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Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form

Rom als Republik. (continued 2)

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Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war, langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt, so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der Ermattung und dem Hunger erlagen.

Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet, ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren. Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen. Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück; dann kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet. Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia; die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war, um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.

Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen. Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.

4. Schlacht am trasimenischen See (217).

Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf. Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen, alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte, die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren von den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere. Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte, meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann, dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen, verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.

Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen, wo der trasimenische See (lago di Perugia) nahe an die Berge von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an. Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend ausgekundschaftet zu haben, durch die enge Straße in die mittlere Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren, erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner (socii) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon nach der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der Befreier Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei auf den Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.

Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht; Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit: „Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“

Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der eine Konsul tot, der andere fern war, in eines Mannes Hand mit unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu ernennen. Die Wahl fiel auf Fabius Maximus, der sich den Minucius Rufus als Reiterobersten zugesellte.

5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.

Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden, blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn als Feind.

Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht. Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.

Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben, ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.

In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte, unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den Zauderer (cunctator) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst Minucius den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward. Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius, der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde, sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte. „So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke, die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.

Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte Dichter jener Zeit, Quintus Ennius, pries ihn mit dem Verse:

Ein Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.

6. Die Schlacht bei Cannä (216).

Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile; sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen und kriegserfahrenen L. Ämilius Paullus stand der beim Volk beliebte, aber ebenso anmaßende wie unfähige G. Terentius Varro.

Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000 Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei Cannä (zwischen den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte, den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000 Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.

Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse, die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.

Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt. Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen, wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie, die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte. Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen, wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000 Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000 Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf punischer Seite, kaum 6000 Mann.

Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet. So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius, ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt. Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden, damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“ Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der Gallier und wurde völlig vernichtet.

Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß er am Vaterlande nicht verzweifelte.

Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele, welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden, und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“

7. Hannibal und Marcellus.

Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua, deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.

Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden ausgehoben, und der Prätor Claudius Marcellus war der Erste, unter dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte allmählich zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den Marcellus ihr Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei Nola in Campanien und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt. Anfangs hielt er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern, dann machte er Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt überfiel er die Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere Tausende. Im folgenden Jahre (215) kam es vor Nola zu einer förmlichen Schlacht, in welcher Marcellus den ersten vollständigen Sieg über die Punier erfocht.

Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und blühende Stadt Syrakus nach dem Tode ihres Königs Hiero, des treuen Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus hatte den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog sich bis ins dritte Jahr hin (214–212). Von zwei Seiten, vom Lande und vom Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der Stadt, der große Mathematiker Archimēdes, erfand Maschinen, durch die er die Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und alle ihre Versuche vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von Geschützen, welche die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen; in die Mauer brach er von unten bis oben breite Schießscharten, durch welche die Verteidiger mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind ungesehen überschütteten. Wenn römische Schiffe in die Nähe kamen, so ließ er eiserne Ketten mit Haken herab, zog durch Hebelkräfte die Schiffe in die Höhe und stürzte sie dann wieder ins Meer hinab. Auch soll er Brennspiegel erfunden haben, um die feindlichen Schiffe anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte er den Römern furchtbare Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß zuletzt alle, wenn nur ein Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte, eiligst die Flucht ergriffen. Aber endlich wurde Marcellus doch auf folgende Weise Herr der Stadt.

Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten, erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle, töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor, durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben, Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert. Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt. Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“ rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.

Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch Verrat genommen (212), dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging, er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor den Toren!“

Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten, dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft, und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.

Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt, führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem ihm gelegten Hinterhalt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius — es war das fünfte Konsulat des 80jährigen Helden — erstürmt und mit furchtbarer Härte für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu schützen, kam zu spät.

8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama. (202).

Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten, in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207, das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte, stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand. Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“

In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit drei Jahren in Norditalien sich festgesetzt und behauptet hatte, heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.

In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald 90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz, den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.

Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war Publius Cornelius Scipio, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten, nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre 211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.

Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten. Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier ist deine Braut“, sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius, von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen, ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch durch Milde und Wohltun alles besiegt.“

Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt, teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet, ihren Feldherrn Hannibal zurück.

Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei Zama, fünf Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht wünschte er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine Unterredung mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward ihm gewährt. Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn zusammen. Sie gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß sie sich eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich noch niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in ihrem Äußeren weit verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen. Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.

Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische Reiterei, auf dem rechten Massinissa, der mit den Römern verbündete König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen Reiter. Auch Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn, gedeckt durch die Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen, hinter diesen die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er aus Italien hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich die Reitergeschwader.

Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang, die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden ersten Linie der Römer im Wege und hinderten sie im weiteren Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.

Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47 Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10 aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen Reiches (imperium) unter der Verwaltung römischer Statthalter. Nicht lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres unter die Hoheit dieses Reiches.

Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen Africanus.

9. Hannibals und Scipios Ausgänge.

Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb. Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die, von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland und ging zu Antiochus, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe er aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein römisches Heer dort erschien und ihn bei Thermopylä besiegte, worauf er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im folgenden Jahre der römische Konsul Lucius Cornelius Scipio entgegen, dem sein Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater und eigentlicher Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende Schlacht erfolgte in Lydien bei Magnesia am Berge Sípylos (190).

Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen. Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand, drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.

Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über 70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu Prúsias, dem König von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.

Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung Hannibals. Der König scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind, den Rom je zu bestehen hatte.

In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst seinem Bruder, auf Anstiften des Cato, angeklagt, sie wären von Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren, und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück. Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum Tempel des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag seines Triumphes.

Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier. Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch meine Gebeine sollst du nicht haben!“

XXI. Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. — Der jüngere Scipio Africanus. Karthagos Zerstörung.

Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren, dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus, den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten war, in der Schlacht bei Kynosképhalä in Thessalien, wo die berühmte makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von Quinctius Flamininus geschlagen worden (197). Im Frieden mußte Philippus alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und keinen Tribut bezahlen.

König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem neuen Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne Perseus zum Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den ersten Jahren sehr lässig, und erst Ämilius Paullus erzwang durch den entscheidenden Sieg bei Pydna die Unterwerfung Makedoniens (168).

Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst als Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung sich in die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen seiner Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion die Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in einer Stunde entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den Römern zu ergeben.

Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren, darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt die kunstvollsten Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden 400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das siegreiche Heer.

Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.

Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte, welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm, Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben, fiel dem Publius Cornelius Scipio Ämilianus zu.

Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise, von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft. Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.

Massinissa, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos aufreizte, war der schon oben (S. 90) erwähnte Marcus Porcius Cato.

Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung. Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb, zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte. Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt, die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung. Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er: „Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“ Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen Vorschlag zu gewinnen.

Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht, daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl, von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu beginnen (149).

Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung. Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln, Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten, und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen) belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich gemacht werden.

Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle, und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten. Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten Angriff zurückzutreiben.

Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen, die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde, 300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig neue Kriegsschiffe wurden gebaut.

Die Konsuln hatten indessen mit ihrem Angriff gezögert. Als sie endlich heranrückten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, wurden sie zurückgeschlagen. Außerdem war Hasdrubal, ein verbannter Karthager, mit 20000 Vertriebenen zurückgekehrt. So verteidigten sich die Karthager zwei Jahre lang (149–147) mit verzweifeltem Mute, und alle Anstrengungen der römischen Feldherren blieben ohne Erfolg.

Da wählten die Römer, des langen Zauderns müde, den P. Cornelius Scipio zum Konsul und übertrugen ihm den Oberbefehl gegen Karthago. Scipio fand ein zuchtloses und träges Heer; die Herstellung der Kriegszucht war daher seine erste Sorge. Dann legte er große Wälle und Dämme an, um den Karthagern die Zufuhr vom Lande und von der Seeseite her abzuschneiden. Aber die Karthager gruben auf der inneren Seite des Hafens eine neue Mündung ins Meer hinaus. Da sie die Arbeit ganz geheim betrieben hatten, so erstaunten die Belagerer nicht wenig, als sie eines Tages die Feinde mit 50 Kriegsschiffen heranfahren sahen. Scipio schlug sie jedoch in einem Seegefechte, und machte nun Anstalt zur Bestürmung der Stadt und rückte an die Mauer. Im Frühling des Jahres 146 erstürmte er zuerst den unteren Teil der Stadt, der an die Häfen stieß, während die Burg Byrsa und die zunächst anstoßenden Straßen noch von Feinden besetzt blieben. Hier waren die Häuser am höchsten und ein jedes mußte von den Römern, während die Punier Geschosse jeder Art schleuderten, mit stürmender Hand genommen werden. In den Straßen, in den Häusern, sogar auf den Dächern wurde gekämpft. Und als nun die äußerste Häuserreihe genommen war, befahl Scipio das ganze Quartier anzuzünden, um einen freien Raum für die Bestürmung der Burg selbst zu gewinnen. Sechs Tage vergingen, ehe die entsetzliche Verwüstung vollendet und die Trümmer- und Leichenhaufen weggeräumt waren. Am siebenten Tage kamen 25000 Frauen aus der Burg herab und baten um Schonung ihres Lebens. Scipio bewilligte ihre Bitte. Darauf kamen 30000 Männer und verlangten dieselbe Gnade. Noch wollte Hasdrubal, der Befehlshaber der Burg, nichts von Übergabe wissen. Mit Weib und Kind und mit 900 römischen Überläufern zog er sich zuletzt in das hohe Tempelgebäude des Äsculapius (des Gottes der Heilkunst) zurück. Als aber die Römer auch bis zu dieser äußersten Höhe herangerückt waren, verließ ihn der Mut. Ohne Mitwissen der anderen kam er mit einem Ölzweige in der Hand und bat zu Scipios Füßen um Frieden. Seine Gattin und die übrigen zündeten den Tempel an und stürzten sich in die Flammen. Die noch nicht zerstörten Teile der Stadt wurden darauf zur Plünderung den Truppen preisgegeben; nur die Beute der Tempel an Gold, Silber und Kunstwerken behielt Scipio für den öffentlichen Schatz. Die meisten Einwohner wurden als Sklaven verkauft; viele, unter ihnen auch Hasdrubal, wurden als Gefangene an einzelne italische Städte verteilt und von diesen bis zu ihrem Tode in Haft gehalten. Der Senat beschloß, daß Karthago dem Erdboden gleich gemacht und jeder verflucht sein sollte, der je die Stätte desselben wieder bebauen würde. Nach diesem Beschluß wurden auch die noch stehenden Reste der Stadt angezündet. Siebzehn Tage brannte die vorher von 700000 Menschen bevölkerte, über 700 Jahre alte gewaltige Stadt. Eines Tages beschaute Scipio an der Seite seines Freundes, des griechischen Geschichtschreibers Polybios, von einer Anhöhe aus die rauchenden Trümmer der Stadt, deren Flotten einst die Meere beherrscht hatten. Eine tiefe Wehmut ergriff ihn, da er der Hinfälligkeit aller Menschenmacht und Menschenglückes gedachte, und er erinnerte sich und die Freunde jener Worte, die der Dichter Homer dem Priamos in den Mund legt:

Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt, Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.

Scipio erhielt von der Zerstörung Karthagos den Ehrennamen Africanus, und wird, um ihn von dem älteren Scipio, dem Sieger bei Zama, zu unterscheiden, der jüngere Afrikaner (Africanus minor) genannt. Das Gebiet Karthagos ward unter dem Namen Afrika eine römische Provinz.

In demselben Jahre, als Karthago fiel, wurde auch Makedonien in eine römische Provinz verwandelt, und auch das freie Griechenland infolge einer Empörung unter den Statthalter von Makedonien gestellt, nachdem die große und reiche Stadt Korinth durch den Konsul Mummius erobert und zerstört worden war (146).

Nachdem Scipio zwölf Jahre in Ruhe und Muße, mit den Wissenschaften beschäftigt, gelebt hatte, wurde ihm eine neue Gelegenheit zu kriegerischer Auszeichnung zuteil. Die Veranlassung zu diesem neuen siegreichen Feldzug bot der Kampf gegen die Stadt Numántia in Spanien.

In dieser Provinz hatte die Habsucht, die Willkür und rohe Grausamkeit der römischen Statthalter, von denen einer sogar wehrlos versammelte Einwohner, die sich unterwarfen, niederhauen ließ, eine allgemeine Empörung erregt. An die Spitze stellte sich Viriáthus, ein kühner Lusitanier. Gewöhnt an ein freies Leben im Gebirge, abgehärtet, gewandt, kräftig von Körper, keine Gefahr scheuend, geliebt von seinen Landsleuten, vertraut mit dem Boden seines bergigen Vaterlandes, verstand er sein Volk zum Kampf für die Freiheit zu begeistern. So verteidigte er sich acht Jahre lang (148–140) gegen die römischen Feldherren, bis er endlich durch Meuchelmord fiel.

Aber auch nach seinem Tode dauerte der Freiheitskampf der Spanier fort. Den heftigsten Widerstand leistete zuletzt die Stadt Numántia. Sie lag auf der altkastilischen Hochebene, am Flusse Durius (Dūero), auf steiler Höhe, von Talschluchten und Wäldern umgeben; Wälle und Gräben schützten den einzigen Zugang aus der Ebene. Die keltiberischen Einwohner, unter ihnen gegen 8000 wehrhafte Männer, waren wegen ihrer kriegerischen Tüchtigkeit bekannt. Schon sieben Jahre lang hatten sie sich gegen die römischen Angriffe behauptet, und in Rom begann man unruhig und besorgt zu werden. Man zieh die bisherigen Führer der Unfähigkeit oder des Verrats und meinte, nur Scipio, der Zerstörer Karthagos, könne hier helfen. So übertrug ihm das Volk den Heerbefehl in Spanien (134).

Bei seiner Ankunft im Lager fand er die Kriegszucht im Heere gänzlich erschlafft; im Lager wimmelte es von Krämern, Schenkwirten und Gesindel; die Soldaten lebten nur in Lust und Spiel. Die Herstellung der alten Mannszucht beschäftigte ihn daher ein ganzes Jahr. Er übte die der Arbeit entwöhnten Soldaten unaufhörlich und mit unerbittlicher Strenge im Lagerbau, Lasttragen, Marschieren, in Manövern und Streifzügen. Da er die Stadt auszuhungern gedachte, so vermied er einen Sturm, rückte aber immer näher an sie heran, schloß sie mit Wall und Graben ein und schnitt ihr so von allen Seiten die Zufuhr ab. Da der reißende Strom des Duero die Linie der Einschließung unterbrach und den Bau einer Brücke nicht zuließ, so baute er an beiden Ufern Kastelle, von denen aus schwere, mit Seilen aneinander hangende Balken, die rundum von Sicheln und eisernen Spitzen starrten, über das Wasser von einer Seite zur andern gespannt wurden, so daß man weder schwimmend noch fahrend den Fluß hinabkommen konnte. Das Heer hatte Scipio bis auf 60000 Mann gebracht und die Belagerten bei mehrmaligen Ausfällen mit großem Verlust zurückgeschlagen. Schon währte die Belagerung fünfzehn Monate; die Hungersnot wütete unter den Numantinern; Gras und das Lederwerk von den Waffen dienten zur Nahrung; man verzehrte Leichname, und die Mütter schlachteten zuletzt ihre Kinder. Endlich baten die Belagerten um Frieden. Aber Scipio verlangte Übergabe auf Gnade oder Ungnade. Die Gesandten, welche diesen Bescheid brachten, wurden von den verzweifelten Einwohnern erschlagen; dennoch blieb ihnen nichts anderes übrig. Sie öffneten die Tore, baten aber die Römer erst am dritten Tage einzuziehen. Diese Frist benutzte ein Teil der Einwohner sich durch freiwilligen Tod der Knechtschaft zu entziehen. Der kleine Rest, von Elend und Krankheit furchtbar entstellt, ergab sich dem Sieger. Sie wurden als Sklaven verkauft; nur fünfzig sparte Scipio für seinen Triumph auf. Die Stadt wurde gänzlich zerstört. Scipio erhielt von dieser Eroberung einen zweiten Beinamen, Numantīnus.

Als er nach Rom zurückgekehrt war, stand er in den dort ausgebrochenen blutigen Parteikämpfen auf der Seite des Adels gegen die von den Gracchen geführte Demokratie, bis er, wahrscheinlich ein Opfer des Parteihasses, starb. Nachdem er in einer Volksversammlung eine dem Volkswillen abgünstige Rede gehalten, fand man ihn am folgenden Tage tot im Bette; der Dolch eines Meuchelmörders hatte ihn getroffen (129). Wer die Tat verübt und auf wessen Anstiften, ist niemals aufgehellt worden.

XXII. Die beiden Gracchen.

Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen seine Ankläger angenommen hatte (S. 91), vermählte sich in der Folge mit dessen Tochter Cornelia. Einst, erzählt man, ergriff er auf seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde, dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er. Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen Tiberius und Gajus, und ihrer Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio Africanus vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den Besuch einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von Gold und kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia bat, sie möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen, da ließ die stolze Römerin ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese sind mein Schmuck, meine Kleinodien.“

Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, Tiberius Sempronius Gracchus, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse den Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch Pflichttreue und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die Mauer der Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem Konsul Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als dieser ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten, aufbrechen und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem ganzen Heere von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden gedrängt, die keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung verzweifelnd, schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten. So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen Mann unverletzt zu entlassen.

Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“, sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“

Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein. Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf, wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender Unzufriedenheit erfüllt war.

Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser für den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen neuen Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun jenes alte licinische Gesetz (S. 47), daß kein Bürger mehr als 500 Morgen des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (ager publicus) besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel. Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe. Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen, unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten; unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.

Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber auch den Haß und den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester, und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu eigen besitzen.“

Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen, der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat plötzlich ein anderer Tribun, Octavius, auf und hinderte durch seine Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber. Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn Tribunen dagegen Einspruch tat.

Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung, jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor dem Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3–4000 Menschen um ihn.

In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte, rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen; wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.

Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben. Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig. Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der endlich zum Untergang der Republik führen mußte.

Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete sogar manchen aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden, und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem und Purpurmantel überbracht habe.

Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern, seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen, erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ. Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da er aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte er mit der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr anzudeuten. Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren sogleich Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe Tiberius die Krone gefordert. Da sprang Scipio Nasīca, ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul, er solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul Mucius Scävola aber, ein Mann von strengem Rechtsgefühl und der Reform geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen. Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt, so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden — der Tribun Publius Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat — durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.

Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern (triumviri), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus, der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus erhielt, des homerischen Verses gedachte:

„So mags jedem ergehn, der solcherlei Taten verübt hat!“

Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat in den folgenden Parteikämpfen.

Gajus Sempronius Gracchus, neun Jahre jünger als sein Bruder Tiberius — er war im Jahre 153 geboren — lebte nach dessen Untergang in stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher, dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst, da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod wie der meinige beschieden.“

Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte, suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes, seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.

Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte, um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein Getreidegesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats- und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden. Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter (publicani) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in den Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden. Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.

Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen, Livius Drusus, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des Volkes entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in Italien selbst statt der überseeischen in Afrika, jenen noch bei weitem überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus die Genehmigung des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren suchte der Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus Abneigung und Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den Wünschen des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde, sobald jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich die schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum dritten Mal, während sein erbittertster Gegner Opimius Konsul ward.

Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte, erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“ Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung, das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt, schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor seiner Wohnung.

Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt, „vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (videant consules ne quid respublica detrimenti capiat): was die Befugnis bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.

Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus, unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das Schicksal deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert, zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder; ein Diener trug sie ins Haus zurück.

Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen, durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).

Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit enden sollten.

XXIII. Gajus Marius. — Jugurtha. — Cimbernkrieg.

Marius war der Sohn eines Landmanns aus Arpinum im Lande der Volsker. Aus niederem Stande entsprossen, wuchs er ohne allen Unterricht auf und war von rohen, derben Sitten. Frühzeitig entwickelte er eine ungewöhnliche Begabung für das Kriegswesen, sodaß er in der Folge einer der tüchtigsten Feldherren wurde. War er auch ohne gelehrte Bildung, so besaß er doch viel Verstand, rasche Fassung, große Rednergabe und eine glühende Begierde nach Ruhm. Seine ersten Kriegsdienste tat er vor Numantia unter dem Oberbefehl des Scipio, und schon damals erregte er durch seine militärische Begabung dessen Aufmerksamkeit. Als einst einige Freunde des Scipio fragten: „Wer wird dich uns ersetzen, wenn das Schicksal dich uns entreißen sollte?“ antwortete er, indem er Marius auf die Schulter klopfte: „Dieser hier!“ Nach Rom zurückgekehrt, erhielt Marius das Amt eines Volkstribunen und verteidigte als solcher die Rechte seiner Standesgenossen gegen die Partei der Optimaten, die er tödlich haßte, und die schon damals in ihm einen furchtbaren Gegner erkannten. Die erste Gelegenheit, selbständig als Feldherr aufzutreten und sich um sein Vaterland hochverdient zu machen, gab ihm der Krieg, den die Römer gegen Jugurtha, König von Numidien, führten. Zugleich zeigte dieser Krieg die Entartung der damaligen Römer, besonders die Habsucht und Bestechlichkeit der Optimaten.

Des Königs Massinissa Sohn Micipsa hatte vor seinem Tode das numidische Reich, das sich westlich von der römischen Provinz Afrika, die Küste entlang und südwärts bis zur Wüste erstreckte, unter seine beiden Söhne Adherbal und Hiémpsal und seinen Bruderssohn Jugurtha geteilt. Aber der herrschsüchtige Jugurtha, der nach dem Besitz des Ganzen trachtete, tötete bald darauf den Hiempsal und nötigte den Adherbal zur Flucht nach Rom. Hier aber hatte Jugurtha durch sein Gold schon viele Senatoren bestochen, sodaß an seine Bestrafung nicht gedacht, vielmehr das Reich in zwei Hälften geteilt ward, von denen Jugurtha die bessere erhielt. Auch damit noch nicht zufrieden, bekriegte er ohne alle Veranlassung den Adherbal und ließ ihn, nach Übergabe seiner Hauptstadt, ermorden. Da erst, nachdem bei dem Blutbad auch eine Anzahl römischer Bürger umgekommen waren, entschloß sich der Senat, durch die wachsende Erbitterung des Volkes geängstigt, den frechen Missetäter zu bestrafen (111).

Aber der Konsul Calpurnius Piso Bestia, der mit einem Heere nach Afrika übersetzte, und sein Legat, der vornehmste aller Senatoren, Ämilius Scaurus, ließen sich durch Jugurthas Gold gewinnen und bewilligten ihm einen Frieden, der den Besiegten nur zur Auslieferung seiner Elefanten und zur Zahlung einer Geldbuße verpflichtete. Solchem Beispiel des Konsuls folgten die unteren Führer der Truppen: einige lieferten dem Jugurtha die abgenommenen Elefanten wieder aus, andere verkauften ihm die Überläufer, und noch andere plünderten die Bewohner der Provinz Afrika. Als die Nachricht von diesem Vertrage nach Rom kam, erkannte man ohne Mühe den schmählichen Betrug, und ein Sturm des Unwillens erhob sich. Mit flammender Rede erwirkte der Tribun Gajus Memmius bei dem Volke den Beschluß, daß die Sache untersucht, die Schuldigen bestraft und Jugurtha selber in Rom erscheinen sollte, um sich vor dem Volke zu rechtfertigen. Unter der Zusage persönlicher Sicherheit kam Jugurtha nach Rom, ohne königlichen Schmuck, im Trauergewand, wie ein demütiger Angeklagter. Aber im geheimen begann er sofort seine Bestechungen von neuem. Da er wußte, daß jedes Unternehmen eines Tribunen vereitelt werden konnte, wenn sich ein anderer Tribun widersetzte, so brachte er den Tribunen Bäbius durch große Geldsummen auf seine Seite. In der Volksversammlung hielt ihm Memmius alle seine Verbrechen vor. Als er ihn aber aufforderte, seine Mitschuldigen zu nennen, fuhr Bäbius dazwischen und verbot dem König auf diese Frage zu antworten. So wurde das Volksgericht vereitelt.

Durch diesen Erfolg ermuntert, und im Vertrauen auf die Macht seines Goldes, trieb Jugurtha seine Frechheit noch weiter. In Rom hielt sich damals ein Enkel des Massinissa, Massiva, auf, der nach dem Sturze Jugurthas selber König von Numidien zu werden hoffte. Diesen ließ er durch einen seiner Vertrauten meuchlings beseitigen, und als der Mörder bestraft werden sollte, verhalf er ihm zur Flucht. Nun war auch die Geduld des Senates zu Ende. Der geschlossene Friede ward für ungültig erklärt, dem König aufs neue der Krieg angekündigt und befohlen sofort Rom und Italien zu verlassen. Als er die Stadt verließ, soll er sich wiederholt nach ihr umgewendet und zuletzt gesagt haben, die ganze Stadt wäre käuflich und dem Untergang verfallen, wenn sich nur ein Käufer fände, reich genug den Preis zu zahlen.

Aber der Wiederbeginn des Krieges brachte den Römern eine bittere Enttäuschung. Der neue Konsul Postumius Albinus war unfähig oder bestochen, das Heer zuchtlos und entartet. Und als während einer Abwesenheit des Konsuls sein Bruder den Oberbefehl führte, ließ er sich von dem schlauen Gegner in einen Hinterhalt locken, und wurde gezwungen mit dem Heere unter dem Joche abzuziehen und sogar die Räumung Numidiens zu versprechen (109).

Diese Schmach ertrug das römische Volk nicht. Der frühere und der damalige Führer des Heeres und viele mitschuldige Senatoren wurden wegen Landesverrat vor Gericht gestellt und in die Verbannung geschickt. Gegen Jugurtha aber sandte man den Konsul Q. Cäcilius Metellus, und G. Marius begleitete ihn als Legat (Unterfeldherr). Der unbestechliche Metellus stellte die Zucht des Heeres wieder her, führte den Krieg zwei Jahre lang mit allem Nachdruck, trieb den Jugurtha in die Enge und eroberte eine Stadt nach der andern, aber den Ruhm, den Krieg zu beendigen, wußte ihm der ehrgeizige Marius zu entziehen. Marius wollte sich um das Konsulat bewerben, und da er zu diesem Zwecke in Rom anwesend sein mußte, suchte er beim Oberfeldherrn um Urlaub nach. Der adelsstolze Metellus, über diese Absicht des Emporkömmlings erstaunt und entrüstet, riet ihm, nicht über seinen Stand hinauszustreben. Als aber jener nicht abließ um Urlaub zu bitten, sagte Metellus mit bitterem Spotte: „Du wirst noch früh genug nach Rom kommen, wenn du dich zugleich mit meinem Sohne zum Konsulate meldest.“ Der junge Metellus war aber erst zwanzig Jahre alt, und da zum Konsulat ein Alter von dreiundvierzig Jahren erforderlich war, hätte Marius nach den höhnischen Worten des Konsuls noch dreiundzwanzig Jahre warten können. Marius, durch diesen Hohn schwer gekränkt, erzwang den Urlaub und zeigte sich von jetzt an bei jeder Gelegenheit als Gegner des stolzen Aristokraten. In Rom gab er zu verstehen, daß jener den Krieg absichtlich in die Länge ziehe; und zum Konsul gewählt, erhielt er auch den Oberbefehl gegen Jugurtha (108). Bis dahin war es noch keinem Manne von niederer Herkunft gelungen diese höchste Würde zu erlangen.

Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen mit seinem Schwiegervater Bocchus, dem König von Mauretanien (Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute. Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an. Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre (106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot, und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.

Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt. Die Unterhandlungen mit ihm betrieb L. Cornelius Sulla, der im Heere des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine Tapferkeit und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog den König Bocchus seinen Schwiegersohn auszuliefern. Jugurtha wurde zu einer Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen; vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil bringen.

Am ersten Tage des Jahres 104 ward Jugurtha in Rom beim Triumph des Marius einhergeführt. Dabei riß ihm der rohe raubsüchtige Pöbel die Kleider und Ohrringe samt den Ohrläppchen ab. Dann ward er nackt in eine unterirdische Felskammer am Kapitol, ein ehemaliges Brunnengewölbe, das als Gefängnis diente, hinabgestoßen. „Hu, wie kalt ist euer Bad!“ rief der Unglückliche beim Hinabfallen. Dort ließ man ihn sechs Tage ohne Nahrung, worauf man ihn aus Gnaden erdrosselte (104). Sein Königreich ward geteilt: den westlichen Teil erhielt König Bocchus als Lohn seines Verrates, den östlichen ein Enkel des Massinissa und Halbbruder des Jugurtha.

Marius war inzwischen, während er noch als Prokonsul in Afrika an der Spitze des Heeres stand, und ohne daß er sich darum beworben hatte, gegen alles Herkommen abermals zum Konsul für 104 erwählt worden. Das römische Reich nämlich und Rom selbst war an anderer Stelle in Gefahr des Untergangs geraten, und Marius sollte es retten. Ein furchtbarer Feind stand plötzlich an der Grenze Italiens.

Schon vor Beginn des jugurthinischen Krieges vernahm man in Rom, daß unter den Völkern nördlich der Alpen eine große Bewegung entstanden sei; in großen Haufen zögen sie gegen die Alpen, um im Süden neue Wohnsitze zu erobern. In der Tat erschienen im Jahre 113 v. Chr. an den Ostalpen, im heutigen Krain, die Cimbern, ein germanischer Volksstamm, der wahrscheinlich bis da im Norden Germaniens gesessen hatte. Zu ihnen gesellten sich später die Teutonen, Ambronen und andere Stämme. Sie zogen mit Weibern und Kindern und aller fahrenden Habe, ein ungeheurer Schwarm von mehr als 300000 Kriegern. Bei Aquileja stellte sich ihnen der Konsul Papirius Carbo entgegen, erlitt aber eine völlige Niederlage. Doch wandte sich der feindliche Zug für diesmal von Italien ab nach Westen, wo er Gallien und Spanien raubend und verwüstend heimsuchte. Dort begegneten sie den Römern abermals im südöstlichen Gallien, in der römischen Provinz (Gallia transalpina, der heutigen Provence), und brachten ihnen in den Jahren 109–105 mehrere vernichtende Niederlagen bei.

Italien zitterte vor den gewaltigen Scharen des Nordens, wie in den Tagen Hannibals: der Schrecken war zu Rom so groß, daß sich niemand um das Konsulat des Jahres 104 zu melden wagte. Da hoffte das Volk von Marius, dem Bezwinger Jugurthas, Rettung. Es wählte ihn zum Konsul und übertrug ihm die Leitung des Krieges in Gallien. Nachdem er im Beginn des Jahres, wie oben erzählt, seinen Triumph über Jugurtha gefeiert hatte, begab er sich in die Provinz jenseits der Alpen, zum Kampf gegen die Germanen, fand sie aber dort nicht mehr: sie waren durch Südgallien über die Pyrenäen nach Spanien gezogen, und kehrten von dort erst nach zwei Jahren zurück. Diese durch die Torheit der Gegner gewährte Frist benutzte Marius, um ein neues Heer zu bilden und die erschlaffte Kriegszucht durch unerbittliche Strenge und harten Dienst herzustellen, und in Gallien alles vorzubereiten, was für den neuen Kampf erforderlich schien. So groß war die Furcht in Rom und die Zuversicht auf Marius, daß ihm, bis zur Beendigung des Krieges, das Konsulat noch vier Mal erneuert wurde; eine Auszeichnung, die noch nie einem Römer widerfahren war.

Im Jahre 102 kehrten die Feinde aus Spanien, wo sie hartnäckigen Widerstand gefunden hatten, nach Gallien zurück, um nunmehr mit aller Macht in Italien einzudringen. Sie teilten sich in zwei Haufen; die Cimbern gingen über den Rhein, um von Rhätien (Tirol) aus in Italien einzufallen; die Teutonen und Ambronen gedachten an der Küste entlang durch Ligurien einzudringen.

Marius hatte am Zusammenfluß der Rhone und Isère ein Lager errichtet und erwartete hier die Teutonen und Ambronen. Er vermied die offene Schlacht, obschon die Feinde drei Tage lang sein Lager bestürmten, und seine eigenen Leute ungeduldig den Kampf forderten. An der Festigkeit der Schanzen scheiterte alle Tapferkeit, aller Ungestüm der Germanen. Da beschlossen sie nicht länger zu zaudern, sondern geradeswegs am römischen Lager vorüber nach Italien zu ziehen. Höhnisch riefen sie den römischen Soldaten zu, sie zögen nach Italien; ob sie Aufträge an ihre Frauen und Kinder zu bestellen hätten? Kaum bändigte Marius den Zorn seiner Krieger. So groß war die Menge der Barbaren, so gewaltig ihr Troß an Wagen und Lasttieren, daß sie sechs Tage lang an dem Lager vorbeimarschierten. Kaum waren sie vorüber, so folgte ihnen Marius auf dem Fuße nach und gelangte auf kürzerem Wege zugleich mit ihnen an einen kleinen Fluß, an dem Aquä Sextiä (Aix en Provence) lag. Hier wählte Marius einen Hügel zum Lagerplatz, von welchem herab er die Gegend ringsum zu übersehen vermochte. Die Germanen lagerten sich an beiden Seiten des Flusses. Durch diese Lagerung wurden die Römer vom Wasser abgeschnitten. Diese, von Durst gequält, klagten und murrten. Marius aber wies auf den Fluß hin: „Ihr seid Männer“, sprach er, „dort ist Wasser für Blut feil, und ihr klagt, daß es fehle?“ Da gingen römische Troßknechte mit ihren Tieren zum Fluß hinab und vertrieben einige Feinde; als aber mehr Barbaren erschienen, eilten auch römische Soldaten hinzu. Die Teutonen aber und ihre Bundesgenossen fühlten sich in voller Sicherheit; sie aßen, badeten und freuten sich des schönen fruchtreichen Landes. Wie nun von beiden Seiten Hilfe erschien, wurden zuletzt die Hauptheere selbst in den Kampf hineingezogen. Der Ambronen waren 30000 Mann. In dem Augenblick, wo sie über den Fluß setzten, ließ sie Marius von allen Seiten angreifen und zwar mit solchem Erfolg, daß die meisten auf dem Platze erschlagen wurden. Die Flüchtlinge drangen gleich den Römern bis an die Zelte und Wagen der Teutonen, die am Kampf noch nicht teilgenommen hatten; hier wurden sie auch von den Weibern mit Beilen und Schwertern empfangen, und erst die Dunkelheit brachte die Kämpfenden auseinander.

Nun folgte eine grauenhafte Nacht. Die Totenklagen der Teutonen um die gefallenen Brüder, dazwischen die Wehrufe der Verwundeten, und ihr wilder Schlachtgesang wiederhallten in den Wäldern und klangen in das römische Lager hinüber, daß es den Römern durch Mark und Bein ging. Marius, der 3000 Mann unter Claudius Marcellus in einen Hinterhalt gelegt hatte, stellte mit Anbruch des Tages sein Heer vor dem Lager in Schlachtordnung und reizte die Teutonen durch abgesandte Reiterscharen zur Schlacht. In dicht geschlossenen Massen stürmten diese die beschwerlichen Höhen hinan und die Römer ihnen entgegen. Noch vor Mitte des Tages waren die Angreifer in die Ebene zurückgedrängt, und schon begannen ihre Reihen sich zu lösen, als auch Marcellus aus seinem Hinterhalt hervorbrach und ihre Verwirrung vermehrte. Ordnungslose Flucht kam über ihr ganzes Heer und nun erst begann ein entsetzliches Morden unter den fliehenden Scharen. Der Erschlagenen und Gefangenen waren an 100000. Der ganze Stamm war vernichtet bis auf einen geringen Rest, der sich nach dem nördlichen Gallien rettete. Von den gefangenen Frauen und Mädchen hatten viele nach verzweifelter Abwehr, um der Schmach der Knechtschaft zu entgehen, sich selber den Tod gegeben. Teutobod selber, der König, geriet in Gefangenschaft (102).

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