← Table of contents
Freiland

Viertes Buch. (continued 2)

Reading edition

Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der Direktoren — es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik — daß man die gewonnenen Erfahrungen „selbstverständlich“ jederzeit publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.

„Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,“ meinte einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er hinzu: „Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die ihrigen preisgeben.“

„Sie haben ganz recht,“ war die Antwort, „das würde Niemand bei Ihnen thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten — ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos bliebe — so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit — umgerechnet auf die einzelne Arbeitsstunde — wieder auf das Niveau der anderwärts in Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern, damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen möglichst vollständig genießen.“

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

„Was geschähe“ — so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt — „wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von Nordleikipia, dazu aufgefordert durch — selbstverständlich geheimen — Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre, von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte, sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was — Sie entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen vorgebrachte Unterstellung — erreicht werden will und was doch verhütet werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?“

„Abermals in der freien Concurrenz,“ entgegnete lächelnd der Direktor. „Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten, alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken, daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre ich — darauf können Sie sich verlassen — zum längsten Direktor, meine Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden, bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.“

Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten, in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten, war ihnen zur Gewißheit geworden.

Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung: Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen? Als erster Redner war vorgemerkt

Robert Murchison (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu begründen.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich — der Tag mag noch so ferne sein — die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu ernähren im Stande sein wird.

Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht. Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden, ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit, nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit hindurch erfreuen könnte.

Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche, planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und Mittelchen sind — wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen Eingriffe in das — gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende — Verhältnis der Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?

Franzisko Espero (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt, daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten, auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte, freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben. Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.

Stefan Való (Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte, sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey’s, leugnet, daß die Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daß ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja, in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme — in so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht, muß also irgend eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt, oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon, lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden könnten.

Arthur French (Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu — was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann — daß unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch, daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint, wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen. Doch abgesehen von all dem — wie kann die Wirksamkeit eines so elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist, gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden, während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?“

Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der freiländischen Verwaltung — unter diesen auch der frühere Redner Stefan Való — zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten, sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die Empfindung, daß die Debatte — nicht bloß die heutige, sondern die des Kongresses überhaupt — an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei. Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der Frage gelten, ob, sondern bloß derjenigen, wie die neue sociale Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen, gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens. Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. Strahl das Wort, nachdem er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung abgegeben hatte:

„Unser Freund von der Rechten“, so begann er seine Rede, „hat den an uns gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten: erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen, was in der Natur vorgeht und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter das Wie dieses Naturvorganges zu gelangen.

Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde, die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur. Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte, daß Sie sich — immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben — selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten, den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte, um daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste, oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis machen wollte?

Sie wissen also insgesamt — das bitte ich zunächst festzuhalten — daß jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so sein muß. Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern müßte.

Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel, welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder der sogenannten Lebenskraft zu erklären — was natürlich auch damals niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie aber — im Jahrhundert nach Darwin lebend — können auch über diesen letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen, ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten Schleier — seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und Wahnvorstellungen — ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen ‚Logik‘ sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige Kapriolen, die — läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen — unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus’schen Theorie sind doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische Fellache, so fragte er sich; und da er — gehindert durch den bewußten Schleier — nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten, hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche Erinnerung zurückreicht — so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt das glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz, welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen, durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer heute hungert, das zu sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans oder Afrikas — sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.“

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen Sieg anerkannten.

(Schluß des vierten Verhandlungstages.)

27. Kapitel.

Fünfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?

Der Vorsitzende. Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, William Stuart, bitte, sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.

William Stuart. Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung über eine Reihe von gesetzlichen Verfügungen, die bestimmt sein sollen, uns mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht, zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinüberzuleiten. Meine Auftraggeber sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlaßt, daß unsere Nation unter allen Nationen außerhalb Freilands die erste ist, welche — unseres Wissens zum mindesten — über das Stadium der Vorberatungen hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchführung des Werkes führenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns diesbezüglich auf ein bewährtes Präcedenz, das Beispiel Freilands, stützen, was denn auch — mit einigen höchst unwesentlichen, der Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden Abweichungen — durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es für die Übergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat — insbesondere in so wichtiger Sache — lieber vor als nach der That einholen, so bin ich hergesandt, Ihre Meinung zu hören und dieselbe dann im amerikanischen Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschläge des Komitees Gesetzeskraft erlangen.

Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden für herrenlos zu erklären, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen Katasterwerte zu entschädigen. Um denjenigen, die sich dabei verkürzt erachten sollten, die Möglichkeit der Abhilfe zu gewähren, sollen besondere Sachverständigenkommissionen zur Prüfung allfälliger Reklamationen niedergesetzt werden und die öffentliche Meinung der Union geht dahin, daß diesen Kommissionen ein möglichst rücksichtsvolles Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang ist bei Gebäuden beantragt, mit der Maßgabe jedoch, daß zum eigenen Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhäuser auf dessen Wunsch von der Ablösung ausgenommen werden können. Die solcherart erhobenen und festgestellten Ablösungsbeträge sollen je nach Wunsch der Berechtigten entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Maßgabe, daß für jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prämie von ⅕ Prozent gewährt wird, welche Prämie der Berechtigte in Form von Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises ausgezahlt erhält. Auf länger als fünfzig Jahre wird die Abzahlung nicht erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000 Dollars bewertet worden, so erhält der Besitzer, falls er sofortige Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn Jahresrenten à 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prämien von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200 Dollars zugezählt werden. Verlangt er Abzahlung in fünfzig Raten à 200 Dollars, so erwächst ihm ein Prämienanspruch von fünfzigmal 20, d. i. also von 1000 Dollars, die er in Form fünf fernerer Jahressraten à 200 Dollars einkassiert. Dieselben Rückzahlungsmodalitäten gelten für die gesamte, sofort zu kündigende Nationalschuld.

Die bestehenden Kredit- und Schuldverhältnisse der Privaten bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche Abzahlungsbedingungen ursprünglich vereinbart waren, das Recht unmittelbarer Rückerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nämliche Prämie, die es seinen Gläubigern gewährt, auch von seinen Schuldnern verlangen. Der Zweck letzterer Maßregel liegt auf der Hand; sie soll verhüten, daß — Mangels jedes ihnen eingeräumten Vorteils — die Privatgläubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen lassen. Bekämen die Kapitalbedürftigen anfangs ihren Bedarf gänzlich kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmählicher Rückerstattung des entliehenen Kapitals, so würden sie sich zu keinerlei Vergütung ihren alten Gläubigern gegenüber verstehen, während sie, wird der Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prämie, die das Gemeinwesen von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.

Zu bemerken wäre noch, daß, dank dem schon bei Gelegenheit der Wahlagitationen für den konstituierenden Kongreß allenthalben zum Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu achten, die produktive Thätigkeit in der Übergangszeit nicht allein keinerlei Störung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhöhungen die zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskräfte zu erhalten, und da gerade diese Lohnerhöhungen den Bedarf nach allen Produkten sprunghaft steigern, so wächst damit zugleich das Interesse der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese beiden Strömungen steigern sich gegenseitig in solchem Maße, daß im Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag übersteigt, und daß fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschäftswelt bemächtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor Überproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf rechnen können, in den Associationen demnächst schon bereitwillige Abnehmer für guteingerichtete Anlagen zu finden, so hält sie nichts ab, den letzten Moment, der ihrer Privatthätigkeit noch gelassen ist, thunlichst auszunützen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre Rechnung, denn selbstverständlich ist der Bodenwert infolge der so rapid gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, daß sich der Übergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht bloß leicht und glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung aller Teile unseres Volkes vollziehen werde.

Der Vorsitzende fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion der soeben gehörten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive in die Debatte über Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freiländische Kommissär in Rußland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongreß für letzteres entschied, nahm

Demeter Nowikof (Abgesandter des freiländischen Kommissars für Rußland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der freiländischen Centralverwaltung delegierten Kommissäre, in Moskau eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens äußerlich insoweit hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht bloß die Kanonen und Gewehre, auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser bevollmächtigter Kommissär, berief sofort die sämtlichen Parteihäupter zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin sämtlich als ausschließliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich für die Zwischenzeit mit einem Rate von Vertrauensmännern der verschiedenen Parteien umgeben, mit thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen für eine konstituierende Versammlung aus.

Da Produktion und Verkehr beinahe gänzlich stille standen, so war das Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten Parteien als todeswürdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es daher, Arbeiter zu beschäftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gänzlich außer Stande, und da zum Überfluß die radikalsten unter den Nihilisten auch die Organisatoren freier Associationen als „maskierte Herren“ zu guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges Todschlagen die einzige Thätigkeit sei, der man hinfort in Rußland obliegen könne.

Die Proklamation, mit welcher Radoslajew die Wahlen ausschrieb, beruhigte zwar die Gemüter, genügte aber nicht zu rascher Inaugurierung ersprießlicher produktiver Thätigkeit. Als daher die neugewählte konstituierende Versammlung zusammengetreten war, schlug ihr Radoslajew als Übergangsstadium in das Regime der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ein gemischtes System vor, in welchem neben den Keimen der anzustrebenden freien Gesellschaft und neben allfälligen Resten alter Einzelwirtschaft eine Art von Übergangs-Kommunismus Platz finden sollte.

Zunächst aber mußte Ordnung in die bestehenden Rechtsverhältnisse gebracht werden. Während der unserer Ankunft vorhergehenden Schreckensherrschaft war aller immobile Besitz zu Nationaleigentum erklärt worden, ohne daß die früheren Eigentümer irgendwelche Entschädigung erhalten hatten; alle bestehenden Schuldverhältnisse waren einfach annulliert und es galt nun, nachträglich diese Gewaltakte gutzumachen, soweit es irgend noch anging. Doch in diesem Punkte erwies sich anfangs auch die neue Nationalversammlung untraitabel. Der Haß gegen die alte Ordnung war ein so allgemein verbreiteter und tiefer, daß selbst die Depossedierten es nicht wagten, auf unsere Absichten einzugehen. Das aus der Epoche der Ausbeutung herrührende Privateigentum galt schlechthin als Raub und Diebstahl, die Inanspruchnahme von Entschädigungen als schimpflich derart, daß eine Deputation früherer Großgrundbesitzer und Fabrikanten, an ihrer Spitze zwei ehemalige Großfürsten, Radoslajew beschwor, von seiner Forderung abzustehen, damit der kaum entschlafene nihilistische Fanatismus nicht neuerlich gereizt werde. Nichtsdestoweniger beharrte dieser, nachdem er sich mit uns, den ihm beigegebenen Freiländern, beraten, auf seiner Forderung. Er erklärte der Nationalversammlung, daß es uns natürlich fern liege, dem russischen Volke unsere Anschauungen aufzunötigen, daß anderseits aber auch Rußland von uns nicht verlangen könne, uns an einem Werke zu beteiligen, dessen Grundlage — in unseren Augen — Raub wäre; und diese Drohung mit unserem Rücktritte wirkte endlich. Die Nationalversammlung machte noch den Versuch, sich der Votierung einer ihr verhaßten Maßregel dadurch zu entziehen, daß sie Radoslajew für die Zeit des Überganges die Diktatur anbot; nachdem er jedoch auch dieses Ansinnen abgelehnt hatte, fügte sie sich und ging widerwillig in die Beratung des Entschädigungsgesetzes ein. Im Sinne des von Radoslajew vorgelegten Entwurfes sollte den früheren Eigentümern der volle Wert in Raten bezahlt werden, ebenso sollten die früheren Schuldverhältnisse voll reaktiviert und gleichfalls in Raten abgetragen werden; die unveränderte Annahme dieses Gesetzes konnte Radoslajew jedoch nicht durchsetzen. Die Nationalversammlung votierte einstimmig eine Klausel, nach welcher kein einzelner Entschädigungsanspruch die Höhe von 100000 Rubel überschreiten durfte; hatte der Eigentümer Schulden, so wurde deren Betrag in Anrechnung gebracht, doch durfte auch der Ersatzanspruch aus dem Titel von Schuldforderungen keines einzelnen Gläubigers 100000 Rubel übersteigen. Ebenso wurde für verwüstetes Eigentum eine auf das gleiche Maximum beschränkte Entschädigung gewährt.

Inzwischen hatten wir alle Anstalten getroffen, um die Produktion auf den neuen Grundlagen zu organisieren. Privatunternehmer wagten sich, trotzdem ihnen das Feld freigegeben war, nicht hervor; dagegen begannen sich insbesondere in den westlichen Gouvernements auf Grund unserer zum Muster genommenen freiländischen Statuten, freie Arbeiterassociationen zu bilden. Die große Masse der arbeitenden Bevölkerung erwies sich jedoch hiezu noch unfähig, und notgedrungen mußte daher die Regierungsgewalt organisierend eingreifen. Zwanzig verantwortliche Komitees wurden für zwanzig verschiedene Produktionszweige geschaffen und diese Komitees nahmen mit Hülfe der sich bereitwillig zur Verfügung stellenden Intelligenz die Produktion in die Hand. Der Freiheit ist insoweit Rechnung getragen, als niemand zwangsweise zur Arbeit verhalten wird. Derzeit sind 83000 solcher Unternehmungen mit 12½ Millionen Arbeitern im Betriebe. Bezüglich der Verteilung des Ertrages herrscht in denselben ein aus freier Vergesellschaftung und Kommunismus gemischtes System. Die Hälfte des erzielten Nettoertrages gelangt unter den gesamten 12½ Millionen Arbeitern zur gleichmäßigen Verteilung; die andere Hälfte verteilen die einzelnen Unternehmungen für sich unter die ihnen angehörigen Arbeiter. Wir glauben solcher Art jede Unternehmung einerseits gegen die äußersten Konsequenzen eines allfälligen Mißerfolges ihrer Produktion sichergestellt, anderseits aber auch das Interesse der Beteiligten am Gedeihen der einzelnen Produktion wachgerufen zu haben. Die Leiter dieser Produktivkörperschaften erhalten nach dem gleichen gemischten Systeme Zahlung.

Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wöchentlich fixiert. Außerdem ist ein zweistündiger täglicher Unterricht für Erwachsene eingerichtet, welchen Unterricht gegenwärtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000 Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten Büchern eine Anzahl großer Druckereien in Rußland selber gegründet, außerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschäftigt sind; die freiländischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen Bände geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen Energie gefördert wird — 780 Lehrerseminare sind teils gegründet, teils in Gründung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Böhmen, sind massenhaft Lehrkräfte herangezogen worden, und dergleichen mehr — so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so weit heben zu sehen, daß mit den Resten des Kommunismus wird aufgeräumt werden können.

Inzwischen wird die provisorisch geübte Bevormundung den sich derselben freiwillig unterwerfenden Massen gegenüber auch zur Hebung und Veredlung ihrer Gewohnheiten und Bedürfnisse ausgenutzt. Geistige Getränke, insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt, die elenden Lehmhütten und Arbeiterhöhlen werden successive niedergerissen und durch nette, mit kleinen Gärten versehene Familienhäuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik, Theatervorstellungen und populäre Vorträge den ästhetischen, eine rationelle feinere Küche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das Land, unterrichten die — von jeder groben Arbeit befreiten — Weiber in den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefühl und ihren Geschmack zu heben, sie über ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklären und insbesondere der bis dahin herrschend gewesenen häuslichen Brutalität zu steuern. Da diese Apostel höherer Weiblichkeit — wie überhaupt alle Lehrkräfte — die volle Autorität der Behörden hinter sich haben und sich ihrem Berufe mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mißhandelte, störrige Lasttiere, beginnen allgemach für ihre Würde als Menschen sowohl wie als Frauen Verständnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Männern nicht mehr prügeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei nützlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine Revolution hat — Dank dem sofort eingeführten Versorgungsanspruche der Frauen — in den Sittlichkeitsverhältnissen stattgefunden. Während früher, insbesondere unter dem städtischen Proletariate, geschlechtliche Zügellosigkeit und Käuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt geschlechtliche Fehltritte eine unerhörte Seltenheit geworden. Dabei ist es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die Meinung des Volkes zwischen derlei Sünden aus früherer Zeit und zwischen denen der Gegenwart macht. Während über jene ganz allgemein der Mantel der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die öffentliche Meinung für diese keine Nachsicht. „Die sich früher verkaufte, war eine Unglückliche, die es jetzt thäte, wäre eine Verworfene,“ so spricht und handelt in diesem Punkte das Volk. Die öffentliche Dirne von ehemals trägt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mädchen oder die Frau, die sich nunmehr, „seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen müssen, um Brot zu haben,“ auch nur das Geringste zu Schulden kommen läßt.“

Es wird nunmehr in die Debatte über Punkt 4 der Tagesordnung eingegangen.

Ibrahim el Melek (Rechte). Die überaus lehrreichen Berichte aus Amerika und Rußland liefern den drastischen Beweis dafür, daß der Übergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht bloß im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter desto annehmlicheren Formen für die besitzenden Klassen vollziehe, je entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen. Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, daß auch wir in Ägypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere Erschütterungen werden durchmachen können. Die Nähe Freilands und das rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim mit nahezu göttlichen Ehren empfangenen Kommissäre hat uns zwar vor ähnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Rußland Wochen hindurch zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstörungen von Eigentum vorgekommen; aber die von den freiländischen Kommissären einberufene ägyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschädigungsansprüche der früheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fügung des Schicksals, gegen die sich nichts machen läßt und die man daher mit Resignation hinnehmen muß. Von Verschulden aber möchte ich die so schwer Betroffenen freisprechen. Ohne daß es ausdrücklich gesagt worden ist, habe ich doch das deutliche Empfinden, daß die große Majorität dieser Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen Klassen erführen nunmehr überall das Los, welches sie sich selber bereiteten; dem gegenüber möchte ich fragen, ob denn etwa die amerikanischen, australischen und west-europäischen Grundherren, Kapitalisten und Arbeitgeber früher die Vorteile ihrer Stellung minder schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder ägyptischen? Daß sie ihren arbeitenden Klassen nicht so übel mitzuspielen vermochten, als die letzteren, hat in der größeren Energie des Volkscharakters, in der größeren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der Herrschenden, Gutmütigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der ägyptische Bey sein Vermögen verliert, während der amerikanische Spekulant, der französische Kapitalist oder der englische Lord aus dem Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht.

Lionel Spencer (Centrum). Der Herr Vorredner dürfte mit seiner Vermutung, daß auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; daß den Besitzenden nichts genommen werden dürfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Ländern nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, daß die Opfer der socialen Revolution überall im umgekehrten Verhältnisse des bis dahin üblich gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Höhe in erster Reihe bestimmend ist für das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht wundern, daß sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut auf ihre Zwingherrn stürzten. Die Höhe des Arbeitslohnes hinwieder ist überall abhängig von dem Ausmaße politischer und socialer Freiheit, welches die Besitzenden den Massen gönnen. Mag immerhin der russische Edelmann oder der ägyptische Bey persönlich sogar gutmütiger sein, als der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle Unterschied liegt darin, daß das Schicksal der Massen in Amerika und England vom persönlichen Belieben der Reichen unabhängiger war als in Rußland und Ägypten. Die Besitzenden waren dort — wenn auch vielleicht im Privatverkehr noch härter — politisch klüger, maßvoller, als hier und die Früchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten. Mag auch sein, daß sie selbst zu dieser Klugheit sich bloß gezwungen bekannt hatten — sie thaten es eben und nur die Thaten, nicht die Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der zurückgebliebenen Länder büßen jetzt für das Übermaß ihres Herrenbewußtseins; sie zahlen gleichsam nachträglich jene Differenzen des Arbeitslohnes, welche sie früher noch an dem, ohnehin kärglich genug bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung abgezwackt hatten.

Tei-Fu (Rechte). Der Herr Vorredner übersieht, daß die Bestimmung des Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot und Nachfrage abhängt. Daß Hungerlöhne zum Tiere herabdrücken, ist ja leider richtig und die Blutbäder, mit denen die zur Verzweiflung getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Rußland beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie hätte alle politische Klugheit der Herrschenden dem vorbeugen können? Der Arbeitsmarkt in China war eben überfüllt, das Händeangebot zu groß; keine Macht der Erde konnte den Lohn erhöhen.

Alexander Ming-Li (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, daß der Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhänge; es ist das kein in unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der Nationalökonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schließlich von jeder Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware feilgeboten werden muß. Aber daneben hängt der Preis auch noch von zwei anderen Dingen ab, nämlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die Dauer den Preis regulieren, während die Schwankungen von Angebot und Nachfrage auch bloß Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizuführen vermögen. Man muß auf die Dauer für jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und man kann auf die Dauer nicht mehr für dasselbe erhalten, als sein Gebrauch wert ist. Das ist alles auch längst bekannt, nur hat man es sonderbarer Weise niemals vollständig auf die Frage des Arbeitslohnes angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Kräften zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heißt das also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts anderes, als daß die Höhe des Arbeitslohnes — unbeschadet der Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage — auf die Dauer bestimmt wird durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die Produktivität ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend für die Forderungen der Arbeiter, letzteres für die Zugeständnisse der Arbeitgeber.

Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabänderlich gegebenes; jedes menschliche Wesen hat das natürliche Bestreben, möglichst gut zu leben, und wenn auch zugegeben werden muß, daß Sitte und Gewohnheit häufig dieser natürlichen Expansionstendenz der Bedürfnisse einige Zeit hindurch hemmend entgegentreten können, so darf ich doch mit gutem Gewissen behaupten, daß unsere unglücklichen Brüder im blumigen Lande der Mitte nicht aus unüberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern bereit gewesen wären, sich höhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit dadurch entgegengetreten wäre, daß sie alle Versuche der Arbeiter, sich behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu vereinigen, mit den härtesten Strafen verfolgte. Verbündete Arbeiter wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden Chinas — das ist ihre Thorheit und ihre Schuld — haben dieser verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall gespendet.

Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht bloß gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in gröblichster Weise verstieß. Die Regierung anlangend sollte man meinen, daß dieser das Aberwitzige und Selbstmörderische ihres Beginnens ganz von selbst auch ohne tieferes Nachdenken längst hätte einleuchten sollen. Mußte doch ein Blinder sehen, daß sie ihre finanzielle sowohl als ihre militärische Kraft in dem Maße ruinierte, in welchem ihre Maßregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptsächliche Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevölkerung die Stütze der militärischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zölle und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schädigte diese Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu höher produktiver Arbeit überzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade weil ihre Herstellungskosten so jämmerlich wenig beanspruchten, auch jämmerlich wenig Nutzwert.

Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel für die Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war, in wirksamer, d. h. nicht bloß den einzelnen Arbeitgeber, sondern den Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne Unternehmer hätte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in beschränktem Maße nachgeben können, da er als Einzelner das Mehr an Lohn an seinem Gewinne eingebüßt hätte; wäre aber in ganz China der Arbeitslohn gestiegen, so hätte dies den Bedarf in solchem Maße erhöht, daß die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wäre, d. h. mit besseren Produktionsmitteln hätte ausgestattet werden können; nicht aus ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage hätten die Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wäre sogar gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, hätte sich vermehrt. Das schließt natürlich nicht aus, daß einzelne Produktionszweige unter diesem Umschwunge gelitten hätten, denn die Zunahme des Konsums infolge verbesserter Löhne erstreckt sich nicht gleichmäßig auf alle Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär bleiben, ja vielleicht sogar zurückgehen; dafür aber wird in diesem Falle ganz gewiß die Nachfrage nach gewissen anderen Gütern sich mehr als verzehnfachen, den Einbußen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich desto größere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenüber und als allgemeine Regel kann überall gelten, daß der Reichtum der Besitzenden im geraden Verhältnisse mit dem Arbeitslohne wächst, den sie bezahlen müssen. Es ist dies ja anders auch gar nicht möglich, da dieser Reichtum der besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht, als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgüter des ganzen Volkes dienen.

Und sollte mein geehrter Landsmann vielleicht meinen, daß man sich mit der Frage der Lohnerhöhung in einem Zirkel bewege, indem einerseits die Ergiebigkeit der Arbeit, d. i. der Nutzwert der Arbeitskraft allerdings nicht verbessert werden könne, so lange der Volksgebrauch, d. i. der Selbstkostenbetrag der Arbeitskraft, sich nicht steigere, anderseits aber auch letztere Steigerung undurchführbar sei, so lange erstere nicht zur Thatsache geworden; so sage ich ihm, daß dies eben der verhängnisvolle Aberglaube ist, den die besitzenden Klassen und die Machthaber so manchen Landes nun so grausam zu büßen haben. Da der Arbeitslohn in der ausbeuterischen Welt immer nur einen Teil und dazu in der Regel noch einen sehr geringen des Arbeitsertrages beanspruchte, so waren — von höchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen — die Arbeitgeber sehr wohl in der Lage, Lohnerhöhungen zu gewähren, noch bevor die, allerdings erst als Folge allgemeiner Lohnerhöhung zu gewärtigende Steigerung der Erträge faktisch eingetreten war; ich sage ihm, daß speciell in China durchschnittlich selbst der dreifache und vierfache Lohn noch immer nicht den ganzen — wohlverstanden nicht einmal den alten, von der Erhöhung der Erträge noch unbeeinflußten — Gewinn verschlungen hätte. Die Arbeitgeber konnten also mehr zahlen, sie wollten bloß nicht. Letzteres war vom Standpunkte des Einzelnen betrachtet auch ganz begreiflich; Jeder sorgt bloß für den eigenen Vorteil, und dieser verlangt, daß man vom erzielten Nutzen so viel als möglich für sich behalte, so wenig als möglich anderen abtrete. In diesem Punkte waren die amerikanischen Spekulanten, die französischen Kapitalisten und die englischen Landlords nicht um ein Gran besser als unsere chinesischen Mandarinen. Anders aber handelten Jene und anders Diese als Gesamtheit. Trotzdem der Unsinn, daß man den Arbeitslohn nicht erhöhen könne, eigentlich im Westen erfunden und von allen Lehrkanzeln verkündet worden ist, hat der richtigere Volksinstinkt der westlichen Völker diese doch seit einigen Menschenaltern veranlaßt, in ihrer Politik so zu handeln, als ob sie das Gegenteil erkannt hätten. In der Theorie beharrten sie dabei, der Lohn könne nicht wachsen; in der Praxis aber begünstigten sie mehr und mehr die Lohnforderungen ihrer arbeitenden Massen, mit deren unleugbaren Erfolgen sich dann hinterher die Theorie abfand, so gut oder so schlecht es eben ging. Ihr, meine chinesischen Brüder dagegen, habt Euch in der Politik strikte an die Lehren dieser Theorie gehalten; Ihr habt Euere arbeitenden Massen zunächst durch die Erkenntnis, daß der Staat ihr Feind sei, in Verzweiflung gebracht und jede Ausschreitung der Verzweifelten dann sofort dazu benützt, „Ordnung“ in Eurem Sinne zu machen. Euere Hand war stets gegen die Schwächeren erhoben — wundert Euch nicht, daß diese einen fürwahr nur geringen Teil der ihnen zugefügten Leiden vergelten, nachdem sie die Stärkeren geworden.

Das hindert natürlich nicht, daß wir in Freiland — wie ja unsere Thaten beweisen — auch das den ehemaligen Unterdrückern zugefügte Unrecht beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten dafür, daß auch das Volk von Rußland, Ägypten und China, kurzum, daß alle Welt am besten thäte, das von der amerikanischen Union gegebene Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese weise Großmut sich nicht bloß für die Besitzenden, sondern auch für die Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem ägyptischen Fellah oder dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natürlich sind. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schließlich Jedem zugemessen, was er sich selber verdient hat.“

Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schloß der Präsident die Debatte über diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen des Kongresses.

Schlußwort.

Die Geschichte von „Freiland“ ist zu Ende. Ich könnte zwar, den Faden der Erzählung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen; aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die Überzeugung geschöpft hat, daß wir an der Schwelle eines neuen, glücklicheren Zeitalters stehen und daß es nur von unserer Einsicht und unserem Willen abhängt, dieselbe sofort zu überschreiten, den werden auch Dutzende folgender Bände nicht überführen.

Denn nicht die wesenlose Schöpfung einer ausschweifenden Phantasie ist dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nüchternen Nachdenkens, gründlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als thatsächlich geschehen erzähle, es könnte geschehen, wenn sich Menschen fänden, die erfüllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der bestehenden Zustände, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln, statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trägheit sind in Wahrheit annoch die einzigen Stützen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist schädlich und überflüssig geworden; nichts zwingt uns fürderhin, das Elend einer überlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns, jenes Glück und jenen Überfluß zu genießen, zu deren Bereitung uns die vorhandenen Kulturmittel befähigen würden, nichts, als unsere eigene Thorheit.

„So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen“ — wird man mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, daß die Furcht, mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewählte Form des Buches einflößte. Aber bei reiflichem Erwägen entschied ich mich doch dafür, statt trockener Abstraktionen ein möglichst lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich mache, was bloße Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen können. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist für mich ohnehin verloren; ihm bliebe ich der „unpraktische Schwärmer“, auch wenn ich mich noch so trockener Systematik befleißigte, denn ihm genügt, daß ich an eine Änderung des Bestehenden glaube, um mich dafür zu halten. In welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist für diese Art Leser schon aus dem Grunde einerlei, weil sie — gleich den Frommen in Sachen der Religion — schlechterdings außer stande sind, Beweise zu prüfen, die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren.

Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzählende Form nicht hindern, nüchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausführungen innerlich wahr oder falsch sind. Sollte auch er finden, daß ich — und sei es nur in einem wesentlichen Punkte — von irrigen Voraussetzungen ausgegangen, daß die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit irgendwie den natürlichen und allgemein anerkannten Triebfedern menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein Buch gelesen, nicht zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt sein, daß die Durchführung dieser neuen Ordnung — von nebensächlichen Details natürlich abgesehen — ganz und gar unvermeidlich sei — dann allerdings müßte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie alle heißen mögen, die auf socialem Gebiete ihre Wünsche der nüchternen Wirklichkeit unterschoben, in einen Topf geworfen zu werden.

Ausdrücklich hervorheben will ich zum Schluß, daß sich die innere Wahrhaftigkeit meines Buches nicht bloß auf die der Handlung zugrunde gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern auch auf den äußeren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im äquatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzählung durch die Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene paradiesischen Gegenden besucht haben. Um „Freiland“, so wie ich es darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder Hinsicht bloß einer genügenden Anzahl thatkräftiger Menschen. Werden sich solche finden? Wird diesen Blättern die Kraft innewohnen, mir die Genossen und Helfer zuzuführen, die zur Durchführung des großen Werkes erforderlich sind?

Wien 1890.

Theodor Hertzka.

Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):

... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstgarten aus. ... ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus. ...

... uns von dem Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter ... ... uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter ...

... teils den Anhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. ... ... teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. ...

... unter Benutzung von Wasserkraft zu bearbeiten begann und teils ... ... unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils ...

... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Glashütten ... ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashütten ...

... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre, die ihr jedoch verantwortlich ... ... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre aus, die ihr jedoch verantwortlich ...

... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzen. ... ... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. ...

... der Edenthal-Association dagegen erhielt bloß 2 Schilling pro ... ... der Edenthal-Association dagegen erhielten bloß 2 Schilling pro ...

... Nicht möglich viel und gut zu erzeugen, sondern für einen möglichst ... ... Nicht möglichst viel und gut zu erzeugen, sondern für einen möglichst ...

... dazu antreibt und es ist daher die Natur der Sache nach ausgeschlossen, ... ... dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach ausgeschlossen, ...

... „Herrlich!“ rief David. „Also weil die arbeitenden Massen ihr ... ... „Herrlich!“ rief David. „Also weil die arbeitenden Massen ihren ...

... Schädigung abziehender Konkurrenzkampf ist.“ ... ... Schädigung abzielender Konkurrenzkampf ist.“ ...

... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Betragen ... ... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen ...

... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnte, sie ... ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie ...

... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können. Werden hinsichtlich ... ... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich ...

... seit Wochen resultatlos hin und wieder. Sichtlich nahmen die Kabinette ... ... seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette ...

... nur zur Fristung des nackten tierischen Leben ausreichte, und der Knechtschaft ... ... nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft ...

... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien ... ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der ...

... Frei ‚Frei‘ waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ... ... ‚Frei‘ waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ...

... Preigebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand ... ... Preisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand ...

... die Nachfrage nach einem einzelnem Gute ziemlich stationär bleiben, ja ... ... die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär bleiben, ja ...

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings