Drittes Buch. (continued 2)
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„Was aber“ — so fragte ich — „soll hinfort den Menschen zu ferneren Kämpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren Stachel verloren hat?“
„Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung und Gesittung anzusehen uns gewöhnt haben, auch wenn diese Anschauungen den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als ob jemals Not die ausschließliche, oder auch nur die vornehmste Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wäre! Der Widerstreit zur Natur, in welchen das Mißverhältnis zwischen Kulturbedürfnissen und Kulturkräften die Menschheit in den Jahrtausenden des Übergangs von Barbarei zu wirklich menschenwürdiger Kultur brachte, hatte zwar zur Folge, daß der Kampf ums Dasein neben seinen natürlichen auch widernatürliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mächtiger, als die ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu verdanken, die unserer Rasse eigentümlich sind und bleiben werden, so lange sie als herrschende die Erde bevölkert. Dreimal blind, wer dies nicht sehen will! Die großen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man kann in der Mehrzahl der Fälle behaupten, daß sie sannen und dachten, forschten und fanden, nicht weil, sondern trotzdem sie hungerten. „Doch“ — so könnte man einwenden — „das waren eben die wenigen Erlesenen unseres Geschlechts; die große Masse der Alltagsmenschen aber kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach besten Kräften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen.“ Wer so urteilt, geht abermals von einem höchst merkwürdigen Übersehen aus. Welche Voreingenommenheit gehört dazu, sich der Thatsache zu verschließen, daß es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden, die am emsigsten vorwärts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf jene Elenden weist, die thatsächlich nur durch bitterste Not zur Thätigkeit angespornt werden können und sofort wieder in träge Apathie versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergißt, daß es eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trägt. Der Kulturmensch, der höhere Bedürfnisse einmal kennen gelernt, wird desto emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwürdigende Not die Spannkraft des Geistes und Körpers gebrochen hat und je zweifelloser der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not, sondern im vernünftigen, auf ein sicheres Ziel fröhlich zusteuernden Eigennutze muß jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat unsere sociale Ordnung — weit entfernt, ihn abzustumpfen — in Wahrheit erst zu voller Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darüber sein: was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, daß wir nämlich an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen voranschreiten, es ist kein zufälliges Ergebnis irgendwelcher vorübergehender Einflüsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die gleichen Konsequenzen verspüren. So wenig als wir der quälenden Not bedürfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Genüsse zu vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in die glückliche Lage gerät, die Früchte des Fortschritts zu genießen.“
Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. „Wenn ich es bei Lichte betrachte“ — erklärte ich — „so läuft die gegenteilige Auffassung darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen könne, wo er der Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen Euch Freiländern und uns anderen liegt doch darin, daß Ihr die Früchte jeden Fortschritts genießet, während wir mit demselben eigentlich bloß in das Danaidenfaß der Überproduktion schöpfen. Niemand bezweifelt, daß Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, daß alle Entdeckungen und Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur eines arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu glauben, daß gerade das notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und erfunden werde!“
„Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen“, fuhr ich fort, „so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glücklichen atmet, noch immer nicht ganz erklärlich. Not und materielle Sorge sind hier unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch außerhalb Freilands Hunderttausende und Millionen, die jeder drückenden Sorge enthoben sind; warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig der reichere, und doch, welch’ tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben, welch’ herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und welch’ froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters. Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft, die man in diesem Lande atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in Vaters Zügen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglättet, und ich selber fühle mich heiterer, glücklicher als jemals zuvor.“
„Du hast“, entgegnete mir David, „das Wichtigste vergessen, den Einfluß des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, während ein anderer, nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen die Grundstimmung, die den individuellen Geistes- und Gemütsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht bloß äußerlich, sondern ebenso auch innerlich in unlöslicher Berührung; er glaubt zu denken, zu fühlen und zu handeln, bloß wie seine Individualität es erheischt, fühlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzen und Handlungen umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, humane Freidenker der Gegenwart hätte — wäre er drei Jahrhunderte früher geboren worden, um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erscheinenden Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und hätte er noch um einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wären ihm Menschenopfer so wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Göttin Hertha. Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wäldern der Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden hätte, das Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu lassen, wäre dazumal schon von unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun geschüttelt worden, wenn ihn — begabt mit genau den nämlichen individuellen Anlagen — der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter germanischen Barbaren hätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er skrupellos Lug und Verrat geübt, während er — im übrigen vom Wirbel bis zur Zehe derselbe Mann — umgeben von den trotzigen Germanenhelden, solch weichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jener unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings unmöglich, daß der Angehörige einer von wahnsinnigster Angst vor dem Hunger bis ins innerste Mark gerüttelten Gesellschaft, jemals in ungetrübter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure Mehrzahl der Zeitgenossen niemals weiß, was der morgige Tag bringen mag, ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den völligen wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung, die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhängig macht, daß es uns gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von fiebernder Angst gerüttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zähnen zu reißen; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns. Kein individueller Reichtum gewährt Schutz gegen den zermalmenden Jammer der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionär, der nicht den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen Krallen ins Gemüt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos, frierend und hungernd durch die Straßen Eurer Großstädte irrt. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was der erste bloß seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren. Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen Krösus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er sich und der Seinen Glück und Ehre, Genuß und Frieden dem Götzen schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet, dem Götzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er häufen, vermeinend, daß er hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit erlangen könnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, daß er nicht einmal bemerkt, wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht etwa, daß unter dieser abergläubischen Angst vor dem Hunger bloß die Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen, und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfänglicher Kopf und Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das Gemeingefühl der allgemeinen Not dem vorübergehenden individuellen Behagen gegenüber; bloß vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete Idioten machen hie und da eine Ausnahme; bloß sie können sich, unbeirrt durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brüder würgt, mit wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.
„Das ist’s, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug ins Antlitz prägt; Ihr könnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphäre des Elends, des Jammers und der Angst atmet. Und das ist’s auch, dieses Gemeingefühl, welches jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer, diese Angst gänzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und Empfindens erwachen läßt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentümlich ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten Gesellschaft bewegen, wir haben die düstere Auffassung des Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe vollständig überwunden. Ich gebrauche das einschränkende „beinahe“ für diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freiländer geworden sind. Wir jüngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte nicht unerheblich von den älteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fünfundzwanzig Jahre sind es her, daß mein Vater und meine Mutter, die beide unter den ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der Entwürdigung des Menschen durch den Menschen entrückt sind; aber die Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu können, sie wird bis zu ihrem Ende nicht gänzlich aus ihrem Gemüte schwinden und nimmermehr kann jene göttergleiche Ruhe und Heiterkeit völlig von ihrem Herzen Besitz ergreifen, die das selbstverständliche Erbteil ihrer Kinder ist, an deren Händen niemals Schweiß und Mark geknechteter Menschen haftete, die um zu genießen, niemals die Früchte fremder Arbeit sich aneigneten, niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im Daseinskampfe zu sein.“
Damit schloß David für diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm nachthun.
17. Kapitel.
Edenthal, 2. August.
Längst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem Maße interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses Gegenstandes gewidmet. Zunächst besuchte ich in Davids Gesellschaft einen der zahlreichen Kindergärten, die in Edenthal ziemlich gleichmäßig über die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten, teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich hier unter der Leitung zweier Mädchen im Alter von 18-20 Jahren und einer jungen Witwe etwa 50 Bübchen und Mädchen im Alter zwischen 4 und 6 Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben, dazwischen Bilderbücher besehen und erklärt, Märchen abwechselnd mit belehrenden Geschichten erzählt, Spiele gespielt, die gleicherweise teils bloßer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem kleinen Volke, das sich königlich amüsierte, war ein ziemlich starkes Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprößlinge herbei, eine andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nämlich die freiländischen Mütter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen, werden die Kleinen dem nächsten Kindergarten übergeben und bei der Heimkehr wieder abgeholt — es sei denn, daß das junge Volk selber darum bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt Ausnahmefälle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere Sache der Mutter. Belehrung darüber, wie diese am besten anzustellen sei, braucht eine freiländische Frau selten; im Bedarfsfalle ist übrigens der benachbarte Kindergarten, später das Pädagogium zur Hand, wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir mitgeteilt, daß jedes in Freiland aufgewachsene sechsjährige Kind des Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe nützlichen Wissens kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu haben.
Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese Schulen sind möglichst gleichförmig über Edenthal zerstreut und liegen gleicherweise in größeren Gärten. Sie sind vierklassig, und der Unterricht wird Mädchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt durchweg in Händen junger Mädchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen der Knaben leiten männliche Lehrer. Die beiden letzteren Übungen beanspruchen bei Knaben und Mädchen täglich je eine Stunde; mindestens dreimal wöchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder Klasse mehrstündige Ausflüge in die benachbarten Wälder und Berge unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird. Ich beobachtete die Zöglinge beim Buche und am Turnplatz, in der Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß die Kinder mindestens so viel und so systematisches Wissen besaßen, als europäische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck und Barren, Kletterstange und Hängeseil bewegten wie die Eichhörnchen, im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistündigem Marsche über Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe.
Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mädchen gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch männliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkräfte. Hier war den Leibesübungen mannigfaltigster Art noch weit größere Beachtung geschenkt, und um den hierfür erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese umgebenden Wälder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie der Knaben und Mädchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu bewundern, die ersteren überdies bei ihren Ring-, Fecht- und Schießübungen zu sehen. Einige Gänge auf Stoßdegen und Säbel mit verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, daß dieselben mir nicht bloß ebenbürtig, sondern in manchen Punkten überlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, daß ich zu den besseren Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehöre. Die beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwüchsigen Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp einholten und sich auf dessen Rücken schwangen. Besonders überrascht aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schußwaffen handhabten. Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroße Scheibe selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schützen sandten Kugel auf Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten Klassen dieser Mittelschulen dem Äußeren der Zöglinge nach zu urteilen den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an den besten europäischen Mittelschulen getrieben werden.
Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht für alle Kinder Freilands der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, daß bei den Mädchen etwas geringerer Nachdruck auf die Leibesübungen, dafür desto größerer auf musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die Berufe. Die jungen Mädchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um sich dort in jenen Künsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als Ziehtöchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die pädagogischen Lehranstalten, um sich für das Lehramt auszubilden, hört einen Kursus über Krankenpflege oder über Ästhetik, Kunstgeschichte u. dergl.
Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen höheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und geschäftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten Geschäfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser Fachschulen geht jeder freiländische Arbeiter, er mag späterhin als Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt: erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu überwachen, weiß hier zu Lande auch über die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, über Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, daß solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu wählen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Mißgriffe bei der Auslese der geeignetsten Persönlichkeiten nahezu unmöglich macht. Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat, dessen Wissen und Können mit den Handgriffen und Kenntnissen seines engeren Faches erschöpft wäre; er ist jedenfalls noch in einem oder einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge, daß unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende günstige Konjunktur sofort ausnutzen, die Spinnmaschine mit dem Pfluge, mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige ermöglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes ist.
Junge Leute, die Beruf zu höherer geistiger Thätigkeit in sich verspüren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen Freilands Professoren, höhere Verwaltungsbeamte, Ärzte, Techniker u. s. w. ausgebildet werden, oder den mit großartigen Mitteln ausgestatteten verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer, Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die körperliche Fortbildung der größte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen und kaufmännischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen, ihre Schieß- und Fechtplätze so gut wie die Hochschulen und Akademien, und da die Jünglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der Mittelschulen, so ist durch das Institut der öffentlichen Gau- und Landesübungen dafür gesorgt, ihren Eifer für körperliche Ausbildung nicht erlahmen zu lassen. Alle Jünglinge zwischen dem vollendeten 16. und 22. Jahre sind nämlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften geteilt, die unter selbstgewählten Führern allmonatlich Übungen halten, bei denen sie ihre körperlichen Kräfte und Fähigkeiten erproben. Einmal im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern früherer Jahre gebildet wird, eine große Preisübung statt, bei welcher erstlich von jeder Tausendschaft gestellte Champions — es sind das natürlich die tüchtigsten Recken, über die jede Tausendschaft verfügt — als Einzel-Fechter, -Schützen, -Reiter, -Ringer und -Läufer sich messen; sodann kämpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtübungen um verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gauübungen bewerben sich dann bei dem wenige Wochen später in einem zu solchen Zwecken besonders eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um die Ehre der Meisterschaft für ganz Freiland und man versicherte mir, daß kein griechischer Jüngling aus der Blütezeit von Hellas in heißerem Bemühen um den Ölzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die freiländischen Jünglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen, obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten Blätterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt bestehen, die so glücklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen. Hunderttausende strömen aus allen Landesteilen zu diesen Preisübungen zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden Tausendschaft, empfängt ausnahmslos die heimkehrenden Jünglinge mit einer Reihe der erlesensten Feste.
Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht enthalten, daß mir solcher Enthusiasmus aus Anlaß eines bloßen Spieles denn doch übertrieben erscheine; insbesondere äußerte ich darüber mein Erstaunen, daß Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich für Leistungen zu begeistern vermöge, die im kriegerischen Hellas von besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles unverbrüchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben könnten, als die einer harmlosen Leibesübung.
„Sehr richtig“ — bemerkte David — „nur daß die Tüchtigkeit in diesen harmlosen Leibesübungen es eben ist, was uns Freiländern die Unverbrüchlichkeit des Friedens verbürgt, dessen wir uns zu erfreuen haben. Wir besitzen keinerlei militärische Einrichtungen und wären, wenn wir uns nicht auf unsere Überlegenheiten in allem, was körperliche Kraft und Gewandtheit betrifft, verlassen könnten, die leichte Beute jedes Militärstaates, dem es nach unseren Reichtümern gelüstete.“
„Du glaubst doch nicht etwa“ — rief ich nicht ohne ein sarkastisches Lächeln — „mit euern fechtenden und schießenden Knaben und mit den Siegern eurer Isthmischen Spiele einer großen Militärmacht gewachsen zu sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europäischen Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gönnt, und mehr noch in der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefährliche Besuche vom Leibe halten. Für alle Fälle aber glaube ich, daß einige militärische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tüchtigen Miliz und insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume gar nicht in Betracht kämen, sehr heilsam wäre.“
„Wir sind anderer Ansicht“ — erklärte David. „Nicht unsere Kampfspiele, wohl aber die überlegene körperliche Tüchtigkeit, die in ihnen zu Tage tritt, sichern uns unseres Dafürhaltens vollkommen gegen jeden, selbst den mächtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im Gebrauche jeglicher Waffe bis zur höchsten Vollendung geübten Jünglinge und Männer doch nichts anderes ins Feld stellen könnte, als verkommene, ihre Waffen kaum notdürftig handhabende Proletarier. Wir glauben, daß es im Kriege weniger auf die Anzahl der Schüsse, als auf die Anzahl der Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfähigkeit der Kämpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wärest, in welcher Weise bei dem vorjährigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren Preis herausschoß, so würdest Du vielleicht zugeben, daß eine Truppe, die aus solchen, oder doch annähernd solchen Schützen gebildet wäre, keine europäische Armee zu fürchten brauchte.“
„Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europäischer Armeen verteidigen?“ fragte ich.
„Ei, eben auch durch Kanonen“, entgegnete David. „Da wir nun einmal mit diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer für körperliche Ausbildung zu fördern und zugleich Sicherheit gegen feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schießübungen auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen Gebieten hervorgethan haben, zu Geschützübungen herangezogen — was sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleißes bewährt hat. Daß Du diese Geschütze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund darin, daß der Schießplatz für dieselben ziemlich weit außerhalb des Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter diesen Übungskanonen Ungetüme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen würde. Die Jünglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so großer Vollendung in Handhabung desselben, daß sie sich meines Erachtens auch auf diesem Gebiete europäischen Gegnern ebenso überlegen erweisen würden, wie auf demjenigen des Schützenwesens. Genau dasselbe gilt von unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jünglinge und Männer handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da überdies zu Zwecken der großen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist, kraft deren aus der Mitte 2½ Millionen waffengeübter Jünglinge und Männer, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und tüchtigsten 2-300000 jederzeit verfügbar sind, so meinen wir, daß es uns ein Leichtes wäre, die größte Invasionsarmee abzuwehren — eine Gefahr, die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, daß irgend ein europäisches Volk dazu zu haben wäre, uns anzugreifen. Gegen uns gesammelte Gewehre und Kanonen dürften sich, auch ohne daß wir etwas dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen uns sinnen.“
Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere Gegenstände der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf das freiländische Erbrecht kam.
„Dürfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet. Denn hier, im Eigentum an Häusern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure allgemeinen Prinzipien über Grundbesitz Schiffbruch leiden können. Eine der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, daß Grund und Boden niemand eigentümlich gehören dürfe; Häuser aber stehen — wenn ich recht unterrichtet bin — im Privateigentum. Wie vereinbart sich das?“
„Jedermann“, so antwortete David, „verfügt für den Todesfall wie im Leben vollkommen frei über sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, daß unter den Ehegatten vollständige Gütergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, daß nur der überlebende Teil über das gemeinsame Vermögen letztwillig verfügen kann. Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr als ein Wohnhaus zu errichten. Schließlich darf das Wohnhaus nur vom Eigentümer bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen eines, wird überhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als zu Errichtung der Wohnstätte des Eigentümers verwendet, so trifft den Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch keinerlei besonderer Zwang gegen ihn geübt, die unmittelbare Folge aber ist der Verlust des ausschließlichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde. Die Baufläche wird damit zu Boden gewöhnlicher Art, an welchem es kein Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es überhaupt kein Eigentum am Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen Boden abzusondern und für sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu bestimmten Zwecken eingeräumtes Nutznießungsrecht. Gleichwie z. B. der Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber, um dort seine Gepäckstücke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere zu überlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem ich mein Heim gründen will, durch bloße Occupation für mich zu reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum für zwei vorhanden wäre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf meinem Polster guten Freunden ein Plätzchen neben mir einzuräumen, denn die Mitreisenden brauchen sich die dadurch für sie erwachsenden Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie können dagegen protestieren, daß die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu nahe kommen und daß der nur für eine bestimmte Personenzahl berechnete Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meine Hausnachbarn nicht gefallen zu lassen, daß ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den Leib rücken und daß ich eigenmächtig den Luftraum einer Stadt dichter fülle, als dem allgemeinen Übereinkommen entspricht.
„Nun habe ich aber in Ausübung meines mir auf eine bestimmte Bodenparzelle eingeräumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht bloß Nutzungs-, sondern Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nämlich. Daraus ziehen wir die Konsequenz, daß mein Nutzungsrecht auf denjenigen übergeht, dem ich — sei es entgeltlich oder unentgeltlich — das Eigentumsrecht an meinem Hause überlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben, verschenken, ohne daß ich daran durch den Umstand gehindert würde, daß mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht.“
18. Kapitel.
Edenthal, 6. August.
Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen Geschäftsträger die freiländische Centralbank, deren allumfassendes und gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhältnismäßig so überaus einfaches Clearingsystem die höchste Bewunderung der sachverständigen beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen Barbeträgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland überhaupt das Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wäre, da man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d. h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies würde — so glaube er — auch der gesamten socialen Ordnung Freilands weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage allen Wertes sei.
„Das ist“, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, „eine von Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich auf einer Verwechslung des Wertmaßes mit der Quelle des Einkommens. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen mit ihrer Hülfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begründen dies aber nicht durch die unwahre Behauptung, daß Arbeit die einzige Quelle des Wertes dieser Erträge sei, sondern dadurch, daß wir behaupten, der Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nämlich Kapital und Naturstoffe oder -Kräfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wertquelle und der einzige Wertbestandteil wäre, ist sie doch der denkbar schlechteste Wertmaßstab, denn sie ist unter allen Dingen, die überhaupt Wert besitzen, jenes, dessen Wert den größten Veränderungen ausgesetzt ist. Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit wächst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich fortlaufend in eine größere Menge aller erdenklichen anderen Werte um. Daß der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerüstet, gut oder schlecht angewendet wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdings alle Arbeitskraft möglichst gut ausgerüstet und verwendet, weil eben die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d. h. die höchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und verläßlicher Maßstab erst recht vonnöten, an welchem der Wert der durch Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Daß die auf Schuhwaren und auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, daß die in der gleichen Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Körnerfrüchte und Eisenwaren gleichen Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern bloß die mit einer an sich wertbeständigen Sache anzeigen kann. Würden wir die in gleicher Zeit erzeugten Dinge schon deshalb allein für gleichwertig halten, weil sie eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so würden wir sehr bald dahin gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafür aber Mangel an Gespinst zu leiden, und wir könnten unbekümmert um die Überfülle von Eisenwaren deren Erzeugung steigern, während vielleicht alle verfügbaren Hände erforderlich wären, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen. Mit dem Arbeitstage als Wertmaß vermöchte — wenn er aus anderen Gründen nicht unmöglich wäre — nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die Herstellung des richtigen Wechselverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage nicht dem freien Verkehre überläßt, sondern von Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverständlich nur in der Weise zu Wege bringt, daß er Niemand fragt, was er genießen und was er arbeiten will, vielmehr Genuß und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen vorschreibt.
„Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nämlich absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen notwendiger als irgendwer ein möglichst genaues, verläßliches Wertmaß, das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber möglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses möglichst beste, möglichst wertkonstante Maß nun hat die Kulturwelt mit Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles, sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der Nachfrage zur Verfügung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die gewaltigsten Veränderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die Wagschale fallen. Während eine gute oder schlechte Weizenernte von ausschlaggebender Bedeutung für den jeweiligen Weizenwert ist, weil die alten Weizenvorräte im Verhältnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von nebensächlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so großen Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhältnismäßig unberührt, weil die alten Goldvorräte für alle Fälle ganz außerordentlich größer sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen Jahres. Alle Goldminen der Welt könnten mit einem Schlage vollständig versiegen, ohne daß dies auf die Menge des verfügbaren Goldes sofort von sonderlichem Einflusse wäre, während eine einzige allgemeine Getreidemißernte fürchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und unvermeidlichen Folge hätte. Dies also ist der Grund, warum Gold der bestmögliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmaßstab ist. Die Arbeitszeit aber wäre unter allen denkbaren der schlechteste Wertmaßstab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig wertgleich, noch behält die Arbeitszeit im allgemeinen unveränderten Wert, vielmehr wächst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden.“
Wir waren alle überzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Freiländer denn doch eine Reihe von Leistungen nach Arbeitsäquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem Vater die treffende Antwort, daß dies nach allem bisher Gehörten nur dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel laufende Erhöhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und Versorgungsansprüche sollen steigen, wenn der Ertrag von Arbeit und damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Maße, wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach Arbeitsäquivalenten bemessen.
Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch’ weitgehende, alles durchdringende Offenheit und Übersichtlichkeit zufolge der durch die Bank geübten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhältnisse in allen pekuniären Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder sich noch andere über seine Mittel täuschen und eine der in socialer Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, daß es Niemand beifällt, durch ungehörigen Aufwand glänzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur zu häufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicher darzustellen, als man thatsächlich ist; ein solcher Versuch könnte hier zu Lande nur Lächeln erwecken. Doch auch wer aus übertriebenem Hange zu Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermöchte dies nicht, da die Bank zu solchen Zwecken natürlich keine Kredite gewährt, und ohne diese der Verschwender geradezu auf die Mildthätigkeit seiner Mitbürger angewiesen wäre, um seinem Hange zu fröhnen. Die Höhe aller Einnahmen und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt weiß, was jedermann hat und woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen Erwerbszweig zu ergreifen, so können Unterschiede des Einkommens auch Niemandes Neid erwecken.
Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten, unvermeidlichen Willkür keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden Prinzipe der unbeschränkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitserträge ergebe. „Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde höher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskräfte insolange zur Weberei übergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts Ihrer Institutionen offenbar nur daher rühren, daß die Arbeit in diesem ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die höhere, seltenere Kenntnisse oder Fähigkeiten erfordernde ist; Niemand kann sich über die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu bewunderungswürdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte handelt, muß doch diese Gleichheit aufhören. Sie als Chef eines Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter bloß 600 Pfund; woher wissen Sie, daß letzterer sich darob nicht benachteiligt fühlt?“
„Wenn Sie, Mylord“, — meinte lächelnd Herr Clark — „darunter verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurch von der Natur benachteiligt fühlt, daß er außer stande ist, gleich mir 1400 Pfund jährlich zu verdienen, so muß ich Ihnen antworten, daß ich darüber thatsächlich bloß Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze; wenn Sie aber meinen, daß dieser mein Nachbar oder sonst jemand in Freiland in diesem meinem höheren Gehalte einen mir durch behördliche Willkür oder Gunst der Wähler zugewendeten, möglicherweise auch überflüssigen Vorteil erblicken könnte, so kann ich dies entschieden bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflösung gerade so das Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darüber entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkende Einrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener Körperschaften, von denen meine Wahl abhängt; mit welchem Gehalte jedoch mein Amt bedacht werden muß, damit geeignete, oder sagen wir als geeignet geltende Männer für dasselbe sich finden, das regelt sich genau nach den nämlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jüngsten Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freiländischen Verwaltungszweige. Die Ernennungen hängen überall vom freien Ermessen der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und Wahlkollegien müssen die Gehalte so bestimmen, daß jederzeit eine genügende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natürlich kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen; es gilt als Grundsatz, daß die Gehalte stets so bemessen sein müssen, daß eher ein kleiner Überfluß als ein Mangel an Bewerbern sich einstelle; aber wenn der Überfluß ein gewisses Maß übersteigt, so reduziert man eben die Gehalte, während bei drohendem Mangel an Bewerbern mit Gehalterhöhungen vorgegangen würde. Als selbstverständlich will ich hier bloß einschalten, daß unter abgewiesenen Bewerbern in Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern bloß Neigungs-, allenfalls auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verläßt man ein Amt, wenn anderwärts lohnendere oder angenehmere Beschäftigung winkt. Die Staatsämter werden auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch hier höheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen Gewerben. Und während der Arbeitsertrag gewöhnlicher Handarbeit das Richtmaß der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der oberen Stellen zurück. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte Erfahrung wiederholt, daß der Reiz mit öffentlicher Thätigkeit verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezüge hinabdrückt, welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind. Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz ein verhältnismäßiges — beileibe kein absolutes — Sinken der obersten Gehalte überall geltend. Aber während die Direktoren einzelner großer Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen, erhalten die obersten Chefs der freiländischen Centralverwaltung derzeit nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns unablässig beantragten Ermäßigung der oberen Gehalte ebenso unablässig zähen Widerstand entgegensetzen und sich nur zögernd und widerwillig dazu verstehen. Um gerecht zu sein, muß man übrigens hinzufügen, daß sich bei den Associationen das nämliche Spiel wiederholt. Die Direktoren würden sich mit weit geringeren Gehalten begnügen, und von oben ausgehende Anträge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenäquivalente so sehr gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende Formeln geworden. Ich wiederhole, daß diese Reduktion immer nur verhältnismäßig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenäquivalenten zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren vervierfacht; wer also, wie z. B. wir öffentlichen Verwaltungschefs, um 28 Procent weniger Stundenwerte erhält, als ursprünglich, dessen Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen Gehaltermäßigung nichts wissen. Sie besorgen, daß trotz aller von ihren Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezügen zu begnügen, denn doch der eine oder andere sich von einer konkurrierenden, höhere Bezüge zahlenden Gesellschaft ihnen werde abspenstig machen lassen, und da thatsächlich angesichts der Riesensummen, die solch eine große Association im Jahre umsetzt, einige hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwärts. Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen höchstem und geringstem Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage auch in den höheren, besondere Fähigkeiten voraussetzenden Berufen stets näher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte Menschheit und dem damit verknüpften gänzlichen Verschwinden ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden dürfte, so ist es unsere Meinung, daß auch die Unterschiede der Gehalte gänzlich verschwinden, oder doch auf ein Minimum sinken werden.“
Lord Elgin dankte für diese Aufklärung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit einer weitaus wichtigeren Frage hervor. „Was mir bei Besichtigung des bewältigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders aufgefallen ist“, meinte er, „und worüber ich mir noch immer keine volle Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkür und kommunistische Einrichtungen möglich ist, Kapitalien und zwar so ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen, ohne daß Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Daß der Zins die notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten für die „Entbehrungen“ sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber ich hielt ihn für den Tribut, den man dem Sparer dafür zahlen müsse, daß seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgeübt werden müßte. Was ich nun endlich wissen möchte, wäre eine genaue Darlegung der Gründe, die Sie veranlaßten, den Kapitalzins zu verbieten. Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, daß es Unrecht sei, dem Sparer einen Anteil an den Früchten seiner Sparsamkeit zu gönnen?“
„Diese Ansicht teilen wir nicht“, war des Direktors Antwort. „Aber zunächst muß ich konstatieren, daß Sie von einer ganz falschen Voraussetzung ausgehen. Wir verbieten den Kapitalzins ebenso wenig, als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente „verbieten“. Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande bloß aus dem Grunde nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu müssen. Niemand wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik eröffnen und zu deren Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings müßten Sie diesen erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die Arbeit trägt, und zum zweiten würde es trotzdem fraglich sein, ob Sie überhaupt Leute fänden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. Ähnlich verhält es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden — sofern er nicht zu Wohnstätten, sondern als Produktionsmittel dient — gänzlich herrenlos, frei gleich der Luft; er gehört weder Einzelnen, noch Vielen; Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfällt natürlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins für die Benutzung des Bodens; aber ein „Verbot“ wird man hier vergeblich suchen. Darin, daß ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten, liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, daß mir „verboten“ ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun, Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend, die atmosphärische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung solcher Prätensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie dürfen nur nicht künstlich hervorgerufen und unterstützt werden, dann unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag zu belegen, damit er bebaut werden könne. Das Zaubermittel aber, welches uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in die Haare zu geraten, ist das nämliche, welches uns auch zur Produktion ohne Arbeitgeber befähigte: die freie Association.
„Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt, weil Jedermann zinsloses Kapital in Hülle zur Verfügung steht. Nun fragen Sie aber, ob in dieser Verfügung über die Ersparnisse der Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedürftigen kein Unrecht liege? Ob das nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, daß hier die Sache nicht so einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins wird nämlich für eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich unterscheidet. Während nämlich die wirtschaftliche Leistung der beiden Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines Herrschaftsverhältnisses besteht, welches überflüssig wird in dem Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden Knechten in frei vergesellschaftete Männer verwandelt haben, bietet der Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umständen dessen Thätigkeit befruchtet. Und während ohne weiteres ersichtlich ist, daß mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und Grundrentner nicht bloß überflüssig, sondern geradezu gegenstandlos werden, könnte bezüglich des Kapitalisten, des Besitzers von Ersparnissen, sogar behauptet werden, daß gerade die freie Gesellschaft in unendlich höherem Maße auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete, weil sie viel mehr Kapital verwenden könne und müsse, als diese. Die zur Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmäßig auf alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten, die zufällig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir ersteren für die ihnen aufgenötigte Sparsamkeit?
„Und doch liegt die Antwort nahe genug. In der ausbeuterischen Gesellschaft hat allerdings der Gläubiger nicht den geringsten Vorteil von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nämlichen wie dieser. Wo — wie bei uns — jeder Produktionsvorteil sich gleichmäßig auf Alle verteilen muß, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon — bei uns — genau den nämlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank unseren Institutionen überträgt sich die in welcher Produktion immer erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und Produktionsarten.
„Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegründetes Gemeinwesen seine Mitglieder überhaupt zur Sparsamkeit zwingen könne, so ist die Antwort, daß solcher Zwang in Wahrheit gar nicht geübt wird. Die Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch Jedermann nur nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun Niemand gezwungen; so weit er aber thatsächlich arbeitet, nimmt er ja die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte volles Genüge.
„Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nämliche, was bezüglich des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fähigkeit der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will: Zins, Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne losgelöstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und unteilbaren Arbeitsertrage.“
Und damit gute Nacht für heute.
19. Kapitel.
Edenthal, den 11. August.
Die Mitteilungen und Aufklärungen des Direktors der freiländischen Centralbank beschäftigten meinen Vater und mich noch lange aufs lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney’schen Hauses zählende hohe Funktionär für den nächsten Tag dort speiste, so bewegte sich das Tischgespräch um verwandte Themata. Zunächst wurde von meinem Vater die Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freiländische Gemeinwesen der Gefahr von Krisen begegnet, die seines Erachtens hier viel verhängnisvoller sein müßten als irgend anderwärts.
„Krisen welcher Art immer — war die Antwort — müßten allerdings den ganzen Komplex der freiländischen Institutionen geradezu in die Luft sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmöglich, die Quelle, aus welcher sie anderwärts entspringen, ist verschüttet. Denn die Ursache aller Krisen, sie mögen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heißen, liegt einzig in der Überproduktion, d. h. in dem Mißverhältnisse zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Mißverhältnis existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten, ausbeuterischen Welt die Nationalökonomen, es gebe gar keine wirkliche Überproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten, denn, so führten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein Bedürfnis dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach ausgeschlossen, daß jemals mehr Güter erzeugt, als gebraucht werden könnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist gleichgültig, irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher niemals die Frage sein, ob überhaupt, sondern allemal nur, welche Art von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings möglich, daß damit der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im Verhältnisse der gebotenen Möglichkeit der Produktionssteigerung wachse, denn daß die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies nur allemal rechtzeitig vorher wüßte und die Produktion darauf einrichten könnte, so sollte es niemals eine Störung des Tauschverhältnisses der einzelnen Güterarten geben. Also nicht aus einem Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Mißverhältnisse zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus vorübergehenden Störungen des richtigen Verhältnisses zwischen den einzelnen Produktionen erklärt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem sie noch hinzufügt, daß angesichts des in der ganzen Welt herrschenden Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.
„Bei dieser, im übrigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist nur Eines vergessen worden, nämlich die Grundeinrichtung der gesamten ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem Bedarfe reden zu müssen; wo aber die ungeheure Majorität der Menschen kein Anrecht auf die Früchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser Widersinn eine fürchterliche Bedeutung. Was nützt es dem darbenden Arbeiter, daß er ganz vortreffliche und überaus dringende Verwendung für jene Produkte wüßte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm gehören? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die landwirtschaftlichen Arbeiter wären, denen das Verfügungsrecht über das mehr erzeugte Getreide zustünde, so würden sie allerdings mehr oder feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren; mit einem anderen Teile würden sie verstärkte Nachfrage nach Kleidern, mit einem dritten Teile ebenso verstärkte Nachfrage nach Werkzeugen hervorrufen, die ja notwendig wären, um das Mehr an Getreide und Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier würde es sich wirklich bloß darum handeln, das richtige Verhältnis zwischen Weizen-, Kleider- und Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende Vermehrung allerdings gestört wäre, wieder herzustellen, und vermehrte Produktion, gesteigerter Wohlstand für Alle, wäre nach vorübergehenden Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehört, da diese für alle Fälle nur das zur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so können sie infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstücke verbrauchen, und da dies nicht der Fall ist, so kann auch kein verstärkter Bedarf nach Werkzeugen zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen.“
„Aber — so wendete ich ein — damit, daß den Arbeitern der Mehrertrag der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht herrenlos; er gehört den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen, die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedürfnisses verwenden wollen; die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals — so sollte man meinen — wird es unmöglich sein, daß ein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einträte. Nur werden es allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion werfen muß, um das gestörte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige herzustellen. Gehörte der Mehrertrag den Arbeitern, so würde man mehr Getreide, ordinäre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen Arbeitgebern gehört, so wird sich die Nachfrage bloß bei feinen Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.“
„Vortrefflich!“ mengte sich hier David in das Gespräch, „nur daß die Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der „Arbeitgeber“, wie wir gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles kapitalisiert.“
„Desto besser!“ meinte ich, „desto rascher kann der Reichtum zunehmen, denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.“
„Herrlich!“ rief David. „Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h. mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide — folglich bauen wir neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe — folglich errichten wir neue Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?“
Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des menschlichen Fleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann einleuchten.
„Aber was geschieht — um des Himmels willen — mit der solcherart bei uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?“ fragte ich weiter. „Wir sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht kennt; wo also — ich wiederhole es — liegt der unermeßliche Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?“
„In der Ausrüstung der Arbeitskräfte“, war die Antwort. „Wir Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt. Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene Erfindung einzig dienen — nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht, oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.“
Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. „Unglaublich! Schrecklich!“ murmelte er, nur mir verständlich.
Herr Clark aber fuhr fort: „Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog. klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglich sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel von einzelnen Dingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem einen Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen. Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes Etablissement verunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa als Bankerott vorstellen — wie sollen Unternehmer bankerottieren, die weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt — sondern schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe — was kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.“
„Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die entsprechende Verwendung fehlt?“ fragte ich.
„Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren. In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse wieder her.“
Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu begleiten, wo heute das Fachparlament für öffentliche Arbeiten eine Nachtsitzung halten werde, um über ein von ihm vorgelegtes großes Kanalprojekt sich schlüssig zu machen. Er glaube, daß der Gegenstand auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.
Das Fachparlament für öffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern; die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war, erklärte, Direktoren großer Associationen, insbesondere der das Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer Hochschulen und andere Fachmänner in demselben. Laien, die von öffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Körperschaft nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, daß dieselbe die Blüte und Quintessenz des technischen Wissens und Könnens von ganz Freiland in sich schließt.
Das Projekt, welches gegenwärtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal, Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer für Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstraße vom Tanganika über den Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das Mittelländische Meer einerseits und von der Kongomündung den Kongo aufwärts über den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Benützung einiger kleinerer Ströme über den Baringosee an den Unterlauf des Dana und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege, deren einer die großen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere, der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete — dem des Kongostaates und Ägyptens — durchgeführt werden mußte, so waren Verträge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle notwendigen Rechte einräumten. Die Bereitwilligkeit der fremden Regierungen, auf die Wünsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird man begreiflich finden, wenn man erwägt, daß Freiland keinerlei Gebühr für die Benutzung seiner Kanäle einzuheben, den Nachbarn also ein freies Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung übergeben werden sollte. Die englische Regierung, welcher der größte Teil der Kanalaktien gehörte, war den Freiländern mit weitgehender Liberalität entgegengekommen; sie überließ ihnen ihre Aktien zu einem sehr mäßigen Preise, so daß diese es nur mit den kleineren Aktionären zu thun hatten, welche allerdings die Situation weidlich auszunützen verstanden. Die britische Regierung verlangte Sicherheit für die unantastbare Neutralität des Kanals und förderte im übrigen das Unternehmen nach Kräften.
Die präliminierten Kosten waren die folgenden:
Süd-Nordkanal (Gesamtlänge 6250 Kilometer) 385 Mill. Pfund,
Ost-Westkanal (Gesamtlänge 5460 Kilometer) 412 Mill. Pfund,
Suez-Kanal (für Ankauf und Erweiterung) 280 Mill. Pfund.
Zusammen 1077 Mill. Pfund.
Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so daß im Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den bisherigen Erfahrungen glaubte die freiländische Verwaltung darauf rechnen zu dürfen, daß die jährlichen Gesamteinkünfte des Landes sich im Laufe der nächsten sechs Jahre von 7 Milliarden — ihrem vorjährigen Stande — successive auf mindestens 10½ Milliarden steigern und 8½ Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen würden; der Bauaufwand beanspruchte also bloß 2⅛ Prozent des zu erwartenden Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne daß eine Erhöhung der auf dieses Einkommen gelegten öffentlichen Abgaben über ihr normales Maß erforderlich gewesen wäre. Dem Kostenvoranschlage waren die detaillierten Baupläne beigelegt, desgleichen eine Rentabilitätsberechnung, nach welcher die Kanäle schon im ersten Jahre ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefähr 30 Jahren sich bezahlt machen würden; außerdem aber sollten diese künstlichen Wasserstraßen teilweise auch als Be- und Entwässerungskanäle dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund im Jahresdurchschnitte berechnet, so daß die Kosten der sämtlichen Anlagen binnen längstens 14 Jahren getilgt sein mußten, wobei überall bloß der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit eingeräumte Nutzen in Rechnung gestellt war.
Da die sämtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Händen des Fachparlamentes und von diesem sorgfältig studiert worden waren, so ging dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich der Hauptsache nach bloß um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht möglich wäre, die Bauzeit zu verkürzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls tracierte und mit allen Detailplänen vorgelegte Alternativlinie der von der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wäre. In ersterer Beziehung stellte sich heraus, daß durch ein von gewiegten Fachmännern vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatsächlich ein halbes Jahr Bauzeit erspart werden könnte; es wurde also beschlossen, dem entsprechend vorzugehen; bezüglich der zu wählenden Trace dagegen entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend gemachten Gründe einstimmig für den Plan der Centralverwaltung. Die ganze Debatte währte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte die Verwaltung die Ermächtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas mehr als die Anlagekosten sämtlicher Kanäle der übrigen civilisierten Welt betragen, binnen 5½ Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren, aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade südlich vom Äquator eindringen und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebührenfrei und ohne jeden Aufenthalt zurücklegen könnten.
Ich war von all dem geradezu konsterniert. „Wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, das Wort ‚unmöglich‘ hier aus meinem Wörtervorrate zu streichen, so würde ich es jetzt anwenden“, meinte ich auf dem Heimwege Herrn Ney gegenüber. Bemerken will ich noch, daß in den freiländischen Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt werden, so daß ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur Annahme gelangten Projektes oberflächlich einzusehen. Du weißt, daß ich von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den Plänen zu entnehmen, daß die beiden Binnenschiffahrtkanäle mehrere Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun zufällig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei unseren Ausflügen erst kürzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner Schätzung nach mindestens 500 Meter über die Kanalsohle; ich fragte nun Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege für Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwärts klimmen wolle; das sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausführbar.
„Natürlich!“ gab dieser lächelnd zu. „Wenn Sie jedoch die Detailpläne genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, daß wir solche Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleußen übersteigen, sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels unterfahren.“
Jetzt blickte ich ihn aber erst recht ungläubig an und auch mein Vater machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.
„Was finden Sie daran gar so merkwürdiges, meine werten Gäste? Warum soll bei Kanälen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer noch viel leichter über Berg und Thal zu führen wären, schon so lange und in so ausgedehntem Maße geübt wird?“ fragte Herr Ney. „Unsere Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit, ersparen, so sind sie für unsere Verhältnisse überaus praktisch. Zudem hatten wir ja in zahlreichen Fällen keine andere Wahl, als die Kanäle fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser größter Durchbruch — er verknüpft das Flußgebiet des Ukerewe mit dem des Indischen Oceans — geht in einer Länge von 17 Kilometern 1200 Meter unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind übrigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es — wie Sie wissen — einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur können sie sich allerdings weder an Längenentwicklung noch an Mächtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen große Oceanfahrer — mit zurückgelegten Masten natürlich — durch die Eingeweide ganzer Gebirgszüge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber bedenken Sie doch, daß jede Stunde Zeitgewinn eines freiländischen Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an Wert gewinnt.“
„Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich möchte fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert wurde, als handle es sich um die nächstbeste Kleinigkeit“, meinte mein Vater. „Ich will der Ehrenhaftigkeit sämtlicher Mitglieder Ihres Fachparlamentes für öffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber verschweigen kann ich nicht, daß mir die ganze Versammlung den Eindruck machte, als verspräche sie sich den größten persönlichen Vorteil aus der möglichst raschen und großartigen Durchführung des Werkes.“
„Dieser Eindruck war auch ganz der richtige“, gab Herr Ney zur Antwort. „Doch bitte ich hinzuzufügen, daß jeder Bewohner Freilands genau den nämlichen persönlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses Kanalprojekts ziehen muß und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns jene Solidarität der Interessen Wahrheit ist, von welcher man außerhalb Freilands fälschlich spricht, nur deshalb können wir so ungeheure Summen für jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, daß ihr Nutzen den Kostenaufwand überragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die Ertragsfähigkeit weiter Landstrecken erhöht, so dociert Ihre Schulökonomie zwar auch, daß er den Wohlstand Aller befördere; richtig ist dies aber nur für die Besitzer der betreffenden Grundstücke, während den großen Massen der Bevölkerung solch ein Kanal nicht das geringste nützt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstücke vielleicht geradezu schadet. Die Ermäßigung der Getreidepreise — so behaupten Ihre Staatswirte — komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie vergessen dabei die Kleinigkeit, daß der ‚Arbeitslohn‘ sich auf die Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenüber, daß die nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhöhung, welche solche öffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschädigt werden können; denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist, dem kann auf die Dauer auch nicht viel entzogen werden; ihm auferlegte Abgaben müssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den Consumenten abgewälzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentümer und Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, während andere leer ausgehen oder geradezu geschädigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur eine Unverhältnismäßigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen. 7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanäle aus Sümpfen in fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon haben, wenn dieser jungfräuliche, dicht an so vortrefflicher Wasserstraße gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jährlich mehr trägt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar jedermann gleichmäßig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermäßigung der Frachten? Etwa bloß die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraßen zum Transporte thatsächlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil, welchen sie solcherart erlangen, müssen sie, Dank der unbeschränkten Beweglichkeit unserer Arbeitskräfte, mit jedermann in ganz Freiland teilen. Wir überlassen daher mit der größten Seelenruhe die Entscheidung über derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert sind. Diese wissen am besten, was ihnen nützt, und da ihr Nutzen sich vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h. des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geöffnet, wie nur immer ihre eigene. Mögen sie nur hineingreifen — je tiefer, desto besser! Wir haben nicht zu untersuchen, wem die Investition nützt, sondern bloß, ob sie überhaupt nützlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart.“
„Wunderbar, aber wahr!“ mußte mein Vater zugeben. „Da dem aber so ist, da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidarität besteht, so ist mir hinwieder unerklärlich, warum sie die Rückzahlung jener Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen vorstreckt.“
„Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen Konsequenzen wäre“, war die Antwort. „Der eventuelle Vorteil aus derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung käme zwar auch hier Allen gleichmäßig zugute, wer aber könnte in diesem Falle dafür einstehen, ob solche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schädlich wären. Denn vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, als hereinbringt, ist schädlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen können sich in ihren Berechnungen täuschen, sie können eine Anlage für rentabel halten, die sich nachträglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung verwendete Arbeit nicht hereinbringt; die Absicht bei allen Anlagen jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen müssen ein jeder seine Anlagen bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch für die Kapitalanlagen der Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen hätte, dann läge für die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergänzung dieser Liberalität des Gemeinwesens wäre daher, daß sich dieses ein Recht der Überwachung und Bevormundung den Kapitalbedürftigen gegenüber herausnähme, welches mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wäre. Alles Gefühl der Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen müßte sich in Verhältnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wären trotz aller beengenden Willkür von Oben unvermeidlich.“
„Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer möglich“, meinte mein Vater. „Ich erbitte mir aber für einen ferneren Punkt nähere Erklärung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidarität nimmt jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen teil; dies geschieht in der Weise, daß jedermann das Recht hat, einen minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also der einzelne Produzent, respektive die einzelne Association, Verbesserungen einzuführen, da es doch viel einfacher, bequemer und gefahrloser erscheinen muß, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen erst anzuschließen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber, daß es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist keineswegs fehlt; wie erklärt sich dies? was veranlaßt Ihre Produzenten, sich Gefahren — sie mögen noch so gering sein — auszusetzen, wenn der damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden muß?“
„Sie übersehen erstlich“, entgegnete Herr Ney, „daß die Höhe des zu erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere freiländischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement, an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschätzt werden. Aber abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, daß die an den Associationen Beteiligten auch sehr lebhafte materielle Interessen am Gedeihen gerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freiländische Arbeiter besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxuriöse Heimstätten — naturgemäß meist in der Nähe der von ihnen gewählten Arbeitsstätten; sie sind in Gefahr, dieselben verlassen zu müssen, falls ihr Unternehmen sich nicht auf gleicher Höhe mit anderen erhält. Zum zweiten genießen die älteren, d. h. durch längere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten Arbeiter ein stetig wachsendes Präcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um einige Prozente höher angerechnet, als den Neueintretenden. Die Mitglieder jeder Association müssen also trotz aller Interessensolidarität sehr lebhaft darauf bedacht sein, daß ihr Etablissement nicht überflügelt werde, und da das Risiko neuer Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so kühn und mächtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um den Vorrang, nur daß dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein ingrimmiger, auf gegenseitige Schädigung abzielender Konkurrenzkampf ist.“
Es war inzwischen sehr spät geworden; mein Vater und ich hätten allerdings gerne noch längere Zeit den hochinteressanten Aufklärungen unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde nicht mißbrauchen und so trennten wir uns — was mir denn auch Anlaß giebt, von Dir, mein Luigi, für heute Abschied zu nehmen.
20. Kapitel.
Edenthal, den 16. August.
Du äußerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darüber, daß unser Gastfreund aus seinem bloß 1440 Pfund betragenden Gehalte als Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu führen, eine elegante Villa mit zwölf Wohnräumen zu bewohnen, feine Küche zu führen, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu treiben vermöge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gönnen dürfen. Die Erklärung liegt darin, daß Dank der wunderbaren Organisation von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld verschlingen, den freiländischen Haushalt überhaupt nicht belasten, da sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen früheren Briefen entnommen haben kannst, das freiländische Gemeinwesen den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich ebenfalls schon erwähnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen, Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser dagegen läßt sich die freiländische Verwaltung die Selbstkosten ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, daß beinahe jede freiländische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschönheiten des eigenen Landes gelten, teils auch — dies jedoch seltener — bis ins entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freiländer nimmt alljährlich mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen Geschäften und sucht während dieser Zeit Erholung, Vergnügen und Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie an den Gestaden der sämtlichen großen Seen wimmelt es mit Ausnahme der beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden, rudernden und segelnden Männern, Frauen und Kindern, die in vollen Zügen jegliche Lust des Reisens genießen.
Überhaupt gehört sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren Schönheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freiländer. Sie sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen an diesem ihrem köstlichsten Eigentum tritt überall zu Tage. So halte ich es z. B. für bezeichnend, daß nirgend in Freiland Bäche und Flüsse durch Abfallwässer vergiftet, nirgend malerische Berghänge durch wahllos angebrachte Steinbrüche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen die landschaftliche Schönheit zu rügen ist. Warum auch sollten diese selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen — die sie zudem sehr bald mit aller Welt teilen müßten — sich selber eines so wesentlichen Genusses berauben, wie es eine möglichst gesunde und schöne Landschaft ist? Natürlich kommt diese verständige Pflege aller landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind Straßen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prächtiger Palmen eingesäumt, deren schlanke astlose Stämme nirgend die Aussicht behindern, während ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewähren. Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim Reisen hier unter dem Äquator von Hitze und Staub weit weniger zu leiden, als im „gemäßigten“ Europa, wo während der Sommermonate eine mehrstündige Eisenbahn- oder Wagenfahrt häufig zur Tortur wird. An allen schön und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den gewaltigsten Mitteln arbeitenden Hôtel- und Vergnügungsassociationen sowohl riesige Gasthöfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack für Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden oder allein in ländlicher Zurückgezogenheit Unterkunft und allen erdenklichen Comfort finden.
Wunderst Du Dich schon über den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du erst sagen, wenn ich Dir erzähle, daß hierzulande dem Wesen nach jeder einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben einige Wohnräume weniger, die Möbel sind einfacher, statt eigene Reitpferde in den Ställen der Transportassociation zu halten, werden Mietpferde benützt, auf Kunstgegenstände, Bücher und zu wohlthätigen Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhnlicher Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samt seiner reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten 7 Wohnräume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die „Ziehtöchter“ fehlen — nebenbei bemerkt — in seinem Hause nicht, denn auch seine Gattin genießt — und, wie ich hinzufügen will, nicht mit Unrecht — den Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das große Haus, sondern die bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, daß solch ein Phönix von Frau Gattin eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters ist, so bedenke, daß freiländische Arbeiter etwas anderes sind, als europäische. Gediegene Mittelschulbildung genießt hier alle Welt, und daß ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder dergl. wird, hat darin seinen Grund, daß er eben keinerlei hervorragende geistige Fähigkeiten in sich entdeckt oder vermutet. Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der Minderbefähigte angesichts der Konkurrenz aller wirklich Befähigten unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen, wo nur eine verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat, gewährt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen können eben nicht alle talentiert sein — so wenig als die Armen alle es sind; da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern — von Ausnahmen, die ja überall vorkommen, muß dabei natürlich abgesehen werden — bloß aus der kleinen Menge von Söhnen reicher Familien decken, so kommen bei uns — günstig gerechnet — auf je einen fähigen Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf decken können, höchstens die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverständlich unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchen die Freiländer bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger, als die unsrigen, aber unsere Unfähigsten — unter den Studierenden — sind viel, viel unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten. Was bei uns noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z. B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner „Leuchte der Wissenschaft“ oder „Zierde des Barreau“ gebracht, doch ein ganz annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wäre er immerhin geworden. Hier aber mußte er — nach absolvierten Mittelschulen — gewissenhafter mit seinen geistigen Fähigkeiten zu Rate zu gehen und gelangte dabei zu dem Resultate, daß es ersprießlicher für ihn sei, ein tüchtiger Fabrikwerkführer, als ein mittelmäßiger Lehrer oder Beamter zu werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger — vielleicht allzustrenger — Selbstprüfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich zu degradieren, denn in Freiland schändet Handarbeit wirklich nicht, zum Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird, jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lügen ist, mit denen wir uns selber hinters Licht zu führen versuchen. Arbeit ist bei uns — trotz aller demokratischen Redensarten — ganz im Allgemeinen eine Schande, denn der Arbeitende ist ein höriger Mann, ein ausgebeuteter Knecht, er hat einen Herrn über sich, der ihn kommandiert, für sich ausnützt gleich dem arbeitenden Tiere — keine Moraltheorie der Welt wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du bloß einmal gesellige Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß Personen des gleichen Interessenkreises sich zunächst aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefaßt werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wäre. Das allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so verbreitet, daß Gelehrte, Künstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten geistigen und gemütlichen Berührungspunkte auch mit Fabrik- oder Feldarbeitern finden.
Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchführen läßt. Der Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter den Handarbeitern ungezählte Tausende, die ursprünglich einen anderen Beruf gewählt und die für diesen erforderlichen höheren Studien absolviert hatten, dann aber — sei es, weil ihre geistigen Fähigkeiten sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre Geschmacksrichtung wechselte — die Feder mit dem Werkzeug vertauschten. So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt niedergelegt und sich der Gärtnerei gewidmet, weil er fand, daß dieser ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie abziehe, als die ärztliche Thätigkeit. Um sich als Astronom zu ernähren, dazu reichten seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, und da ihm einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu plötzlich des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor, seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des Nachts ungestört seinen lieben Sternen nachzuspüren. Ein anderer Mann, den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrière als Bankbeamter mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die sitzende Thätigkeit nicht behagte; er wäre wiederholt schon von den Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewählt worden, lehnte aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht überwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr groß, die irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen ausschließliche Kopfarbeit, daß sich die sämtlichen höheren Berufe, ja sogar die öffentlichen Ämter darauf einrichten mußten, ihren Angehörigen zeitweilig körperliche Berufsthätigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das Recht, außer den der Erholung gegönnten zweimonatlichen Ferien auch noch beliebigen Urlaub von längerer oder kürzerer Dauer zu verlangen und die Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthätigkeit auszufüllen. Natürlich wird diese außerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug gebracht, was jedoch die weitaus größere Hälfte all’ dieser Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer, Gärtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthätigkeit zu erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare- oder Baringo-Distrikts; er hat — wie er mir erzählte — bis jetzt den Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von Elmeteita.
Angesichts dieser allgemeinen und durchgängigen wechselseitigen Durchdringung von gewöhnlichster körperlicher und höchster geistiger Thätigkeit kann selbstverständlich von irgendwelchen Standes- oder Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind gerade so geachtete, selbstbewußte Gentlemen, wie die Gelehrten, Künstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die Geistesrichtungen harmonieren.
Insbesondere aber sind die Frauen — anderwärts die hauptsächlichen Vertreterinnen aristokratischer Absonderung — hierzulande Förderinnen vollständiger Verschmelzung aller Bevölkerungsschichten. Die freiländische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe ethischer und geistiger Bildung. Losgelöst von jeglicher materiellen Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr Verständnis für alles Gute und Erhabene zu schärfen. Da sie sich der entwürdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernährer zu suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der äußeren Lebensstellung des Mannes abhängig ist, so fehlt ihr jener exklusive Hochmut, der überall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzüge fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stände bei uns daheim meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glücke minder begünstigten Schwestern gegenüber, weil sie des instinktiven Gefühls nicht ledig werden, daß diese sehr gut ihren Platz ausfüllen und sie selber mitunter in deren dienende Stelle passen würden, wenn sie die Ehegatten vertauscht hätten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die europäische „Dame“ wirklich höheren ethischen und geistigen Wert besitzt, so muß sie sich doch sagen, daß ihre Stellung im Urteile der Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und Stellung des Mannes abhänge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut jede Andere auf den erborgten Thron hätte setzen können. Schopenhauer hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche Gewerbe: die Männerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu Grunde liegt. Nur vergißt er hinzuzufügen, oder vielmehr er weiß wohl selber nicht, daß dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem Spotte gegeißelte Gewerbe mit all seinen häßlichen Folgeübeln ihnen durch ihre Rechtlosigkeit aufgenötigt und keineswegs mit ihrer Natur untrennbar verknüpft ist.
Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen konnte, ohne sich in der hiesigen „Gesellschaft“ das Geringste zu vergeben.
Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird. Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die Natur des Zaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.
Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher, daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag, welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt, ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen, noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht beeinträchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz verleiht.
Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten — Betrunkenen. Wir — d. h. mein Vater und ich — hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten, fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine Abenteuer. „Denke nur,“ rief er mir zu, „Madame behauptet, wir könnten uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr Freiländer“ — so wandte er sich nun an David — „seid doch sicherlich keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute, diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein klein wenig über den Durst tränket?“
„Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen, obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist, als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.“
„Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch nicht gar so sehr Wunder,“ entgegnete mein Vater. „Aber ihre verehrte Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat dem Trunke — und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung — keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher Enthaltsamkeit zu befleißigen?“