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Freiland

Erstes Buch.

Reading edition

1. Kapitel.

Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankündigung zu lesen:

„Internationale freie Gesellschaft.

Eine Anzahl von Männern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lösung des socialen Problems ins Werk zu setzen.

Diese Lösung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden den ganzen und ungeschmälerten Genuß der Früchte seiner eigenen Arbeit gewährleistet.

Zum Zwecke der Gründung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete ein größerer Landstrich besetzt werden.

Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen, als ein solches der Gesamtheit.

Behufs Bearbeitung des Bodens, wie überhaupt zum Zwecke jeglicher Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach eigenem Gutdünken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschließen und dieselbe nach freier Willkür zu verlassen.

Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von Gesellschaftswegen zur Verfügung gestellt, müssen jedoch von denselben zurückerstattet werden.

Arbeitsunfähige und Frauen haben das Recht auf auskömmlichen Unterhalt von Gesellschaftswegen.

Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinnützigen Ausgaben erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft.

Die Internationale freie Gesellschaft verfügt derzeit schon über eine Mitgliederzahl und über Kapitalien, die zur Durchführung ihres Planes — wenn auch nur in bescheidenem Maßstabe — ausreichen. Da sie jedoch einerseits der Ansicht ist, daß der Erfolg ihres Versuches desto sicherer und durchgreifender ausfallen muß, mit je größeren Mitteln derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen, so tritt sie hiermit vor die Öffentlichkeit und giebt bekannt, daß Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der Gesellschaft: Haag, Boschstraße 57 zu richten sind. Auch wird die Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine öffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlüsse vor praktischer Inangriffnahme des Werkes gefaßt werden sollen.

Für den geschäftsführenden Ausschuß der Internationalen freien Gesellschaft. Karl Strahl.

Haag, im Juli 18..“

Diese Ankündigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe Aufregung hervor. Der Name des für den geschäftsführenden Ausschuß Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl Strahl war nicht bloß als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller Deutschlands rühmlichst bekannt. Man mußte also das seltsame Projekt ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung bemächtigten sich alsbald desselben mit größtem Eifer. Lange vor dem 20. Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen hätte, ob die Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekündigten Pläne in den Bereich des Möglichen oder des Utopischen gehöre; diese Gesellschaft selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war offenbar zunächst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische Beweise zu gewinnen; sie wollte allfällige Gesinnungsgenossen an sich ziehen und dann handeln.

Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, daß selbst der größte im Haag vorhandene öffentliche Saal nicht genügen würde, die Menge der erschienenen Mitglieder, Gäste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschränken, welches Mittel denn auch darin gefunden wurde, daß die von fernher zugereisten Gäste zwar unentgeltlich, die Ortsansässigen dagegen bloß gegen Erlegung von 20 holländischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erlös dieser Karten wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der 2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in den letzten Winkel gefüllt.

Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende — Dr. Strahl — das Wort, um die Versammlung zu eröffnen und zu begrüßen. Die alle Erwartungen der Einberufer überflügelnde Zahl der neuen Mitglieder und die Höhe der gezeichneten Beiträge zeuge dafür, daß die Bedeutung des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. „Die Überzeugung, daß das Gemeinwesen, an dessen Gründung wir nunmehr schreiten,“ so fuhr Redner fort — „bestimmt ist, Armut und Elend an der Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgeübel des Elends anzusehen sind, sie drückt sich nicht bloß in den Worten, sondern auch in der Handlungsweise des größten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen, opferfrohen Begeisterung, mit der sie — ein Jedes nach seinen Kräften — zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir unseren Aufruf erließen, waren wir unser 84, das Vermögen, über welches wir verfügten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermögen beträgt 205620 Pfd. Sterling.“ (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus unterbrochen.) „Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe nicht von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die man gemeinhin als bei der Lösung des socialen Problems ausschließlich interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich drängt sich dabei die Erkenntnis auf, daß Ekel und Grauen vor den socialen Zuständen der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten Mitmenschen. Denn — und darauf möchte ich besonderen Nachdruck legen — diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen nicht bloß als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten, sie wollen das neue Gemeinwesen nicht bloß für ihre darbenden Mitbrüder, sondern zugleich für sich selber gründen. Und daraus mehr als aus allem Anderen schöpfen wir die felsenfeste Überzeugung vom Gelingen unseres Werkes.“

Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schloß dieser folgendermaßen seinen kurzen Vortrag:

„In Ausführung unseres Programms soll ein annoch herrenloser größerer Landstrich zum Zwecke der Gründung eines unabhängigen Gemeinwesens erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu solchem Vorhaben wählen wollen. Europäisches Gebiet kann aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen; auch in Asien würden wir überall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen könnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, daß die dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung einräumen würden, aber auch dort könnte unser junges Gemeinwesen nur schwer jene ungestörte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen gewährleistet erhalten, die insbesondere für den Anfang eine der Voraussetzungen raschen und ungetrübten Erfolges ist. Bleibt also nur Afrika, der älteste und doch der jüngstentdeckte Weltteil. Dessen centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir nicht bloß schrankenlosen Raum und ungestörte Ruhe zur Entfaltung, sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar günstigsten Verhältnisse des Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochländer, welche die Vorzüge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des dunklen Weltteiles gelegenen Bergländern ist allerdings schwierig, aber gerade das ist’s, was uns für den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen daher vor, die neue Heimat im äquatorialen Innerafrika zu suchen. Und zwar denken wir zunächst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das Land östlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade südlicher bis zum 1. Grade nördlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade östlicher Länge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete für unsere Zwecke finden zu können. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?“

Allgemeine Zustimmung folgte und stürmische Rufe: „Vorwärts, lieber heute als morgen!“ wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, daß die Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der Vorsitzende das Wort:

„So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat muß erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und gefahrvolles Unternehmen. Durch Wüsteneien und unwirtliche Wälder führt der Weg, Kämpfe mit feindseligen wilden Stämmen werden vielleicht nicht zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur kräftige Männer, nicht Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete muß erst noch organisirt werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, daß der Masse der Unseren eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe gelöst haben, können die Anderen nachfolgen.

„Damit nun alles Erforderliche mit möglichster Kraft, Umsicht und Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewußte Leitung vonnöten. Bisher lagen die Geschäfte der Gesellschaft in den Händen eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wäre eine Erneuerung oder zum Mindesten eine Ergänzung der Geschäftsleitung durch die neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl höchst wünschenswert; trotzdem können wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so rasch auch nicht genügend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als etwas anders, denn als ein bloßes Spiel des Zufalls erscheinen zu lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Bestätigung unserer Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer Mitte nach unserem Ermessen verstärken zu dürfen. Und zwar bitten wir um diese Vollmachten, die übrigens durch Beschluß Ihrer Vollversammlung jederzeit widerrufbar sein sollen, für die Dauer von zwei Jahren. Nach Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch genügend lange miteinander gelebt haben, um uns einigermaßen kennen zu lernen.“

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, daß alle Kundmachungen des geschäftsführenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben würden und schloß die Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.

Die erste That des von der Generalversammlung bestätigten Ausschusses der Internationalen freien Gesellschaft war, daß er für die Leitung des nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei Persönlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete. Diese zwei Führer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart teilen, daß der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu erwählende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der Heerführer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu ersterem Amte wählte der Ausschuß den bekannten Afrikareisenden Thomas Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und Kenia, das sogenannte Massaï-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston war ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst aus Anlaß seiner Ernennung zum Führer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der Ausschuß einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster Freund des Gründers und geistigen Führers der Gesellschaft — Dr. Strahl — der Geeignetste war, diesen während der ersten Epoche der Gründung zu vertreten.

Dr. Strahl hatte allerdings ursprünglich die Absicht, sich den Pfadfindern selber anzuschließen und gleich die ersten Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persönlich zu leiten; die anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache. Sie konnten nicht zugeben, daß der Mann, von dessen fernerem Wirken das Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Maße abhing, sich Gefahren aussetze, die für ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit nicht eben die festeste schien. Auch mußte er bei reiflichem Erwägen selber zugeben, daß für die nächsten Monate seine Anwesenheit in Europa weit nützlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr. Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem großen Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.

2. Kapitel.

Wir überlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition erwählten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glückliche Durchführung und die ersten Kulturarbeiten in den Hochländern des Kenia nach Auszügen aus dessen Tagebuch mitteilen.

Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten Führers hatte mich anfangs mit Schrecken erfüllt. Der Gedanke, daß von meinen Fähigkeiten zu nicht geringem Teile die glückliche Einleitung eines Werkes abhängen solle, welches wir alle als das bedeutsamste und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewöhnt hatten, erfüllte mich mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit währte nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu entziehen, zu deren Übernahme die Genossen mich als den Passendsten erachteten, und als vollends mein väterlicher Freund Strahl mich fragte, ob ich ein Mißlingen für möglich hielte, wenn die meiner Leitung Unterstellten von gleicher Begeisterung erfüllt wären wie ich, und ob ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, daß diese Voraussetzung zutreffen würde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen des Werkes an die Stelle der anfänglichen Verzagtheit, eine Stimmung, die mich fürderhin keinen Augenblick verlassen hat.

Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder wurden übrigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunächst galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten — die zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai —, der kriegerischeste von allen des äquatorialen Afrika ist und ihm nur durch kräftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung aufgehalten zu werden. Schließlich einigte man sich darüber, daß zweihundert „Pfadfinder“ mitgenommen werden sollten. Natürlich mußten diese aus den kräftigsten, zur Überwindung von Anstrengungen, Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der Gesellschaft erwählt werden. Auch jenes Ausmaß von Intelligenz wurde bei jedem Teilnehmer der Expedition für notwendig erachtet, welches dazu gehört, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der übernommenen Mission zu erfassen.

In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschuß an die Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur Expedition Meldenden einzusenden, für deren Gesundheit, kräftige Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube einstehen zu können. Zugleich sollte angegeben werden, welche Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besäßen. Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870 wärmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunächst hundert ausgewählt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen Umständen in erster Linie berücksichtigenswert erschien. Dieses erlesene Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 Ärzte, 8 Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6 theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche Gewerbsleute, die man der Expedition für alle Fälle sichern wollte und schließlich 45 als besonders treffliche Schützen oder als ausnehmend kräftig gerühmte Männer. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren Auslese den Zweigvereinen in der Weise überlassen wurde, daß jedem derselben für angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst rasch in Alexandrien, dem vorläufigen Versammlungsorte der Expedition, einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen (im übrigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefähr der Hälfte, welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).

Darüber verging der Monat November. Der Ausschuß aber hatte inzwischen nicht gefeiert. Die Ausrüstung der Expedition wurde nach allen Seiten gründlich erörtert, festgestellt und für die Beschaffung aller Erfordernisse vorgesorgt. Für jedes der 200 Mitglieder wurden sechs komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte Jägerwäsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied ein Repetiergewehr bester Konstruktion für zwölf Schüsse, einen Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Außerdem wurden 100 Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierlötige Sprengkugeln schießenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbüchse angeschafft, selbstverständlich ausreichende Munition nicht vergessen.

Die hierauf zu erörternde wichtigste Frage war, ob die Expedition beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Beförderung der mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarküste ab durch Träger, sogenannte Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs die Absicht gehabt, bloß 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der schwereren Laststücke, teils zur Beförderung etwaiger Kranker oder Maroder anzukaufen und als Träger des von ihm auf 400 Zentner veranschlagten Gesamtgepäcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas anzuwerben. Diesen Plan ließ er jedoch sofort fallen, als ich seiner Gepäckliste, die der Hauptsache nach bloß die zum Unterhalte der Expedition für sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel umfaßte, meine Anforderungen hinzufügte. Ich verlangte vor allem die Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen Gegenständen, die uns — am Ziele angelangt — in den Stand setzen sollten, möglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der notwendigsten Bedarfsartikel für viele Tausend uns nachfolgender Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine Reihe landwirtschaftlicher Geräte oder doch jene Bestandteile derselben, die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen lassen, ähnliche Bestandteile für eine Feldschmiede und Schlosserei, sowie für eine Mahl- und Sägemühle; ferner Sämereien und Setzlinge in nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wäre. Schließlich machte ich darauf aufmerksam, daß zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des Weges für die uns nachfolgenden Karawanen die Abschließung fester Freundschaftsbündnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich empfehlen würde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke erforderlich seien, als er sie präliminiert habe.

Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, daß damit die zu befördernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich verdreifachen würde und daß die sohin erforderlichen 1600 bis 2400 Pagazis den Zug allzu schwerfällig gestalten würden. Da schlug Dr. Strahl vor, von der Beförderung durch Pagazis gänzlich abzugehen und ausschließlich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, daß in den Niederungen des äquatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte Wasser insbesondere den Pferden tötlich werde; auf unserer Route sei aber solches nicht zu befürchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren ganz zuträgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl überwinden. Dieselben besitzen — wie er unter anderem auch aus Johnstons Reiseberichten wisse — überall, wo sie Dickicht oder Gestrüpp durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fuß, zu wenig für Packtiere, die deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden müßten, wobei menschliche Träger zeitweilig die Lastenbeförderung zu übernehmen haben. Letzteres wäre nun allerdings bei einer ausschließlich aus Tragtieren bestehenden Karawane mit verhältnismäßig nur wenigen Treibern und Begleitern entweder ganz unmöglich oder doch mit unberechenbarem Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, daß es gelingen müsse, mittels einer entsprechenden Anzahl gut ausgerüsteter Eclaireure den Weg überall auch für Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm etwa 100 mit Äxten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er sich unter der Küstenbevölkerung aussuchen würde, zur Disposition stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu führen.

Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee an, auch die sämtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich — und das habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Anstoß gegeben, müsse für die Einführung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und Zugtieren in der künftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und zwar sei es am besten, diese nützlichen Tiere in thunlichst großer Zahl schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, daß wir beritten uns viel rascher bewegen könnten. Er fügte hinzu, daß er sowohl bei den Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen würde, insbesondere bei den Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die der späterhin zu erzielenden Nachzucht abhänge. Auch dem wurde zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, daß sich durch all dies die Kosten der Expedition ganz außerordentlich verteuern würden. So wie er sie ursprünglich geplant habe, wären mit höchstens 12000 Pfd. Sterl. die Kosten zu decken gewesen, jetzt müsse mit ungefähr der vierfachen Summe gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die Rechnung erwies sich auch nachträglich insofern richtig, als die Expedition in Wahrheit 52500 £ verschlang; aber übereinstimmend wurde hervorgehoben, daß es eine nützlichere Verwendung der doch so reichlich zu Gebote stehenden und fortwährend in raschem Wachsen begriffenen Geldmittel gar nicht geben könne, als den Aufwand für alles, was geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu gründende Gemeinwesen auf möglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.

Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet und seinem Gewichte nach abgeschätzt war, zeigte sich, daß wir ungefähr 1200 Zentner würden zu befördern haben und zwar:

150 Ztr. verschiedene Lebensmittel und Getränke;

120 " Reisegeräte (darunter 50 wasserdichte Zelte für je 4 Mann);

160 " verschiedene Sämereien und Materialien;

220 " Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente;

400 " Tauschwaren und Geschenke;

120 " Munition und Sprengstoffe.

Außerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4 leichte stählerne Gebirgskanonen für Sprenggeschosse bestellt. Seine Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf, durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen mußten, den Frieden desto sicherer erhalten zu können. Dazu kamen im letzten Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute Hinterlader, die wir billig von der österreichischen Regierung erstanden und teils als Reserve, teils zur Ausrüstung eines Teiles der in Zanzibar anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.

Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere und 80 Kamele verladen werden. Da wir außerdem 200 Pferde brauchten, um uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze unterwegs eingehender Tiere wünschenswert war, so wurde beschlossen, in allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in Ägypten, teils in Arabien, die Kamele in Ägypten, die Esel in Zanzibar.

Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere Bevollmächtigten wählten und bestellten alles an erster Quelle; nach Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkäufer für Pferde und Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten Johnston und ich — die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen hatten — uns auf den Weg nach Alexandrien.

Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thätigkeit übergehe, muß ich einen Zwischenfall erwähnen, den wir im Ausschusse mit einer jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen werden wollte. Die Dame war reich, schön und exzentrisch, eine schwärmerische Anhängerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewöhnt, an die Möglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wünschen gegenüber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten würden. Ich muß gestehen, daß mich das herrliche Mädchen dauerte, das sichtlich von verzehrendem Thatendrange erfüllt war und die seinem Geschlechte gegenüber an den Tag gelegte ängstliche Schonung als beschämende Zurücksetzung empfand. Allein es ließ sich nichts thun; wir hatten mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten Ehemänner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Miß wandte sich hierauf, da ihr Drängen bei uns Männern vom Ausschusse nichts half, an unsere weiblichen Angehörigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen herzlich und liebenswürdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend in ihrer Schwärmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund mehr, den Männern darin Recht zu geben, daß so zarte Geschöpfe nicht in die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehören. Man hätschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches Unmögliches fordere, und das brachte Fräulein Ellen Fox — so hieß die Amerikanerin — vollends außer sich.

Plötzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die gleichfalls, wenn auch aus anderen Gründen, unsere Expedition mitmachen wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus Begeisterung für unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt. Meine Schwester — um zwölf Jahre älter als ich und ledig geblieben, weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von Distinktion und vornehmem Wesen genügend entsprochen hätte — war eine der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich während der 26 Jahre meines bisherigen Lebens gestoßen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand jedem Hilfsbedürftigen gegenüber stets offen, aber vor allem, was nicht den sogenannten höheren, gebildeten Ständen angehörte, hatte sie eine unüberwindliche Mißachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der socialen Frage Näheres erfuhr, flößte es ihr Grauen ein, daß vernünftige Menschen ernstlich glauben könnten, sie und ihre Küchenmagd seien von Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wußte, daß hier alle Bekehrungsversuche eitel wären, teilte ich der Guten Jahre hindurch nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der Gründung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser spielte. Ich wollte ihr den Kummer über meine „Verirrung“ möglichst lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zärtlich, deren Abgott hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die ängstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre Sache sei. Daß ich ihrer Hut entrückt länger als höchstens zwei bis drei Tage existieren könne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als ein Ding der baren Unmöglichkeit. Nun denke man sich das namenlose Entsetzen dieser meiner Vormünderin, als ich ihr endlich doch die Eröffnung machen mußte, daß ich nicht nur einer socialistischen Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermögen deren Zwecken geweiht, sondern überdies dazu ausersehen sei, 200 Socialisten in das Innere von Afrika zu führen. Es dauerte mehrere Tage, bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten, Thränen, verzweifelte Vorwürfe und Vorstellungen. Ich möge den „Strolchen“ mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen hätten, ruhig überlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben; sie konsultierte unseren Hausarzt über meine Zurechnungsfähigkeit, kam aber dabei übel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar Mitglied der Expedition. Schließlich, da alles nichts fruchtete, eröffnete sie mir, daß sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklärte, dies gehe nicht an, da Frauen nicht mitgenommen würden, führte sie ihr schwerstes Geschütz ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine letztwillige Anordnung, der ich mich fügen müsse; und als ich auch dem gegenüber hartnäckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar bloß während der Zeit meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureißen vermochte. Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mütterchen, vergebens versicherte ich ihr, daß unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige ganz erträgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rühren mit mir haben würden, vergebens versprach ich ihr, daß sie in Halbjahrsfrist etwa mir nachfolgen könne — es half alles nichts, sie gab mich verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rührenden als närrischen Schmerze gegenüber wohl zu beginnen sei.

Da besuchte Miß Ellen meine Schwester; ich mußte, von Geschäften gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurückkam, fand ich Klara wunderbar getröstet. Sie jammerte und stöhnte nicht mehr, ja sie konnte sogar, ohne in Thränen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen. Offenbar hatte Miß Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst gewirkt und ich segnete um deswillen die schöne Amerikanerin, umsomehr, da auch sie uns von da ab durch ihr Drängen nicht mehr quälte. Sie war plötzlich abgereist und ich beglückwünschte mich höchlichst, einer doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.

Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23, die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon eingetroffen sein zu können, teils durch irgendwelche unvorhergesehene Zwischenfälle noch zurückgehalten waren. Johnston schritt ohne Zögern an die Equipierung, Einübung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern gebildeter Wirtschaftsausschuß; jeder Mann erhielt vollständige Beköstigung und außerdem — sofern er nicht ausdrücklich darauf verzichtete — 2 £ in Bargeld monatlichen Zuschuß. Dieselbe Summe wurde auch später während der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur selbstverständlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermünze, die im äquatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen Bedarfsgegenständen oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die Ausrüstungsgegenstände — Kleider und Waffen — ausgepackt waren, begannen die Übungen. Täglich wurde acht Stunden lang manövriert, marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe geschossen. Später veranstaltete Johnston größere auf mehrere Tage ausgedehnte Märsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militärischer Gehorsam geleistet werden mußte, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen angesichts der Thatsache, daß wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu gründen, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir begriffen eben alle, daß dieser Endzweck unseres Unternehmens und die Expedition, die uns dahin führen sollte, zwei verschiedene Dinge seien; es kam während des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere kein Fall überflüssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.

Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren wir eine vollkommen eingeübte Elitetruppe. Im Manövrieren konnten wir es mit jedem Gardekorps aufnehmen — natürlich nur hinsichtlich jener Übungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde gegenüber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militärischen Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben wir so unwissend wie die Hottentotten; dafür konnten wir ohne Beschwer 24 Stunden lang mit bloß sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wäre im Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wußten wir mit einer kleinen Batterie Congrève’scher Raketen umzugehen, die Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen ägyptischen Offiziers, eines geborenen Österreichers, der sich in Alexandrien häufig als Zuschauer bei unseren Übungen eingefunden, aus Triest hatte nachsenden lassen.

Am 30. März schifften wir uns auf der „Aurora“, einem prächtigen Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschuß von der englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in Liverpool, Marseille und Genua die für uns bestimmten Waren an Bord genommen, am 22. März in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in Ägypten gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir — den Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und Kamele eingerechnet — höchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer reichlich zwei Wochen für Zanzibar und für die Überfahrt nach Mombas, von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten und wo wir uns, der an der Küste angeblich herrschenden Fiebergefahr wegen, keinen Tag länger als notwendig aufzuhalten gedachten.

Es ging auch alles ganz programmgemäß von statten. In Aden trafen wir unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und mit 25 Kamelen, nicht minder vorzüglicher Rasse; ebenso wurden hier 115 Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge geänderter Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. Ägypten angeschafft worden waren. Am 16. April warf die „Aurora“ im Hafen von Zanzibar Anker.

Die halbe Bevölkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begrüßen. Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf, denn nicht bloß die hier lebende, während der letzten Jahre auf nahezu 200 Köpfe angewachsene europäische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste Persönlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natürlich unser Zanzibarer Bevollmächtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab, daß er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und daß angesichts der uns gegenüber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen eingeborenen Mannschaften mit größter Leichtigkeit von statten gehen werde.

Am 26. April verließen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen des nächsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere sämtlichen Tiere und den größten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wärter und unter Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen — gleichfalls mit der Aurora — dahin gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten zuzuteilen, bezogen wir außerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Für je 2 Handpferde oder Kamele und für je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wärter bestellt, so daß zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145 beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder solcher Gegenstände ausersehen, die jederzeit zur Hand sein mußten; 100 — unter diesen selbstverständlich die Wegführer und zwei Dolmetscher — dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und durchgeführt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen; der Zug ins Innere konnte angetreten werden.

Da wir aber programmgemäß nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europäische Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses überbringen sollte, so hatten wir einige Tage der Muße vor uns, die wir dazu benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.

Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich ins Meer ergießenden und zu einer mächtigen Bucht sich ausweitenden Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesümpfe umgeben. Der Aufenthalt unmittelbar an der Küste und auf Mombas selber ist daher nicht ganz gesund und keineswegs für längere Zeit rätlich. Aber schon wenige Kilometer landeinwärts finden sich sanftgeschwungene Hügel, bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten smaragdgrüner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemüsebeeten umgebenen Hütten der Wanjika, der hiesigen Küstenbewohner, hervorlauschen, welche Hügel selbst während der Regenzeit einen ganz gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wäre es für einen Europäer gefährlich, hier jahrelang zu wohnen, da die während der Hitzemonate — Oktober bis Januar — herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schädlich wird. Im Mai jedoch, wo die großen Regen, die in den Monaten Februar bis April niedergehen, den Boden und die Atmosphäre tüchtig erfrischt haben, ist die Hitze nicht eben lästig.

Das Eilschiff der französischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag verspätet, so daß es in Zanzibar erst am 4. spät Nachts eintraf; wir aber erhielten, Dank der Liebenswürdigkeit des Kapitäns die für uns bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag früher als wir erwartet hatten. Dieser nämlich, der in Aden erfahren hatte, daß und wo wir auf die von ihm beförderte Post warteten, hielt auf der Höhe von Mombas, das er zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde arabische Dhau an und übergab ihr die für uns bestimmten Pakete, die wir demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, während wir andernfalls bis zum Abend des nächsten Tages hätten auf sie warten müssen. Von den uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, daß der Ausschuß unseren Bevollmächtigten in Zanzibar beauftragt habe, während der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fühlung mit Mombas zu unterhalten und dort für alle Fälle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, daß bis zum 18. April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen Mitglieder auf 8460, das Vermögen auf nahezu 400000 £ gestiegen sei.

Und noch eine kleine Überraschung kam in Begleitung dieser letzten Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden übergeben, geführt von 2 Wärtern, welch letztere uns Grüße von ihrem Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer Ideen und großer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York übersende, überzeugt, daß uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12 Doggen und 20 Schäferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter hoch, die Schäferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies, alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit größter Freude begrüßt wurden. Die beiden Wärter erklärten, daß ihnen zwar unsere Pläne und Ideen höchst gleichgültig seien, da sie „von all dem Zeug nichts verstünden“, daß sie aber, wenn wir es gestatteten, in Begleitung ihrer lieben vierfüßigen Freunde sehr gerne mit uns zögen. Da sie sich als kräftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige Kerle zeigten, überdies versicherten, im Reiten und Schießen leidlich bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und den anderen für Europa bestimmten Nachrichten über Zanzibar expediert und die Anordnungen für morgen getroffen waren, umfing uns die letzte Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.

3. Kapitel.

Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der Kirangozis (Karawanenführer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem Schlafe. Große, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden angezündet, an denen das Frühstück — Thee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch für uns Weiße, eine Fleisch- und Gemüsesuppe für die Suahelis — gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen für den Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100 Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30 Berittenen, schon eine Stunde später auf. Ihm war die Aufgabe zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehölz führte, mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, daß unsere umfangreichsten Gepäckstücke ungefährdet auf dem Rücken der Tragtiere passieren könnten, Gewässer nach Thunlichkeit zu überbrücken und die Lagerplätze für das nachrückende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem Behufe mußte diese Truppe — je nach der Beschaffenheit der vor uns liegenden Wegstrecke — einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung nehmen. Für den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Führer sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, genügte ein Vorsprung von wenigen Stunden.

Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tête nahmen hier 150 von uns Weißen, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst die Handpferde, dann die Esel, zum Schluß die Kamele; der Nachtrab war durch 20 Weiße gebildet. So verließen wir endlich, als die Sonne schon heiß herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurück, sandten unsere Scheidegrüße dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie deutlich zu hören war — und vorwärts ging es unter Hörnerklang und Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Höhen hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten Wüste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns erreichte Landstrich offenbar nur in der heißen Jahreszeit; jetzt, wo die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir die Landschaft eher parkähnlich. Schönes, wenn auch nicht eben hohes Gras wechselte ab mit Gebüschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Ausläufer des Küstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch üppiger, die Bäume häufiger und höher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen das nutzlose Jagen noch nicht abgewöhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem förmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des bloß dreistündigen Marsches sehr erschöpft; das vorangegangene vierstündige Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen höchst unangenehm zu werden.

Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette, unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten des dichten Lianen-Baldachins gestärkt, brachen wir schon um 4 Uhr nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu fünfstündigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz, in der Nähe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert, um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafür hinterließ sie uns unter der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jäger unterwegs geschossen, zum Abendimbiß.

Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns — eingedenk der Qualen des gestrigen Vormittags — schon um 4½ Uhr unterwegs. Das Land war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heiße Arbeit gefunden hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrüppe abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen wäre. Da jene jedoch tüchtig aufgeräumt hatten, so kamen wir überall rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages Durumaland hinter uns hatten und die große Wüste betraten, die sich von da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.

Sonst ist über diese Marschtage nichts zu berichten, als daß wir stets ziemlich pünktlich um 4½ Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern genügende Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen ausreichenden Vorrat für den Durchzug durch die Duruma-Wüste einzuhandeln. Das Land scheint von großer natürlicher Fruchtbarkeit zu sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen, da die Bewohner der unablässigen Einfälle der Massai halber sich aus ihren unzugänglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben hörten wir Klagen über die Missethaten jener ritterlichen Räuber, die erst vor einigen Wochen einen Stamm überfallen, die Männer niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszuspähen. Unsere Versicherung, daß wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller Stämme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schließen gedächten, von dieser Plage demnächst befreien würden, nahmen die Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch überall in der Umgegend.

Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in die Wüste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt, daß ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns befinde. Wir änderten darauf unsere Dispositionen, ließen das Gepäck und die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain günstig war, sofort zum Gefecht. Die Geschütze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum, letztere in die beiden Flügel unserer in einer langen Linie sich ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es verstrich auch keine fernere Viertelstunde, daß wir die Massais, die ungefähr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir ließen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf auch wir unser Tempo mäßigten und langsam bis auf hundert Meter heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte, ob wir Tribut zahlen oder kämpfen wollten? „Ist das Euer Land“, war die Gegenfrage, „daß Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir haben Geschenke für unsere Freunde, schreckliche Waffen für unsere Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen, wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret zurück in Eure Krals, damit wir nicht genötigt seien, unsere Waffen und Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid thäte, denn wir wünschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.“

Letztere Versicherung wurde offenbar für ein Zeichen der Schwäche angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschüchtert schienen, schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere Trompeten, und während wir Reiter vorsprengten, eröffneten die Kanonen und Raketen ihr Feuer — nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrängten Massen sie eben so schreckliche als überflüssige Verheerungen angerichtet hätten, sondern über deren Köpfe hinweg. Die Massai hielten nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschütze donnerten, die Raketen zischend und knatternd über sie hinfegten und überdies die unheimlichen Geschöpfe mit vier Füßen und zwei Köpfen — wir Reiter nämlich — auf sie zustürmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre Panik womöglich zu steigern, während die Reiter sich damit beschäftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in unsere Gewalt zu bringen.

Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber und Kinder zu befreien, wäre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollständig gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wären, die ihnen rasches Laufen unmöglich machte. Als nämlich diese armen Geschöpfe den Lärm des Gefechts sahen und hörten, machten sie verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai nachzulaufen. Klüger benahmen sich die Rinder, die durch die Schüsse und Raketenschläge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser Lager zutreiben ließen.

Die gefangenen Massai waren prächtige, verwegen aussehende Kerle, die trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden, doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich — ein sehr glücklicher Umstand — auch der Leitunu, d. i. der oberste, unumschränkte Anführer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von reichlich 2 Meter Höhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am liebsten sein kurzes Schwert, die „Sime“, in die eigene Brust gestoßen hätte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma ihn und die Seinen zu verhöhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit großer Strenge. Laut, daß es die Gefangenen hören konnten, erklärte er, auch die Massai sollten unsere Freunde werden, wir hätten sie blos deshalb gezüchtigt, weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, daß wir ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hülfe bedürften, um jene zu tödten, wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen hätten, wie wir in die Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schüsse aus unseren gewaltigen Maschinen genügt hätten, um alle Massai in Stücke zu reißen? Um ihnen — mehr aber noch den Massai — die Wahrheit dieser ohnehin mit tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehörten Worte zu zeigen, ließ Johnston eine volle Lage unserer sämtlichen Geschütze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene, strohgedeckte Lehmhütte abgeben. Natürlich brach diese sofort zusammen und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den gewaltigsten Eindruck machte.

„Jetzt geht“, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhörten und zusahen, zu den Wa-Duruma, „nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir befreit haben, und laßt die Massai in Ruhe. Wir werden dafür sorgen, daß sie Euch in Zukunft nicht mehr belästigen, aber vergesset nicht, daß in wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden“.

Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wußten, was sie aus der Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, ließ Johnston den gefangenen Massai ihre Waffen zurückgeben und forderte sie auf, sich gleichfalls zu entfernen; binnen höchstens 2 Wochen gedenke er sie in Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen; um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zögerten die El Moran (der Name für Massaikrieger); schließlich trat Mdango, ihr Leitunu, vor und erklärte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den Ihrigen, heimzuziehen, wäre für eine so kleine Massai-Schaar der sichere Tod, und wenn sie schon sterben müßten, so sei es ihnen größere Ehre, von der Hand so gewaltiger weißer Leibons (Zauberer), als durch feige Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht hätten, sie demnächst zu besuchen, so mögen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.

Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Eröffnung vor innerer Genugthuung; den Massai gegenüber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und erklärte feierlichen Tones, das sei eine so große Gunst, die sie da verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig würdig erwiesen, daß er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit den Seinigen abhalten müsse, bevor er ihnen Bescheid geben könne. Damit ließ er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunächst zu Pferde hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gespräches mit. „Daß wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der großen Zahl der von ihm geführten El Moran zu schließen, einer der einflußreicheren sein dürfte, erfüllen, versteht sich von selbst; der Mann muß vollständig gewonnen werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm das Ergebnis unseres „Schauri“ mitteilen.“

„Höre“ — so wandte er sich an Mdango, „wir haben beschlossen, Deinen Wunsch zu erfüllen, denn Euere Brüder in Leitok-i-tok sollen nicht sagen, daß wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt hätten. Aber nachdem wir einmal — wenn auch ohne Blutvergießen — unsere Waffen gegen Euch gerichtet, können wir Euch — das verbieten unsere Gebräuche — nicht als Gäste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollständig gesühnt ist. Dies wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter uns Blut-Brüderschaft schließt, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?“

Die El Moran bejahten dies mit großer Bereitwilligkeit; hierauf neues „Schauri“ unter uns, dem dann die 43fache Verbrüderung nach den eigentümlichen Gebräuchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde gewonnen, die sich — wie Johnston versicherte — eher in Stücke hauen lassen, als zugeben würden, daß uns ein Leides geschehe, wo sie es irgend verhindern könnten.

Über all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glühend heiß zu werden versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wüste zu betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurück und rüsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der einzigen Nahrung der Massai-Elmoran — bereitet, und zum Schlusse eine riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heißem Wasser gespendet, die allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung überschritt alle Grenzen, als die diversen 43 Blutbrüder nach genossenem Punsche mit einer Freundschaftsgabe von je einer — roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.

Die Duruma-Wüste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gänzlich unbewohnt und während der trockenen Monate berüchtigt wegen ihres beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit, fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2 und 3 Metern vertieften natürlichen Löchern erträgliches Wasser in genügender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel zu leiden, was uns veranlaßte, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen, durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Kräfte für den nun folgenden bösesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlöcher wurden von da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos: eintönige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit häßlichem Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg durchnäßt durch einen uns plötzlich überraschenden Platzregen, das liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.

Hier lernten wir zum ersten Male die entzückende Pracht äquatorialen Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Höhe bis zu 1550 Metern, ist vom Gipfel bis zum Fuße mit üppiger Vegetation bedeckt, zahlreiche silberhelle Bäche und Flüsse rauschen und tosen an seinen Abhängen zu Thale und die Rundschau von günstiger situierten Aussichtspunkten ist geradezu entzückend. Da wir hier einen vollen Rasttag hielten, so benützten die meisten von uns die Gelegenheit zu Ausflügen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu Handels- und Missionszwecken angesiedelte Engländer in liebenswürdigster Weise als Führer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das Gewirr köstlicher, schattenreicher Thäler und Gipfel, das uns rings umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in Teita als auch für die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich erstreckende Wüstenei durchführen mußte. Aber meine glücklicheren Genossen erstiegen die umliegenden Höhen, übernachteten zumeist auf oder dicht unter denselben, erquickten sich an der kühlen Luft derselben und kamen zurück trunken von all der Schönheit die sie genossen. Im übrigen war es auch am Fuße der Teitaberge kaum minder entzückend. Das Bad unter einem der plätschernden Wasserfälle, umfächelt von den milden Lüften und Düften die der Abend brachte, würde stets zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens zählen — wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere Naturscenen geboten hätte.

Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Märschen weiter durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jäger reiche Beute an Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen überall mit den Stämmen und Häuptlingen durch Geschenke besiegelte Freundschaftsbündnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch die menschenleere, dafür aber desto wildreichere Wüste von Taweta, die im übrigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am Nachmittag des 17. die kühlen Wälder der Vorberge des Kilima vor uns — wo uns eine seltsame Überraschung erwartete.

Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere Gewehrsalven hatten — wie dies in Afrika üblich — dort soeben die Ankunft einer Karawane verkündigt, als Johnston und ich, die wir an der Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhängtem Zügel auf uns zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Führer unseres Vortrabs, Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit der er auf uns zujagte, einigermaßen besorgt, dann aber zeigte uns sein lachendes Gesicht, daß es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenführe. Er winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend: „Deine Schwester und Miß Fox sind in Taweta!“

Wir beide, Johnston und ich, müssen auf diese unerwartete Botschaft hin erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt in ein tolles Gelächter aus, in welches endlich auch wir einstimmten. Dann erzählte er, die beiden Damen hätten ihn und die Seinen, die gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als träfen sie sich daheim auf der Straße, begrüßt, ihre Verblüffung gänzlich ignoriert und auf Befragen im gleichmütigsten Tone erzählt, sie wären am 30. April, also während wir in Mombas saßen, von Aden kommend, in Zanzibar eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani übergefahren und von dort über Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem alten ehrwürdigen Neger, der Miß Fox überall begleite, und ihren vier Elefanten — denn auf dem Rücken solcher Tiere wären sie zu grenzenlosem Erstaunen der Neger gereist — ganz ausnehmend wohl befänden. „Fräulein Klara läßt Dich grüßen und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr, Dich an ihr schwesterliches Herz zu drücken.“

Da ich sah, daß Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach Taweta hineinführen, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum daß ich den Boden berührt hatte, laut weinend ans Herz drückte. Nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, suchte ich von meiner Schwester nähere Aufklärung über die Art ihres Erscheinens hier mitten unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemühen; so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie Thränen und Ausrufe der Freude über unser Wiedersehen sowie des nachträglichen Entsetzens über all die Gefahren, vor denen mich leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glück bewahrt. Inzwischen hatten wir uns Miß Fox genähert, die meinen Gruß zwar etwas spöttisch, aber deßhalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.

Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend. Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten — das war ihr Kalkül, indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lästig geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen — es sei denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.

Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren — wie ja der Erfolg zeigte — auch von Frauen recht gut zu überwinden; ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren — wie ich mit Genugthuung bemerkte — mit dem Zuwachse, der uns in Taweta geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten mitsamt ihrer schönen Last — denn nebenbei bemerkt ist auch meine Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib — ihren Platz in der Karawane angewiesen.

Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei, ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde, überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des Weges nach dem Naiwascha-See — unserer Route an den Kenia — wohnen, und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten „Dittos“ mit, als da sind, Messingdraht, messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen, Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder. Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser Waffe ad oculos zu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere, dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen, und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig unversehrte Schwertklinge vor. „So schneiden unsere „Siemes,“ sagte er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.“ Damit winkten wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen verloren.

In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen, so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.

Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten, saftigsten Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist, die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was Taweta ist.

An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner, köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten, befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus. Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben — falls die liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen, was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen, wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen, oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe — unseren beiden Damen, die glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten Anstoß nähmen.

4. Kapitel.

Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.

Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren, senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt, die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.

Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten, stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge — einen halben Tagmarsch von der Grenze gegen Useri — eingeladen. Sie waren zahlreich erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.

Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser Lager, wo wir sie Mann für Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam Mdango für seine diplomatischen Bemühungen ein buntes, goldgesticktes Ehrenkleid (wo bei Geschenken von „Gold“ die Rede ist, welches die Centralafrikaner nicht kennen und nicht schätzen, muß überall unechte Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Eßbesteck aus Weißblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der letztgenannten Dinge mußte ihm allerdings erst mühsam beigebracht werden, doch sei bemerkt, daß Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange blieb und daß er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der Gabel mit angemessener Würde bediente.

Andere Massaigrößen wurden gleichfalls, wenn auch nicht so verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen bedacht; alle El-Moran aber erhielten außer Perlenschnüren und Tüchern für ihre Mädchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Männer farbige Mäntel, und jedes Weib — Frau oder Mädchen — das unser Lager mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und allerlei broncenen und gläsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fünfzig von uns damit beschäftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzückt durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verließen die letzten Massaimänner unser Lager, während gerade die hübschesten der jungen Mädchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten aufzusuchen. Die Männer bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der Ordnung, daß ihre Frauen und Töchter so freigebigen Fremden auch nach Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in Massailand, und wir hatten Mühe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren, ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach europäischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu beleidigen.

Am nächsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral — es waren deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten — auf, den Leitunu und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die den Vertragsabschluß mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging merkwürdig rasch von statten und schon eine Stunde später war die Ratsversammlung, an welcher unsererseits bloß Johnston, ich und 6 Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien eröffnet. Zuerst gab es einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen würden, von Seiten der Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den weißen Freunden gegenüber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:

1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenüber, als da sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri, unverbrüchlich Frieden und Freundschaft einhalten.

2. Die Massai werden von keiner von Weißen geführten Karawane unter irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem Durchzuge derselben in jeder Weise behülflich zu sein, insbesondere, so weit ihre Vorräte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel beizustellen.

3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder beliebigen Zahl zu unserer Verfügung stellen, die Geleits- und Wachdienste zu leisten haben und uns während der Dauer ihrer Verwendung militärischen Gehorsam schuldig sind.

4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schützen und ihnen gegen fremde Angriffe beizustehen.

5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns alljährlich Mann für Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff und je 50 Schnüre Glasperlen, deren Auswahl ihnen überlassen bleibt, oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und Mantel.

6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten außer voller Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnüre oder deren Wert als tägliche Besoldung.

Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener Befriedigung aufgenommene Aktenstück wurde durch eine symbolische Blutverbrüderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen Feierlichkeiten bekräftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei aufnahm, so wußten wir, daß die öffentliche Meinung von Leitok-i-tok und eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.

Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, daß es unsere Absicht sei, über Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die unterwegs wohnenden Massaistämme womöglich alle in den Bund aufzunehmen und dann entweder über Kikuja oder über Leikipia an den Kenia vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen Beziehungen mit jenen Stämmen, deren Gebiete wir zu durchziehen hätten, verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die unter Führung unseres — inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem Ansehen gelangten — Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah wie wir wünschten und Mdango fühlte sich durch die auf ihn gefallene Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten, wurden übrigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege über Kikuja aber rieten uns die Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehören einer ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt. Sie wurden uns als verräterisch, feige und grausam zugleich geschildert, als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz unmöglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her wußten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander bekämpfender „Nationen“ legen dürfe, so machte obige Schilderung vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als daß wir derselben entnahmen, die Wakikuja seien „Erbfeinde“ der Massai. Wie sehr im Rechte wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde bedeutet, daß es bei der ursprünglichen Abrede sein Bewenden habe. Er solle uns in Eilmärschen voranziehen, wo möglich bis an die Grenzen von Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das große Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verständigten und berufenen Massai-Stämmen abzuhalten gedächten. Was es mit den Wakikuja, die das Gebiet östlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, würden wir selber untersuchen.

Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach mehrstündigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge hinter uns und wir betraten die kahlen Flächen der Ngiriwüste. Der Weg durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir die Berge von Kapte, längs deren Westabhang wir in einer Seehöhe von 1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintönige unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern aufsteigenden Kapteberge, an den Abhängen meist grasreiches Parkland, auf den Kuppen dunkle Wälder zeigend. Zahlreiche Bäche, die stellenweise malerische Wasserfälle bilden, rauschen von ihnen hernieder und vereinigen sich im Dogilaniland zu größeren Flüssen, die, soweit das Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in den Ukerewe, diesen größten unter den Riesenseen Centralafrikas, münden. Alle Stämme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst diejenigen, mit denen wir noch kein Bündnis geschlossen hatten. Zu ihnen allen war die Wundermär von den weißen Männern gedrungen, die sich bei ihnen ansiedeln wollen und die so mächtig und freigebig zugleich seien; Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war überall freudig aufgenommen worden, große Scharen waren schon unterwegs. Andere schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von „Hongo“ nirgend die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.

Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte über den heimtückischen, häßlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter Form wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen führten nämlich ein Andorobomädchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen hatten. Die Andorobo sind ein Jägervolk, welches ohne festen Wohnsitz durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der Zanzibarküste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher die Gegenden am Fuße des Kenia, nördlich von Kikuja nach Elefanten durchstreift, war Sakemba — so hieß das fragliche ungefähr 18 Jahre zählende Mädchen — vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta kam. Das Mädchen hatte — eine Seltenheit bei diesen Rassen — eine unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und Miß Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzählten, sie warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwärtigen Herrn abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort würden ihre Angehörigen gern einige schöne Elefantenzähne an ihre Auslösung wenden. Durch das inständige Flehen des Negermädchens gerührt, bewilligten Klara und Miß Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als sehr intelligent und über die Verhältnisse ihres Heimatlandes wohlunterrichtet sich erweisende Mädchen hatte schon in Miveruni gehört, wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nächster Gelegenheit seinen Beschützerinnen versichert, daß die Sache lange nicht so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie einander demzufolge gegenseitig möglichst viel Übles zufügen, so glaubten und erzählten sie auch alles erdenkliche Böse über einander. Wahr wäre allerdings, daß die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in offener Feldschlacht kämpften, und so tapfer, als die Massai seien sie auch nicht; verräterisch und grausam aber wären sie nur gegen ihre Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der könne sich so gut auf sie verlassen, als auf Angehörige irgend eines anderen Volkes. Die Andorobo zögen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so übermütig wie diese. Der direkte Weg an den Kenia aber führe für uns über Kikuja, während die Straße über Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen länger wäre.

Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu zweifeln, dessen letzten, für uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf die Karte vollauf bestätigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit Kikuja zu versuchen. Während also der größere Teil der Expedition unter Johnstons Führung die Straße nördlich an den Naiwaschasee weiter verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepäck bei dem Grenzorte Ngongo-a-Bagas östlich ab. Meine Absicht war, bloß Sakemba, als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu meiner Rückkehr der Obhut Johnstons zu übergeben. Allein meine Schwester erklärte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomädchen nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, überdies aber versicherte, daß für diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig — auch von den Massai — bekräftigt wurde, so waren meine Schwester und Miß Ellen mit von der Partie.

Sowie wir die Grenze von Kikuja überschritten, nahmen uns gewaltige schattige Wälder auf, die jedoch keineswegs „undurchdringlich“ genannt werden können, vielmehr das Eigentümliche haben, daß sie an sehr zahlreichen Stellen von breiten Durchschlägen durchschnitten sind, die geradezu den Eindruck machen, als wären sie von einem geschickten Gärtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern; stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, daß der Boden mit dem schönsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und daß schattige Kühle in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschläge entstanden sind, war und blieb mir rätselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen den hochstämmigen Bäumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir konnten ganz gut bemerken, daß dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im Reinen darüber, was sie aus uns machen sollten. Daß wir aus dem feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mißtrauen erregen, denn wir waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne daß unsere Begleiter sich hervorwagten.

Dem mußte ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener Zwischenfall leicht zu Mißverständnissen und daraus sich ergebenden Feindseligkeiten führen konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. „Warum nicht“, meinte sie, „dabei ist so wenig Gefahr für mich, als wenn ich allein in die Hütte meiner Eltern träte“. Ich ließ also Halt machen, die Andorobo schritt furchtlos auf die Büsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wußten und hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurück, die abgesandt worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen, d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weiße seien und ob sich — der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten — wirklich auch zwei weiße Mädchen unter uns befänden. Dunkle Gerüchte über uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wußten sie nicht, was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schönen. Unsere Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Männern zurückzukehren, sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn auch Folge leisteten, so daß wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben waren.

Nun trat aber ich, begleitet bloß von einem Dolmetsch mitten unter sie und fragte, wo ihr Sultan oder ihre Ältesten wären. Sultan hätten sie keinen, war die Antwort, sie seien unabhängige Männer; ihre Ältesten dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. „Dann laßt uns sofort ein Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen“. Der Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so saßen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Zunächst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer späterhin bethätigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, daß wir auch die Wakikuja uns zu Freunden zu machen wünschten, woraus für sie Ruhe vor den Massai und großer Gewinn von uns sich ergeben würde. Wir aber verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch ihr Gebiet. Sodann ließ ich einen, für solchen Anlaß bereitgelegten Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, öffnen und erklärte: „Das gehört Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten Male gesehen, erinnern möget. Niemand soll sagen: „„Ich saß bei den weißen Männern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer““.“

Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der ausgebreiteten Geschenke ließ nichts zu wünschen übrig. Wegen Verteilung der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren zukünftigen Freunden, als aber diese glücklich ohne ernsten Unfall vorüber war, ging es an Beteuerungen überschwänglicher Zärtlichkeit und Dienstbeflissenheit uns gegenüber. Zunächst wurden wir eingeladen, ihre sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Hütten mit unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer möglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafür, daß unausgesetzt einige von unseren Leuten in unauffälliger Weise Wache standen. Das Gepäck ließ ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen hatten. Im übrigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaßregeln als überflüssig; Niemand führte Böses gegen uns im Schilde und auch die in den ersten Stunden noch immer hervortretende Ängstlichkeit der Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei — nebenbei bemerkt — die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen. Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als höchst ersprießlich, wie uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hülfegeschrei eines Wakikujajünglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht wähnend, sich mit einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu Tode Erschrockenen, im übrigen jedoch gänzlich Unverletzten, aus den Fängen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf unsere Güter zu besorgen.

Am nächsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige Tagmärsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen könnten, zu einem Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten dabei die Wakikuja ohne Bezahlung für irgend etwas zu nehmen in wahrhaft verschwenderischer Weise. Wir schwammen förmlich in Milch, Honig, Butter, allerlei Fleisch- und Geflügelsorten, Mtamakuchen, Bananen, süßen Kartoffeln, Yams und einer großen Auswahl sehr wohlschmeckender Früchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschöpfliche Überfluß insbesondere an Feldfrüchten wohl stammen möge, denn in den Lichtungen der Wälder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rätsel gelöst, denn sowie wir den „Guaso Amboni“ genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden recht ansehnlichen Fluß erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar Kikuja seinen unerschöpflichen Körnerreichtum. Ganz fern im Norden dieses Plateaus sahen wir eine mächtige Gebirgsgruppe blauen, in der Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Führer und Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man könne von hier aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.

Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mächtige Rührung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorläufig nur aus weiter Ferne, die zukünftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel aber blieb unsichtbar in Wolken gehüllt während der zwei Tage unseres Aufenthaltes an der Ostlisière des Kikujawaldes. Wir machten dort in einem entzückenden Haine riesiger Brotbäume Halt, wo gastfreie Wakikuja uns ihre Hütten einräumten. Der Ort heißt Semba und war als Versammlungsplatz für das große Schauri verabredet worden. Wir fanden denn auch eine große Zahl Eingeborener bereits versammelt und am nächsten Tage wurde Alles zu größter beiderseitiger Zufriedenheit zwischen uns geordnet und festgemacht, so daß wir schon am 16. Juni den Rückmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht über Ngongo, sondern, einen Nebenfluß des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der Kikujatafelberge jäh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen. Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschöpft, aber wohlbehalten und in köstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu können, als auf dem ursprünglich in Aussicht genommenen Wege über Leikipia möglich gewesen wäre.

Am Naiwascha — einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80 Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.

Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste — Weiber und Kinder ungerechnet — mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war. 150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen, unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in 160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft — vom Feuerwerke abgesehen — fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke — und zwar nur ein Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung dargebrachten — das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland — glücklicherweise — nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche — diese Pest der Negerländer — wollten wir nicht unter unseren Nachbarn einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum, was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten hatte, durch stimmkräftige Herolde ausrufen ließen, das Volk der Massai sei von nun an alljährlich für den 19. und 20. Juni hier an dieser Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung beinahe in Stücke gerissen worden.

Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten. Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück, welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen, so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100 Kilometern — wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg leicht ist, etwas mehr — zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen gelangen werde — was sich denn auch als richtig erwies.

Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel, der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und insbesondere für die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da — es war gegen 8 Uhr — erhob sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt, deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.

Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost, durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa 8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite — auf welcher wir uns befinden — entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas, dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare Spitzen.

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