Erstes Buch (continued 3)
Reading edition
Putty hob wieder die Achseln und skizzierte mit der Linken eine müde Gebärde in die Runde.
„Der Kerl ist ja besoffen wie ein Schwein!“ sagte der Schneider mit dem Ausdruck unsäglichen Abscheus.
„Laß ihn schlafen gehen,“ schlug die Mutter vor, worauf sie Putty streng anfuhr: „Soll ich dir vielleicht eine Tasse schwarzen Kaffee kochen?“
„Ich gehe lieber schlafen,“ lallte Putty.
„Vor mir die Treppe hinauf!“ befahl der Schneider. In der Tür drehte sich Putty um. Er hatte in seiner Betrunkenheit das Empfinden, daß ihm von seinem Vater ein tätlicher Schimpf drohte. Der Schneider hatte schon den Fuß gezückt. Putty sah die Bewegung, auf Sekunden war sein Rausch verflogen und aus seinen Augen brach eine so irre Flamme des Hasses und der Wut, daß seine Mutter sich ihm schreiend entgegenwarf. Auch der Schneider hatte den Blick aufgefangen und es war ihm dabei kalt übers Herz gekrochen. Er war froh, daß seine Frau alles weitere abgeschnitten hatte. So sagte er, noch bebend vor Aufregung und plötzlicher Angst, mit künstlich zurechtgemachter Verachtung: „Mach, daß mir der Kerl aus den Augen kommt!“
Gegen Ende September sagte eines Tages Putty Heinen zu seinem Freund Fenn: „Morgen sind unsere Soutanen fertig. Mein Vater läßt dir sagen, morgen werden sie anprobiert.“
Dann gingen die beiden querfeldein. Putty lenkte in Wege ein, die immer weiter vom Dorf abführten. Jetzt waren sie am „Hau“ hinauf zur Höhe gelangt, von der man weit in der Runde die Berge mattgrau in der Herbstluft stehen sah. Putty schaute lange träumerisch in die Weite in der Richtung, wo die Stadt lag, und dann umschlang er plötzlich krampfhaft und leidenschaftlich schluchzend einen dicken Baum am Weg und rief in einem fort, in tränender Verzweiflung den Namen seines Freundes.
„Komm zu dir,“ redete ihm Fenn begütigend zu. Er dachte sich schon, wie dem armen Kerl zumute war.
„Fenn, was soll das werden mit mir, was soll das werden!“ und sein heulendes Leid quoll heraus wie ein heißer Strahl, wie Blut aus offenen Adern.
„Ja Putty, da kann ich dir nicht helfen, wenn du glaubst, du kannst deinen Leuten nicht sagen, daß du nicht hinein willst, dann mußt du dich eben bezwingen. So schlimm wird es schließlich ja nicht sein. Es sind ja viele vor dir denselben Weg gegangen und haben es schließlich doch verwunden.“
„Ich kann es nicht. Wenn man dir was einstopfen will, was dich ekelt, kannst du es doch nicht schlucken. Du erbrichst es, sobald es dir auf die Zunge kommt. Ich kann nicht, ich kann nicht!“
„Was ist denn daran, das dir so unüberwindlich scheint?“
„Alles. Ich will leben. Ich will mich anziehen wie jedermann! Ich will nicht ein Gezeichneter sein, dem jeder schon am Kleid ansieht, daß er nicht darf, was alle dürfen!“
„Ist das nicht ein bißchen Eitelkeit, Putty?“
„Nein, es ist die Wut dagegen, daß man mich zum Krüppel machen will, alle zu Haus, mein Vater und meine Mutter und meine Schwestern! Sie sagen, sie haben um mich gedarbt. Gelogen ist es! Was haben sie sich denn meinetwegen versagt? Das wenige, das sie mir vielleicht geopfert haben, gibt ihnen doch kein Recht, so über mich zu verfügen!“
„Bist du dir ganz klar darüber, daß du nicht wegen einer dummen Weibergeschichte –?“
„Ach, Fenn, glaube mir, es gibt keine dummen Weibergeschichten für den, der zur Entsagung nicht geboren ist. Für den ist jede Weibergeschichte ein schlimmer Aufruhr, in dem er sein Bestes lassen kann.“
„Was heißt das: Zur Entsagung nicht geboren! Also wenn du zum Entsagen keine Lust hast, sagst du einfach, du bist zur Entsagung nicht geboren?“
„Ach tu doch nicht so, als ließe sich das alles glatt nach dem Einmaleins aufs Papier hinrechnen. Und überhaupt, es ist nicht das Weib allein, es ist alles! Das ganze Leben! Ich kann mir nicht, wie du, meinen Lebensweg so schnurgrad zwischen zwei Pappelreihen denken, mit der ewigen Seligkeit als Abendrot in der Perspektive. Was mir alles bevorstehen kann, siehst du, ist mir noch wie ein süßbanges Geheimnis, eine Fülle von Schönem oder Schrecklichem oder beidem zusammen. Aber frei will ich sein, nach allem zu greifen und allem zu entfliehen.“
Fenn zuckte die Achseln: „Ja, dann weiß ich dir keinen andern Rat. Dann mußt du eben den Mut haben, daß du es deinen Leuten sagst, wie es um dich steht.“
Putty hatte sich in dem leidenschaftlichen Ausbruch Luft gemacht, seine Energie war schon erschöpft.
„Ich kann nicht,“ sagte er traurig. „Zehnmal schon dachte ich mir ein Herz zu fassen, aber es war mir immer, als müßte ich mit meinem Geständnis etwas ganz Furchtbares entfesseln, etwas, in dem alles zugrunde gehen würde. Jetzt mag es sich wenden, wie es will. Ich komme mir vor, wie einer, der Spießruten läuft und die Augen zudrückt, bis er hindurch ist. Mir ist, als zeigten die Leute mit Fingern auf mich und drängten sich dazu, wie ich nackt ausgezogen und angeprangert und gestäupt werde. Das muß doch ein jeder sehen, daß ich in das Kleid und den Beruf nicht hineingehöre.“
Fenn konnte dem Freund nicht mehr zureden. Und er dachte, was man in solchen Fällen immer denkt, um von einer häßlichen Vorstellung loszukommen: „Wer weiß, vielleicht ist es am Ende gar nicht so schlimm.“
Am folgenden Tage holte Putty den Freund ab. Fenn war in dem kleinen Garten des Küsterhauses beim Zwetschenpflücken. Putty nahm eine der dunkelblauen Früchte, zerdrückte sie, daß das goldgelbe Fleisch sich spaltete und in der spitzen Kernhöhlung süßer Saft zusammenlief. Aber der Genuß daran wurde ihm durch den Gedanken an die seelische Hinrichtung vergällt, die ihm bevorstand. Fenn sprang lustig vom Baum. „Also gehen wir,“ sagte er heiter. Er schraubte absichtlich seine gute Laune um ein paar Grad höher, als Abwehr gegen Puttys Herzensangst, von der er einen neuen Ausbruch befürchtete. In der Schneiderstube lagen die beiden Soutanen fertig zum Anprobieren über einer Stuhllehne. Schneiderhinchen saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch, die Brille auf der Nase, das Band des Zentimetermaßes über die Schultern gehängt. Er hüpfte herunter, reckte die Glieder und sagte: „Also wollen wir mal sehen, wie ihr als Herren ausschaut.“
Es roch unangenehm scharf nach Fleckwasser, ein Geruch, den Putty von klein auf nicht hatte ausstehen können, und den er zuletzt haßte, weil er ihn stets an seinen Vater erinnerte.
„Wer will zuerst dran kommen?“
Fenn wollte Putty den Vortritt lassen, aber der schob den Freund vor: „Allez hopp, mir ist es immer noch früh genug.“
Schneiderhinchen wollte auffahren. Was fiel denn dem Buben ein! Er sollte doch seinem Schöpfer danken. Und nun: Mir ist es immer noch früh genug! Na wart! Dir werde ich! – Aber das streitbare Männlein fraß seinen Jähzorn hinein und begnügte sich damit, einen funkelnden Blick nach Putty hinüberzuwerfen.
Fenns magerer, knochiger Körper trug das lange schwarze Gewand leicht und selbstverständlich. Man sah, es belästigte ihn nicht, es floß gehorsam um seine Bewegungen, es beeinträchtigte in nichts das wohltuend Bildhafte seiner kräftigen Männlichkeit. Der Schneider war stolz auf sein Werk. „Besser hätte sie dir keiner in der Stadt gemacht,“ sagte er mit einem leisen Anflug von Vorwurf, aber auch von Genugtuung. Als ob doch vielleicht bei Fenn der Plan hätte bestehen können, seinem alten Schneider bei dieser festlichen und besondern Gelegenheit abtrünnig zu werden.
Dann kam Putty an die Reihe. Als ihm die langen Ärmel feierlich weit bis über die halben Hände hingen, als sein Vater dicht vor ihm kniete und mit wächsernen, ärmlichen Fingern emsig die lange Knopfreihe von unten herauf zu schließen begann und dabei Putty aufforderte, dasselbe Geschäft von oben her zu besorgen, als dieser dann das schwarze, schwere Tuch mit seinem kirchlich ernsten Glanz an sich hinabhängen sah, war ihm wirklich nicht anders, als ob er lebendigen Leibes eingemauert werden und selber Stein auf Stein zu seinem Hungerkerker fügen sollte. Sein Körper krampfte sich zusammen, der Krampf löste sich in einer explodierenden Bewegung des Abscheus und der Abwehr, und die Bewegung zitterte hysterisch nach durch alle seine Glieder.
„Was ist los?“ fragte der Schneider unwillig erstaunt.
„Ich komme mir vor, wie ein Frauenzimmer!“ sagte Putty und erkannte seine eigene Stimme nicht. So hatte der Aufruhr seines Innern die Muskulatur seiner Kehle umgeknetet.
„Du bist wohl verrückt,“ sagte sein Vater und richtete sich mühsam zornig auf.
„Es ist ja wahr,“ gab Putty, schon dem Weinen nah, zurück, und zeigte mit verächtlicher Gebärde an sich herunter.
„Ich meine gar, du Aff ...“ eiferte das Schneiderhinchen und schlug seinem unbotmäßigen Buben jähzornig die Hand ins Gesicht.
Dann geschah etwas Plötzliches, züngelnd Gewalttätiges, wie ein Sprengschuß.
„Es war seine Schuld“ – war Puttys erster Gedanke, als er wieder zu sich kam. Er hatte wirklich nichts dafür gekonnt. Es war, als wäre er ein Spielzeug aus Hausenblase gewesen, in das jemand heftig hineingepustet hätte. So plötzlich, mit einem Ruck, hatten sich seine Arme gespannt, waren seine Fäuste wütenden Hunden gleich dem Schneider an die Kehle und ins Gesicht gesprungen. Mitten aus einem Gerümpel von Tisch und Stühlen sah das angstverzerrte Gesicht des kleinen, blassen Mannes hervor. Aus einer schmalen Wunde über dem linken Auge floß ein spärliches Blutgerinsel, wurde durch die Braue abgelenkt, fand den Weg hinunter über die Wange. Als der Schneider das warme Rieseln spürte, griff er mit der Hand hin. Der Anblick des roten Saftes erfüllte ihn mit Entsetzen. „O Gott, o Gott!“ stöhnte er und zeigte Fenn schaudernd die beiden blutgefärbten Finger. Und er sah so ärmlich, so mitleidheischend, so gottergeben aus, so ganz zerknirscht im Opferlamm-Gefühl eines, von dem man verlangt, er soll einem Vatermörder verzeihen, daß Fenn ein Lächeln unterdrücken mußte.
Die Schneiderin und die beiden Mädchen hatten von draußen einen heisern Schrei und heftiges Poltern gehört und stürzten herein. Als sie des Blutes ansichtig wurden, stießen sie gellende Hilferufe aus und drängten Fenn, der beschwichtigen wollte, beiseite. Sie hoben den hilflosen Schneider auf die Beine und bestürmten ihn mit Fragen, was geschehen sei. Er deutete nur stumm, mit einer herzbrechend betrübten Duldermiene auf seinen ungeratenen Sohn, der zitternd, zu Tode erschrocken, leichenfahl dastand und nun auf einmal aufheulend in die Knie brach.
Wären jetzt alle mit bissigen Vorwürfen über ihn hergefallen, so hätte sich Putty vielleicht gewaltsam einen Weg in die Freiheit gebrochen. Als aber die Weiber hörten, was geschehen war, sahen sie ihn entsetzt an, wie einen Ausgestoßenen, und führten den Vater sanft hinaus in die Küche, an den Wasserstein, wo sie ihm unter der Pumpe umständlich die Wunde auswuschen. Es war ein kaum halbfingerlanger Riß, den sich der Schneider beim Aufschlagen auf die Tischkante zugefügt hatte. „Daß einem sein eigen Herzblut nach dem Leben trachten muß!“ stöhnte er, während ihm seine Älteste ein nasses Tuch auf die Stirn drückte.
„Sagen Sie doch das nicht!“ fiel Fenn, fast ärgerlich, ein. „Putty hat sich gegen die Ohrfeige gewehrt, und dabei sind Sie zu Fall gekommen.“
„Wollte Gott, daß du recht hättest, Fenn,“ hauchte das Schneiderhinchen.
Im Zimmer drinnen hörte man Putty schluchzen und von Zeit zu Zeit leidenschaftlich aufheulen. „Ich tu ja alles, was ihr wollt! Der Vater soll nur das nicht sagen, nur das nicht!“
Der Schneider wurde allmählich gerührt. „Führt mich zu ihm hinein,“ sagte er matt.
Er war sich nie so groß, so edel, so erhaben vorgekommen wie jetzt, wo er dem schluchzenden Opfer seiner Beschränktheit die Hände auflegte und ihm versicherte, er wolle ihm denn also noch einmal verzeihen, und er hoffe, er werde die Lehre beherzigen, mit der ihn der liebe Herrgott hart am Abgrund des Vatermordes vorbeigeführt habe.
Vierzehn Tage später bezogen Fenn Kaß und Putty Heinen ihre Zellen im Luxemburger Priesterseminar.