Erstes Buch
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Erstes Kapitel
Zwischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen, dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer französischer Aufschrift „Auberge. – On loge à pied et à cheval. – Epicerie.“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: Obourg, – ein anderes die Worte: Poudre de chasse, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen. Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen, spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases, das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die Zinsen aufzubringen.
An einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten Augen zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er mühsam und unverdrossen auf den Speicher geschafft hatte. Der Platz war noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber gebeugt, in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum durch die Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im Halbdunkel des sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm Dach die Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des Dachstuhls gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener Buchenrinde, nach süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier. Der Junge setzte seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine plumpe Säule der Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um diesen herum war das Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der Junge den Inhalt des Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer Speicherecke, von einer offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte sich damit unter eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch langte. „Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das Buch dicht an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und vergaß über Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes auf den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er in eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen, sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob er nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und nahm aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am Stiel entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken am heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine übereinandergefaltet, dem Knaben zu. Sie war eine gute Haut, und alle mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“ und „Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans Oberbayrische anklingenden Diphthongen und einer Beimischung französischer Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem Speicher oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor, und sein offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte den Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der Herr Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde. Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in seine Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem Goldtitel in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen, Kirchenväter und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden Kattunvorhängen. Der Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich. Dasselbe gütige, weiße Gesicht, dieselben sanften Augen, nur tiefer und klüger hinter den starken Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich vierzig Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta, I. Preis, Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig. Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“ herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
Sein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in Wiesing gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht. Der Mathias war zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern und darum nach Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie eingeheiratet hatte. Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette überschlagen, beim jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der Altvordern wieder ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet, einer stillen, derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der ganzen Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn taufen lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem Bedürfnis nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib drin steckt und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank zu halten, oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen oder bei feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und Kindtaufe – ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz zimperlich vornehm in der Hand zu tragen.
Papa Reining, den Fenn zum Essen rufen sollte, war der Vater des Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“, offiziell hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im schwarzen Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig zum Lehrer Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames Empfinden, an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen Geschmack der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus, das die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die Töchter Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen Abenden saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene Pfeife, sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder. Dann kroch Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu den Füßen des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen Wagen“ die drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und den Stiel mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man weiß nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder die kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause hinzog, auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher wurzelten die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden, die er bei Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so funkelnagelneu nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall wurde ein Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß alle Kinder sagten, sie könnten nicht bis auf den Grund sehen, beinahe fußtief. Und aus gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden Stäbchen mit doppelt geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat gebaut, an dem aus der Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten, bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe Töchter gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder, eins nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die Reihe, und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen Durchprügeln einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah ihm dabei ohne Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe tun. Aus seinen ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche Heldentaten, die ihm die Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit dem mundfixen, hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse eingelassen hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten die Kameraden Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber fein, begabt, phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die sich nicht gern an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in einen Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort gierig an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte Gespiele, Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im Augenblick am meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der Lampesch Fiß (Fils), so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten Lothringer Bauernsöhne, war der reichste Bauer auf viele Stunden im Umkreis. Manche im Dorf hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das fatale Wörtchen „gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß hatte schon in jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von ihm auch weiter nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das Protzentum hatte er von ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen, wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb belustigten, halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn abberief. Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn einmal „Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte, schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit einem aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um Haus und Hof gegangen!“
Braun lachte gemütlich und kraute sich hinter dem Ohr. Er gedachte der ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von der großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher Nächstenliebe verloren hatte.
Als Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so folgenschweren Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er überhaupt nicht. Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff ihn seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer, von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und Zeigefinger hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging, die vom Tor des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten. Einzelne rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte er damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort stand Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes Gebet „für die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier das Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie mehr tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr Sonntag für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen beten? ... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem schiefen grauen Kreuz, über das jetzt riesige Sonnenblumen ihre schweren Köpfe hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als die andern, aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte sehen müssen. Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr verstohlen zunickte, winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine Sekunde lang ihre dunkeln Augen und betete weiter, ernst und altklug, als müßte sie ganz allein alle armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der Gedanke an sie ging heimlich hinter ihm her in die stille, dämmerbraune Kirche, in der seine Schritte hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß die erste in ihrer Bank. Während im Hochamt das Credo oder in der Vesper die Psalmen gesungen wurden, saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in einem Seidendamastsessel, rechts und links die beiden Meßdiener. Das sind die feierlichsten Augenblicke im Dasein eines Dorfjungen. Die Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem Weihrauchduft, wie im Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese, durch die die Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht, bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind, summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet, wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach der es sich sehnt.
In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die Sonntagsstimmung der Gemeinde, alles war für Fenn manchmal nur ein Rahmen um das schöne weiße Gesicht Marjännis.
Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke von Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben waren.
Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit lautem Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.
Ein Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl gesagt zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie alte Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere Kennzeichen.
Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige Bub ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge sprechen konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.
Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten Schusters. War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie jung gewesen. Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert nicht eilig durch die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte es immer eilig. Und immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen Kittel, eine „Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken Seite die mit Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit hervorbaumelte.
Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer des Schusters erleuchtet. Da schob er von der untern Türhälfte den Riegel zurück und ging hinein.
Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle in einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen stand.
Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand, schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz dich, Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich nach der Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.
„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.
„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor werden willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter Bissen bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als Zeitvertreib, das ist euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen machte er ein Punktum hinter seinen Satz. Durch jahrelange Schnupftabakorgien war seine Nase zu einem vorlauten Resonanzboden für seine Kehle geworden.
„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit einem Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal gelehrt bin, weiß ich mir andre Sachen.“
„Ei was denn, zum Exempel?“
„Ich baue Maschinen.“
„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre gegangen.“
„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“
„So studiere auf Inschenier.“
„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige, der tut alles, weil er muß, ums Brot.“
„Gezwungenheit ist Gott leid!“ sagte der Schuster und zog eine Prise Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch. „Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als daß du deine Predigt studierst.“
„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig bleibe.“
„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der Schluß des Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die doppelt emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.
„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“
Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.
„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein Paar Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der Schund ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag, er soll sie dem Jud verhandeln.“
„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte Fenn, plötzlich neugierig geworden.
„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land nach dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und wenn einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der andere das Wasser ab und schlachtet den Hof.“
„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem Schimmer von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut gewachsen sein könnte.
„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an die Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder in die Ecke – „dann merke, dann geht’s mit ihm in die Binsen.“
„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg gehört.“
„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben. Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch wieder auf den Rücken zu liegen.“
Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach einer kleinen Pause:
„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den Heine Putty und den Fritz.“
„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“
„Der Wöllem fährt.“
„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den Lump morgen abend auflesen würden.“
Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:
„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“
„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch, wenn sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf, der Putt wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert schon heute um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen Eckstein. Denk an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter Schuhe, die er sich selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und werd mir nicht krank in der vermaledeiten Stadt.“
Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.
Als Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty, Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.
„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.
„Nein.“
„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“
Da nickte Fenn und schloß sich an.
Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen, zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu jedem Kern in ein großes Butterbrot.
In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke und Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für einen schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den Wänden den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur wer genau hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz brüchig, undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich losgelöst hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.
Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“
Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen. Der Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“
Putty und Marjänni langten zu.
„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß immer aus der Tasche naschen.“
Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick hinüber.
„Eßt, Kinder,“ wiederholte der Bauer mit schwerer Zunge. Und nach einer kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er sich das letzte Glas aus der Flasche ein.
„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus Langfuhr.“
„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“
„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“
Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem Hackenstiel heruntergeschmissen!“
„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine mehr davon?“
„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“
„So laß es bleiben.“
Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an der Kreuzstraße gekauft hatte.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was sie für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung an der Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel knifflicher sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den halsbrechenden Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé, erklärte die Regel de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für Kinderspiel und wußte alle französischen Beiwörter auf al, die in der Mehrzahl ein s annehmen, so rasch an den Fingern herzusagen, daß dem verblüfften Fritz ein angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde herausfiel. Und dann zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen würde.
„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein ganzes Dutzend Handtücher haben ...“
Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs Konvikt bestand.
„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater Lampert.
„Wieviel Nachthemden bekommt ihr mit,“ fragte Fritz die Kameraden, um einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.
Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“
„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich. Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.
„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.
„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.
„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat, denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“
Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr ist.
Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“
Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in der Stadt Schneidergeselle gewesen war.
„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den können wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch Geld auf dich heraus!“
Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe.“
Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr nicht da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf den Tisch.
Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft: „Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“
Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“
„Ins Bett mit euch!“ brummte der Bauer, plötzlich unwirsch.
„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse einsteckt!“
Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“
Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“
Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm weiterhilft. Ich nicht!“
Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes ein Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab es her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf den sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.
Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für ihn sorgen!“
„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch vielleicht den Beruf nicht hätte?“
„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu einer das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“
Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.
Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum einer nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.
Zweites Kapitel
Der alte Wöllem kroch früh morgens um drei aus dem Strohhaufen, den er sich in einer Ecke des Pferdestalls zum Nachtlager ausersehen hatte. Er tastete sich bis an die Stelle, wo an der Mauer die viereckige Laterne hing, klaubte aus der Westentasche ein Schwefelholz und zündete die Ölfunsel an. Dann dehnte und reckte er sich in seiner ganzen Länge, streckte den rechten Arm nach oben und den linken Arm nach unten aus, kratzte sich gähnend mit beiden Händen den struppigen Kopf und stopfte sich unter allerhand Morgengeräuschen eine Pfeife. Ein paarmal noch mußte er beim Gähnen den Stummel aus dem Munde nehmen, dann war die Maschine in Schwung, Wöllem ging an seine Arbeit. Er war ein knochengewaltiger, schiefbeiniger Hüne, mit den dummen, treuen Augen eines satten Stiers. Haare und Bart waren kurz und dicht, zottig und mißfarben wie das Winterfell eines Tieres im Wald.
„Hü! Charlotte!“
Wöllem ließ klatschend seine Riesenhand auf die breite Kruppe eines Apfelschimmels fallen, der mit eingeknicktem Hinterfuß in Morgenträumen versunken stand. Dumpfes Rasseln einer Kette am Holztrog gab Antwort. Wöllem hängte die Laterne an einen Pfosten und begann mit der Morgentoilette des Schimmels. Ab und zu gab er ihm einen wohlwollenden Klaps, oder sagte, mild verweisend: „Steh, Luder! – Hömm, Tockkapp!“
Wöllem war nicht der Mann der extremen Gemütsbewegungen. Der Strom aus seiner Gehirnzentrale brachte auf dem Weg durch die Nervenstränge nie die Sicherungen zum Schmelzen, und nie züngelte bei ihm die Flamme des Affektes auf.
Einmal nur war Wöllem furchtbar geworden. In seiner Jugend war er, wie so viele seiner Landsleute, in Paris Kutscher gewesen und hatte sich ein Weib genommen, eine Pariser Kammerjungfer, ein leckeres kleines Ding mit warmen Sammetaugen. Eines Tages wurde er krank und lag sechs Wochen lang im Spital. Als er herauskam, war ihm das leckere kleine Ding mit einem Holzbildhauer aus dem Quartier St. Antoine und mit seinen ganzen Ersparnissen durchgegangen. Wöllem saß einen Tag und eine Nacht in der leeren Wohnung und wartete, daß sein Weib heimkäme. Bis ihm die Frau des Concierge die Wahrheit sagte. Da hatte er alle Möbel in der Wohnung kurz und klein geschlagen, war zum Mastroquet an der nächsten Straßenecke gegangen, hatte sich unmenschlich besoffen und spät abends alle Gäste einen nach dem andern durchs Fenster auf die Straße geworfen, den Wirt zuletzt. Dann hatte er sich, weinend wie ein Kind, von der Polizei abführen lassen. Seither war Wöllem ein ruhiger Sonderling und Weiberhasser. Und das einzige, was ihm an seinem Liebling, der Schimmelstute, nicht imponierte, war der dumme Weibername.
Jetzt zog Wöllem den Leiterwagen, der für die Fahrt auf der Tenne bereit stand, auf den Hof hinaus. „Mhm!“ machte er verwundert, als er wahrnahm, daß der Bauer im ersten Stock auch schon Licht hatte.
Er schöpfte aus dem steinernen Viehtrog neben dem Ziehbrunnen beide Hände voll Wasser, fuhr sich damit prustend ein paarmal übers Gesicht, prustete wieder, schneuzte sich in die Finger und überließ es der Morgenluft, sein nasses Gesicht zu trocknen.
Während er die Charlotte in die Deichsel schirrte, kamen von fern hallende Schritte durch die Morgenstille. Das Schneiderhinchen war’s mit Putty, beide fröstelnd, die Kragen hoch, die Hände bis an die Ellenbogen in den Taschen vergraben.
Der Schneider machte sich herablassend an Wöllem heran. Dabei suchte er durch heftiges Räuspern seiner Stimme einen tiefen Klang zu verleihen, um gegen den Brummbaß des Alten nicht gar zu sehr abzustechen. „Ein schönes Tier,“ sagte er und ging sachverständig um die Charlotte herum. „Ein prächtiges Tier.“
Die Charlotte widmete dem Schneider einen teilnahmlosen Blick. Er war aber auch ein zu unansehnliches Männlein, mit seinem speckweißen Nußknackergesicht. Die spärlichen gelben Schnurrbarthärchen schienen eins nach dem andern in die Haut gesteckt. Wöllem brummte etwas in den Bart und humpelte an die andere Seite des Wagens. Der Schneider ihm nach: „Ja, ja, Lampesch Fiß muß immer die schönsten und mutwilligsten Pferde im Dorf haben!“
Wöllem knurrte etwas lauter und stieß der Charlotte die Kandare ins Maul. Dann kleidete er seine Verachtung in Worte: „Wat verstäht e Schneider vun de Pärd?“ Und was ihm wohl das Hinchen herausgibt für jedes Jahr, das die Charlotte mehr als 25 ist? Und ob er meint, die wackelt auch nur mit den Ohren, wenn man ihr einen Topf voll Mostrich mit Pfeffer unter den Schwanz schmiert?
Eine so lange Rede hatte Wöllem seit Jahr und Tag nicht mehr gehalten. Sein Redebedarf war damit für die nächsten Stunden gedeckt. Jetzt kam auch Fenn mit seiner Mutter. Schneiderhinchen sagte ihnen guten Morgen und fand es rücksichtslos, daß der Lampert immer noch nicht heruntergekommen war. Es dauerte übrigens nicht lange, da ging die Haustür auf, und Lampesch Fiß rief über den Hof, noch heiserer, als gewöhnlich: „Wöllem, sin se do?“
„Jo, hei si’ mer!“ antwortete eilfertig der Schneider. Und zu Frau Kaß und Fenn gewandt, halblaut: „Kommt, e’ muß eng Dröppchen zum beschte gin.“
„Nä, bleiw eweg, Fenn,“ wehrte die Frau. Sie wollte sich wohl von dem Bauer fahren lassen, weil es nicht anders ging, aber Speise und Trank von ihm annehmen oder gar aufdringlich scheinen, das widerstrebte ihrem Stolz und Feingefühl. Sie wollte ihm nicht mehr zu danken haben, als unbedingt nötig war.
Der Schneider mußte mit dem Bauer tatsächlich einen furchtbar starken Schnaps und noch einen trinken, und als man schließlich aufbrach, bekam er eine halbe Stunde den Mund nicht mehr zu.
Vorn, hinterm Pferd, saß Wöllem auf der Deichsel, ließ die Beine mit übereinandergelegten Füßen seitwärts herunterbaumeln und hielt die Enden der Zügelleine im Schoß. Zwischen den Wagenleitern standen die drei Koffer, die die Habseligkeiten der angehenden Pennäler bargen: vorn der des jungen Lampert, ein altes Familienstück mit Fellstreifen benagelt, hinten der Koffer Fenns, vom Schreiner neu gefertigt und schwarz lackiert, in der Mitte Puttys Bundeslade, in strahlendem Himmelblau. Auf jedem Koffer saßen die zugehörigen Passagiere.
So polterte der Wagen durch die dämmerstillen Straßen, an der Auberge vorbei, wo im Dunkel die beiden weißen Porzellantöpfe vom Fenster her schimmerten und die Silberpappeln um das Altarkreuz eine gespensterhafte Schattenmasse bildeten. Alles schlief noch, nur da und dort hinter einem Fenster oder einer Stalluke bewegte sich der träge Flügelschlag eines schwachen Lichtscheins. Aus den Misthaufen dampfte es weißgrau. Und vorn rechts im Osten kündete ein bleifarbener Horizont den kommenden Tag.
Schläfrig zog die Charlotte den schweren Wagen über die Straße. Wo es bergauf ging, ließ sich Wöllem von seinem Sitz heruntergleiten und trabte schwerfällig neben dem Schimmel her. Großer Ahnungen voll saßen oben die drei Knaben. Das war nun die Straße, über die sie so oft ihre Gedanken nach der Stadt geschickt hatten. Für ihre Dorfbubenphantasie war „die Stadt“ der Brennpunkt alles gesteigerten Lebens: Straßen, in denen immerfort Menschen gingen, Kutschen, Schaufenster mit tausend Dingen, deren Bestimmung sie nicht kannten. Und das „Athenäum“ mit dem großen braunen Tor und der kleinen Nebentür, der einzigen in der ganzen Stadt, an der keine Klingel, sondern noch der uralte Türklopfer hing. Als sie das letzte Mal mit der Muttergottesprozession in der Stadt waren und schon wußten, daß sie nächsten Herbst selber „Student“ werden sollten, da hatten sie mit großen Augen und offenem Mund vor dem Hoftor gestanden, bei dem das Pennälervolk lärmend hinein- und herausgeströmt war. Fenn erinnerte sich genau eines hochgeschossenen, fahlen Buben, der einen Kneifer trug mit einer dicken, schwarzen Schnur, die übers rechte Ohr gehängt war. Der war vor den drei Gaffern stehen geblieben und hatte eine fürchterliche Grimasse geschnitten. Es war zu einem Auflauf mit Indianergeheul gekommen, und Fenn biß noch jetzt, bei der Erinnerung daran, die Zähne zusammen und ballte die Fäuste.
„Hüh! Charlotte!“ – sagte Wöllem manchmal aus seinem Morgenhalbschlaf heraus. Der Schneider erzählte merkwürdige Ereignisse aus dem Leben seines Sohnes, Ereignisse, die Puttys Intelligenz in das hellste Licht rückten. Auch manche spaßhaften Anekdoten. Der Bub schämte sich. Nicht so sehr, weil mit seinen Gaben geprotzt wurde, wie deshalb, weil er von seiner Mutter wußte, daß das meiste erfunden war, und er auch schon ein paarmal im Dorf Erwachsene unter sich wie etwas Selbstverständliches hatte erwähnen hören, der Schneider lüge das Blaue vom Himmel herunter. Aber er wagte kein Dreinreden und war froh, als sein Vater schließlich vom ungewohnten Birnenschnaps übermannt in sich zusammensank und mit dem Kinn auf der Brust im Sitzen einschlummerte. Der alte Lampert stierte, die krumme Pfeife in den Mundwinkel gehängt, stumpfsinnig vor sich hin. Fritz unterhielt sich mit Putty über die Zukunft. Beide hatten vom Leben im bischöflichen Konvikt, in dem sie unterkommen sollten, mancherlei gehört, sie erwogen allerhand Möglichkeiten, z. B. wenn so’n Stadtfrack sie über die Achsel ansähe oder ihnen gar frech käme. Fritz sagte, er werde ihn in die Fresse hauen, Putty wußte vernichtende Antworten, mit denen er die Frechlinge zu Boden schmettern würde.
Frau Kaß saß in sich geduckt mit ihrem Einzigen zu hinterst im Wagen und erwog im Morgendämmer mit ihm flüsternd, was nun in naher und ferner Zukunft werden sollte. „Laß die beiden andern ihre Wege gehen, halt dich abseits,“ sagte sie leise und stieß ihn mit schlau warnendem Augenzwinkern an. „Was hast du mit dem Bauer und mit dem Schneider zu schaffen?“
„Ich weiß was ich tue,“ sagte er zweideutig, und dachte bei sich, die Mutter kennt sich in Männerangelegenheiten nicht aus.
Und dann sprachen sie über den Vater, daß seine Gesundheit nicht die beste sei, daß die Mutter zum Frühjahr jemand auf eine Zeitlang in Tagelohn würde nehmen müssen, um die paar Äcker zu bestellen, die ihnen gehörten. Und Fenn sprach von der Zeit, wo er Kaplan wäre und die Mutter, wenn sie allein geblieben wäre, zu sich nehmen würde. Dann wurde es auch zwischen ihnen eine Zeitlang still. Bis sie ihm auf den Höhen bei Alzingen die Geschichte erzählte von dem letzten Mann, der droben auf dem Galgenberg gehängt worden sein sollte.
Es ging auf halb sieben, als sie hinter Hesperingen vom Hochwald aus die Stadt erblickten. „Da seht, Jungens,“ sagte der Bauer lässig und deutete mit der Pfeife hinaus, „da liegt euer Käfig.“
Drei Bubenhälse reckten sich. Man sah die breite, fensterreiche Front und das spitze Türmchen des Konvikts weit drüben, hinter dem Qualm des Bahnhofs, aus dem Morgennebel ragen.
Die Charlotte setzte sich bergab in einen schläfrigen Trab. Das Achtergeschirr hopste auf ihrem breiten Hinterteil hin und her. Wöllem hopste auf seinem unbequemen Sitz im Takte mit, und wer oben auf dem Wagen zu sprechen versuchte, dem sprangen von dem heftigen Schütteln des Wagens die Worte wie Scherben über die Lippen.
In der Stadt war noch alles still, am Bahnhof, auf der schmalen, hohen Brücke, in der Maria-Theresienstraße, durch die sie fuhren, an der alten Kaserne und dem Spritzenhaus vorbei, nur ein fröstelndes Milchweib lief mit zwei Blechkrügen von Tür zu Tür, und ein Hund durchschnupperte geschäftig die Müllkasten. Der Bauer schickte Wöllem zum Konvikt voraus und lud die Gesellschaft auf eine Tasse Kaffee in den Goldenen Anker. Frau Kaß fand eine Ausrede und ging derweil nebenan in die Liebfrauenkirche, wo sie für ihren Einzigen einen Rosenkranz betete. Der Ankerwirt interessierte sich für die jungen Studiosen, da er es selber seinerzeit bis Prima gebracht hatte. Er fragte, wo sie denn wohnen sollten. Ja, ins Konvikt gingen jetzt viele. „Das bringt der Stadt noch lange keinen Vorteil, daß ihr’s wißt!“
Und er schimpfte in volkswirtschaftlichen Vokabeln über die Konkurrenz, die keine Steuern bezahle. Die drei Knaben waren durch seine Rede sehr niedergeschlagen; es fiel daraus der erste Schatten auf ihre blanke Freude an der Zukunft. Da war also schon einer, der erste, der ihnen nicht lauter Glück auf den Lebensweg wünschte, wie sie es bis jetzt gewohnt waren.
Frau Kaß kam aus der Kirche, und man ging zusammen hinaus vor die Stadt, wo die letzten Häuser stehen und als allerletztes das große Haus, über dessen Toreinfahrt man einen Schutzengel aus Zementguß sieht, wie er einem Knaben mit dem Finger den Weg nach oben weist. Darunter der lateinische Spruch: angeLVs CVstoDiat ConViCtVM[1] als Chronogramm, eine Kunstform, die gern von der feierlichen Borniertheit gepflegt wird. Buben, die der kleinen Karawane über den Weg liefen, streckten die Zunge heraus und schrien: „Äh, äh! Bouletten! Bouletten!“ Den Spitznamen Bouletten hatten die Konviktsschüler bekommen, weil die Sage ging, daß sie öfter als ihnen lieb war, mit Fleischklößen gefüttert würden, die auf Französisch und somit auch auf Luxemburgisch Bouletten hießen. Der Schutzengel aus Zementguß über dem Tor und sein kleiner Schützling waren mit einem mächtigen violetten Tintenspritzer über und über bekleckst. Ein unentdeckt gebliebener Attentäter hatte ein Fläschchen „Tinte für die elegante Welt“ in einem unbewachten Augenblick dem Engel vor den Leib geworfen, um dem Konvikt einen Schabernack zu spielen.
Vor der Einfahrt und bis weit in den Hof der Anstalt hinein hielt allerhand Fuhrwerk, fein und grob. Neben gewöhnlichen Leiterwagen stand der char à bancs, über dessen Holzsitz als Pfühl ein Kopfkissen mit weiß und rot kariertem Überzug gebreitet war, und dessen Deichsel ein schweres Ackerpferd mit unförmlich dickem Rumpfe ausfüllte; und der feinere Phaëton des Herrenbauern, der schon dafür sorgt, daß unter seinen Gäulen einer ist, der sich als Kutschpferd sehen lassen kann. Wöllem trottete, die Pfeife im Mundwinkel, den Kittel vorn in einen Wulst gedreht, den er durch den Brustschlitz durchgesteckt hatte, zwischen den Wagen hindurch, besah sich jedes Rad, jeden Huf und jedes Stück Geschirr mit ruhiger Genauigkeit, spuckte aus und ging weiter. Die drei Knaben sogen aus seinem Anblick unbewußte Aufmunterung. Die unwirsche Rede des Ankerwirts, das Schimpfwort der Buben vorhin und das besudelte Schutzengelbild hatten ihrer Überzeugung, daß dies eine allgemein verehrte Stätte der Jugenderziehung sei, einen argen Stoß versetzt, sie spürten etwas wie ein feindliches Regen um die Welt herum, zu der sie nun gehören sollten, und der Anblick eines stillen Kraftmenschen aus dem Kreise, in dem sie bodenständig waren, stellte ihr erschüttertes Selbstvertrauen wieder her. Nur Putty empfand beschämt den Gegensatz zwischen dem derben erdfarbenen Fuhrknecht und einem geputzten jungen Mädchen, das sich eben in der Tür an der Pförtnerloge von ihrem Bruder mit einem schallenden Kuß verabschiedete. Er hörte auch, wie der Bruder mitten in den Schmerz des Abschieds hinein flüsterte: Vergiß nicht meine Schokolade!
Durch einen langen, hallenden Korridor, an dessen fernem Ende Nonnen und Dienstmägde mit gesenkten Häuptern vorbeihuschten, gingen die sechs Wiesinger, voran das Schneiderhinchen, zum Herrn Direktor, um sich anzumelden. Sie gingen langsam und bedächtig, wie durch eine Kirche. An den Wänden hingen deckenhohe, stark nachgedunkelte Ölbilder in schwarzbraunen Eichenholzrahmen. Nur da und dort ein Fleckchen Himmel, ein verzücktes Gesicht, ein paar hellere Gewandfalten konnte man darauf unterscheiden.
„Alles von Raffael!“ sagte das Schneiderhinchen obenhin mit einer allumfassenden Gebärde.
„Was stellt es vor?“ fragte Lampesch Fiß.
„Es ist eine Himmelfahrt,“ meinte Frau Kaß schüchtern und unsicher, mit den Fingerspitzen der Linken am Mund.
Über die Galatreppe in der Mitte des Korridors stiegen sie in den ersten Stock und kamen, immer langsamer und behutsamer auftretend, über einen Teppichläufer in das Vorzimmer des „Alten“.
Man kann nicht gerade sagen, „der Alte“ sei im Munde der Konviktoren ein Spitz- oder Spottname für den Direktor gewesen. Die Bezeichnung hatte für sie einen starken Beigeschmack von Angst und Ehrfurcht. Abbé Kleyer war eine kindliche Fanatikerseele in einem langen, sehnigen Athletenkörper. Er besaß gerade jene geistige Überlegenheit, die er brauchte, um kindliche Gemüter zu beherrschen. Auf sie wirkten seine Worte wie Flammen und Dolche. Die Achtung der übrigen Menschen sicherten ihm seine schrankenlose Ehrlichkeit und die aufrichtige Inbrunst, mit der er das kleinste zu adeln trachtete. Es war, als hätte er auf der Straße das Pathos gefunden, alt, abgenutzt und verachtet, und hätte sich mit solch starkem Glauben an dessen Schönheit und Göttlichkeit hineindrapiert, daß die einen ihm direkt die Schönheit glaubten und die andern seinem Wort die fadenscheinige Pracht nicht übelnehmen konnten, da er sie so ganz aufrichtig für königlichen Purpur hielt.
In dem kleinen Vorzimmer mußten sie warten. Der Fußboden war sauber gebohnt, vor jedem der sechs Rohrstühle lag eine runde, farbige Strohmatte. Durch die weißen Tüllvorhänge am Fenster sah man die Rücken der steinernen Heiligenbilder, die draußen auf dem Balkongeländer standen. Fenn stieß die Kameraden an und zeigte ihnen auf dem Glacis jenseits des Tales, über dem sich die Anstalt erhebt, eine Abteilung Soldaten, die dort ihren Exerzierplatz hatten. Ab und zu klang gedämpft ein Hörnersignal herein. Nebenan hörte man Stimmen. Eine Frau redete ohne abzusetzen, ein Mann warf ab und zu in den Redefluß den Brocken eines brummenden Wortes, der gleich überschwemmt und ersäuft wurde – bis die Dolch- und Flammenstimme des Direktors einsetzte.
Frau Kaß erschrak, Lampert machte voll Anerkennung: „Huitt!“ und das Schneiderhinchen sagte: „Den müßtet ihr mal predigen hören!“
„So, hast du ihn schon gehört?“ fragte der Bauer ungläubig.
Das Schneiderhinchen, wegwerfend: „Ei natürlich, wie oft schon!“ Und dann winkte es ab mit einer Gebärde der Spannung: „Horcht!“
Von drinnen kam es deutlich durch die Tür: „Madame, das ist alles dummes Zeug! Glauben Sie mir, das ist Affenliebe. Es wird Ihrem Jungen hier schon nichts passieren. Lassen Sie ihn ruhig da, wir machen aus ihm einen tüchtigen frommen Menschen, alles andere ist Nebensache. Was, kleiner Mann!“
Frau Kaß nickte ihrem Fenn zu: „Siehst du, was habe ich immer gesagt!“ Der Bauer gähnte schläfrig, der Schneider rief Putty mit einem strengen Pst! vom Fenster zurück, wo der Junge den Soldaten zusah. Drinnen wurden Stühle gerückt, die Stimmen näherten sich der Tür. Frau Kaß strich ihr Kleid glatt, der Schneider zupfte an seiner Krawatte, und nur der Bauer bewahrte seine Ruhe und sah mit teilnahmlosen, übernächtigen Quellaugen nach der Tür. Die drei Knaben reihten sich hinter den Erwachsenen auf, von denen jedes instinktiv die Hand nach dem Seinigen ausstreckte, damit nicht etwa eine Verwechslung vorkäme. Wie hypnotisiert starrten alle auf die Türklinke, die sich nervös, quietschend und knarrend hin- und herdrehte, ohne daß vorläufig die Tür sich auftat. Und drinnen redete die durchdringende Stimme des Herrn Direktors immer weiter, die Türklinke quietschte und knarrte dazu im Takt die Begleitung. Fenn fiel es ein, wie manchmal beim Fischen der Schwimmkork seiner Angel wie verrückt zu zucken und zu zappeln angefangen hatte und er in unbändige Aufregung darüber geraten war, was wohl für ein ungeheuerliches Unsichtbares diese komischen Bewegungen hervorriefe. Wie damals auf den Schwimmkork, sah er jetzt auf die knarrende Klinke, und wie damals auf seine Beute, so war er jetzt auf den Mann gespannt, der von nun auf sein Leben entscheidenden Einfluß gewinnen sollte. Dennoch konnte er sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht erwehren, des Bewußtseins, daß in dem, womit man ihm würde zu imponieren suchen, auch der Keim einer feierlichen Komik lag. Und plötzlich schien ihm das Spiel der Klinke so närrisch, daß ihm das Lachen herausplatzte, ehe er Zeit hatte, es zu verbeißen. Mutter Kaß erschrak und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. Dazu machte sie einen Mund wie die Öffnung eines alten Lederbörschens, durch dessen Saum eine fest zugezogene Schnur geht. Putty und Fritz lachten prustend mit.
Und dann ging die Tür auf, und in ihren Rahmen trat eine kleine rundliche Dame, elegant gekleidet, die ihr ebenso rundliches Söhnchen an den Schultern sacht vor sich herschob. Hinter ihr der Herr Gemahl, ein sichtlich wohlhabender Mann mit einer dicken goldenen Uhrkette, den das Ganze erheblich zu langweilen schien. Hinter diesen der Herr Direktor, die vier orgelpfeifenartig aufgebaut.
Frau Kaß hätte in den Boden sinken mögen. Sie fühlte zwei stechende graue Augen von ganz oben herunter auf sich gerichtet und neigte das Haupt, als müsse gleich etwas Heftiges, Furchtbares über sie niedergehen. Sie hörte kaum, wie der Herr Direktor die andere Gesellschaft verabschiedete. Die kleine, runde, elegante Dame mußte die Bäuerin antippen, damit sie ihr den Weg zur Türe freigab. Und dann hörte man das verzogene Söhnchen des vornehmen Ehepaares aufschluchzen und sah es im Hinausgehen sich an seine Mutter festklammern. Frau Kaß dachte: Er ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, er ist ein Muttersöhnchen. Wie doch die Reichen ihre Kinder verziehen. Und wie affig er angezogen ist! Da puffte Schneiderhinchen sie in die Seite, und sie sah die hohe, hagere Gestalt des Herrn Direktors dicht vor sich, sah die kleinen, seidenübersponnenen Knöpfe seiner Soutane blinken, sah wie eine von den beiden großen, bei der Schlankheit der Figur merkwürdig feisten, weißen Hände, die eben noch in einer stereotypen Bewegung den seidenen Gürtel hochgezogen hatten, sich ihr zum Willkommgruß hinstreckte. Und als sie aufzublicken wagte, sah sie die stechenden grauen Augen mit freundlichem Blick in die ihren gerichtet und hörte sich liebenswürdig von dem Gefürchteten angeredet. „Madame Kaß, Ihren Mann kenne ich. Kommen Sie herein – bitte, Sie können Ihre Sachen behalten. Herr Lampert, Herr ... wie ist schon der werte Name?“
„Heinen,“ flüsterte beschämt der Schneider.
„Ja so, Herr Heinen, bitte. Ei, ei, das ist ja eine ganze Stube voll Wiesinger. Nehmen Sie Platz. Der Fauteuil ist für Sie, Frau Kaß. Honneur aux dames! Die kleinen Männer müssen stehen, das schadet ihnen nichts.“
„Sie stehen gern,“ beeilte sich Herr Heinen entschuldigend einzuwerfen.
Herr Direktor Kleyer ließ die Augen prüfend über die neuen Zöglinge gleiten. Mit krausgezogener Stirn, die Lippen zusammengepreßt, daß alles Blut daraus zurückwich, den Unterkiefer krampfhaft vorgeschoben, ein Falzbein aus gelbem Buchsbaum an einen Stirnhöcker gedrückt, betrachtete er sie, als wollte er ihnen seine Blicke wie Pfropfenzieher ins Herz bohren. Putty und Fritz hielten es ein paar Sekunden lang aus und senkten dann errötend die Augen. Auf Fenn schien die Inquisition keinen Eindruck zu machen. Seine Augen begegneten ruhig den andern, die auf ihn zielten, und als ihm der Gedanke kam: Wenn du jetzt weiter so hinsiehst, denkt er, du bist frech – schlug er den Blick nicht nieder, sondern sah höher hinauf, an der schwarzen Gestalt vorbei, an die Wand, wo eine Kohlenzeichnung, das Porträt eines alten Mannes mit knochigem Charakterkopf seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann betrachtete er den schönen Gummibaum, der die Fensternische ausfüllte und seine großen, glänzenden Blätter bis unter die Decke hinauf breitete.
„Nun lassen Sie mich einmal raten,“ unterbrach der Herr Direktor das Schweigen, als alle Platz genommen hatten.
„Also das wäre der junge Lampert. Das sieht man auf den ersten Blick. Seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Meinen Sie?“ sagte der alte Lampert entgegenkommend. „Ich finde nicht. Er hat von mir keinen Zug, er ist ein Majerus. Sie hätten seine Mutter kennen müssen. Sehen Sie sich nur die Hände an!“ Und erlegte eine der milchweißen, sommersprossigen Hände seines Einzigen neben seine blaurote Alkoholikerfaust auf den Tisch des Hauses.
„Die Ähnlichkeit kommt erst später heraus,“ sagte Herr Kleyer milde und sachverständig.
„Und dies blasse Männchen ist Ihr Studiosus, Herr – Herr Heinen, nicht wahr?“
„Ja,“ bestätigte Schneiderhinchen kleinlaut. „Er ist ein bißchen blaß. Das kommt von der Reise. Aber sonst ist er kerngesund. Wir sind alle so. Schmächtig, aber stark. Ich habe schon mit 16 Jahren ...“
Der Schneider unterbrach seine Rede, als er sah, wie der Lampert verächtlich die Achsel zuckte.
„Und wer ist nun der Dritte? Hahaha! Wer mir das rät, kriegt ein Bildchen mit Spitzen!“ lachte der Direktor. Sein Lachen sollte ansteckend wirken. Dabei zückte er sein Falzbein auf Fenn Kaß. Der Junge spürte, wie ihn die Mutter mit der Spitze des Regenschirms ermunternd anstieß und unterdrückte eine unwillige Gegenbewegung.
„Du bist wohl mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?“ meinte Herr Kleyer noch immer wohlwollend, trotzdem Fenn unter seinen Blicken durchaus nicht schmelzen wollte. „Ein kleiner Querkopf, Frau Kaß, wie?“
Frau Kaß sah den Buben an. Sein Ausdruck war lauter Offenheit und Gleichmut, kein Zug in seinem braunen, magern Gesicht, der nicht das schönste innere Gleichgewicht verriet. Höchstens, daß sie in seinen lieben braunen Augen hätte lesen können: Mutter, hier ist es langweilig; mach, daß wir hinauskommen. – Da war ihre Schüchternheit verflogen.
„Ach nein, Herr Direktor,“ sagte sie ruhig lächelnd, bestimmt. „Ach nein, er ist nur still. Er ist immer so. Er ist nicht fürs viele Reden.“
„Hm hm“ – meinte Herr Kleyer und machte wieder seine prüfenden Augen und seine gekniffene Grimasse von vorhin. „Stille Wasser, Frau Kaß, das kennen wir. Aber hier laufen sie sich die Hörner ab, hier lernen sie sich in alles fügen. Jawohl, mein Junge –“, als ihm Fenn offen ins Gesicht blickte – „setz du nur deine trotzigste Miene auf, hier muß der Bruder Esel Order parieren. Gelt, Madame, da machen Sie Augen. Der Bruder Esel, sehen Sie, das ist der Leib, der infamigte Leib, der aus Kot geknetet ist, der immer danach trachtet, die Seele in den Kot zu ziehen, aus dem er hervorgegangen ist. Den nenn ich den Bruder Esel, und wenn der nicht pariert, muß er Prügel haben. Bildlich meine ich natürlich, bildlich.“
Frau Kaß sagte darauf nichts. Sie verstand zwar den Zusammenhang nicht, aber da Fenn zu den Trompetentönen der Kleyerschen Rede zufrieden lächelte, machte sie sich auch weiter keine Sorgen und sagte nichts.
Sie ließ auch ruhig, die Hände im Schoß gefaltet, die Rede an sich niederrauschen, die der Herr Direktor weiter über seine Zuhörer ausgoß. Er sprach darin schwungvoll von dem begüterten Bauernstand, dessen Söhne Advokaten, Ärzte, Ingenieure werden und im Leben als furchtlose Bekenner die Fahne ihres Glaubens hochhalten sollen, von den bescheidenen Landfamilien, die ihre Söhne dem Herrn als Diener am Altare widmen, von der besondern Gnade, die der Herr an diese Familien verschwendet, die sozusagen der Wurzelstock des Priestertums seien.
Hier hielt es Schneiderhinchen für angebracht, seine Ansicht über den „Beruf“ kundzugeben. Sie deckte sich einigermaßen mit der des Küsters Kaß. „Der Beruf,“ sagte er, „ist Schwindel! Da steht unser Bub. Er soll Geistlicher werden, oder ich schlage ihm alle Knochen kaputt! Er braucht bloß an Vater und Mutter zu denken, dann kriegt er den Beruf!“
„Aber Heinen,“ sagte Frau Kaß, „laßt doch den Herrn Direktor reden!“
„Und ich sage, wenn der Bub nicht Geistlicher wird, soll er meinetwegen Strohdecker werden!“ Strohdecker war das brotloseste Handwerk, das sich das Schneiderhinchen vorstellen konnte.
„Der liebe Gott wird alles schon zum Besten fügen,“ beschwichtigte Herr Kleyer den aufgeregten Schneider. Und dann fuhr er in seiner Rede fort. Er sprach von der moralischen Verderbnis, die draußen in der Stadt auf die Jugend lauere, und von dem sichern Hort der Unschuld, der hier, in diesem frommen, stillen Hause ihr bereitet sei, unter der Hut des Schutzengels, dessen Bild sie ja über der Toreinfahrt als Symbol gesehen hätten.
„Der mit dem blauen Tintenfleck?“ fragte Lampert arglos.
Hei, da brach es aber los. Ein heiliges Donnerwetter gegen diese Lausbuben, diese Höllenhunde von draußen, die ihm seine Zöglinge verhetzten, sein Haus verleumdeten, die Früchtchen, die Unzüchtigen, die in Leib und Seele hinein Verfaulten, die Freimaurerbrut, die der Satan gegen die heilige Stätte der Tugend losgelassen hatte.
Dem armen Lampert war zumut, wie einem, der aus Versehen eine kalte Dusche über sich aufgedreht hat. Er stammelte mit braunrotem Gesicht heisere Entschuldigungen, aber der andere wetterte weiter, bis er sich seinen frommen Zorn vom Leibe geredet hatte.
„So,“ schloß er, „nun wissen Sie, woher der blaue Fleck an unserm heiligen Schutzengel rührt. Der Fleck wird vergehen“ – und seine Worte züngelten wieder flammengleich – „den wird der Himmel fortwaschen, jaaah! der Himmel, aber den Fleck in der Seele jenes Schandbuben, den wird in alle Ewigkeit das höllische Feuer nicht wegbrennen!“
Fenn dachte: Warum er nur auf uns so einschreit! Wir können nichts dafür! Und übrigens, wegen so ’nem dummen Fleck!
Putty stand mit schlotternden Knien, der alte Lampert erhob sich schwerfällig und sagte: „Komm, Fritz.“
Aber schon glänzte wieder auf dem Antlitz des Herrn Direktors der Sonnenschein der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit. „Nichts für ungut, Herr Lampert. Sie haben es hoffentlich nicht für Sich genommen. Und gelt, kleiner Mann, solche schlechten Kerle werden wir nicht, nein, wir werden brave, tüchtige Konviktoren! Jawohl!“ Und dabei drückte er Fritzens Kopf zärtlich gegen seinen Magen und faßte Putty liebkosend unters Kinn. Als er aber mit derselben väterlich zutraulichen Gebärde nach Fenn Kaß griff, bog dieser den Kopf zur Seite.
Die Audienz war zu Ende. Im Vorzimmer war es schon wieder voll von neuen Ankömmlingen, die die Zornausbrüche Kleyers mit angehört hatten und nun mit neugierigen und erschrockenen Augen die Entlassenen musterten.
Eine Nonne mit einem Gesichtchen wie Milch und Blut zeigte den Wiesingern ihre Plätze in den langen Reihen der Schränke und dem zugehörigen Schlafsaal. Frau Kaß half ihrem Fenn, seine Sachen in den Schrank räumen. Und dann stand sie mit ungeduldigen Händen dabei, wie eine derbe Dienstmagd das Bettzeug auf die kleine, eiserne Bettstelle auflegte. Sie, die an ihren schweren alten Hausrat, an die massiven Monumentalbetten aus Eichen und Nußbaum gewöhnt war, stand dem leichten, wackeligen Eisenstangengerüst einigermaßen mißtrauisch gegenüber. Ob man denn auch in dem Dings da richtig warm würde, fragte sie die Magd. Und dann strich sie zärtlich mit den von schwerer Arbeit verhutzelten Händen über die Steppdecke und das Federbett, das Hauptstück der Ausstattung. Sie hatte beim Einkauf lang überlegt, ob sie den weißen Stoff mit den blauen oder den gelben mit den braunen Blumen wählen sollte. Sie hatte sich für gelb mit braun entschieden, weil es weniger schmutzte und vornehmer aussah. Das Blumenmuster war ihr nachgerade so vertraut, daß es ihr schon im Traum erschien. Und sie fand, daß es das schönste war in dem ganzen großen Schlafsaal, wo fortan ihr Fenn seine Nächte zubringen sollte.
Andächtig und langsam wandelte sie mit Fenn und dem Nönnchen durch die langen Korridore, die zu den Schlafsälen führten, wo an der Fensterseite in unabsehbarer Zeile die weißen Kippschalen der Waschbecken blinkten und ihnen gegenüber die lange Reihe der Schränke sich hinzog. Frau Kaß hatte ihr weißes Taschentuch in der Hand und unterhielt sich in ihren vornehmsten Ausdrücken mit dem hübschen Nönnchen, das ihr über alle möglichen Punkte der Hausordnung Bescheid sagen mußte. „Hörst du, Ferdinand?“ wandte sie sich von Zeit zu Zeit an ihren Sohn. Und zwischendurch entsetzte sie sich über die Ausgelassenheit einiger Buben, die in toller Jagd sich um die Schrankreihe herumhetzten. „Es sind auch nicht lauter Engel,“ meinte sie zu ihrer Begleiterin.
„Ach,“ lächelte die nachsichtig, „die Jungens sind halt so wild, das wächst ihnen später aus.“
Sie kamen auch am Schneiderhinchen vorbei, der mit einer Hausmagd vergebens ein vertraut herablassendes Gespräch anzuknüpfen suchte: Von wo sie denn sei, und ob sie schon lange hier sei und ob es ihr gut gefalle usw. Er sei aus Wiesing, und sie solle auf den Putty ein wenig aufpassen, er sei ein Windhund, und sie solle doch einmal nach Wiesing zur Kirmes kommen. Das Mädchen, das den Mannsleuten, ihrer Pracht und ihren Werken abgeschworen hatte und sich unter der Obhut der Nonnen, die im Konvikt den Haushalt führten, auf das Kloster vorbereitete, witterte allerhand Anzüglichkeiten und antwortete kaum mit ja oder nein. Schneiderhinchen wurde an sich selber irre. So schmählich hatte seine Überredungskunst noch nie versagt.
Frau Kaß kam ihm gerade recht. Nun könnten sie ja wieder zusammen gehen, der Lampert sei gewiß auch schon fertig.
Die Buben brauchten erst nachmittags anzutreten. Bis dahin gab es in der Stadt Bücher zu kaufen und was an der Ausstattung sonst noch fehlte. Aber Frau Kaß richtete es so ein, daß sie die andern so bald wie möglich zufällig verlor. Auf einer Bank im Park verzehrte sie mit Fenn die Waffeln, das Stück Kalbsbraten und die hartgesottenen Eier, die sie tagsvorher als Wegzehrung in ihr Körbchen gepackt hatte.
„So, das ist besser als im Wirtshaus ein teures Kotelett. Und man braucht nichts zu trinken.“ Als Dessert hatte sie ein paar der schönsten Apfel eingepackt. „Iß sie jetzt, ins Konvikt darfst du keine mitnehmen.“
„Ich weiß,“ sagte Fenn. „Aber was meinst du! Der Fritz hat in jedem Paar Strümpfe einen Apfel stecken, und zwischen seinen Hemden alles dick voll Schokolade.“
„Wenn es der Herr Direktor erfährt, ist er imstande und jagt ihn fort.“
„Denkt ja nicht dran,“ sagte Fenn achselzuckend.
„Ich kann dir aber keine Schokolade kaufen, wir haben’s nicht dazu!“
„Mutter sei nicht dumm! Was glaubst du, daß ich mir aus Schokolade mache!“
Mutter Kaß stierte eine Weile sorgenvoll vor sich auf die Erde. Dann zog sie ein abgegriffenes Börschen aus der Tasche, öffnete es behutsam, nahm ein Fünfzigpfennigstück heraus und wollte es verstohlen ihrem Fenn in die Hand drücken. Es ging ihrem Mutterherzen nahe, daß sie ihn nun verlassen sollte, ohne ihn auch nur ein ganz klein bißchen verhätschelt zu haben. „Da, du kaufst dir, was du willst.“
Fenn steckte abweisend die Hände in die Taschen und wiederholte: „Mutter, sei nicht dumm. Ich hab, was ich brauche.“
„Gut,“ sagte sie und tat das Geldstück wieder ins Portemonnaie. Dann gingen sie schlendernd miteinander durch den Park und sprachen wieder von zu Haus und von der Zukunft.
Aber es wurmte sie doch, daß sie ohne besondern Beweis ihrer Zärtlichkeit von ihm gehen sollte. Sie hatte heute die vielen vornehmen Mütter gesehen, die mit ihren Söhnchen richtig verliebt getan hatten. Gewiß, die hatten ihnen die Taschen mit Süßigkeiten vollgepfropft und würden sie beim Abschied weinend umarmen. Ihr Fenn würde sie wohl für verrückt halten, wenn sie ihm so käme. Und nun erst recht! Nun wollte sie ihm gerade zeigen, daß sie keine Rabenmutter war. In der Großstraße kamen sie an einen Laden, wo allerhand Zuckerzeug im Schaufenster stand. Da zog sie den Widerstrebenden hinein, kaufte eine Tüte voll farbenprächtiger Zuckerplätzchen und stopfte sie ihm in die Tasche. „Doch, ich will. Es ist gegen den Husten.“
„Na, meinetwegen!“ willigte der Bub endlich ein. Er schämte sich vor der Ladenfrau und wollte dem Auftritt ein Ende machen.
Sie trafen auch Putty und seinen Vater, und bald darauf die beiden Lamperts. Lampert Vater blickte schon aus weinseligen Augen und wollte den drei Buben ein Glas zum Besten geben, aber Frau Kaß widersetzte sich, wurde am Ende grob und schimpfte die Männer Lumpen. Schließlich einigte man sich dahin, daß Lampert mit dem Schneiderhinchen zusammen einen genehmigen sollte, während Frau Kaß die Knaben ins Konvikt brächte. Am Tor nahm sie von ihnen Abschied. Sie wunderte sich und es durchrann sie mit seltsamer Freude, daß ihr Fenn, der rauhe, unumgängliche barsche Bub, so zärtlich und heiß den Druck ihres Mundes erwidert hatte, als sie ihn, wie er ganz allein noch ein paar Schritte weit mit ihr zurückgegangen war, heimlich an sich gezogen und auf den Mund geküßt hatte.
Ein älteres Semester aus der Philosophieklasse hatte sich gleich der drei kleinen Wiesinger angenommen und sie hinunter auf die Kegelbahn und an den Rundlauf geleitet. Es war ein gutmütiges Bauernblut, mit roten Wangen, einem kräftigen Gebiß hinter wulstigen Lippen und kurzsichtigen kindlichen Augen. Putty fielen die Worte Kleyers von der rotwangigen, klaräugigen Unschuld ein, die unter diesem Dache wohnen sollte. Und der improvisierte Fuchsmajor, der sie unter seinen Schutz und Schirm genommen hatte, erschien ihm mit seinen Pausbacken und seinen Kinderaugen sofort als eine lebendige Erläuterung zu jenen Worten. Seine lebhafte Phantasie malte sich auch gleich den Gegensatz dazu aus: Das blasse hohläugige Laster, das draußen in Freiheit, in den Straßen der Stadt umging. Der lange Laban, der sie damals vor dem Athenäum so angegrinst hatte, das war gewiß einer von jenen Verdorbenen, der hatte danach ausgesehen: Schlotterig, blaß, geschniegelt und pomadisiert.
Durch eine Art Hohlweg, unter einer kleinen Brücke durch, gelangten sie an die Spielplätze. Die Anstalt stand auf früherm Festungsgelände, und von den alten Wällen und Gräben des geschleiften Forts, an dessen Stelle sich der langgestreckte Bau erhob, waren einzelne Überreste noch vorhanden. So lag der Kegelbahn gegenüber ein massiver, bombenfester Block, in dem von den Nonnen und ihren weiblichen Dienstboten eine kleine Stallwirtschaft betrieben wurde. Die ältern Zöglinge stießen sich an und blinzelten einander zu, wenn eine dralle Magd mit hochgeschürztem Rock dort einen Eimer vorbeitrug, und der erste dieser Blicke, den Putty auffing, gab seinem Kinderglauben, daß alle Fleischeslust von dieser Stätte hermetisch abgeschlossen sei, den ersten Stoß.
Auf der Kegelbahn war ein lebhafter Betrieb, und die drei Wiesinger waren bald mitten drin. Man konnte merken, wie die soziale Chemie schon gleich hier, am ersten Tag, wo dieses junge Menschenmaterial in derselben Retorte zusammengeschüttet wurde, Gleiches zu Gleichem sonderte. Das bäuerliche Element umstand in dichtem Klumpen die Spieler und jeder wartete ungeduldig seine Reihe ab. Das feinere Porzellan fand an der gewalttätigen Leibesübung nicht mehr Spaß, als gerade nötig war. Einige der Größern hielten heimlich Wetten um ansehnliche – für ihre Verhältnisse ansehnliche – Geldbeträge und gebärdeten sich wie Verschworene; andere standen zusammen und führten Gespräche über Gegenstände, die ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprachen. Das Muttersöhnchen von vormittags war auch dabei. Es hatte offenbar seinen Schmerz vergessen. Es entwickelte eben seine Theorien über die menschliche Gesellschaft. „Die Menschheit besteht,“ so sagte es, „aus Leuten, die sich die Zähne und die Nägel putzen, und solchen, die sich die Zähne und die Nägel nicht putzen. Man erkennt jeden Menschen an seiner Zahnbürste.“
Fenn hatte es gehört und lachte. „Was hat er gesagt?“ fragten die andern.
„Die Menschheit besteht aus Leuten, die sich die Nase selber putzen, und solchen, denen andere die Nasen putzen müssen,“ wiederholte Fenn ernsthaft. Es gab ein lautes Hallo um den kleinen Philosophen, besonders, da er in seiner Verlegenheit das Taschentuch zog und sich geräuschvoll schneuzte.
„Geschenkt, geschenkt!“ tönte es im Kreis.
Der kleine Zahnbürstentheoriker fand, daß Fenn ein dummer, grober Kerl sei. Fenn aber warf eben, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Neune, und einen Augenblick lang bestand das ganze verworrene Gemurmel unter den Spielern nur aus der neugierigen Frage: „Wer ist das? Wie heißt er?“
Putty und Fritz erzählten stolz, daß er ein Junge aus ihrem Dorf sei. Und es solle sich nur keiner an ihm vergreifen, er sei stark „wie ein Pferd“.
Fenn sah sich inzwischen, ein Liedchen pfeifend, in der Umgebung der Kegelbahn um. Der Rundlauf interessierte ihn. Eben war einer der an langen Tauen schlenkernden Griffe frei geworden. Er sprang hinzu und hatte ihn gerade fest, als über seine Schulter weg eine Hand danach griff. Als er sich umdrehte, sah er in ein Gesicht, bei dessen Anblick Scham und Zorn zugleich in ihm aufstiegen. Es war das weiße, spöttische Gesicht des Grimassenschneiders von damals.
Mit einem heftigen Ruck reißt er das Tauende an sich.
„Mach keine Geschichten,“ sagt der andere kaltblütig und greift wieder zu, als sei es ganz selbstverständlich, daß ihm der Vorrang gebührt.
„Laß los!“ sagt Fenn in sicherm Trotz.
„Das glaubst du ja selber nicht“ – gibt der andere höhnisch zurück. Über das braune Gesicht Fenns geht ein Zucken, wie über geschmolzenes Erz in dem Augenblick, wo es zu einer festen Masse erstarrt. So starr ist jetzt dies Knabengesicht. Nur in den Augen brennt jach eine trotzige Stichflamme.
„Komm, gib das Seil her, halt das Spiel nicht auf“ – sagt spöttisch wieder der Blasse.
Ein paar seiner Kameraden haben sich um die beiden gesammelt.
„Das kann gut werden – Oi jeh, der arme Kerl – Theo, tu ihm nichts!“ hört Fenn spöttische Zurufe durcheinander.
„Nun zähl’ ich bis drei – wenn du dann nicht losläßt, kannst du was erleben!“
„Das kannst du schon früher“ – gibt Fenn verbissen zurück.
„Na, wenn du es so meinst, meinetwegen!“
Der Blasse tritt einen Schritt zurück und stemmt beide Arme hoch, wie um erst noch ihre Kraft zu erproben. Aber Fenn wartet das weitere nicht ab. Er packt ihn in den Achselhöhlen und hebt ihn vom Boden – im nächsten Augenblick sind die beiden Bubenkörper ein Knäuel ineinander geschlungener, gestraffter Gliedmaßen, an dem zwei rote Köpfe mit glühenden Augen abwechselnd sichtbar werden. Theos Kameraden sorgen dafür, daß niemand eingreift: „Laßt nur, er wird schon mit ihm fertig!“
Jetzt wälzt sich der Knäuel am Boden. Fenn ist der Stärkere, der andere ist geschmeidiger. Man hört sie keuchen, man sieht ihnen den Speichel aus dem offenen Mund rinnen. Fenns Beinkleider haben sich hinaufgeschoben, die Zuschauer machen sich über seine grasgrünen Wollstrümpfe lustig. Einer sagt: „Lacht nicht. Seht, was der Kerl für Muskeln hat!“
Die Aufregung wächst. Mit unbändigem Herzklopfen, leichenblaß, stehen die Buben im Kreis um die Kämpfenden – „Theo! Theo!“ springt bald dem einen bald dem andern ein keuchender Zuruf über die Lippen. Und dann rafft Fenn in einem gewaltigen Ruck seine ganze Kraft zusammen, rollt den andern wie ein Paket, wie der Holzhacker eine Faschine, unter sich und kniet ihm keuchend auf die Brust: „Hast du genug?“
„Schlag mich tot, ich ergeb mich nicht!“
Drei oder vier der umstehenden Buben überkommt ein wildes, heulendes Schluchzen. Ihre Glieder zappeln, gehorchen ihnen nicht, es wirft sie mit hysterischem Drang gegen den Feind, der auf einem der ihrigen kniet. Sie fallen über ihn her, eine blindwütige Meute, und er steht voll prächtigen Zornes plötzlich aufrecht da und versucht sie abzuschütteln. Sie fahren ihm nach der Kehle, hängen sich an ihn, ein Faustschlag trifft ihn aufs Auge, einer ins Genick, er haut um sich, schimpfend, mit geiferndem Mund, – sie reißen ihn zu Boden, – heftig ausschlagende Füße, hämmernde Fäuste, geduckte Köpfe, alles ist ein hin- und hergezerrter, zappelnder Haufe.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Theo ist aufgesprungen und brüllt auf den Haufen ein: „Feiglinge! Feige Hunde!“ und zerrt sie an Armen und Beinen zurück. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, glotzen ihn verblüfft an, den sie vor Schimpf und Schande retten wollten und der sie dafür feige Hunde schilt.
„Seid ihr denn verrückt?“ schreit er sie an. „Das sind doch meine Sachen! Was fällt euch denn ein! Sechs gegen einen!“
Fenn stand abseits und zupfte seine Kleider zurecht.
„Du,“ sagte Theo, indem er auf ihn zuging, „du hast mich diesmal untergekriegt, aber es bleibt nicht dabei, glaubst du mir das?“
„Ich glaube dir, daß du ein andermal wieder anfängst. Es ist mir egal. Ich fürchte dich nicht. Du bist stärker, als ich gemeint hatte, aber es ist mir egal, ich fürchte dich nicht. Wenn ich gewollt hätte, ich hätte dir einen Arm oder ein Bein brechen können.“
„Das ist nicht wahr!“
„Doch. Ich hatte dich so daliegen. Wenn ich dich so herumgeworfen hätte, hätte es geknackt, und dein Arm wär kaputt.“
„Wie?“ – Theo überließ sich ihm, halb trotzig noch, halb neugierig, mit schlaffen Gliedern.
Fenn machte mit ihm behutsam die Stellung, die er angedeutet hatte.
Dann standen sie mitten im Kreis der übrigen Streiter. Theo betupfte mit dem Taschentuch seine blutende Lippe, Fenn zog sich den Hosenbund wieder unter die Weste hinauf und stopfte die breit herausgequollenen Hemdfalten wieder zurecht. Auch die andern besahen sich die Schäden, die sie im Handgemenge erlitten hatten und paßten unbeholfen die Lappen der Rißwunden an Röcken und Hosen zusammen.
Da sagte Theo: „Es tut mir leid, daß ich mit dir Händel angefangen habe. Wie heißt du?“
„Fenn Kaß. Und du?“
„Theo Schütz.“
Sie lachten beide plötzlich auf und reichten sich die Hände. So wurden zwei junge Menschen durch grimmige Fehde zu Freunden fürs Leben.
Dies war nicht das letzte Abenteuer, das Fenn Kaß am ersten Tag eines neuen Lebensabschnittes zu bestehen hatte. Um vier Uhr wurde das Vesperbrot verteilt. Die Zöglinge standen im Refektorium um die langen, schmalen Tische, auf jedem Tisch zwei Henkelkörbe mit dicken Brotschnitten. Nach einem kurzen lateinischen Gebet durfte jeder zulangen. Dann quoll die Schar, jeder mit seinem Stück Brot in der Hand – wenn er nicht vorzog, es in der Tasche zu versorgen und es mit dem Daumen und Zeigefinger herauszubrökeln – lärmend durch die Türen – hinaus auf den großen, luftigen Vorplatz.
Theo suchte Fenn auf und fragte, ob sie zusammen spazieren gehen wollten. Ja, nickte Fenn.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Fenn erzählte Theo, warum er ihn vorhin gleich so energisch angefallen hatte.
Theo erinnerte sich der drei verlegenen Buben und lachte: „Also du bist das gewesen! Es darf dich nicht verdrießen, aber ihr habt wirklich zu dumme Gesichter gemacht! Übrigens, damals war ich noch gar nicht im Konvikt. Ich wohnte in der Stadt in einem Hotel; einmal Donnerstags wurden wir unser sechs in einem Wirtshaus in Hesperingen abgefaßt; darauf steckte mich mein Alter hier herein.“
„Bist du nicht gern hier?“
„Eigentlich nein. Aufgehoben ist man ja hier so gut wie draußen, manchmal besser. Aber daß alles über einen Kamm geschoren wird, das ist das Verrückte, siehst du. Wenn dem Direktor einmal einer unter die Finger gerät, der sich nicht ins Dutzend fügt, dann grantet und nörgelt er an ihm herum, bis es einen Krach gibt.“
„Warum haben alle nur so unbändig Angst vor ihm?“
„Ich nicht. Ich habe keine Angst vor ihm. Aber er soll mich in Frieden lassen. Ich bin nicht schlecht.“ Sie gingen oben am Rand, wo der Spielplatz nach dem Tal zu in einem Rain abfiel, an dessen Fuß eine Einfriedigungsmauer über die schroff abschüssigen Felsen hinlief und den ganzen Platz nach dem Tal zu abschloß. Die beiden Knaben standen oben über der Mauerkrone und hatten den Blick frei über das ganze gegenüberliegende Plateau bis an die sacht ansteigenden Hügel, die den südlichen Horizont begrenzen.
„Sieh, das hier ist das beste am ganzen Haus, dieser Platz mit der freien Aussicht,“ sagte Theo. „Zwischen Hofmauern hätte ich es keine acht Tage ausgehalten. So denke ich immer: da liegt die Welt, noch ein halb Dutzend Jährchen, und sie gehört dir. Was willst du werden?“
„Pfarrer.“
„Ist das sicher?“
„Ganz sicher.“
„Wirst du Pfarrer aus dir heraus, ganz aus eigenem Willen?“
„Ja, warum nicht? Es gefällt mir. Wir sind nicht reich, aber ich glaube, ich würde Pfarrer werden, auch wenn ich Geld hätte. Wie ich es meine, ist es sehr schön.“
„Ich werde Ingenieur. Das heißt, sicher weiß ich es noch nicht. Mein Vater hat in Esch ein Geschäft oder allerhand Geschäfte, ich werde nicht klug daraus. Manchmal hat er Geld, manchmal hat er keins. Als er mich ins Konvikt steckte, hatte er keins. Und er behauptete, es sei hier billiger zu leben. Ich laß es mir schon deshalb gefallen. Sonst wäre ich allerdings lieber draußen.“
„Warum ist denn nur der Direktor so sonderbar, gleich so rotglühend?“
Theo suchte seinem neuen Freund die Eigenart des „Alten“ zu erklären, so gut er konnte, so gut ihm seine Knabenpsychologie das Wesen dieses Mannes erschloß. Direktor Kleyer war freilich eine unkomplizierte Natur. Er hatte bis jetzt als Jugendbildner an einer Stelle gewirkt, wo ihm schwerere seelische Rätsel kaum aufgegeben waren. Einfaches, grobschichtiges, homogenes Menschenmaterial war ihm durch die Finger gegangen. Jetzt war das anders geworden. Die Erziehungsanstalt, zu deren Leitung er berufen war, und die als Internat zu dem staatlichen Gymnasium mit Industrieschule ein Privatunternehmen des Bistums bildete, hatte gleich aus dem Lande selbst und aus der Nachbarschaft sich großen Zulaufs zu erfreuen gehabt. Bildeten auch die unverdorbenen, biedern Bauernsöhne des Landes den Stamm der Kundschaft, so beherbergte das Haus besonders damals, in den ersten Jahren seines Bestehens, doch auch ein Sammelsurium von Früchtchen, die nirgends gut getan hatten, und deren Eltern es nun auch einmal mit der neuen Anstalt versuchen wollten. Junge Belgier und Franzosen, zum Teil Söhne von Leuten, die in der aufstrebenden Metallindustrie des Landes vorteilhafte Stellungen innehatten, zum Teil durch die Umwälzung nach dem Krieg aus Frankreich, und besonders Elsaß-Lothringen in die neutralen, zweisprachigen Luxemburger Unterrichtsanstalten verschlagen, brachten aus ihrer Heimat, aus der Sumpfluft der Internate Gepflogenheiten und Laster mit, vor deren bloßem Namen dem guten Kleyer die Haare zu Berg standen. Sein klares Bild von der Knaben- und Jünglingspsyche verwirrte sich. Bald sah er Gespenster, bald witterte er hinter jeder Eigenart, deren Wesen ihm psychologisch unklar blieb, Verstocktheit, raffiniertes Laster, moralische Fäulnis. Der Kampf dagegen nahm in seinem Erziehungssystem bald eine so breite Stelle ein, daß Naturen, die ihre Unbefangenheit gewahrt hatten, durch die Hartnäckigkeit einer falsch adressierten Seelenretterei entweder abgestoßen oder schließlich aus dem moralischen Gleichgewicht gedrängt wurden. Empfindungen und Gedankenreihen, die bei ihnen ruhig schliefen, bis die Natur sie wecken würde, wurden unter dem Vorwand des Lüftens fortwährend aufgescheucht.
„Er meint, jeder ist ein Schwein, der nicht den ganzen Tag in der Kapelle hockt und die Augen verdreht“ – schloß Theo seine orientierende Auskunft.
Fenn dachte bei sich: „Ich kriege mit ihm keinen Streit. Ich laß ihn reden und tu was ich muß. Im übrigen kann er mir den Buckel hinaufsteigen.“
Die Glocke gellte und rief zum Silentium in den gemeinsamen Studiensaal, der im rechten Flügel für die obern, im linken für die untern Klassen eingerichtet war. Fenn bekam einen Platz an der Südwestseite, dicht neben einem Fenster, durch das sein Blick über welliges Gelände bis an die rauchenden Höhenzüge der Erzgegend reichte. Gleich, in der ersten Minute schon, wurde ihm der Platz lieb. Er hörte durch das Fenster das Rollen und Pfeifen der Eisenbahnzüge auf der belgischen und französischen Linie, er sah den weißgrauen Qualm der Lokomotiven über den Wagenreihen wie eine große Raupe hastig durch die Landschaft kriechen, mit spitzem Kopf und zerflatterndem Schwanz, sah abends den Himmel glühen vom Widerschein der Hochöfen, die hinter dem Horizont ihr dröhnendes Dasein führten.
Sein Pultnachbar war ein schmächtiger, hoch aufgeschossener blaßbrauner Knabe mit den Augen eines gekochten Fisches, die in frommem Aufblick himmelwärts gerichtet waren. Der Knabe hieß Louis Binz und trug schwarze Pulswärmer. Nachdem Louis Binz seine sieben Sachen ins Pult geräumt hatte, klebte er an die Innenseite seines Pultdeckels ein Bild des hl. Herzens Jesu, ein Bild des hl. Herzens Mariä, ein Bild der Muttergottes von Lourdes und ein Bild seines Schutzpatrons, des hl. Aloysius von Gonzaga. So oft er den Deckel aufhob, sah er eines der Bilder mit verzücktem Augenaufschlag an und lächelte ihm schüchtern zu, wie einem hochgestellten Bekannten. Als Fenn ihn fragte, wie lange das Silentium dauern würde, fuhr Louis Binz zusammen, legte den Finger an die Lippen und in seine Augen trat starres Entsetzen und dann ein milder Vorwurf wegen dieser brutalen Versuchung, die Regel des Hauses zu übertreten.
Da kam zum ersten Male über Fenn Kaß das Empfinden, daß er aus goldener Freiheit und schöner, großer, gesunder Natur in blödsinnigen Zwang und verkrüppelnde Unnatur gestoßen war.
Er wurde nicht gerührt, es stieg ihm nicht würgend in die Kehle von Heimweh und dergleichen – er biß nur die Zähne zusammen und dachte: „Wenn es sein muß, in Gottes Namen. Es dauert ja nicht ewig.“ Und dann lächelte er schon wieder, denn es fiel ihm ein, daß er ja noch die Zuckerplätzchen seiner Mutter in der Tasche hatte. Das war ja eine noch viel entsetzlichere Sünde wider den Geist des Hauses! Wenn er seinem Nachbar davon anböte! Das Gesicht! Wahrhaftig, er wollte ... In diesem Augenblick flog die Tür auf und in steifleinene Majestät drapiert trat der Herr Direktor in den Saal.
Seine Brillengläser funkelten, er hatte die Lippen zusammengekniffen und ließ seine Augen über die Köpfe der mäuschenstillen Zöglinge blitzen.
Fast unheilverkündend stand er da. Aber nur auf das Überwältigende des ersten Eindruckes kam es ihm an. Nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, daß alles überwältigt war, wechselte er leise ein paar Worte mit dem die Aufsicht führenden Philosophieschüler, dem sogenannten Präfekten, und stieg in das hohe Katheder von Pitchpine hinauf.
Vom Katheder herunter schlug Kleyer seinen geliebten Zöglingen eine eindringliche Rede über das Jämmerliche und Verderbliche der Menschenfurcht mit großer Heftigkeit um die Ohren. Seines Christenglaubens und seiner Eigenschaft als Zögling des Konvikts schäme sich nur eine Memme! Wie das klang! Eine Memme! Hundert Knabenherzen zitterten bei dem Gedanken, daß man sie für eine solche Memme halten könnte. Dann folgte eine vogelperspektivische Erklärung dessen, was man unter dem Geist des Hauses zu verstehen hatte. Wer den Geist des Hauses hatte, der konnte nicht verloren gehen in Zeit und Ewigkeit. Wer aber den Geist des Hauses nicht hatte, der, ja, der, geliebte Zöglinge, der war dem Dämon der sittlichen Verderbtheit verfallen! Überall die gleißende Vision dieses Dämons, auf die sich die Phantasie dieses asketischen Priesters mit geifernder Wut stürzte, auf die er mit geballten Fäusten losschlug, auf der er schäumenden Mundes herumtrampelte. Verderbt, wer sich gegen die Hausregel verging, verderbt, wer redete, wo das Reden verboten war, verderbt, wer die Hände in die Taschen steckte, verderbt, wer naschte, verderbt, wer über das Essen die Nase rümpfte, – sittliche Verderbtheit war der innerste Kern aller Auflehnung gegen den Geist des Hauses.
„Und nun, geliebte Zöglinge, will ich euch zum Schluß eine Geschichte erzählen. Daraus sollt ihr lernen, wie ein echter Konviktorist der Versuchung widersteht. Einer von euch hat in herrlicher Weise heute das Böse in sich überwunden. Seine Mutter, eine schlichte Frau, die es leider nicht besser wußte, ließ sich vom Dämon der Sinnlichkeit locken, ihr eigen Kind in Versuchung zu führen!“
Fenn bemerkte, wie Louis Binz auf seinem Sitz unruhig hin- und herrutschte, um so unruhiger, je weiter die Geschichte gedieh.
„Der Dämon der Sinnlichkeit, geliebte Zöglinge, hatte dieser durch eine falsche Liebe und Zärtlichkeit verblendeten Mutter eingegeben, ihrem Sohne zum Abschied eine Tüte Schokoladenplätzchen zu schenken. Eine Tüte mit Schokoladenplätzchen!“
Herr Kleyer rief es mit komischer Feierlichkeit, als hätte er mit spitzen Fingern die Tüte gefaßt und hielte sie seinen geliebten Zöglingen als einen Gegenstand des Abscheus vor die Augen, ehe er sie mit einer Gebärde unsäglichen Ekels in die Gosse schleuderte.
„Eine Tüte Schokoladenplätzchen! Was tat der Sohn? Als ihm die Mutter heimlich die Tüte zuzustecken versuchte, wallte heilige Entrüstung in ihm auf und er sagte blitzenden Auges zu seiner Mutter: Mutter, schämt Ihr Euch nicht, Euer eigenes Kind in Versuchung zu führen! Da gingen der guten Frau die Augen furchtbar auf, sie sah das Verwerfliche ihres Beginnens ein, sie drehte sich weinend um und schlich hinaus, mit ihrer Tüte Schokoladenplätzchen im Korb!“
An der Stelle, wo Louis Binz mit Fenn Kaß an einem Pult zusammen saß, war gegen den Schluß dieser erbaulichen Geschichte Unruhe entstanden. Der Herr Direktor wurde aufmerksam, und als die Unruhe zunahm und immer mehr Köpfe sich den beiden Pultnachbarn zuwandten, fuhr er mit einer gellenden Frage drein:
„Was gibt’s dahinten? Wer treibt da Unfug?“
Louis Binz war aufgestanden.
„Binz! Was ist los?“
Der blaßbraune Knabe mit den schwarzen Pulswärmern wagte weder die Augen zu erheben noch den Mund aufzutun. Er zeigte immer nur mit entsetzten Mienen auf Fenn Kaß.
„Also du, der andere, wie heißt du?“
„Kaß.“
„Nun, heraus damit! Was ist los?“
Fenn Kaß räusperte sich und erklärte in die lautlose Stille hinein: „Der Binz hat gesagt, er ist es gewesen, der zu seiner Mutter gesagt hat, sie solle sich schämen!“
„Weiter?“
„Und da habe ich zu ihm gesagt ...“
„Nun?“
„Er ist ein gemeiner Kerl!“
Ein erlösendes Gelächter brach von allen Pulten los, sofort übertönt von der Stimme des Alten. „Kaß! Heraus! In die Ecke! Schandbube!“
Fenn Kaß zuckte die Achseln. Er sah, mehr verwundert, als erschrocken, wie die hagere Gestalt des Direktors in dem Pitchpine-Katheder emporschnellte, mit Riesenschritten auf ihn zustapfte – wie hundert blasse Gesichter mit entsetzten Mienen auf ihn gerichtet waren – seine Gedanken überschlugen sich, in drei Sekunden hatte er überlegt: „Wenn er dich haut, fängst du den Schlag mit dem rechten Ellenbogen auf – bis Wiesing gehst du drei Stunden, es ist eben sechs, um neun bist du da, du schläfst beim Pichert und gehst morgen nach Haus – Brauns Marjänni wird die Hände überm Kopf zusammenschlagen – der Vater wird schimpfen, aber die Mutter ...“
Da stand der Direktor vor ihm. Er spürte seine Hand schwer auf seiner Schulter und litt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich zu beugen, trotzig gegen den Druck gestemmt, stolz, daß er ihn ohne nachzugeben trug. Als sich aber dieselbe Hand um seinen Oberarm krallte, machte er sich los durch einen heftigen Ruck.
„Du gottverlassenes Subjekt! Hinaus!“ Die gellende Stimme kippte auf der höchsten Stufe um. „Hinaus!“ Fenn dachte, wie seine Mutter mit ihm im Park auf der Bank gesessen, wie sie ihm den Fünfziger zustecken wollte, wie er sich gegen ihre Zuckerplätzchen gesträubt hatte. Es schien ihm ungeheuerlich, daß er sie mit tugendstolzem Verweis hätte anfahren, daß sie sich weinend mit ihrem Körbchen zum Gehen hätte wenden sollen – so unausdenkbar schien ihm das, so wider die Natur, daß er nur den einen Drang verspürte: Fort! Heim! Fort von den Menschen, die so Ungeheuerliches als Tugend von dir fordern!
Und im krampfhaften Selbsterhaltungstrieb seiner Seele packte er aus dem Pult seine kaum verstauten Siebensachen zusammen und ging hinaus. Der Direktor keuchte hinter ihm drein. Und schwer atmend saßen die Schüler, wie im Theater die Zuschauer, wenn nach einem guten Aktschluß der Vorhang gefallen ist.
Fritz Lampert sagte zu seinem Pultnachbar, dem kleinen Zahnbürstenmann: „Der ist keine Bangbüx, was?“
„Der Alte haut ihn eklig durch, paß auf!“ sagte der Kleine, halb schaudernd, halb schadenfroh.
„Wetten, daß nicht?“ erwiderte Fritz. Und im weitern Verlauf des leise geflüsterten Gesprächs vertraute der Kleine Fritz an, daß er Unmengen von Schokoladenpralinés und kandierten Nüssen und sonstigen teuren Bonbons in seiner Wäsche verborgen habe, wogegen Fritz mit seinen Äpfeln und seiner Schokolade nicht aufkam. Auf Heine Putty hatte der Vorgang gewirkt, als wäre ein Blitzschlag vor seinen Füßen in den Boden gefahren. Soviel Mut, um einem Allgewaltigen, wie dem Direktor die Zähne zu zeigen, gab es ja gar nicht! Er malte sich gräßliche Dinge aus, die nun mit Fenn Kaß geschehen würden. Er sah ihn auf den Knien, händeringend, auf dem Boden sich wälzend vor dem Donnergott Kleyer, sah ihn mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt, sah ganz Wiesing wegen solchen Abenteuers in Aufruhr.
Von alledem ereignete sich gar nichts. Abends erschien Fenn Kaß, als ob nichts geschehen wäre, beim gemeinschaftlichen Abendessen und wandelte nach Tisch, während die andern im Korridor sich jagten, mit Theo Schütz den langen Gang auf und ab.
„Er hat gemeint, ich merke nicht, wie ihm nur daran gelegen war, daß er vor den Jungens mich unterkriegt. Nachher war er gut zu mir. Ich habe ihm gesagt, wenn ich meiner Mutter so gekommen wäre, wie der Louis Binz, dann hätte sie mir eine kräftige heruntergehauen. Er sagte: Ja, unser Herrgott hat allerlei Kostgänger. Ich müßte mich abschleifen, ich sei ein trotziger Mensch ...“
„Du mußt den Bruder Esel bändigen!“
„Natürlich. Mein Bruder Esel ist ganz besonders starrnackig, hat er gesagt, aber er will mir dabei helfen; ich habe wohl gemerkt, er hatte es drauf angelegt, daß ich gerührt würde. Aber ich habe mir das Lachen verbeißen müssen.“
„Ja, wenn er so auf einen losredet, dann wird er wirklich selber warm. Weißt du, er ist im Grunde ein guter Kerl, nur daß er manchmal zu arg daneben haut.“
Die Glocke gellte. Es war Schlafenszeit.
Fenn Kaß ging an diesem Abend zu Bett mit einem großen, sichern Gefühl der Beruhigung. Er war sich in seinem Knabeninstinkt bewußt: Du bist in der richtigen Bahn, du hast zu Menschen und Dingen das Verhältnis gewonnen, das dir Lebensbedingung ist, du hast dich durchgesetzt.
Drittes Kapitel
Wie wenn aus stillen Wiesen- und Ackergründen sich geheimnisvolle Berge heben und die Menschen, die an die Ebene gewöhnt sind, sich in ihre Täler und Schluchten hineinwagen – so war es im Leben der drei Wiesinger Knaben gewesen, als das neue Dasein, das schon seit Jahr und Tag mit unbestimmten Umrissen am Horizont ihrer Erwartungen gestanden hatte, sie jetzt umfing. Und das Neue, das sie in ihre Entwicklung, in ihr geistiges und leibliches Werden hinein verarbeiten mußten, meisterte sie oder wurde von ihnen gemeistert, je nachdem sie über ihm standen oder es über sie hinwegging. Zu Hause waren sie vom Säuglingsalter an in ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen hineingewachsen und sich nie bewußt geworden, daß es anders sein könnte. Jegliches war an seinem Platz gewesen in ihrem ruhigen Hinleben, und nun geschah es auf einmal, daß wieder jeder die Ellenbogen rühren mußte, bis er da stand, wo er hingehörte. Feindschaften und Freundschaften, Zu- und Abneigungen sind zwischen Dorfkindern wie etwas, mit dem sie zur Welt gekommen sind. So ein Dorfjunge trägt den ruhigen, stetigen Haß, der zwischen ihm und einem andern ist, wie er seine Nase im Gesicht trägt und wünscht und denkt nicht, daß sie anders oder etwa gar nicht da wäre. Wem seine Gespielen besonders aufsässig sind, der nimmt es hin, wie einen Höcker oder ein krummes Bein, das ihm die Natur mit auf den Lebensweg gegeben hat. Dergleichen ist nicht, als ob es geworden, sondern als ob es immer dagewesen wäre. Soll aber so ein junges Menschenkind sich plötzlich mit Kopf und Herz in hundert andere, fremde Köpfe und Herzen schicken, neben denen es nicht herangewachsen ist, dann stößt es sich an allen Ecken und Kanten.