotz aller, ja vielleicht gerade wegen seiner märchenhaften Größe den Keim des Unterganges schon in sich trüge, mit einem Worte, wenn die Menschheit als Ganzes und auf die Dauer jenes Fortschrittes nicht teilhaftig werden könnte, dessen Voraussetzung allerdings die wirtschaftliche Gerechtigkeit ist?

Der bisher vernommene Beweis des Gegenteils gipfelt in dem Satze, daß Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bloß insolange notwendig war, als der Ertrag menschlicher Arbeit nicht genügte, um Überfluß und Muße für alle zu ermöglichen. Wie aber, wenn auch noch andere Motive die Ausbeutung, die Knechtschaft zur Notwendigkeit machten, Motive, deren zwingende Wirkung mit der gestiegenen Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht beseitigt wäre, vielleicht gar niemals beseitigt werden könnte? Als gewaltigstes Hindernis dauernder Etablierung eines Zustandes wirtschaftlicher Gerechtigkeit mit seinem Gefolge von Glück und Reichtum bietet sich dem vorsorglich in die Zukunft blickenden Sinne die Gefahr der Übervölkerung dar; doch da die Erörterung dieses Bedenkens einen besonderen Punkt unserer Tagesordnung bildet, so will auch ich gleich jenen meiner Gesinnungsgenossen, die vor mir das Wort ergriffen, vorläufig die sich unter diesem Gesichtspunkte aufdrängenden Argumente bei Seite lassen; es gibt deren aber noch einige andere, nicht minder gewichtige. Kann auf die Dauer eine Gesellschaft bestehen und fortschreiten, welcher die Triebfeder des Eigennutzes fehlt, vermögen Gemeinsinn und vernünftige Erwägung letztere durchweg und mit gleicher Wirksamkeit zu ersetzen? Gilt nicht dasselbe vom Eigentume? Eigennutz und Eigentum aber sind meines Erachtens durch die freiländischen Institutionen zwar nicht gänzlich bei Seite geschoben — das will ich gern zugeben — aber doch sehr wesentlich eingeengt. Auch unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist das Individuum immerhin für das geringere oder größere Maß seines Wohlergehens selber verantwortlich, der Zusammenhang zwischen dem eigenen Thun und dem eigenen Nutzen ist nicht vollständig aufgehoben; aber indem das Gemeinwesen jedermann und für alle Fälle gegen Not, also gegen die letzte Konsequenz eigener Fehler oder Unterlassungen unbedingt schützt, ist doch der Stachel der Selbstverantwortlichkeit sehr wesentlich abgestumpft. Ebenso sehen wir das Eigentum zwar nicht gänzlich, aber doch in seinen wichtigsten Bestandteilen abgeschafft. Die ganze Erde mit allen an ihr haftenden Kräften ist herrenlos erklärt; die Produktionsmittel sind Gemeingut; wird das, kann das überall und allezeit ohne schädliche Konsequenzen bleiben? Wird der Gemeinsinn auf die Dauer jene liebevolle, alle Eventualitäten sinnreich abwägende Vorsorge ersetzen, die der Eigentümer dem ihm allein überantworteten Gute angedeihen läßt? Wird die heitere Sorglosigkeit, die bisher in Freiland allerdings bloß ihre Lichtseiten hervorgekehrt hat, nicht schließlich in Leichtsinn und Mißachtung dessen umschlagen, was Niemandes spezieller Verantwortlichkeit übergeben ist? Die Thatsache, daß es bisher nicht geschehen, erklärt sich vielleicht nur durch die noch immer — es ist ja noch kein Menschenalter über die Gründung dieses Gemeinwesens dahingegangen — vorwaltende Begeisterung des ersten Anfanges. Neue Besen, sagt man, kehren gut. Der Freiländer sieht das Auge einer ganzen Welt auf sich und sein Thun gerichtet; er fühlt sich noch als Bahnbrecher der neuen Einrichtungen; er ist stolz auf dieselben und der letzte Arbeiter hier mag sich solcherart noch verantwortlich fühlen für die Art und Weise, wie er das ihm zugefallene Apostolat der Weltfreiheit ausübt. Wird das auf die Dauer vorhalten, wird insbesondere die gesamte Menschheit ähnlich fühlen und handeln? Ich bezweifle es, bin zum mindesten nicht vollkommen von der Notwendigkeit überzeugt, daß es geschehen werde. Und was dann, wenn es nicht geschieht, wenn sich zeigen sollte, daß — sagen wir nicht alle, aber doch zahlreiche — Völker des Stachels von Not getriebenen Eigennutzes, des Lockmittels vollen und ganzen Eigentums nicht entbehren können, ohne in Stumpfsinn und Trägheit zu verfallen? Das sind die Fragen, auf die wir zunächst Antwort erbitten.

Richard Held (Centrum). Der Vorredner findet, daß Eigennutz und Eigentum so wichtige Beförderungsmittel der Betriebsamkeit sind, daß ohne deren volle und uneingeschränkte Wirksamkeit menschlicher Fortschritt auf die Dauer kaum denkbar und deren Ersatz durch den Gemeinsinn höchst unverläßlich wäre. Ich gehe viel weiter. Ich behaupte, daß ohne diese beiden Vehikel der Betriebsamkeit an materielles Gedeihen irgend welchen Gemeinwesens gar nicht zu denken ist, zum mindesten insolange nicht, bis die menschliche Natur sich nicht radikal geändert, oder die Arbeit aufgehört hat, eine Plage zu sein. Jeder Versuch, auf wirtschaftlichem Gebiete den Eigennutz durch Gemeinsinn oder anderweitige ethische Triebfedern zu ersetzen, müßte schmählich Fiasko leiden. Das eigens zu beweisen, halte ich für ganz überflüssig; aber gerade weil dem so ist, gerade weil der Eigennutz und sein Korrelat, das Eigentum, die besten, durch keinerlei Surrogat gleich wirksam zu ersetzenden Triebfedern der Arbeit sind, gerade deshalb, so sollte ich meinen, verdienen die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch in diesem Betracht ganz ausgesprochener Maßen den Vorzug vor denen der ausbeuterischen Wirtschaftsordnung. Denn sie erst bringen Eigennutz und Eigentum wirklich zur Geltung, während die ausbeuterische Ordnung sich dieses Verdienst nur fälschlich anmaßt.

Die Knechtschaft ist doch in Wahrheit geradezu die Verneinung des Eigennutzes. Dieser setzt voraus, daß der Arbeitende durch seine Mühe dem „eigenen Nutzen“ diene — trifft dies unter dem Walten der Ausbeutung zu, arbeitet der Knecht zu eigenem Nutzen? Wollte man mit Rücksicht auf die Frage des Eigennutzes einen Nachteil der wirtschaftlichen Gerechtigkeit der Knechtschaft gegenüber ableiten, so müßte man behaupten, die Arbeit gehe dann am fruchtbarsten und erfolgreichsten von statten, wenn der Arbeitende nicht zu eigenem, sondern zu fremdem Nutzen produciere. Aber der Arbeitgeber produciert doch zu eigenem Nutzen, wird man vielleicht einwenden. Richtig. Doch abgesehen davon, daß auch das streng genommen mit der Wirkung des Eigennutzes der Arbeit gegenüber nichts zu thun hat, denn hier ist es wieder nicht der Nutzen eigener, sondern fremder Arbeit, der in Frage kommt; so ist es doch klar, daß ein System, welches bloß einer Minderzahl Nutzen an der Arbeit einräumt, unendlich minder wirksam sein muß, als jenes andere, von uns beabsichtigte, welches diesen Nutzen jedem Arbeitenden einräumt. In Wahrheit kennt die ausbeuterische Welt — von geringfügigen Ausnahmen abgesehen — nur Menschen, welche ohne eigenen Nutzen arbeiten und Menschen, welche ohne eigene Arbeit Nutzen von der Arbeit haben; Arbeit zu eigenem Nutzen kommt in ihr höchstens nebensächlich vor. Mit welchem Scheine von Recht darf sich also die Ausbeutung damit brüsten, den Eigennutz als Triebfeder der Arbeit zu gebrauchen? Fremdnutzen ist der richtige Name des bei ihr ins Spiel kommenden Arbeitmotivs, und daß dieser Fremdnutzen sich wirksamer erweisen sollte, als der Eigennutz, den die wirtschaftliche Gerechtigkeit erst als Neuerung in die moderne Welt einführen muß, wäre denn doch einigermaßen schwer zu beweisen.

Nicht viel anders verhält es sich mit dem Eigentume. Welch grenzenlose Voreingenommenheit gehört dazu, einem Systeme, welches neunundneunzig Hundertteile der Menschheit aller und jeglicher Sicherheit des Eigentums beraubt, ihnen außer der Luft, die sie atmen, nichts läßt, was sie ihr eigen nennen dürften, nachzurühmen, daß es das Eigentum als Beförderungsmittel menschlicher Betriebsamkeit gebrauche, und dies einem anderen Systeme gegenüber, welches alle Menschen ohne Ausnahme zu Eigentümern, und zwar zu unverkürzten unbedingten Eigentümern all dessen macht, was sie nur immer hervorbringen mögen! Oder soll vielleicht der Vorzug des ausbeuterischen „Eigentums“ darin liegen, daß es sich auf Dinge erstreckt, die der Eigentümer nicht hervorgebracht hat? Keine Frage, die Anhänger des Alten haben schlechthin keine klare Vorstellung über den Begriff des Mein und Dein. Was gehört denn eigentlich mir? „Alles, was Du Irgendwem wegnimmst“, wäre — wenn sie aufrichtig sein wollten — ihre einzige Antwort. Weil diese Aneignung fremden Eigentums im Laufe der Jahrtausende in gewisse feste, durch grausame Notwendigkeit geheiligte Formen gebracht worden ist, kam ihnen der unlöslich mit dem Wesen der Sache verknüpfte, natürliche Begriff des Eigentums gänzlich abhanden. Es geht über ihr Begriffsvermögen, daß die Gewalt zwar in Besitz und Genuß erhalten kann, wen ihr beliebt, daß aber der freie ungehinderte Gebrauch der eigenen Kräfte Jedermanns ureigenstes Eigentum ist, und daß folglich jede staatliche oder gesellschaftliche Ordnung, welche sich über dieses Urrecht jedes Menschen hinwegsetzt, nicht das Eigentum, sondern — den Raub zur Grundlage hat. Dieser Raub mag immerhin notwendig, ja nützlich sein — wir haben gesehen, daß er es Jahrtausende hindurch thatsächlich gewesen — „Eigentum“ wird er darum doch niemals, und wer ihn dafür hält, der hat eben vergessen, was Eigentum ist.

Es erscheint mir nach dem Gesagten kaum noch nötig, viel Worte über jenes Bedenken zu verlieren, daß mangels vollkommenen Eigentums Leichtsinn oder liebloses Verfahren mit den Produktionsmitteln einreißen könne. Ersteres anlangend, genügt es wohl zu fragen, ob denn hoffnungsloses Elend sich als gar so vorzügliches Beförderungsmittel wirtschaftlicher Voraussicht erwiesen habe, daß dessen Ersatz durch eine dieses Stachels allerdings beraubte, im übrigen aber vollkommen durchgeführte Selbstverantwortlichkeit sich als gefährlich erweisen könnte. Und was das zweite Bedenken betrifft, so hätte dieses nur dann Berechtigung, wenn in der bisherigen Ordnung die Arbeitenden Eigentümer der Produktionsmittel gewesen wären. Sondereigentum an diesen wird ihnen zwar auch die neue Ordnung nicht einräumen, dafür aber den ungeschmälerten Fruchtgenuß derselben, und wessen Begeisterung für die Schönheiten der bestehenden Ordnung nicht so weit geht, daß er den Stock des Herrn für ein wirksameres Beförderungsmittel auch der liebevollen Vorsorge hält, als den Nutzen der Arbeitenden, der mag beruhigt darüber sein, daß es auch in dieser Beziehung nicht schlimmer, sondern nur besser werden kann.

Charles Prud (Rechte). Ich begreife durchaus nicht, wie der geehrte Vorredner bestreiten kann, daß in der bisherigen Ordnung Eigennutz es ist, was die Massen zur Arbeit nötigt. Wer wollte leugnen, daß sie einen Teil des Nutzens ihrer Arbeit abgeben müssen; aber ein anderer Teil verbleibt doch jedenfalls auch ihnen, sie arbeiten daher, zwar nicht ausschließlich, wohl aber mit zu ihrem eigenen Nutzen. Und jedenfalls müssen sie arbeiten, wollen sie dem Hunger entgehen, und man sollte meinen, daß dieser Sporn der wirksamste von allen ist. Soviel über die Leugnung des Eigennutzes als Triebfeder der sogenannten ausgebeuteten Arbeit. Was aber den Ausfall gegen den Eigentumsbegriff von uns Verteidigern — nicht etwa der bestehenden Übelstände, aber doch einer besonnenen, maßhaltenden Reform derselben — anlangt, so möchte ich mir in aller Bescheidenheit die Bemerkung erlauben, daß unser Rechtsgefühl sich dabei beruhigte, daß den Arbeitenden Niemand zwang, mit dem Arbeitgeber zu teilen. Er schloß als freier Mann einen Vertrag mit demselben ... (allgemeine Heiterkeit). Lachen Sie immerhin, es ist doch so. In politisch freien Ländern hindert den Arbeiter nichts, ungeteilt für eigene Rechnung zu arbeiten; den Anteil, den er dem Unternehmer abtritt, Raub zu nennen, ist daher jedenfalls ungerecht.

Béla Székely (Centrum). Mir will scheinen, daß es ein müßiger Streit um Worte ist, den mein Vorredner zu entfesseln sich anschickt. Er nennt den Arbeitslohn einen Teil des Nutzens der Produktion — mag sein, daß hie und da die Arbeiter wirklich einen Teil des Nutzens als Lohn oder als Zugabe zu diesem empfangen; bei uns und, wenn ich recht unterrichtet bin, auch im Lande des Redners war das im allgemeinen nicht üblich, vielmehr zahlten wir den Arbeitern, ganz unbekümmert um den Nutzen ihrer Arbeit, eine zur Fristung ihres Lebens dienende Summe; Nutzen — eventuell auch Schaden — der Produktion gehörte ausschließlich uns, den Unternehmern. Mit ungefähr demselben Rechte könnte er behaupten, daß seine Ochsen oder Pferde am „Nutzen“ der Produktion teilhaben. Wenn ich sage, mit „ungefähr“ demselben Rechte, so meine ich damit, daß dies von Ochsen und Pferden in der Regel mit etwas besserem Rechte gesagt werden könnte, denn während diese nützlichen Kreaturen zumeist besseres und reichlicheres Futter erhielten, wenn ihre Arbeit den Herrn reich gemacht hatte, geschah dies bei unseren zweibeinigen, vernunftbegabten Arbeitskreaturen höchstens in sehr seltenen Ausnahmefällen.

Dann identificiert der Herr Vorredner vollends den Hunger mit dem Eigennutze. Die Massen müssen arbeiten, sonst verhungern sie. Allerdings. Aber der Sklave muß auch arbeiten, sonst erhält er Prügel — folglich, so sollten wir nach dieser seltsamen Logik sagen, wird auch der Sklave durch Eigennutz zur Arbeit getrieben. Oder will man sich vielleicht darauf steifen, daß Eigennutz sich nur auf die Erlangung materieller Güter beziehe? Das wäre zwar falsch, denn Prügel vermeiden ist schließlich nicht mehr und nicht minder eine Forderung des Eigennutzes, als den Hunger stillen; aber ich will um solche Kleinigkeiten nicht streiten; lassen wir also den Stock und die Peitsche als Symbole vom Eigennutz beflügelter Betriebsamkeit fallen. Wie aber steht es dann mit jenen Sklavenhaltern, die — wahrscheinlich im Interesse der ‚Freiheit der Arbeit‘ — ihre faulen Sklaven nicht prügelten, sondern hungern ließen? Unter deren Regime wurde — dem Vorredner nach — offenbar der Eigennutz als Triebfeder der Arbeit auf den Thron gesetzt? Daß der Hunger ein sehr wirksames Zwangsmittel ist, ein wirksameres, als die Peitsche — wer wollte das leugnen; er hat daher letztere auch überall und sehr zum Vorteile der Arbeitgeber verdrängt. Aber Eigennutz? Dazu gehört, das sagt schon der Klang des Wortes, daß der Nutzen der Arbeit Eigen des Arbeitenden sei. Soviel über den Eigennutz.

Und was nun vollends die Verwahrung gegen das Unrecht der Ausbeutung anlangt, so verstehe ich dieselbe schon ganz und gar nicht. ‚Frei‘ waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil zu producieren? Jawohl, nichts als die Kleinigkeit, der Hunger. Sie mochten es immerhin bleiben lassen, wenn sie verhungern wollten! Wieder genau dieselbe ‚Freiheit‘, die auch der Sklave hat. Wenn ihn die Peitsche nicht geniert, nötigt ihn nichts zur Arbeit für seinen Herrn. Die Fesseln, in denen die ‚freien‘ Massen der ausbeuterischen Gesellschaft schmachten, sind enger, peinigender, als die Ketten des Sklaven. Das Wort ‚Raub‘ gefällt dem Vorredner nicht? Es ist in der That ein hartes, häßliches Wort; aber der ‚Räuber‘ ist ja nicht der einzelne Ausbeuter, sondern die ausbeuterische Gesellschaft und diese war einst, in der bitteren Not des Daseinskampfes, zu diesem Raube genötigt. Ist das Töten im Kriege deshalb weniger Todschlag, weil nicht der Einzelne, sondern der Staat, und dieser häufig notgedrungen, die Veranlassung dazu giebt? Man wird sagen, daß diese Art des Tötens durch das Strafgesetz nicht verboten, ja von der Pflicht gegen das Vaterland geboten sei und daß ‚Todschlag‘ nur verbotene Arten des Tötens genannt werden dürfen. Das ist juristisch sehr richtig, und wenn sich jemand beifallen ließe, das Töten im Kriege vor den Strafrichter zu ziehen, so würde man ihn mit Fug auslachen. Aber ebenso verlachen müßte man Jenen, der, weil Töten im Kriege erlaubt ist, bestreiten wollte, dasselbe sei Todschlag, wenn es sich nicht um die juristische Strafbarkeit, sondern um die Begriffsbestimmung des Totschlags als einer Handlungsweise handelte, bei welcher ein Mensch gewaltsam vom Leben zum Tode gebracht wird. So ist auch die Ausbeutung kein Raub im strafrechtlichen Sinne; wenn aber jede Aneignung fremden Eigentums Raub genannt werden darf — und nur darum handelt es sich im vorliegenden Falle — dann ist Raub und nichts anderes die Grundlage jeder ausbeuterischen Gesellschaft, der modernen ‚freien‘ nicht minder, als der auf Sklaverei oder Hörigkeit gestützten antiken oder mittelalterlichen. (Lang andauernder Applaus, in welchen auch die Herren Johann Storm und Charles Prud einstimmen).

(Schluß des zweiten Verhandlungstages.)

25. Kapitel.

Dritter Verhandlungstag. (Fortsetzung der Debatte über Punkt 2 der Tagesordnung.)

James Brown (Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, daß davon fürderhin wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, daß erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermöchte, so muß immer noch gefragt werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele führt, nämlich die Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich überall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, daß jeder Arbeitende sein eigener Herr sei und mit noch so vollständiger Einräumung des Verfügungsrechtes über die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wäre wenig gewonnen, wenn letztere sich unfähig erweisen sollten, von diesen Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft allezeit und überall jene Disciplin, jene Mäßigung und Weisheit an den Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender, fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische Wirtschaft hat eine vieltausendjährige Routine hinter sich; wie es anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die gesammelte Erfahrung unzähliger Generationen. Trotzdem begeht auch er häufig Mißgriffe und nur zu oft scheitern seine Pläne an der Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen der Zukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben; sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen — und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in ihren Grundfesten erschüttert werden. Denn während die ausbeuterische Gesellschaft die Verantwortlichkeit für das Schicksal der einzelnen Unternehmungen ausschließlich diesen Unternehmungen selber überläßt, hängt vermöge der so oft hervorgehobenen Interessensolidarität der freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlöslichste mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten völlig zerstreut sind. Die freiländischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu disciplinieren; folgt daraus, daß dies die Arbeiter überall verstehen werden?

Miguel Spada (Linke). Ich beschränke mich darauf, eine kurze Antwort auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein, sicherlich, daraus, daß den Freiländern die Organisierung und Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und daraus, daß sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Völkern gelingen wird, folgt mit nichten, daß sie allen Völkern notwendigerweise gelingen muß. Möglich, ja sagen wir immerhin wahrscheinlich, daß einzelne Völker sich unfähig erweisen werden, von dieser höchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um so schlimmer für diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch Niemand die Folgerung ableiten, daß auch jene Völker, und befänden sie sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fähigkeit nicht abgeht, auf die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fähigeren werden dann die Lehrmeister der Unfähigeren werden. Sollten sich aber diese nicht nur unfähig, sondern auch als ungelehrig erweisen — je nun, dann werden sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen verschwinden müssen, wo sie mit Kulturnationen in Berührung treten. Daß die Nation, welcher der Fragesteller angehört, diesen unfähigen Nationen nicht beigezählt werden muß, darauf mag er sich getrost verlassen.

Wladimir Tonof (Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown) hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung eventueller Mißerfolge einzelner Unternehmungen in einem freien Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, daß in der Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhunderte alt ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu wählenden Formen der Leitung und Überwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im Wesen der Sache, daß die Unterschiede alle zu Gunsten der Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nämlich die Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenüber, nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die Aktionsfreiheit der Leitung lähmende und trotzdem nutzlose Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionär versteht in der Regel nichts von den Geschäften seiner Gesellschaft und hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschäftsgang anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kümmern. Trotzdem ist er der Herr des Unternehmens, von seinem Votum hängt dessen Schicksal in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnöten, um diesen Aktionär vor den möglichen Folgen der eigenen Unkenntnis, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit zu schützen! Die vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine besondere Schwierigkeit sehen, daß die Arbeiter sich der Leitung von Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden, Votum abhängt? Dann könnte man mit demselben Rechte die Autorität aller aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behörden anzweifeln. Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zu erzwingen? Falsch; es fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmäßigen willkürlich zu entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf Disciplin und vernünftige Fügsamkeit der Mitglieder angewiesenen Körperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch die weitestgehenden Zwangsmittel gewährleistet war. Zwar kann, wo der äußere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber das ist doch wahrlich kein Übel. Zudem steht den Leitern freier Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur Verfügung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle der Genossen, deren Einfluß selbst der Hartnäckigste auf die Dauer nicht widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerläßlich, daß die Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus überwiegendem Teile vernünftige Männer seien, deren Intelligenz zu nüchterner Abwägung des eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Daß diese — das Endergebnis des bisherigen Entwicklungsganges der Menschheit — nur für Menschen paßt, die sich aus dem untersten Stadium der Brutalität herausgearbeitet haben, unterliegt in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, daß Völker und Individuen, welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu derselben erzogen werden müssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem guten Willen durchaus nicht schwer ist. Daß es, ernstlich in Angriff genommen, irgendwo gänzlich mißlingen könnte, bezweifeln wir.

Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es richtig, daß vermöge der im freien Gemeinwesen waltenden Interessensolidarität das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlöslich mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammenhänge? Versteht man darunter, daß in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies vollkommen dem Sachverhalte; soll aber — und das war ersichtlich die Meinung des geehrten Redners — damit gesagt sein, daß das Wohl eines solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner Angehörigen abhänge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schützt umgekehrt diese mit der Interessensolidarität verknüpfte Beweglichkeit der Arbeitskräfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa wirklich begangener Mißgriffe. Kommt es irgendwo zu übelberatenen Wahlen, so können die ungeschickten Geschäftsleiter verhältnismäßig geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschränkt. Ja, diese Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches überall die mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrängt und gleichsam automatisch durch tüchtigere ersetzt. Denn die aus welchem Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in verhältnismäßig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne daß dies, wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren Beteiligten führen könnte. Es ist daher auch nicht nötig, daß diese freien Organisationen überall gleich im ersten Anlaufe das Beste treffen, damit schließlich allenthalben Ordnung und Tüchtigkeit herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte rasch vom Schauplatze, indem es in die als tüchtig erprobten Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten.

Miguel-Diego (Rechte). Wir wissen nunmehr, daß die neue Ordnung alle natürlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; daß ihre Einführung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde früher schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, daß dieselbe nicht als das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch eintretender geschichtlicher Vorgänge, sondern vielmehr als eine Art Kunstprodukt, als planmäßig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen einzelner Männer ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die „Internationale freie Gesellschaft“ sich nicht gebildet hätte, oder wenn ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde fehlgeschlagen wäre? Man wird zugeben, daß dies immerhin denkbare Eventualitäten sind. Wie stände es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit, wenn eine dieser Möglichkeiten Thatsache geworden wäre? Wenn die Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann müßte sie sich schließlich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt durchsetzen, dann müßte sich zeigen lassen, daß und kraft welcher unlöslich mit ihr verknüpften Gewalten, sie den Sieg über Vorurteil, bösen Willen und Mißgeschick davongetragen hätte. Erst damit wäre der Beweis erbracht, daß das Werk, um welches wir uns bemühen, mehr ist, als die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, daß vielmehr jene Männer, die den ersten Anlaß dazu gaben und seine Entwickelung überwachten, damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der — hätten sie ihm versagt — um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen Ziele nicht verlegen gewesen wäre.

Henri Ney (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit auf unser, der Gründer von Freiland, Eingreifen angewiesen wäre, um Thatsache zu werden, dann stünde es schlecht nicht bloß um ihre Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne Menschen schaffen, können demnächst andere Menschen wieder rückgängig machen. Zwar sind äußerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgänge Menschenwerk; aber die großen geschichtlichen Notwendigkeiten unterscheiden sich dadurch von den bloß zufälligen Ereignissen, daß sich bei ihnen allemal erkennen läßt, ihre Akteure seien lediglich die Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache, das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir wissen, daß er in dem Sinne ein bloßes Werkzeug des Fortschritts gewesen, als wir mit der nämlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen können, Sprache, Werkzeug, Schrift wären erfunden worden, auch wenn ihre zufälligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Das nämliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wäre gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatsächlich zuerst fanden, existiert hätte. Nur freilich wäre in diesem Falle die Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere, erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber auch eine gewaltthätige und schreckliche.

Um das in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu zeigen, muß zunächst erwiesen werden, daß der Fortbestand der modernen Gesellschaft, so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein Ding innerer Unmöglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir gestatten, etwas weiter auszuholen.

In der ursprünglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der Arbeit so gering war, daß der Schwächere durch den Stärkeren nicht ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrängung und Vernichtung der Mitkonkurrenten gefördert werden konnte, waren Blutgier, Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht bloß zum Fortkommen des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener Gesellschaft, der das Individuum angehörte. Sie waren deshalb nicht bloß allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlächter war der geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als nachahmenswürdiges Beispiel gepriesen.

Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese „Tugenden“ zwar viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr die Möglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch nützlich gewesen, schädlich, denn sie beraubte um eines vorübergehenden Genusses — des Menschenfleischgenusses — willen das siegende Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehörte, des dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die bestialische Blutgier mußte daher in der neuen Form des Daseinskampfes allmählich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer mehr und mehr der allgemeinen Mißbilligung unterworfenen Eigenschaft, d. i. also zu einem Laster werden. Sie mußte dazu werden, weil nur jene Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproceß Platz griff, der Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution — der Sklaverei — in vollem Maße teilhaft werden konnten, dadurch an Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu benützten, die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stämme auszurotten oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren Grundzügen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.

Eine der seltsamsten Täuschungen aber ist es, diese Ethik „Menschenliebe“ zu nennen. Zwar der wilde, blutdürstige Haß gegen den Nebenmenschen war milderen Gefühlen gewichen, aber von diesen bis zu wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschätzung des Nebenmenschen als Unseresgleichen verstehen, zum Unterschiede von jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe verträgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus. Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Töten des Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrückung und Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die ausbeuterische Gesellschaft führt, nicht bloß nicht gefördert werden, sie erweist sich als geradezu schädlich und vermag — als allgemein verbreiteter Gattungsinstinkt — gar nicht zu bestehen. Einzelne Individuen mögen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben; sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der öffentlichen Meinung keineswegs geschätzte Sonderlinge. Nur Heuchelei oder grobe Selbsttäuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit länger als einem Jahrtausend das Wort: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“ auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen — bestenfalls — wie ein nützliches Haustier, zogen ohne den geringsten Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor dessen kaltblütiger Tötung nicht entfernt zurück, wenn ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa die Gesinnungen und Gefühle einzelner, besonders hartherziger Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der öffentlichen Meinung nicht mißbilligt, sondern gebieterisch gefordert, unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer Phrasen Thaten in Frage kamen, günstigenfalls als bemitleidenswerte Thorheit, in der Regel aber als todeswürdiges Verbrechen. Er, der jenes Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wäre von ihnen allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerädert, gehängt — in der jüngsten Vergangenheit vielleicht bloß eingekerkert worden, hätte er es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte und in zündender, nicht mißzuverstehender, lebendiger Rede zu predigen, was ihr blödes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jünger wohl las, aber nicht begriff.

Und das Entscheidende dabei ist, daß die Menschheit in der Epoche der Ausbeutung anders gar nicht fühlen und denken, geschweige denn handeln konnte. Sie mußte auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine Kulturnotwendigkeit war, sie konnte daher keine Menschenliebe empfinden und üben, denn diese verträgt sich mit Ausbeutung so wenig, als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung „Humanität“ nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wäre, so hätte späterhin das, was wir Humanität nennen, die wahre Menschenliebe, jede davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen werden — das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus; unterdrücken oder unterdrückt werden, in der Epoche der Ausbeutung.

Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen Empfindungen der Menschheit können davon nicht unberührt bleiben. Aber — und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen — es sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschließlich beschäftigt haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten Änderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den moralischen Gefühlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene Interessensolidarität löst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene Menschenliebe die Menschennutzung aus.

Wollen wir nun den letzten Zweifel über die bedingungslose Notwendigkeit dieses Entwickelungsganges ein für allemal beseitigen, so setzen wir den Fall, daß es anders käme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an die geänderte Arbeitsform vollziehe sich nicht. Denken läßt sich eine solche Möglichkeit immerhin, und ich halte es — bis zu diesem Punkte der Beweisführung gediehen — auch für ganz überflüssig, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwägen; wir nehmen einfach an, daß sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar aber wäre in diesem Falle die fernere Annahme, daß dieses Beharren der socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden könne, ohne daß sehr wesentliche Rückwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wären. Jene überaus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die solches annehmen, halten es für möglich, daß eine Ursache von so überwältigender Tragweite, wie es die bis zur Möglichkeit des Überflusses und der Muße für alle Menschen gediehene Produktivität der Arbeit ist, überhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben könne. Sie übersehen, daß der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem Einflusse dieses Faktors für alle Fälle ändern muß, gleichviel, ob die socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen oder nicht, und daß demnach ebenso für alle Fälle untersucht werden muß, welche Rückwirkung diese geänderte Form des Daseinskampfes auf die Gesamtheit der menschlichen Institutionen äußern könne oder müsse.

Und worin besteht nun die Änderung des Daseinskampfes für den oben gekennzeichneten Fall? Ganz einfach in einem teilweisen Rückfalle in die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!

Wir haben gesehen, daß die Ausbeutung den früher auf Vernichtung des Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die Produktivität der Arbeit so groß wird, daß der — durch die Ausbeutung darniedergehaltene — Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird abermals die Verdrängung, die — wenn auch nicht physische, so doch wirtschaftliche — Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf muß die Formen der Unterjochung und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig nützt nunmehr auf wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft über noch so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrängen, muß er im Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten sich nicht bloß der Härten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie müssen, wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend gewordenen Stellen an den Futterkrippen des „Arbeitsmarktes“ mit Zähnen und Klauen streitig machen.

Ist es nun denkbar, daß eine so fürchterliche Änderung der Grundlagen des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die gleiche Ursache muß von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik der kannibalischen Epoche muß ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar den veränderten Modalitäten des Vernichtungskampfes entsprechend werden auch die einstigen grausamen, bösartigen Instinkte eine Modifikation erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen den Nebenmenschen, muß wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der Kampf nur der Ausnützung des Nächsten galt, war, insbesondere wenn der Ausgenützte sich gewöhnt hatte, im Ausbeuter ein höheres Wesen zu verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der Anhänglichkeit möglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht. Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anlaß einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Großmut, Milde, Dankbarkeit konnten als — allerdings sehr kärgliche — Surrogate der Menschenliebe bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und Verdrängung zugleich die Losung des Kampfes sind, müssen sich die obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie müssen folglich verschwinden und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tücke Platz machen. Und wohlverstanden, all diese schändlichen Eigenschaften müssen nicht bloß allgemein verbreitet, sie müssen auch allgemein geschätzt, aus dem Inbegriffe schmählichster Niedertracht zum Inbegriffe der „Tugend“ werden. Ebenso wenig, als ein „humaner“ Menschenfresser oder ein von wirklicher Menschenliebe erfüllter Ausbeuter denkbar sind, ebenso wenig läßt sich ein großmütiger, im bisherigen Sinne tugendhafter Ausbeuter unter dem Alpdrucke der Überproduktion auf die Dauer auch nur denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tückische Mordgier als preiswürdigste aller Tugenden anerkennen mußte, ebenso sicher müßte die von Überproduktion heimgesuchte ausbeuterische Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrüger als ihr Tugendideal zu verehren.

Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als daß es richtig sein könnte. Die Überproduktion, der Zwiespalt zwischen der Produktivität der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen bedingten Konsumtionsfähigkeit, bestehen thatsächlich seit Generationen und trotzdem wäre es zum mindesten eine arge Übertreibung, wollte man behaupten, daß die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren hätten. Daß mancherlei Nichtswürdigkeit infolge des stets schonungsloser sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an Verbreitung gewinne, ja daß allgemach eine gewisse Verwirrung sich der öffentlichen Meinung zu bemächtigen beginne, die den Unterschied zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht überall mehr festzuhalten vermöge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber umgekehrt, daß niemals zuvor Humanität in allen Formen so hoch geschätzt und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.

Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, daß Überproduktion auf die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen führen könnte — sie zeigen nur, daß einerseits diese schreckliche Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch nicht lange genug wirksam ist, um ihre Früchte schon voll gezeitigt zu haben, und daß anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den richtigen Ausweg aus dem ökonomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Bloß wenige Generationen ist es her, daß das Mißverhältnis zwischen Produktivität und Konsum äußerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des Kannibalismus überwand; warum sollte der Rückfall in die kannibalische Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber, daß wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem Rückschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknüpft sein werde, diese der abendländischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie ist eben jener „fremde Blutstropfen im Körper der europäischen Völkerfamilie“, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorübergehend dem Verwesungsprozeß von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen. Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung nicht nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivität nicht erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zukünftige Los der Menschheit voraussetzen, so ließe sich dies logischer Weise anders, als verknüpft mit vollständigem moralischen Rückfalle gar nicht denken.

Und noch eine dritte Entwickelungsform ließe sich als denkbar hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivität der Arbeit mit dem geltenden socialen Rechte geraten, könnte erstere, die neue Form der Arbeit, unterliegen; vor die Unmöglichkeit gestellt, von den erlangten wirtschaftlichen Fähigkeiten den vollen Gebrauch zu machen, könnte die Menschheit diese Fähigkeiten wieder verlieren. In diesem Falle wäre der Einklang zwischen Produktivität und Konsum, Arbeit und Recht, auf der alten Grundlage zurückgewonnen und dem entsprechend könnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der Fortschritt zu wahrer Menschenliebe müßte zwar unterbleiben, denn nach wie vor würde der Kampf ums Dasein auf Unterdrückung des Nebenmenschen beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wäre vermieden. Auch die Ahnung der Möglichkeit einer solchen Entwickelung war der abendländischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere während der jüngsten Generationen, an teils bewußten, teils unbewußten Versuchen nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinüberzuleiten. Von der würgenden Umklammerung der Überproduktion geängstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht, rüttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der Produktivität, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschütten und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen Früchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung, gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gütererzeugung zur Güterverteilung geraten, durch Zurückschraubung ersterer zu überwinden. Daß solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte, deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren allerdings nicht begriff, die aber als düstere Ahnung vor ihrem geistigen Auge schwebte, läßt sich desgleichen nicht verkennen.

Und nun, nachdem wir alle drei überhaupt denkbaren Entwickelungsformen der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die neue, höhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen, höheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht und dem entsprechende Rückbildung der Moral; 3. die Anpassung der Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral — nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle drei; ist aber auch denkbar, daß materieller oder moralischer Verfall sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten, oder vollends über diesen endgültig triumphieren würden? Möglich, sagen wir sogar wahrscheinlich, daß ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich durchgeführtes Unternehmen die Menschheit zunächst noch längere Zeit hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt hätte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin hätte es deshalb doch niemals gänzlich gefehlt, und der schließliche Triumph derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns für alle Fälle erlangt hätte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschränkt es sich darauf, das, was kommen mußte, rascher und wahrscheinlich unblutiger herbeigeführt zu haben, als ohne uns geschehen wäre. (Stürmischer, lang andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bänken. Die Wortführer der Opposition drücken der Reihe nach dem Redner die Hände und versichern ihn ihrer Zustimmung.)

(Schluß des dritten Verhandlungstages.)

26. Kapitel.

Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.

Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage, woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. „Sie haben,“ so meinte einer der Besucher, „eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit verzeichnet — sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um sich in einer solchen Statistik zu orientieren!“

„Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis, kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres vorausgesetzt werden kann,“ war die Antwort. „Denn kein Arbeiter braucht sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings eine nicht bloß schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B. die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind, eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen, letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.“

„Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?“ lautete die fernere Frage.

„Durchaus nicht,“ erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank. „Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten. Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8 Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden soll, die vorübergehend — während der Erntezeit nämlich — bis zu 10 Schilling für die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.; im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.“

„Wie aber verhüten Sie,“ so fragte ein anderer der Herren, „daß bei einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich Tausende einstellen.“

„Das könnte nur geschehen“ — so lautete die Erklärung — „wenn Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen, ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.“

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