Zweites Buch (continued 2)
Reading edition
„Sie schicken uns nie etwas für das Blatt,“ sagte unvermittelt Abbé Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.
„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn, kurz angebunden.
„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür haben.“
„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“
„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns übrig haben.“
Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:
„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“
„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der Erregung stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen will ...“
„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut, aber entschieden.
Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:
„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“
Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter die Gabel.
Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit Widerstreben noch einmal zugreifen.
Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise zu wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen eigen ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat immer herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch die Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut rötete sich unregelmäßig, in Landkartenmanier, und seine Asketenaugen glühten. Die Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der Ministerpräsident, der allgemein als Freidenker galt, im Grunde noch ein gläubiger Christ sei oder nicht. Und Pfarrer Brendel sagte wegwerfend: „Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen, in articulo mortis, dann wird er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben besinnen.“
„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes Stündlein schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“
„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.
Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:
„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ... Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann, der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem Innern die aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“
Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben nicht! Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei die Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.
„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.
„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte Rommelfangen sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem Kopfnicken unterstreichend.
„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und hielt ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles auf die Nuancen an.“
„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch den beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller hatte Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen. Er hatte in Rom im Collegium germanicum studiert, unterhielt wertvolle Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als ein überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu wirken wußte. Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.
Jetzt mischte sich Herr Peppinger ins Gespräch.
„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“
„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein vernünftiges Wort!“
Dr. Feller lachte.
„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich in acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“
Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis waren für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang behandeln konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck des heutigen Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine Grundsätze. Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der Schule sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten Heiligenbilder, das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß eines profanen Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar, eine unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da schlug Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick gewechselt hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch und stand auf.
„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.
Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den Kneifer zurecht.
Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus der Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.
Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf um die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer Väter geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die heilige Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen, daß er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das sei die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter Peppinger lebe hoch!“
Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin ging strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“
August war blaß geworden bis in die Lippen.
Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte er mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel hervorzog.
Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer Mutter der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.
Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der sich sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen Champagner auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung genommen. Ein Vikar, der des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans Klavier genötigt und griff ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er versuchte auch ein paar Volkslieder, die die Korona mitsang, bis Rommelfangen sagte, das werde in der Straße unliebsam auffallen. Aber der musikalische Vikar war nicht mehr vom Instrument wegzubringen und ließ eine fromme Weise und eine kindliche Improvisation nach der andern erschallen. Rommelfangen hatte seinen Stuhl neben den Peppingers getragen und besprach mit diesem schon Einzelheiten seines Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem gespannten Interesse der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze genug zutraut, immer auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen sollte.
Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war Politik Trumpf.
Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der Partei für eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie geschaffen sei, was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus in der Wahlschlacht abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein, dazu glaube er nicht berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit einem burschikosen: „Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau Peppinger kam hinzu und floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan, dem sie schon den ganzen Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren Kantonisten angesehen hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene Gelegenheit, sich zu empfehlen und verließ unauffällig die sehr angeregte Gesellschaft. Er ging langsam durch den Spätnachmittag am Fluß entlang, mit dem Hut in der Hand, und ließ sich die herbe Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen. Ein unüberwindliches Gefühl des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die Nähe der Menschen, in deren Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte und wußte, daß er nie so werden könnte wie sie, nie sich in der Luft heimisch fühlen, in der sie mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig auf sich ein, wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch seelengute Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie sie es gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die Empörung aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und äußerer Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre geistige Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als Bundesgenossen beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus ihres Wesens, erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not prahlerisch eine Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu hängen suchte. Und wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus ihrer Gemeinschaft.
Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer und rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“
Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres gewußt. Du und Politik!“
Theo machte eine komische Armesündermiene.
„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.
„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.
„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“
„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen, daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den geringsten Nutzeffekt hergibt.“
„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“
„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor wie die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei einem Brande darum prügelten, wer den Schlauch halten sollte. Mittlerweile löschten die Hausleute selbst das Feuer.“
„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“
„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten gewesen wäre.“
„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und herein treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf zusagen, man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse unbedingt eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie aus einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen sie daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während du schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer in die Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und wenn du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel und sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist Kandidat!“
Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.
Das halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung, Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze, und die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des Weltalls von dem Ausgang dieser Wahlen ab.
In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten war nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das Papier dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie er einer biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach allen Seiten unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“ verschrieben, eine Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein vorlauter Redner, aber zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen befähigt und entschlossen. Dann gegen Schütz: ein hergelaufener Industrieritter, der in Frankreich den Haß gegen Gott und seine heilige Kirche eingesogen habe, von dem man nicht wisse, in wessen Sold er stehe und wem er sich für den Fall seiner Wahl verschrieben habe. Das waren so die Hauptleitmotive, die hinum und herum, bald ironisch, bald pathetisch durch alle Tonarten abgewandelt wurden.
Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber es geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel gerade vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine oder andere Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines Bessern belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen Peppinger kann er doch nicht an.
Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten oder beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst der Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die Partei Schütz dem Kanton feind sei.
Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen den freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben zu stehlen.
Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte, es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem politischen Klatsch verzettelten.
Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als sei Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste, gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht und Hochstapler, von dem es noch gar nicht einmal feststehe, daß er nicht seine Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.
Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.
Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.
Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.
Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu gehen. Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der Landstraße über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler führte. Fenn klomm erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die weißen Häuser des Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter sich in dem höckerigen Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in das enge Wiesental vor und fielen sanft gegen das glasklare, schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab, auf dem weiße Schaumflocken zu Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen manchmal aus, wie riesige Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die Erde gedrückt sind. Unten im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen Grün und war eine zarte Folie für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch in all der Erneuerung des Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide standen. Die Wälder waren flaumig braun und weich, und in ihrem Braun, in dem man schon die schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und dort wie ein grüner Hauch der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau wolliger Pappelkätzchen. An den Eichen hing noch das tabakbraune welke Laub, das den Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz zusammengeschnitten und gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand, wirkte sie wie ein rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind um die Ohren sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an einem Hag ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte. Er dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft durch die Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem Wiesengrund stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und schachtelten sich ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne Gletscher, Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der Talsohle.
Fenn sah das Dorf nicht mehr. Lautlose Einsamkeit war weit um ihn her, und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm sich ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten, befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes Schloß, plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier bist du in meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht mehr sind und nie mehr sein werden.
Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der Hand ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb übers Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf die Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn, einem stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und sie mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.
Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst zu sein. Er hat recht.
Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die Gedanken: Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück Makulatur, das wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus zerwalkten Lumpen in einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und schwellenden Lebens und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes Symbol menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren Sein und Werden im All.
In dieser Stimmung stieg er den Pfad hinunter, der wieder in ein neues Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen und schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze Gestalt blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die Antwort, ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“
Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht gesehen und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es ein Labsal, dem Freund sein Herz ausschütten zu können.
Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er begeistert.
„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern von aller Ablenkung.“
„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres politischen Lebens ...“
„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los, um der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und nun kommst du mir so!“
Putty lachte auf.
„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann sehen wir weiter.“
Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern des Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen, zu den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei den Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty eine Prise anbot.
„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt zuweilen tatsächlich erfrischend.“
Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es könne in keinem Fall was schaden. „Es kennt sich nachher niemand aus, ob einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“
Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel bis in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei etwas Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an der Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit schuldbewußter Neugier nachsahen.
Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend: „Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen vorüber.
Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die Fenster rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in blauen und grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“ zum Erstaunen der Bäuerinnen getrieben hatte.
Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.
Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.
„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause bliebe.“
Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst, halb im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.
„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“
„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine politische Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus bleiben.“
„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“
„So heißt es immer. Wenn ich auch nicht rede, ich denke doch mein Teil,“ trumpfte die große Leonie auf.
„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“
Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.
„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.
„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem Nachbarn, und dann haben wir allerdings auch unsre politischen Zusammenkünfte, oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem Verein.“
„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“
„Für mich? Wie meinst du das?“
„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen, wie du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde ich, um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“
„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“
„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres von einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“
„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen willst.“
Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische Tätigkeit.
„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste Werkzeug politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.
„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr begeistern kann, als für eure Organisation.“
„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“
„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein Wahlagent.“
Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.
„Soll ich dir sagen, was ich für meine Pflicht halte? Meinen Leuten den wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres Glaubens heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann ist es schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht helfen, weiter gehe ich nicht mit.“
Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern Seite beizukommen.
„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar eine Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum Henker möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter eine Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch Menschen, Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein muß.“
Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.
„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation drin zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und stoßsicher an seinem Platze wirkt.“
Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten Brauen:
„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“
Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich in eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:
„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich finde darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen Pause mit Beziehung hinzu.
„O ja, du wirst es zu was bringen können.“
„Das braucht dich nicht zu verbittern.“
Fenn lachte lustig auf.
„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“
Putty schämte sich schon seiner albernen Regung.
„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf, und ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du mußt es doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen Sache in Gehorsam zu dienen.“
„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr habt euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines Herrn, den ihr nicht kennt.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um was und für wen.“
Jetzt lachte Putty.
„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“
„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“
Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den Höhen gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.
Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen eine innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine Begeisterung, die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal klammerte, die Nörgeleien der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem flüchtigen Blick in Puttys Bücherei allerhand leichte, vielleicht schlüpfrige Ware hatte liegen sehen, aber nicht ein Buch, nicht eine Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen deuteten, – das alles reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette zusammen, und er fuhr nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und Mitleid seltsam mischten.
In diesen Tagen, da Fenn Kaß mit knirschenden Zähnen und geballten Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm das Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden Brief erhielt:
„Sehr geehrter Herr Konfrater!
Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis die Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für den Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll, Propaganda machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die Dinge auf die Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten entschlossen und würde sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen genannten Schütz die Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben und seinen Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich ergeben, als auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen. Sapienti sat! Das werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen Verhältnissen zu beherzigen wissen.
Mit gebührender Hochachtung
Rommelfangen, Chefredakteur der Abendglocke.“
Als hätte der Wisch, den er in Händen hielt, die Luft um Fenn verpestet, riß dieser alle Fenster auf und ließ die abendliche Kühle hereinströmen. Indes, er kam nicht zur Ruhe, er mußte ausschreiten. Er ging zum Dorf hinaus, jener Höhe am Waldessaum zu, wo er schon einmal in schwerem Harm gestanden hatte. Aus einem Wirtshaus, wo man ihn hatte vorbeigehen sehen, brüllten sie ihm ein Hoch auf Peppinger nach. Er glaubte, die heisere Stimme des Ruß und die krähende des kleinen Fritt herauszuhören. Lautes Gelächter und Gläserklirren folgte dem Geschrei.
Fenn lehnte wieder an dem hohen Kirschbaum und sah wieder das Tal in weichen Umrissen hinausdämmern. Er stand, die Lippen fest zusammengepreßt, die Brauen in tiefen Falten, die Arme verschränkt. Und er prüfte sich auf Herz und Nieren, ob er in all der schweren Zeit, die er hinter sich hatte, sich einmal untreu geworden sei, ob er das Recht verwirkt habe, selbstherrlich über sich zu entscheiden. Nein, sein Weg war gerade gewesen und lag im hellen Tag. Er war keiner Mühsal ausgewichen. Aber jetzt war er am Ende seiner Kraft. Wie damals der arme Putty Heinen, so schlang er jetzt die Arme um den rauhen Baumstamm und begann zu weinen. Er weinte wirklich, der starke Fenn Kaß. Er versuchte zu beten. Er stellte sich den Gott vor, zu dem er beten wollte, und je länger er an ihn dachte, desto klarer wurde ihm, daß dieser Gott nicht das von ihm wollen konnte, was die Menschen von ihm verlangten. Dann zweifelte er wieder an sich: „Ich mache mir den Gott zurecht, den ich brauche, um mich zu rechtfertigen.“ Und er grübelte weiter auf dieser Spur: „Haben denn das nicht alle Gottsucher getan? Den Gott in ihrer Seele werden lassen, dessen ihre Seele bedurfte?“
So kam er nicht zur Ruhe. Er dachte an seine Mutter und ging nach Haus.
„Mutter, ich habe dir etwas zu sagen.“
Die alte Frau erschrak bis in den Hals. Sie dachte an die häßliche Verleumdung, die ihr Marjänni hinterbracht hatte. Mit schlotternden Knien ging sie zu ihm in sein Zimmer.
„Mutter, glaubst du, daß ich dir alles zulieb tue, dessen ich fähig bin?“
„Ja Fenn, warum fragst du?“
„Damit du nicht denken sollst, wenn ich dir jetzt einen Schmerz bereite, daß es mir möglich gewesen wäre, anders zu handeln.“
„Du mußt alles frei heraussagen, Fenn. Wir zwei haben uns ja doch immer gleich verstanden.“
„Erinnerst du dich, Mutter, wie ich dir damals sagte, warum ich Geistlicher werden wollte?“
„Ja, du sagtest, glaube ich, du müßtest viele haben, denen du Gutes tun kannst, und die dich lieb haben.“
„Glaubst du, Mutter, daß es so geworden ist, wie ich es mir damals dachte?“
Sie sah lange schweigend unter sich und sagte dann hart: „Nein, Fenn, es ist nicht so geworden.“
„Und glaubst du, ich habe lange und ehrlich genug versucht, ob es doch noch so werden könnte?“
Jetzt wußte sie, wo die Schatten in seinen Augenhöhlen herkamen. Und sie wußte auch, besser als er selber, daß sein Mühen vergebens war und vergebens bleiben würde. Sie wußte, wie die kleine bucklige Gehässigkeit ihn seit damals weiter und boshafter umrankte, wie jeder seiner Schritte mißdeutet wurde, und daß er nicht die Hornhaut ums Herz hatte, die ihn gegen solche Verletzungen unempfindlich gemacht hätte. Ja, wenn er sich nicht aus freien Stücken zum Diener derer gemacht hätte, die jetzt nach seinem Herzen zielten! Aber jetzt! Jetzt wollte er sich frei machen. Jetzt kam er und fragte sie, seine Mutter, ob er ihr ihren alten, heitern, klaräugigen Fenn wiederschenken dürfte!
Es stieg ihr beklemmend in die Kehle und heiß in die Augen, und sie sagte: „Du dummer Bub! Meinst du denn, ich habe nicht schon lange gemerkt, daß du in die Irre gehst!“
Viertes Kapitel
„Lieber Theo! Treffe ich Dich am Dienstag in Luxemburg? Unsere Pfarrei geht mit der Prozession hin. Ich hätte Dir etwas zu sagen. Komm gegen Mittag in den Goldenen Anker. – Dein Fenn Kaß.“
Am Dienstag in der Dämmerfrühe war die Pfarrei auf den Beinen und zog singend und betend zum Dorf hinaus gen Luxemburg, wo in der „Octav“ acht Tage lang das wundertätige Muttergottesbild, die „Trösterin der Betrübten“, im Kerzengeflimmer auf ihrem Votivaltar steht und von Gold und Edelsteinen glitzert. Auf ihrem Scheitel ragt eine goldene Krone, darunter wellt sich ihr blondes Haar auf die Schultern, und ein kostbarer Spitzenschleier fällt bis zum Saum ihres seidenen Kleides, über das goldgestickte Spruchbänder laufen mit den Worten: Mater Jesu, Consolatrix Afflictorum, Patrona Patriae, ora pro nobis! Ihre Rechte trägt ein kostbares Zepter, und am Handgelenk hängen ihr ein goldenes Herz, eine Perlenkette und ein Schlüssel des alten Stadttores von Luxemburg. Auf ihrem linken Arm sitzt das goldgekrönte Jesuskind, in dem einen Händchen die kreuzüberragte Weltkugel, die Schwurfinger des andern segnend emporgestreckt. Und aus großen, runden, kalten Augen sieht das goldstrotzende Muttergottesbild auf die Tausende von Armen, Mühseligen und Beladenen, die sich während der Octav als dunkel verworrene Masse zu seinen Füßen drängen, ihm ihr Leid klagen und ihre Silberlinge auf den Altarstufen opfern.
Die „Octav“ beginnt damit, daß an einem Frühlingsabend dumpfe, summende Glockenschläge wie dunkle Klangwolken langsam über die Stadt hinschwimmen. Die Glocke heißt der „Bourdon“. Ihre Klänge verbreiten eine feierlich aufgeregte Vorabendstimmung. Und an den nächsten Tagen, in aller Herrgottsfrüh, bis tief in den Vormittag hinein, kommt es gezogen mit Kreuz und Fahne, Gebet, Gesang und Musik, schwarze Menschenzeilen, die wie Raupen über Straßen und Brücken herankriechen und sich vor der Wallfahrtskirche stauen. Nicht alle gelangen hinein, das Gedränge ist beängstigend. Durch das geöffnete Kirchentor dringt aus dem Dunkeln ein wundersames Flimmern zugleich mit dem Brodem von tausend müden Menschenleibern, die sich da drinnen zusammenquetschen. Die Stadt gehört der „Octav“. Magere Heidemenschen ziehen mit ihren Kindern an der Hand durch die Straßen. Die Bärte der Männer sind staubig und ihre Blicke kummervoll vor Müdigkeit. Man sieht überall, zu den Schaufenstern gebückt, die häßlichen Nacken der Bauernweiber, die ihr pechfarbenes Haar am Hinterkopf gewaltsam hinaufgestrählt haben und oben drauf eine klägliche Hutparodie tragen. Eifeler und Hunsrücker, Trierer und Hochwälder Bauern kreuzen sich in der Masse der Eingeborenen mit den schwarzäugigen Lothringer Frauen, die ihr schleppendes Französisch dahersingen und langsam hinter ihrem Pfarrer und ihrem majestätischen Schweizer dreinstrudeln. Ein Bub mit großen Neugieraugen hat seinen Regenschirm mit beiden Händen unterm Griff gefaßt und hält ihn vor sich hin, als sei es eine Gans, die er erwürgen müsse. Mitten auf dem Pflaster steht ein glattrasierter Bauer mit rundem, rotem Gesicht und saugt mit hohlen Backen an einem Rest von Zigarrenstummel, bis er seine Leute von fern erspäht und aufgeregt auf sie lossteuert. Kapläne schwimmen durch die Menschenwogen geschäftig hin und her und sind wie die jungen Leutnants im Manöver, die wichtig tun und nie Bescheid wissen. Und die entwurzelten Menschen von draußen, deren Gesichter vor Hunger und Müdigkeit erdfarben und fahl sind, lassen sich durch die Straßen treiben und schrecken zusammen, wenn ein ungewohntes Geräusch sie überrascht. Sie gehen schwer und mühsam, als ob die Erdschollen der ganzen Frühjahrsfron an ihren Schuhsohlen klebten. Das Gewühl ist wie ein dickflüssiger Schlamm von Menschen. Stumpfsinnige Männer lungern herum und haben nur den einen Wunsch: sich hinter einen Tisch zu einem Humpen setzen, eine Pfeife rauchen und in das Gewühl starren. Sie erörtern, ob die Weinberge in dieser Nacht erfroren sind, während sie über die Landstraße im fahlen Morgenlicht pilgerten. Und ihre Frauen stehen vor den Läden und befühlen mit ihren schwieligen Fingern Stoffmuster, deren Billigkeit sie in Versuchung führt.
Dann sammeln sie sich um die Leiterwagen und warten, bis die von ungewohntem Geräusch und von Bier und Nichtstun halbbetrunkenen Männer anspannen und ihre polternden und rasselnden Gefährte, auf denen die müden Pilgerinnen stille hocken, wie schlafende Hühner auf der Stange, über das Pflaster der Stadt und die staubweißen Straßen entlang heimwärts kutschieren.
In der Dämmerfrühe am Dienstag waren die Brebacher Pilger aufgebrochen. Eine Strecke vor dem Dorf lösten sich die Reihen, das Gebet verstummte und man ging in plaudernden Gruppen, setzte sich auch einmal im Wald an den Wegrand und frühstückte aus den Körben, die mit Wurst und harten Eiern, Butterbrot und Waffeln vollgestopft waren. Fenn ging seltsam bewegten Gemütes mit den andern durch den Aprilmorgen. Die erwachende Welt bis an den Horizont und bis wohin immer seine Gedanken reichten, rief ihm zu: Ich gehöre dir! Zum ersten Male, seit er seiner selbst bewußt geworden, durfte sein Sehnen und Hoffen schrankenlos sein. Seine Seele atmete jauchzend in vollen Zügen. Zwei von den Kamps Burschen gingen ihm zur Seite, und er faßte im Überschwang seines Glücks jeden mit einer Hand und ging, weit die Arme schlenkernd, mit ihnen fürbaß, wie er wohl als Kind mit seinen Gespielen gegangen war. Seine Mutter, die hinten im Nachtrab der Alten schritt, beobachtete ihn glückselig und betete mit versonnenem Lächeln für ihn heimlich einen Rosenkranz nach dem andern.
An der letzten Etappe vor der Stadt wurde halt gemacht. Die Fahnen wurden aus ihren Futteralen gezogen, den „Engelchen“ wurden die Haarwickel gelöst und die Schleier angesteckt, die Sänger taten ihre Pfeifen in die Brusttaschen, spuckten ergiebig aus und strichen sich die Schnurrbärte. Sie räusperten ihre Kehlen sauber und stellten sich in Reih und Glied. Auch die Feuerwehr faßte Posto. Und dann setzte sich der Pilgerzug von der Anhöhe her gegen die Stadt in Bewegung.
Nie hatte sich Fenn so innig und unbewußt wie heute über die weißen Blütendolden des Hagedorns gefreut, die im kräftigen Braun der Hecken standen, über das erste Laub, das in den Zweigen hing wie grüner Rauch, der sich dort verfangen hat und das so zarten Anblicks war, daß man es wie eine weiche Liebkosung in den Handflächen und an der Wange zu spüren meinte. Einzelne kurzgeschnittene Hecken am Weg waren wie breite Tierrücken mit grünem, dichtem Fell, und zwischen den Häuserwürfeln, über die blinkenden Dächer quoll das junge Grün der runden, treibenden Baumwipfel empor, und die schiefen Strahlen der aufgehenden Sonne durchdrangen die höchsten Spitzen mit ihrem blassen Gold. Der Morgenwind grüßte die Sonne, und eine leuchtende Staubwolke fegte vor ihm her über die Straße, wie ein stolzer Schiffsbug über die Wellen gleitet, oder wie gespenstige Schlittenkufen, die aus dem Boden wachsen, einer Schwanenbrust gleichen, lautlos dahinfahren und versinken.
Das mutwillig laute Gebet der Buben, die in der Stadt ihre Müdigkeit vergaßen, hallte durch die morgenstillen Straßen, und die Prozession zerfloß bald in dem kribbelnden Sammelbecken, das sich vor der Kirche anstaute. Fenn sah einen fremden Küster, der das silberne Kreuz von der Tragstange schraubte, um es in seinem Futteral zu bergen: „So schraube ich von mir mein Priestertum ab,“ dachte er. „Wollen sehen, zu was die Stange zu gebrauchen ist.“ Ein paar Ordensschwestern gingen vorbei, vor sich eine Doppelreihe idiotisch aussehender, zum Teil verkrüppelter junger Mädchen. Und Fenn verweilte bei dem Gedanken, wie die Kirche, der er nicht mehr dienen wollte, im Lebenshaushalt ihresgleichen nicht hat, da sie die menschlichen Abfälle so wirtschaftlich zu verwenden weiß. Eine Sekunde überkam es ihn beim Anblick der beiden Nonnen, die solche verlorenen Existenzen ins Schlepptau ihres eigenen Lebens nahmen, wie Scham und Reue. Aber die verkrüppelten, idiotischen Mädchen mit ihren Begleiterinnen verschwanden in der Menge, um Fenn Kaß flutete wieder warmes, gesundes Leben, und die bittere Regung war verflogen.
Er frühstückte mit den Kamps und mit Niegela im Goldenen Anker und gedachte dann beim Bischof vorzusprechen und diesem seinen Entschluß mitzuteilen.
Draußen, mitten im Gewühl, zupfte jemand Fenn am Ärmel. Er wandte sich um und erblickte Herrn Jakob Thielen aus Wiesing, genannt Pichert. Aber der Pichert machte nicht das konzentriert glückliche Gesicht, das er immer machte, wenn er seinen jungen Freund Fenn wiedersah. Unwille und Betrübnis hielten sich in dem Ausdruck seines treuen Schusterantlitzes die Wage, und Fenn fragte erstaunt: „Pichert, was ist denn mit dir los?“
Der Pichert drückte ihm die Hand, als gelte es einen Rütlischwur und fragte mit seltsam bewegter Stimme, ob er mit Fenn einen Augenblick sprechen könne.
„Ei natürlich! Sag mal, Pichert, du siehst ja drein wie ein Verschwörer. Sollen wir uns in eine verborgene Höhle zurückziehen?“
Aber dem Pichert war es nicht ums Lachen. „Komm zwischen den Leuten heraus,“ sagte er ernst. „Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Es war nämlich einer aus eurem Dorf kürzlich in Wiesing.“
So? Und wer das denn gewesen sei, und was er gewollt habe.
„Er heißt Emil Masseler, und er wollte wissen, wie du in der Zeit, wo du noch in Wiesing warst, mit Brauns Marjänni gestanden hast.“
„Ich? Mit Brauns Marjänni? Wie kommt denn der dazu?“
Pichert konnte nicht mehr an sich halten. Sein Geheimnis brach über alle Dämme. „Ich sehe, Fenn, du weißt von nichts. Dieser Masseler saß in den Wirtshäusern herum, fing mit den Leuten ein Gespräch über dich und Marjänni an und fragte, ob ihr denn auch in Wiesing früher schon so gut Freund gewesen seid, wie jetzt in Brebach. Er zwinkerte mit den Augen und machte die ganze Wirtsstube neugierig, aber wenn dann einer fragte, was er damit meine, dann drückte er sich: Er wolle nichts gesagt haben, aber sie sollten nach Brebach kommen und das erste beste Kind auf der Straße fragen ...“
„Komm, Pichert,“ sagte Fenn, „gib dir weiter keine Mühe, ich kann mir den Rest denken. Habt ihr denn in Wiesing das geglaubt?“
„Wo denkst du hin, Fenn! Aber ich mußte es dir doch sagen!“
„Nun ja, Pichert, es ist ja auch gut, daß du mich gewarnt hast, aber so schlimm wird die Sache nicht sein, sonst hätte ich in Brebach schon davon gehört. Denn sieh, welchen Zweck hätte es, erlogene Schlechtigkeiten über mich zu erzählen, wenn ich es nicht erfahre und mich nicht darüber ärgere?“
Der Pichert war wieder einmal froh, daß etwas, was ihm so schwer auf dem Herzen gelegen hatte, seinen jungen Freund nicht aus dem Gleichgewicht warf. „Der Fenn ist doch ein anderer Mensch, wie wir,“ dachte er bei sich.
„Und jetzt, mein lieber Pichert, muß ich dich verlassen, ich habe einen notwendigen und wichtigen Gang vor. Vielleicht hörst du noch heute Näheres darüber. Von der andern Sache rede mit niemanden. Wenn was dahintersteckt, weiß ich, was ich zu tun habe.“
Daß man ihm Beziehungen zu Frau Lampert andichtete, fand er grenzenlos dumm. Die Leute konnten doch unmöglich wissen, wie er innerlich zu ihr gestanden hatte. Jetzt war, seit seinem Besuch im Hause Lampert und jenem wüsten Auftritt, jedes geheime Band zerrissen, das vielleicht einmal von ihm zu ihr hinübergeführt hatte.
Fenn zog auf der Treppe zum Bistum die Klingel. Die Tür ging auf und er stand dem „Peter“ des Hochwürdigsten Herrn gegenüber. Peter war nicht der Vor-, sondern der Gattungsname des jeweiligen bischöflichen Leibdieners. Er war von dem ersten Träger dieser Würde, der unter dem Namen „Bischofs Peter“ im Land populär geworden war, auf alle Nachfolger übergegangen.
Der jetzige Peter war ein bleicher Leisetreter, mit einem salbungsvoll verschmitzten Bedientengesicht. In seinem engen Kreise besaß er eine zuverlässige Menschenkenntnis, die auf viele heimlichen Beobachtungen aus dem Augenwinkel gestützt war. Es war, als hätte er lange, unsichtbare Fühler, die er ausstreckte und einzog und nach denen er sein Verhalten einrichtete. Was jetzt da vor ihm stand, war ein gewöhnlicher Landkaplan. Da gab man sich nicht viele Mühe. Dem imponierte man schon mit dem gewöhnlichen Werktagsgesicht.
„Ich möchte den Hochwürdigsten Herrn sprechen.“
Peter setzte zu seiner Abfertigung an: „Der Hochwürdigste Herr ist sehr müd, noch von der letzten Reise, wünscht sich noch auszuruhen ... wenn nicht unbedingt notwendig ...“
Er unterbrach sich. Mit diesem Kaplan mußte es etwas ganz Besonderes sein, der hatte einen ganz andern Ton als die übrigen. Der sah ja gar nicht aus, als ob er das Vorzimmerfieber hätte. Der war ja nicht unterwürfig, der schien ja wirklich etwas zu wollen und nicht nur etwas in Demut zu erbitten.
„Es ist notwendig, sonst wäre ich nicht gekommen,“ versetzte Fenn und faßte sich den Peter scharf ins Auge.
Die Tür nebenan ging auf und die beiden Sekretäre steckten neugierig ihre Gesichter heraus, in die die Anpassungsnotwendigkeiten ihres Berufs auch schon ihre deutlichen Spuren gegraben hatten. Es waren Schulkameraden Fenns. Sie begrüßten ihn burschikos und waren erstaunt, wie ernst und abweisend er ihren Gruß erwiderte.
„Ich will dann also sehen, ob der Hochwürdigste Herr Sie empfangen will,“ sagte Peter, noch unsicher, ob er sich diesem merkwürdigen Menschen tatsächlich zu fügen habe.
„Melden Sie Herrn Ferdinand Kaß aus Brebach.“
Dem Peter kam diese profane Titulatur ungewohnt vor und er ließ sie sich wiederholen.
Jetzt stand Fenn im ersten Empfangszimmer des Bischofs. Eine große „Fußwaschung“, die im Klerus geheimnisvoll mit dem Namen Rubens in Verbindung gebracht wurde, bedeckte eine ganze Wand. Auf dem Kamin stand zwischen Kandelabern, die wie ein Willkommgeschenk an den Hochwürdigsten Herrn aus seiner Kaplanszeit aussahen, ein kupfernes Kruzifix, der „Fußwaschung“ gegenüber hingen einzelne Bilder von Mitgliedern des Herrscherhauses. Während Fenn noch unaufmerksam in einem Band architektonischer Zeichnungen blätterte, der neben einem Prachtwerk über Lourdes auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lag, ging eine Innentür auf und der Bischof trat schweren Schrittes herein. Fenn sah durch die halbgeöffnete Tür in ein Zimmer mit roten Plüschmöbeln, in dem bläulicher Zigarrenrauch in Wolken und Ringen schwamm. Gedämpfte Stimmen, die er gehört hatte, verstummten ganz.
Er schlug das Buch zu und trat dem Hochwürdigsten einen Schritt entgegen. Der legte sein wohlgenährtes Gesicht in ernste Falten, wobei er das Haupt etwas zur Seite neigte und dem jungen Geistlichen seine Rechte, nachdem er ihn zuerst mit einem summarischen Kreuzeszeichen gesegnet hatte, zum Ringkuß hinstreckte.
Fenn ergriff die Hand und drückte sie, wie bei einer Begrüßung unter Bekannten, und es tat ihm leid, dem ältern Mann diese verletzende Überraschung bereiten zu müssen. Der Hochwürdigste Herr machte eine Sekunde lang ein Gesicht wie einer, der beim Treppabsteigen eine Stufe zu kurz zählt und von der vorletzten ins Leere, statt auf festen Boden tritt. Fenn beeilte sich, eine Erklärung dafür zu geben, daß er nicht, wie üblich, niedergekniet war und den bischöflichen Amethyst geküßt hatte.
„Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich aus dem Priesterstande austrete.“
„So, so,“ grollte der Bischof und suchte sich zu sammeln. Denn das alles war ihm zu elementar plötzlich gekommen. „Und warum wollen Sie austreten?“
„Aus innern Gründen, deren Darlegung mich wahrscheinlich zu weit führen würde.“
„So! Also dann will ich Ihnen sagen, warum Sie austreten wollen!“ In vollen Brusttönen kamen die Worte heraus und die entrüstet aufgeworfenen Lippen nahmen sie von der Zunge in Empfang und wälzten sich breiig und ungeschlacht daher. „Ich hab’ es schon lange gewußt, daß Sie es nicht aushalten würden. Sie waren schon im Konvikt ein unsicherer Kantonist. Sie sind auch einer von denen, die auf das ‚Hochland‘ und auf die ‚Kölnische Volkszeitung‘ abonniert sind.“
„Ei ei,“ dachte Fenn, „lassen wir ihn sich einmal losknöpfen.“
„Sie?“ fuhr der Bischof fort, „Sie haben den Geist der Frömmigkeit in sich ertötet und Sie treiben Allotria! Und von wem der Geist der Frömmigkeit gewichen ist, der fällt dem Bösen leicht zur Beute. Sie? Aus Brebach sind mir über Sie Geschichten zugetragen worden. Ja ja! wenn man solchen Sinnes ist.“
Fenn dachte bei sich: „Wem will er imponieren?“ und er fiel dem Hochwürdigsten Herrn ruhig, aber bestimmt ins Wort: „Sie fassen die Lage verkehrt auf. Ich sagte Ihnen, ich wolle austreten. Das heißt so viel, wie daß ich virtuell schon ausgetreten bin. In diesem Augenblick bin ich nicht mehr ein Mann, der von Ihnen irgendwelche Richtlinien empfangen will. Das bitte ich zu bedenken. Und damit werden Ihre Erörterungen über meine Beweggründe, zumal wenn sie in diesem Ton gehalten sind, überflüssig.“
Der Bischof schnaufte vor Erregung. Das hob ihn ganz und gar aus den Angeln. „So! was wollen Sie denn hier?“
„Ich komme als anständiger Mensch zu Ihnen, und sage Ihnen, daß ich ein freiwillig eingegangenes Verhältnis aus persönlichen Gründen und eigener Machtvollkommenheit löse. Das war mein Recht. Es wäre nicht höflich meinerseits gewesen, wenn ich gewartet hätte, bis Ihnen das von anderen Seite hinterbracht worden wäre.“
„Sie haben schon zu lange gewartet. Ich wußte über Sie genau Bescheid.“
„Nein, Herr Bischof, das konnten Sie nicht. Ich habe vor einer halben Stunde erfahren, was Sie wahrscheinlich über mich wissen werden. Es ist ein abgefeimter Klatsch, der an mich nicht heranreicht, und der nur die beschmutzt, die ihn ausgeheckt haben. Sie werden ja wissen, wen ich meine. Die Gründe, die mich aus dem Priesterstand heraustreiben – das lassen Sie Sich bitte gesagt sein –, sind ehrenhafter als die, die viele darin zurückhalten.“
„Jetzt haben Sie an die Ehre meines Klerus gerührt, jetzt müssen Sie ...“
„Meine Ehre ist mir so viel wert, wie Ihnen die Ehre Ihres Klerus. Sie unterschoben mir niedere Motive, ohne dafür einen andern Anhaltspunkt zu haben, als den schmutzigsten Dorfklatsch. Ich habe den Ehrgeiz, daß ich nur durch die beurteilt werden will, die mich kennen.“
„Das sind stolze Worte. Und der Teufel Hochmut ...“
„Bitte, ich war noch nicht fertig. Sie kannten mich jedenfalls nicht hinlänglich. Was Sie Hochmut nennen, empfinde ich als ethisches Sauberkeitsbedürfnis.“
„Ich kannte Sie allerdings nicht hinlänglich. Das sehe ich ein. Sie können gehen, Sie gehören nicht zu uns.“
„Sehen Sie,“ lachte Fenn gutmütig, „nun sind wir doch so weit, daß wir uns verstehen.“
„Es hat mir weh getan, Herr Kaß. Ich habe Sie lieb gehabt!“ Der Bischof sagte es mit seiner fettesten Bruststimme und belegte seine Gerührtheit mit seinem väterlichsten Blick.
„Und was gedenken Sie nun anzufangen?“
„Darüber bin ich mir im einzelnen noch nicht ganz klar.“
„Sie werden es schwer haben, Herr Kaß! Der apostasierte Priester trägt doch überall das unauslöschliche Merkmal seiner göttlichen Weihe auf der Stirn.“
„Glauben Sie? Ich habe das Empfinden, daß es mir nicht schwer fallen wird, mich in der profanen Welt heimisch zu machen.“
„Täuschen Sie Sich nicht, wir haben Beispiele in Masse. Die Welt betrachtet den ausgetretenen Priester mit Scheu und Mißtrauen.“
„Das werde ich also überwinden müssen. Und ich bin sicher, ich werde es überwinden.“
„Ich wünsche es von ganzem Herzen, Herr Kaß.“
„Dann also, Adieu, Herr Bischof.“
„Gehen Sie mit Gott, Herr Kaß. Und bleiben Sie trotz alledem ein frommer, gläubiger Mensch.“
„Mein Glaube hat mit meinem Austritt nichts zu schaffen. Leben Sie wohl!“
Nun stand er draußen. Wie war ihm doch zumut? Wie damals, als er nach dem Abitur singend zur Stadt hinausgezogen war und Disteln und Löwenzahn an seinem Weg vor fröhlichem Übermut und überschäumender Kraft geköpft hatte. Damals hatte er gemeint, ihm gehöre ein Stück der Welt. Jetzt stand ihm die ganze Welt offen. Er sah den Leuten, die vorbeigingen, so fröhlich ins Gesicht, daß sie dachten: „Ei, dem gehts gut, der hat in der ‚Lese‘ einen guten Tropfen gekostet.“
Wo wollte er nur gleich hin? Ja so, im Goldenen Anker erwartete ihn Theo Schütz.
Unter dem Torbogen des Gasthofs zum „Goldenen Anker“ ging der zähflüssige Menschenstrom langsam aus und ein. Bald schiebend, bald geschoben, gelangte Fenn in die Gaststube. Im Flur schwammen die dunstigen Gerüche von Speisen, Wein, Bier und Tabak, die weißbeschürzten „Änny“, „Kätty“, „Marry“ trugen mit heißen Gesichtern ihre dampfenden Lasten treppauf treppab, vor dem Stoß ihrer Füße flogen die Türen auf, und wo sie erschienen, streckten sich ihnen winkende Hände und leere Gläser und Flaschen entgegen ...
In einer Ecke des Eßzimmers saß eine Gruppe Wiesinger, und etwas abseits von ihnen Frau Marjänni Lampert. Sie hatte eine volle Bratenschüssel vor sich, und eine Flasche Mosel mit einem farbigen Etikett, aus der sie einer Nachbarin, einer Wiesinger Tagelöhnersfrau, gönnerhaft ein Glas mit ausgoß: „Doch doch, Sie müssen das annehmen, das schmeckt gut zu Ihrem Stück Brot mit Speck.“
„Sei dach net esu domm, Mrai!“ redete eine entfernter sitzende Frau der Nachbarin Marjännis zu. „Vun e’m Glas Wei’ werdsch de net baschten!“
Marjänni hatte die schwere goldene Halskette ihrer verstorbenen Schwiegermutter um. Es war ein Familienerbstück. Zweimal ging sie in weiter Schlinge um den Hals und vorne hing daran ein altmodisches goldenes Kreuzchen.
„Die alten Sachen kommen wieder in Mode,“ erklärte Marjänni der Tagelöhnersfrau, die von dem Glas Wein gesprächig geworden war und den Schmuck bewunderte.
„Oh ja, das glaube ich auch,“ sagte sie, im Kauen einhaltend.
Der Herr Lampert war nicht mitgekommen. „Ihm liegt nicht viel an der Octav. Er kommt ja das Jahr hindurch so oft in die Stadt, ihm ist das nichts Neues.“
„Ja, das glaube ich,“ sagte wieder beifällig die Nachbarin.
Drüben saß ja auch Herr Schütz, der so oft zum Herrn Kaplan nach Brebach kam. Den kannte Madame Lampert sehr gut, oh ja, früher. Heute sahen sie sich nicht mehr so oft. Ihr Mann war nicht für die vielerlei Freundschaften aus der Stadt. Man hatte nichts davon.
„Oh ja, das glaube ich auch.“
Die Tür ging auf und Fenn Kaß trat herein.
„Der Herr Kaplan!“ flüsterte die Tagelöhnersfrau ehrerbietig.
„De’ kuckt haut emol monter dran!“ – „dem seng Sach aß go’ut gaang“ – und ähnliche Bemerkungen begrüßten laut und leise seinen Eintritt.
Er bemerkte zuerst die Gruppe der Wiesinger und ging mit freudigem Willkomm auf sie zu. Mit einem leisen Lachen, in dem alle seine Zähne blitzten, streckte er Frau Lampert die Hand über den Tisch hinüber: „We’i gäht et, Marjänni, schmaacht et alt?“[3]
Ein paar der Wiesinger stießen sich unter dem Tisch an und warfen sich verständnisinnige Blicke zu.
Marjänni hatte rot vor Verlegenheit den Gruß erwidert und rasch eine Ablenkung darin gefunden, daß sie Fenn auf die Anwesenheit seines Freundes aufmerksam machte.
Und nun sahen die Wiesinger, wie sich ihr Kaplan und Herr Theo Schütz drüben in die Ecke dicht zueinander setzten, wie der Herr Kaplan dem Freund leise etwas ins Ohr erzählte, wie der immer aufmerksamer und erstaunter aufhorchte, wie sich sein Gesicht zusehends verklärte und er endlich in heller Freude mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und laut nach der Bedienung rief. Der Herr Kaplan suchte ihm lachend zu wehren, aber das half nichts, Herr Schütz winkte die „Änny“ heran und bestellte eine Flasche Champagner. Und rasch! Vom besten, den sie im Keller hatten.
Die beiden tranken die Flasche bei angeregt geflüsterter Unterhaltung aus, und dann nötigte Herr Schütz den Freund mit zu sich nach Haus.
Das alles sahen die Wiesinger voll siedender Neugier, einzelne auch voll gerechter Entrüstung mit an. Denn war es nicht geradezu anstößig, daß sich ein geistlicher Herr in einem öffentlichen Lokal mit einem notorischen Gottesleugner und kirchenfeindlichen Kammerkandidaten so auffällig machte?
Aber die guten Wiesinger waren noch nicht am Ende ihres Staunens. Denn wenig später kam Pfarrer Brendel mit Emil Masseler und der Erbtante in sichtlicher Erregung herein. Sie nahmen bei den andern Platz und Emil Masseler fragte: „Man darf es ja sagen, Herr Pastor?“
„Warum nicht?“ meinte Herr Brendel kummervoll, „einmal muß der Skandal ja doch losbrechen.“
„Was denn?“ fragten die zunächst Sitzenden.
Emil Masseler legte sich weit über den Tisch und alle Köpfe bogen sich zu ihm. „Unser Kaplan zieht den schwarzen Rock aus!“
Die einen stießen aus tiefster Brust ein fast erschrockenes Oh! heraus, die andern machten Pst! und wollten gleich mehr hören.
Jawohl, der Herr Pastor war beim Bischof gewesen, wie der Kaplan gerade fort war. Es war ganz sicher. Übrigens, man konnte sich das schon lange denken. Der hatte keine geistlichen „Naupen“.
Die Tagelöhnerin neben Marjänni, die näher an Masseler saß, gab die Meldung an Frau Lampert weiter. Sie tat es mit einer Betonung, als ob sie gerade von ihrer Nachbarin eine besondere Teilnahme erwartete.
„Was liegt mir daran?“ sagte Marjänni wegwerfend, und die Tagelöhnerin pflichtete ihr bei: „Ja, das glaube ich auch. Was braucht Ihnen daran zu liegen!“
Und während vom Tisch der Wiesinger die Neuigkeit, daß der Brebacher Kaplan den schwarzen Rock auszog, sich in der ganzen Gaststube verbreitete und überall mit erstauntem: „Oh! Kuck hei! Aß dat elo miglech?“ aufgenommen wurde, saß Fenn Kaß mit seinem Freund Theo beim Mittagessen und besprach mit ihm seine nächste Zukunft.
„In Brebach wirst du wohl nicht bleiben können,“ meinte Theo.
„Warum nicht?“
„Nja! Du weißt, wie das Volk ausgetretenen Priestern gegenübersteht.“
„Dasselbe hat mir schon vorhin der Bischof gesagt. Aber ich bin nicht gesonnen, diesem Volksempfinden aus dem Wege zu gehen. Ich bin fest entschlossen, es zu meistern und mich ihm gegenüber als voll durchzusetzen.“
„Wie willst du das tun?“
„Das hängt von den Umständen ab. Ich gehe nach Brebach zurück und gehe dort nicht fort, bis ich weiß: die Leute lassen dich gelten, als das, was du sein willst.“
„Dir kann es doch völlig gleichgültig sein, was die Brebacher Bauern von dir denken.“
„Durchaus nicht. Ich habe wirkliche Freunde dort. Es liegt mir viel daran, daß sie selbst wissen, was sie an mir haben, und daß sie sich von andern wegen ihrer Freundschaft für mich keine Anzapfungen brauchen gefallen zu lassen.“
„Dann wäre es also aussichtlos, dich davon abbringen zu wollen. Reden wir von was anderm. Was willst du in Brebach anfangen?“
„Ich dachte, ich könnte die Sache mit der elektrischen Anlage auf eigene Rechnung übernehmen.“
„Das wäre eine Lösung. Seide wirst du dabei keine spinnen, aber die Anlage läßt sich wirtschaftlich machen, vielleicht kannst du davon leben.“
„Mehr brauche ich vorläufig nicht. Meine Mutter hat in Wiesing ihre paar Äcker und Wiesen gut verpachtet, und wir brauchen nicht viel. Du wirst sehen, es geht. Später suche ich, weiter zu kommen. Ich kann es jetzt, ich habe die Ellenbogen frei.“
Fenn Kaß blieb, nachdem er seine Mutter von dem Geschehenen verständigt hatte, ein paar Tage bei seinem Freund in der Stadt. Er hatte in der Regierung wegen seiner Anlage in Brebach zu verhandeln, da für derartige gemeinnützige Unternehmungen Staatszuschüsse bewilligt wurden. Von da aus wurde auch bei der Gemeinde dahin gewirkt, daß sie sich zu einem eventuellen Vertrag bereit erklärte. Mit Fritz Lampert war Fenn schon vorher im Prinzip einig gewesen und die technische Seite des Projekts wurde eingehend mit Theo besprochen. Es wurde offenbar, daß Fenn sich eine erstaunliche Fülle theoretischer Kenntnisse auf dem Gebiete der Elektrizität, der Mechanik und des Hoch- und Tiefbaues angeeignet und ausgesprochene natürliche Anlagen durch gründliches Studium entfaltet und vertieft hatte. Theo war erstaunt.
„Junge,“ sagte er, „du bist für Brebach zu schade. Ich habe Pläne. Na, du wirst ja sehen.“
Fünftes Kapitel
In Brebach war es einfach ein Aufruhr, als Fenn Kaß in bürgerlicher Kleidung am hellen Tage eintraf. Er merkte in der Hauptstraße, die er bis zu seiner Wohnung zu passieren hatte, wie Kinder und Erwachsene, die von fern den Fremden kommen sahen und nach längerm Anglotzen als ihren frühern Kaplan erkannten, Hals über Kopf in den Hausgängen verschwanden und alle Familienmitglieder zu dem aufregenden Ereignis auf die Türschwelle riefen. Man überschlug sich vor Neugier. Sein Gruß fand nur ein seltenes Echo. Die Männer rückten schweigend und unfreundlich an den Mützen, die Frauen blickten ihn an, wie einen Fremden, und einmal rief ihm eine Gruppe Kinder, offenbar auf Anstiften der Eltern, nach: „Hei, do’u dein Ho’ut ä’s of! Hu’esch de d’Kopp nach geschu’er?“
Zu Hause wartete seiner die Mitteilung, der Hausbesitzer habe die Wohnung gekündigt. Die sei eigens für den Ortskaplan und müsse für den Nachfolger frei werden.
„Auch gut,“ meinte Fenn, der doch einen leisen Ärger in sich aufsteigen fühlte. „Wir ziehen ja so wie so in die Mühle. Eigentlich sollte ich dem Kerl die Zähne zeigen und ihn lehren, was ein regelrechter Mietvertrag heißt. Aber sei’s drum.“
An einem der nächsten Abende saß Fenn Kaß in seiner Studierstube und las in der alten Allioli-Bibel, die er vom Schente Storrek geerbt hatte. Seit er den Priesterrock ausgezogen hatte, tat er das mit wachsendem Genuß. Es war, als hätte sich mit ihm und für ihn das Buch der Bücher verweltlicht. Psalmen und Evangelien, Sprüche und Briefe, Chroniken und Prophezeiungen gewannen für ihn erst jetzt einen tiefen menschlichen Reiz, nachdem sie ihm bislang fast nur als Hilfsmittel seines priesterlichen Lehramtes erschienen waren. Und er dachte mit Rührung an den alten Bauer, von dessen Fingern die Seiten abgegriffen und angegilbt waren und dessen schlichter Geist aus dem Geist und Klang dieses Jahrtausende alten Schrifttums Genuß und Trost geschöpft hatte, mehr als er, der studierte Kulturmensch, zu dessen Beruf doch das Eindringen in die Bibel gehört hatte.
In dieser Stimmung wurde Fenn durch einen Besuch überrascht, dessen Klingeln und kurze hastige Frage im Hausflur er mit dem Eindruck vernahm, daß es jemand war, der es sehr eilig haben müsse. Im nächsten Augenblick öffnete seine Mutter die Tür und sagte: „Hier, Fenn, bringe ich Besuch.“
Er sah im Dunkel ein blasses Gesicht und ein paar funkelnde Brillengläser und erkannte sofort Putty Heinen, den er mit freudiger Lebhaftigkeit begrüßte.
„Putty, du! Das nenn’ ich eine Überraschung!“
„An Sie hätte ich jetzt wahrhaftig auch nicht gedacht!“ bestätigte Frau Kaß.
Putty schien durch das Licht im Zimmer geblendet. Fahrig und unsicher antwortete er auf die Begrüßung mit gezwungener Heiterkeit. Als ihn Frau Kaß fragte, ob er schon zu Nacht gegessen habe, verneinte er zuerst und versicherte dann, er habe doch gegessen, ganz sicher, er werde unter keinen Umständen etwas anrühren.
Frau Kaß ging, und Fenn nötigte den Freund auf einen Stuhl, im Lichtkreis seiner Studierlampe. Erst jetzt sah er, wie blaß Putty aussah und wie verfallen vor Angst und Erschöpfung seine Züge waren.
Sofort begann dieser zu reden, stoßweise, schwer Atem holend. „Fenn, ich bin am Ende. Es ist aus mit mir.“
„Wieso! Was ist denn geschehen?“
Fenn Kaß kannte seinen Jugendfreund dafür, daß er sich rasch entmutigen ließ und auf Anhieb alles sehr tragisch zu nehmen geneigt war. Aber diesmal mußte es ihm doch wirklich unter die Haut gegangen sein.
„Wenn du mich nicht rettest, schlafe ich morgen Nacht im Gefängnis!“ Und er erzählte seine Geschichte, die ewige alte: Versuchung, Einsamkeit, keine Ablenkung, Tag für Tag die Gelegenheit zur sträflichen Sünde, endlich das Straucheln, der Fall, das vermeintliche Geheimnis und eines Morgens der Skandal, der im hellen Tage schwillt und im Dorf, im Land sein hämisches und empörtes Echo weckt.
„Morgen früh steh ich in den Zeitungen! In diesem Augenblick vielleicht ist das Gericht schon da, um mich zu verhaften.“
„Und was soll ich für dich tun?“
„Mich über die Grenze schaffen.“
Fenn Kaß erinnerte sich der begeisterten Worte, mit denen ihm sein Freund vor wenigen Monaten die Schönheiten seines Berufs gepriesen hatte. Und der Augenblick des Abschieds von damals stieg wieder vor ihm auf. Es war mit dem armen Menschen rascher zu Ende gegangen, als er gefürchtet hatte, und Fenn war zu gütig und arglos, um ihn mit der leisesten Anspielung auf jenen Tag demütigen zu wollen. Auch der andere machte keinen Versuch, von jener Höhe nach der Tiefe, in der er nunmehr irrte, einen Weg zu zeigen. Hinter ihm lag alles derart hoffnungslos in Trümmern, daß er nicht einmal den Schein zu retten versuchte.
Putty wußte nicht, was weiter werden sollte. Er hatte keinen Pfennig Geld, war den halben Weg nach Brebach zu Fuß gegangen, hatte keinen Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser über die Lippen gebracht. Er war willenlos und gehorchte nur dem Instinkt, der ihn forttrieb, fort aus dem Bereich der Gendarmen und Gerichte.
„Vor allen Dingen mußt du jetzt zu dir kommen. In einer Stunde ist alles im Dorf zur Ruhe, dann bring ich dich übers Wasser an die preußische Station. Ich gebe dir einen Anzug von mir. Um zehn Uhr hast du einen Zug, mit dem du morgen mittag in Berlin bist. Von da fährst du nach Bremen oder Hamburg und mit dem nächsten Schiff über See.“
„Und das Geld?“
„Soviel habe ich immer liegen. Du mußt freilich Zwischendeck fahren.“
„Als Kohlentrimmer, wenn es sein muß. Nur fort.“
„Gut. Und dann?“
Ja, daran hatte Putty nicht gedacht. Ihm schwebte nebelhaft eine Zukunft vor, in der er vielleicht Kellner, Schuhputzer, Sprachlehrer oder Goldgräber sein würde.
Fenn Kaß hörte ihm zu und sagte bedächtig: „Nein, mein Junge, wie ich dich kenne, gingest du dann vor die Hunde. Laß dir drüben irgendwo die Adresse eines Klosters angeben, geh hin und tu, was sie dir sagen. Du bist nicht der erste. Übers Jahr, oder früher, oder später hast du dich wiedergefunden. – Du kommst drüben als Pfarrer unter, in andern Verhältnissen als hier, wirst vielleicht tagelang im Sattel hängen, um die Farmen deiner Pfarrei abzureiten, wirst deine verbotenen Gedanken an der freien Luft verrauchen lassen und die Hauptsache: du wirst dich wieder selbst achten lernen.“
Putty schwieg eine Weile und kaute an der Unterlippe. „Du meinst also,“ begann er dann zögernd und in sichtlich tiefer Bewegung, – „du meinst, ich soll Priester bleiben?“
„Ich halte es für das beste. Du brauchst Verhältnisse, in denen dir dein Pflichtenpensum zugemessen wird, in denen du gerade an den strengen Normen deines Berufs einen Halt findest.“
„Aber an meinem Beruf bin ich zugrund gegangen.“
„Das bezweifle ich. Ich glaube vielmehr, daß du in jedem Beruf gestrauchelt wärest, der dich in ähnliche äußere Verhältnisse gebracht hätte.“
„Und warum bist du ausgetreten, Fenn?“ Auflehnung und Vorwurf klangen aus der Frage.
„Gut, daß du mich fragst. Ich will dir mit rückhaltloser Offenheit antworten. Sieh, Putty, daß zwischen uns beiden ein großer Unterschied besteht, wirst du nicht leugnen wollen. Daß ich bisher im Leben immer tat, was ich tun zu müssen glaubte, einerlei ob es mich leicht oder schwer ankam, wirst du mir ebenfalls zugeben. Und mein Tun und Lassen richtete sich einzig und allein danach, ob ich das erfüllte, was ich als meine Bestimmung erkannte, nicht danach, ob es mir augenblicklich ein Genuß war oder eine Fron. Ich glaubte eine Zeitlang, als Geistlicher soviel Gutes und Schönes und Nützliches wirken zu können, daß es mich mit Genugtuung erfüllen würde. Darin wurde ich enttäuscht, durch die Dinge und durch die Menschen enttäuscht. Und darum gab ich es auf.“
„Du drehst also der Kirche nicht den Rücken, weil du aufgehört hast, an die Göttlichkeit ihres Ursprunges zu glauben –“
„Ach so, und an den göttlichen Ursprung ihrer Rechte, die Menschen in souveräner Weise zu ihrem übernatürlichen Geschick zu führen? So oder ähnlich heißt ja wohl eine bekannte Formel. Ach nein, mit der Kirche habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Es war wirklich nur mein Bedürfnis, mich nach meinen innersten Anlagen auszuwachsen. Und nun noch eins, die Hauptsache. Ich trete ungestraft aus dem Priesterstande aus, weil ich nie hineingehört habe. Mein Fall ist selten. Viel seltener, als man glauben sollte, wenn man die zahlreichen Geschichten von Priestern hört und liest, die die Soutane auszogen oder gern ausgezogen hätten. An den besondern Pflichten des Standes habe ich mich wohl nie ernstlich gestoßen, nie so, daß mir von daher der Wunsch nach einem Berufswechsel gekommen wäre. Aber ich habe nie in mir das gespürt, was man religiöses Empfinden nennt. Meine Ethik und Moral waren immer ohne religiöse Färbung und Grundlage. Ich habe als Küsterskind von klein auf mit dem lieben Herrgott auf dem Duzfuß sozusagen verkehrt, alle Äußerlichkeiten der Glaubensübung, die euch im Kindes- und Jugendalter die Phantasie anregen und die Herzen warm machen und die euch später zum mindesten ein Schatz farbiger und poetischer Erinnerungen sind, die waren mir nüchterne Teile eines nüchternen Tagewerks. Sagen wir es einmal so: Ich habe die Kulissen der Religion beständig von der ungemalten Seite gesehen. Darum war ich immun gegen das Psychologische des Berufs, das, was euch allen im Blut sitzt, was recht eigentlich das unauslöschliche Merkmal der Priesterweihe ist. Das werdet ihr nicht los, das ist eine Umbiegung eures ganzen innern und äußern Wesens, die sich nie zurecht richten läßt. Und davon weiß ich mich frei. In diesem Sinne habe ich wohl nie die Berufung zum Priesterstand gehabt, und darum durfte ich ihm den Rücken kehren, ohne eine Schuld hinter mir zu lassen, ohne Schlinge am Fuß. Wer das von sich nicht sagen kann und trotzdem das geistliche Kleid auszieht, der geht durchs Leben mit einem unheilbaren Zwiespalt. Siehst du, lieber Putty, darum rate ich dir, meinem Beispiel nicht zu folgen. Denn du hast ein wachsweiches Gemüt, und das haben sie dir derart zurechtgeknetet, daß es sich nie in die böse Welt wird schicken können und daß deine Goldgräberkollegen im hintersten Alaska dir auf hundert Meter den entlaufenen Kaplan ansehen würden.“
„Das Religiöse?“ fragte Putty versonnen.
„Ich nenne es so. Es ist, allgemeiner genommen, die ganz besondere Geistes- und Herzensverfassung, die in euch das Gefühl erzeugt, daß ihr seelisch gebückt gehen müßt, daß ihr euch nicht aufrichten dürft, ohne mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, daß ihr eure Pflicht gegen euch und alle Menschen bis zum letzten Blutstropfen getan und doch die Strafe ewiger Verdammnis verdient haben könnt. Suche du es besser zu definieren.“
„Ja,“ meinte Putty ohne großen Nachdruck, „du sprichst schließlich nur von dem, was wir gemeinhin Glauben und Unglauben nennen.“
„Nicht ganz. Es gibt ausgetretene Geistliche, die auch im Unglauben das Priesterhafte behalten, und das sind die unleidlichsten.“
„Was mich angeht, ich habe ja unterwegs Zeit genug, darüber nachzudenken, was ich mit meinem verpfuschten Leben noch anfangen soll,“ meinte Putty mutlos.
Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ruderte ihn Fenn über den Fluß und brachte ihn an den Zug.
„Bringe es meinen Leuten daheim bei. Um meine Mutter tuts mir leid, der andere – meinem Vater ... dem kann ichs gönnen!“ waren seine letzten Worte.
Für Fenn begann eine schwere Zeit. Die Verleumdung sickerte in alle Häuser und fand überall willige Ohren. Man achtet da draußen an dem Geistlichen hauptsächlich das Kleid und das Amt, nicht die Person. Das ist eine instinktiv erfundene Formel, mit der man sich hilft, wenn einmal die Gemeinde oder eine Partei zwischen sich und dem Pfarrer das Tischtuch entzwei schneidet. Da kann man sich dann mit der Person ruhig herumbalgen, ohne dem Priester zu nahe zu treten. Sobald Kaplan Kaß sein geistliches Kleid abgelegt hatte, war er vogelfrei und es galten keine Rücksichten mehr. Er spürte die Feindseligkeit der Bevölkerung, wie man eine Zugluft spürt, die einem heimtückisch und unangenehm in den Nacken weht. Sein Lokalverein war aus den Fugen gegangen und hatte sich wieder in die Bruderschaften des Herrn Pastors verkrümelt. Das hing übrigens mit den Wahlen und mit dem Geldverleih-Institut des Herrn August Peppinger zusammen. Fenn hatte seinem Freund Theo raten müssen, sich nicht mehr im Dorf zu zeigen, weil die politische Feindschaft gegen ihn unter der Führung des „Ruß“ in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Von den frühern Freunden waren ihm nur die drei Kamps Burschen, außerdem der Niegela und der jüngere Masseler treu geblieben, dieser besonders deshalb, weil er damit seinen vornehmen Bruder zu ärgern wußte.
„Ditt en nemme baschten!“[4] meinte er gutmütig.
Den „Ruß“ hatte Fenn einmal dadurch gekränkt, daß er ihm das Verwerfliche seiner Wilddieberei vorgehalten und einen Hasen zurückgeschickt hatte, den der „Ruß“ zu verbotener Zeit in der Kaplansküche abgeladen hatte.
„Ah, de’ mecht de spatze Möndchen! Da’ woart ä’s!“ hatte der Ruß gedroht.[5]
Anonyme Briefe hielten Fenn über die Stimmung im Dorf auf dem Laufenden.
„Herr Tesärteur,“ schrieb ihm einer, „ich teht mich ja schehmen, wie ein Kellichdiep, wen ich daas gemacht hätte. Das nennt man ein Cujong. An nemt eich inacht, wir wolen euch nicht im Dorf haben, wen ihr nicht freiwihlich ghet machen wir euch beine wir wollen kein entlaufener Paaf im Dorf haben past auf wir schlahgen euch noch der Scharrivarri, ist es den keine schant mit einer verheiraten Frau halten. Fier euer scheinheilig Fiesemin ist schohn der Klöppel ferdich womit ihr si kreuzweis ersolt kricht. Dan habt ihr euer wollverdienter Lon ales im Dorf sacht warum misse wir der entlaufene Paaf hir erhalten zum leßten Mal es ist die hekste Zeit daß ihr euch durch die Reiser maacht den ein entlaufener Paaf ist der Rest von nix.“
Ende Mai zog Fenn mit seiner Haushaltung in die Mühle, die Lampert geräumt hatte, um nach Wiesing überzusiedeln. Die Stundenfrau, die Mutter Kaß immer zur Aushilfe hatte, ließ sagen, sie könne nicht beim Umzug helfen, und sie könne überhaupt nicht mehr kommen. Drei, vier andere, die Fenn fragen ließ, gaben dem alten Wöllem denselben Bescheid. Die Nachbarn gebrauchten faule Ausreden, um ihre Wagen nicht herleihen zu müssen, und schließlich mußte Fenn mitten in der Nacht mit Hilfe seiner fünf Getreuen den Umzug bewerkstelligen, und er hörte andern Tags, daß sie auf dem Heimweg vom Ruß mit einer Bande seiner Spießgesellen angefallen worden waren. Abends zog eine Rotte mit Feuerwehrhörnern und Trommeln, mit alten Eimern und Gießkannen und sonstigen Lärmwerkzeugen vor die Mühle und schlug Charivari, daß das Dorf zusammenlief. Aus dem Gebrüll heraus verstand Fenn Rufe, wie: „Eraus mat der Millesch!“ – „Hopp Marjännchen, loß dei Kaplänchen danzen!“ – „Werf es eng Zoutan erof!“ – „an en önneschte Rack!“[6]
Er knirschte vor kalter Wut und dachte einen Augenblick, ob er ihnen ein paar Revolverschüsse über die Köpfe feuern sollte.
Frau Kaß ließ ihn nicht aus den Augen. Sie wollte ihm nicht dreinreden. Aber bald sah sie ihn ruhiger werden und wußte, daß er nichts tun würde, was er später bereuen müßte.
Auch der alte Wöllem kam herein und fragte mit seiner heiseren Stimme: „Was wollen die?“
„Eigentlich Kopfnüsse,“ sagte Fenn.
Wöllem murrte etwas von „Cujongen“ und „Hondsfotten“ und entwickelte einen Plan: Er wollte ihnen ein paar Eimer Wasser über die Köpfe gießen, und nicht vom klarsten. Und wenn es gewesen wäre, ehe er nach Paris gegangen war, da wollte er ihnen mit blanken Fäusten schon gezeigt haben, „wat gelifft!“[7] Aber seit Paris! ... Nondidjeh!
„Jetzt paß auf, Wöllem, wie ich denen komme,“ lachte Fenn.
Er ging durch eine Hintertür ins Freie und kam auf einem Umweg den Lärmmachern in den Rücken. Da stand er denn eine Weile und hörte sichtlich mit gutem Humor den Spektakel einmal von der andern Seite an. Als ihn die in den hintersten Reihen, die untätig dabei standen, erblickten, ging es bald durch die ganze Schar:
„Elei stäht en!“
Die Trommler und Trompeter erschraken und der Lärm verstummte auf einen Augenblick plötzlich wie auf Kommando. Fenn machte Miene, auf das Haus zuzugehen, und verlegen öffneten ihm die Burschen einen Weg:
„Ihr hättet warten sollen, bis ich zu Haus war,“ sagte Fenn ruhig. „Was trinkt ihr lieber, Wein oder Bier?“
„Mir peifen op ärt Gedränks,“ sagte der Ruß trotzig.
Fenn meinte, das sei für ihn erheblich billiger, und in den hintersten Reihen lachten sie den Ruß aus.
„Dat spillt keng Roll!“ sagte dieser hartnäckig und machte Miene, Fenn den Weg zu versperren. Der behielt vorsichtshalber die Hände in den Taschen und zwängte sich an dem langen Kalmücken vorüber.
„Ich weiß ja jetzt, wer dabei war,“ sagte er, als er auf seiner Türschwelle stand. „Wenn ich euch bei der Gendarmerie anzeige, werdet ihr alle verknaxt. Also geht jetzt ruhig heim in eure Betten, ihr habt entschieden mehr davon.“
Es entstand ein Geraune und Gesumme, der Ruß fluchte dazwischen und wollte jedem, der vom Platze wich, mit seiner Gießkanne die Hirnschale spalten. Aber der Respekt vor dem Gericht behielt die Oberhand, und lärmend und tutend, aus der Entfernung zurückschimpfend, zog die Schar ab.
Tags darauf stand in der „Abendglocke“ ein Bericht über das Ereignis:
„Wenn wir solche Ausschreitungen auch beileibe nicht billigen können, so wollen wir uns doch nicht die Nutzanwendung versagen, die sich daraus ergibt. Sie zeigen wieder einmal in nicht mißzuverstehender Weise, wie tief bei unserm biedern Landvolk der Glaube und die Anhänglichkeit an seine Priester wurzeln, und wie es sich mit elementarer Wucht empört, wenn irgendwo etwas geschieht, was gegen seine frommen und glaubenstreuen Überlieferungen verstößt. In diesem Sinn ist ihm jeder apostasierte Geistliche ein Gegenstand des Abscheus, und diesem Abscheu lediglich hat es in vorliegendem Falle Luft gemacht.“
„So ein Gemütsmensch!“ dachte Fenn. Aber das mit dem Sichdurchsetzen ließ sich doch schwerer an, als er zuerst gemeint hatte. Je nun, mit Ruhe und Geduld würde es doch noch gehen. Die sogenannte Volksseele läßt sich nicht mit dem Wurfnetz einfangen.
Fenn suchte die Unbill der Menschen über seiner Arbeit zu vergessen. In der Mühle gab es vielerlei umzubauen, um für die Turbinenanlage einen geeigneten Raum zu schaffen. Der Niegela und die Kamps halfen, wo er sie brauchte, der jüngere Masseler besorgte die nötigen Fuhren, es fleckte nach Wunsch. Die Turbinen, Dynamos und Akkumulatoren wurden rechtzeitig angeliefert, und nach Fenns Berechnung konnte bis Mitte Juni die Anlage fertig sein.
„Mutter,“ sagte er eines Tages, „du kannst dir nicht denken, mit welch inniger Freude ich meine Arbeit tue. Hätte ich, wie es früher war, die Anlage für den Verein oder sonstwie bauen dürfen, das hätte mich ja auch gefreut, aber so, weißt du, ist das doch eine ganz andere Sache. So beruht alles auf mir, ich fühle den ganzen Bau auf meinen Schultern. Das ganze Unternehmen, das bin ich selbst, ... ich glaube wirklich, Theo hat recht: was den Mann macht, das ist die Verantwortung.“
„Nun ja, mein Junge, du wirst ja wohl recht haben, ich verstehe nichts davon.“ Und sie sah ihm mit glücklich behäbigem Lächeln nach, wie er in der Küche sich ein Glas Wasser pumpte, es mit Genuß austrank und wieder zu seinen Arbeitern hinausging.
„Du wirst sehen,“ sagte er im Fortgehen, „ich baue diesen Dickköpfen am Ende auch noch eine Wasserleitung.“
Und eines Abends im Juni war richtig das Turbinenhaus fertig, Dynamos und Akkumulatoren montiert, die Leitungen für die Beleuchtung der Straßen und eine Anzahl Privatanschlüsse gelegt. Die Kamps freuten sich wie die Kinder darauf, daß sie in ihrer Werkstatt die Holzbearbeitungsmaschinen mit elektrischem Antrieb würden laufen lassen, Masseler der Jüngere hatte seine Dreschmaschine anschließen lassen, es war allerseits freudige Spannung und Zuversicht. Nur daß der Schöpfer der Anlage gerade Fenn Kaß war, das wollte den Brebachern nicht gefallen.
Der Niegela hatte den ganzen Tag oberhalb des Dorfes an dem Durchstich gearbeitet, der den Bach in den Höhlenweg überleiten sollte. Andern Tags sollten die beiden Schleusen am Durchstich und oben am Turbinenhaus in Angriff genommen und unten die Abflußröhren gelegt werden.
„Wenn alles klappt,“ meinte Fenn, „können wir am Samstag das Ganze einmal Probe laufen lassen.“
Der Niegela mußte vor der Zeit Feierabend machen, weil ein furchtbares Gewitter ihn von der Arbeit scheuchte. Nun, so weit, daß die Schleuse eingebaut werden konnte, hatte er ja den Durchstich fertig, der Rest mußte stehen bleiben, bis unten alles in Ordnung war und der Bach in das neue Bett geleitet werden konnte. Fenn war noch vor Dunkelwerden oben gewesen mit den Kamps und hatte nachgesehen, ob die stehengebliebenen Erdmassen widerstandsfähig genug wären, um dem seitlichen Anprall des vom Gewitterregen anschwellenden Baches Widerstand zu leisten. Denn wenn ihm jetzt seine Talsperre unvermutet voll lief, wurde seine ganze Anlage unter Wasser gesetzt. Indes, jede Gefahr schien ausgeschlossen, und beruhigt gingen die vier nach Haus.
Am selben Tag hatten im Kantonshauptort die Wahlen stattgefunden. Fast die ganze männliche Bevölkerung, auch die jüngern, die noch nicht wählten, waren hingezogen, denn man wußte, siegt der Peppinger, so fließen Wein und Bier in Strömen, und an fester Atzung dazu wird es auch nicht fehlen. Und daß der Peppinger gewählt würde, daran zweifelte niemand.
Theo Schütz hatte aus Pflichtgefühl bis zum Schluß des Wahlgeschäfts ausgehalten und war dann in seinem Automobil zum Städtchen hinausgefahren: Die Stimmen mochten sie zählen, ohne daß er dabei war. Eins hatte ihm sein Wahlfeldzug jedenfalls eingebracht: Den unbeugsamen Entschluß, sich niemals wieder auf die Galeere Politik einsperren zu lassen.
Von zwölfhundertdreiundachtzig abgegebenen gültigen Stimmen – so meldeten in den ersten Nachmittagsstunden die Blätter – waren elfhundertzweiundvierzig auf Herrn August Peppinger und hunderteinundvierzig auf Herrn Theo Schütz entfallen. Die Brebacher taten sich bei den Jubelkundgebungen vor dem Hause des Gewählten unter allen andern hervor. Sie feierten nicht nur den Sieg Peppingers, sie feierten auch besonders die Niederlage des andern, in dem ihr entlaufener Kaplan mitgetroffen war. Allen voran lärmte der Ruß und schlug mit der Faust auf den Wirtshaustisch, daß es hoch aus den Gläsern spritzte, und seine Kraftausdrücke über Fenn Kaß entfesselten das wiehernde Gelächter seiner Dorfgenossen, die ihn immer tiefer in sein wütiges Pathos hineinhetzten.
Bei Peppingers ging es von Glückwünschenden mit und ohne Blumensträuße aus und ein, alle Augenblicke brachte der Bote von der Post ein Telegramm und bekam von der gnädigen Frau ein Trinkgeld, das mit jedem weitern Telegramm knapper wurde und zuletzt nur noch aus einem Glas Champagner und einer Wahlzigarre bestand. Herr Rommelfangen war persönlich erschienen, um den heißen Dank seines Schützlings von Hand zu Hand entgegenzunehmen. Abordnungen von Vereinen kamen, halb und ganz betrunkene Vereinswürdenträger standen mit riesigen Blumensträußen vor dem Helden des Tages und stammelten bald laut, bald leise die Ansprachen, in denen sie ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß ihr langjähriges Mitglied usw., und ihrer Hoffnung, daß Herr Peppinger usw., und Herr Peppinger und Frau Peppinger sollen leben hoch! hoch! hoch! Pfarrer und Kapläne standen in Gruppen umher und ihr Anblick trug glücklicherweise dazu bei, die durstigen und lärmfrohen Gratulanten im Flur und in der Zimmerflucht des Erdgeschosses im Zaume zu halten.
Wenn man die Festräume, die mit sonnendurchschienenem Zigarrendunst und dem süßsäuerlichen Duft des billigen Champagners erfüllt waren, bis zu einem Ende durchschritt, kam man in einen kleinen Salon, das Boudoir der Dame des Hauses. Dahin hatte sich die Elite der Glückwünschenden abgesondert, und dort wurden hochpolitische Gespräche geführt. Herr Chefredakteur Rommelfangen stellte von Zeit zu Zeit stotternd und krebsrot im Gesicht eine Thesis auf, um die dann die andern wie um einen Fußball mit kühler Berechnung oder mit sprudelndem Draufgängertum sich tummelten. Es war keine einheitlich zusammengesetzte Gesellschaft. Zwar in dem einen waren alle einig: daß man sich im Interesse der guten Sache über den Sieg Peppingers freuen müsse. Aber da war die Gruppe der biedern alten Pfarrherren und kirchentreuen Eingesessenen, die ohne Falsch und aufrichtig sich ganz der frohen Überzeugung hingaben, daß mit dem Wahlsieg Peppingers der Herr der Heerscharen sich auf ihre Seite geschlagen hatte. Da war aber auch die Bank der heimlichen Spötter, der Lebemänner der Geistlichkeit, vorurteilslose junge Pastöre und Kapläne, die auf dem Standpunkt standen, daß sie die Entsagung, die sie auf der einen Seite übten, auf der andern durch Wohlleben in den Grenzen der Kasuistik wett machen dürften. Bei ihnen saßen die paar jugendlichen Advokaten, die nach der Mahnung ihres alten Direktors Kleyer die Fahne des Glaubens inmitten der Kinder dieser Welt unentwegt hochhielten und sich gut dabei befanden. Unter ihnen war mehr als einer, der insgeheim die Hoffnung nährte, Herrn Peppinger dermaleinst die politischen Fersen auszutreten, und der jetzt fleißig auf des Gastgebers Gesundheit anstieß, indem er mit seinem Nachbar einen verständnisinnigen Blick wechselte und dabei in ein unbändiges Lachen ausbrach. Kaplan Schramm mit dem kindlich-lustigen Genießergesicht flüsterte nämlich in einem fort über Peppinger Kraftausdrücke, die er wie eine Kette aneinander reihte, und jedesmal, wenn er, wie er sagte, den Nagel auf den Hohlkopf getroffen hatte, lachten die andern laut und ausgelassen hinterdrein. Aus der Gruppe der Altern schollen dann neugierige Fragen herüber, die der Spaßmacher in übermütiger Laune mit einem neuen Witz beantwortete. Und er wettete die beste Flasche aus Peppingers Keller, daß er den Pfarrer Schlunz innerhalb fünf Minuten dazu bringen würde, seine Leib- und Magengeschichte zum fünfzehnten Male an jenem Nachmittag zu erzählen. Das war die Geschichte, in der Hochwürden Schlunz auftrat, wie er zwei Amtsbrüdern weismachte, sie hätten bei ihm an der Kirmes Pferdefleisch statt Beefsteak gegessen. Er schilderte die Wirkung immer sehr anschaulich, und der Schlußeffekt war ein vorzüglich nachgeahmtes Pferdegewieher.
In einer dritten spitzen Ecke wurde von einer anders gearteten Schar von jüngern Geistlichen der Einzelfall Peppinger-Schütz ernsthaft erörtert. Man besprach die Kampfmittel, die in Anwendung gekommen waren, und die man noch vervollkommnen würde, die sittliche und politische Berechtigung des Klerus, in die Wahlkämpfe aktiv einzugreifen. Da gab Rommelfangen den Ton an. Die milde Verachtung, die er für die politischen Widersacher zur Schau trug, stärkte die andern in ihrem Empfinden, daß sie auf der Sonnenseite der Volksgunst saßen.
„Was wollen sie uns anhaben? Wir haben erst angefangen, die Reserve an Kraft, die für uns im Volke aufgespeichert liegt, mobil zu machen. Daran müssen wir festhalten, meine Herren! Es ist für unser Volk sittliche Pflicht, der politischen Weisheit der Kirchengewalt Folge zu leisten.“
„Vivant sequentes!“ sagte der lustige Kaplan darauf augenblinzelnd und stieß mit einem der jungen Advokaten an. Und er lachte dazu breit und behäbig, daß sich ihm der Mund bis an die Ohrläppchen spaltete.
Plötzlich machte er ein tiefernstes Gesicht, das freilich von seinen weinseligen Äuglein auffällig dementiert wurde. „Von heute ab steht auch der liebe Herrgott bei unserm Freund Peppinger in der Kreide,“ medisierte er halblaut weiter.
„Wieso?“
„Heute hat ihm der liebe Herrgott nämlich ein Amt gegeben, aber den Verstand dazu bleibt er ihm bis auf weiteres schuldig.“
„Sie sind wieder losgelassen, Herr Kaplan,“ sagte Peppinger, der gerade hinzutrat und den Herren sein volles Glas entgegenhielt.
„Hoch sollen Sie leben, Herr Peppinger!“ sagte der Kaplan, und seine Augen sprühten Ausgelassenheit. „Und jede Woche einmal sollen Sie in die Kammer gewählt werden, und der Segen des Herrn sei über Ihnen, über Ihrer Familie, über Ihrem Kassenschrank, Ihren Wiesen, Wäldern und Feldern – und über Ihren Kartoffeln,“ setzte er weniger laut inmitten des Gläserklingens hinzu.
Die Gruppe Rommelfangen billigte dieses geräuschvolle Gehabe nur halb und wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, um in ihren ernsten Erörterungen der Sachlage fortzufahren. Aber der Herr Chefredakteur kam herüber und suchte Anschluß an die angeregte Unterhaltung.
„Wa–as sagen de– denn Sie zu unserm Wa–ahlsieg?“ begann er leutselig und seine Blicke befingerten erregt seine Nasenspitze.
Kaplan Schramm meinte, mit solchen Trümpfen in der Hand sei ein Spiel nicht zu verlieren gewesen.
„Allerdings,“ sagte Rommelfangen, „und die Geschichte mit Kaß hat den Gegnern vollends den Rest gegeben.“
Der andere meinte, die sei doch reichlich durch die Geschichte mit Heinen aufgewogen.
Rommelfangen hatte das Gefühl, daß er in eine Gesellschaft geraten sei, die seine Überlegenheit nur bedingt anerkannte. Ja, leider Gottes, die Geschichte mit diesem unseligen Heinen! Aber zum Glück sei das Volk noch nicht so, daß es einen unwürdigen Priester gleich dem ganzen Stand an die Rockschöße hänge.
Die Jüngern waren herüber gekommen, und Dr. Feller sagte, man könne Fenn Kaß doch wirklich nicht mit einem Menschen wie diesem Heinen gleichstellen. „Ich kenne Kaß genau. Wenn er austrat, so konnte er sicher nicht anders. Dafür lasse ich mir die Hand abhacken.“
„Ach was, es ist die alte Geschichte: Die Weiber, die Weiber und wieder die Weiber!“
Fenns Sachwalter wurde warm, und man merkte, er hatte die andern hinter sich. „Bei Kaß waren es nicht die Weiber und nicht das Weib. Die Geschichte, die über ihn herumgetragen wird, ist sicher erlogen. Ich habe Anhaltspunkte. Kaß ist ein ernster Mensch, der nur aus ernsten Motiven handelt, und in meiner Gegenwart“ – der junge Kaplan erhob die Stimme – „lasse ich nichts auf ihn kommen.“
Rommelfangen geriet ins Stottern. Auf geredeten Widerspruch war er nicht eingeübt, und er drehte diesem Kreis junger Besserwisser den Rücken.
Pfarrer Schlunz, eine schwere Zigarre im Mundwinkel, trat zu dem Kreis heran. „Sprecht ihr von dem Kaß? Dem fehlte weiter nichts, als daß ihm zu wohl war. Ich wollte, ich wäre nur einen Tag lang der liebe Herrgott, ich würde euch den Kaß schon mürbe kriegen. Der sollte mir schon lernen, was es heißt: Manus domini tetigit me!“ Pfarrer Schlunz stellte sich den lieben Gott mit einem strengen Gesicht auf dem Kutschbock des Weltalls vor, wie er seine störrischen Pferde mit Zügel und Peitsche bändigt und den braven doppelte Haferportionen in die Krippe schüttet. Er hielt für seine Person darauf, sich jeden Tag seine doppelte Portion zu verdienen.
„Wenn ich an Pfarrer Brendels Stelle wäre,“ redete der junge Kaplan an seinem fidelen Oberkollegen vorbei, „so würde ich es nicht dulden, daß in Brebach in dieser abscheulichen Weise gegen Kaß agitiert wird.“
Die andern lächelten. Sie wußten, wo Pfarrer Brendel in diesem Fall mit seinem Einspruch anfangen müßte.
„Es könnte uns nichts schaden, wenn wir unter uns viele von der Sorte Kaß hätten. Ich will ihm ja nicht recht geben, aber mit seinesgleichen kämen wir sicher weiter.“
„Du, paß auf,“ sagte warnend ein Konfrater. „Du hast vielleicht recht, aber der Wind von oben geht gegen diese Richtung. Brendelsche Observanz – da liegt heute das Heil.“
Es entstand Schweigen in dem kleinen Kreis der Jüngsten, und sie gingen bald auseinander, seelisch gebückt, wie Fenn gesagt hatte, mit dem Gefühl, daß sie an die Decke stießen, wenn sie sich aufrichten wollten.
Der Spätnachmittag hatte sich gewittrig angelassen, um Sonnenuntergang war es mit Blitz und Donner und Regendrusch losgebrochen und bis spät in die Nacht hinein war es am Himmel von Nachhut-Scharmützeln der zersprengten Wolkenheere nicht stille geworden.
Fenn Kaß schlief unruhig. Sein Zimmer ging nach dem Mühlenbau. Von fern hörte er manchmal in das Rauschen des angeschwollenen Baches hinein, der unweit noch in seinem alten Bette vorbeifloß, das Gegröhle der heimkehrenden Brebacher. Er merkte die Absicht, mit der sie gerade vor seinem Haus ihre Hochrufe auf Peppinger ausbrachten. Allmählich wurde das Gejohle seltener und gegen Mitternacht verstummte es ganz.
Im Morgendämmer erwachte Fenn und richtete sich erschrocken in seinem Bett auf. Er hatte geträumt, man hätte ihn bei lebendigem Leibe in den Sarg gelegt und begraben. Er hatte die Erdschollen auf dem Sargdeckel poltern gehört, das Geräusch war immer dumpfer geworden und dann war auf einmal alles totenstill um ihn gewesen. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die Last über seiner Brust und saß plötzlich wach, schweißgebadet in seinem Bett. Der Druck über seiner Brust hatte aufgehört, aber das unheimliche Gefühl der Totenstille um ihn her war nicht gewichen. Der Bach war verstummt. Statt des verstärkten Rauschens, das Fenn noch vor wenigen Stunden vernommen hatte, war unheimliche Stille vor seinen Fenstern. Er hatte die Empfindung eines, der zu spät an die Bahn kommt und statt des aufgeregten Getriebes einer Zugabfahrt leere Hallen findet, oder der bei der Heimkehr entdeckt, daß seine Zimmer ausgeraubt sind. Dann wurde ihm langsam der Zusammenhang klar: Der Bach war in den Höhlenweg durchgebrochen. Aufgeregt fuhr er in die Kleider und stürzte hinaus.
Da kam ihm auch schon Wöllem entgegen. Der treue Alte kraute sich hinterm Ohr und sagte: „Et aß eppes net an der Reih’.“
Fenn erklärte ihm, daß der Bach ausgebrochen sei. Aber Wöllem schüttelte den Kopf. Von selber sei das nicht passiert. Da müßten ein paar gute Leute nachgeholfen haben.
„Jetzt heißt es vor allen Dingen, dem Wasser einen Abfluß schaffen,“ sagte Fenn mit ruhiger Bestimmtheit. Er ging mit Wöllem an die Stelle, wo durch die Grundmauer des Turbinenhauses heraus die Öffnung für die Ableitung schon gebrochen war und heute die Röhren gelegt werden sollten.
„Hier muß dicht von der Mauer an ein Graben nach dem alten Bach ausgeworfen werden. Ich laufe zu den Kamps und zum Niegela, daß sie dir helfen, vielleicht schafft ihr es noch weit genug, ehe oben der Höhlenweg voll läuft, sonst ersäuft uns am Ende die ganze Anlage.“
Wöllem holte seine Spitzhacke und machte sich an die Arbeit. Fenn alarmierte die andern und lief dann hinauf zu dem Durchstich. Er sah im Morgenzwielicht auf den ersten Blick, daß es nicht möglich war, hier den ungestümen Wasserdruck abzudämmen. Und er sah auch, daß der Bach nicht von selbst durchgebrochen war. Von der Schlucht her war das Erdreich kunstgerecht mit Hacken und Schaufeln ausgeworfen, bis die Erdmauer so dünn gewesen war, daß sie von dem Wasserdruck niedergeschwemmt werden mußte. Im Umkreis war der Boden von vielen Tritten zerstampft, Zigarrenstummel lagen umher und auf einem Zaun hing eine Sonntagsjacke und ein Hut, die Fenn leicht als Eigentum des Ruß erkannte. Am Wasserstand sah er, daß unten am Turbinenhaus die Katastrophe in drohende Nähe gerückt, wenn nicht schon eingetreten war, und er lief Trab bis zur Mühle. Leute kamen ihm aus dem Hoftor entgegen, die verlegen auswichen. Weiter hinab, am Turbinenhaus, stand eine Gruppe bewegungslos im Kreis, und jetzt sah er auch, daß die Mauer, unter der die Ableitung durchführen sollte, in einer Breite von mehrern Metern bis unters Dach hinauf eingestürzt war. Durch den Spalt und über die Trümmer ergoß sich schäumend und quirlend das vom Gewitterregen gelbe Bachwasser und suchte in breitem Gerinsel einen Weg in sein altes Bett. Als Fenn keuchend die Gruppe anlief, teilte sich der Kreis und er sah den alten Wöllem leblos an der Erde liegen. Haare, Gesicht und Kleider waren mit trockenem Mörtel überpudert, wo das Wasser nicht darüber gewaschen hatte, auf der Brust sah man den Abdruck eines schweren Mauerklumpens und aus einem Mundwinkel sickerte dem alten Mann eine dünne, hellrote Blutrinne an der Kinnlade herunter.
Da gab es nicht viel zu fragen. Die breit unterspülte Mauer war heruntergerutscht, ihre obern Teile im Bogen herausschleudernd. Die Kamps hatten gerade noch gesehen, wie Wöllem, seine Spitzhacke nachschleppend, aus dem Bereich der stürzenden Trümmer schwerfällig enteilen wollte, hinfiel, sich herumwarf und eines der Mauerstücke, die mit krummem Staubschweif durch die Luft flogen, voll auf die Brust bekam.
Fenn kniete nieder und suchte Wöllems rechte Hand. Er drückte sie erst bewegt an die Lippen, dann suchte er nach dem Puls, legte sich flach auf die Erde und preßte das Ohr an die linke Seite des Verunglückten. Dann stand er auf und sagte: „Es muß jemand zum Arzt.“
Mehrere junge Bauern meldeten sich linkisch, die sogleich fahren wollten. Sie sahen aus wie Leute, die ein schlechtes Gewissen haben.
„Geht,“ sagte Fenn, „macht es unter euch aus, wer am schnellsten zurück sein kann.“
Sie liefen aus dem Tor. Der Leblose wurde ins Haus getragen, wo Mutter Kaß in der Stube schon eine Matratze und Kissen für ihn hergerichtet hatte. Jetzt sah Fenn erst, daß er Hut und Rock des Ruß mitgebracht hatte. Er verwahrte sie in seinem Zimmer. Nachdem Wöllem in der Wohnstube gebettet war, ging Fenn ins Turbinenhaus. Der Schaden war nicht so groß, wie es auf den ersten Augenblick geschienen hatte. An den Maschinen war nichts verdorben, in der Hauptsache war wohl nur die Mauer aufzubauen. Draußen standen sie schon wenigstens ein Dutzend mit Schaufeln und Hacken, um dem Wasser seinen Weg nach dem alten Bett zu bahnen, wohin die Ableitung gehen sollte.
Der Arzt konnte dem alten Wöllem nicht mehr helfen. Der ganze Brustkasten war platt gequetscht. Fenn saß bei der Leiche seines alten Freundes und seine Gedanken durchmaßen eine Welt, darin der Weg in weitem Umkreis von Rache und Vergeltung zu Verzeihung führte. Lange sann er nach, wie ihm all die rohen Gesellen, die ihm den Untergang geschworen hatten, für das Leben des armen Alten büßen sollten. Er starrte in das stille Antlitz, in dem die Oberlippe an der einen Seite ein wenig heraufgezogen war, mit einem Ausdruck des plötzlichen Schrecks und der Reflexbewegung der Abwehr. Und er legte sich in Gedanken zurecht, wie er die Mörder überführen würde, wie sie angstschlotternd vor Gericht stünden und im Gefängniswagen abgeführt würden. Der Tote, der so viel kleiner, ärmlicher schien, als da er noch aufrecht im Hause herumging, kam Fenn vor wie eine handgreifliche Schmach, die ihm seine Widersacher angetan hatten, wie eine Blutschuld, die er einfordern müsse. Die Nacht wurde stiller, und in Fenns Seele legten sich die schmerzhaften Rachegedanken. Seine Feinde? Was waren sie denn letzten Endes anders als arme Menschenbestien, die auf der Stufe ihres Erkennens und Empfindens kaum etwas Strafbares zu vollbringen gedacht hatten? Und er? War er nicht der ganz Freie, der über seinem Tun und Lassen nur die höchsten ethischen Gesetze wollte walten lassen? Sollte er das kostbare Gefühl der Rache, dem das Beste gerade gut genug sein muß, an diese Ärmsten verschwenden, deren Feindseligkeit ihm gegenüber kaum bewußter war, als die Feindseligkeit des Elementes, das sie entfesselt hatten? Aber auch bei dieser Etappe der milden Verachtung blieben Fenns Gedanken nicht stehen, und als der bleiche Morgen in die Leichenkammer schien, hatte sich in ihm alles in schönes, starkes Mitleid aufgelöst, und die Tränen, die er seinem alten Wöllem nachweinte, flossen aus dem Quell geläuterter Menschlichkeit.