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Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Rom als Republik.

Reading edition

VIII. Brutus, erster Konsul der Römer. (509 v. Chr.)

An Stelle des einen Königs traten von jetzt an zwei oberste Beamte, die Konsuln, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher die Könige, aber ihr Amt nur ein Jahr lang bekleideten und sich gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln waren Brutus und Collatinus.

Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt, schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn, um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt. Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Verschworenen belauscht und ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur Tiber dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (campus Martius) genannt.

Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus, dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte, so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle trat der oben erwähnte Publius Valerius.

Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben, gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen. Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause. Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.

IX. Krieg mit König Porsenna.

Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen, noch nicht fahren. Er begab sich in den Schutz Porsennas, des mächtigen Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser deshalb mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.

Da die kleine Festung auf dem Berge Janiculum, auf der rechten Seite der Tiber, der Stadt gegenüber, beim ersten Angriff vom Feinde erobert ward, so zog sich die Besatzung vor der Übermacht in die Mauern der Stadt zurück. Nun wäre Porsenna unaufhaltsam über die schmale hölzerne Tiberbrücke nachgedrungen, wenn nicht Horatius Cocles durch seine Unerschrockenheit und Tapferkeit es verhindert hätte. Als er sah, daß seine Genossen nicht mehr standhielten, riet er ihnen selbst über die Brücke zu eilen und sie so schnell als möglich abzutragen. Während dies geschah, wehrte Horatius mit zweien seiner Gefährten das feindliche Heer von dem Zugang zur Brücke ab. Als dieselbe beinahe abgetragen war, entließ er auch seine Gefährten, um sich über die Reste in die Stadt zu retten. Hierauf stellte er sich allein dem Feinde entgegen, und erst, als die letzten Balken krachten, sprang er, den Stromgott um Schutz anflehend, mit Schild und Wehr in die Fluten. Unter einem Hagel feindlicher Pfeile schwamm er unversehrt an das andere Ufer.

Die festen und hohen Mauern der Stadt schützten sie zwar gegen einen stürmischen Angriff; aber der Feind begann ihr von allen Seiten die Zufuhr abzuschneiden und ihr Gebiet zu verwüsten, sodaß bald Mangel an Nahrung entstand. Um Rom von dieser Bedrängnis zu befreien, beschloß Mucius Scävŏla, ein mutiger Jüngling, den feindlichen König zu töten. In etruskischer Kleidung, einen Dolch unter dem Gewande, schlich er ins feindliche Lager, wo eben ein Schreiber neben dem König saß, der mit den Kriegern verhandelte, die ihren Sold erhalten sollten. Weil sich dieser in seiner Tracht gar nicht vom König unterschied, so hielt ihn Mucius für den König selbst und stieß ihn mit dem Dolche nieder. Ergriffen und vor den König geführt, bekannte er unerschrocken sein Vorhaben. Als ihn Porsenna mit dem Feuertode bedrohte, streckte er, um zu zeigen, daß er alle Drohungen verachte, seine Rechte in die Flamme des nahestehenden Opferherdes, ohne das geringste Zeichen von Schmerz zu verraten. Da verwandelte sich des Königs Zorn in Bewunderung, er schenkte dem Mucius das Leben, und dieser erklärte nun, gleichsam um den König für seine Milde zu belohnen, daß nicht er allein, sondern dreihundert römische Jünglinge sich zu gleichem Zwecke verschworen hätten, um durch den Tod des Königs ihre Vaterstadt zu befreien. Der junge Held, der später von dem Verluste seiner rechten Hand den Beinamen Scävola (Linkhand) erhielt, ward entlassen; der König aber, der sich jetzt von steten Gefahren bedroht glaubte und für sein Leben fürchtete, ward zum Frieden geneigt, der auch bald zustande kam. Er hob die Belagerung auf und verzichtete auf die Wiedereinsetzung des Tarquinius; dagegen traten die Römer das rechte Tiberufer an ihn ab und stellten zehn Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen als Geiseln.

Unter diesen Jungfrauen befand sich die edle Clölia. Sie täuschte die Wächter und schwamm mit den übrigen Jungfrauen über die Tiber. Vergebens schossen die Feinde ihre Pfeile auf sie ab; sie kam mit ihren Gefährtinnen glücklich nach Rom. Aber der römische Konsul schickte sie auf die drohende Forderung Porsennas in das etruskische Lager zurück. Doch hatte der Heldenmut der Jungfrau des Königs Bewunderung erregt; er vergab ihr nicht nur und schenkte ihr die Freiheit, sondern er erlaubte ihr sogar einige von den römischen Jünglingen, die als Geiseln im Lager waren, mit nach Hause zu nehmen. Sie wählte die jüngeren, deren zartes Alter ihr im Feindeslande am meisten der Kränkung ausgesetzt schien. In Rom aber errichtete man, zu dauerndem Andenken an den Heldenmut der Clölia, ein ehernes Denkmal, eine Jungfrau zu Roß.

So war denn auch dieser Versuch des Tarquinius, die Herrschaft wiederzugewinnen, mißlungen. Er nahm hierauf seine Zuflucht zu den Latinern, die er zu einem Kriege gegen die Römer aufreizte, der im Jahre 496 v. Chr. zum Ausbruch kam. Am See Regillus trafen beide Heere aufeinander; es war ein Heldenkampf, in dem die Führer selber sich im Zweikampf begegneten, während die Menge ohne Entscheidung focht, und der Sieg bald hierin, bald dorthin sich wandte. Selbst der hochbejahrte Tarquinius nahm an der Schlacht Anteil und ward verwundet. Endlich siegten die Römer und nahmen das feindliche Lager; Tarquinius ging hoffnungslos zu Aristodémus, dem Fürsten der griechischen Stadt Cumä, nahe dem heutigen Neapel, wo er im folgenden Jahre starb.

X. Innerer Zwist. Menenius Agrippa und Marcius Coriolanus.

Die Bürgerschaft Roms zerfiel in zwei an Herkunft, Recht und Ansehen verschiedene Klassen, unter denen nicht einmal ein gemeinschaftliches Verkehrsrecht (commercium) und Eherecht (conubium) bestand. Die eigentliche Gemeinde bildeten nur die Patrizier, die Nachkommen der alten Geschlechter, aus denen die ursprüngliche Bevölkerung Roms bestanden hatte. Sie besaßen alle Vorrechte; aus ihrer Mitte wurden die Beamten und Senatoren gewählt, sie allein bildeten das „Römische Volk“ (populus Romanus) und beschlossen in ihrer Versammlung (comítia curiāta) über die Angelegenheiten des Staates. Die Plebejer dagegen, die Nachkommen derjenigen Zuwanderer, welche sich, freiwillig oder gezwungen, nach und nach in Rom niedergelassen hatten, an Zahl weit überlegen und zu allen Diensten für das Gemeinwesen, zu Kriegsdienst und Steuern verpflichtet, entbehrten alles Anteils an der Regierung, welche die patrizischen Beamten mit stolzer Härte gegen die rechtlose Menge ausübten. Die plebejischen Bauern konnten oft wegen der häufigen Kriege, zu denen sie eingerufen wurden, ihr Land nicht rechtzeitig bestellen, gerieten in Schulden, und wenn sie die hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, so verfielen sie, nach dem harten römischen Schuldrecht, mit ihrer Person der Gewalt der Gläubiger, die sie als Knechte fronden lassen oder sogar in die Fremde verkaufen durften. So waren schon viele in Armut und Knechtschaft geraten, und die Unzufriedenheit über die ungerechte Bedrückung stieg unter den Plebejern immer höher.

Schon hatten sie einige Male den Kriegsdienst verweigert; aber den Patriziern war es noch immer gelungen, bald durch Drohungen, bald durch leere Versprechungen, den Ausbruch der Unzufriedenheit zu unterdrücken. Einst geschah es, daß das Volk, von einem beutereichen Feldzuge zurückkehrend, zum Lohn eine Erleichterung seiner drückenden Lage erwartete. Allein die Patrizier suchten es aufs neue zu täuschen, indem sie es sogleich zu einem neuen Kriege führen wollten. Da aber kam die lang verhaltene Wut der Plebejer zu offenem Ausbruch. Bewaffnet, wie sie waren, rotteten sie sich zusammen, verließen die Stadt und zogen, unter einem selbstgewählten Anführer, auf eine nicht weit von Rom gelegene Anhöhe, die man den „heiligen Berg“ nannte, wo sie ein festes Lager aufschlugen und sich dauernd niederzulassen drohten. (494 v. Chr.)

Darüber entstand zu Rom eine allgemeine Bestürzung. Das zurückgebliebene Volk fürchtete die Härte der Patrizier, diese die völlige Auswanderung des Volks. Endlich beschloß der Senat eine Gesandtschaft abzuschicken, um das Volk zur Rückkehr zu bewegen. An der Spitze derselben stand ein kluger und beredter, als Volksfreund bekannter und beliebter Mann, Menénius Agrippa. Auf dem heiligen Berge angekommen, begann er seine Rede damit, daß er dem Volke folgende Fabel erzählte.

„Die Glieder des Leibes empörten sich einst wider den Magen, weil er allein untätig sei, während sie alle für ihn arbeiten mußten. Sie versagten ihm daher den Dienst. Die Hände wollten keine Speise mehr in den Mund bringen, der Mund sie nicht aufnehmen und die Zähne sie nicht zerreiben. Eine Zeitlang führten die Glieder diesen Vorsatz aus. Bald aber fühlten sie, daß sie sich selbst dadurch schadeten. Sie erkannten, daß es der Magen sei, der die empfangene Speise verdaue, das damit genährte Blut durch alle Glieder verbreite und ihnen allen Leben und Kraft verleihe. Sie gaben daher ihr Vorhaben auf und söhnten sich wieder mit dem Magen aus. So ist es auch, fuhr Agrippa fort, mit den Gliedern eines Staates. Keiner von ihnen vermag für sich allein zu bestehen; nur auf ihrer Eintracht beruht das Wohl des Ganzen.“

Durch solche Rede soll Agrippa das Volk zur Rückkehr geneigt gemacht haben. Sie erfolgte jedoch nicht eher, als bis die Patrizier das feierliche Versprechen gaben, die Schuldgefangenen in Freiheit zu setzen und den Plebejern die Wahl einer eigenen unverletzlichen Obrigkeit zu gestatten. Von dieser Zeit an wählte das Volk aus seiner Mitte jährlich zwei Beamte, Tribunen genannt, deren Zahl später bis auf zehn vermehrt ward. Sie hatten das Recht die Gemeinde der Plebejer zu berufen und mit ihr zu beraten, und die Pflicht jeden einzelnen derselben gegen eine Härte oder Ungerechtigkeit der Konsuln und anderen Beamten zu schützen. Auch durften sie gegen jeden Beschluß des Senats, vor dessen Tür sie ihren Sitz hatten, Einsprache (veto „ich verbiete“) tun und ihn dadurch ungültig machen.

Doch schon in den ersten Jahren liefen die Plebejer Gefahr diese Rechte, welche sie durch die Auswanderung (secessio) auf den heiligen Berg errungen hatten, wieder zu verlieren. Damals nämlich wurde Rom durch eine furchtbare Hungersnot heimgesucht. Der Senat hatte auswärts Vorräte an Getreide aufkaufen lassen, und fast alle Senatoren waren der Meinung, man solle dieses Getreide den Plebejern entweder umsonst oder um einen sehr geringen Preis überlassen. Nur C. Marcius stimmte ihnen nicht bei. Dieser Marcius hatte durch seine Tapferkeit Corioli, eine Stadt der den Römern benachbarten, aber immer feindlichen Volsker, eingenommen und sich dadurch den Beinamen Coriolanus erworben. Er war ein erbitterter Gegner der Plebejer, denen er ihre neue Obrigkeit zu entreißen suchte. Daher machte er jetzt im Senate den Vorschlag, man solle dem Volke das Getreide nur unter der Bedingung geben, daß es seine Tribunen wieder abschaffe.

Kaum hatte das Volk von diesem Vorschlage Kunde, als es in die größte Wut geriet und den Coriolanus zerrissen hätte, wenn es die Tribunen nicht gehindert hätten. Diese bestimmten darauf dem Coriolanus einen Tag, wo er vor dem Gerichte des Volkes erscheinen und sich verantworten sollte. Die Patrizier flehten um Gnade für ihn, er selbst aber zeigte Trotz und Hohn und verachtete die Anklage. Als er jedoch sah, daß er verurteilt werden würde, wartete er den Gerichtstag nicht ab, sondern entfernte sich aus Rom. Das Volk verurteilte ihn, da er sich nicht zu Gericht gestellt hatte, zu lebenslänglicher Verbannung.

Coriolanus war nach Antium, einer Stadt der Volsker, gegangen, wo ihn sein Gastfreund Attius Tullius bereitwillig aufnahm. Hier brachte er es dahin, daß die Volsker gegen die ihnen verhaßten Römer aufs neue zu den Waffen griffen. An der Spitze eines volskischen Heeres drang Coriolanus bis in die Nähe von Rom und lagerte sich eine Meile weit von der Stadt. Weit und breit verwüstete er die Güter der Plebejer, verschonte aber die der Patrizier, entweder um seinen Haß gegen jene an den Tag zu legen, oder um beide Parteien gegen einander aufzureizen.

Rom befand sich in der größten Gefahr. Von außen wütete der Feind, im Innern der Streit zwischen Volk und Senat. Endlich ward eine Gesandtschaft der vornehmsten Patrizier an ihn abgeordnet, kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Dann wurden Priester mit allen Zeichen ihrer Würde abgeschickt. Coriolanus empfing sie mit großer Ehrerbietung, doch auch sie richteten nichts aus. Endlich gingen Vetúria, die Mutter des Coriolanus, und dessen Gemahlin Volúmnia mit seinen Kindern nebst anderen römischen Matronen ins volskische Lager. Als Coriolanus von ihrer Ankunft hörte, eilte er auf seine Mutter zu, um sie zu umarmen. Allein Veturia wies seine Umarmung ab, voll Zorn und Schmerz brach sie in laute und bittere Klagen aus über des Sohnes frevelhaften Krieg, über des Vaterlandes Not und das eigene Unglück die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Tief erschüttert gab Coriolanus nach. „Mutter,“ rief er, „das Vaterland hast du gerettet, aber deinen Sohn verloren!“ Er verließ mit dem Heer der Volsker das römische Gebiet und kehrte nach Antium zurück. Dort soll er bald darauf von dem erzürnten Volk erschlagen worden sein, nach einer anderen Sage aber als Verbannter ein hohes Alter in der freudelosen Fremde erreicht haben.

XI. Untergang der Fabier. (477 v. Chr.)

Auch nach dem Abzuge des Coriolanus hörten die inneren Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern in Rom nicht auf; jene suchten ihre Vorrechte unverkürzt zu behaupten, diese forderten, unter der Führung ihrer Tribunen, immer lebhafter eine rechtliche Gleichstellung. Insbesondere erbitterte es die Plebejer, daß alles Land, welches den besiegten Feinden entrissen und Eigentum des römischen Volkes ward (ager publicus „Gemeinland“), ausschließlich den Patriziern gegen eine geringe Abgabe in Erbpacht gegeben wurde. Gegen ihre billige Forderung, daß der Vorteil aus solcher Kriegsbeute allen Bürgern gleichmäßig zufallen sollte, sträubte sich besonders das adelstolze zahlreiche Geschlecht der Fabier, und gegen sie war der Unwille des Volkes vorzugsweise gerichtet. Sieben Jahre nach einander, von 485–479 v. Chr., bekleidete jedesmal ein Fabier das Konsulat. Nun brach im Jahre 483 ein Krieg mit Veji, einer benachbarten Stadt Etruriens, aus. In den beiden ersten Jahren geschah nichts Erhebliches, aber im dritten ereignete sich Schmachvolles. Das größtenteils aus Plebejern bestehende Heer folgte seinem Feldherrn, dem Käso Fabius, mit Ingrimm; ihm zum Trotze wich es im Kampfe, gab das Lager dem Feinde preis und floh in größter Unordnung nach Rom. Da beschlossen die Fabier, ohnmächtig gegen des Volkes Haß und Starrsinn, sich mit ihm auszusöhnen. So gelobten die Soldaten dem Marcus Fabius Gehorsam und Sieg; sein Bruder Quintus fiel in einer Schlacht gegen die Etrusker, und ebenso der andere Konsul, aber Marcus trug einen glänzenden Sieg davon. Der Senat bewilligte ihm einen Triumph, den er jedoch wegen des Todes seines Bruders und seines Kollegen ablehnte. Die verwundeten Plebejer verteilte er in die patrizischen Häuser, viele nahm sein eigenes Geschlecht auf und verpflegte sie aufs beste. Seitdem waren die Fabier des Volkes Lieblinge, und Käso Fabius wurde zum dritten Male Konsul.

Dieser Mann forderte die Patrizier auf, einen Teil des jüngst gewonnenen Gemeinlandes unter die armen Bürger zu verteilen, aber vergeblich; er zog sich dadurch nur den Haß seiner Stammesgenossen zu. Um so mehr vertrauten ihm die Plebejer. Noch immer dauerte der Kampf mit den Vejentern fort, die, wenn ihnen gerade kein Heer gegenüberstand, Streifzüge in das römische Gebiet unternahmen. Da faßten Käso Fabius und sein ganzes Geschlecht den Entschluß mit ihren Schützlingen und Anhängern (Klienten) die Vaterstadt zu verlassen und für das Wohl des Staates auf eigene Hand den Grenzkrieg gegen Veji zu übernehmen. Als sich die Kunde von diesem Entschlusse durch die Stadt verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel, und das Volk erhob die Fabier bis in den Himmel. Unter Gebeten und Segenswünschen zogen nun die Fabier, 306 Helden, alle Patrizier, alle aus einem Geschlecht, jeder des Feldherrnamtes würdig, mit ihrem Gefolge von etwa 4000 Männern, durch das carmentalische Tor bis an das Flüßchen Crémera, wo sie sich niederließen und verschanzten (479 v. Chr.).

Drei Jahre lang führten sie dort den Grenzkrieg gegen die Etrusker mit Glück; die ganze vejentische Landschaft bis in die fernsten Winkel wurde von ihren Streifzügen heimgesucht, und manches Treffen im offenen Felde von ihnen gewonnen. Das Glück machte sie kühn und sicher, zuletzt sorglos. Einst wurden Rinderherden unter schwacher Bedeckung an ihnen vorbeigetrieben. Durch diese ließen sie sich auf eine Bergweide locken, wo aus den Waldhöhen umher viele Tausende bewaffneter Feinde sich verborgen hatten. Die Hüter des Viehes entflohen zum Schein; die Römer, den Rindern nachjagend, zerstreuten sich und gerieten immer tiefer in die verderbliche Talenge, als plötzlich von allen Seiten Schlachtruf erscholl, und ein Hagel von Wurfgeschossen auf sie niederfiel. Die Übermacht der Feinde umdrängte sie und immer enger ward der Kreis, in den sie sich zusammenziehen mußten. Nachdem sie lange gegen den von allen Seiten andringenden Feind gefochten hatten, wandten sie sich endlich insgesamt in keilförmiger Aufstellung nach einer Richtung hin und bahnten sich, durch die Macht ihrer Leiber und Waffen, den Weg nach einer nahen Anhöhe. Hier bestanden sie den Kampf gegen die nachstürmenden Feinde, bis diese auf einem Umweg den Gipfel des Berges im Rücken der Römer erstiegen, von wo sie, Steinblöcke und Geschosse hinabschleudernd, die Helden alle bis auf den letzten erschlugen. Der Tag, an dem dies geschah, war der 18. Juli des Jahres 477 v. Chr. und blieb im Andenken der Römer auf immer ein Unglückstag, der in stiller Trauer begangen ward. Auch das carmentalische Tor, durch welches die Fabier aus Rom gezogen waren, galt fortan für unheilbringend. Nur ein Sprößling des Geschlechts, ein noch unmündiger Knabe, soll in Rom zurückgeblieben sein, von dem das spätere fabische Geschlecht abstammte.

XII. Appius Claudius und die Decemvirn. (451–449 v. Chr.)

Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze. Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter ihrem Tribunen Terentilius Harsa durch, daß zu ihrem Schutze gegen die Willkür der Patrizier geschriebene Gesetze aufgestellt werden sollten (453 v. Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen Städte Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten Gesetze zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn Männern (decemvirn) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen auswählen sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu gleicher Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt betraut, sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter diesen Zehnmännern oder Decemvirn war Appius Claudius der angesehenste und einflußreichste.

Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer, die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre Pflicht versäumten aus Unwillen gegen die Decemvirn, geschlagen. Als der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte, rückte das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere befand sich ein alter Hauptmann, Siccius Dentatus, der in vielen Schlachten gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn Bürgern im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche Narben schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen Ketten, Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten zuteil geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der Decemvirn empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer zweiten Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen Rechte wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten, beschlossen sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar gedungener Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues Lager zu suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den ahnungslosen Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu fällen, und um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner Notwehr hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius sei mit einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten und tapfer kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen: da wurde der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur Römer um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach Rom tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen kriegerischen Ehren anordneten.

So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie veranlaßte. Appius hatte die schöne Virginia, die Tochter eines Plebejers, des Virginius, und Braut des Icilius gesehen und strebte nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende Versprechungen zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen seiner Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben und als sein Eigentum zurückzufordern.

Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius führte, von dem er sie sich nun als Eigentum zusprechen ließ. Auf das Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage, sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war auf dem Wege nach Rom.

Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt, die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren, den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen. Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude, ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief: „Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach Rom zurück, als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.

Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.

XIII. M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.

Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt Veji, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger Kampf (405–396 v. Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt Veji endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus Furius Camillus.

Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt einen Sold aus der Staatskasse erhielten.

In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser Not ward M. Furius Camillus zum Diktator gewählt. So hieß bei den Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten, und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen Obrigkeiten aufhörte.

Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter standen, vor Veji, schloß die Stadt ein und erbaute rings umher eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte. Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die Antwort des delphischen Orakels überein.

Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus, ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin. Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte, während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, der werde siegen, welcher der Göttin das Opferfleisch zerlege. Kaum hörten dies die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor, raubten das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich verbreiteten sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in die Stadt, um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde gekämpft und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet, bis der Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die dem Blutbade entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so überschwänglich war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie überschaute, mit gen Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet haben soll, daß, wenn ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische Volk nur mit einem kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom feierte der Sieger einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.

Auch die Stadt Falerii, die es mit den Vejentern gehalten hatte, unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten anfangs die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf steilen Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich in die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte. Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn. Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden in Rom einen billigen Frieden.

In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und Klienten, ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter, daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die folgende Geschichte lehrt.

Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser Zeit zahlreiche Schwärme des großen keltischen oder gallischen Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen und dem Apennin, welche dann nach ihnen Gallia cisalpina (Gallien diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden, drangen sie bald in neuen Scharen unter König Brennus über das Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward, gegen Rom vor. Am Flüßchen Allia stießen sie auf das römische Heer, das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten, daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.

Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf (389 v. Chr.).

Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten. Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner Jüngling, Pontius Cominius. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war, und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen. In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten, bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse, die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den M. Manlius aus dem Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte, in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt, die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe gestürzt.

Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden, und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe, und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators, Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen, nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann. Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte: „Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms zweiten Gründer.

Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief: „Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile der Neubau geschehen war.

Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.

XIV. Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. — M. Curtius.

Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen Titus Manlius und Marcus Valerius durch Heldenmut und Heldentaten aus.

Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde den aus Draht gewundenen Halsring (torques), den jener nach gallischer Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte, bekam er den Beinamen Torquatus. Die Gallier aber wurden durch diesen Ausgang des Zweikampfes so mutlos, daß sie in der folgenden Nacht ihr Lager verließen und nach Campanien abzogen.

Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in einer sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere zuerst angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und forderte den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn Marcus Valerius an und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen Schutze der Götter. Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein Rabe auf den Helm des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung ansah. Während des Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen Flügelschlag und hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde dieser so außer Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe erlegte. Um den Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner Kampf der beiden Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden. Valerius aber erhielt von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).

Im Jahre 362 v. Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein, den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, Marcus Curtius, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck hervor, mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste Kleinode seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als Opfer. Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den Abgrund, während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben ihm nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.

XV. Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.

Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und Vertreter zu wählen, erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen Licinius Stolo und Lucius Sextius waren es, welche den Plebejern dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise erzählt.

Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren, vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und Stande die gleiche Ehre zuteil werde.

Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch, während sie selbst vom Volk immer wieder von neuem zu Tribunen gewählt wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367 v. Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der erste plebejische Konsul hervor (366).

Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates, das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme Plebejer verteilt werden sollte.

Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf. Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das waren 1. die Prätur, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die Ädilen übten die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3. Die Quästoren verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren, die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei Zensoren gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren, Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung der Bürger (census, daher ihr Name censōres) beendigt, so legten sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.

XVI. Die zwei ersten Samniterkriege. — P. Decius. — Papirius Cursor. — Der Samniter Pontius.

Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343–290 v. Chr. dauerte.

In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343–340) zogen zwei Heere unter den beiden Konsuln M. Valerius Corvus und A. Cornelius Cossus ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge Gaurus, auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.

Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P. Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann, einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen, beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen, machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte. Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage; denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen. Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und Belagerung befreit hatte.

Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei Suéssula führte den Frieden herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung eines Kampfes mit den Latinern (s. XVII) veranlaßte die Anlage einer römischen Kolonie in der Grenzstadt Fregellä den zweiten Samniterkrieg (326–304).

Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens vermehrt hatte, den Papirius Cursor zum Diktator gewählt. Allein abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf. Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten (magister equitum) Fabius Rullianus während seiner Abwesenheit ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen. Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab es keine Berufung (provocatio) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte. Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.

In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des Veturius Calvinus und Spurius Postumius in den caudinischen Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln lagerten bei Calatia in Campanien. Darauf gründete Gavius Pontius, der Feldherr der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria, eine von den Römern in Apulien angelegte Festung, belagere. Um dieser wichtigen Stadt schleunige Hilfe zu leisten, schlugen die Konsuln den kürzesten Weg ein, der durch die caudinischen Pässe führte. So nannte man ein tiefes Wiesental, nicht weit von Caudium, einer Stadt der Samniter, das rings von hohen bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war und nur einen schmalen Eingang und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum hatte Pontius sein Heer in den Wäldern versteckt, und ohne Arges zu ahnen, gingen die unvorsichtigen Konsuln in die ihnen gelegte Falle.

In langem Zuge rückten die Legionen mit allem Troß durch das Tal hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben Augenblick bemerkten sie, daß die Höhen ringsum von bewaffneten Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten. Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte, daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er, „entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen, oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.

Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten, dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde, Knechte, alle Habe außer dem Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte, Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.

XVII. Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius. Die beiden Decius Mus.

Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T. Manlius rief den Jupiter, in dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den Krieg gegen die Latiner.

Die Konsuln Titus Manlius und Decius Mūs zogen mit zwei Heeren ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden Schlacht. Als die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die Konsuln, bei Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in ein Gefecht einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem Befehle zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde zu beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres durch den Liktor enthaupten.

Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt. Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte, mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank. Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch die geschickte Führung des Manlius einen vollständigen Sieg. Noch zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).

Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn Publius Decius, im dritten samnitischen Kriege (298–290), den Todesgöttern. In der Schlacht bei Sentinum (295) hatte er schon zweimal die Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden waren, zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren Streitwagen machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer in Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch den Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem er die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht am Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen. Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der vollständigen Niederlage des Feindes.

XVIII. Pyrrhus, König von Epirus.

Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht; Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt, Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.

Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde, erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte, und bemerkten die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius: „Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches, unkriegerisches Volk waren, so riefen sie Pyrrhus, den König von Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst, der sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete, wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.

Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft; aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen Gelage und sonstige Lustbarkeiten.

Die erste Schlacht mit den Römern erfolgte bei Heraklea in Lucanien (280). Als Pyrrhus vorher das Lager der Römer betrachtete, soll er ausgerufen haben: „Die Lagerordnung dieser Barbaren ist durchaus nicht barbarisch; bald werden wir auch ihre Taten kennen lernen.“ Die heiße Schlacht, welche nun entbrannte, in der dem König selbst ein Roß unter dem Leibe getötet ward, wurde endlich durch den Ungestüm der auf die Römer eindringenden Elefanten zum Vorteil des Pyrrhus entschieden. Als er das Schlachtfeld in Augenschein nahm und die Leichen der Römer betrachtete, die alle mit Wunden auf der Brust dalagen, soll er gesagt haben: „Mit solchen Kriegern wäre die Welt mein, und sie gehörte den Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre!“ Auch ließ er ihre Toten zusammen mit den seinigen bestatten; den Gefangenen bot er an unter ihm zu dienen, und als sie sich weigerten, behandelte er sie dennoch mit großer Milde.

Obschon der König den Sieg errungen hatte, sandte er doch den Kineas, einen Mann von großer Klugheit und Beredsamkeit, nach Rom, um die Römer zum Frieden zu stimmen. Dieser bot alle Kraft seiner Rede auf; der Senat war schwankend und verbrachte mehrere Tage mit Beratungen. Da ließ sich der alte blinde Appius Claudius, der seit Jahren den Senat nicht mehr besucht hatte, auf einer Sänfte in den Senat tragen, wo er die Ratsherren wegen ihrer Unschlüssigkeit und Neigung zum Frieden heftig anließ. „Bis heute,“ sagte er, „habe ich immer den Verlust meiner Augen beklagt, jetzt aber wünsche ich auch noch taub zu sein, um so Unwürdiges nicht hören zu müssen.“ Da schlug die Strömung um. Dem Kineas wurde befohlen, die Stadt zu verlassen und seinem König zu sagen, daß an Frieden und Freundschaft mit ihm nicht zu denken sei, bevor er nicht Italien verlassen hätte. Erstaunt über so stolze Antwort der Besiegten, soll der König den Kineas gefragt haben, welchen Eindruck die Stadt Rom und der Senat auf ihn gemacht hätten. „Mir erschien“, antwortete jener, „die Stadt gleichwie ein Tempel, der Senat aber gleich einer Versammlung von Königen.“

Nach der Schlacht bei Heraklea war Pyrrhus bis in die Nähe von Rom vorgedrungen, zog sich dann aber, ohne einen Angriff auf die Stadt zu wagen, wieder nach Tarent zurück. Um diese Zeit schickten die Römer drei Gesandte zu ihm, um über eine Auswechselung der Gefangenen zu unterhandeln, unter ihnen den Gajus Fabricius Luscínus, einen zwar armen, aber stolzen und unbeugsamen Senator. Der König empfing die Gesandten sehr freundlich und hoffte, daß sie ihn um Frieden bitten würden; doch sie sprachen nur von der Auslösung der Gefangenen. Dieses Begehren schlug er ihnen zwar ab, unterredete sich aber insgeheim mit Fabricius, den er seiner Armut wegen zu bestechen hoffte. Allein der Römer wies des Königs Versprechungen und Geschenke mit stolzer Verachtung zurück. Am folgenden Tage gedachte Pyrrhus seinen Mut auf eine Probe zu stellen. Er verbarg seinen größten Elefanten hinter einem Vorhang des Zeltes, worin er den Römer empfing. Auf ein gegebenes Zeichen mußte das ungeheure Tier ein Gebrüll erheben und seinen Rüssel über den Kopf des Fabricius ausstrecken. Aber Fabricius blieb unerschüttert. Lächelnd sagte er zum König: „So wenig mich gestern dein Gold verlockt hat, so wenig schreckt mich heute dein Tier.“ Erfüllt von Bewunderung eines so reinen und so unerschrockenen Charakters, und um ihm einen Beweis seiner Hochachtung zu geben, gewährte der König allen Gefangenen einen Urlaub, um nach Rom zu gehen und dort das Fest der Saturnalien zu feiern. Wenn der Senat seine Friedensbedingungen annehme, sollten sie frei sein, wo nicht, so sollten sie geloben, in die Gefangenschaft zurückzukehren. Und keiner von ihnen blieb aus, als der Senat die Bedingungen verworfen hatte.

Auch die zweite Schlacht bei Askulum in Apulien (279) gewann Pyrrhus, erlitt aber so starke Verluste, daß er denen, welche ihm zu seinem Siege Glück wünschten, erwiderte: „Noch einen solchen Sieg, und ich bin verloren!“ Abermals sandte er den Kineas nach Rom, um über den Frieden zu unterhandeln, und mit ihm alle Gefangenen reichlich beschenkt und bekleidet. Aber vergeblich machte dieser bei angesehenen Männern und Frauen die Runde und bot Geschenke von Gold und kostbarem Schmuck, um die Gemüter für den Frieden zu stimmen. Der Senat beharrte bei dem Entschlusse nicht eher mit Pyrrhus zu unterhandeln, als bis er Italien verlassen hätte.

Im folgenden Jahre (278) gab Gajus Fabricius als Konsul abermals einen Beweis seines edlen Sinnes. Er erhielt eines Tages einen Brief vom Leibarzte des Königs, worin sich dieser erbot gegen eine ansehnliche Belohnung seinen Herrn zu vergiften. Aber Fabricius, voll Abscheu über solchen Verrat, entdeckte die Sache dem König. Über diese Redlichkeit erstaunt, rief Pyrrhus aus: „Es ist schwerer den Fabricius von seiner Rechtschaffenheit abzubringen, als die Sonne von ihrem Laufe!“ Sogleich gab er alle römischen Gefangenen, die er noch hatte, ohne Lösegeld frei, und die Römer, um sich nicht an Großmut übertreffen zu lassen, schickten ihm ebenso viele Gefangene zurück.

Da Pyrrhus keine Hoffnung mehr hatte den Krieg auf eine für ihn rühmliche Weise zu beendigen, so war ihm eine Einladung der Syrakusaner, die ihn gegen die Karthager zu Hilfe riefen, sehr willkommen. Auch in Sizilien war er anfangs glücklich; zuletzt aber nahm der Krieg eine für ihn so ungünstige Wendung, daß er auf den Ruf der Tarentiner gern nach Italien zurückkehrte (276).

Damals führte Curius Dentatus den Oberbefehl über das römische Heer. Dieser Mann war ein vollkommenes Muster von Mäßigkeit und freiwilliger Armut. Einst kamen Gesandte der Samniter zu ihm, um ihn durch eine große Geldsumme für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie fanden ihn, als er gerade am Herde saß und sich selbst sein Rübengericht bereitete. Trotz seiner Armut wies er das Angebot zurück, indem er sagte, es sei angenehmer über solche, welche Gold besäßen, zu herrschen, als es selbst zu besitzen. Nur zwei Reitknechte begleiteten ihn ins Feld, und seine Töchter mußten auf Staatskosten ausgestattet werden. Diesem Feldherrn gelang es endlich den Pyrrhus zu schlagen und aus Italien zu vertreiben. Er hatte bei Beneventum eine feste Stellung eingenommen, als ihn Pyrrhus angriff (275). Diesmal ließen sich die Römer durch die Elefanten nicht schrecken. Sie empfingen die anrennenden Ungetüme mit Brandpfeilen, wodurch diese gereizt und verwirrt sich rückwärts auf die Reihen der Feinde warfen und in völlige Unordnung brachten. Damit war der Sieg der Römer entschieden. Das Lager des Königs mit vieler Beute, darunter vier Elefanten, fiel in ihre Hände. Jetzt mußte sich Pyrrhus entschließen Italien zu verlassen; er kehrte mit wenigen Reitern nach Tarent zurück und schiffte bald nachher nach Epirus über.

Sein unruhiger, kampflustiger Sinn trieb ihn bald in neue Kriege. Einst drang er bei dunkler Nacht in die Stadt Argos im Peloponnes ein; da ward er im Straßenkampf von einem Stein, den eine alte Frau auf ihn schleuderte, tödlich getroffen (272). In dem Jahre seines Todes mußte sich Tarent an die Römer ergeben. Nachdem diese in den nächsten Jahren auch das übrige Süditalien sich unterworfen hatten, waren sie die Herren der ganzen Halbinsel bis nordwärts zum Gebiet der Gallier.

XIX. Der erste punische Krieg (264–241). Gajus Duilius. M. Atilius Regulus.

Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen. Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel, behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die Karthager oder Punier geführt ward, der erste punische Krieg genannt wird.

Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie in sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren Schiffen, wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum Muster diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln Gajus Duilius und Cornelius Scipio. Da diese einsahen, daß ihre Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe genug gekommen war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete, auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen konnte.

Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und, nach einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in Messana eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul Duilius — der andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den Puniern überrascht und gefangen worden — der karthagischen Flotte, die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht. Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte, was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.

Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul Marcus Atilius Régulus durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken versiegelt.“

Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. Xánthippus, ein erfahrener griechischer Heerführer, war den Karthagern von Sparta aus zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.

Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre, den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben, vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago zurück.

Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn, wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern. Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war, die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.

Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre. In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an Hámilkar mit dem Beinamen Barkas („Blitz“), der sich im Nordwesten Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer siegreich behauptete, bis der Seesieg des Lutatius Cátulus bei den ägatischen Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241). Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).

XX. Der zweite punische Krieg (219–201). Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten.

Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien (Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie ist ein Schwur treuer gehalten worden.

Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein Eidam Hásdrubal den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande in der von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus (Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von Valencia), in ihren Schutz nahmen.

Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt; Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk zu Karthago bestätigten die Wahl.

Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren, mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden, Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers, noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde, fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten, und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.

Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres trat (221 v. Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.

Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt Saguntum nicht anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht darum, sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer von der Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten sie eine Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu erinnern. Der aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu bescheiden, daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften anzuhören. Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago. Inzwischen erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung. Unter dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).

Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach Karthago, an deren Spitze Quintus Fabius stand. Sie sollte die Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und Frieden: nehmt was ihr wollt!“ — „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen, „was ihr uns gebt.“ — „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und Krieger herausschüttete.

So begann der zweite punische Krieg, der achtzehn Jahre (219–201) hindurch Italien, Spanien und Afrika verwüstete, Rom an den Rand des Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage Karthagos endete.

2. Hannibals Zug nach Italien.

Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan, in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes, größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen, teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).

Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß, Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.

Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten, ließ er eine Truppe von 11000 Mann zurück, während er noch andere 11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte, nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und 9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen Avignon.

Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen. Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal sein ganzes Heer mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom führen und jenseits ein Lager schlagen.

Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die Furcht selbst sie ruhig machte.

Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen, während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu bestehen.

Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen mitten durch zahlreiche Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten, vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete, die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor, Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.

Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb, weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.

Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges. Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf die Hochfläche des Passes.

Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren entmutigten Truppen gewährte hier der Feldherr eine kurze Rast, die er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber die vorgerückte Jahreszeit — es war schon Anfang September — brachte neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte; haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege boten.

So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden, so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.

3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia (218).

Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600 Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone, als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren Teile des Heeres nach Spanien, während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte, um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis an den Ticīnus (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen. Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen. Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander. Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk, das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.

In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den Po zurück und nahm an dem rechten Ufer des Trébia, eines kleinen Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer bloß abwehrenden Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders Mago.

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