Zweites Buch
Reading edition
Erstes Kapitel
Um die Menschen ist es manchmal wie um Schachfiguren. Ein Spiel ist vorbei, und das Leben stellt die Figuren zu einem neuen Spiele auf. Jahrelang ist es vielleicht, als erlebten sie Großes, aber ihre Schicksale waren nur Schein, Ereignisse ohne Beziehungen, und darum ohne Bedeutung, Erlebnisse ohne Ausstrahlung, Schicksale ohne Widerhall an andern Menschenschicksalen. Dann eines Tages beginnt das neue Spiel, und die Fäden neuer Glücks- und Unglücksgewebe spinnen sich zwischen den Menschen.
Was seit den letzten Jahren mit den Menschen vorgegangen ist, die uns in dieser Erzählung nähergetreten sind, war die Aufstellung zu einem neuen Spiel auf dem Schachbrett des Lebens.
Fenn Kaß und Putty Heinen hatten ihre drei Jahre im Seminar in der unheimlichen Ruhe verbracht, in der geistliche Seminaristen diese dunkle Durchgangszeit vom Triebleben der Jugend zum pflichtbeherrschten Berufsdasein zu verbringen scheinen – denn nach außen wird von den Kämpfen, deren Zeuginnen die Zellenwände jener Anstalt sind, nichts laut.
Fritz Lampert hatte in Brebach die Mühle seines Onkels übernommen, nachdem ein ungebärdiges Pferd dem alten Hagestolz, der es eigensinnig zähmen wollte, den Schädel eingetreten hatte. In dem neuen Lampertshaus in Brebach aber, das sich über den Trümmern des alten aufzubauen versuchte, waltete als Hausfrau die frühere Lehrerin „Brauns Marjänni“.
Es war keine erfreuliche Sache, wieso das gekommen war. Schon als Lehramtskandidatin und dann als angehende Lehrerin in Brebach, wo Fritz durch seinen Einfluß ihr die Stelle hatte verschaffen helfen, war Marjänni im Hause des Jugendgespielen häufig zu Gaste gewesen. Erst besuchte sie Fritz in Begleitung einer Verwandten, dann geschah es immer öfter, daß sie in Brebach spät abends weit um die Gärten herumschlich und bei Fritz zur Ucht ging, oder daß er auf ein Stündchen in ihre Stube im ersten Stock der Mädchenschule kam. Dann spielten sie „Mühlchen“ oder Sechsundsechzig, tranken einen mit Nußschalen angesetzten süßen Schnaps und redeten von den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatten einander nicht eigentlich lieb. Es war die süße Angewöhnung, die sie einander in die Arme führte. Marjänni machte gerade die leidige Prüfungszeit der jungen Lehrerinnen durch, in der die armen Dinger zwischen Pfarrer und Bürgermeister, diesem und jenem einflußreichen Bauern und seiner Bäuerin, der Pfarrersköchin und sonst einer gottesfürchtigen Seele nicht mehr wissen, wie der rechte Pfad geht und ganze Abende voll Herzeleid verlassen daheim sitzen. Da war Fritz Lampert derjenige gewesen, der in solchen Augenblicken der Hilflosen Stärke und Stütze vortäuschte, und sie war ihm in Erlösungsfreude und Vergeltungsbedürfnis anheimgefallen. Acht Tage lang hatten sie sich gemieden nach jener Nacht. Dann trieben ihn die hungrigen Sinne wieder ihr zu. In ihr aber hatte der Ordnungssinn und Haushaltungstrieb der Frau, die in ihrem Leben wie in ihrem Wäscheschrank Ordnung halten will, wieder die Oberhand gewonnen, und sie hatte Fritz mit Fasten und Milde dahin gebracht, daß er ihrem Verhältnis rechtzeitig die standesamtliche Sanktion gab. Und so war sie zu Ostern in der Lampertsmühle die schöne Müllerin geworden, und schon um Mariä Himmelfahrt war der Hochzeit die Taufe gefolgt.
Ungefähr um dieselbe Zeit, da in Brebach der kleine Stammhalter des Hauses Lampert über die Taufe gehoben wurde, zog der Jugendfreund seiner Mutter, Fenn Kaß, als wohlbestallter Kaplan mit seiner Mutter und dem alten Wöllem ins Dorf und wurde von Feuerwehr und Gesangverein, von männlicher und weiblicher Jugend festlich empfangen und nach Gebühr und Überlieferung geehrt.
Sein Pfarrer, Herr Brendel, hatte die dünnen, geschlossenen Lippen in die Breite gezogen und ihm eine magere, blutleere Hand mit schwarzgeränderten Fingernägeln zum Gruße gereicht. Er hatte dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß sie in segensreichem Wirken mit Gottes Hilfe einander in die Hände arbeiten würden. Pfarrer Brendel, der auf die hübsche Lehrerin nie gut zu sprechen gewesen war, hatte es sich nicht verkneifen können, einige Zeit nach Fenns Installation die Geburt des jungen Lampert in einer Predigt zu feiern, die mit feinen und groben Anspielungen auf den Fall gespickt war. Am selben Sonntag Abend hatte er seinen neuen Kaplan zu Tisch, und es entspann sich zwischen beiden folgendes Gespräch, bei welchem Fräulein Brendel, gierig aufhorchend, mit den Händen den Nickelaufsatz des kalten Stubenofens streichelnd, daneben stand, bis es heikel wurde und der Herr Bruder sie hinauswinkte. Den Rest hörte sie dann durch das Schlüsselloch.
„Ich habe diesem Frauenzimmer überhaupt nie über den Weg getraut!“ sagte Pfarrer Brendel mit zusammengekniffenen Brauen.
„Warum?“ fragte Fenn kurz und abweisend.
„Sie sah schon danach aus. Eine Lehrerin zieht sich doch so nicht an.“
Fräulein Brendel räusperte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses.
„Mir ist nie aufgefallen, daß Fräulein Braun sich extravagant angezogen hätte,“ sagte Fenn Kaß.
„Nun ja, nicht gerade extravagant. Aber es gibt im Äußern der Frau denn doch gewisse – wie soll ich sagen? – Besonderheiten, gewisse Linien, deren Betonung auf eine eitle und leichtfertige, vielleicht gar unkeusche Sinnesart deutet.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“
„Nun, ich will mich aus Schicklichkeitsgründen nicht deutlicher ausdrücken!“ Und Pfarrer Brendel schnaufte vor nachträglicher Entrüstung.
„Ich habe mich nie auf dergleichen verlegt.“
„Sie weichen mir aus.“
„Das tue ich manchmal, wenn ich merke, daß anders das Gespräch auf keinen grünen Zweig kommt.“
Pfarrer Brendel dachte eine Weile darüber nach, ob sein Kaplan ihm mit diesen Worten wohl eine Zurechtweisung habe erteilen wollen. Aber im Bewußtsein seines guten Rechts setzte er sich darüber hinweg und suchte zuvörderst, das angeschnittene Gesprächsthema in seinem Sinne zu erschöpfen. „Und dann: Die Sache mit Fräulein Braun und diesem hergelaufenen Lampert sah ich lange kommen.“
„Wieso?“ klang in feindseliger Zurückhaltung die Frage des Kaplans.
Pfarrer Brendel winkte seine Schwester hinaus und fuhr fort: „Herr Kaplan, Sie sind erst seit ein paar Wochen im Dorf. Sie scheinen nicht zu wissen, was vorher die Spatzen von den Dächern pfiffen.“
„Was denn?“
„Daß unser tugendhaftes Fräulein Lehrerin Abend für Abend ihren Freund Lampert besuchte und stundenlang mutterseelenallein bei ihm zubrachte.“
„Das ist nicht wahr.“
„Wieso, Herr Kaplan, das ist nicht wahr?“
„Das glaube ich nicht.“
„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist so.“
„Ich kenne Fräulein Braun von Kindheit auf, ich halte sie nicht für fähig ...“
„Lernen Sie die Menschen kennen, Herr Kaplan. Frau, sage mir, wie du dich anziehst, und ich sage dir, wer du bist.“
„Na ja, das ist ja auch eine Psychologie,“ sagte Fenn obenhin. Er hatte wirklich keine Lust, mit dem verbauerten Menschen sich auf einen längern Wortstreit über einen so explosionsgefährlichen Gegenstand einzulassen. Die Gerüchte über das Verhältnis Marjännis zu Fritz waren früher tatsächlich nicht bis zu Fenn gedrungen. Um so brutaler hatte sich ihm jetzt die Wahrheit enthüllt. Auf dem Nachhauseweg suchte er sich über seine Betroffenheit klar zu werden. Es war ein milder Herbstabend. Fenn ging vom Pfarrhaus die Straße bergauf, an den letzten Häusern vorbei, durch einen mit niedrigem Gebüsch eingefaßten Hohlweg bis zur Höhe, wo der Wald anfängt und man die Nähe und Ferne mit dem weitgeschlängelten Fluß, dem in großen Schlingen ausbiegenden Tal, dem Dorf und seinen Äckern und Wiesen beherrscht. Hier hinauf war er gleich am ersten Tag nach seinem Einzug in Brebach gestiegen, seinem innersten Bedürfnis nach Klarheit und nach Überblick über die Dinge folgend. Er kannte aus seinem Seminarleben die Wohltaten der „Retraite“, der tagelangen, gewollten Einsamkeit, in der sich alles Vergängliche wie ein Niederschlag auf den Boden der Seele senkt und diese mit ihrem Wesen geklärt und still darüber steht. Fenn Kaß stand da, in allen Weiten der einzig wache Mensch. Die Nacht mit ihren leisen Geräuschen, eine Frucht, die leise in die Stoppeln fiel, ein kurzer Lufthauch, der auf eine Sekunde das Rauschen des Flusses herübertrug – die Nacht war um ihn, wie ein dunkler, stiller Weiher, der sich mit unsichtbaren Ufern um einen breitet und auf dessen Spiegel ab und zu eine Blase mit geheimnisvollem Klang zerspringt. Dann wuchs aus der Stille das Grollen eines nahenden Schnellzuges, der bald weit unten vorbeiglitt. Feuerschein hauchte die dem Schlot entqualmenden Wolken an, die Wagenreihe glimmerte mit ihren hellen Scheiben durch die Landschaft, wie nachts auf einer schwarzen Wand ein Phosphorstrich.
Jetzt war es wieder totenstill. Fenns Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel. Er lehnte an dem Stamm eines hoch ausgeästeten Kirschbaums, von dem er mit dem Blick den ganzen Umkreis des Horizonts umfaßte. Das Band des Flusses leuchtete matt vom Widerschein des Nachthimmels, die steigende Masse der Ferne mit den dunklern Flecken der Wälder lastete schwer wie in unsichtbare Unendlichkeiten hinaus, die hellen Häuser des Dorfes unten in der Talsenkung drängten sich aneinander, wie schlafende Tiere im Pferch.
Fenn Kaß dachte mit wehem Zorn an die Freundin seiner Kindheit und Jugend. Auf dem Grunde seiner Gedanken stand schmerzhaft, mit den Augen eines wunden Tieres, die Frage: Warum hat sie mir das getan? Bis sich die Antwort durchrang, erst zag, dann herrisch: daß er zu solch einer Frage kein Recht hatte. Was war jenes Weib denn ihm schuldig, ihm, der dem Weibe entsagt hatte? Wieder einmal, wie damals bei dem Schimpf der betrunkenen Burschen, dämmerte diesem Leidenschaftslosen auf, was seine Entsagung letzten Endes bedeutete. Solange die Frau, die allein er unbewußt zu seinem Leben je in Beziehung gebracht hatte, gleichsam geschlechtslos, ein Wesen an und für sich, in seinem innern Gesichtskreis stand, solange die Besitzfrage nicht gestellt war, solange hatte in ihm auch der Besitzerinstinkt geschlummert. Nun war er brutal vor die Tatsache gestellt, daß diese Frau ihre Weibheit, das Besondere, an das er nie mit wachen Sinnen gedacht hatte, an einen anderen weggeworfen hatte, weil sie bei diesem zu finden wußte, was ihr Freund ihr nicht geben durfte. Das war die Stunde, in der Fenn Kaß die Zähne zusammenbiß, heißen Herzens und grimmigen Gemüts erst das Opfer brachte, das er längst schon gebracht zu haben wähnte.
Aber er brachte es, er wurde mit sich fertig. Wie einen unbändigen Falken schmiedete er seinen Willen fest an den Gedanken, daß alle, die drunten in den dämmerhellen Häusern schliefen, ein Recht hatten auf seine Liebe, daß er ihnen Gutes tun mußte, und daß er sie mit Liebe zu sich zwingen wollte. Er wanderte ziellos querfeldein, die ganze Nacht, und als der Morgen kam, weitete sich seine Seele zumal mit der Welt, die um ihn war. Eine Flur nach der andern, ein Hügel um den andern, drang das Land leise und unwiderstehlich ringsum aus dem Dunkel, wurde scharf und klar, und so hellte sich in Fenn Kaß die dunkle Welt seines Wollens auf, bis seine Zukunft in kühnen, deutlichen Umrissen vor ihm stand.
Mutter Kaß und der alte Wöllem waren um ihren Herrn Kaplan sehr in Sorge gewesen und freuten sich, die eine mit lautem Gruß, der andere mit zufriedenem Grunzen, seiner Heimkehr. Frau Kaß saß in der Küche am Herd und drehte energisch die Kurbel der Kaffeemühle, die sie zwischen den blaubeschürzten Knien hielt, Wöllem ging zwischen Küche und Schuppen wackelbeinig hin und her und schaffte Reisig für das Morgenfeuer.
„Denkst du daran,“ fragte Frau Kaß, „daß du heute abend den Burschen zum Besten geben wolltest?“
Fenn hatte bei seiner Installation in Brebach von der männlichen Dorfjugend ein grasgrünes Plüschsofa geschenkt bekommen und wollte heute abend dafür ein Fäßchen Bier auflegen. Er sah nach den Zigarren, fragte, ob die Mutter für die nötigen Schinkenbrote gesorgt und ob Wöllem die erforderlichen Vorkehrungen für einen ungestörten Zapfbetrieb getroffen habe. – Alles war bereit, sie konnten kommen.
Und sie kamen. Sie wußten, was sich schickte, denn sie rieben klirrend alle, Mann für Mann, umständlich ihre genagelten Sohlen an dem Kratzeisen ab, fuhren sich beim Hutabziehen gleich mit der Hand, die die Krempe hielt, glättend über den Scheitel bis in den Nacken, und jeder war bestrebt, sobald er dem Herrn Kaplan die Hand gedrückt hatte, durch die Reihe der Kameraden hindurch rücklings mit tastenden Ellenbogen in den Hintergrund unterzutauchen.
Es waren Menschen von ungeschlachter Kraft, die zuerst in der beständigen Angst lebten, sie könnten in der Stube des Herrn Kaplans irgend etwas versehentlich umschmeißen oder Löcher in den Fußboden treten. Erst allmählich wurden sie sicherer, da sie merkten, daß Frau Kaß und ihr Sohn sie gar nicht mißtrauisch beobachteten, wie sie es wohl von ihrem Pfarrer und seiner Köchin gewöhnt waren. Der alte Wöllem gar, der so vergnügt herumhumpelte und ungestraft nach seinem sauern Rolltabak duftete, flößte ihnen vollends Zutrauen ein, und sie wurden bald zutunlich. Der Herr Kaplan war ja auch gar nicht so unnahbar würdevoll, so lateinisch, wie die andern geistlichen Herren, die sie kannten. Erstens war er gerade so ein starkknochiger Enakssohn wie sie selber. Zwar seine Hände waren nicht schwielig und erdfarben, wie ihre, aber er wußte sie zu gebrauchen. Das hatten sie gesehen, als Wöllem das Bierfäßchen hereingerollt und Fenn Kaß es freihändig auf den Tisch gehoben hatte, wo es jetzt zwischen zwei Holzscheiten festgeklemmt lag. Und als der Herr Kaplan den Hahn ins Faß schlug, dachten alle, was er für einen geschickten Hammerschwung hatte und wie er sich so ganz sachgemäß und gar nicht linkisch dabei anließ. Und dann: Alles gefiel ihnen an dem neuen: daß er so kameradschaftlich mit ihnen anstieß, daß beim Lachen seine kräftigen Zähne blitzten, daß er bei der gemütlichen Unterhaltung weltlich ungezwungene Redensarten gebrauchte, daß seine Mutter ihn nicht „Ihr“ und „Herr“, sondern du und Fenn nannte. Und es war trotzdem – das fühlten sie, wenn auch ohne Scheu, so doch deutlich heraus – es war doch eine Kluft zwischen ihm und ihnen. Nicht nur seine Gelehrsamkeit: sein ganzes Wesen, die Reife und Sicherheit, die in ihm waren, die ruhige Überlegenheit, der sie sich gern beugten. Sie mißbilligten es denn auch, als ihr Hauptspaßmacher, der Schmiede-Anton, mit dem Herrn Kaplan gleich vertraulicher tat, als er es ihrem Empfinden nach gedurft hätte.
Aber Fenn nahm nichts krumm und ging gemütlich auf die Scherze ein. „Man merkt, daß Sie Schmied sind. Drei meiner Onkel waren Schmiede, und sie machten alle drei gern ein Späßchen.“
„Ja, Herr Kaplan, wenn man so bei der Esse steht und den Blasebalg zieht, dann fällt einem allerlei ein.“
Und Fenn Kaß erzählte, wie es ihm immer einen Mordsspaß gemacht hatte, den Blasebalg zu ziehen, wie stolz er gewesen war, als er es schon mit einer Hand zuwege brachte, gerade wie der Onkel und seine Gesellen. Wie immer in der Schmiede sich die Burschen zusammenfanden, ein Eisen in der Esse anglühten, um ihre Pfeife damit in Brand zu setzen und wie sie dann ein halbes Stündchen blieben und Scherze machten und Geschichten erzählten, daß bei ihrem Lachen die Nachbarschaft aufhorchte.
Allmählich wurde die Gesellschaft warm, und Fenn Kaß sah sich einen nach dem andern an und horchte auf den Widerhall ihres Innern. Das waren ja jetzt seine Kameraden sozusagen, die Gesellen, mit denen zusammen er allerlei Lebendiges im Dorfe wirken wollte. Und er wollte sie kennen, um sicher zu sein, wessen er sich von jedem zu versehen hatte. Da waren zunächst die drei Brüder Kamp, der Johann, der Thedi und der Viktor, blonde, rotbäckige Burschen mit lustigen, blauen Augen, gutmütig, gescheit und zu jeder Arbeit anstellig. Das hatte er bald weg. Wenn von Maschinen die Rede ging, standen die drei gleich im Mittelpunkt des Gesprächs und alle andern bezogen sich auf sie, als auf die offiziösen Dorfsachverständigen. Sie lachten bei jedem Wort, das sie sagten, nicht als ob ein besonders lustiger Anlaß vorläge, sondern aus innerm Bedürfnis, aus Freude am Dasein, weil bei ihnen die Heiterkeit jede Lebensäußerung begleitete, wie das Geräusch die Bewegung. Dann waren noch zwei Brüder Masseler, der Emil und der Nikolas oder „Neckel“. Emil war von einer bäuerlich zimperlichen Erbtante in den Manieren eines sanften Knaben erzogen und hatte in einem Jesuitenpensionat des Auslandes, durch das nach alter Überlieferung alle bessern Bauernsöhne des Landes hindurchgehen mußten, eine Erziehung genossen, die ihn für alle Zeit außerhalb der andern stellte. Er war von allen der einzige, der glatt rasiert ging. Er spitzte sehr oft den Mund, wie zum Küssen, zum Zeichen, daß er reden wollte, aber er redete selten und wenig, das Mundspitzen ging dann in ein mild ironisches Lächeln über, bei dem sich jeder denken konnte: Aha, er weiß es besser, der Emil, er ist nur zu diskret. So hatte sich Masseler der Ältere, mit dem vornehmen Namen Emil, zur Freude seiner Erbtante in den Ruf eines klugen und sanften Jünglings gebracht, im Gegensatz zu seinem Bruder Neckel, der zwar auch nicht viel, aber deftig sprach und sein bißchen gesunden Bauernverstand in robusten Redensarten ausmünzte. Eben noch ging über ihn die Geschichte um von der Antwort, die er dem Herrn Pfarrer gegeben hatte, als ihm der zumutete, einen Knecht zu entlassen, der nicht in die Kirche ging. „Na ja!“ hatte Neckel gemeint, „Da’ se’t den: ‚Laaft mer de Bockel eran,‘ an dann hun ech en Dreck, Här Paschto’uer.“
Der Längsten und Stillsten einer unter der ganzen Schar war „der Ruß“. Eine Hüne mit einem Kalmückenschädel, der in der ganzen Gegend als unverbesserlicher Wild- und Fischdieb bekannt und dem trotzdem nichts anzuhaben war. Dutzende Male hatten ihn die Gendarmen auslauern wollen, und er hatte ihnen jedesmal eine Nase gedreht. Niemand wußte, in welchem hohlen Baum jeweils sein rostiges Schießeisen versteckt war, aber so viel war sicher, daß der Ruß in der Nähe desselben hohlen Baumes gerade einen Wildwechsel ausgespürt hatte. Die Fische im Fluß kannte er mit Namen, er fing sie, bis unter die Arme und oft bis über den Kopf im Wasser, mit den Händen, füllte sie beim Gurt in die weiten Hosenbeine, die unten in den Strümpfen staken, und ließ sie, wenn ihn die Gendarmen überrumpelten, gemächlich nach unten wieder herauszappeln. Mit dem Ausdruck der beleidigten Unschuld erklärte er dann, er habe doch nur „Ried gerupft“, um seine Fässer zu kalfaktern, und hatten die Gendarmen den Rücken gedreht, so suchte er sich unter dem Uferrain und aus den Schilfbüscheln seine entronnene Beute wieder zusammen.
In einem gewissen drolligen Gegensatz zu all diesem schwergliedrigen Menschtum stand der „Fritt“. Der Fritt war ein kleiner beweglicher Kerl, an dem alles Nerv und Neugier war. Sowie eine Erscheinung in den Umkreis seiner Wahrnehmungen trat, nahm er sie an, wie ein Hund das Wild, und seine hohe, verschleierte Stimme kläffte in unablässigen Fragen nach dem Wie, Warum, Woher und Wohin der Dinge. Er hielt mit seinem Scharfsinn die Andern, Stärkern in Schach, und es wagte sich nicht leicht einer an ihn. „Er beißt,“ sagten sie von ihm, und tatsächlich hatte er einmal bei einer Rauferei sich in die Wade eines Gegners festgebissen. „Na ja,“ krähte er heiser, als einer auf diese Art der Verteidigung anspielte, „jeder hilft sich, wie er kann. Meinen Sie nicht auch Herr Kaplan?“ Und der Fritt gab sich nicht zufrieden, bis er die Meinung des Herrn Kaplan über den Fall ergründet hatte.
Wer da glaubt, daß sich auf dem Dorf die persönlichen Besonderheiten im Einerlei des Werktags verwischen, begeht einen schweren Irrtum. Nirgends sind die Typen so scharf und eckig herausgearbeitet, nur daß sie sich oberflächlicher Wahrnehmung nicht offenbaren. Fast jeder ist dort ein abgeschlossenes Original mit fester anerkannter Eigenart, und die Leichtgebackenen sondern sich bald heraus und gelten nicht für voll. Die Zuchtwahl hat sie längst aus den Reihen der eigentlich Besitzenden verbannt, sie wohnen in den Taglöhnerhütten, wo die letzten Häuser stehen, aber auch sie werden in der eigenartigen Umwelt jeder zu einem menschlichen Sonderfall. Je nach der Blutmischung geht ihr Geschlecht zugrunde oder arbeitet sich langsam, durch zwei, drei Generationen – langsamer als in den Kreisen, wo der Besitz leichtflüssiger ist – bis in die Front der Vollgültigen hinauf. Auch von dieser Menschensorte waren bei Fenn Kaß an jenem Abend mehrere zu Gast: der Jänni, ein gutmütiger Landstreicher, von dem die Sage ging, er übe manchmal das Sattlerhandwerk aus und dem „die Rede nicht wich“. Man verstand nicht alles, was er sagte, aber meist kugelten sich Jännis Kameraden – wenn bei ihm von Kameraden die Rede sein konnte – über das wenige, was sie verstanden, weil es entweder blödsinnig dumm oder verblüffend gescheit war. Ein anderer „Leichtgebackener“ war da, dessen Vater es schon zu nichts gebracht hatte, und von dem es wahrscheinlich war, daß sich unter ihm die Geschicke seines Hauses auch nicht zum Bessern wenden würden. Sein Vorname war eine onomatopoetische Anpassung des nicht ganz seltenen „Nikelas“ an die träge, nachgiebige und langstielige Behäbigkeit des Mannes: er hieß nämlich „Niegela“. Alles, wozu er angestellt wurde, besorgte er mit einer stumpfsinnigen Gewissenhaftigkeit, aber es dauerte unheimlich lang. Niegela war eigentlich nur dazu da, daß man sich über ihn lustig machte. Es hatte nicht den Anschein, als ob ihm irgend etwas zustoßen könnte, worüber man nicht lachen würde. Niegela war einmal auf dem Grund eines neuen Brunnens verschüttet und mit knapper Not, mehr tot als lebendig, heraufgeschafft worden. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er den Umstehenden eine Grimasse geschnitten, weil er es für seine Pflicht gehalten hatte, zu verhindern, daß sich die Leute um ihn noch weiter Sorge machten. Heute abend betrank er sich sinnlos, nicht weil es ihm, sondern weil es den andern Vergnügen machte, wenn sie ihn mit seinen langen Beinen über die Straße torkeln sahen.
Alle mit Namen nennen, die an jenem Abend dem Herrn Kaplan die Ehre schenkten, wäre nicht möglich. Es war auch viel menschliches Mittelgut da, wackeres Bauernblut, mit kräftigen Kinnladen, hellen Augen und ungeschlachten Fäusten, denen alles, was nicht Stall und Scheune und Acker war, wie bloßer Zeitvertreib ohne irgendwelche Wichtigkeit vorkam. Ihr Ehrgeiz reicht nicht über die Nasen ihrer Gäule und die Grenzen ihrer Gemarkung, und ihre Seelen sind wie Söldner, die der lautesten Werbetrommel folgen.
Dergestalt war die Gesellschaft, die Fenn Kaß zu einem Glas Bier, einem Schinkenbrot und einer Zigarre um sich versammelt hatte. Es dauerte nicht lang, so war er mit den drei Kamps Burschen in einem angeregten Gespräch über die geplante Feldbereinigung. Alles ginge am Schnürchen, sagten sie, nur Emil Masseler und seine Erbtante wären störrisch. Der sanfte Emil spitzte den Mund und lächelte, zuckte langsam die Achseln und meinte zuletzt, es sei ja alles gut, wie es sei. Da mischte sich der Fritt ins Gespräch und steckte dem hochmütigen Großbauernsohn energisch Bescheid. Ob er denn glaube, das Dorf werde sich durch seinen Starrkopf im Fortschritt hindern lassen.
„Fortschritt?“ sagte Emil Masseler mit lächelnder Skepsis.
„Jawohl, Fortschritt!“ begehrte das Frittchen auf. Und erklärte heiser krähend, mit vielen hochdeutschen Ausdrücken, das Wesen und den Vorteil der Feldbereinigung im Interesse der rationellen Ackerwirtschaft.
„Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“ schloß er seine Ausführungen.
„Ich wollte, ich hätte dem Emil sein Geld und er wüßte mein Französisch,“ lallte der Jänni, und ein wieherndes Gelächter machte dem sachlichen Redefluß des Kleinen ein Ende. Aber das Frittchen gab noch nicht klein bei. Es verzieh dem Glattrasierten nicht sein Hohnlächeln über den Fortschritt und begann, trotz dem Herrn Kaplan, auf Emil wegen dessen Reise nach Lourdes zu sticheln. Denn Masseler der Ältere war in Lourdes gewesen.
„Und wenn du zehnmal hingehst,“ krähte der Fritt giftig, „deinen Dickschädel kann dir die Muttergottes doch nicht wegkurieren!“
Emil schaute auf den geistlichen Herrn, von dem jetzt sicher ein scharfer Verweis gegen den respektlosen Fritt ergehen würde.
Indes, Fenn Kaß tat nichts dergleichen. „Kommt Kinder, wir wollen uns wieder vertragen,“ sagte er beschwichtigend. Emil war schmerzlich erstaunt und nahm sich vor, der Erbtante über den uneifrigen Herrn Kaplan klaren Wein einzuschenken, damit auf diesem Umweg der Herr Pfarrer erfahren sollte, wie sein Untergebener die Muttergottes und ihren treuen Verehrer Emil Masseler ungerochen verunglimpfen ließ.
Von der Feldbereinigung glitt das Gespräch auf andere Gegenstände über, die auch die Allgemeinheit betrafen. Fenn stellte seinen Zuhörern, die ihn nur teilweise verstanden, eindringlich vor, wie sie sich hier draußen unverzeihlich das Leben schwer machten. An tausend Ecken und Enden könnten sie sich die Arbeit erleichtern und Zeit behalten für andere Beschäftigung, die sie vorwärts brachte. Warum, zum Beispiel, verhielten sie sich gegen Ackerbaumaschinen noch so ablehnend? Warum hatten sie keine Wasserleitung und mußten eine Menge Zeit damit verlieren, daß sie ihr Vieh zur Schwemme trieben, oder aus dem Brunnen Wasser herzutrugen? Warum hatten sie kein elektrisches Licht und hantierten jahraus jahrein mit ihren feuergefährlichen, trüben Ölfunseln in Stall und Scheune?
„Elektrisches Licht!“ sagte wieder mit seinem ironischen Lächeln Emil Masseler.
„Warum nicht?“ fragte der Kaplan dawider. Sie hatten in der Nähe des Dorfes die schönste Wasserkraft. Oder gar im Dorfe selbst, die Majerusmühle.
„Der Lampert läuft uns nach mit seiner Mühle,“ sagte Emil Masseler.
Fenn meinte, was einer auf solcher Mühle heutzutage noch verdiente, das könnte ihm die Gemeinde gern für die Wasserkraft ersetzen. Und der Lampert hätte sicher nichts dagegen, wenn ihm seine weiße Kohle allein, ohne Arbeit und Kopfzerbrechen, so viel eintrüge, wie sie es heute mitsamt der Mühle tat. Er machte seinen Zuhörern von ungefähr die Rechnung auf. Alle schenkten ihm nachdenkliche Aufmerksamkeit. Nur der sanfte Emil äußerte: „Ja, wenn das ginge!“
„Es ginge schon, wenn alle wollten,“ sagte Fenn. Die drei Kamps ereiferten sich für den Plan. Man würde natürlich das alte Rad durch eine Turbine ersetzen.
„Und man könnte durch eine kleine Umleitung des Bachs das fünffache Gefälle herausbekommen,“ warf der Kaplan ein. Es war ja so einfach. Da ging eine Schlucht, der sogenannte Höhlenweg, sichelförmig um das Dorf. Fast niemand benutzte ihn, weil er vor Schmutz die meiste Zeit unwegsam war. Der Niveauunterschied vom Einfluß des Baches ins Dorf bis zur Mühle, nahe am untern Ende der Schlucht, war ziemlich beträchtlich und bildete ein Gefälle, das jetzt unausgenützt blieb. Wurde der Bach in den Höhlenweg geleitet, was oben mit einem kurzen Durchstich leicht und billig zu machen war, so hatte man einen natürlichen Mühlendeich, eine fertige Talsperre im kleinen, die Kraft für eine elektrische Anlage reichlich hergab. Niemand wurde geschädigt, Erdmassen waren kaum zu bewegen, die Kosten konnten ein paar Tausende nicht überschreiten. Es war so einfach, daß man sich wundern mußte, wie noch niemand auf die Idee gekommen war. Die drei Kamps und der Fritt waren gleich Feuer und Flamme für den Plan. Emil Masseler verhielt sich ablehnend. Die Sache gefiel ihm schon deshalb nicht, weil sie ihm keine Handhabe bot, auf seine Scholle pochend ein Machtwort dagegen zu sprechen. Denn der Höhlenweg war Gemeindebesitz, und außer Lampert war eigentlich niemand da, dessen Grund und Boden in Mitleidenschaft gezogen wurde.
„Laßt euch die Sache durch den Kopf gehen,“ redete Fenn seinen Gästen zu. „Es wäre eine Sünd’ und eine Schand’, wenn es ginge und wir wollten’s nicht schaffen. Wir betrögen uns selbst um eine der schönsten Kulturwohltaten“ – er sagte wahrhaftig „Kulturwohltaten“, und den jungen Brebachern weitete sich dabei die Brust – „und dazu haben wir als Menschen doch schließlich unsern Verstand, daß wir ihn gebrauchen, um uns Gottes Erde immer schöner und wohnlicher einzurichten.“
Da kam von der Tür her eine schmalzig salbungsvolle Stimme, die sagte: „Gott hat dem Menschen seine unsterbliche Seele gegeben und seinen Verstand, auf daß er damit sein Heil wirke und seinem Schöpfer immer wohlgefälliger werde. Das dürfen Sie nicht vergessen, Herr Kaplan.“
Alle Köpfe reckten sich nach der Tür, in deren Rahmen Herr Pfarrer Brendel stand und mit zwei ausgestreckten Fingern die Gebärde des Segnens skizzierte, mit der er durch die Reihen der knienden Dorfkinder zu schreiten pflegte. „Übrigens, gelobt sei Jesus Christus,“ fügte er hinzu, und Emil Masseler sekundierte: „In Ewigkeit Amen.“
Pfarrer Brendel sah auf die Uhr. „O, so spät schon,“ tat er erstaunt. „Ich komme von einer Kranken gerade hier vorüber und wollte eben nur auf eine Sekunde hereinsehen.“
„Ich hatte Sie eingeladen, Herr Pfarrer,“ sagte Fenn.
„Ich weiß, ich weiß, aber ich wollte nicht indiskret sein. Jung zu jung gesellt sich gern. Ich gehe schon wieder. Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit Amen. Ich wollte auch gerade gehen, Herr Pastor. Wenn Sie erlauben –“
„Aber nein doch, Masseler, bleiben Sie, ich will dem Herrn Kaplan seine Gäste nicht entführen.“
„O, es bleiben ja noch genug. Sie entschuldigen mich, Herr Kaplan, aber ich habe meiner Tante versprochen –“
„Bitte, Herr Masseler, nichts zu entschuldigen. Gute Nacht, und lassen Sie sich den Abend gut bekommen.“
Als die beiden draußen waren, sagte der Niegela zu den Umstehenden: „Die Kranke, die der besucht hat, die hat lange Hosen an und trinkt Schnaps.“
„Und spielt mit ihm Sechsundsechzig,“ sagte der Fritt.
Es kam kein rechter Zug mehr in die Unterhaltung. Auf dem Heimweg tauschten die Burschen ihre Eindrücke aus.
„Er ist ein feiner Kerl,“ sagten die Kamps.
„Man kann mit ihm disputieren,“ pflichtete ihnen der Fritt bei.
„Und er hat seine Zigarren nicht abgezählt,“ lobte ihn der Jänni.
„Freundlich hat er nicht drein geschaut, wie der Pastor auf einmal da stand,“ stellte der Ruß fest. Und da waren sie alle darin einig, daß dieser Pfarrer und dieser Kaplan schlecht zusammen in der Deichsel gingen.
„Aber da könnt ihr euch darauf verlassen,“ meinte der Fritt, „der wird ihm die Zähne zeigen, der alte Brendel steckt den nicht in die Tasche.“
Am nächsten Morgen nach der Messe bat Pfarrer Brendel seinen Kaplan, ihn vor der Kirche zu erwarten, er habe mit ihm zu reden.
„Sie haben sich da gestern abend mit den jungen Leuten eingelassen. Ich finde, man darf in dieser Beziehung nicht zu weit gehen.“
„Sie haben recht, Herr Pastor. Und ich glaube, nicht zu weit gegangen zu sein.“
„Sie haben allerhand Fragen aus dem profanen, materiellen Gebiet mit ihnen besprochen. Man muß da sehr vorsichtig sein, Herr Kaplan.“
„Ich weiß, Herr Pastor. Wir sind ja gelehrt worden, daß ein unverlöschliches Siegel uns von der Laienwelt ausscheidet und zum besondern Anteil und Eigentum Gottes macht, daß unser Amt noch über dem der Engel steht. Da klingt es freilich befremdlich, wenn wir von künstlichem Dünger und Turbinen und elektrischen Beleuchtungsanlagen zu unsern Pfarrkindern reden.“
Pfarrer Brendel hatte bei dieser Rede seines Kaplans sichtlich zum mindesten einen Steigbügel verloren, und er schuf durch Räuspern und Schnäuzen eine Pause, um wieder Herr der Lage zu werden. „Ich weiß, daß unter euch Modernen die Tendenz herrscht, zum Volk hinabzusteigen, wie ihr das nennt. Nehmen Sie sich in acht. Wer sich unter die Kleie mischt, wird von den Säuen gefressen.“
Fenn dachte: „Dagegen läßt sich jetzt nichts mehr einwenden, was diesem Mann gegenüber die Mühe lohnte.“
„Ich habe Sie beobachtet, Herr Kaplan, seit Sie in Ihren hiesigen Wirkungskreis eingetreten sind. Es wäre ja schließlich nicht so viel dagegen zu sagen, daß Sie die Leute wirtschaftlich zu beraten suchen. Das ist ja manchmal ein brauchbares Mittel, ihnen auch sonst beizukommen. Aber Sie scheinen ein sogenannter Wissenschaftler zu sein. Wie ich höre, geben Sie sich Mühe, unsern Bauernburschen allerhand astronomische, physikalische, geologische Probleme zu erklären. Sie rütteln sogar an der biblischen Schöpfungsgeschichte.“
Fenn mußte lächeln.
Und Pfarrer Brendel machte eine weitere Anstrengung, sich in seiner überlegenen Stellung zu behaupten: „Glauben Sie mir, Herr Kaplan, die Wissenschaft hat schon manchen in die Wüste geführt. Wir Ältern, die wir die Erfahrung haben, wir sagen mit Christus dem Herrn: Eines nur ist notwendig.“
„Ich kann Ihnen aber Roscher zitieren. Sie kennen doch Roscher?“ sagte Fenn und dachte: „Vielleicht fragt er am Ende wenigstens, welcher?“
Aber Pfarrer Brendel brummte kaum hörbar: „Natürlich kenne ich Roscher! Was sagt denn der?“
„Roscher sagt: Sobald die Kulturüberlegenheit des Priesters aufhört, ist sein Ansehen gefährdet.“
„So? Und ich sage Ihnen: Haben Sie Kulturüberlegenheit, soviel Sie wollen, wenn Ihnen die Frömmigkeit fehlt, ist alles umsonst. Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt qui aedificant eam!“
„Darauf kann ich Ihnen wiederum dienen. Der Aquinate sagt –“
„Ich muß Sie bitten, mir mit Ihren profanen Zitaten vom Leibe zu bleiben. Der Aquinate! Wer ist nun das wieder?“
„Ach so, ich dachte, Sie kennten – Also sagen wir, der heilige Thomas von Aquin.“
„Den lasse ich mir gefallen.“
„Der sagt: Inutilis pietas, quae scientiae discretione caret.“
„Hat das der heilige Thomas wirklich gesagt?“
„Jawohl, es steht in der Summa theologiae.“
„Na, ich glaub’s Ihnen. Aber ich muß nochmals bitten: untergraben Sie nicht mutwillig Ihr Ansehen dadurch, daß Sie sich mit den Leuten allzu gemein machen und daß Sie ihnen Dinge entschleiern, die ihnen ewig Geheimnis bleiben müßten. Sie kennen diese Sorte noch nicht genügend.“
„Haben Sie von gestern abend den Eindruck gewonnen, daß ich mich mit dieser Sorte, wie Sie sagen, zu weit eingelassen habe?“
„Das nicht gerade. In gewissem Sinne vielleicht sogar zu wenig.“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, ich will durchaus offen sein. Ich habe erfahren, daß in Ihrer Gegenwart über die Muttergottes von Lourdes respektlos geredet wurde, sehr respektlos, und daß Sie nicht, wie es wohl Ihre Pflicht gewesen wäre, Einspruch erhoben.“
„Eigentlich freue ich mich, daß Sie mir diese Gelegenheit zur Aussprache geben. Ich kenne zunächst nur eine Muttergottes, und die ist weder von Lourdes noch von Marpingen, noch läßt sich ihr Wohnsitz sonstwie geographisch bestimmen. Was nun speziell den Wunderglauben an Lourdes betrifft, so vermag ich nicht, ihn zu teilen. Wenn dieser Wunderglaube Bedingung für meinen geistlichen Beruf gewesen wäre, trüge ich heute nicht dies Kleid.“
„Wie, Sie glauben nicht an Lourdes?“
Fenn sagte schonungslos, was er über die Geschichte von Lourdes alles gelesen hatte.
„Es ist furchtbar!“ murmelte Pfarrer Brendel vor sich hin.
„Was finden Sie Furchtbares daran? Wenn Sie wüßten, wie in die Geschichte von Lourdes die Politik und die Habsucht hineingespielt haben, fänden Sie es sehr angebracht, daß die Wahrheit über den Ursprung jener Wunderhistorie nicht verschüttet wird. Die daran glauben wollen, mögen in ihrem Glauben Trost suchen und finden, ich werde ihnen eine Überzeugung nicht stehlen, die ihre Leiden lindern kann. Aber zwingen lasse ich mich nicht, daß ich etwas unterstütze, was ich für – sagen wir einmal, für künstlich aufgebaut halte.“
„Und weiß man im Bistum, wie Ihr Standpunkt ist?“
„Ich habe seinerzeit da, wo es darauf ankam, kein Hehl daraus gemacht.“
Pfarrer Brendel war niedergeschmettert. Die Persönlichkeit seines Kaplans war ihm in den paar Minuten unheimlich geworden. Er fand einen Ausweg: „Herr Kaplan,“ sagte er, „ich schlage Ihnen vor, wir gehen zusammen in die Kirche und beten, daß wir über diese schlimme Anfechtung hinwegkommen.“
Fenn ging nachdenklich mit. Und während neben ihm sein Pfarrer, das Gesicht in den Händen, nach Sammlung rang, dachte der junge Kaplan, wie merkwürdig es sei, daß man in seinem Beruf so oft auf die ärgsten Hindernisse dort stößt, wo man die größte Hilfe zu finden berechtigt wäre.
Zweites Kapitel
Frau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte ein Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf durch die Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau Marjänni?“
Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat sin ech elo erschreckt!“
„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“ lachte er.
„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf einmal her?“
Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht immer gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer Kindheit? Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte sich etwas in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz war, von dem Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte. Schließlich hatte sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie, die in Wiesing seit hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu der immer das ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die reiche und schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte er denn von ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die Kühe gehütet hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen Jawohl, sie hatte sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja jetzt niemand mehr zu wissen. Was wollte er also von ihr?
„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah sie sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt verschwunden war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts und in allen Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was Fenn an Fritz Lampert erinnerte. Aber das war wohl nur Einbildung. Einerlei, es hatte sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als ihm der Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt hatte. Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte mehr.
„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit zu sagen: Geradewegs aus der Kirche.“
„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“ sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu erlächeln.
„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob Fritz zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“ sagen dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu Hause?“ fragte er schließlich.
„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“
Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den rechten Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.
Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des Höhlenwegs. Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte schußbereit, während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb stehen und wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein paar Sätze über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine weiße Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den üblichen Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen, jetzt lacht mich die Frau nicht aus.“
Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte ihm an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und die Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal überschlafen. Daß ihm seine Mühle nicht viel einbrachte, gab er zwar nicht zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.
„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“
„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich habe deine Frau begrüßt ...“
„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel und zog ihn mit fort.
Ja, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben. Nur mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der ist mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das hier, unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach: „Mein Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und: „Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“
Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu bauen.
„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.
„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die Leute ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre Dreschmaschinen und dergleichen billig bekommen.“
„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.
„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“
Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm das. Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“
„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine Flasche, und bring dir ein Glas mit.“
Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete zum Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am Vorabend unserer ersten Fahrt nach Luxemburg“ – da trat die blutende Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab. Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt hatte, verflüchtigt war.
Und sie? „Sie sieht ihm doch ähnlich!“ dachte Fenn, während er sie verstohlen betrachtete, wie sie, eine Wange in der hohlen Hand und den Ellenbogen aufgestützt, ihm schräg gegenübersaß, neben ihrem Mann. In den Augen lag die Ähnlichkeit nicht. Das waren willfährige Gehorcherinnenaugen, die nach den Wünschen eines Gebieters spähten, nicht immer froh, manchmal mißmutig, aber immer untertan. Es waren die Augen eines Wesens, das in sich allein keine Erfüllung findet, das Ergänzung sucht und sich da gehorsam einlebt, wo sein Schicksal es am Strande absetzt. Sie war mit ihrem ganzen Wollen und Denken dem Wollen und Denken ihres Mannes magdlich untergeben, und einige Sekunden lang schnürte es Fenn wieder die Kehle, daß sie außerhalb seines Lebens ihre Erfüllung gefunden hatte. Jetzt sah er auch die Ähnlichkeit. Sie lag im Zug des Mundes. Ihre Lippen, die ehedem wie feine, rote Striche waren, glichen jetzt runden Wülsten und standen fortwährend gerade soweit geöffnet, daß man in ihrem Schatten die Zähne blitzen sah. Genießerisch breit waren ihre Lippen geworden, schlapp und satt, wie die ihres Mannes. Tiefes Mitleid mit ihr gewann allmählich bei Fenn die Oberhand.
Man sprach weiter von dem Plan, die Mühle der Gemeinde abzutreten. Fritz nahm ein Blatt Papier und rechnete aus, wie sich für ihn das Ergebnis stellen würde. Er operierte mit Ziffern, in denen er seinen derzeitigen Verdienst stark übertrieb, aber dennoch fand sich, daß er kein schlechtes Geschäft machen würde. Marjänni zog das Blatt an sich und suchte zu begreifen. Die Ziffern verwirrten sich ihr vor den Augen, aber ihr Instinkt redete. Wenn Fritz die Mühle aufgab, hatte er gar keine Beschäftigung mehr. Was dann würde, wußte sie genau. Schon jetzt betrank er sich jeden Tag, machte in den paar Wirtshäusern des Dorfes die Runde und blieb halbe Tage lang draußen, wenn er wo in eine Partie Karten oder Kegel geriet. Marjänni meinte also, mit dem elektrischen Projekte sei es nichts. Fritz begehrte auf, Fenn vermittelte, und als Lampert mit groben Worten dreinfuhr, kamen seiner Frau die Tränen. Da legte er erst recht los gegen diese verfluchte Flennerei der Weiberbande. Wenn sie von drei Glas Wein das heulende Elend bekam, sollte sie doch lieber Milch trinken. Sie sollte ihre Kartoffeln kochen und ihre Kinderwindeln waschen und sich nicht dreinmischen, wenn die Männer zu reden hätten.
Fenn suchte Frieden zu stiften, Fritz wurde noch gröber, und dann verteidigte sich Marjänni. Da sie mundfertiger war, als ihr Mann, kam dieser schließlich ins Hintertreffen. Er benutzte die Pausen, um mit seinem gröbsten Geschütz dazwischenzufeuern, schrie, bleich vor Zorn mit seltsam verwandelter, knödelnder Halsstimme, sie wisse ja, was sie zu tun habe, wenn es ihr nicht mehr passe, und er hätte klüger getan, sie in ihrem Schulmeisterheim zu lassen und sich eine Frau zu nehmen, die an ein Regiment gewöhnt sei, wie es in deftigen Häusern herrsche. Ein Wort gab das andere, bis Fritz rasend dastand und seinen Stuhl fluchend mit beiden Händen bis an die Decke hob, als wolle er ihn seiner Frau auf dem Scheitel zerschmettern. Aber er begnügte sich, ihn auf den Tisch zu hauen, daß Flaschen und Gläser in Splittern herumflogen.
Marjänni kannte das. Sie wußte: nun wird er ruhiger. Und sie rettete sich rasch auf die Seite der gekränkten Unschuld. „Das ist ja recht nett,“ sagte sie mit kalt verweisendem Ton. „Du bringst unserm Gast ja eine merkwürdige Vorstellung bei von unserm Familienleben.“
„Ach was,“ brummte er im Verschnaufen, „du sollst mich nicht so in Wut bringen. Geh, Fenn, setz dich her, sie holt noch eine Flasche.“
Fenn mußte wohl oder übel noch eine Flasche mittrinken. Marjänni saß dabei, und es brachte ihn in tödliche Verlegenheit, daß sie ihm manchmal, wenn Fritz sie gerade nicht bemerkte, einen Blick zuwarf, der zwischen ihr und ihm eine Art geheimen Einverständnisses herstellen, einen Blick, der ihm sagen sollte: „Ja, so ist er! Was bin ich doch für eine todunglückliche Frau!“ Und im nächsten Augenblick sagte sie mit fast zärtlicher Vorsorglichkeit: „Fritz, trink nicht so schnell, du weißt ja, es bekommt dir nicht!“
Als Fenn von den beiden Abschied nahm, standen sie im Rahmen der Haustür eng umschlungen, und es kam ihm vor, als legten sie bewußt in ihren Gute-Nachtgruß ein klein wenig von der Ironie des Reichen gegen den Bettler. Ein Gefühl physischen Ekels war in ihm gegen den Lebensausschnitt, dessen Zeuge er gewesen war. Irgend etwas göttlich Reines meinte er beschmutzt und zertreten gesehen zu haben, und am trostlosesten schien es ihm, daß die, die er in solche Tiefen gestoßen sah, nicht mehr mit der starken Sehnsucht, die erlösen kann, ans Licht zu streben vermochte.
Fenns Verhältnis zu seinem Pfarrer gestaltete sich immer unerfreulicher. Brendel war aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der wohlhabenden Pfarrei in Brebach gekommen. Er war fromm, von jener Frömmigkeit, die in Worten verdampft, dabei von robustem Erwerbssinn. Und so wickelte sich sein Leben ab zwischen dem Bestreben, „auf den Haufen zu schaffen“, wie die Leute sagten, und dem andern, seine Pfarrei nach seinem Begriff der Gottesfurcht zu stilisieren. Ein frömmelnder Bauer war ihm der Inbegriff alles Erstrebenswerten, was ein Seelsorger aus einem Pfarrkind machen kann. Und daß ihn sein Kaplan in dieser Richtung nicht unterstützte, nahm er ihm natürlich äußerst übel. Auf Schritt und Tritt sah er sein Wirken von dem frischen, weltlichen Draufgängertum dieses „Schmiedegesellen“, wie er ihn heimlich nannte, durchkreuzt. Pfarrer Brendel hatte seine Pfarrei mit einem frommen Vereinswesen wie mit Kaninchenbauen durchzogen. Er hatte einen Jünglings- und einen Jungfrauenverein, einen Paramentenverein, einen Verein des Heiligen Herzens Jesu und einen Verein des Heiligen Herzens Mariä, einen Verein vom Kindlein Jesu für Loskaufung von armen Heidenkindern und eine Bruderschaft von diesem und eine Schwesterschaft von jener Heiligen. Jeder Mensch in Brebach hatte für jeden Tag in der Woche einen andern Verein, als dessen Mitglied er sich jeweils fühlen konnte, wenn er Lust hatte. Und außerdem durchdrang der Herr Pfarrer den Gesangverein und die Feuerwehr vollständig mit seinem Einfluß, alle mehr oder weniger öffentlichen Kundgebungen des profanen Lebens suchte er mit Pietismus zu durchsäuern, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn wenn die Brebacher aus angeborener Gutmütigkeit und innerlicher Glaubenstreue sich manches gefallen ließen, so schüttelten sie sich doch zuweilen, wenn ihr Pfarrer sie zu stark für seine Frömmlerzwecke in Anspruch nahm.
Die Buchführung über seine heilige Vereinsmeierei war eine der Hauptbeschäftigungen des Pfarrers Brendel, und er ging denn auch schon mit dem Gedanken um, sie auf seinen Kaplan abzuladen, als er wahrnahm, daß er damit den Bock zum Gärtner machen würde. Durch seine Vereinssaat wehte ein verdächtiger Wind. Und eines schönen Tages stand er vor der unerfreulichen Tatsache, daß aus den Kerntruppen seines Jünglingsvereins und seiner andern männlichen Vereine und Bruderschaften sich auf Betreiben des „Schmiedegesellen“ ein Ackerbau-Lokalverein gebildet hatte mit dem schnöden Zweck, Kunstdünger gemeinsam zu beziehen, Ackerbaugeräte und Maschinen zu gemeinsamem Gebrauch anzuschaffen und sich durch Vorträge und Lektüre allgemein zu bilden. Dazu kam, daß der Kaplan durch diesen Verein auf die Gemeinde zugunsten seiner elektrischen Kraftanlage zu drücken gedachte. Emil Masseler hatte das alles dem Herrn Pfarrer brühwarm hinterbracht, als dieser eines Abends mit seiner Schwester auf ein Schwätzchen zur Erbtante gekommen war. Bei der Erbtante gab es immer eine gute Flasche, und da konnte der Herr Pastor seinem bedrängten Herzen zwanglos Luft machen. Die Erbtante wollte mit den Behörden, deren Vertreter ebenfalls ihren Keller zu schätzen wußten, ein Wörtchen reden. Diesem ungefügigen Herrn würde man schon das Handwerk legen.
Da wirkte es wie ein kaltes Sturzbad, als eines Tages in Brebach bekannt wurde, Kaplan Kaß sei in der Stadt lange beim Ackerbauminister gewesen, der ihn gar bei sich zu Tisch gehabt und ihn wegen seiner gemeinnützigen Initiative in Gegenwart verschiedener hoher Beamten sehr gelobt habe. Verbohrter als je kroch Pfarrer Brendel in das Schneckenhaus seiner frommen Selbstgerechtigkeit zurück und brütete Vergeltung.
Am nächsten Sonntag predigte er im Hochamt. Kaplan Kaß saß im Chorgestühl. Was Pfarrer Brendel in der Regel predigte, war ein lauwarmer Wortbrei mit Mohn, bei dessen Genuß seine Zuhörer eine unwiderstehliche Schlafsucht überfiel. Eine Weile wehrten sie sich dagegen, zwangen die Augenlider krampfhaft hinauf, bis ihnen war, als stiege der Altar mit seinen blinkenden Blumen und seinen gelben Kerzenflammen langsam gen Himmel und als senkte sich ein dunkler Sammetvorhang zwischen sie und die sichtbare Welt. Diesmal schmeckten sie alle den Essig durch, der zwischen den Worten ihres frommen Pfarrers sickerte, und sie horchten auf. Was war denn das? Das klang ja gar nicht so erdenfern und schläfrig wie sonst, das schien ja, als ob ihnen „der Herr“ diesmal wirklich etwas zu sagen hätte.
„Geliebte Christen!“ Sonst war die Anrede über sie hinweggegangen wie ein leerer Schall. Heute klang daraus ein Aufruf, eine Aufforderung, zu hören.
„Geliebte Christen!“ Und Pfarrer Brendel begann eine anspielungsreiche Predigt über die Erhabenheit und Heiligkeit des Priesterstandes. Er sagte in umfangreichen Ausführungen, was und wie seiner Auffassung nach der Priester sein müsse und was und wie er nicht sein dürfe. Mit Frömmigkeit und Gebet müsse er die Welt bezwingen, – „alles übrige wird Euch zugegeben werden. Hat unser Herr und Heiland nicht zu seinen Jüngern gesagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, Moses hat Euch nicht das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das rechte Brot vom Himmel. Geliebte Christen, seht Euch vor, daß Euch nicht ein moderner Moses das falsche Brot vom Himmel breche, denn: ich bin das Brot des Lebens, sagt der Herr. Was frommt es Euch, wenn Ihr Eure Kornäcker mit künstlichem Dünger besät, und Eure unsterblichen Seelen leiden Schaden und müssen dürsten nach Wahrheit und Frömmigkeit wie die Wiese nach dem Tau, und es ist niemand, der sie tränket. Sorget nicht, sprach Jesus zu seinen Jüngern, für Euer Leben, was Ihr essen sollt und wie Ihr Euch kleiden sollt, denn das Leben ist mehr als die Speise und der Leib mehr denn die Kleidung. Wichtiger ist es, geliebte Christen, daß Ihr Eure Seelen mit dem Geiste Gottes, als daß Ihr Eure Häuser mit dem Lichte dieser Welt erleuchtet. Der Herr erhält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die da niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf ihn und er gibt ihnen Speise zur rechten Zeit.“
Fenn Kaß hatte schon seit einigen Tagen wahrgenommen, daß der Pfarrer etwas gegen ihn im Schilde führen mußte. Eine Frage fiel ihm ein, die Herr Brendel ihm kürzlich mit seltsamer Betonung gestellt hatte: ob er sich denn wirklich in seinem Beruf glücklich fühle. „Bis jetzt wohl,“ hatte ihm Fenn geantwortet. „Und ich denke, wenn es mir gelingt, mein Wirken nach meiner Auffassung auszugestalten, so werde ich wohl auch ferner glücklich bleiben, soweit das dem Menschen überhaupt beschieden ist.“ Pfarrer Brendel hatte sauersüß dazu gelächelt und entgegnet, der Herr Kaplan sei noch sehr jung und unerfahren, und die Hauptsache sei eben die Auffassung. „Wo will er hinaus?“ dachte Fenn Kaß, als er jetzt den Pfarrer in seinem weißen Chorhemd auf der Kanzel stehen und mit merkwürdig rotem Kopf auf seine Gemeinde losreden sah. Die erste Anspielung auf seine Tätigkeit als Gründer des Lokalvereins hatte bewirkt, daß alle Gesichter in der Kirche sich nach dem Chor wandten, wo der Herr Kaplan saß. Und alle hatten gesehen, wie Fenn das Blut in die Stirn gestiegen war und wie sich die Falte zwischen seinen Brauen tiefer gegraben hatte.
Pfarrer Brendel sprach weiter:
„Geliebte Christen! Wie steht geschrieben? Es war ein Weib mit Namen Martha, die nahm Jesum auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich Jesu zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragest du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe. Jesus aber antwortete und sprach: Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe. Eins aber nur ist notwendig. Maria hat das beste Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden. Geliebte Christen! Was lehrt uns diese Erzählung aus dem Evangelium des heiligen Apostels Lukas? Daß wir sollen unsern Sinn nicht richten auf das Weltliche und Sinnliche, nicht auf Geld und Gut noch auf Speise und Trank, denn sehet die Lilien auf dem Feld: sie säen nicht und ernten nicht, und sie haben keinen Lokalverein und keine elektrische Beleuchtung, und sind doch schöner gekleidet als Salomon in all seiner Pracht und Herrlichkeit.“
Wieder fuhren alle Köpfe nach dem Chorgestühl, wo der Kaplan saß und mit harten verschlossenen Mienen den predigenden Pfarrer ansah.
„Und im Evangelium Johannis lesen wir, geliebte Christen, daß auch Judas Ischariot zugegen war, als Maria dem Herrn die Füße salbete mit Salbe aus köstlicher Narde, und der Verräter sagte: Warum ist die Salbe nicht um dreihundert Silberlinge verkauft und das Geld den Armen gegeben worden? Er sorgte sich aber nicht um die Armen, sondern um seinen Geldbeutel. Und Christus der Herr durchschaute ihn und sagte zu denen, die um ihn standen: Arme werdet ihr allezeit bei Euch haben, mich aber habt Ihr nicht allezeit bei Euch. Und so, geliebte Christen, gibt es auch heute noch unter denen, die sich die Jünger Jesu nennen, viele, die mehr auf das Wohl des Geldbeutels, als auf die Gegenwart des Herrn bedacht sind.“
Fenn Kaß schüttelte den Kopf und dachte: „Wie kann in einem Menschenhirn soviel Torheit und Gottesliebe beieinander wohnen!“
Und der Herr Pfarrer sprach salbungsvoll und boshaft weiter von denen, die den wahren Priesterberuf haben und denen, die die räudigen Schafe in Gottes Herde sind: „Es sind die unruhigen, verbohrten Köpfe, für die die Glaubenstreue besonders schwer ist, es sind die unlenkbaren Charaktere, die sich nie an den priesterlichen Gehorsam gewöhnen, Temperamente, die sich vielleicht insgeheim auch gegen die priesterliche Keuschheit aufbäumen, Seelen endlich, die niemals oder in höchst unvollkommener Weise den dem Priestertum nötigen religiösen Geist, Geschmack an göttlichen Dingen und Seeleneifer sich aneignen. Beten wir, geliebte Christen, daß unsere Pfarrei immerdar vor solchen falschen Seelenhirten bewahrt bleibe, beten wir, daß der Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht, daß der Geist Marias niemals verdrängt werde durch die irdischen, himmelabgewandten Sorgen einer Martha oder gar eines Judas Ischariot in Priestergestalt. Amen!“
Die Zuhörer atmeten auf in der gelösten Spannung ihrer Gemüter, und sie wußten nicht, sollten sie dem Pfarrer recht geben, der als frommer Gottesmann sicher eine dem Himmel gefällige und im Grunde ja auch sehr interessante Predigt gehalten hatte, oder sollten sie sich auf die Seite des Kaplans schlagen, der doch ein so umgänglicher Mensch war und sie so geschickt zu nehmen verstand? Sie wollten abwarten. Denn wie sie den Kaplan kannten, würde er den Schimpf nicht stillschweigend einstecken.
Das Hochamt war vorbei. Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis sie ins Freie kamen. Zwei und zwei traten sie aus ihren niedrigen Bänken, knixten lustig vor der Kommunionbank und gingen den Gang hinunter zwischen den Sitzen der Großen, die Mützen und Hüte an den Mund gedrückt, auf das offene Kirchentor zu, reichten sich kichernd Weihwasser und traten mit einem innerlichen Juchzer über die Schwelle, denn noch zehn, zwanzig Schritt, und sie durften in langen Sätzen die Treppe hinunter auf die Straße stürmen. Aber sie schraken zusammen, und die vordern stockten. Vor ihnen stand plötzlich der Kaplan, der aus der Sakristei um die Kirche herum gekommen war. Er winkte stumm, daß sie vorbei gehen sollten, und erst als die Erwachsenen kamen, stellte er sich ihnen mitten in den Weg und hob die Hände in die Höhe. Verdutzt blieb alles stehen und sammelte sich auf dem Vorplatz. Als die letzten heraus waren, ging Fenn Kaß durch die stummen Reihen hindurch, zog die Kirchentür in die Klinke und trat auf die breite erhöhte Schwelle.
„Meine lieben Freunde!“ hub er an. Die guten Brebacher betrachteten ihn wie eine Erscheinung. Das war ja unerhört. Der hatte ja den Teufel im Leib.
„Meine lieben Freunde! Ich möchte euch nicht nach Hause gehen lassen, ohne ein Mißverständnis zu zerstreuen, das vielleicht nach der heutigen Predigt unseres – eures Herrn Pfarrers bei einigen von euch entstanden sein könnte.“
Emil Masseler räusperte sich, zum Zeichen, daß er ganz bei der Sache sei und bereit, sich zu merken, was der Redner Falsches oder Ungehöriges etwa vorbringen würde. Seine Erbtante schüttelte leise und mißbilligend den Kopf, und die Frauen, die um sie standen, fanden infolgedessen auch, daß Kaplan Kaß im Begriffe war, daneben zu greifen.
„Aus den Worten eures Herrn Pfarrers möchte vielleicht der eine oder der andere von euch schließen, es mißfalle unserm lieben Herrgott, wenn sich ein Priester dazu herbeiläßt, seinen Pfarrkindern mehr von der Wahrheit zu sagen, als sie davon sonst erfahren, und auch in Dingen des Erwerbs mit Rat und Tat ihnen an die Hand zu gehen. Ich halte diese Auffassung für falsch. Ich bin nach wie vor entschlossen, euch die Geheimnisse der Natur aufzuhellen, die ihr verstehen könnt und, soviel an mir liegt, werktätig zu eurem zeitlichen Wohlergehen beizutragen. Derjenige, der euch euren Verstand und eure Kräfte gegeben hat, der will auch, daß ihr sie reget und gebraucht, daß ihr auch mit diesem Talente wuchert und damit das wirkt, wozu es seiner Natur nach bestimmt ist. Nicht die Wahrheit ist verderblich, sondern die Lüge. Und keine Arbeit, die in der natürlichen Ordnung der Dinge liegt, kann dem Schöpfer mißfällig sein. Nur Schwächlinge und Kranke können das Gegenteil behaupten. Wenn ich euch helfe, eure Kräfte nach Möglichkeit anzuspannen und auszunützen, so habe ich bei der Ausführung von Naturgesetzen geholfen, die von Gott geschaffen sind. Am klarsten lernt ihr den Schöpfer erkennen in der Gesetzmäßigkeit, mit der alle Kräfte des Weltalls ineinander wirken. Am aufrichtigsten verehrt man den Meister, in dessen Werk man sich selber als ein Teil des Ganzen fühlt und betätigt. Lernen und arbeiten sind das gottgefälligste Gebet, ihr Lohn und ihr Segen sind von Gott gewollt. Ich könnte noch lange über denselben Gegenstand zu euch reden und euch viele Bibelsprüche anführen, die für mich zeugen, indes euer Mittagsmahl wartet auf euch, und ich will nicht schuld sein, daß eure Suppe überkocht.“
Dieser Schluß, den Fenn Kaß lächelnden Mundes vorbrachte, glättete die Stirnen, die überm Zuhören sich kraus gezogen hatten, und dehnte die Münder zu einem beifälligen und befreiten Lächeln in die Breite.
Fenn Kaß trat von der Schwelle der Kirchentür herunter. Bereitwillig öffnete die Menge ihm eine Gasse, und er schritt weit ausholend zwischen ihren ehrerbietigen und zutunlichen Grüßen hindurch.
Die Leute verliefen sich mit Gesumme, nur der sanfte Emil blieb zurück und wartete auf den Pfarrer, dem er, so gut er es vermochte, den Inhalt der eben gehörten Standrede wiederholte. Pfarrer Brendel machte dazu ein ganz verdonnertes Gesicht und sagte am Schluß mit einem Ausdruck, als sei ihm der Gottseibeiuns erschienen: „Das klingt ja genau wie materialistische Weltanschauung.“
„Ganz genau,“ bestätigte voll innerer Freude und äußerer Betrübnis der sanfte Emil.
„Ich will nicht ab irato handeln,“ sagte Pfarrer Brendel, „aber der Fall ist ernst, sehr ernst. Grüße deine Tante, lieber Emil, und ich ließe guten Appetit wünschen. Vorderhand will ich nichts beschließen, ich muß vor allen Dingen den Herrn Kaplan zur Rede stellen, wie es gemeint war.“
Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und Fenn Kaß. Aus dem Ton väterlich ernster Zurechtweisung fiel Herr Brendel sehr bald in eine nervöse Unsicherheit, denn sein Kaplan setzte ihm mit überlegenen Worten zu, und er freute sich wirklich, daß er zu der Unterredung nicht, wie es zuerst seine Absicht gewesen war, mehrere zuverlässige Älteste der Gemeinde zugezogen hatte, damit sie Zeugen wären, wie der vorlaute junge Herr klein beigeben würde.
„Und schließlich, Herr Pfarrer, ich tue meine Pflicht, wie ich sie verstehe und wie manche im Lande sie gleich mir tun möchten. Sollte das mich nicht davor schützen, daß Sie mich öffentlich vor der versammelten Gemeinde in den schmählichsten Verdacht bringen, so muß ich alle Mittel anwenden, die mir gegen solche Verunglimpfung zu Gebote stehen.“
„Tun Sie, was Ihnen beliebt,“ sagte Pfarrer Brendel. Und er ließ von Stund an seinen Kaplan ausspionieren, ob er etwa Anstalten träfe, sich bei seinen geistlichen Vorgesetzten zu beschweren. Sein Plan für diesen Fall war fertig.
Fenn ließ es dabei bewenden. Wenn er die Sache vor das Bistum brachte, war es so gut wie sicher, daß er samt seinem Pfarrer versetzt wurde, und dann würden für ihn anderswo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten des Einlebens sich wiederholen. Er wollte die Geschichte einschlafen lassen und im übrigen die Wege weitergehen, die er eingeschlagen hatte.
Mutter Kaß war an dem Sonntag, wo der eben erzählte Zwischenfall sich ereignet hatte, nicht in der Kirche gewesen. Aber Marjänni hatte alles mit angehört und der alten Frau am selben Nachmittag noch vor der Vesper in der Küche, während Fenn in seiner Studierstube saß, haarklein und dramatisch mit groß aufgerissenen Augen und leidenschaftlich geflüsterten Sätzen alles erzählt.
„Man muß ihn gewähren lassen,“ hatte Frau Kaß ruhig versetzt, als die junge Frau fertig war und hatte sie auf später zu einer Tasse Kaffee geladen. Marjänni war geschmeichelt gewesen. Schon hieß es im Dorfe, mit dem Kaplanshause ließen sich schlechterdings keine Beziehungen anknüpfen, sowohl die Mutter Kaß wie der alte Wöllem seien unzugänglich und gleich festverriegelten Türen. Frau Lampert wußte also die Ehre zu schätzen, und sie kam in die Küche zu den beiden Alten bald häufig zu Gast, ohne daß die meiste Zeit Fenn darum wußte. Er wunderte sich nur, wie seine Mutter jetzt so genau in der kleinen Dorfchronik Bescheid wußte und ihm oft aus verborgenen Geschehnissen heraus Dinge erklären konnte, auf die er sonst sich keinen Vers zu machen wußte. Allmählich bekam er einen Einblick in das verworrene Gespinst der ärmlichsten und kleinlichsten Dorfintrigen, bei denen in der Regel unbefriedigte Weiblichkeit die unausrottbare Triebkraft abgibt: Weiber, die ihren Tatendrang und ihre abgestandene Liebesbedürftigkeit durch das Sicherheitsventil eines so orgiastisch wie systematisch betriebenen Klatsches ausströmen lassen, und Männer, die ihnen dabei helfen. An der Zurückhaltung der einen, den Verlegenheiten der andern und der klebrigen Unterwürfigkeit dritter merkte Fenn Kaß bald, daß er den passiven Mittelpunkt mancher Klatschgewebe abgeben mußte, und er lachte darüber und zuckte die Achseln, wie ein Gulliver, den die Liliputaner in einen Käfig mit Zwirnfadengittern einsperren möchten.
Drittes Kapitel
Das Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in dem jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten Samentorten reifen ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb glühenden Abendhimmels bekamen und Astern und Chrysanthemen zu knospen begannen. Fenn saß in der Spätnachmittagssonne und freute sich der reifen Schönheit, die um ihn war. Die Uferhügel standen fern in leichtem Dunst, und der Fluß spiegelte den wolkenlosen Himmel, die schrägen Sonnenstrahlen machten die Wiesen leuchten und schienen auf die Schornsteine eines weit talauf liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht entweichen konnte und als silbriger, bewegungsloser Schleier über den Dächern hing. Ganz aus der Ferne kam der breite Ton einer Automobilhuppe wie das kurze Muh eines Rindes. Das laute, schnurrige Singen des Motors schwoll an und wieder ab, jetzt ratterte die Maschine heran, schien langsamer zu fahren und stoppte. Fenn hörte von seinem Platz aus, daß seine Mutter an der Haustür mit jemand redete, dann wurde es still, und jetzt kam ein Herr durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm zögernd entgegen, im Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der in die Züge tritt, wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt enträtseln soll.
Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“
„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel fahren.
„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen oder übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich haben willst.“
„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß drüben in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für ihn gesorgt. Mit meinem alten Wöllem wird er sich ja hoffentlich vertragen.“
Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben, Fenn. Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“
„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“
„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine Berufswahl.“
Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“
„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich auf einem andern Blatt.“
„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“
Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet nichts, was danach ausgesehen hätte.
Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte seit seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.
„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung für Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste Genugtuung gibt.“
„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück? Einen Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am liebsten und am besten tut.“
„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes Geheimnis. Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische Lage ist zu unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg geworfen. Aber sie sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr vorgeschlagen, im Ösling den nötigen Grund und Boden an der Sauer entlang zu kaufen und eine Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich schon, wo und wie es ginge. Der Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet, und ich bin hier, um unter der Hand die Sache einzufädeln, eventuell Kompromisse zu schließen, Aufnahmen machen und was alles dazu gehört. Was sagst du dazu?“
„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und vielleicht ein großer Erfolg.“
„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung übernimmt.“
„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“
„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen für unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft und Licht versorgen könnten.“
„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem Freund seine eigenen Pläne mit.
„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“
Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse, Pläne ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine heimliche Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters fragen wollen, ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe, an den er gehörte. Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im voraus die Antwort denken.
Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die Hände. Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch einmal wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah, mußte er denken: „Wenn Fenn Kaß spürt, daß er hier nicht hingehört, dann wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.
Die Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den zitternden, greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns Fenster, vor dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter im Winde geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht, und über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun. Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte sich vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf getan, der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und sah, wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr aufrechtstanden. Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie hatten den Instinkt gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden einfallen wollen, weil sie wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder auffliegen können. Es ging gut, er brachte seine Kranken mit Gottes und des alten Landdoktors Hilfe durch. Bis auf zwei, einen Goldkerl von altem Bauer und das lahme Lieschen.
Der Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek, der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes Porzellanpöttchen mit „Altem“ aus dem halben Fuder, das er vom letzten guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der Neue kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf ein Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine schweren Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen. Wenn er aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene Gesichter, schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die Ecke ihren Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn die Sonne nicht mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen und zuletzt in sein Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet, und der Alte hatte sich denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf den Bettrand setzte, sagte er mühsam lächelnd: „Einsteigen nach Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm bis zum letzten Atemzug, der alte Storrek starb als Philosoph. Fenn machte bei ihm einen schüchternen Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte, das war einer, der hatte zu altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil er zu reifen gewußt hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’ gle’wen!“ sagte Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich weiter keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so solle er ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine alte Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen die Blätter am stärksten abgegriffen waren.
„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.
„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so schön.“
Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies, drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht mehr aufzuwachen.
Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es war noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und als es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.
„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“ Es hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich schmollend vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein Mundwerk lag an der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen gerade gut im Zug war, spannte sich die Kette und es kroch mit einem vorwurfsvollen Au! für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.
Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von Lourdes seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es einmal stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das Lieschen genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht und Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm darüber nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam seiner Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel Vergleichen aus dem Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der Vater saß auf einem goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch heller, viel heller, aber man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die Augen weh taten. Über dies „Anschauen“ machte sich Lieschen viele Gedanken, und es erwartete davon eigentlich die Hauptsache. Dabei war es sicher, daß man es da droben wie eine alte, liebe Bekannte empfangen würde, wie eine Kusine etwa, oder eine Tante, für die das ganze Haus zum Empfang an den Bahnhof geht, und die das beste Zimmer im Haus bekommt.
Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.
Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere kennen, und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die Kranken für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts des Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem Wirkungskreis kommen konnte.
Theo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß seine Gegenwart brauchte. Er überzeugte sich mehr und mehr, daß Fenn einem Scheideweg entgegenging.
Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte, der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern alle Möbel und Mauern durchdringt.
„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“ sagte Theo.
„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.
„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs Gemütlichkeit.“
„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.
Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist du dafür geschaffen?“
Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich habe den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen, daß ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln kann.“
„Was fällt dir daran am schwersten?“
„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann. Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich meine Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind mir feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken kann, ist das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung meiner Kräfte verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine Verheißung. Das Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich angeht, der vollen Erfüllung entsagen.“
Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.
„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich bin nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von unreinem Eigennutz.“
Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender Geschlechter ist? Daß eine menschliche Entwicklungsreihe im Aufstieg nur positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der Entsagung?“
„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden Entwicklungsreihe an?“
„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den Putty Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen Menschen des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen Menschenrohmaterial der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche anzustellen. Manchmal greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht veredlungsfähig, oder es ist schon selber ein Produkt des Verfalls – gelöschter Kalk. Dein Freund Lampert ist solch ein keimunfähiges Individuum. Putty Heinen – ja, der ist ein Fall für sich. Bei dem hat die Natur nicht weit genug ausgeholt, es langt nicht für eine Geschlechterreihe. Du wirst sehen, das Auf und Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich ganz in ihm allein und dann ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das ausdrücken? Eigentlich kenne ich sie nicht genug –“
„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen wird,“ sagte Fenn gedrückt.
„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst. Jetzt heißt es –“
„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus dem Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“
„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du schwerer Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen, das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir vorhat.“
„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann – an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“
Eine erste Folge dieses Gespräches war, daß Fenn Kaß sich eifriger als je in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines Tagewerkes dahinzog.
„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten Triebe verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um sich kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu verdienen, das er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er heraus – würden ihm treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei Kamps zum Beispiel. Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er der gute Kamerad, der sie verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er war ein Trottel, aber doch eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller Bauer, mit dem er selten ein Wort wechselte, aber aus dessen Augen wirkliche Verehrung und Treue ihn anblickte. Dagegen die andern, von Pfarrer Brendel angefangen bis zum sanften Emil und seiner Erbtante – Beschränktheit, Boshaftigkeit, und dazwischen die schwere, interesselose Masse der Gleichgültigen, die um Hirn und Herz die dicke Kruste ihres Habsuchtsinstinktes trugen.
Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit so in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer dunkler und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen.
Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als sie sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten Male hier.“
Frau Kaß machte große Augen und fragte: „Wie, Marjänni, zieht ihr fort?“
Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr kommen, mein Mann hat es verboten.“
„Oh! verboten! Und warum das?“
Marjänni fing noch heftiger an zu schluchzen. „Es ist so schlecht, ich kann es nicht sagen!“
„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.
„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“
„Nun?“
„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen entquoll ihren verschwollenen Augen.
Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig verstanden: „Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit unserm Fenn ... Wer sagt das?“
Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog. Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre Erzählung.
Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit der Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit dem Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden beim Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn gegangen war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine Pfeife Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr alles ins Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte. Er glaubte es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht mehr, daß Marjänni im Kaplanshause verkehrte.
Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist gut, Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er soll gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Unser Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus, wir bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas wüßtest. Ich kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir den Ruß fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von denen sich verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die Freude sollen sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles und grämen uns darüber.“
Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und tu, wie ich dir gesagt habe.“ Dann kniff sie die Lippen zusammen und schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.
Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte. „Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt verunglimpft!“
Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem in sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble Klatsch, wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen und an ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.
Dem Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den Tag legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung des Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.
„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.
Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und Frau Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß auf Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen einzuladen. U. A. w. g.“
Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?
Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau den Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.
Fenns Mutter redete ihm zu, daß er sich nicht ausschlösse, und er ging mit zu Peppingers.
Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse des Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten, standen oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn Peppinger Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte wie kein anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine Bekannten machten ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie kannten, aber von seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie mit unbegrenzter Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand er immer auf dem besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der Umgegend wußten den Weg zum und vom Hause Peppinger in der stichdunkelsten Nacht zu finden.
Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war à la frommer Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine wasserblauen Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer, der ihm lässig und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus einem unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die gern Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person, die jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit „das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden einzelnen willkommen hieß.
Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre mit Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.
Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und Busenfreund Peppingers sagen:
„Brebacher, da ist ja auch dein Kaplan.“ Pfarrer Brendel nahm davon keine Notiz.
Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger tat ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von seiner Tante, was sich schickt.
Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach gekommen sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein echtes altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja, meinte Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.
„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch schöne neue Sachen.“
Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und Tischchen, Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über den Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich Erklärungen zu geben.
„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von Stil hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen Fenn und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.
Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die beiden hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:
„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“ rekapitulierte Pfarrer Schock.
„Die Vierer machen sich wieder.“
„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“
„Da dachte ich an ein Glas Bier.“
„Ganz recht, das erfrischt. Und dann gibst du von deinem alten Volnay, dem 84er.“
„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“
„Er muß getrunken werden, er verliert.“
„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu den Krebsen?“
„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen Weißwein zu trinken.“
„Schön. Und dann?“
„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“
„Ich weiß nicht, ob davon ...“
„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei Dutzend Flaschen.“
„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.
„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann von der letzten Sendung.“
Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.
Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern empfangen. Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe des Kutschers Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer die Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So, meine Herren!“ zu Tisch.
Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber blitzende und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber Peppinger!“ seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“ flüsterte die Frau ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr Seimich, ein spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und erloschenen Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und hub das Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem Kneifer herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick nach oben und einem leisen Kopfschütteln über dem Gebet die Achseln. Dann zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die Soutane in Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein weitausholendes Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der Hausfrau begann das Auftragen.
Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen, dem Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem pfiffigen Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend rotes Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze Rommelfangens hefteten.
Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte die Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken, daß er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.
Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun. „Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“
Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und alle fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich konnte den Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem französischen Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt, daran werde er wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß hieran teilte er Frau Peppinger Näheres über seine chronischen Verdauungsbeschwerden mit.
Das Gespräch wollte zuerst nicht recht in Fluß kommen. Nur die Jüngsten, an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten halblauten Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus, zwischen Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé Rommelfangen ins Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie hatten für ihn einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine Schreibweise, die populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte ihnen, weil sie im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie wußten, daß er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet, wo er grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem Hochwürdigsten Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur größeren Ehre Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die Geschehnisse aus ihren Ortschaften und warben Abonnenten.
Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß, weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.
Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die Kandidatur Peppingers ankündigen sollte.
Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im Besondern und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken in Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in seiner Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine Inferiorität gelten. Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden Backen kauenden Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte für Literatur kein Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine schwungvolle Landwirtschaft mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und Bienenzucht. Er klopfte mit der Messerspitze auf eine neue Portion Hecht, die er auf das leise Zureden des Kutschers Dominik sich heruntergelangt hatte und sagte kauend über den Tisch hinüber zur Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die hochbeladene Messerspitze zärtlich zum Munde führte.