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Freiland

Erstes Buch. (continued 2)

Reading edition

Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.

Von da ab war’s, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes, erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27. überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen, über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten, Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns, fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht seiner Gletscherwelt.

Wir waren am Ziele!

5. Kapitel.

Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge — denn von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände — das ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf, ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen, gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.

Die zwei Kuriere mit dieser Depesche — die Kuriere hatten nämlich überall zu zweien zu reisen — ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab; pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: „Dank für hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten; Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt; werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um möglichst häufige Nachricht.“ Letzterem Wunsche war inzwischen meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.

Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl, sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30 Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer, während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen- und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang, eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.

Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe, möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je eines Andorobo zogen aus und kehrten — die erste schon am Abend des nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.

Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes, zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten. Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten, etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die Vorberge zurück, den Raum freilassend für eine ausgedehnte offene Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus, sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal betreten werden.

Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich, ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten, unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten des gesuchten Thales.

Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12 Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland. Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten, Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers. Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu einem mächtigen Flusse, der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist, seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dort angelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500 Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.

In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein, welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: „Seht hin, das Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; „Eden“ laßt uns diesen Ort nennen!“

Daß dieses Thal — der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert — unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche 160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35, auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten, dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius. Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den Keniaklippen, teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.

Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht müßig gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1. Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die eine unter Leitung Demestres’ und dreier anderer Ingenieure, sollte die Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche Zugvieh — dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert war — auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.

Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200 Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80 Suahelis und 475 Tiere — die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der anstelligsten zurück, die anderen sandte ich — begleitet von fünf der Unserigen — noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300 kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt, verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die Sägemühle zugewiesen — dazu selbstverständlich die entsprechenden Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100 Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu bewerkstelligen.

Am 5. Juli fand die Übersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain wurde genau vermessen und zuvörderst rings um den See die zukünftige Stadt abgesteckt, mit ihren Straßen und Plätzen, öffentlichen Gebäuden und Belustigungsorten. Dieser — zunächst allerdings bloß in unserem Geiste existierenden Stadt — reservierten wir vorerst einen Raum für 25000 Familienhäuser, deren jedem auch ein ansehnliches Gärtchen zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Außerhalb dieses Bauareals — das späterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden mochte — wurden 1000 Hektaren als vorläufiger Ackergrund ausgesucht; sie erhielten ein Netz kleiner Bewässerungskanäle und sollten so bald als möglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des zahllos umherschwärmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere, die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen, sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der Hunde im Freien weideten.

Inzwischen hatte die Sägemühle, die wir nicht mit nach Eden genommen, sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bäche hart am Flusse errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten, welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier größerer Flachboote benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes den Fluß aufwärts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen später erhoben sich an dessen Ufern vierzig geräumige Holzbaracken, in welche nun wir Weiße aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten übersiedelten; die Neger zogen es vor, in den Grashütten zu bleiben, die sie sich unter dem Schutze eines Wäldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfüßigen Invasion unübersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum für ungefähr zweitausend Tiere und war überdies mit einem gedeckten Raume versehen, der bei Regenwetter Schutz gewährte.

Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflügen ergänzt; gleichzeitig war aus Kikuja der erste Viehtransport — 120 Ochsen und 50 Kühe samt 200 Schafen und zahllosem Geflügel eingetroffen. Sofort wurden unter Anleitung unserer Ackerbauer Pflügeversuche gemacht. Die Kikujaochsen sträubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber hatten wir sie doch so weit, daß sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug gespannt, leidlich ackern ließ. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da der schwarze, fette Boden, gebunden überdies durch die üppige Grasnarbe, sich außerordentlich schwer aufbrechen ließ. Jedes Ochsenpaar mußte zwar anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhältnismäßig kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fünfzehn fernere Pflüge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflügen waren bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflügt, die sodann geeggt und gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Sämereien — hauptsächlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schließlich wieder eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthälfte war diese Arbeit gethan, kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.

Inzwischen war auch ein — vorläufig bloß 10 Hektare umfassender — Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zukünftigen Stadt als das Ackerland, denn während letzteres bei dem zu gewärtigenden Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mußte für den Garten ein möglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein solcher, der außerhalb des Weges der zukünftigen städtischen Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Gärtner besaßen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10 Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemüsen, Blumen, kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils aus der alten Heimat herübergebracht, teils unterwegs vorgefunden und mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten. Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewässerungskanäle versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche gesichert.

Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere praktikable Fahrwege rings um den Edensee, längs des Flusses bis zum Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man darf sich darunter keine Kunststraßen vorstellen, es waren eben Feldwege, die jedoch die Beförderung ganz ansehnlicher Lasten ohne sonderliche Kraftverschwendung ermöglichten. Der Dana wurde an drei Stellen für Fuhrwerk und an zwei anderen für Fußgänger überbrückt; sonst waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem großen Plateau führt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen beiden Orten mußten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit am Ufer Raum für einen Weg geschaffen werde.

Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tüchtige Wagen und Karren fertig geworden, die alsbald nützliche Verwendung fanden.

Größere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmühle. Dieselbe wurde mit zehn kompleten Mahlgängen am Oberlaufe des Dana, einen Kilometer vor dessen Einfluß in den Edensee, errichtet. Diese Stelle wurde aus dem Grunde gewählt, weil dicht oberhalb derselben eine große Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe Gefälle hat, das erst am großen Wasserfall, am Ostende des Plateaus, unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorläufig okkupierte Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstraße zur Mühle und konnten für dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausnützen. Die komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mühle hatten wir aus Europa mitgebracht; die Räder, Wellen und die zehn Mühlsteine dagegen erzeugten wir uns selber. Auch diese Mühle war — vorläufig zwar nur aus Holz und Fachwerk erbaut — Ende September fertig, allerdings schon mit Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der während der ersten Hälfte des gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoßen war.

Ich habe bereits erzählt, daß ich sofort nach unserem Eintreffen am Kenia neue Vorräte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt und daß dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein; hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten, unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18. August mit bloß 50 sehr leicht bepackten Handpferden — die 300 Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, sämtlich Pferde — auf den Weg, ohne, von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen mitzunehmen; sie verließ sich beinahe gänzlich auf die Aushülfe von seiten unserer unterwegs beschäftigten Wegbauer und der uns freundlich gesinnten Bevölkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschluß, alle etwa zu gewärtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit bloß eintägiger Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere Mitte. Fünf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere mußten unterwegs marod zurückgelassen werden; sie selber aber trafen sämtlich bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschöpft, im übrigen aber in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage später rüstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden, zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage später. Die größere Hälfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoßen waren und der darauf schon sehnsüchtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten neuen Vorräte — in allem etwas über 300 Zentner — enthielten auch mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche Kräftezuwachs beflügelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Maße.

Die Mahlmühle wurde — wie schon erzählt — noch Ende September fertig. Sie fand sofort vollauf Beschäftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen allmählich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sägemühle reichlich Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Mißernte hatten, brauchten die ersten paar Tausend fernerer Ankömmlinge nicht Hunger zu leiden.

Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heißen Jahreszeit, der üppige, durch unser Bewässerungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit regelmäßig versehene Boden einen Segen, der aller europäischen Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt jedes gesäete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren Ähren, sondern in dichten, mächtigen Ährenbüscheln endete jeglicher Halm, der europäische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, daß schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert Meter oberhalb der Mahlmühle eingerichtet worden war, die alsbald unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten Bestandteilen, hauptsächlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige Erntemaschinen und zwei mit Pferdegöpel zu treibende Dreschmaschinen geliefert hatte.

Zu solcher Leistung aber war diese Werkstätte befähigt, weil unsere Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schätzen auch Eisen und Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet, zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein. Es wurde in der Nähe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv, aber doch genügend, um ganz brauchbares Guß- und Schmiedeeisen zu liefern, das uns in unseren Ausführungen sofort unabhängig machte von den aus Europa mitgebrachten Vorräten. Nun erst besaßen wir eine, wenn auch kleine, so doch auf eigenen Füßen stehende Maschinenindustrie, und diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.

Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten Leistungsfähigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sägemühlen und einer Bierbrauerei. Die Sägemühlen brauchten wir, um für die stetig anschwellende Menge der angekündigten Ankömmlinge bequeme Unterkunft zu schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten heimischen Getränks zu überraschen. Sowie die Gerste geschnitten und gedroschen war, ging’s ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Gärtner an den Hängen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Güte gezogen, und bald füllten zahlreiche Fässer des edlen Getränkes einen unter Benutzung natürlicher Höhlungen angelegten kühlen Felsenkeller.

Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und Genugthuung auf unsere viermonatliche Thätigkeit im Keniagebiete zurückblicken. Sechshundert nette Blockhäuser für ebensoviel Familien harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorräte an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung und Ausrüstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte sich nicht minder schön entwickelt und seine köstlichen Gaben waren teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier genügte unsere eigene Produktion vorläufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen Bedarfes; aber dem ließ sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir regelmäßig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet, welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf Ochsenkarren mit sich führend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten, ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermöglicht hatten. Seitdem wir unsere Eisenhütten besaßen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafür brachten sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorläufig nicht mehr bedurften, hauptsächlich Elfenbein, von welchem wir, teils durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; für unser Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergnügen das doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschätzten Materials, und jedes eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein bezahlt; das Vieh und die Vorräte, die Werkzeuge und Maschinen — vom Lande gar nicht zu reden — gingen gratis drein.

6. Kapitel.

Während wir am Kenia solcherart damit beschäftigt waren, den aus der alten Welt erwarteten Brüdern das neue Heim behaglich einzurichten, arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Führung nicht minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.

Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging Demestre nichts an; sein Geschäft begann erst am Saume der die Keniaregion umgürtenden großen Wälder. Von hier bis zur Grenze zwischen Kikuja und Massailand bei Ngongo übergab er die Ausführung des Werkes dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt der Ingenieur Möllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion, Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrät, ein Russe; die letzte und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bösesten Einöden enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen waren 5 Weiße zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstärkt durch die doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150 Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Benützung unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am 15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke Teita-Taweta in Angriff nehmen ließ, eilte dann weiter nach Mombas und brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Küstenleuten auf der schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.

Diese Arbeiten waren überall dreifacher Art. Zunächst mußten an den wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab, insbesondere aber in den Wüsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen, und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig genug, um nicht nur die Arbeiter während der Bauzeit, sondern späterhin Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu versorgen. Da es im äquatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige Regengüsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu besorgen, daß große Cisternen, denen das Regenwasser aus genügend weitem Umkreise zufloß, selbst in den heißen Monaten erschöpft werden könnten; nur mußten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand als auch gegen Schmutz geschützt werden. Ersteres geschah durch Eindeckung und Überdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen sowie dadurch, daß das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen konnte, durch eine mehrere Meter mächtige Sand- und Schotterschicht hindurchgeleitet wurde. Die natürlichen, jedoch in Zeiten anhaltender Dürre austrocknenden Wasserlöcher, die sich in allen Einöden vorfanden, zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen seien, denn es waren das selbstverständlich die tiefsten Punkte, nach denen zu das Regenwasser seinen natürlichen Abfluß nahm. Die bedeutendsten dieser Wasserlöcher brauchten blos entsprechend vertieft, gegen Verdunstung des ihnen zuströmenden Wassers geschützt und mit den oben erwähnten natürlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25 gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2 bis 8 Metern. Gewöhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt. An jedem dieser künstlichen Wasserbehälter ward zur Überwachung gegen Verunreinigung ein Wächter angesiedelt.

In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwärts hergestellte Straße benutzt, bloß von Hindernissen etwas sorgfältiger befreit und wo sie durch den Busch gehauen werden mußte, um mehr als das Doppelte erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Höhen zu überschreiten waren, mußte eine neue, minder jäh ansteigende Trace gesucht werden. Daß auch einige Brücken zu bauen waren, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven Unterkunftshäusern für Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise- und Schlafräume für einige Hundert Menschen, Pferche für zahlreiche Rinder und Magazine für Lebensmittel wurden in Abständen von 12 bis 20 Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.

Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September, auf allen anderen Sektionen 14 Tage später vollendet. Die aufgenommenen Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur Überwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand für das wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hälfte in Löhnen, zur Hälfte in Subsistenzmitteln für die Arbeiter; zu bezahlendes Baumaterial gab es nicht.

In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per Stück.

Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas, während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde zurücklegte.

Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrer Größe doch leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach. 10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daß unter denselben für 6, auf denselben für 4 andere Personen genügender Raum zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen Regen wie Sonnenbrand, und die — des Nachts zur Lagerstätte dienenden — Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer Weise gesorgt.

Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an — und zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören, ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet, diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen, allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.

In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65 Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in 14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren dazu 20 Tage und darüber erforderlich.

Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer Verehrung und Liebe für die „am großen Berge angesiedelten“ weißen Brüder zu überhäufen.

Die ersten neuen Ankömmlinge — unter ihnen unser geliebter Meister — trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.

Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia — das ist das Land nordwestlich von Kenia — und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha- bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf; trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft. Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die, übrigens auch ihrerseits nicht mit leeren Händen erschienenen Massai — sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als Ehrengabe mitgebracht — entlassen. Johnston, den ich sofort von dem Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er — zu Anfang des Monats Oktober — an den Naiwaschasee, von da weiter durch die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe, die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken, und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie nicht minder mit den „Ndemps“ am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen hatte.

In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden Schopfantilope (Cephalophus rufilatus) bestimmten. Auch dieser Versuch war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfen überaus putzig aus und geberden sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen, Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.

So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner „Herrin“ gegenüber — denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als vollkommen unabhängige Männer zu fühlen — die Frage wagte, ob sie nicht auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne. Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas versagen sollte, was ihr — das hatte er sofort bemerkt — großes Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit dressieren wollten. „Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht dressieren, gleich den indischen“, wandte Miß Ellen ein. Der Inder erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst einmal in ihrer Gewalt wäre. „Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier Elefanten gebrauchen kann?“ forschte die Amerikanerin weiter, erhielt jedoch darauf bloß ein lakonisches „Weil Du uns nicht gefragt hast“ zur Antwort.

Miß Ellen wußte sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von Edenthal mit Herden gezähmter Elefanten zu versehen — denn wenn sich diese Tiere überhaupt zähmen ließen, dann konnte man hier ebensogut Tausende als Einen zur Stelle schaffen — ließ sie nicht zur Ruhe kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzähmbar, und wir alle, die sie diesfalls befragte, mußten ihr bestätigen, daß es nirgends in Afrika gezähmte Elefanten gebe. Sie wurde über dieses Problem nachgerade beinahe trübsinnig; sichtlich gelüstete es sie, es auf einen Versuch ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu können, und erstere in der Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden, das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr — als die Elefanten ihr Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdünken über dieselben verfügen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele Faënze, von einem längeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurück und stellte sich, als ihn Miß Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, daß es thatsächlich keine zahmen afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies müsse bloß daran liegen, daß die Afrikaner verlernt hätten, dies edle Tier dem Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewiß nicht, was schon daraus hervorgehe, daß zur Römerzeit dressierte Elefanten in Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstünden, werde ihnen dieselbe hier so gut gelingen wie in Indien.

Und so geschah’s. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der nahen Wälder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so, wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden führerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs mit einigem Befremden empfangen, schließlich aber in aller Freundschaft aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere zunächst mit dem Führer der Herde, dem stärksten und schönsten Bullen, zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Füße an einen starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stießen sie ihren Angstruf — einen scharfen Trompetenton — aus, als ob sie irgendeine Gefahr bemerkt hätten und stürmten davon, auf welches Signal hin die Inder unter Geschrei und Flintenschüssen hervorstürzten, was die ganze Herde veranlaßte, den Zahmen in größter Eile nachzufolgen. Der arme Gefesselte konnte natürlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an dem Stricke zerrte, und die Inder ließen ihn trampeln und trompeten, ohne sich vorläufig um ihn zu kümmern. Ihre nächste Sorge war, die Spur der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde gefesselt und dann unter großem Spektakel verlassen. Noch drei weitere Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die Herde argwöhnisch geworden zu sein, denn die berüsselten Verräter kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurück.

Nunmehr erst wurde jedem der fünf Gefesselten — unter ihnen ein Weibchen mit einem etwa einjährigen Jungen in der Größe eines mittleren Kalbes — ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen die Vorderfüße eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne daß die Betrogenen wütenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in höchst brutaler Weise durch Rüsselschläge und Zahnstöße bewältigt. Hierauf machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer alles für Elefantengaumen Genießbare — also Gras, Büsche und Baumzweige zu entfernen; wo dazu die Rüssel nicht ausreichten, drängten sie die Gefesselten auf die Seite und ermöglichten es den Treibern, mit Axt und Beil das Werk zu vollenden.

Als der Abend anbrach, waren alle fünf Gefangenen geknebelt und jeder Möglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr mußten sie aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Löwen oder Leoparden die Gelegenheit wahrnähmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brüdern der Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nächtlichen Toben Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prügel und Stöße vollbracht ward und überließen sie dann abermals ihrem Schicksale.

Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und Durst und bekamen, so oft ihre verräterischen Brüder nach ihnen sahen, jämmerliche Schläge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut, daß sie gar nicht mehr tobten, sondern kläglich brüllten, als sich ihre Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rüsseln und Zähnen über sie herfielen. Da erschien nun den Mißhandelten ein rettender Engel — in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunächst unter drohenden Geberden und einigen schallenden Schlägen die Schergen von ihrem Opfer und hielt diesem dann ein Gefäß Wasser hin. Stutzte darauf der wilde Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu überblicken, so war die Tragikomödie aus, das Tier gebändigt. Denn es acceptierte in diesem Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollständig getränkt und gefüttert und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung heimgeführt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst recht rabiat — was allerdings bei dreien von den Fünfen der Fall war — so mußte mit der Prügel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis der Elefant zu begreifen begann, Erlösung aus seiner Lage könne hier nur das schreckliche zweibeinige Geschöpf spenden.

Schließlich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die einzige Gefahr dieser Jagd bestand bloß darin, daß der Jäger sich auf die Sicherheit seines Urteils über den Charakter des Gefesselten verlassen mußte in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte. Zwar standen die zahmen Elefanten hülfsbereit und aufmerksam dabei; da jedoch ein einziger Rüsselhieb des gereizten Tieres genügen kann, einen Menschen zu töten, so gehört immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu der Sache. Die Inder versicherten übrigens, daß ein halbwegs an den Umgang mit Elefanten Gewöhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlässig auf dessen Absichten schließen könne; man brauche daher bloß die Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen völlig nahe zu treten, bevor man in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei überhaupt nichts zu fürchten.

Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fünf Gefangenen zurück, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber doch schon insoweit „zahm“ waren, daß sie sich ruhig einsperren, füttern, tränken und unterrichten ließen. Nach Verlauf fernerer zwei Wochen waren sie der Hauptsache nach „fertig“, d. h. brauchbar zu allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die Seite gegeben wurde. Miß Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie besaß ein herziges Elefantenbaby, das zwar für ein Schoßtierchen etwas zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben mag und sich rasch zum erklärten Liebling von ganz Edenthal aufschwang; und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle sehr schätzbarer Arbeitskraft eröffnet, auf welche ohne sie niemand geraten wäre. Denn hätte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt, die Expedition mitzumachen, so wären wohl schwerlich so rasch indische Elefanten und Elefantenführer an den Kenia gekommen, und ohne diese wären die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjägern ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zähmung auch nur jemand gedacht hätte.

Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rüstig fort, so daß binnen kurzem der Elefant das hauptsächlichste Tragtier am Kenia wurde und überall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze Entfernungen oder auf Gebieten, die für Wagen unpassierbar waren, bewältigt werden sollten.

Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zähmung anderer Tiere nicht bloß zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen. Zunächst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Füllen erwiesen sich — wenn sehr jung eingefangen — als leidlich gelehrig und nicht sonderlich scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich später unsere zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren. Strauß und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den größten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zähmung des afrikanischen Büffels. Es ist das das bösartigste, unbändigste und gefährlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so vollständig gezähmt, daß es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als Zugtier vollständig verdrängte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Kühe konnte man wenigstens so weit bringen, daß sie dem Wärter aus der Hand fraßen, und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Büffel anlangt, so zeigten diese genau den nämlichen Charakter wie das gewöhnliche Rind. Die Bullen blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverläßlich, die Kühe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig wie nur irgend ein Wiederkäuer. Als Milchkühe wurden sie bei uns niemals geschätzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als Zugtiere aber waren unsere Büffelochsen unvergleichlich. Es gibt für diese riesigen Tiere — sie überragen das größte Hausrind um reichlich ½ Fuß, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fuß und ihre Hörner lassen sich an der Wurzel mit zwei Händen nicht umspannen — keine zu schweren Lasten; wo vier gewöhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Büffel ihren gleichmäßigen Schritt weiter, als wären sie ledig. Dabei vertragen sie Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre längst gezähmten Verwandten — kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen noch nicht überall zu finden sind, als geradezu unschätzbar.

Das dritte Ereignis — doch dieses geht eigentlich direkt nur mich persönlich an und gehört bloß insofern in den Rahmen dieser Erzählung, als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zuständen in Edenthal zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunächst erzähle, wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brüder in der neuen Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.

7. Kapitel.

Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß — wenn im Bisherigen zumeist der Kürze halber gesagt wurde: „ich ordnete an, ich designierte“ — damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich, alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die „freie Gesellschaft“, die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als „Unternehmergewinn“ für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß im Rechte, sondern auch entschlossen, den „Bevollmächtigten“ hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei, das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.

Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann — ob Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger — die gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags; nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.

Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im Edensee — es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet — ein Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von Suahelis — um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee, Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam, bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise — Omelette, Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15 bis 20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt, welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre, Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der geistigen Getränke hielten wir es anders — aus leicht begreiflichen Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf unsere Neger Beschränkung üben.

Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.

An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.

Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben, selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashütten gleichfalls in Edenthal aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen eingeräumt.

Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht. Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen, sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen; ebenso wenig aber konnte sie uns beide — obwohl wir in ihren Augen die reinen Kinder waren — Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen „Narrheit“ — unserer sozialen Ideen nämlich — paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch — ihrer Meinung nach — außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war ja sie dazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.

Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung — daß wir beiden bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte, wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen: Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige für die Ideen, denen er diente — wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte, mit den Worten apostrophierte: „Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens Musik?“

Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß, erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten. „Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis an den Äquator gelaufen? Nein, — ich liebe Deinen Bruder nicht — ich werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!“ Dieser heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch — als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte — für Zeugen der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung für abstrakte Ideen fähig sei.

Doch eine mütterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefaßt, ihren Bruder — und noch dazu an ihre Freundin — zu verheiraten, ist nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute und mannigfache Gründe hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf geradem Wege nicht ging, wählte sie einen krummen — keinen neuen, aber einen oft bewährten: sie machte uns beide eifersüchtig. Jedem von uns erzählte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem „dummen Plane“, da der andere Teil nicht mehr frei wäre. Da sie mir gegenüber schlauerweise hinzufügte, sie habe ihr Projekt bloß ersonnen, um zugleich mit der jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebührenden Mutterpflichten mir gegenüber neuerlich übernehmen zu können, so glaubte ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, daß Ellen einen Verlobten in Amerika zurückgelassen, welcher demnächst schon hier eintreffen werde. „Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse erst herausgerückt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee zusetzte. Es ist nur ein Glück, daß Du mein Junge Dir nichts aus der kleinen Duckmäuserin machst; das wäre jetzt eine schöne Bescherung, wenn Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt hättest.“

Ich erklärte mich mit dieser Wendung der Dinge höchlich zufrieden, hatte aber das Gefühl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet würde. Deutlich und klar stand jetzt plötzlich meine Liebe vor meinem inneren Auge, eine glühende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfräulich geblieben. Ich konnte hinfort — das ward mir zu unumstößlicher Gewißheit — noch leben und kämpfen — mich des Lebens und des Erkämpften freuen, nimmermehr! Aber war es denn auch gewiß und unabwendbar? Gab es denn keine Möglichkeit, diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt plötzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu rauben, gab es keine Möglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch ist es überhaupt denkbar, daß Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben würde? Hin zu ihr, mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!

Damit stürmte ich hinüber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine Schwester ein ähnlich Märchen auch Ellen erzählt. Sie habe sich nun einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher in der Hoffnung, daß meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen würde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wäre, als auch ich mich weigerte, dringender geworden, und da hätte ich ihr endlich gestanden, mich hinter ihrem Rücken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit dem nächsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzählung unterbrach.

Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfüllten Fragen nach dem amerikanischen Bräutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daß ich sie liebe, daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiter folgte, läßt sich leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in Edenthal anlangte — und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich vorher noch erzählen wollte.

Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male ans Herz drückte, das größere gewesen oder jenes, mit welchem ich den Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einführte in jenes irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen — das wage ich nicht zu entscheiden.

Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichen Lebens, das sie bereits erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber die sichere Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfaßte mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zum ersten Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugt sein wird, dürfte wohl die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse mein Blut nicht mehr so siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute, während der Gedanke an die Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrüder aus den Martern vieltausendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter den Lebenden wandle und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.

Lange, lange stand der Meister auf den Höhen vor Edenthal, jede Einzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich aufnehmend; dann zu uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Als ich dies verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem Gedanken Worte lieh, welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, das Wort für das Land zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da rief er: „Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtsstätte finden: „Freiland“ wollen wir es nennen!“

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