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Fenn Kaß

Erstes Buch (continued 2)

Reading edition

Am heftigsten von den dreien fand sich der weichherzige Heine Putty aus seiner Bahn geschleudert. Er litt die ersten Tage unsäglich unter dem, was er bei seinen Mitschülern als Hochmut, als Roheit und als Stumpfsinn empfand, und was doch weiter nichts war, als der Hochmut, die Roheit und der Stumpfsinn, die schon in seinen Dorfgespielen als die undifferenzierten Keime späterer Entwicklungen vorhanden gewesen waren. Nur daß sie ihm jetzt als etwas Neues lebendig entgegentraten, auf das er seinen empfindlichen Seelenapparat erst einstellen mußte. Fritz Lampert fand sich rascher und schmerzloser mit seiner neuen Umwelt ab. Seine Protzennatur feite ihn gegen alle grüblerischen Zweifel an seiner Überlegenheit, und in dem kleinen Kreise, in dem er sich bald heimisch zu machen wußte, war er, gerade wie zu Hause, das reiche, verwöhnte Bauernsöhnchen, das sein Taschengeld vernaschte und dem beständig von den heimlich gelutschten Süßigkeiten eine braune Kruste in den Mundwinkeln saß.

Fenn Kaß freilich hatte gleich vom ersten Tage an durch seine beiden Abenteuer sich eine Art Ausnahmestellung gesichert, die ihm das Hineinfinden in die neue Ordnung bedeutend erleichterte. Der „Alte“ hatte vor ihm Respekt bekommen, wenn er sich auch mit der felsenfesten Absicht trug, diesen trotzigen Willen doch noch einmal auf feierliche Weise vor allem Volke zu brechen und diesem verflixten klobigen Kerl von Küsterssohn den Teufel Hochmut auszutreiben. Für die Kameraden war Fenn Kaß mit dem Nimbus des Charakters umkleidet. Nichts imponierte ihnen so, als wenn es von jemand hieß, er sei ein Charakter; denn sie standen in dem Alter, wo in den Knaben das Seelenmetall sich zu härten beginnen muß, soll daraus der Stahl werden, der dem Leben auf Stich und Hieb standhält. Und darum empfanden sie instinktiv den Wert dessen, der schon jetzt auf Stich und Hieb so stählernen Klang zurückgab.

Die erste Zeit freilich, da wurde es allen dreien hart. Da lernten sie zuerst die Sehnsucht kennen. Die letzten Oktoberwochen gingen ins Land. Die drei Wiesinger wußten: jetzt zieht daheim der brenzliche Geruch der Kartoffelfeuer über Stoppeln und Wiesen; jetzt haben die Kameraden ein Leben voller Freiheit. Sie brauchen nicht mehr in die Schule. Sie spielen in den weiten Weidegründen Räuber und Gendarm. Wo ein Nußbaum steht, schmeißen sie ihre Prügel nach den paar Nüssen, die der Bauer an den äußersten Zweigen hat hängen lassen.

Putty dachte an die wonnigen Abende zu Hause, wenn er seine Schularbeiten geschrieben hatte und, die Ellenbogen aufgestützt, die Daumen in die Ohren gepreßt, den Inhalt des neuen Kalenders verschlang. Fritz träumte davon, wie er beim Einfahren der Kartoffeln sich auf glänzenden Pferderücken herumrekelte, auf den schönsten und feurigsten Pferden des Dorfes, und wie jetzt bald die Kirmeß in Brebach käme, wo der schlanke Fuchs in den Tilbury gespannt wurde und er zum Onkel Majerus kutschieren durfte. Ja, damals war er noch ein Kerl, zu dem die andern aufsahen. Hierin der langweiligen Stadt, da war er ein gewöhnlicher „Wiesenfresser“, dem kein Mensch ansah, daß sein Vater der dickste Bauer in der Gemeinde war und den schönsten Kutschwagen besaß.

Und Fenn Kaß? Er ging den Berg seiner neuen Pflichten hinan mit dem stetigen Schritt des treuen Arbeitsgauls, nicht zu langsam und nicht zu rasch. Aber mitten hinein überkam es ihn doch manchmal mit tiefem Sehnen nach allem, was er verlassen hatte. Nach dem schlichten Dasein daheim, nach dem kleinen, ruhigen Kreis, in dem sich für ihn bisher Arbeit und Genießen abgewickelt hatten. Nach seiner Kirche, nach seinen Glocken, nach dem Friedhof mit den Ebereschen, mit Malven und Sonnenblumen über halb eingesunkenen Rasenhügeln und schiefen, grauen Steinkreuzen; nach den kleinen Besorgungen im Pfarrhaus, der freundlichen „Zäre Joffer“ und ihrem Bruder mit den gütig ernsten Augen, dem Père Reining, dem Lehrer Braun – und da wären wir ja auch bei Lehrers Marjänni. Sobald Fenn in seinen Gedanken so weit war, meinte er, jeder müsse ihm ansehen, daß er gerade an so ein dummes Mädel dachte. Er schämte sich, drückte die Fäuste fester an die Schläfen und biß die Zähne grimmiger aufeinander, und wie mit Hammerschlägen trieb er sich die Regeln und Vokabeln in den Kopf hinein.

Die ersten Ferien kamen. Am Abend vor Weihnachten gingen die drei Wiesinger zu Fuß nach Hause. Und zum ersten Male erlebte es Fenn Kaß, wie einem das Vaterhaus so klein wird, sobald man es einmal verlassen und einmal eine Zeitlang zwischen weitern Wänden und unter einem höhern Dach gewohnt hat. Er kam sich vor, als sei er vom heimatlichen Ufer abgetrieben, und alles, alles sei zurück- und in sich zusammengesunken, bis es so klein geworden war, wie die Ferne alle Dinge macht.

Auf den Weihnachtstag waren die drei jungen Studiosen beim Pfarrer Reining zu Mittag geladen. Nach dem ersten Glas Wein erzählte Putty mit glänzenden Augen von ihrem Leben im Konvikt; wie sie schon für nächstens eine Theateraufführung vorbereiteten, wie er darin einen vornehmen Pagen und Fritz einen Reitersmann mit Stiefeln und Sporen darzustellen habe.

Ob denn der Fenn nicht auch dabei sei? fragte Fräulein Gretchen. Nein, der Fenn hatte wohl daran keinen Spaß, es war auch niemandem eingefallen, ihn zu fragen. Über Pfarrer Reinings weißes Gelehrtengesicht ging ein feines Lächeln. Er nickte und meinte: „Ja, der Fenn lernt das Komödienspielen nicht. Der ist von einer andern Sorte.“

Am Nachmittag machten alle drei zusammen einen Besuch bei Lehrers. Herr Braun interessierte sich für die Methoden seiner Oberkollegen aus der Stadt, und Marjänni hörte altklug zu, wie es die Jungens jeder in seiner Art zu erklären suchten und wie doch immer Fenn mit ein paar Worten das Wesentliche zu treffen schien. Putty war einigermaßen enttäuscht, daß die Gespielin nicht stärker von der Rückkehr der drei überwältigt war. Sie tat, als stünde sie etwas durchaus Selbstverständlichem gegenüber. Fritz brachte eine Schachtel Schokoladenpralinés mit, die er selbst schon halb ausgenascht hatte. Er schickte beim Überreichen seiner Gabe voraus, daß die mit brauner Füllung die besten seien, und er bestand darauf, daß Marjänni in seiner Gegenwart von jeder Sorte eines kostete, während sie in ihrer vorsorglichen Hausfrauenart am liebsten die ganze Schachtel aufgehoben hätte.

Für Putty und Fritz waren die paar Ferientage voller festlichen Sonnenscheins. Der Schneider kam aus dem Stolz und der Rührung über „seinen Studenten“ nicht heraus und erzählte im Wirtshaus dramatische Geschichten über Puttys Erfolge: Wie er als einziger der ganzen Klasse einmal zu sagen wußte, wer Peru entdeckt hatte. Peru, Peru! Ihr Dickköpfe wißt nicht einmal, ob Peru eine Stadt ist oder ein Purgiermittel! Von Mutter und Schwestern wurde Putty auf Händen getragen und behandelt wie ein seltener Besuch, dem man alles zu lieb tun müsse. Er mußte sich mit ihnen in die mollig geheizte Stube setzen und von seinem Luxemburger Leben erzählen, was er in Gegenwart des Vaters nie tat. „Der erzählt noch zuviel, wenn er schon nichts weiß!“ Die Frauen saßen mit offenem Munde, die Hände in die Schürze gewickelt, und Puttys lebendige Erzählkunst war wie etwas, das lau und wohlig an ihnen herunterrann. Das waren die Stunden, nach denen ihn noch lange Jahre ein weiches Sehnen überkam, wenn er wieder in der Stadt sich durch seine Pennälerpflichten hindurchwinden mußte.

Fritz Lampert verbrachte den größten Teil seiner Ferientage mit seinem Vater im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Und wenn es auch wieder um einen Taler den Einsatz ging, der alte Lampert legte ihn für Fritz hin und verzog das gedunsene Trinkergesicht ebensowenig, wenn einer der andern den Gewinn einheimste, wie wenn er selber oder Fritz das Spiel gewann. Die beiden Lamperts waren bekannt dafür, daß sie mit niemand, nicht einmal unter sich, halbpart spielten, und bei den Stammgästen der Kegelbahn, die das Spiel als weitverzweigtes Kompagniegeschäft betrieben, waren sie deshalb nur mäßig beliebt. Eines Abends, als der alte Lampert gerade ein paarmal nacheinander ein ziemlich fettes Spiel eingestrichen hatte, mit der nachlässigen Gebärde, mit der er vom Tisch nach dem Pfeifenstopfen die Tabakreste in den Beutel wischte, hörte Fritz, wie ein Bursche zu dem andern sagte: „Er brauchte auch nicht so zu tun, als ob ihm unser Geld Schmierkäse wäre. Er kann’s gebrauchen.“ Als Fritz abends vorm Schlafengehen dem Alten die Worte wiederholte, zuckte der die Achseln, holte aus dem Wandschrank die Flasche mit dem alten Kornschnaps und trank davon zwei Weingläser voll. Dann ging er heiser lachend die Treppe hinauf und keuchte:

„Sie können mir alle den Buckel hinaufsteigen.“

Mit Fenn Kaß war es, als ob der Faden seiner alten Gewohnheiten gar nicht abgerissen wäre. Er ging seinem Vater beim Küsteramt an die Hand ganz wie vordem und tat gar nicht dergleichen, als ob er als studierender Mensch auf Ruhe in den Ferien ein verbrieftes Recht hätte. Die Teilung der Arbeit, wie sie früher bestanden hatte, war für Fenn auch in den Ferien maßgebend. Wenn Vater Kaß der erste aus den Federn war und eigenhändig in aller Früh die Betglocke läutete, so lag alles weitere Geläute tagsüber und bis zum späten Abend seinem Sohn ob. Fenn schloß die Kirche auf und zu, Fenn legte dem Herrn Pfarrer das Meßgewand zurecht, Fenn sorgte fürs Kerzenanzünden, für den richtigen Altarschmuck, wie es die Tage nach der Abstufung ihres festlichen Charakters verlangten. Er kannte alle Schmuck-Garnituren auf den Fingern auswendig.

Aber am meisten Genugtuung bereitete ihm das Aufziehen der Turmuhr. Das war ein Geschäft, mit dem ihn sein Vater lange nicht hatte betrauen wollen. Es galt als geradezu halsbrechend. Man mußte auf Leitern im Innern des Turmes von einem Absatz zum andern steigen, daß einem beim Hinunterblicken ordentlich schwindelig werden konnte. Oben stand man dann auf einer schmalen Bretterbrücke und mußte mit der Kurbel die schweren Gewichte heraufwinden. Ein Fehltritt, und man stürzte den ganzen Leiterweg wieder hinunter. Das Uhraufziehen war der Frau Küsterin eine Quelle der Sorge und Angst. Immer, wenn einer von ihren Mannsleuten in den Turm steigen mußte, wartete sie mit banger Seele, bis er heil und gesund wieder vor ihr stand. Wie eine Försterfrau um ihren Mann bangt, wenn er auf Wilddiebe lauern geht. Für Fenn aber war es eine der reinsten Freuden, an diese berüchtigte Arbeit die Spannkraft seiner jungen Muskeln und die Abenteuerlust seiner dreizehn Jahre zu setzen. Und dann das Uhrwerk! Das war ihm wie ein lebendiges Tier, dem er in den Brustkasten hineingucken durfte. Er kannte jedes Rad mit Namen, er vermaß sich, den ganzen Krempel auseinanderzuschrauben und wieder einzurichten, ohne ein Rad übrig zu behalten, wie es dem Dorfschmied einst passiert war, als er in der Uhr nach dem Rechten hatte sehen wollen.

Fenn Kaß war eine eigene Natur, zu deren Kern die Äußerlichkeiten des Lebens nicht leicht hineindrangen. Die Seele der andern war wie eine Wage, die mit jeder Veränderung der Umwelt aus dem Gleichgewicht kam. Zwischen Kinderstube und Stadtleben schwankte sie hin und her, Jahre lang, bis eine Seite der andern leidlich die Wage hielt. Diesmal gab es bei der Rückkehr aus den Ferien noch einen bedenklichen Ruck, und die ersten Abende konnte man in den Schlafsälen der Jüngsten manch unterdrücktes Schluchzen hören, und unter mancher Wange netzte sich das Kopfkissen von Heimwehtränen.

Dann ging das Leben im Konvikt seinen Gang, Jahr um Jahr. Fenn Kaß schlug sich redlich durch seine Klassen. Sein Wissen wuchs, wie das Holz der Eiche, Jahresring um Jahresring, dicht und fest und sicher aufeinander, aber das Wissen Puttys war wie weiches Pappelholz, hoch und rasch emporgeschossen, unzuverlässig und untüchtig. Den Lampert hatten sie schon nach dem ersten Jahre hinter sich zurückgelassen. Er geriet immer bedenklicher ins Hintertreffen, und eines Tages wurde er von dem „Alten“ endgültig abgeschüttelt. Das kam so. Fritz war eines Morgens mit den andern zum Weg in die Klasse angetreten. Man war im Anstaltshof rottenweise aufgestellt, unter der Führung eines ältern Semesters, das in der Terminologie des Hauses Präfekt hieß. Der Präfekt, ein derber Öslinger Bauernsproß mit klobigen Nagelschuhen und zu kurzen Beinkleidern, dem die roten Hände wie Hummerscheren aus den Ärmeln hingen, hatte den jungen Lampert, der wieder einmal einen Anzug nach dem neuesten Schnitt trug, ironisch beschnuppert. Fritz hielt es nämlich für fein, sich stets in eine Wolke desjenigen Parfüms zu hüllen, von dem er jeweilig gehört oder gelesen hatte, es sei das feinste. Diesmal war es Verbena.

„Der Teufel weiß, wonach der Lampert wieder duftet!“ sagte der Präfekt.

Fritz gab eine so unanständige Antwort, daß die ganze Rotte in ein betäubendes Irokesengeheul ausbrach. Der Herr Direktor kam wie mit Siebenmeilenstiefeln über den Platz gestelzt und fragte zornfunkelnd, was los sei. Der Präfekt wiederholte treu die Lampertsche Verbalinjurie, und das Geheul erscholl von neuem.

Wie Blitze züngelten die Worte des Alten auf Fritzens Haupt. Der drehte ihm den Rücken und zuckte die Achseln. Die Stimme Kleyers überschlug sich, zischte, fauchte, sprang in spitzem, elastischem Echo von der Hausfront bis über das Tal hinüber. „Freches Individuum! Abbitte leisten! Sofort! Auf der Stelle! Oder hinaus! Hinaus!! Hinaus!!!“ „Jeß Marja!“ sagte Fritz gelassen in diesen Zornesorkan hinein. „Maacht iech net mid! Der krit jo e Schlaag!“ Und er gehe direkt, lieber heute als morgen, und er habe die Boulettenwirtschaft schon ewig satt. Zwischen jeden Satz hinein fuhr wie eine Stahlklinge ein blitzendes „Ruhig! Still! Kein Wort mehr!“ des wutschnaubenden Direktors.

Fritz Lampert ging wirklich und mietete sich in der Stadt eine behagliche Bude. Er war die nächste Zeit hindurch der Held des Tages. Und die Wut, die Herr Kleyer an diesem räudigen Schaf nicht hatte auslassen können, kühlte er in kleinen Ausfällen, die er gegen Fenn Kaß richtete. Fenn Kaß, der andere Wiesinger, war ja derselbe Trotzkopf wie sein Dorfgenosse, es bestand zwischen ihnen zweifellos eine heimliche Solidarität, die Fenn büßen mußte. Bald donnerte ihn bei Tisch der Alte an, weil Fenn mit einem Nachbar ein Wort gewechselt hatte, bald gab er ihm in der Kapelle einen Stoß, wenn er beim Knien sich nicht genug zusammennahm, bald ging ein Sturzbach über das Haupt des Sünders nieder, wenn ihn Herr Kleyer mit den Händen in den Taschen erblickte. Fenn ließ alles mit ruhigem Gemüt über sich ergehen. Er wußte: muckte er auf, so gab es zwischen ihm und dem Direktor ein Ringen auf Leben und Tod. Wozu, dachte er, dies Fingerhackeln? Ich laß mich doch nicht zu Brei zermalmen, daß sie nachher aus mir eine neue Masse kneten, wie sie sie brauchen. Ich weiß selbst, was ich tue.

In solchen Stunden war es ihm ein Trost, mit Theo Schütz zusammen zu sein. Der war auch einer von den Hartgesottenen, die sich nicht von dem „Alten“ in seinem Erziehungsraptus auf denselben Leisten mit hundert andern wollten schlagen lassen. „Er will einen bloß zerbrechen, damit er die Stücke nach seinem Gustus wieder zusammenleimen kann!“ sagte Theo zu Fenn. „Um mich kümmert er sich weniger, ich bin hier nur geduldet, sie wissen, daß ich später doch meine eigenen Wege gehe. Aber du, du gehörst ihnen mit Haut und Haaren, wenn du später deinen Willen hast, kannst du ihnen allerhand Striche durch allerhand Rechnungen machen. Darum mußt du hinein in die Form.“

„Wenn ich aber doch nicht will? Er kann mir doch nichts vorwerfen; ich tue in allem meine Pflicht, mehr brauche ich nicht.“

Fenn Kaß hatte auch schon mit seinem Vater über sein Verhältnis zu Herrn Kleyer Rat gepflogen. Der war geradeswegs mit ihm zum Pfarrer Reining gegangen. Herr Reining ließ sich von Fenn die Sache auseinanderlegen, nickte still vor sich hin und sagte, er werde sehen, was zu tun sei. Aber hinterher tat er gar nichts und dachte: der Fenn ist ein Goldkerl, der frißt sich durch.

Auf den Lippen der drei Wiesinger sproßte schon der Flaum der Jünglingsjahre und es war an der Zeit, da die blinde Unbefangenheit ihrer Knabenjahre sich in ahnende Neugier vor den Rätseln des Lebens zu wandeln begann.

Fritz Lampert hatte in der derb zufassenden Einfachheit seiner Bauernnatur vor den Toren, die ihn in das Heiligtum neuer Erkenntnisse führen sollten, nicht lange halt gemacht, und es hatte ihn seelisch auch weiter nicht erschüttert, was er auf seinen verbotenen Streifzügen erlebt hatte. Für Putty aber, den er ohne Umschweife eines Tages in seine Eroberungen einweihte, wurde dies zu einem Erlebnis, das ihn in glühende Gedankenorgien hineinpeitschte. Andern Tags predigte Direktor Kleyer in der Kapelle. Es klang dem jungen Heinen in die Ohren wie die Posaunen des Jüngsten Gerichtes, als er begann: „Geliebte Zöglinge! Hütet euch! Das Laster geht um! Das Laster mit bleichen Hängebacken und bläulich fahlen Säcken unter den Augen. Und wen es vergiftet, und wessen Blicke vordem leuchteten wie Kohlenfeuer im Felsengemäuer, dessen Inneres wird eitel Fäulnis! Und sein Blick wird wie der Sumpf, auf dessen trübem Spiegel das Gift der Tiefe schillert!“

Putty war vernichtet. Ihm schien, als spürte er den Hauch der Fäulnis von sich ausgehen und als seien seine Augen trüb wie Sümpfe. Und während am Abend nach Tisch die Kameraden lärmend durch Hof und Gänge tobten, saß er zerknirscht, in weinender Inbrunst vor dem Altar in der Kapelle und reinigte seine Seele durch Gebet. Aber je mehr er betete, desto grimmiger fielen ihn die Gedanken an, die heimtückischen Gedanken an die sündige Lust. Er erhob hilfeflehend den Blick und sah vor sich ein Stationsbild: die Grablegung. Hunderte Male hatte er es gesehen und betrachtet – jetzt stach ihm zum ersten Male der nackte Arm der Maria Magdalena in die Augen, der durch ihr gelöstes Haar durchschimmerte, und ihr Antlitz nahm plötzlich bekannte Züge an: die schöne Wiesinger Lehrerstochter! Langsam, wie das junge Sonnenlicht von der erwachenden Erde, ergriff das Weib von dieser keimenden Mannheit Besitz. Putty taumelte aus der Kapelle in die Spiele seiner Kameraden hinein. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Es war darin wie ein lähmendes Gift, wie man es im Traum spürt, wenn man sich bewegen will und kann nicht los aus der warmen, zähen Umarmung des Schlafes. Seine Kehle war voller Bangigkeit und sein Herz voll eines unendlichen Mitleids mit sich selbst. Wie ein Opferlamm kam er sich vor, ein Märtyrer, der sein Leben durch elterliche Unvernunft, durch stumpfsinnigen Zwang verdorben und verpfuscht sieht. Der Gedanke durchfuhr ihn plötzlich an das Kleid der Entsagung, das er nach Jahren tragen sollte, an die schwarze, geschlechtslose Soutane. Und er bäumte dagegen zähneknirschend auf, wie gegen einen brutalen Eingriff in seine Persönlichkeit.

Mitten in der Nacht wachte Fenn Kaß von einem leisen Stoß gegen seine Schulter auf. Er sah dicht vor seinen Augen ein leichenblasses Gesicht, das in dem verstohlen hereindringenden Mondenschein tränennaß glänzte, und erkannte nach ein paar Sekunden Putty.

„Was ist denn los?“ fragte er, noch halb schlaftrunken.

„Fenn – höre mich an! Es erwürgt mich. Ich kann nicht schlafen, bis ich dir alles gesagt habe.“

„Aber leise, daß nur der Präfekt nichts hört. Kannst du nicht warten, bis morgen?“

„Nein, du siehst ja, es läßt mir keine Ruhe.“

„Was denn? Du bist ja ganz drunter und drüber!“

„Fenn, mit mir ist es aus. Morgen geh’ ich heim und werde Schneiderlehrling.“

„Ach so! Dann kann ich ja weiter schlafen.“

„Lach mich nicht aus, es ist blutiger Ernst. Ich kann nicht mehr Priester werden.“

„Na, da hast du ja noch ein paar Jährchen, bis du dich entscheiden mußt.“

„Nein, ich kann den Gedanken nicht mehr ertragen, daß ihr glaubt, ich will Geistlicher werden.“

„Dir kann es doch egal sein, was die andern glauben.“

„Nein, ich ertrag es nicht. Ich will nicht, daß sie glauben soll, ich – –“

„Sie? Wer, sie?“

„Die Marjänni.“

„Was hat die Marjänni –?“

„Höre mich an, Fenn! Es ist etwas mit mir vorgegangen innerlich ...“

„Na ja! Jetzt weiß ich schon, was kommt. Du hast Weibergeschichten im Kopf. Laß mich damit zufrieden.“

„Nein, Fenn! Du mußt es hören. Ich bitte und beschwöre dich. Es ist keine Frivolität ...“

„Putty, sei kein Frosch. Ich könnte dich ja jetzt beichten lassen, und dann hättest du morgen früh einen Moralischen und würdest dich schämen, daß du dich so vor mir ausgezogen hast! Geh schlafen, und wenn es dich morgen oder übermorgen noch drückt, na, dann kannst du meinetwegen dein Herz in meinen Busen ausschütten.“

„Meinst du, Fenn?“ fragte Putty schon merklich beschwichtigt, „Aber ich versichere dir, es ist furchtbar. Ich war nie in meinem Leben so, – so – –“

„Jawohl! Geh jetzt! Ich will nicht wegen Störung der Nachtruhe bei dem Alten unter den Schlitten kommen.“

Putty schlich lautlos zu seinem Lager zurück, und fünf Minuten später mischten sich seine ruhigen Atemzüge in die seiner Schlafsaalgenossen.

Aber statt seiner lag jetzt ein anderer wach. Fenn Kaß. „Was hat denn der mit Brauns Marjänni?“ – so ungefähr gingen seine Gedanken. – „Das wäre noch schöner. Die will ja Lehrerin werden, die ist doch kein Mädchen wie die andern. Und er ist doch auch kein Bub wie die andern. Er ist ja von allen immer durchgehauen worden – selbst von den Mädels. Was gehen denn den jetzt auf einmal die Frauenzimmer an? Er bildet sich das nur ein. Wir denken doch auch an keine Mädels – das ist dummes Zeug – dummes Zeug – die Marjänni lacht ihn aus, wenn sie so was hört – das kommt von seinem dummen Geschichtenlesen – und sein Vater haut ihm die Jacke voll, wenn er nicht Order parieren will – er soll lieber seine Metamorphosen für morgen vorbereiten – das letztemal hat er nichts gewußt – er ist ein Bähschaf – manchmal – ein guter Kerl, aber – ein Bäh – ein Bähschaf. Und die Marjänni, die lacht – die lacht ihn aus – die Marjänni – die Marj – –“

Und dann nahm er ihr Bild mit hinüber in seine Träume.

Puttys Weltschmerz hielt indes länger vor, als Fenn vorausgesetzt hatte. Am nächsten Tag verkniff er sich noch sein Herzensgeheimnis, aber am zweitnächsten mußte Fenn die ganze Beichte hören: Wie es in seinem Innern plötzlich klar geworden sei, wie er mit einem Male sein ganzes zukünftiges Leben vor sich habe liegen sehen als eine Wüste, die in den Abgrund führte, wie ihm Marjänni gleich einem verklärten Rettungsengel erschienen sei und wie er nun ganz bestimmt wisse, was er zu tun habe.

„Na, du kannst es ja mal probieren,“ meinte Fenn Kaß sehr sachlich. „Aber sage vorläufig deinem Vater nichts, das hat immer noch Zeit, wenn du vor der Entscheidung stehst. Bis dahin läuft noch viel Wasser die Mosel hinunter und es gehen dir noch viele Gedanken durch den Kopf. Lern jetzt deinen Ovid, das ist viel gescheiter.“

Putty war nach diesem Gespräch stark ernüchtert. Aber sein früheres Gleichgewicht war ein- für allemal dahin. Zwar das Bild Marjännis wurde blaß und blässer, aber statt dieser einen behielt das Weib schlechthin seine Macht über ihn, und die ganze sehnsüchtige Liebesqual schlug bei ihm in eine butterweiche Sorte von Weltschmerz um. So saß er denn an den Sonntagnachmittagen im Studiensaal und las immer wieder im „Taugenichts“ von Eichendorff. Aus der Ferne knallten und widerhallten die Büchsen der Schützengesellschaft, die in einem alten Festungsgraben ihre Scheiben stehen hatte. Manchmal trug der Wind eine verwehte Wolke von Blechmusik herüber, wenn ein Verein in der Stadt einen Umzug hielt. Alle Geräusche kamen so fernher, so gedämpft, klangen so unsäglich traurig in Puttys Käfig herein, daß er sich vor Unglück und Elend nicht zu lassen wußte. Nebenan, im Garten einer herrschaftlichen Villa, sah er modisch gekleidete Altersgenossen mit schlanken jungen Mädchen Ball spielen, und er bildete sich ein, in die eine davon, die die schlankste war und die schönsten und längsten braunen Zöpfe hatte, sterbensverliebt zu sein. Las er dann von dem armen Taugenichts den Kapitelschluß, wo jener die schöne Frau mit ihrer Begleitung übers Wasser gerudert hat: „Und da warf er sich ins Gras und weinte bitterlich“ – dann legte Putty seinen Kopf auf die Arme und dachte an das weiße schlanke Mädchen von drüben, das von dem Dasein eines gewissen Peter Heinen, genannt Putty, aus Wiesing keine Ahnung hatte, da doch dieser selbe junge Mann sich in Liebe zu ihr verzehrte – und wenn er dann meinte, jetzt hätten vor unsäglichem Elend seine Augen endlich ein wenig Salzwasser gepumpt, dann hatte er noch ein viel größeres Mitleid mit sich selber als mit dem armen Taugenichts.

Zu Puttys großem Leidwesen wirkte die Liebe auf ihn jedoch auch stark appetiterregend. Er hatte die Sache einmal ganz und gar romantisch bis ans Ende durchführen wollen, ganz ätherisch, ganz transzendent, und hatte sich mit hungrigem Magen, aber hehren Gefühlen in der Brust am Nachtessen vorbeigefastet. Einmal und nicht wieder.

Seinem Freund Fenn durfte er mit solchen erotischen Gewissensqualen nicht mehr kommen, der hatte dafür nicht das leiseste Verständnis. War er dann von einer Predigt des Herrn Direktors bis ins Innerste aufgewühlt und verängstigt, flüchtete er in die Kapelle. Dort sah ihn der fromme Jüngling Louis Binz, der schon einmal dem ganzen Hause als Musterknabe vorgeführt worden war, und dessen Streben seither nach nichts geringerm, als dem Heiligenschein des hl. Aloysius von Gonzaga ging, von dem geschrieben steht, er habe nicht einmal seine Mutter anzusehen gewagt, aus Furcht vor fleischlichen Anfechtungen. Als eines Abends Putty die Kapelle verließ, streckte sich ihm die wächserne Hand dieses Louis Binz mit zwei gereckten Fingern entgegen, die sich eben in das Weihwasserbecken getaucht hatten. Putty näßte seine Fingerspitzen an denen seines Mitschülers und sah dabei in zwei vor innerer Verzückung schwimmende Augen. Im Korridor, wo die andern plaudernd auf und ab gingen, gesellte sich Louis Binz zu Putty. Nach einigen gleichgültigen Redensarten brachte er das Gespräch auf die Wonnen der heimlichen Andachtsstunden in der Kapelle, vor dem Altar, wo in einem roten Glas das Flämmchen der ewigen Ampel glühte. Von dieser Ampel kam seine Phantasie nicht los. Sie war ihm das billige Sinnbild seiner Seele. Und allmählich steckte er Putty mit diesem glutrot und inbrünstig flackernden Mystizismus an. Aber der Schneiderssohn brannte nicht im eigenen Feuer von innen heraus, er war nur von den innern Flammen des andern angeheizt, und seine Seelentemperatur sank, sobald ihn Louis Binz aus seinem Bannkreis entließ. Dann kamen wieder Zeiten, wo er ganz gottverlassen und verzeihungsbedürftig in die Schwüle desselben Umgangs zurück flüchtete. Fenn Kaß schüttelte den Kopf über den neuen Freundschaftsbund. Er selbst empfand gegen Binz den instinktiven Ekel des gesunden Menschen gegen alle Hysterie, zumal seit er gehört hatte, Binz habe einmal insgeheim eine neuntägige Andacht zum heiligen Herzen Jesu gehalten, um seine, Fenns Seele, zu retten. Er lachte darüber, aber es ärgerte ihn doch, daß dieser Flagellant und Fanatiker sich mit ihm in eine gewisse Gedanken- und Gefühlsgemeinschaft hineindrängte. Sein Leben lag vor ihm so klar, wie ein heller Tag, mit Morgen, Mittag und Abend. Jetzt begann er zu empfinden, daß fremde Einflüsse ihm seinen Sonnentag mit ungesunden Nebeln zu trüben suchten.

„Sag deinem Binz, er soll mich gefälligst mit seinen Fürbitten beim Himmel verschonen, sonst, wenn ich wieder dergleichen höre, hau ich ihn so gottsjämmerlich durch, daß er genug zu tun hat, wenn er für sich selbst betet!“

Putty empfand erst eine widerstrebende Bewunderung für Fenn, eine Bewunderung, in die sich ein leiser Neid darüber mischte, daß er nicht auch die Kraftnatur war, die dem Leben so frisch-fromm-fröhlich mit geballter Faust gegenüber stand. Sobald aber Fenns Gegenwart nicht mehr auf ihn wirkte, und er wieder dem sanften Zauber des Binzschen Heiligenscheins verfiel, schlug er über die Brutalität seines Freundes ein Kreuz und vereinbarte mit dem andern, daß sie beide einen ganzen Abend lang für die Erleuchtung Fenns in der Kapelle beten wollten.

Fenn Kaß war bei seinen Mitschülern, von denen es im vorhinein feststand, daß sie den geistlichen Beruf ergreifen wollten, allmählich in den Ruf eines Freidenkers und unsichern Kantonisten gekommen. So zwar, daß ihn eines Tages der Herr Direktor zu sich beschied, um ihn über seine Zukunftspläne gründlich auszuholen.

„Du bist ja soweit ein guter Zögling, Kaß, es ist dir im großen ganzen nicht viel vorzuwerfen, aber man wird aus dir nicht klug. Sieh mal die andern, die sich auf das Priesterseminar vorbereiten, denen sieht man die Begeisterung für ihren Beruf förmlich an den Augen an. Fenn Kaß, warum bist du nicht begeistert?“

Es war an derselben Stelle, wo der junge Kaß schon einmal dem Ansturm Kleyers standgehalten hatte, damals am Tage seiner Aufnahme. Auch jetzt schlug er die Blicke nicht nieder, sondern ließ sie emporschweifen, an den Wänden entlang, wo neben Heiligenbildern der knochige Charakterkopf des alten Mannes hing, durch die Zweige des Gummibaumes hindurch, zum Fenster hinaus in den leuchtenden Wolkenhimmel. Das waren ja dieselben weißen Sonnenwolken, die über seine Kindertage hingezogen waren, damals, als noch nichts und niemand seine Seele in starre Formen zu pressen suchte. Gerade zog drüben am südlichen Himmel ein großes, leuchtendes Wolkengebilde vorüber, ein phantastisches Schneegebirge mit blendend weißen Firnen, mit schwindelnden Abgründen und weiten, seligen, jungfräulichen Wüsteneien, ein in klaren Umrissen und schwellender Plastik in den hellen Tag hineingestelltes Traumgesicht. Und Fenn Kaß war davon ganz erfüllt. Der gute Dämon seiner Kinderjahre schlug seine Flügel um ihn, und er fühlte sich so stark wie daheim, wo er wurzelte, daheim, wo er zum Atmen alle Luft der Täler und Hügel und Wälder und Acker hatte, wo er jauchzend das Wachsen seiner Kraft gespürt, überschäumend vom Gefühl des Seins seinen Kameraden vorangestürmt war in Spiel und Streit. Und er tauchte mit stumm inbrünstiger Leidenschaft seine Blicke in all dies Licht und all dies leuchtende Erinnern. Da stand er hoch über der Stubenluft, die ihn jetzt umwitterte, und über den Händen, die nach seinen Flügeln griffen.

„Herr Direktor,“ sagte Fenn Kaß ruhig, „was wollen Sie mit mir? Ich gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen?“ Er sagte es so ernst, so schwer, so selbstsicher, daß das schöne Pathos des Herrn Direktors davon durchlöchert und zerfetzt ward.

„Fenn Kaß! Du bist eine verstockte und verbissene Natur, und wenn das nicht anders wird mit dir, so wirst du“ – hier kam der Redner wieder in Schwung, hier lagen ihm wieder seine pädagogischen Donnerkeile zur Hand – „so wirst du untergehen, fallen von Stufe zu Stufe! Abyssus abyssum invocat! Et finis interitus!“

Fenn Kaß schüttelte den Kopf und lächelte dazu. „Ach nein, Herr Direktor, lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne Begeisterung.“

„Ich will’s hoffen, Kaß, ich will’s hoffen für dich und für deine armen Eltern, die ihr Letztes dransetzen, um ihren Sohn eines Tages am Altare zu sehen ...“

„Herr Direktor, ich weiß, was ich meinen Eltern schuldig bin,“ versetzte Fenn mit zornigem Unwillen, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Er hörte hinter sich die Stimme des „Alten“ gellen: „Kaß! Komm her! Sofort!“

Aber er zuckte die Achseln und ging hinaus. Der Herr Direktor fand schließlich, daß es das klügste sei, ihn laufen zu lassen. Dieser Duckmäuser, dieser hinterhältige Bursche! Der war ihm am Ende wirklich über! Da sollte doch ein heiliges Kreuzgewitter ... Und der Herr Direktor ertappte sich auf der Sünde des Jähzorns, ging in sein Kämmerlein und kniete lange, mit den Händen vorm Gesicht, auf seinem Betschemel und erbetete sich in heißem Flüstern Vergebung für seine Sünde.

Viertes Kapitel

Draußen suchte Fenn Kaß seinen Freund Theo auf und erzählte ihm, was er wieder einmal mit Kleyer erlebt hatte.

„Es ist ja immer die alte Geschichte,“ sagte Theo. „Ich will dir weiter nicht zureden, aber soviel ist sicher: der ‚Alte‘ ist nur deshalb so hinter dir her, weil er in dir den künftigen Priester und Streiter für die heilige Kirche sieht. Sag ihm, daß du Ingenieur werden willst, und er frißt dich auf vor Liebenswürdigkeit.“

Fenn lachte laut auf. „Als ob das so einfach wäre.“

„Wirf es nicht so weit von dir. Du bist ein vortrefflicher Mathematiker, der Professor hält große Stücke auf dich, er wird sicher befürworten, daß du ein Stipendium bekommst. Ich hab schon mit meinem Alten gesprochen – zur Not könnte er ...“

„Geschenkt, geschenkt,“ fiel Fenn energisch ein. „Ich sagte dir schon, mein Lebensplan ist fertig, ich werde Geistlicher. Ich hab es mir reiflich überlegt. Ich gehe nicht in den Beruf hinein, um nur überhaupt unterzukommen, sondern weil ich überzeugt bin, daß einer an dieser Stelle unendlich viel Gutes wirken kann. Gerade für das Materielle. Ich will aus meinem Haus nicht ein schweigendes Heiligtum machen, in dem nur raunende Betschwestern ab- und zugehen. Ich will zu den Leuten hinausgehen mit einem Schatz von Wissen, damit ich ihnen helfen kann, sich das Leben leichter zu machen. Wir sind ja nicht da, um uns wie Blei an sie zu hängen mit Predigten und Ermahnungen, wir sollen sie lehren, wie man ein guter Kerl sein kann und lustig dabei von morgens bis abends. Paß auf, Theo, in meiner Pfarrei sollen sie noch einmal tanzen, und ich stelle ihnen die Musik dazu!“

„Da wirst du schön ankommen!“

„Ich muß und muß Recht behalten! Was sind wir denn heute den Leuten da draußen?“ Fenn redete sich in Eifer und tat, als gehörte er schon zum Bau. „Ein Fremdling! Der Herr! Wenn so eine schwarze Gestalt, ihr Brevier betend, über die Fluren wandelt, wird den Bauern unheimlich, als sei die ganze Gewann in eine Kirche verwandelt, und für sie ist die Kirche ein Ort, in dem man bloß stille sein muß und im Winter sich die Füße abfriert, im Sommer vor Schlaf die Augen nicht offen behält. Der Herr kommt! Ist das nicht ein Schreckensruf, den die Burschen und Mädels draußen bei der Arbeit, die Kinder beim Viehhüten, beim Spielen, beim Baden einander zurufen, als Warnung vor dem Störenfried, von dem man sich keines freundlichen Wortes versieht? Wir haben zu Haus einen Pfarrer, der die Güte selber ist, er hat uns, wo er uns draußen traf, immer die Hand gegeben und freundlich unsern Gruß erwidert. Aber er war uns doch immer der Herr! Der gestrenge Stellvertreter Christi auf Erden, der Vogt Geßler unseres lieben Herrgotts. Ich vergesse es nie, wie einmal ein alter Bauer hinter ihm her knurrte: ‚Der hat gut in den Himmel kommen, er hat weiter nichts zu tun!‘ Da liegt es: Weiter nichts zu tun! Doch, wir haben weiter zu tun, viel weiter zu tun! Das mit dem Latein und mit den Predigten und der Beichte und den Sakramenten, ja, das gehört ja alles dazu; aber wir sind den Leuten mehr schuldig, wahrhaftig!“

Theo sah seinen Freund verwundert und beunruhigt von der Seite an. „Fenn, das sind böse Worte. Wie kannst du mit solchen Anschauungen Priester werden?“

„Wieso?“ fragte Fenn erstaunt zurück.

„Nun, ich dächte, wenn man so gleichgültig über den Inhalt eines Glaubens denkt, sollte man nicht sein Leben daran setzen, ihm zu dienen.“

„Ich meine, man kann sehr gläubig sein, ohne beständig den Glauben im Munde zu führen.“

„Und glaubst du denn alles, was sie dich glauben heißen?“

„Theo, jetzt will ich dir mal was sagen. Über glauben und nicht glauben, da zerbrech ich mir nicht den Kopf. Das Richtige tun, darauf kommt es an. Das Glauben, na ja, es gehört ja nun mal in den Bau hinein, und weil ich davon überzeugt bin, daß dieser Bau so wunderbar gefügt ist, wie sonst nichts mehr, was Menschengeist ausgesonnen hat, so bleibe ich eben drin und arbeite an meiner Arbeitsstelle.“

„Also doch Menschengeist, Fenn?“

„Das ist doch durchaus nebensächlich. Grase nicht so nörglerisch an den Rändern des Themas herum. Die Hauptsache ist: da ist ein Ganzes, das sich der Menschheit aufdrängt geradezu. Ich finde, daß man in seinem Rahmen an einer bestimmten Stelle viel mehr Gutes wirken kann, als da bis heute gewirkt wurde, ich will an dieser Stelle stehen und meine Kräfte gebrauchen – also!“

„Also brauchst du noch lange nicht Priester zu werden.“

„Wenn ich aber doch in den Gedanken hineingewachsen bin! Glaubst du, ich sattle auf einen Windstoß hin um? Ein Birnbaum wird doch nicht über Nacht zum Holunderstrauch. Seit ich denken kann, habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, daß ich einmal das geistliche Kleid tragen werde. Kein anderer Stand lockt mich, keiner verheißt mir eine Stätte, an der ich so tief und so weit um mich wirken kann.“

„Doch! Geh mit mir nach Aachen, oder nach Lüttich.“

„Nein, Theo, das ist wieder nichts. Ich weiß, was unsere Ingenieure zu tun haben. Ihr Wirken ist auf Schienen gestellt und geht ewig im Kreise herum.“

„Das hoffe ich nicht. Ich will einmal in Freiheit schaffen und zeigen, was ich kann.“

„Ja, und dann bist du froh, wenn du eine Vertretung für Schmieröle oder Heizungsanlagen findest. Da hinein münden ja schließlich eure Träume von der Eroberung der Welt.“

Theo lachte. „Glaubst du denn, dir wird es einmal anders und besser gehen, und du wirst nicht inmitten deiner Bauern verknöchern und verfilzen?“

„Dafür laß mich sorgen. Ich habe Pläne, sage ich dir, Pläne!“ Und Fenn reckte die Arme gen Himmel, als wollte er die Leitern seiner Hoffnung am Firmament aufhängen. „Und dann, siehst du, dann möchte ich auch den Lebenstraum meiner Mutter erfüllen.“

„Deines Vaters doch auch?“

„Das ist schon was anders. Einem Vater tut man dergleichen nicht zulieb. Man wittert Zwang und geht dagegen an. Aber von der Mutter ist es kein Druck, kein Zwingenwollen, nur ein sehnsüchtiges Wünschen – da fühlt man sich als den Schenker und tut sich was drauf zugut.“

„Siehst du, im Grunde bist du also doch geschoben worden und meintest zu schieben.“

„Nun hör aber auf. Ich habe mit dir schon viel zu lang darüber geredet.“

Bei derselben Gelegenheit zog Theo den Freund ins Vertrauen: Er wollte in der Nacht ausbrechen. Im Lokal der Schützengesellschaft war abends ein belgischer Ingenieurverein zu Gast. Bankett, Feuerwerk, bengalische Beleuchtung, Konzert und Ball standen auf dem Programm. Theo hatte von dem Sohn eines Vorstandsmitgliedes eine Einladung bekommen.

„Es sind feine Kerle, Hütten- und Bergbauingenieure von Seraing und Lüttich und Charleroi, Direktoren, Betriebsleiter, die Generale des belgischen Arbeitsheeres,“ begeisterte sich Theo. Er war fest entschlossen, hinzugehen. Er wußte schon, wie es anzustellen war. Ins Freie kam er leicht durch irgendein Fenster, eine Leiter hatte er schon ausgekundschaftet; um drei Uhr, wenn noch alles schlief, wollte er auf demselben Wege zurückkommen.

„Du riskierst, daß dich der Alte wegjagt,“ warnte Fenn. „Und was hast du davon? Du siehst ein paar Stunden zu, wie sie tanzen und trinken. Was hast du davon?“

„Das lockt mich nicht. Ich will nur die Leute sehen. Ich bin einmal mit meinem Vater nach Lüttich gefahren. Junge, das ging dir stundenlang in einem fort durch Hochöfen und Bergwerke, das sauste und polterte und schwang voller Räder und Hebel, es war wie mitten in einer Schlacht, Feuer, rote nackte Leiber, immer wie im Kampf, immer zugehauen. Darin befehlen dürfen, Junge, das alles im Kopf haben, und dann eines Tages vielleicht sagen können: das und das machen wir jetzt viel einfacher und leichter und besser! Und dann fragen sie dich, wieso denn? Und du sagst, daß du die Sache erfunden hast, eine Maschine, oder etwas in der chemischen Zusammensetzung, was das ganze Verfahren umkrempelt. Darum möchte ich heut abend hin, weil ich die Männer sehen möchte, die das alles machen.“

„Meinetwegen geh. Aber sieh zu, daß du nicht ertappt wirst.“

Fenn stand abends im Schlafsaal heimlich auf, stützte die Ellenbogen auf die Fensterbank, legte das Gesicht in die Hände und träumte ins Dunkel.

Das Fenster ging ins Tal, und er sah von fern den Festsaal der Schützen erleuchtet. Jetzt war Theo dort. Die Grundakkorde der Musik kamen gedämpft durch die Nacht, das helle Ding dort hinten war wie ein Rieseninsekt, das da im Grünen lag und summte. Ab und zu stieg noch eine Rakete zischend auf und ließ in der Höhe ihre heftig leuchtenden Kügelchen in die Nacht fallen. Vom Bahnhof her dröhnte es von manövrierenden Wagenreihen, die Dampfpfeifen klangen wie empörte Schmerzensschreie oder wie leidenschaftliche Jauchzer, oder zogen sich wie lange Klangserpentinen durch das ferne Dunkel. Dann rollten am Horizont die Abendzüge, und leuchtende Rauchmähnen, straff hintenüber geweht, wurden sichtbar und verschwanden, und ihr Aufleuchten war wie ein Flügelschlagen durch das Dunkel.

Fenn träumte in die Nacht. Seiner Phantasie drängte sich mählich die Vorstellung einer Welt auf, die bis jetzt nie als Ganzes in seinen innern Gesichtskreis getreten war: Dort drüben die Menschen, von denen Theo so begeistert gesprochen hatte, deren Lebensjahre doppelt zählten gleich Kriegsjahren; die da wirkten, wo alle Kraft und Bewegung ins Riesenhafte gesteigert sein mußte. Und weiter hinaus, rechts, unter dem Widerschein der tausend Lichter, die den Nachthimmel sanft anglühten, der Bahnhof, der Puls eines weit über die Lande kreisenden Stroms von Leben. Fenn fühlte sich eingeschaltet in den kreisenden Strom, der ihn hinaustrug in die Welt, in die schöne, weite Welt, wo die hohen Berge sind und die weiten Seen, wo sich die ewigen Dome in gleitenden Strömen spiegeln, wo die Marmorpaläste versunkener Geschlechter stehen, wo die stolzen Schiffe über die Meere ziehen, wo das Leben uferlos ist.

Eine Rakete stieg, ein Walzer begann, und die laue Luft war wieder wie gefärbt von einem leisen, süßen Klingen. Fenn dachte daran, was seine Zukunft sein würde: Eine freudige Pflichterfüllung in der Enge. Tief auf dem Grunde eines Schachtes, in den von oben das Licht und das Geräusch der freien Weiten dringen würde. Aber unwillig schüttelte er die herben Vorstellungen ab, die ihn manchmal anfielen. Er stemmte sich gegen sie mit dem Trotz seiner Bauernseele, die sich aus der Enge ihres Erlebens heraus dennoch mit dem Weltganzen eins fühlte und wußte, daß sie darin an der richtigen Stelle zu wirken berufen war.

In der Frühe gab es eine Katastrophe. Louis Binz hatte den heimschleichenden Theo überrascht und angezeigt. Beim Morgengebet in der Kapelle teilte Herr Kleyer den versammelten Zöglingen schaudernd das Furchtbare mit: Daß einer von ihnen heimlich in finsterer Nacht entwichen war, um sich an die Stätte der Ausschweifung und des Lasters zu schleichen. Er mußte hinaus! Hinaus! Hinaus!!! Keine Stunde länger hatte er das Haus mit seiner Gegenwart verpesten dürfen, im Morgengrauen hatte er sein Bündel schnüren müssen!

Als es kund wurde, daß Louis Binz der Verräter war, suchte Fenn seinen Landsmann Putty auf und sagte zu ihm: „Wenn du jetzt mit dem Lauskerl noch ein Wort redest, kündige ich dir die Freundschaft!“

Und in seinem Gemüt blieb als Stachel der Gedanke zurück, daß er seinen Lebensweg gemeinsam mit „diesem Lauskerl“ werde wandern müssen.

Fenns Berufswahl erfuhr gerade um diese Zeit mancherlei Anfechtung. Seine kühle und starke Natur wurde aus sich selbst heraus durch die Frühlingsstürme des Lebens nicht aus dem Gleichgewicht gehoben, aber von außen trat allerlei an ihn heran, was sich fremdkörperartig in sein Denken und Empfinden hineinzwängte.

Wenn er später über sich nachdachte und nach den Wurzeln seines stärksten innern Erlebens grub, dann machten wohl seine Gedanken bei jenem Septembertage halt, an dem der erste Stein aus dem hartnäckigen Bau seines Lebensplanes herausgeschlagen wurde.

Die schönsten Tage im Jahr brachte für unsere Wiesinger immer der goldene Erntemond. Wenn schimmerndes Spinnweb die Hängematten der Elfen von Grashalm zu Grashalm wob und die kleinen grauen Netze morgens von Tauperlen funkelten, wenn von den Wiesen her das eintönige Singen der Kuhbuben kam, die die Vesperpsalmen langgezogen und schläfrig über die leere Gewann gröhlten, wenn nach all dem ernsten Einscheuern der Feldfrüchte, an denen der Begriff des Notwendigen, des Pflichtmäßigen haftet – wenn nach Heu und Grummet, Hafer und Weizen, Erbsen und Bohnen es jetzt an das angenehmere Ernten des süßen Obstes ging, wenn der straffe Bogen der Arbeit allmählich sich abzuspannen begann und die Menschen langsam sich bewußt wurden, daß sie auch wieder einmal ausruhen und genießen durften, – in diesen Tagen war es für die Wiesinger „Studenten“ eine Wonne, die Felder und die Wälder zu durchstreifen und zu fühlen, wie sie sich auflösten im Zauber ihrer Heimat, wie ihr Wesen in dieser Umwelt restlos aufging gleich einem Körper, der sich in einer Flüssigkeit auflöst, da er in einer andern hart und undurchdringlich bleibt.

So waren sie eines Sonntags nachmittags in den Wald gezogen zum Haselnußpflücken, Fenn, Putty, Fritz, Marjänni mit ihren jüngern Geschwistern, die beiden Schneidertöchter, die Leonie und die Justine, die sich, nach ihrer Mutter geartet, schon zu stattlichen Dirnen ausgewachsen hatten und die das Schneiderhinchen nicht mehr durchzuprügeln wagte, seit ihn die älteste einmal wie mit einer unwillkürlichen Bewegung hinterrücks über Stuhl und Tisch geschleudert hatte, als er zu einer Ohrfeige ausholen wollte. Sie hatte ihm liebevoll wieder auf die Beine geholfen und harmlos gefragt, ob er sich nicht wehgetan habe und wie das nur so schnell gekommen sei. Der Schneider hatte sie ein wenig mißtrauisch von der Seite angeblickt, sich den Buckel gerieben und geknurrt, er sei über den Stuhl gestolpert. Von der Stunde an wußte er, daß es mit dem Hauen als Erziehungsmittel bei seinen Mädels endgültig vorbei war.

Daß die Leonie ein handfestes Mädchen war, konnte man an selbigem Sonntagnachmittag im Walde bemerken, wenn ihr Herr Fritz Lampert beim Haselnußpflücken in einer Weise behilflich sein wollte, mit der sie nicht einverstanden war. Fritz hatte sich in einen Witz verbissen, der aus einer volkswirtschaftlichen Redensart herübergeholt war und den er großartig fand. Er wollte anhaltend „dem Ackerbau unter die Arme greifen“, aber der Ackerbau ließ sich das nicht gefallen. Eine Zeitlang kam aus der Gegend des Waldes, wo Leonie und Fritz in den Haselhecken streiften, ausgelassenes Gekicher, dann plötzlich ein zorniger Aufschrei des Mädchens – ein klatschender Schall, wie er entsteht, wenn eine hohle Hand mit einer weichen Fläche heftig zusammentrifft – eine Weile Totenstille, und dann begann wieder ein regelrechter und gedeihlicher Betrieb des Nußpflückens, so zwar, daß Fritz und Leonie am Ende die reichste Ernte gehalten hatten. Von der Backpfeife, die zu dieser nutzbringenden Tätigkeit übergeleitet hatte, verlautete kein Wort. Auf der andern Seite hatten sich Putty und Marjänni in die Hände gearbeitet, während Fenn sich der jüngern Justine zugesellt hatte. Er war ganz bei der Sache und machte mit Lachen und Schreien einen Heidenlärm, als er einmal bemerkte, wie Putty zerstreut einen Buchenstrauch nach Nüssen absuchte, während Marjänni erwartungsvoll dabei stand und ihre Schürze aufhielt. Putty schämte sich, Marjänni verhehlte ihm nicht ihren Unwillen darüber, daß er sie vor den andern mitblamiert hatte. So’n Trottel! Eine Buchenstaude für einen Haselnußstrauch zu halten! Putty war zerknirscht, um so zerknirschter, als ihm gerade seine Liebe zu Marjänni den dummen Streich gespielt hatte. Denn wie er so im Wald hinter der jungen Freundin herging, war die schöne, vornehme junge Dame aus der Villa in Luxemburg, war die ganze Taugenichtsstimmung vergessen und weggeweht, und es überkam ihn beim Anblick Marjännis mit aller unheimlichen Kraft der Urtriebe, die um so wacher werden, je näher sich der Mensch der Natur fühlt. Es war wieder die süße Bangigkeit von damals, wo er sich zum ersten Male seiner Mannheit inne geworden war, nur stärker, begehrender, ohne das Sündenbewußtsein, das sein erstes Verlangen nach dem Weib begleitet hatte. So ging er vor sich hin, als blickte und träte er in die Leere eines Abgrunds und als stünde jenseits die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte. Darum hatte der arme Kerl nach Haselnüssen an einem Buchenstrauche gesucht.

Auf dem Heimweg gab sein Versehen zu allerhand Neckereien Anlaß, derart, daß sich bei Marjänni der Unwille in Mitleid kehrte und sie zuletzt mit blitzenden Augen für ihn Partei ergriff. Das regte Fenn zu noch grausamern Sticheleien an und er brachte das Mädchen damit derart in Harnisch, daß sie auf ihn zulief und ihn mit der linkisch ausholenden Bewegung, die den Frauen eigentümlich ist, zornig auf den Rücken schlug. Er drehte sich blitzschnell um und haschte nach ihrer Hand, sie riß sich los und stürmte davon, im Kreise um die Gruppe der andern und zwischen den einzelnen hindurch, kreischend beflissen, den Griffen des sie auf dem Fuß verfolgenden Fenn sich zu entwinden. Und so entstand ein Knäuel jauchzender, quietschender, schreiender und durcheinander schießender Gestalten, wobei bald ein jedes Partei nahm und sich am Haschen oder Entwinden nach Kräften beteiligte.

Da geschah es, daß ein paar erwachsene Burschen, denen die Weinlaune die Grenze zwischen Wohlanstand und Flegelei verrückt hatte, vorbeigingen und dem Spiel eine Weile zusahen. Und dann rief einer, gerade als Fenn die aufkreischende Marjänni am Handgelenk zu fassen bekam, in den Trubel hinein:

„Willst du das Mädel loslassen! Was gehen dich Pfaffenlehrling die Mädel an!“ Und ein zweiter warf eine Unflätigkeit dazwischen, bei der Fenn das Blut in die Stirn schoß.

Jeder andere Anwurf hätte ihn sofort zur Entgegnung gereizt und ihm die Fäuste geballt. So war er wie vor den Kopf geschlagen. Das rohe Gelächter der Burschen, die sich unter dem gellenden Geschimpf der beiden Schneiderstöchter ihres Weges trollten, ohrfeigte ihn förmlich, und es war in ihm keine einzige Zorneswallung, er kam sich vor wie ein Ausgestoßener, aus dem Kreis der Vollmenschen verbannt, ein freiwilliger Krüppel. Er brauchte seinen ganzen Trotz, sein ganzes geradliniges, klares Empfinden, seine ganze kühlgesunde Natur, um über diesen Augenblick, der auf ihn wie eine häßliche Offenbarung gewirkt hatte, hinwegzukommen. Fester als je klammerte er sich an das Bild, das er sich von seiner Zukunft zurecht gemacht hatte, und als er sich wieder ganz beruhigt hatte, als er über seinen Kleinmut und seine Verstimmung wieder zu lächeln vermochte, da ging er zu seinem Freund Pichert und erzählte ihm das Geschehnis.

Der alte Pichert hieb auf sein Sohlleder los, daß ihm die Brille von der Nase kutschte, und brummte etwas von Schweinehunden und dreckigen Lümmeln vor sich hin. Dann sah er Fenn forschend über die frischgeputzten Brillengläser an und fragte: „Was hast du denn darauf gesagt?“

Gar nichts hatte Fenn geantwortet. Er hatte dagestanden, wie eine Bildsäule, und als er wieder so weit war, daß er ihnen an die Gurgel wollte, da waren sie schon nicht mehr zu sehen.

„Hm! hm!“ Der Schuster räusperte sich, tat ein paar Schläge, räusperte sich wieder – er hatte etwas auf dem Rohr. Er setzte Fenn seine Theorie vom Weib auseinander.

„Das, siehst du, mein Junge – du bist ja nun so alt, daß man mit dir offen reden kann. Es ist ja alles menschlich! Das, siehst du, das mit den Frauensleuten, das ist Schwindel. Es gibt ja Kerls, denen wässern gleich alle Zähne, wenn sie einen Unterrock auf hundert Meter wittern. Aber die sind sicher nicht ganz gesund, bei denen ist sicher eine Schraube los. Ein kerngesunder Mensch, für den ist das mit den Frauensleuten Schwindel, eine Hundekrankheit. Natürlich, gerade wie eine Hundekrankheit!“

„Wo willst du hinaus, Pichert?“ fragte Fenn belustigt.

„Na ja, dir brauch ich ja das nicht zu sagen. Aber es ist gut, daß du es weißt. Wenn du so deinen Weg für dich gehst, und es will dir einmal so’n Frauensmensch den Kopf warm machen – glaub mir, es ist Schwindel, man kommt ganz gut ohne sie zuwege!“

Und Pichert pfiff das Lied vom „Comper Ku’eb“[2] und hieb dazu den Takt mit seinem Hammer in die glatte Höhlung des Bombensplitters. Schon lange hatte es ihm Sorgen gemacht, wie wohl sein junger Freund sich mit dem Opfer der Entsagung abfinden würde. Denn der alte Pichert wußte aus seinen jungen Jahren von einer Zeit, wo ihm die Gedanken an das Weib zu schaffen gemacht hatten, und er wünschte mit seiner Erfahrung Fenn Kaß möglichst unangefochten durch diesen Entwicklungshohlweg hindurchzubringen. Nun, Fenn nahm die Sache ja erfreulicherweise leicht, also konnte man von was anderm reden. „Hast du gehört, daß der Lampesch Fiß auf dem letzten Loche pfeift?“

„Wieso? Ich habe ihn vorhin noch auf der Kreuzstraße gesehen.“

„So meine ich es nicht. Aber der ‚Mischell‘ hat ihm – – gicks!“ Und Pichert machte dabei die Bewegung des Halsumdrehens.

„Davon war ja schon lang das Gerede. Ist es denn jetzt wirklich Matthäi am Letzten?“

„Am Sonntag wird die Versteigerung ausgerufen.“

„Und was wird denn da aus dem Fritz?“

Pichert zuckte die Achseln und blies ein geringschätziges pöh! durch die Lippen. Der Fritz? Was lag ihm am Fritz, an dem Affen mit dem fertig gekauften Fabrikschuhzeug! „Übrigens, der erbt von seinem Onkel Majerus in Brebach die schöne Mühle, für den ist gesorgt.“

„Jawohl, Müller werden, das stünde ihm besser an als studieren.“

„Gelt, er bringt nicht viel vor sich?“

„Nu ja, er tut aber doch, was er kann.“

„Paß auf, aus dem wird seiner Lebtag nichts Rechtes.“

Als am nächsten Sonntag vor dem Hochamt die Bauern auf der Straßenkreuzung zusammenstanden – sie hatten vorne die Kittel heraufgeschürzt und beide Hände in den Hosentaschen, weshalb sie beim Ausspucken die Pfeife nicht aus dem Munde nehmen konnten – da kam unten um die Ecke ein städtisch gekleideter Mann, der eine große, blinkende Messingschelle mit einem mächtigen Handgriff verkehrt, den Klöppel nach oben, im gebogenen Arm trug. Er hatte einen wohlgepflegten braunen Vollbart und trug sein Hütchen keck auf dem Ohr. Sie kannten ihn alle und hatten ihn wohl auch erwartet. Ihr Kreis öffnete sich, so daß jetzt alle den Blick auf den Ankommenden gerichtet hatten. Er machte vor der Gruppe halt, fuhr grüßend flüchtig mit der Linken an den Hutrand, stellte sich in Positur, die rechte Stiefelspitze weit nach vorne, die linke Hand in die Hüfte gestemmt. Und dann begann er seine Glocke zu schwenken, mit wunderbarem Geschick. Rein mit einer eleganten Bewegung aus dem Handgelenk brachte er einen tadellosen Dreitakt heraus: Klinglingling Klinglingling! Aus den vier Richtungen kamen schreiend die Buben in ihren Sonntagskleidern herbeigeschossen, drängten sich durch und umstanden in froher Neugier den Mann mit der Schelle. Klinglingling Klinglingling! gellte es in strengem Rhythmus durch die Straßen. Hinter den Buben kamen deren Väter, gemessenen Schritts, ohne Eile, damit man nicht denken könnte, sie überschlügen sich vor Neugier. Und, wie gesagt, sie wußten schon, was kam. Aber sie wollten doch dabei sein, wenn das Unerhörte geschah, wenn das ganze große Gut der Lamperts, das seit über einem Jahrhundert in der Familie war, zur Versteigerung ausgerufen wurde.

Jetzt schwang der Bärtige zum letzten Male seine Schelle in weiterm Bogen durch die Luft und bugsierte sie zurück in die Biegung seines rechten Armes. Dann legte er den Kopf ein wenig nach rechts hintenüber und begann seine Kundmachung. In kurzen, heftigen Absätzen stieß er die Worte heraus. Es klang wie Gebell: „Am Montag – den 20. Oktober – vormittags 9 Uhr – läßt Herr Lampert – von allhier – seine auf hiesigem Banne – gelegenen Güter – und sein Wohnhaus mit Stallung – und sein Vieh – und seine Fouragen – und seine Ackergeräte – öffentlich auf Borg versteigern. – Wer Liebhaber ist – kann sich um 9 Uhr – in der Gastwirtschaft Jaans – und später im Hause Lampert selbst einfinden.“

Dann ließ der Schellengewaltige noch einen gleichgültigen Siegerblick über die Umstehenden schweifen und setzte seine blanken Stiefelspitzen weiter nach dem andern Ende des Dorfes, wo er dieselbe Verkündigung wiederholte.

Während die Bauern an der Kreuzstraße und an den übrigen Sammelpunkten, wo sie Sonntags ihr Ting zu halten pflegten, die Äcker und Wiesen des Lampesch Fiß besprachen und jeder nach Kräften das schlecht machte, auf das er sein Auge geworfen hatte, humpelte der alte Wöllem in einer Eile, die an ihm noch niemand wahrgenommen hatte, auf einem Richtweg der Kirche zu, keuchte an der Rückseite die steile Treppe zum Friedhof hinauf und klopfte unbeholfen an die Tür der Sakristei, wo er wußte, daß um diese Zeit Fenn Kaß mit den Vorbereitungen zum Hochamt beschäftigt war. Fenn Kaß tat ihm auf und war verblüfft, als er den alten Mann mit verstörtem Gesicht in der Tür stehen sah. Man wußte nicht, waren die Tropfen, die ihm über die felsfarbigen Wangen herunter in den Bart liefen, wirkliche Tränen oder kamen sie nur auf Rechnung der scharfen Herbstluft.

„Was ist denn los, Wöllem?“ fragte Fenn, ein wenig barsch in seiner Neugier und Verblüffung.

Da verzog der alte Mann sein runzliges Armeleutsgesicht zu einer unsäglich kläglichen Grimasse, einer jener Grimassen, in denen die Ungewohntheit großer Affekte durch eine rührende Hilflosigkeit des Ausdrucks sich verrät. Niemals seit einem Menschenalter hatte der arme Wöllem sein Gesicht in starkem Leid oder Glück verzogen, es war wie ausgetrocknet, es hatte für dergleichen keine Falten, und er sah in seinem Schmerz wirklich so komisch aus, daß Fenn schon das Lachen ankam, als plötzlich ein Laut voll unerhörten hilflosen Entsetzens dem alten Mann aus dem Munde brach. Und dabei führte er zitternd die flache Hand unter seinem Kinn vorbei.

„Um Gottes willen!“ Fenn hatte begriffen. „Der Lampert!“

Ja, der Lampert hatte sich mit dem Rasiermesser die Gurgel abgeschnitten, genau in derselben Minute, als drunten an der Straßenkreuzung, vor dem Altar zwischen den beiden Silberpappeln sein Hab und Gut ausgeschellt wurde.

Fenn ging zum Pfarrer und mit diesem zu dem Toten. Der saß aufrecht, nur in Hemd und Hosen, in seinem Lehnstuhl, in derselben Stube, in der vor Jahren die Kinder mit ihm die Nüsse gegessen hatten aus dem verpfändeten Acker. Fenn erinnerte sich, wie er keine davon anrühren wollte und wie der Bauer darauf heiser gelacht hatte: Eßt sie, sonst holt sie der Jud!

Der Lampert, der das Erbe seiner Väter vertan hatte, – da saß er, die Augen fest geschlossen in dem fahl violetten, furchtbar eingefallenen Gesicht. Aus den durchschnittenen Halsschlagadern war das Blut wie eine rote Quelle ausgeströmt und das Hemd des Toten hatte über der Brust keinen weißen Fleck mehr.

„Warum,“ dachte Fenn, „entsetzen wir uns beim Anblick des Blutes? Warum zuckt uns die Hand vor der Berührung des roten Lebenssaftes? Ist es denn nicht die Farbe der Freude?“

Wöllem stand daneben, und von Zeit zu Zeit schütterte seine Hünengestalt unter einem Schluchzen, das sich gewaltsam aus seiner breiten Brust losrang.

Fenn hatte sich nach Fritz Lampert umgesehen. Der Sohn des Selbstmörders zeigte sich nicht. Fenn wußte, wo er im ersten Stock sein Zimmer hatte. Er ging hinauf und klopfte an die Tür, erhielt aber keine Antwort. Er sah, daß der Schlüssel von innen stak. Als er auf die Klinke drückte, fand er die Tür verschlossen.

Da rief er gedämpft den Namen des Kameraden. „Fritz! Ich bin’s, der Fenn!“

„Laß mich in Ruh!“ kam es trotzig zurück.

„Fritz, mach auf! du mußt aufmachen, hörst du!“

Ohne daß Fenn drinnen Schritte gehört hatte, flog plötzlich die Tür auf und Fritz stand vor ihm. „Was willst du denn hier?“ fuhr Fritz Lampert den Küstersohn an.

„Dir sagen, daß dein Platz drunten ist, bei der Leiche!“

„Kümmere dich um das, was dich angeht!“

„Das geht mich an, das geht einen jeden an. Du gehörst hinunter, zu der Leiche, jetzt wenigstens!“

„Wer mir so was antut, der verdient nicht, daß ich mich um ihn kümmere!“ stieß Fritz haßgeschwollen hervor.

„Tu es der Leute wegen, Fritz,“ redete ihm Fenn zu. „Mir kann’s ja gleich sein. Aber wir sind doch immer Kameraden gewesen, ich möchte nicht, daß sie später von dir sagen, du hättest von deinem leiblichen Vater nichts mehr wissen wollen.“

„Meinetwegen! Ich ziehe fort, keine vierundzwanzig Stunden bleibe ich länger hier. Ich gehe zu meinem Onkel nach Brebach!“

„Komm jetzt hinunter. Wir müssen die Neugierigen hinausweisen.“

„Das fehlte noch!“ brauste Fritz auf. „Daß sie uns jetzt Maulaffen halber das Haus auslaufen und sich womöglich die Taschen voll stehlen!“

Und was die Kindesliebe nicht vermocht hatte, das brachte in dem starrnackigen Bauernsproß der Eigentumssinn fertig. Fritz Lampert ging hinunter zu der Leiche seines Vaters und wies mit rüden Worten alles hinaus, was über die Schwelle drängte und den toten Lampesch Fiß sehen wollte. Nur Putty durfte herein und Marjänni. Sie räumte beherzt ein wenig in der Stube und im Hause auf, damit alles sauber aussähe, wenn das Gericht käme, und sie sagte ernst und leise zu Fritz, er solle doch nachher bei ihnen zu Mittag essen – nein, durchaus keine Umstände, es werde einfach ein Teller mehr aufgesetzt. Da fiel es Fenn ein, daß auch der alte Wöllem an dem Tag und den folgenden keinen Tisch hätte, an den er sich ohne Grauen setzen würde, und er sagte ihm, daß er nach dem Hochamt mit ihm zu seinen Eltern gehen sollte.

Fünftes Kapitel

Acht Tage nach dem Begräbnis des alten Lampert waren die Ferien um. An einem Morgen, ähnlich jenem andern, an dem die drei Wiesinger Buben mit Sack und Pack in die Stadt gezogen waren, fuhren früh um vier der alte Braun, Marjänni, Fenn und Putty über dieselbe Straße stadtwärts. Wöllem kutschierte. Aber die Charlotte war längst den Weg alles Pferdefleisches gegangen, in der Deichsel trollte ein Fuchs, ein geduldiges Tier, mit dem Wöllem jetzt, wie früher mit der Charlotte, im Stall und bei der Arbeit Zwiesprache pflegte. Über eine Woche war die Versteigerung, wer weiß, in wessen Hände der Fuchs dann kommen würde. Wöllem tat ihm bis dahin alles zulieb. Armdicke Brotschnitten stahl er für ihn in der Küche, den Hafer gab er ihm angemessen, es ging jetzt doch alles drunter und drüber. Fritz war am Tag nach dem Begräbnis mit allem, worauf er Wert legte, nach Brebach zu seinem Onkel Majerus ausgewandert und ließ die Magd wirtschaften. Daß Wöllem zu der Fahrt nach Luxemburg anspannen sollte, hatte Fritz aus Dankbarkeit für die paar Tage Gastfreundschaft im Hause Braun eigens angeordnet. Heute sollte Marjänni in der Lehrerinnen-Normalschule untergebracht werden. Es war merkwürdig, wie all die fremden Dinge, die ihrer warteten, so klar vor ihr ausgebreitet lagen. Wie die Wäsche hübsch gefalten und abgezählt daheim in den Schränken lag, da die Bettwäsche, da die Handtücher, da die Hemden, da die Taschentücher, immer hübsch dutzend- oder halbdutzendweise – was sich nicht ins Dutzend dividieren ließ, galt als Landstreichervolk – so hatte das fünfzehnjährige Mädchen mit pflichtbewußter Nüchternheit sich die Menschen und Verhältnisse für die nächste Zukunft zurecht gelegt. Ihr Wissen war sauber, wie gebügelt, in den verschiedenen Fächern aufgestapelt, sie konnte ihre Grammatikregeln so sicher und gedankenlos hersagen wie das Vaterunser, im Rechnen war sie, wenn ein Exempel keine besonders große Kombinationsgabe erforderte, so fix wie eine. Am liebsten freilich hatte sie die Arbeitswege, die sich glatt und deutlich hinausbreiteten, auf denen sie still und emsig ihr Pensum herunterschaffen konnte, ohne sich den Kopf mit der Lösung labyrinthischer Schwierigkeiten zu plagen. Ich werde nicht die erste, sagte sie schlicht und bestimmt, aber ich komme sicher unter die fünf ersten. Der Leiterwagen polterte durch den nebligen Herbstmorgen. Von seinen Stößen geschüttert sahen die Insassen den Sternenhimmel über sich hüpfend mitrennen, und Marjänni rief verwundert: „Vater, sieh, die Sterne springen uns nach.“

Der alte Braun klopfte die Asche aus seiner irdenen Pfeife und sagte: „Das will ich euch erklären. Daß die Sterne uns zu begleiten scheinen, rührt daher, daß sie nicht, wie andere Gegenstände, die wir hinter uns zurücklassen, immer kleiner werden. Die Entfernung zwischen den Sternen und uns ist so ungeheuer groß, daß das Endchen von Wiesing nach Luxemburg keinen Unterschied macht.“

Marjänni dachte angestrengt nach, aber sie erfaßte den Zusammenhang nicht gleich.

„Dummes Ding,“ half Putty nach, „wenn man im Finstern eine Laterne z. B. von dir wegträgt, wird sie immer kleiner und kleiner. Daran merkst du überhaupt, daß sie sich entfernt. Bliebe sie immer gleich groß, so würdest du sagen, sie bleibt stehen.“

„Aber die Sterne?“ fragte Marjänni.

„Nun, die Sterne sind Laternen, die nicht kleiner werden, wenn wir von ihnen weggehen, weil die Entfernung schon so groß ist, daß die paar Kilometer mehr oder weniger nichts ausmachen. Und darum hast du den Eindruck, daß die Entfernung dieselbe bleibt, das heißt, daß die Sterne mit uns gehen.“

„Das haben wir noch nicht gehabt,“ sagte Marjänni schlicht und sachlich. „Du schreibst es mir auf, gelt, ich will es lernen.“

„So was schreibt man doch nicht auf,“ sagte Putty spöttisch.

„Laß sie,“ warf Fenn ein. „Ich werd’s dir aufschreiben, Marjänni.“

Herr Braun nannte alle Sternbilder, die er kannte. Und dann warf Fenn in die Unterhaltung die Worte „Kant-Laplace“. Der alte Lehrer horchte mit offenem Munde und schüttelte den Kopf über die kühnen Hypothesen, die Fenn da vortrug. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er von einem Urnebel, der sich durch Umdrehung zur Kugel geballt, andere Kugeln durch Zentrifugalkraft abgeschleudert haben soll, die wieder die Mütter zahlloser weiterer Welten geworden seien. Er wagte es kaum auszudenken, daß der junge Mann, der das so selbstverständlich vortrug, einer war, der später aus der Bibel die Menschen lehren sollte, die Welt sei auf ein Schöpferwort Gottes entstanden, in sechs Tagewerken, in denen sich der Ewige die Arbeit hübsch eingeteilt hatte, just wie in der Grammatik jede Regelngruppe in ihrem eigenen Kapitel steht, und man immer mit der einen fertig sein muß, ehe man mit der andern anfängt.

„Wo lernt ihr das alles?“ fragte Lehrer Braun mißtrauisch.

„In der Schule nicht,“ sagte Fenn. „Man muß ein bißchen um sich herum lesen.“

„Wenn sie es erfahren, können sie dir Schwierigkeiten machen.“

„Sie“ war in der Einbildung des alten Lehrers ein Sammelbegriff, der für ihn alles einschloß, was in der Stadt über die Menschen Macht hat, was die Köpfe zusammensteckt, um einen glücklich oder unglücklich zu machen, was einen mit allen Wohltaten, die für brave Christenmenschen da sind, überrieseln oder aber einen völlig trocken setzen kann; was mit strengen Blicken und womöglich goldenen Brillen hinter allerhand grünen Tischen sitzt und salbungsvoll seine Sätze mit tja tja anfängt; was jeden Sonntag morgen den Wochenvorrat an Zucht und Ordnung, an Freiheit des Denkens und Glaubens behutsam heraustut, nicht zu wenig und nicht zu viel, für alle, die nach ihm etwas zu fragen haben.

„Sie“, das waren für den alten Braun alle die Hochmögenden, die eines Tages seinen jungen Freund Fenn vor ihren Gerichtsstuhl zitieren und ihm sagen konnten: du hast durch Vortragen verwegener Theorien über den Ursprung der Welt Ärgernis gegeben, du mußt alles abschwören, oder wir machen dich unglücklich!

„Sie werden mir schon nichts tun,“ sagte Fenn lächelnd. „Ich sage schon nicht mehr, als ich sagen darf und als was sie selbst alle glauben, wenn sie keine Stiesel sind.“

Putty aber erwog bei sich, ob es nicht trotzdem vorsichtiger sei, das System Kant-Laplace den Kindern der Welt zu überlassen und sich schlichten Sinnes an die bewährte biblische Schöpfungsgeschichte zu halten. Die ließ sich gutmütig alle möglichen Auslegungen gefallen.

Nach dem Morgenkaffee im Goldenen Anker ging die ganze Gesellschaft mit Marjänni zur Mädchen-Normalschule. Die Oberin war geschmeichelt, daß die beiden Studenten, die schon in den obern Klassen waren, ihrer Anstalt die Ehre schenkten, und sie ließ eines der jüngsten Nönnchen antreten, um den Wiesingern das Haus zu zeigen. Die lautlose schwarze Gestalt mit den in den weiten Ärmeln versteckten Händen und der steifen ovalen Musselintüte, aus deren Tiefe ein frisches Gesicht herausguckte, war ein munteres Ding mit großen Rehaugen, das jeden Anlaß benützte, einer unbändigen Lachlust, die sich in ihm angesammelt hatte, ein Sicherheitsventil zu öffnen. Die zwei Wiesinger waren für diese Nonne ein Gegenstand erstaunter Hochachtung. Das würden also über drei Jahre richtige „Herren“ sein, mit langer Soutane und geschorenem Scheitel! Und sie erzählte von „ihrem“ Studenten, einem armen Teufel von Gymnasiasten, der jeden Morgen in der Anstaltskapelle die Messe diente und dafür von den Küchenschwestern mit andächtiger Mütterlichkeit überernährt wurde.

Marjänni freute sich, daß ihre zwei Jugendgespielen so liebenswürdig in „ihrer“ Normalschule behandelt wurden, und sie hätte gar zu gern auch das Konvikt besichtigt, aber keiner von den beiden mochte es übernehmen, eine so junge Frauensperson in die Mauern ihrer weiberfremden Anstalt hineinzuschmuggeln. Das hätte allerhand Verdacht bei dem „Alten“ wachrufen können, und so mußten alle darauf verzichten, daß Marjänni von Angesicht zu Angesicht die Stätten sah, an denen das Leben Fenns und Puttys hinfloß, und daß das Gemeinsame, das ihre Gedanken und Erinnerungen aus dem heimischen Milieu sogen, auch jetzt noch Nahrung gefunden hätte darin, daß jedes wenigstens eine flüchtige Vorstellung von den Daseinsäußerlichkeiten des andern gehabt hätte.

Es war für Marjänni wie für die beiden Lateinschüler ein Ereignis, als wenige Wochen später, an einem freien Nachmittag, sich die Zöglinge beider Anstalten auf einem Spaziergang begegneten. Die Schwester, die die Führung der schwarzen Mädchenkolonie hatte, begann sich ihrer ganzen Verantwortlichkeit bewußt zu werden, als sie um die nächste Ecke die ersten Reihen der Konviktoristen auftauchen sah und es im selben Augenblick durch die helle Eintönigkeit des Geschnatters ihrer Pflegebefohlenen einen kurzen Riß gab. In der nächsten Sekunde lief das aus Dutzenden von grellen, aber sittsam gedämpften Mädchenstimmen gewobene Band wieder ungestört weiter. Die Nonne schritt eifrig aus, bis sie an die Spitze ihres Zuges gelangte und ließ dann die ganze Reihe unter ihrem strengen Blick defilieren. Ein Ausweichen gab es nicht, es tat sich nirgends eine Seitenstraße auf. So mußte man denn sehen, wie man die Geschlechter so unangefochten wie möglich aneinander vorbeibrachte. Der geistliche Koadjutor, der die Konviktschüler begleitete, führte instinktiv dasselbe Feldherrnmanöver aus, wie seine Kollegin, und nun, Gott befohlen: Der Vorbeimarsch begann.

Puttys Herz klopfte. Er dachte: Werde ich einen Blick von ihr erhaschen? Aber der Koadjutor stand in seiner Nähe und paßte scharf auf, wer die Augen aufschlug und einen Blick nach der Mädchenreihe hinübersandte. Der Koadjutor sah übrigens nur gleichgültige Gesichter. Bis auf eins. Es gehörte wieder mal diesem aufsässigen Fenn Kaß. – Was? Der Mensch hatte die Dreistigkeit, sogar hinüber zu grüßen! – Der Koadjutor drehte sich um, er wollte sehen, wem dieser Gruß gegolten hatte. Er sah ein hübsches Mädchengesicht, das ein unbefangenes Lächeln herüberstrahlte, sah dies Lächeln plötzlich von einem Ausdruck des Entsetzens wie fortgeblasen und hörte die Nonne zischen: „Braun Marianne! Du bist unverschämt!“

Jawohl! Unverschämt! Das war ja auch dieser Fenn Kaß gewesen. Der junge Geistliche und die Nonne standen unbeweglich, bis die Reihen aneinander vorbei waren – dann zog der Herr Koadjutor verlegen seinen Hut, die Nonne neigte das Haupt und beide folgten ihren Zöglingen in dem Bewußtsein, die ihnen anvertrauten Seelen, bis auf zwei, vor Anfechtung glücklich bewahrt zu haben.

Diese zwei hatten an dem Abend wahrscheinlich keine Ahnung davon, wie sie für einander leiden mußten.

„Fenn Kaß!“ sagte Herr Kleyer, „was habe ich gesagt! Wenn ein braver Konviktorist an Personen des andern Geschlechts vorbeigeht, was tut er da? – Nun? – Du schweigst in deinem Trotz? – Er schlägt die Augen nieder! Er schickt keine frechen Blicke nach dem Antlitz des Weibes! Fenn Kaß! Was habe ich gesagt! Tota mulier ... das ganze Weib ist ein Köder!“

Fenn mußte wieder die Achsel zucken.

„Fenn Kaß! Du gehst verloren für Zeit und Ewigkeit, wenn es nicht anders wird mit dir!“

„Was habe ich denn getan?“

„Was du getan hast! Herr Bormann hat mir berichtet, daß du freche Blicke nach einer jungen Person, einer Normalschülerin, geworfen hast. Du hast versucht, mit ihr Zeichen des Einverständnisses zu wechseln. Fenn Kaß! Es gibt mehr Ketten als rasende Hunde!“

„Wenn ich einem Mädchen aus meinem Dorf guten Tag sage, so bin ich noch kein rasender Hund.“

„Und ich sage dir, du ahnst es nicht, wie in jenem Augenblick der Teufel nach dir und jenem bedauernswerten Geschöpf seine Netze ausgeworfen hat!“

„Davon habe ich nichts gespürt.“

„Fenn Kaß! Ich bin es müde, mit dir um dein Seelenheil zu streiten. Das beste, was du jetzt tun kannst: geh in die Kapelle und bete, bis du der Versuchung Herr geworden bist.“

„Ich weiß nichts von –“

„Geh in die Kapelle, sag ich dir!“

Ungefähr um dieselbe Stunde rang die Braun Marianne vor der Oberin der Normalschule die Hände und beteuerte, daß sie sich wirklich nichts dabei gedacht hätte, als sie dem Küsterssohn ihres Heimatsdorfes einen guten Tag hinübergewinkt hatte.

In den nächsten Weihnachtsferien erzählte Fenn der Lehrerstochter, was er ihretwegen zu bestehen gehabt hatte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie mit demselben Abenteuer aufwarten konnte. Warum hütete sie ihr Geheimnis? Scheute sie instinktiv davor zurück, daß sich zwischen ihr und ihm die Gemeinschaft des ertragenen Leids bildete? Fürchtete sie, er, der Starke, Rücksichtslose, werde etwas Gewalttätiges gegen die unternehmen, die ihr zu nahe getreten waren? Oder war es einfach werktägliche Mädchenschläue, die da denkt: die Männer brauchen nicht alles zu wissen? – Wer kennt sich aus in einem sechzehnjährigen Mädchenherzen?

Eine zweite Begegnung der beiden Anstalten fand in dem Jahre nicht mehr statt. Und auch in Wiesing, während der Ferien, war es selten, daß Marjänni mit ihren beiden Studiengenossen zusammentraf. Die besondere Art von Erziehung, die sie erlitt, übte ihre Wirkung. Sie war von schulwegen auch zu Hause an allerhand Regelkram gebunden, in dem für Umgang mit jungen Männern kein Spielraum blieb, und mit der Intimität der Kinderjahre war es jetzt ein für allemal vorbei.

In den Herbstferien verunglückte der alte Kaß im Kirchturm, beim Aufziehen der Uhr, wie es seine Frau immer vorhergesagt hatte. Es klang fast, als suchte sie darin einigen Trost für ihr Leid, wenn sie den Nachbarn, die ihr zuredeten, immer wiederholte: ich habe es kommen sehen, ich habe es immer gesagt!

Fenn hatte den Verunglückten selbst im Turm gefunden. Als er den noch warmen Körper, der ihm bleischwer in den Armen hing, aus dem Dunkel des Turms heraustrug in die hellere Kirche und ihm aus dem Weihwasserkessel die Schläfe kühlte, weil er glaubte, er sei nur ohnmächtig, da war es vielleicht das erstemal, daß er seinem Vater innerlich ganz nahe kam, dem Toten viel, viel näher als dem Lebenden.

Vater Kaß hatte durch einen Sturz auf den Hinterkopf das Genick gebrochen. Er lag jetzt auf den Steinfliesen im Mittelgang der Kirche, das ruhige Antlitz mit den Augen, die der Stürzende im Aufprallen fest geschlossen hatte, dem Gewölbe zugekehrt, an dessen naiven Malereien die gelben Strahlen der untergehenden Sonne leise hinglitten.

„Vater,“ sagte Fenn angstvoll und schlug dem Toten immer fester und eindringlicher in die hohle Hand. „Vater, hörst du mich?“

Er schob sanft eines der geschlossenen Augenlider zurück und es blieb über dem glanzlosen Blick bewegungslos stehen.

Da ging dem armen Burschen die Wahrheit auf, und mit einem Schluchzen, das den ganzen starken Körper erschütterte, warf er sich über den Toten. Er tat es mit dem innern Vorwurf, sein ganzes Leben neben diesem Manne hingegangen zu sein und ihm nie so recht aus Herzensgrund gesagt zu haben, wie er an ihm hing. Der stille, verschlossene Küster hatte seinen Sohn nie an Gefühlsausbrüche gewöhnt, er war nie, weder in Zorn noch in Zärtlichkeit aus sich herausgegangen, aber der heranwachsende Knabe und Jüngling hatte an manchem Blick, an manchem Wort und manchem kaum sichtbaren Lächeln gemerkt, was er dem Vater war. Die sich vertiefende Einsicht ins Leben, die geistige Überlegenheit, die ihm sein Wissen über das schlichte Menschtum seines Vaters gab, vermochten bei Fenn nichts über sein reines Sohnesempfinden, das ihm den Vater immer als den Stärkern und Weisern zeigte. Manchmal freilich war in diesem Empfinden auch die Hefe des Trotzes aufgegangen, wenn der Alte mit dem hartnäckigen Gleichschritt seiner Gewohnheit über allerhand Neuerungsversuche des Jungen in Kleinigkeiten des Tagewerks hinwegschritt. Dann regte sich der Trotz des Mannes gegen den Mann, die Herzen drohten sich zu verhärten, wie sie sich oft zwischen Vater und Sohn verhärten, wenn jener das Werden seines Ebenbildes, die Wiedergeburt seiner selbst, zu ausschließlich nach seinem Willen lenken will. Dann bäumt sich in beiden der Genius der Persönlichkeit, und die Flammen des Hasses lodern. Soweit war es zwischen Fenn Kaß und seinem Vater nie gekommen, aber leise hatten doch ab und zu die Stahlpanzer ihrer Seelen widereinander geklungen.

Daran dachte Fenn, während er über dem Toten kniete. Jeder Widerstand, der dem Aufrechten gegenüber stets sprungbereit im Hintergrund gelauert hatte, war gebrochen. „Armer Vater!“ schluchzte Fenn. In diesem mitleidigen Klageruf drückte er am klarsten aus, was ihn bewegte. Ein Leben lang hatte sich ein guter, treuer Mensch gerackert um die Erfüllung seines Herzenswunsches noch vier, fünf Jahre, und er konnte auf der sonnigen Höhe Rast machen, nach der seine stille Sehnsucht stand – und tückisch tut das Schicksal vor ihm einen dunkeln Spalt auf, in dem er klanglos verschwindet. So sah Fenn den Vater vor sich: einen heimtückisch Gefällten. Er küßte die schwieligen Hände, aus denen die Lebenswärme allmählich entfloh, er küßte das starre Gesicht und die Stirn, die ihm nie so klar erschienen war wie jetzt. Dann ging er zu seiner Mutter.

Frau Kaß stand in der Küche, um für ihre Mannsleute das Abendessen zu kochen. Wöllem, der seit der Versteigerung des Lampertschen Gutes bei Küsters das Gnadenbrot aß und dafür im Felde half, sog in einer Ecke an seinem Pfeifenstummel. Aus dem Herd kam leichter Rauch von dem knisternden Reisig, das Frau Kaß gerade entzündet hatte. Als sie Fenn, der eine Weile kein Wort über die Lippen brachte, ansah, meinte sie, der beizende Rauch hätte ihm die Augen mit Wasser gefüllt, und sie sagte, er solle das Fenster aufmachen.

Da brach es aus ihm heraus, zu gewaltig, als daß er an schonende Lügen denken konnte. „Oh Mutter! Er ist tot!“

Frau Kaß verstand gleich. Aber wie man im Stürzen nach einem Halt greift, griff sie in die Luft mit der dumpfen Frage: „Wer ist tot?“ Dann wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, zog die Schleife des Schürzenbandes auf und drängte an Fenn und dem in die Höhe taumelnden Wöllem vorbei durch die Tür, ging in großen Schritten, mit versteinertem Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen durch das Dorf zu ihrem toten Mann. Sie wußte ja, wo er liegen mußte, sie hatte es ja immer gesagt, daß es so kommen würde.

Der Gesangverein, dem der Küster so oft mit seiner Stimmgabel den Ton angegeben und den Takt geschlagen hatte, stand am offenen Grab und sang mühsam, mit zögernden Einsätzen, ein Abschiedslied: Ruhe in Frieden, Selig geschieden ... Es klang so dürftig unterm freien Himmel, eine führende Tenorstimme stach unter den andern, die sich willenlos leiten ließen, mit so naiver und dienstbeflissener Dreistigkeit hervor, daß Fenn in seinem Schmerz unwillig den Kopf schüttelte. Gleich tat es ihm leid um die treuen Sänger, Freunde und zum Teil Altersgenossen seines Vaters, die von ihren Pflügen herbeigekommen waren und ihre Sonntagskleider angelegt hatten, um dem Toten ihr Lied zu singen, das er mit ihnen eingeübt und unzählige Male an andern Gräbern gesungen hatte. Ein neuer Tränenschwall brach ihm aus den Augen. Er sah die Gemeinde in weitem Kreise das Grab umstehen, sah drei Schritte von sich seinen Freund Putty, sah auch drüben den Lehrer Braun mit seinen Schulkindern, sah auf der Frauenseite Marjännis Schwestern mit ihren großen, braunen Kinderaugen herüberstarren – Marjänni fehlte. Als er mit seiner Mutter und den Verwandten nach Hause ging, gesellte sich ihm Putty Heinen zu und sagte, daß er von Marjänni einen Brief bekommen habe: Er möge sie bei Fenn und seiner Mutter entschuldigen, sie habe mit einer Verwandten des Fritz Lampert diesem gerade für heute in Brebach einen Besuch versprochen gehabt, sonst hätte sie sicher bei dem Begräbnis nicht gefehlt.

„Sie braucht sich doch nicht zu entschuldigen,“ sagte Fenn.

„Es wäre aber doch anständig gewesen, daß sie bei der Beerdigung gewesen wäre,“ meinte Putty.

„Warum denn?“ schnitt Fenn mit einer abweisenden Frage jede fernere Erörterung ab.

Als er abends mit seiner Mutter ganz allein in der Stube saß, in jener lauen Niedergeschlagenheit, die einen nach großem Kummer und nach schwerem Fieber überfällt, sagte die alte Frau plötzlich über den Tisch zu ihm herüber: „Elo brauch’s de net me’ih Paschtouer ze gin, wann et dein Idi net aß.“ (Jetzt brauchst du nicht mehr Pastor zu werden, wenn es deine Idee nicht ist.)

Fenn schrak unter der Schwere ihrer Worte zusammen.

„Wie meinst du das, Mutter?“

„Ich meine, daß dein Vater immer so arg viel darauf gehalten hat, daß du ins Seminar gehst.“

„Und du doch auch, Mutter?“

„Ich auch, aber wenn es deine Sache nicht ist –“

„Warum soll es jetzt auf einmal meine Sache nicht mehr sein?“

„Ich meine nur so.“

Fenn wollte sagen, daß er sich durch Rücksichten auf seinen Vater nie hätte in einen Beruf zwingen lassen. Aber es schien ihm hart und feige, das jetzt zu sagen. Er suchte sich anders verständlich zu machen. „Mach dir keine Gedanken, Mutter, was ich werde, werde ich aus freien Stücken.“

Da versuchte sie noch einmal, ihm insgeheim das Opfer ihres Lebenswunsches zu bringen. „Meinetwegen, weißt du, sollst du es nicht tun, ich halte gar nicht so sehr darauf.“ Sie sagte es ein wenig rauh und wegwerfend und zitterte dabei, daß er das Opfer annehmen möchte.

„Wir wollen davon nicht mehr reden, Mutter. Ich bin kein Kind, ich weiß schon lange, was ich tue. Es ist mein fester Wille, Priester zu werden. Dazu habe ich Talent; zum einfachen Dorfpastor. Ich verstehe die Leute, und ich hoffe, sie werden mich verstehen. Ich brauche viele um mich herum, denen ich Gutes erweisen kann und die auf mein Wort hören. Ich verstehe es so, weißt du, Mutter, daß das ganze Dorf meine Familie sein soll.“

„Wären sie alle so,“ sagte Mutter Kaß mit einem fast zornigen Blick auf ihren Einzigen. Und Wöllem, der in der Ofenecke seine Pfeife rauchte, räusperte sich, zum Zeichen, daß er gehört hatte und daß er einverstanden war.

Fenn hatte seine großen, schöngeformten Hände, durch deren frische Haut das Blut rosigbraun durchschien, vor sich wie in Andacht auf dem Tisch verschränkt und seine Augen hatten einen tiefen Glanz. Ein leidenschaftliches Liebesbedürfnis gab seinem Gesicht einen fast verklärten Ausdruck.

„Sie sollen mich lieb haben, Mutter, und ich will sie mit Liebe zu mir zwingen,“ sagte er halblaut.

Seine Mutter war beruhigt. Sie verstand ihn nur halb. Seine Worte rührten sie, wie an hohen Festtagen in der Kirche das Latein, das sie auch nicht verstand, aber das so feierlich klang.

Ja, es mußte doch wohl so sein, daß ihr Ferdinand den Beruf hatte. Auch ohne den väterlichen Zwang. Denn bisher hatte sie wirklich gemeint, das Machtwort des Vaters sei sozusagen allein für Fenns Berufswahl ausschlaggebend gewesen. Jetzt war sie darüber beruhigt.

Fenn lag an jenem Abend lange wach. Es war mit ihm so ganz anders geworden. Bisher hatte er in seiner ernsten Lebensführung und in dem geradlinigen Lossteuern auf eine fest umrissene Zukunft an seinem Vater unbewußt einen sichern Rückhalt gehabt. Etwas wie das Gefühl, das selbst der sicherste Bergsteiger hat, wenn er sich an einen zuverlässigen Führer angeseilt weiß. Und nun war er plötzlich ohne diese Rückversicherung hinaus ins Leben gestellt. Er gab sich seelisch einen Ruck, prüfte seine Kräfte, prüfte den Boden unter seinen Füßen und war fest entschlossen, aufrecht und unbeirrt weiterzugehen. Eine Zeitlang war seinen Gedanken ein leidiges Unbehagen beigemischt gewesen. Denn er kam eine Weile nicht los von jenem Augenblick, wo er am Grab heute vormittag ein gewisses Gesicht nicht erblickt hatte und wo ihm Putty gesagt hatte, ... Ach was, – die dummen Gedanken lagen jetzt Jahre weit hinter ihm. Jetzt mußte seine Jugend begraben sein, begraben mit dem Toten, der im Leben über ihm gestanden hatte. Jetzt war er, Fenn Kaß, der älteste Mann im Haus, und er wollte von heute ab reif sein, ganz reif, und ganz der, der er zu sein sich vorgenommen hatte.

Sechstes Kapitel

Lieber Pichert!

Als ich das letztemal in den Ferien bei Dir war, batest Du, ich möchte Dir doch einmal schreiben. Ich tue es gern. Ich stelle mir vor, ich sitze bei Dir in Deinem Stübchen und erzähle Dir von meinem Leben, während Du Deine Nähte ziehst. Von meiner ganzen Studienzeit ist dies letzte Jahr das langweiligste. Es ist einem zumute wie auf der Eisenbahn, kurz ehe man umsteigt. Man packt seine Siebensachen zusammen und kann keine Minute stillsitzen und hat kein Interesse an den Dingen und Menschen, die um einen sind. Im Herbst steigen wir um, ins Seminar. Ich werde mich freuen, wenn wir soweit sind. Jetzt ist es ein Durcheinander von Leuten, von denen jeder andere Ziele und andere Wünsche hat. Der eine will Arzt werden, der andere Advokat, andere warten, bis sie eine Beamtenstelle bekommen können, und wir Seminaristen sind mitten zwischen diesem weltlichen Volk sozusagen die, die nicht mitzählen. Darum freue ich mich, wenn ich wieder an einen Ort komme, wo alles an einem Strang zieht.

Es war hier zum Aushalten, solange man ein Kind war. Aber die Studien fangen an, mir auf die Nerven zu fallen, und noch mehr die Studenten. Die meisten scheinen zu glauben, das Studium an und für sich sei schon ein Lebenszweck. Sie nehmen sich furchtbar ernst, wenn sie die Daumen in die Ohren drücken und über ihren Büchern ochsen. Keiner von ihnen denkt über die nächsten Jahre hinaus ans Leben, keiner hat Interesse für die Dinge daheim. Wenn wir so Donnerstags über Land spazieren und das Herz geht mir auf, wenn ich sehe, wie die Äcker stehen, das Korn und der Klee und die Kartoffeln und alles, dann ärgere ich mich, wie diese Bauernsöhne kein Auge haben für das, womit sie doch aufgewachsen sind. Ich langweile mich zu Tode an der Spielerei meiner Studien und sehne mich inbrünstig nach dem Tage, wo ich einmal mit all diesen Vorbereitungen fertig bin. Man muß ja den Schwindel gelernt haben, sagen sie, um den Leuten zu imponieren, aber ich meine, man könnte das alles in viel kürzerer Zeit. Ich finde, was ich hier gelernt habe, hätte ich zu Hause mit unserm Pfarrer lernen können und daneben mit meiner Mutter unsere ganzen Felder bestellen.

Wie gut ist es, daß sie jetzt den alten Wöllem hat, der ihr an die Hand geht und ihr in unserm Häuschen Gesellschaft leistet. Wenn ich über drei Jahre Kaplan werde, hoffe ich, eine Stelle draußen zu bekommen, wo ich die beiden zu mir nehmen kann. Man wird mich doch um Gottes willen nicht irgendwo in der Stadt gefangen setzen. Das wäre gut für Heine Putty, der paßt in die Stadt. Rede nicht darüber, Pichert, aber der arme Junge tut mir leid. Der hat so viel den Beruf zum Priester wie der große Türke, aber er wird daran glauben müssen. Er hat nicht die moralische Kraft, vor seinen Vater hinzutreten und zu sagen: Ich kann’s nicht. Ich sehe es ihm an, wie er darunter leidet. Und so gibt es noch andere. Sie wissen, daß ihre Eltern zu Hause sich seit Jahren das Blut unter den Nägeln herausgearbeitet haben, daß ihre Geschwister alles entbehren mußten, nur damit ein Geistlicher in die Familie kommt. Sie haben von Kindesbeinen auf immer sagen hören, daß sie einmal Priester werden, sie wissen, wenn sie jetzt abseits gehen, ist es eine Katastrophe. Sie haben keine Kraft, dies Hoffnungsgebäude über den Haufen zu werfen, das so viele über ihnen errichtet haben, und da lassen sie sich eben einmauern. Wenn ich denke, daß mich einer in diesen Beruf wider meinen Willen zwingen möchte, – lieber sollte die Welt zugrunde gehen. Aber wie käme der arme Heine Putty dazu, jetzt auf einmal den Seinen die Zähne zu zeigen? Vater, Mutter und Geschwister können den Tag nicht erwarten, wo sie ihn „unsern Herrn“ nennen, und das soll er alles jetzt gewaltsam abschütteln! Wie gern würde ich ihm helfen, aber solchen Menschen ist nicht zu helfen. Wenn einer nicht selbst gegen den Strom schwimmen kann, darf man ihn auch nicht gegen den Strom schleppen, sonst schluckt er Wasser und ertrinkt am Ende.

Mit Herrn Kleyer stehe ich mich jetzt so gut wie nie zuvor. Seit Vaters Tod ist es rührend, wie er so treu und betulich um mich herum ist. Er faßt mich jetzt von einer ganz andern Seite auf. Er glaubt jetzt nicht mehr, daß ich es faustdick hinter den Ohren habe. Ich bin im Handumdrehen sein bester Freund geworden. Er nimmt mich stundenlang mit sich auf sein Zimmer und spricht mit mir über die intimsten Dinge, über Bücher, die er eben liest, über dies und jenes Schöne, das er darin gefunden hat, und woran er sich begeistern kann wie einer von zwanzig Jahren. Er schüttet mir sein Herz aus und klagt mir, was ihm Unangenehmes mit Schülern oder sonstwie zugestoßen ist. Ich merke, wie wohl es ihm tut, daß er jemand hat, dem er sich rückhaltlos mitteilen kann. Es ist ja auch kein Vergnügen, so von früh bis spät vor einer Rotte Korah, wie die Buben es manchmal sind, in Stiefeln und Sporen und wie in einem moralischen Panzer herumzugehen, und sich keine Sekunde lang das Mindeste vergeben zu dürfen, immer den Gestrengen herauszukehren, immer sich stramm am Zügel zu haben und sich selber zu schulmeistern, um die Herrschaft über die andern zu behalten. Ich denke mir zwar, daß es auch anders gehen müßte, daß man den Buben auch ohne beständiges Augenfunkeln und Stirnrunzeln imponieren könnte, aber er ist eben von der andern Schule. Sonst hat er das beste Herz von der Welt. Neulich hat er mich gar auf eine Flasche Wein und eine Zigarre eingeladen, ich traute meinen Augen nicht. Ich glaube, er hat jetzt keinen hier, mit dem er so ganz und so einfach Mensch zu sein wagt, wie mit mir, und ich bin nicht wenig stolz darauf. Aber warum richten sich manche Menschen ihr Leben so ein, daß sie nur im Verborgenen und in gestohlenen Stunden das zu sein wagen, was sie innerlich sind?

Lieber Pichert, ich sehe Dich, wie Du an Deiner Brille rückst und denkst: Was schreibt mir der Fenn da für ein Zeug? Das interessiert mich doch nicht. Es ist wahr. Dir liegt wahrscheinlich nicht sehr viel an der Erziehungsmethode unseres Alten, aber es lief mir eben so mit aus der Feder. In sechs Wochen kommen wir nach Haus. Dann machen wir ein Kreuz übers Konviktstor. Es waren im ganzen langweilige Jahre, Jahre der Unnatur, des Zwangs, des Massendrills. Von unsern Lehrern keiner, der uns aus dem trockenen Brotstudium hinaus den Weg in die Freiheit gewiesen hätte, wo in der Sonne die Blumen wachsen, die sie uns getrocknet zwischen Löschpapier zeigten. Jahre, die nach Bücherstaub und Schweiß riechen, in denen nichts an einen herantrat, was man fürs Dasein lieben lernte. Ich sehe es kommen: Wenn wir später unsere Erinnerungen aus dieser Zeit auskramen werden, kommt nichts zum Vorschein als die öden Professorenanekdoten. Wir sind da hindurch getrieben worden, wie durch einen Tunnel, und wenn man seine Wiesinger Kinderjahre nicht hätte, die hinter einem liegen, wie eine blumige Wiese im Sonnenschein, was wäre man für ein armer, armer Kerl! Das verstehst Du vielleicht wieder nicht, mein lieber Pichert, aber das werde ich Dir erklären, wenn wir einmal abends zusammen in Deinem Stübchen sitzen, oder wenn wir Sonntags nach der Vesper über die Gewann gehen. Um eins nur tut es mir leid: Ich muß mich jetzt von meinem besten Freunde trennen, von dem Theo Schütz, den Du ja schon kennst. Ich ziehe im Herbst die Soutane an und gehe ins Seminar, er geht nach Aachen aufs Polytechnikum und wird Maschineningenieur. Das war ein lieber Mensch, Pichert, und ich glaube wohl, daß er mir so lieb war wie Du. Gib acht, von dem hören wir noch reden, das ist einer von denen, die sich ihre Äste nicht verschneiden lassen. Er denkt über vieles anders als ich und ist ja auch in anderen Verhältnissen groß geworden, aber im Grunde sind wir, glaube ich, von einem Holz, und es müßte sonderbar zugehen, wenn wir nicht für immer Freunde blieben.

Nun Gott befohlen, lieber Pichert, meine freie Zeit ist um. Laß mal von Dir hören.

Dein treuer Fenn Kaß.

Lieber Fenn!

Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, besonders daß Du jetzt so mit Eurem Alten stehst, wie Ihr ihn nennt. Ich bin froh, daß Du jetzt bald wieder nach Hause kommst. Es kommt mir drollig vor, daß ich Dich in der langen Soutane sehen soll. Sie muß Dir aber gut stehen, mit Deinen breiten Schultern. Der Heine-Schneider hat schon für seinen Putty den Stoff gekauft. Das Feinste und Teuerste, was sie in der Stadt im Laden hatten. Er bekommt, mit Verlaub zu reden, das Maul über den Jungen nicht mehr zu. Es muß keine Freude sein, so einen Vater zu haben, der einen so in allen Wirtshäusern herumträgt. Ich meine, Du hast recht, Fenn, das Pastorwerden ist dem Putty seine Sache nicht. Wenn nur alles gerade reißt mit dem! Deiner Mutter geht es gut. Ich sehe sie als hier und da mit der Hacke vorbeigehen, sie sieht gut aus. Der Wöllem kann froh sein, daß er so ein warmes Nest gefunden hat. Er ist ein guter Kerl. Er sagt auch, er hätte es bei Euch besser, wie bei dem Lampert. Der Fritz ist jetzt Herr und Meister in Brebach, sein Onkel Majerus läßt ihn so ziemlich in allem gewähren. Mit Brauns ist er jetzt eins und alles, seit sie ihn die paar Tage in Kost hatten, als das mit seinem Vater ... Du weißt ja. Der Père Reining wird jeden Tag wackliger. Es ist auch kein Wunder, der Mann hat seine dreiundachtzig auf dem Buckel. Ich hatte auch wieder meinen steifen Arm ein paar Wochen lang, aber jetzt ist es wieder gut. Wenn Du kommst, lieber Fenn, bring mir vom Cary, Du weißt ja, wieder ein halbes Pfund Schnupftabak mit, wie immer. Ich gebe Dir das Geld wieder. Sei vielmal gegrüßt von Deinem alten Pichert, und auf baldiges Wiedersehen.

Jakob Thielen, genannt Pichert.

Als Fenn Kaß an dem klaren Augustmorgen, an dem die Ferien begannen, durch das Konviktstor herausschritt, war sein Herz leicht wie lange nicht mehr. Die Kameraden, die um ihn wimmelten, fuchtelten mit ihren Stöcken und beredeten sich, wie sie die nächsten Stunden in der Stadt vertun sollten, ehe ihre Züge in die Heimat fuhren. Fenn hatte in sich nur einen Drang: Fort, hinaus, heim! Er gedachte, Putty zu fragen, ob er den Weg mit ihm zu Fuß machen wollte, aber da hieß es, Putty sei von dem Fritz Lampert schon abgeholt worden, der werde ihn später mit seinem Wagen nach Hause bringen.

„Auch gut,“ dachte Fenn. Daß ihn die beiden ausgeschlossen hatten, war ihm eigentlich recht. Er kaufte für den Pichert ein halbes Pfund Schnupftabak, für Wöllem ein Päckchen Varinas und ein paar irdene Pfeifen, „rheinisch Bietchen“ genannt, und für seine Mutter ein Gebäck, von dem er wußte, daß es ihr ein Leckerbissen war. Das band er alles in eins, hängte es am Stock über die Schulter, steckte die linke Hand in die Hosentasche, und wanderte „zum Städtle“ hinaus. Und er pfiff sich dazu eine Reisenote, daß die Mädchen stehen blieben, sich lachend anstießen und hinter ihm her sagten: „Kuck den, der hat’s gut vor!“ Auf der Landstraße draußen ging er neben dem Graben im kurzen Gras, schlenkerte sein Paket in der Linken und köpfte lustig die Dolden der Schafgarben und die pludderigen grauen Flaumköpfe des Löwenzahn. Sobald er weit draußen war, wo die Straße ganz einsam wurde, sang er sich ein Marschlied, daß es weit über die Felder schallte. Er war froh, wie einer, der etwas klebrig Unangenehmes von sich abgewaschen hat und im frischen Wasser einem willkommenen Ufer entgegenschwimmt. Die längste Etappe auf seinem Weg ins Leben hatte er hinter sich, die drei Jahre strammen Studiums im Priesterseminar schreckten ihn nicht. Da lebte man schon sein eigenes Zellenleben, konnte ruhig seine Wurzeln in das geistige Erdreich senken, in dem man sich wohl fühlte, wurde nicht mehr als halbes Kind, sondern als ganzer, verantwortlicher Mensch behandelt, kurzum, da stand man schon auf der Bahn, die gerade hinaus in die Wirklichkeiten des Daseins führte. Die innige Gestalterfreude des Starken war in Fenn, wie er einsam über die staubweiße Landstraße wanderte, das Bewußtsein, daß er viele würde glücklich machen können, wenn sie an ihn glaubten. Und sie würden an ihn glauben, sie würden an ihn glauben. Herr, du meines Lebens! jauchzte er und hieb mit seinem Stock allerhand Figuren in die Luft. Er war zu Haus, ehe er es sich versah. Der Pichert trompetete ihm ein schmetterndes Willkomm entgegen, als er ihm seinen Schnupftabak brachte, die Mutter lachte still übers ganze Gesicht, als er ihr Lieblingsgebäck aus der Papierhülle wickelte und Wöllem knurrte, während er seinen Tabak und seine Pfeifen einsteckte: „Hm, meng Sach aß gudd gaangen!“ Dann gab es zu Mittag natürlich Fenns Lieblingsgericht: Eierkuchen mit Kartoffeln und Endiviensalat, und dazu holte Wöllem ein Liter Bier aus der „Auberge“ an der Kreuzstraße.

Am Nachmittag kam eines von den Heinens Mädchen, um zu fragen, wo Putty geblieben sei. Und dann kam auch der Schneider und ärgerte sich blau, daß dieser Windhund, dieser Ausreißer, sich solche Seitensprünge erlaubte. Der Fritz Lampert, von dem schon allerhand Weibergeschichten die Runde machten, war doch kein Kamerad für einen, der Geistlicher werden wollte, Himmelkreuzsakra! Und er würde dem Putty den Kopf waschen, daß er alle Glocken der Nachbarschaft sollte zuhauf läuten hören. Die Lampe des Schneiders Heinen war die einzige, die noch im Dorf brannte, als Fritz Lampert seinem Freund Putty vor dessen Vaterhaus vom Wagen herunterhalf und ihm gute Nacht wünschte, um sich sofort mit seinem Gefährt schleunigst aus dem Staube zu machen. Er überhörte es geflissentlich, daß ihm Putty zuraunte, er möchte doch noch auf einen Augenblick mit hereinkommen, um eine Kleinigkeit zu genießen. Und er vernahm durch das Rollen der Räder und das Hufgeklapper seines Braunen hindurch, wie auf Puttys Klopfen die Tür aufflog und Worte gewechselt wurden, die auf keinen liebreichen Empfang deuteten.

„Hierher kommst du!“ herrschte der Schneider seinen Sohn an, als der nach dem Treppengeländer tastete, um sein Schlafzimmer aufzusuchen. Und als Putty nicht gleich Order parierte, fühlte er sich derb am rechten Oberarm gefaßt und in die Stube gezerrt.

„Da setz dich hin!“

Inzwischen kam auch Frau Heinen im Unterrock fröstelnd herbei, stellte sich am Tisch auf und rieb sich gähnend die Hüfte.

„Wo warst du so spät?“ – wollte sie das Verhör beginnen.

„Wo wird er gewesen sein!“ fuhr ihr Mann zornbebend dazwischen, „gesoffen haben sie, bei den Weibern sind sie gewesen.“

Putty schlug ein paar schwimmende Augen mit einem leeren Blick zu seinem Vater auf und zuckte stumm und verächtlich die Achseln.

„Ich will wissen, wo du warst!“ brüllte der Schneider und schlug mit dem geballten Fäustchen auf den Tisch, daß Frau Heinen ängstlich nach der Lampe griff.

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